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Full text of "Zeitschrift für romanische Philologie"

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ZEITSCHRIFT  ^ 


FÜR 


ROIAMSCHE  PHILOLO&IE 


BEGRÜNDET  VON  Prof.  Dr.  GUSTAV  GRÖBER  f 


FORTGEFÜHRT   UND   HERAUSGEGEBEN 


Dr.  ALFONS  HILKA 

PROFESSOR   AN    DER   UNIVERSITÄT    GüTTINGEN 


1922 
XLII.  BAND. 


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HALLE  A.S. 

MAX    NIE  MEYER 

BRÜDKRSTRASSE   6 

1923 


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INHALT. 

Seite 

Herbert  Steiner,  Zu  Hugo  Schuchardts  80.  Geburtstag  (16.  12  21.)      .  i 
Leo  Spitzer,  Aus  Anlafs  von  Gamillschegs  „Französischen  Etymologien" 

(16.  12.  21.) 5 

Hans  Neunkirchen,  Zur  Teilungsformel  im  Provenzalischen  (12.  5.  21.)  35.  158  v^ 
Theodor  Braune,    Über    die    germ.  Wurzeln  g — b   und  g- — f  in  den 

rom.  Sprachen  (4.9.  18.) 129 

Clements  Merlo,    Dell'  azione  metafonetica,  palatalizzante,  delle  vocali 

latine  -2  e  5  (16.  4.  14.) 257 

Eva  Seifert,  Zwei  Probleme  aus  dem  Gebiete  der  Proparoxytona  (7.  6.  20.)  269 

GinÖ  Bottiglioni,  La  vespa  e  11  suo  nido  nelle  Lingue  romanze  (18.  i.  22.)  291 
Eugen  Lerch,  Das  Imperfektum  als  Ausdruck  der  lebhaften  Vorstellung 

(1.2. 21.) 311.  385  «^ 

Walther  Suchier,  Albert  Stimming  f       ., 513 

JORGU  Jordan,  Lateinisches  ci  und  ti  im  Süditalienischen.  (7.7.22.)  516.  641 

TEXTE. 

C.  Appel,  Zur  Chan9un  de  Willelme  (5.  10.  22.) 426 

D.  SCHELUDKO,    Zur    Entstehungsgeschichte    von    Aucassin   und   Nicolete 

(7- 3- 21.) 458 

Walther  Suchier,  Fablelstudien  (18.4.22.) 561 

Joachim  Reinhold,  Floire  und  Blancheflor-Probleme  (6.  6.  16.)     .     .     .  686 

VERMISCHTES. 
I.    Zur  Wortgeschichte. 
Gerhard  Rohlfs,    i.   Ein  Problem   der   vergleichenden  Lautgeschichte 

(1.2.20.) 68 

Ernst  Lewy,  2.  Zur  Wesensgestalt  des  Französischen  (29.  11.20.)    .     .  71 

Adolf  Zauner,  3.  Zur  Grammatik  (23.  11.  21.) 75 

Gerhard  Rohlfs,  4.  Zur  'halben'  Negation  (10.  1.22.) 80 ^^ 

Ernst  Gamillscheg,  5.  Zu  Ztschr.  41,  S.  583  (2.  1.22.) 86 

GlACOMO  de  Gregorio,    6.   II  piii  antico  vocabolario  dialettale  ilaliano 

(24.  II.  21.) 89 

Segl,  7.  Spanische  Etymologien  (12.  4.  13.) 97 

Leo  Spitzer,  i.  Französische  Etymologien  (16.  1 3.  21.) 192 

—     2.  Das  Gerundium  als  Imperativ  im  Spaniolischen  (27.  1.21.)    .     .  207 


IV  INHALT. 

Seite 

Gerhard    Rohlfs,     3.    Lateinisch    ut    'wie'    im    heutigen    Kalabrien 

(22.  II.  21.) 210 

—  4.  Apul.  ku,   kalabr.  mu   und  der  Verlust  des  Infinitivs  in  Unter- 

ilalien  (19. 6.  20.) 211 

Josef  Bküch,  5.  Die  Sippe  des  frz.  baudrier  (29.  10.  20.) 223 

—  6.    Die    Entwicklung    von   gr    im   Spanischen    und    Portugiesischen 

(1.9.21.) 227 

W.  Meykr-Lübke,  I.  Gallische  Lenition  im  Galloromanischen  (18.  1.22.)  332 

Leo  Spitzer,  2.  Französische  Etymologien  (25.3.21.) 337 

W.  Meyer-LÜBKE,   I.  Frz.  dtner,  span.  mintroso  (30.  7.  22.) 491 

Wilhelm  Kaspers,  2.  Zur  Palatalisierung  des  lat.  c  (2.  10.  22.)     .     .     .  494 

Leo  Spitzer,   i.  Afrz.  dialektfrz.  cör«^z7/^  „Zwerchfell"  (20.10.22.)     .     .  606 

CURT  SiGN'AR  Gutkind,  2.  '^{xz.  ipoux,  ipouse  (15.  8.  21.) 607 

Elise  Richter,   i.  Zur  Klärung  der  Wortslellungsfragen  (12.  10.22.)     .  703 

Gerhard  Rohlfs,  2.  Südital.  comu  a  und  ähnliches  (19.  4.  20.)     .     .     .  721 

2.    Zur  Literaturgeschichte. 

Stefan  Hofer,  i.  Zum  Yderroman  (2.  11.  21.) 108 

Otto  Müller,  2.  Zur  handschriftlichen  Überlieferung  des  Poöme  moral 

(23.12.21.) 109 

F.  Gennrich,  Zu  den  Liedern  des  Conon  de  Bethune  (20.9.21.)  .     .     .  231 

Stefan  Hofer,   i.  Beiträge  zu  Kristians  Werken  (2.  11.  21.)     ....  343 

O.  Schültz-Gora,  2.  Zum  Texte  des  Bernart  von  Ventadorn  (23.  2.  22.)  350 

O.  Schultz-Gora,  I.  tast  e  müan  bei  P.  Vidal  (30.  5.  22.) 496 

—  2.  naz  Eva?  (30.  5.22.) 498 

Walter  Benary,  3.  Zur  Sage  von  Karl  und  Elegast  (2,  IV.  22.)  .  .  .  498 
Albert  Stimming,    Bemerkungen    zu    Ott's    Ausgabe    von    Gautier    de 

Coincy's  Christinenleben  (21.  6.  22.) 609 

Fr.  Gennrich,   Das  Frankfurter  Fragment  einer  altfranzösischen  Lieder- 
handschrift (2.  7.  22.) 726 

BESPRECHUNGEN. 
Gerhard  Rohlfs,  Arvid  Rosenqvist,  Limites  administratives  et  division 

dialectale  de  la  France  (19.4.20.) 115 

W.  V.  Wartburg,    Emest    Platz,    Les    noms    fran^ais    ä    double    genre 

(20.  12.  19.) 116 

Ernst  Gamillscheg,   Hilding  Kjellman,   La   construction   moderne   de 

l'infinitif  dit  sujet  logique  en  fran9ais  (8.6.21.) 117 

—  Hilding   Kjellman,    Mots    abrdges    et    tendances    d'abr6viation   en 

fran9ais  (8.6.21.) 123 

Gerhard    Rohlfs,    Eugen   Lerch,    Einführung    in    das   Altfranzösische 

(10.  I.  22.) 126 

Enrico  Quaresima,  Dr.  Carlo  Battisti,  Zur  Sulzberger  Mundart  (15.  3.  12.)  242 
R.  Riegler,     Leo    Spitzer,     Über    einige    Wörter    der    Liebessprache 

(26.  10, 20.) 246 

Wolfgang  Wurzbach,  Dr.  Rudolf  Grofsmann,  Spanien  und  das  elisa- 

bethanische  Drama  (10.  5.  21.) 252 


Seite 

A.  WiHLFAHRT,  A.  Bassermann,  Dante,  Göttliche  Komödie  III.  (lO.  3.  21.)  254 
Eva  Seifert,  Erich  Auerbach,  Zur  Technik  der  Friihrenaissancenovelle 

in  Italien  und  Frankreich  (23.  12.21.) 255 

W.  Meyer-Lübke,  Zu  Zs.  41,  694  und  42,  103 256 

W.  V.  Wartburg,    W.  Meyer-Lübke,    Einführung   in    das  Studium    der 

romanischen  Sprachwissenschaft  (15.  7.  21.) 371 

—  Regesten    von  Vorarlberg   und  Liechtenstein   bis   zum  Jahre   1260 

(15.7-21.) 377 

C.  Appel,  Oskar  Schultz-Gora,  Provenzalische  Studien,  II  (27.8.21.)       .  378 
W.  V.  Wartburg,  Meyer-Lübke,  W.,  Historische  Grammatik  der  franzö- 
sischen Sprache.     2.  Teil.     Wortbildungslehre  (7.  6. 22.)       .     .  504 

—  Haust,  Jean,  Le  dialecte  lidgeois  au  XVII«  si^cle  (7.  6.  22.)      .     .  509 
Gerhard  Rohlfs,   Leo  Spitzer,    Aufsätze  zur  romanischen  Syntax  und 

Stilistik  (20.4.22.) 509 

—  Giacomo  Melillo,    II    dialetto    di  Volturino   (Foggia)  (3.  10.  22.)     .  633 

—  Victor  Klemperer,  Einführung  in  das  Mittelfranzösische  (10.  2.  22.)  635 
Elise  Richter,  A.  Chr.  Thorn,    Les  Proverbes  de  bon  enseignement  de 

Nicole  de  Bozon,  publi6s  pour  la  premi^re  fois  (1.8.22.)  ,  .  636 
H.  Breuer,  Archiv  für  das  Studium  der  Neueren  Sprachen  und  Literaturen 

(27.6.22.) 637 

Leo  Spitzer,  G.-G.  Nicholson,  Recherches  philologiques  romanes       .     .  741 

A.  H.,  Zeitschriftenschau 742 

—  Verzeichnis    der   bei    der   Redaktion   bis    25.  Dezember  1922    ein- 

gelaufenen Druckschriften 759 

Berichtigungen. 

E.  Gamillscheg,  Erklärung 256 

Notiz 256 

E.  Lerch,  Zu  Zs.  XLII,  S.  80—86  und  126 — 129  (28.  7.  22.)       ....  383 

E.  Gamillscheg,  Zu  Zs.  XLII,  S.  256 384 

Nachträge  und  Berichtigungen 766 


Zu  Hugo  Schuchardts  80.  Geburtstag. 

Am  4.  Februar  feiert  Hugo  Schuchardt  seinen  80.  Geburtstag. 
Sein  Werk  ist  eins  der  reichsten,  die  die  Sprachwissenschaft  be- 
sitzt. In  ständiger  Entwicklung  begriffen,  immer  neue  Gebiete 
umfassend,  oft  in  veränderten  Kanälen  weiterfliefsend,  kann  es 
erst  jetzt  als  ein  Ganzes  gesehen  werden  und  ist  auch  heute, noch 
nicht  abgeschlossen. 

Wie  der  romanischen,  gehört  es  der  Sprachwissenschaft  im 
weitesten  Sinne  an.  Der  Zwanzigjährige,  Schüler  Diezens  und  vor 
allem  Schleichers  und  Riischls,  schlägt  im  „Vokalisraus  des  Vulgär- 
lateins" (1864 — 66)  die  Brücke  von  der  klassischen  zur  romanischen 
Philologie  und  schafft  die  Grundlage  für  alle  spätere  Forschung  auf 
diesem  Gebiet.  Er  ist  fortab  auf  Grenzpfaden  gewandelt.  Den 
rumäno- albanischen  und  keltischen  Studien  folgen  die  kreolischen: 
Bausteine  zu  einem  Werk  über  die  aufsereuropäische  Romania,  sie 
haben  reichstes  Material  herbeigeschafft,  Probleme  gestellt  und  geklärt. 
Zugleich  untersucht  er  die  Sprachkreuzungen  auf  dem  Boden  der 
österreichisch-ungarischen  Monarchie  und  beschäftigt  sich  mit  dem 
Magyarischen.  Seit  dem  Anfang  der  neunziger  Jahre  hat  er  sich, 
ohne  je  sein  altes  Gebiet  aufzugeben,  immer  stärker  dem  Baskischen 
zugewandt  und  forschend,  kämpfend,  herausgebend  die  Wissenschaft 
von  dieser  Sprache  mitbegründet  (vor  allem  „Baskisch  und  Romanisch" 
1906  und  „Die  iberische  Deklination"  IQ07).  Er  greift  noch  weiter 
aus:  an  seine  kaukasischen  Studien  schliefsen  sich  —  ich  ziehe 
nur  die  Haupüinien  — ,  mit  den  baskischen  zusammenhängend,  die 
berberischen  und  miltelafrikanischen  des  Siebzigjährigen  Fast  alle 
sind  sie  in  steter,  bald  lockerer,  bald  enger  Beziehung  zur  Romania. 

Schuchardt  hat  der  Sprachwissenschaft  Gebiete  erobert,  er 
hat  ihre  Methoden  umgebildet,  ihre  Probleme  vertieft.  Hatte  ihn 
im  „Vok.  d.  Vulgärlat."  das  „Werden  der  Sprache"  beschäftigt,  so 
schreitet  er  nun  nach  allen  Seiten  über  Diez  hinaus.  Von  der 
gesprochenen  Sprache  ausgehend,  fordert  er  —  zugleich  mit 
Ascoli  und  Mussafia  —  wissenschaftliche  Darstellung  der  Laute 
und  der  Mundarten.  Er  stellt  in  der  „Klassifikation  der  roma- 
nischen Mundarten"  (1870)  die  Frage  nach  den  Sprachgrenzen 
und  leugnet  diese  Grenzen,  da  er  vorwiegend  Übergänge  — 
zeitliche  Entwicklung,  räumliche  Abänderung  —  sieht.    Er  bekämpft 

Zeiuchr.  f.  rom.  Phil.  XHI.  , 


2  HERBERT    STEINER, 

die  mechanistische  Einseitigkeit  des  junggrammatischen  Dogmas  in 
der  berühmten  Schrift  „Über  die  Lautgesetze"  (1885).  Die  Be- 
rührungen der  romanischen  Sprachen  mit  fremden  und  die  sprach- 
lichen und  nationalen  Verhältnisse,  die  er  in  Österreich  kennen 
lernt,  führen  ihn  an  das  Problem  der  Sprachmischung  heran 
(„Slawo-deutsches  und  Slawo-italienisches"  1884),  Entstehung  und 
Struktur  der  kreolischen  Mundarten,  die  ihm  zuerst  als  Misch- 
sprachen erscheinen,  in  denen  er  dann  ein  primitives  Sprach- 
stadium erkennt,  an  die  Idee  der  Weltsprache  („Auf  Anlafs  des 
Volapüks"  1887,  „Weltsprache  und  Weltsprachen"  1894).  Die 
Etymologie,  auf  Wortbedeutung  und  Wortmischung  gegründet,  wird 
zur  Individualgeschichte  des  Wortes  („Roman.  Etymologieen  I.  II" 
1897,  1899),  diese,  von  der  Sachforschung  nicht  zu  trennen,  zur 
Kultur-  und  Begriffsgeschichte  („An  Adolf  Mussafia"  1905),  so 
schliefslich  die  Bedeutungs-  zur  Bezeichnungslehre:  Das  Wörter- 
buch ist  identisch  mit  der  Grammatik.  Wie  früher  die  An- 
schauungen von  Sprachgrenzen  und  Lautgesetzen,  lösen  sich  ihm 
nun  die  grammatischen  und  syntaktischen  Kategorien  auf  („Sprach- 
ursprung"   19 18  —  21,   „Possessivisch  und  passivisch"    1921). 

Die  Einheit  dieses  Werkes  wird  deutlich  an  Schuchardts 
Sprachphilosophie.  Nicht  von  der  Philosophie,  sondern  von 
der  Sprachwissenschaft  ausgehend,  ist  sie  der  Kern  des  Ganzen. 
In  den  „Vok,  d.  Vulgärlat."  hat  er  noch  manches  von  Schleicher 
übernommen.  In  der  „Klass.  d.  rom.  Mundarten"  ist  er  ganz  selb- 
ständig. Die  Sprache  ist  eine  Betätigung,  eine  Funktion,  kein 
Organismus.  Damit  ist  in  der  Frage  der  Sprachverwandtschaft 
gegen  die  Stammbaumtheorie  entschieden.  Die  Abänderung  in 
Raum  und  Zeit  ist  von  Mischung  durchsetzt,  die  allen  Wandel 
verursacht.  So  ist  die  einzelne  Sprache  ohne  andere  Einheitlich- 
keit als  die  des  Gebrauchs.  Die  menschliche  Sprache  in  ihrer 
Gesamtheit  bildet  eine  Einheit,  ein  Kontinuum,  unendlich  ab- 
gestuft, in  dem  der  Begriff'  der  Entlehnung  zurücktritt  vor  dem 
der  elementaren  Verwandtschaft.  Aus  der  Entwicklung  läfst  sich 
die  Entstehung  erschliefsen.  Hier  ergibt  sich  die  Priorität  des 
Verbalbegriffs  und  des  eingliedrigen  Satzes.  Es  gibt  nur  eine, 
allgemeine  Sprachwissenschaft.  Die  Sprache  steht  in  Zusammen- 
hang und  Wechselwirkung  mit  allem  Erleben  der  Menschheit. 

Schuchardt  hat,  im  Gefühl  von  der  Einheit  der  Wissenschaft, 
„das  Hineintragen  naturwissenschaftlicher  Anschauungen  und  Ver- 
fahrungsweisen  in  die  Sprachwissenschaft"  bekämpft.  Sein  Blick 
für  das  Lebendige  und  Vielfältige,  im  Goetheschen  Sinne  Organisch- 
Abgestufte  und  sich  Entwickelnde,  für  das  Sich -Kreuzen  der  Ur- 
sachen, Erscheinungen,  Probleme,  sein  Ablehnen  willkürlicher  und 
dogmatischer  Erklärung  haben  ihn  nicht  ins  Relativistische  geführt, 
sondern  zu  einer  umfassenden  Anschauung  des  sprachlichen  Ge- 
schehens und  zu  einer  tiefsinnigen  Auffassung  der  Sprachmischung. 
Er  hat   sie    in    den  Arbeiten    über  eines  halben  Jahrhunderts  dar- 


zu    HUGO    SCHUCK ARDTS    8o.  GEBURTSTAG.  3 

gestellt,   bis  zu  den  jüngsten,    zusammenfassenden,  glottogonischen 
Schriften  („Sprachverwandtschaft"    19 17,   „Sprachursprung"). 

Schuchardt  will  erkennen  und  wirken.  Er  will  die  Schäden 
und  Unklarheiten  in  der  Sprache  beseitigen.  Als  Sprach- 
politiker untersucht  er  an  Beispielen  aus  dem  alten  Österreich- 
Ungarn  und  an  weltsprachlichen  Bestrebungen,  inwieweit  die 
Sprache,  die  die  Nationen  trennt,  zu  ihrer  Verständigung  dienen 
könnte.  Er  hat  über  dem  Recht  der  Nationen  nie  das  der 
Menschheit  vergessen. 

Seine  Schriften,  inhaltlich  so  vielgestaltig,  reichen  von  der 
eindringendsten  Untersuchung  bis  zur  freiesten  Überschau.  Sie 
umfassen  die  monumentale  Kompilation,  den  Essay  („Romanisches 
und  Keltisches"  1886),  die  Miszelle,  die  breitausladende  Festschrift 
(für  Witte  „Ritornell-  und  Terzine"  1874),  Miklosich,  Mussafia),  die 
Rezension,  inner-  und  aufserhalb  dieser  die  Polemik,  in  der 
sich  sein  Werk  immer  mehr  entfaltet  hat  (gegen  Paul  für  die 
seelische  Bedingtheit  des  Lautwandels,  gegen  Thomas  für  die 
begriflfliche  der  Wortgeschichte,  gegen  Vinson  in  der  Frage 
der  baskischen  Verba,  gegen  Meillet  in  der  der  Sprachverwandt- 
schaft). Ihr  Reiz  ist,  dafs  sie  voll  von  Leben,  vibrierend,  leiden- 
schaftlich, zugleich  von  rittedicher  Gerechtigkeit  und  innerem  Mafs 
sind.  Ganz  unabhängig  und  unschematisch,  oft  kurz  und  kon- 
zentriert, sind  sie  andeutend  und  Richtung  weisend,  nicht  lehrhaft 
und  systematisch.  Dem  Blick  fürs  Komplexe  entspricht  die  Dicht- 
heit ihres  Gewebes.  Erörterungen  schlingen  sich  durch  Reihen 
von  kritischen,  polemischen,  darstellenden  Arbeiten.  Scheinbar 
unübersichtlich,  kreist  dieses  Werk  um  die  zentralen  Fragen  der 
Sprachwissenschaft  und  mufs  in  seinen  Zusammenhängen,  als 
Ganzes  gesehen  werden.! 

Durchaus  persönlich,  wie  die  Anlage  der  Schriften,  ist  ihr 
Stil.  Er  ist  anmutig  und  kräftig,  von  reinem  Kontur,  eigenem 
Tempo  und  eigener  Bildhaftigkeit. 

Das  in  Schuchardts  Arbeiten  gesammelte  Wissen  ist  ein 
ungeheueres;  aber  das  Methodische,  die  Frage  nach  den  Kriterien, 
die  Lösung  transzendenter  Probleme  steht  ihm  zuhöchst.  Er  hat 
immer  nach  dem  Schwierigsten  gegriffen,  ist  immer  weiter- 
geschritten. Kaum  ein  Anderer  ist  so  weit  und  tief  gedrungen. 
Sein  Weg  führt  auf  Grenzkäramen,  zu  hohen  Warten,  Ausblicke 
gewährend,  den  Andern  oft  fern.  Von  da  aus  sieht  er  Zusammen- 
hänge, Einheit  und  in  ihr  dauernde  Veränderung.  So  steht  er 
am  Anfang  eines  Jahrhunderts,  wie  Wilhelm  von  Humboldt  an 
dem  des  vorigen  und  der  Sprachwissenschaft. 


1  So  im  „Schuchardt -Brevier",  zusammengestellt  und  eingeleitet  von 
Leo  Spitzer  (Halle  1922)  —  Festgabe  und  Erfüllung  eines  romanistischen 
Desideratums  — ,  und  in  des  Unterzeichneten  noch  nicht  ganz  abgeschlossener 
Darstellung  von  Schuchardts  Sprachphilosophie. 


4       HERBERT   STEINER,   ZU    HUGO    SCHUCK ARDTS    8o.  GEBURTSTAG. 

Einsam  arbeitend,  weit  voraus,  hat  er  Anregungen  für  Jahr- 
zehnte gegeben.  Seine  Weltgeltung  steht  längst  fest,  aber  erst  seit 
den  neueren  Schweizer  Romanisten  hat  die  Forschung  seine  Ge- 
danken erkannt  und  in  steigendem  Mafse  aufgegriffen.  Hier  beginnt 
die  eigentliche  Wirkung  seines  Werks. 

Indes  der  Meister  mit  der  inneren  Frische,  die  wir  be- 
wundern, schafft,  keinem  Neuen  verschlossen,  das  Antlitz  dem 
Leben  zugewandt,  grüfst  ihn  diese  Zeitschrift,  die,  von  ihrem 
ersten  Jahrgang  bis  zu  dem  Aufsatz  über  „Ecke,  Winkel",  den 
kein  Anderer  so  hätte  schreiben  können,  in  fast  jedem  ihrer 
Bände  seinen  Namen  aufweist.  Wir  Alle  grüfsen  ihn  dankbar,  in 
Verehrung,  mit  frommem  Wunsch. 

Herbert  Steiner. 


Aus  Anlafs  von  Q-amillscheg's  „Französischen  Etymologien". 

(Zeitschr.  für  roman.  Phil.  40,  129 ff.  und  5i3ff.;  41,  503 ff.  und  631  ff.) 

I.  Frz.  der^aud  jkastr'iQTt',  hertauder,  dre7auder , verschneiden' 

leitet  Gamillscheg  Ztschr.  19 19  S.  146  aus  Histositare  ab  mit  Be- 
rufung auf  revisitare  >>  afrz.  revisder  >  nfrz.  revider.  Allerdings 
müfste  eher  *hirtouder  entstehen  wie  Sponsore  >>  epouser.  Ferner 
wird,  wie  dies  auch  Suchier  Z/xr>^r.  18,  189  denkt,  (^ifr/a«--/ »kastriert' 
von  ^i'r/t;«^/ jübernoütig',  rö/ ^^/-/j^/ü^  .Zaunkönig'  isoliert.  Tatsächlich 
scheint  nun  der  Kastrat  das  Gegenteil  des  verwegenen  Helden. 
Aber  es  gibt  einen  Mittelbegriff,  der  beide  einigt:  die  allgemein 
pejorative  Vorstellung:  .verrückter  Kerl'  >  .Dummkopf'.  Vgl.  dtsch. 
tollkühn,  afrz.yö/  von  Helden.  Der  Verwegene  ist  ja  auch  stets 
.dumm',  vom  „gesunden",  ungenialischen  Menschenverstände  aus 
betrachtet.  Das  Ital.,  das  die  Wendung  hat  ho  fame  piü  di  Berioldo 
in  Francia  (Panzini).  die  offenkundig  an  den  alten  Sachsenführer  des 
afrz.  Epos  (Suchier  a.  a.  O.)  anknüpft,  zeigt  ebenfalls  daneben  eine 
andere  Entwicklung:  Wir  brauchen  blofs  den  Artikel  über  kors.  hertolli 
jfagiuoli'  in  Salvioni's  Note  di  dialettologica  corsa  S.  732  zu  kopieren:. 
„Si  ragguaglia  si  a  un  hertöldi  (da  Bertoldo)  ...  11  np.  significo 
dapprima  .coglione,  minchione',  e  cosi  e  ancora,  p.  es.,  a  Genova 
(betör da  •<  *Bert-).  Dalla  accezione  morale  di  .coglione'  si  passo 
alla  fisica,  a  quella  cioe  di  .testicolo'.  e  quindi,  rifacendosi  a  rovescio 
'a  via  di  ,fagiuolo'  (che,  come  ognun  sa,  s'adopera  anche  per 
Itesticolo'),  a  quella  di  .fagiuolo'.  Ciö  avviene  non  solo  in  Corsica, 
ma  anche  neue  alpi  lombarde  (cf.  il  verzasch.  bertöld  fagiuoli)."  i 
Also  Berthold  , Dummkopf  >>  .Kastrat'  wie  umgekehrt  coglione. 
Das  comask.  bertoldä,  das  REW  8779  als  dem  Frz.  entlehnt  erscheint, 
kann  demnach  ebenso  autochthon  sein  wie  das  frz.  bertaud,  nur  dafs 
natürlich  die  Literatur,  in  der  Berthold  eine  Rolle  spielte,  von 
Frankreich  kam.    Ital.  bertoldare  ,cimare  il  panno',  seit   1550  belegt, 


1  Hierher  kat.  hrdtol  .Lümmel'  nicht  zu  hrittus  Neuphil.  Mitt.  '13,  160; 
'14,  21),  tras-os-mont.  bertoldo  .palerma',  alemtejo.  bretoldo  .hörnern  baixo  e 
gordo'.  —  Hierher  wohl  mail.  bertoldinna  .schiacciata  di  farina  gialla,  burro  ecc.'. 
Wenn  ein  Kriegsgefangener  in  Österreich  nach  Hause  schrieb :  [sendet  mir 
Pakete]  altrimenti  bertoldä,  könnte  man  an  eine  Spezialisierung  von  pflsticci 
.Unannehmlichkeiten'  zu  beriold-in-a  oder  an  die  mail.  Redensart  consola 
bertoeu  .mangiare.  pacchiare'  denken.  —  finirb  come  Ugolino  di  Francia 
(Verf.,  Umschreib,  d.  Begr.  ^Hunger''  S.  161)  kann  aufser  der  Absicht  der 
Mystifikation  auch  eine  Kontamination  zweier  Sagenmotive  enthalten:  Ugolino 
di  Pisa  4-  Bertoldo  in  Francia. 


6  LEO   SPITZER, 

leitet  Fanfani  s.  v.  htrloldo  wohl  mit  Unrecht  von  der  schweizerischen 
Sladt  Burgdorf  (Berthoud)  ab,  weil  die  dort  gewebten  Stoffe  in 
Florenz  die  „cimalura"  erhielten.  Denn  im  selben  Sinn  gebraucht 
das  Frz.  Shet  leauder,  was  doch  ,ent-berthoud-ieren*  heifsen  müfste. 
Ferner  müfste  man  doch  nach  Fanfani's  Darstellung  eher  ein  *firen- 
zare  ,in  Florenz  beenden'  erwarten.  Dies  ital.  beitoldare  ist  wohl 
das  alte  Wort  in  der  Bedeutung  , scheren'  auf  Tuche  übertragen. 
Bertaud  , kastriert'  ist  die  Veranlassung,  warum  hegaiid,  coupaiid, 
courtaud  {ita.\.  cor/u/do) ,  cocuaut ,  inonaut  (nach  Sain6an  Bhf.  1,93), 
die  alle  in  dieselbe  Gruppe  der  capitis  et  .  .  .  diminuti  gehören,  das 
Suffix  -aud  bekamen.  So  kommen  wir  zu  einem  der  Ahnen  des 
-(7«fl'-Suffixes  im  Frz.,  das  bei  Meyer -Lübke,  Hist.  Gramm,  d.  frz. 
Spr.  2,  §  175  besprochen  wird:  weitere  Vorbilder  sind  Renaud 
(de  Montauban),  Hcrnaut  (le  Roux),  vgl.  afrz.  arnauder  ,chercher 
noise'  (Schultz-Gora,  Zfschr.  18,  131),  das  in  Westfrankreich  sich 
gehalten  hat  (Sainean,  Le  lang,  parisien  du  XIX'  siede  S.  95)  und 
guinaud  ^=  Winald  (7?Ä'JF  9544a  und  Arch.  136,  163)  für  den  Fuchs, 
womit  die  Parallele  zu  renard,  couard  mit  Suffix  -ard  genau  hergestellt 
ist:  An  guinaud  , listig'  hätte  sich  finaud  , pfiffig',  anderseits  pataud 
als  Name  des  Hundes  [Patou  bei  Rostand),  clabaud  ebenfalls  für 
den  Hund,  maraud  der  Kater  (vgl.  noch  REW  s.  v.  a-ti).,  weiter 
cocuaut  ( Wörter  der  Liebesspr.  S.  72),  lourdaud  als  Gegensatz  zu 
finaud  angeschlossen.  Ähnlich  venez.  simpioldo  nach  Bertoldo  und 
genau  parallel  die  Entwicklung  des  -rt'r^- Suffixes  nach  Namen  auf 
-hart  (vgl.  Bruch  Z/jfÄr.  38,  681  f.).  Der  roi  petaud  »Zaunkönig' 
richtet  sich  natürlich  nach   roi  bertaud. 

Das  erwähnte  frz.  monaiit  ,einohrig'  zu  monna  ,Affe'  kann 
uns  Aufschlufs  geben  über  ital.  bertone  , Pferd  mit  gestutzten 
Ohren'  neben  bertuccia  ,Aflfe',  wenn  nicht  angesichts  südhz.  breioun 
,tondu  en  rond',  zentralfrz.  bret  , verschnitten'  Cherubini's  Deutung 
s.  V.  bertond  die  richtige  ist:  „che  questa  voce  provvenga  da  bre- 
ionare,  cioe  dall'uso  introdottosi  in  Italia  di  rader  la  barba  ad 
imitazione  de'Bretoni,  di  cui  il  papa  Gregorio  XI  mando  in  Italia 
un  esercito."  Doch  spricht  bertone  , Geliebter,  Zuhälter',  furb.  berta 
, Tasche',  für  ein  obszönes  berta"^  ,cunnus*,  woraus  bertone  , Weiber- 
knecht, verschnitten*. 

2.    Frz.  caülette  und  petrel  ,  Sturmvoger. 

Gamillscheg  ist  hier  —  wie  bei  bernard-f hermite ,  vgl.  Zfschr. 
40, 139  und  695  —  wenig  geneigt,  an  den  Vergleich  mit  dem  Heiligen 
[petrel,  vom  heiligen  Peter)  zu  glauben.  Allerdings  ist  seine  Äufserung 
„Der  Sturmvogel  ist  angeblich  ein  Meeresvogel,  der  beim  Fluge  über 
das  Wasser  die  Oberfläche  zu  berühren  scheint"  vom  naturgeschicht- 
lichen Standpunkt  zu  skeptisch,  da  der  Vogel  ja  auch  in  der  ge- 
lehrten Literatur  Thalassidroma  und  Hydrobotcs  heifst:  „sie  wiegen 
sich  mit  etwas  horizontal-  oder  hochgehaltenen  Flügeln  so  dicht  über 
die  Wasserfläche,  dafs  sie  diese  mit  den  Füfsen  laufend  berühren" 
(Friderich,   Natur gesih.  d.  dtich.  Vögel  S.  780).    Das  scheint  nun  ganz 


GAMILLSCHEG's    „französische    ETYMOLOGIEN".  7 

schön  zu  den  Worten  des  Ev.  Matth.  14,  2g  („Und  Petras  trat  aus 
dem  Schiff  und  ging  auf  dem  Wasser,  dafs  er  zu  Jesu  käme")  zu 
passen.  Garaillscheg  fafst  caillette  als  Rückbildung  aus  älterem  *caillouiel 
und  petrel  als  Latinisierung  des  *cailloutel  (zu  lat.  petra  , Stein'). 
Eine  Identität  von  caillette  , Sturmvogel'  mit  caille  ,Wachtel'  weist 
Verf.  ab,  „da  ein  caillette  .kleine  Wachtel'  unmöglich  den  unter 
ganz  anderen  Bedingungen  lebenden  Sturmvogel  bezeichnen  konnte." 
Aber  die  Benennung  eines  Tieres  nach  einem  anderen  schreitet 
wie  in  der  Pädagogik  vom  Bekannteren  zum  Unbekannteren  fort  und 
kehrt  sich  nicht  an  die  Verschiedenheit  der  Lebensbedingungen:  nach 
dem  Rind  bos  werden  z.  B.  Schnecken  benannt.  Die  Petersschwalbe 
heifst  im  Englischen  Storm-finch  (1748),  Mother  Carey's  Chicken 
(1768),  auch  Mother  Carey's  gooie.  Um  eine  so  in  die  Augen 
springende  sprachliche  Ähnlichkeit  wie  caille  .Wachtel'  —  caillette 
.Petersvogel'  abzuweisen,  müfste  erst  der  Nachweis  erbracht  werden, 
dafs  eine  sachliche  Ähnlichkeit  nicht  vorliegt.  Eine  solche  besteht 
aber:  die  Wachtel  ist  gepfleckt  und  eine  Abart  der  Sturmschwalbe 
heifst  ja  damier  .Damenbrett'  oder  petrel  tachete. 

Ferner:  Frz.  caillette  heifst  vielleicht  auch  .Schwätzerin'  nach  dem 
schnarrenden  Ruf  der  Wachtel  (Riegler,  Das  Tier  im  Spiegel  der  Sprache 
S.  179),  den  Friderich  (Die  Vögel)  mit  wachverwackl  oder  ivückwer- 
wück\  wiedergibt.  Der  letztere  sagt  von  der  Sturmschwalbe,  diesem 
„kleinsten  aller  Schwimmvögel"  :  „Seine  Stimme,  welche  man  namentlich 
abends  und  in  den  Nächten,  sonst  selten,  hört,  klingt:  ,wib  wib  ua 
ua',  während  der  Begattungszeit  wie  .kekerek=i',  das  i 
laut,  die  ersten  Silben  leise  ausgestofsen."  Ähnlich  Buffon: 
„il  fönt  entendre  du  fond  de  ces  trous  leur  voix  d^sagreable,  que 
Ton  prendroit  le  plus  souvent  pour  le  croassement  d'un  reptile." 
Für  mich  bedeutet  das  caillette  , Sturmschwalbe'  urspr.  .Schwätzerin', 
und  auf  den  plötzlich  hervorgestofsenen  /-Laut  weist  vielleicht  auch 
die  Benennung  petrel.  Man  kann  darin  weder  den  hl.  Petrus  (die 
deutsche  Bezeichnung  Petersvogel  ist  falsche  Lehnübersetzung)  noch 
auch  petra  sehen,  da  wir  ja  dann  *p(i)errel  und  nicht  petrel  (das 
auch  eine  ungenaue  Latinisierung  von  ^cailloutel  wäre)  hätten, 
sondern  ein  *pet(e)rel  zm  päer  (=peditare),  vgl.  zentralfrz.  canepetrelle, 
cantpetrasse  und  petras ,  schriftfrz.  canepetilre  ,Trappe',  von  Rolland 
Faune  pop.  2,  344  erklärt:  „Cet  oiseau  .  .  .  fait  entendre  au  moment 
des  amours  une  sorte  de  crepitement  sorti  du  gosier".  ?,\\6.lrz.  petardie 
, Ammer'  („oiseau.  dont  on  traduit  le  chant  par  tri-tri-tri-trii'''- 
Mistral).  Die  Form  pitarel,  petarello  bedeutet  im  Südfrz.  allerlei 
Geräusche,  {xz. petreau  ,in  der  Gärtnerei:  Wurzelsprofs'  zeigt  auch 
r -Ableitung  von  peter.  Petrel  ist  Rückbildung  zum  Fem.  peterelle. 
Die  Stelle  aus  Buffon,  die  Littre  zitiert,  zeigt,  dafs  dieser  Natur- 
forscher, der  Verteidiger  der  Etymologie  Peter,  eine  offenbar  zu 
seiner  Zeit  bestehende  dreisilbige  Nebenform  zugunsten  der  geläufigen 
Etymologie  ausmerzen  will:  „Je  pense  qu'il  faut  ecrire  pitrels  et 
non  pas  pitirels,  d'autant  qu'il  est  dit  en  deux  endroits  diff^rents 
qi:e  pitrel   vient    de   Peter  (Pierre)    qui    se  prononce  petre}^      Diese 


8  LEO    SPITZER, 

Form  pitird  ist  das  beste  Argument  gegen  alle  Petrus-  und  petra- 
Etymologien.  Die  beiden  Etymologien  Petrus  und  petra  sind  schon 
für  mehrere  Vogelnamen  gegeben  worden,  so  schreibt  Chambure 
s.  V.  pärd'.  „En  Norm,  le  rossignol  de  murailles  est  appel6  ,p6tro* 
parce  qu'il  habite  au  milieu  des  pierres.  C'est  dans  le  sens  fig. 
que  le  merae  surnom  de  ,p6tron'  s'applique  en  Belgique  (Mons) 
aux  petits  cultivateurs.  Le  simple  ,petre'  s'est  raaintenu  dans  le 
patois  normand  avec  le  sens  de  lourdaud.  ...  La  forma  petrar  = 
moineau  (de  petratius)  usitee  dans  l'Orl^annais  et  mentionn^e  par 
Ch.  Nisard  dans  ses  Curiosites  de  Vetymol.  fr.  —  p.  145  —  repond 
ä  Pierrot  .  .  .".  Das  norm.  pHre,  das  ixz.  pHras  ,homme  lourd  et 
born6'  (Littr6),  gehören  aber  zu  nfrz./>/^/rd'=:pedestris  (REW6346). 
Der  petrar,  petro,  p'trac  ist  der  Feldsperling  (ixz.  friquet),  der  eine 
„abgebrochene"  Lockstimme  („tettettettettet"  nach  Friderich)  besitzt. 
Es  kann  aber  auch  bei  allen  diesen  Vögeln  wie  beim  Zaunkönig 
(frz.  roi  pitaud  REW  6358)  von  der  Kleinheit  ausgegangen  werden, 
vgl.  Sain^an  Ztschr.  31,  270:  ,Hosensch  .  .  .'  >  .Knirps'  >  , kleiner 
Vogel'.  Auch  {nrpäre/,  den  kleinsten  aller  Schwimmvögel  (s.  o.),  kommt 
diese  Möglichkeit  in  Betracht.  Endlich  wäre  noch  zu  erwähnen, 
dafs  alle  Naturforscher,  von  Buffon  bis  Friderich,  die  EigentümUch- 
keit  des  Petersvogels  erwähnen,  seinen  Verfolgern  den  stinkenden 
Tran  seines  Mageninhalts  entgegenzuspeien,  was  manchen  Forschern 
das  Leben  gekostet  haben  soll.  Auch  so  liefs  sich  das  pcter 
rechtfertigen  (obwohl  die  Tranmasse  aus  dem  Schnabel  kommt), 
doch  ist  wohl  am  ehesten  von  Stimme  oder  Körperkleinheit 
auszugehen. 

Nun  mufs  ich  aber  noch  eines  Umstandes  gedenken,  der  die 
ganzen  etymologischen  Spekulationen  auf  Grund  frz.  Sprachmaterials 
unmöglich  machen  kann:  Die  mit  pcterel  sich  deckende  englische 
Form  pitteral  ist  älter  als  die  frz.  Formen.  Das  von  Romanisten 
zu  wenig  konsultierte  Neiv  Engl.  Dict.  schreibt  darüber  s.  v.  petrel: 
„Occurs  in  1676  as  pitteral,  in  1703  speit  petrel  by  Dampier  [dieser 
Beleg  lautet:  „As  they  fly  .  .  .  they  päd  the  Water  alternately  with 
their  Feet,  as  if  they  walkt  upon  it;  tho'still  upon  the  Wing.  And 
from  hence  the  Seman  gave  them  the  name  of  Petrels,  in  allusion 
to  St.  Peters'  Walking  upon  the  Lake  of  Gennesareth"].  If  this 
was  so,  petrel  may  have  been  a  formation  analogous  to  cockerel, 
dotieret,  hoggerel,  pickerei,  or  might  represent  a  Latin  dimin.  of 
Petrus  (e.  g.  Petrillus,  Petrellus).  The  name  appears  first  in  Engl., 
it  occurs  in  Fr.  [pitrel)  as  a  form  of  Ornithology  in  Brisson  1760 
[somit  ist  ein  früherer  Beleg  als  der  im  Dict.  g^n.  aus  Buffon 
gegeben];  to  Buffon  1782  it  was  app.  an  Eng.  word  requiring 
explanation  [bezieht  sich  wohl  nicht  auf  die  oben  erwähnte  Brief- 
stelle, die  ich  nicht  in  ihrem  Zusammenhang  nachprüfen  kann, 
sondern  auf  eine  Äufserung  wie  Histoire  naturelle  des  oiseanx  XXVI, 
Ausg.:  Paris  An  XIII,  S.  254:  „il  [le  nom  pitrel'\  est  forme  de 
peter,  pierre,  ou  de  petrill,  pierrot,  ou  petit  pierre,  que  les  matelots 
anglais    ont    imposes  a  ces  oiseaux,    en  les  voyant  courir  sur 


GAMILLSCHEG'S    „französische   ETYMOLOGIEN".  Q 

l'eau  comme  l'apotre  Saint-Pierre  y  marchoit].  The  Norwegian 
Soren  Peders  and  Peders  fugl  (Brunnich  1764)  and  Ger.  Petersvogel 
are  also  later  than  the  Eng.  and  app.  suggested  by  it;  they  support 
Dampier's  explanation  (But  it  is  of  course  possible  that  the  word 
has  some  other  source,  represented  by  pitter al,  and  that  the  asso- 
ciation  with  Peter  was  due  to  populär  etymology)."  Letztere  ist 
ja  ebenso  Gamillschegs  wie  meine  Ansicht,  nur  führt  die  älteste 
engl.  Yoxm  pttteral —  falls  nicht  aus  englischen  Mitteln  zu  erklären  1  — 
auf  ein  iiz.  peterel,  nicht  auf  *petralts.  Buffons  Worte  sind  offenbar 
blofs  die  Wiedergabe  des  Engländers  Damier,  auf  den  die  „hagio- 
graphische  Etymologie"  zurückgeht.  Die  Parallele  des  NED  mit 
doggerei  etc.  stimmt  offenbar  nicht,  da  ja  hier  an  Peter  ein  -<?/  gefügt 
würde  (dagegen  dogg-eret).  Ein  frz.  pitirel  von  Petrus  liefse  sich 
nur  als  Lehnwort  aus  dem  Englischen  rechtfertigen,  in  dem  Petrus, 
Peter  heifst.  Wir  Romanisten  können  uns  also,  so  lange  wir  keine 
älteren  frz.  Belege  besitzen,  damit  begnügen,  die  Etymologie  auf 
unsere  anglistischen  Kollegen  abzuwälzen.  Sicherlich  ist  aber  pärel 
nicht  axxi  petra  zurückzuführen.  2 

3.   Blais.  calibourde  , Stelze' 

stellt  Gamillscheg  Zischr.  40,  167  zu  hourde  , Holzstab'  -f-  Präfix  cali-. 
Ich  möchte  das  Wort  in  Zusammenhang  mit  einer  gröfseren  Wort- 
sippe bringen.  Man  wird  vielleicht  zuerst  erstaunt  sein,  dafs  ich 
an  frz.  calemhour  , Kalauer'  denke.  Dieses  Wort  soll  ja  auf  den 
Pfaffen  Kahlenberg  zurückgehen  (Littr6),  Es  ist  aber  sehr  zu  be- 
zweifeln, dafs  dieser  deutsche  Schwankautor  einen  derartigen  Ein- 
druck auf  die  Franzosen  gemacht  hat.  Aufserdem  würde  das  Wort 
von  calemhredaine  ,bourde,  vains  propos'  losgelöst.  Weitere  haltlose 
Vermutungen  stehen  bei  Klöpper,  Reallexikon.  Chambure  sagt  uns 
s.  V.  calibourdaine:  „La  ,calibourdaine*  a  ete  chez  nous,  ce  semble, 
une  danse  un  peu  echevelde  du  bon  vieux  temps.  Une  anc.  chanson 
disait : 

Pour  danser  la  Calibourdaine 

Faut  avoir  le  pied  d6gag6.  .  .  ." 

Auch  das  sav.  hattre  la  calemhour daine  ,d6raisonner'  (Const.-Desorm. 
s.  V.  calabre),  das  mit  frz.  battre  la  campagne  gleichgebaut  und  mit  genf. 
calemhourdaine  ,calembredaine'  gleichlautend  ist,  könnte  an  den  Tanz 


^  Es  ergäbe  sich  allenfalls  nach  Fällen  wie  doggerei  etc.  eine  Ableitung 
von  pit  .Loch'  (=  2igs. pytt,  das  sein  y  in  Dialekten  zu  e  wandelt,  dlsch. 
Pfütze),  die  man  mit  der  Wohnweise  der  Sturmschwalbe  zusammenbringen 
könnte  (vgl.  Buffon,  Friderich  a.  a.  O.).     Oder  aber  Peter  -f-  -o^? 

"^  In  sachlicher  Beziehung  ist  wohl  gegen  G.'s.  Etymologie  nichts  ein- 
zuwenden:  die  Tiere  nisten  tatsächlich  in  Steinlöchetn,  vgl.  G.Sand  in  dem 
auf  der  Insel  Bourbon  spielenden  Roman  Indiana  Kap.  24:  „Les  seuls  hotes 
de  ces  solitudes  ^taient  les  goelands,  les  petrels,  les  foulques  et  les  hirondelles 
de  raer,  Sans  cesse,  dans  le  goufFre,  on  voyait  descendre  ou  monter,  planer 
ou  tournoyer  ces  oiseaux  aquatiques,  qui  avaient  choisi,  pour  dtablir  leur 
sauvage  corv6e,  les  trous  et  les  fentes  de  ces  parois  inaccessibles."  Allerdings, 
ob  sie  zwischen  Kieseln  nisten  ? 


lO  LEO    SPITZER, 

anknüpfen,  Hieher  gehört  das  iquilbourdie  in  der  Muse  Normande  von 
1658,  das  Herzog,  Nettfrz.  Dialekttexte,  Glossar  mit  , Grille,  schlechte 
Laune'  übersetzt.  In  etwas  anderer  Richtung  weist  weiter  pik.  ca(laim)- 
herdaine  ,cotillon  avec  corset  qui  enlace  la  herdaine  (ventre)'  (Corblet), 
hieher  vielleicht  zentralfrz.  calihandiau  ,jupon  de  dessous'  (Jaubert). 
Noch  „intimer"  wird  es,  wenn  wir  bei  Dottin  ein  b.-maine.  cali- 
herdäs  jl'entrecuisse'  lesen,  was  wieder  das  zweimalige  callihistris 
bei  Rabelais  erklärt  {les  callihistris  des  /emmes  de  ce  pays  sont  ä 
meilleur  marche  que  les  pierres ;  le  paiivre  frater  .  .  .  monstrant  son 
callibistris  ä  tout  le  monde),  ,parties  naturelles  de  rhomme  et  de  la 
femrae'  (Moland,  der  noch  an  die  macaronische  Bildung  Callibi- 
stratorium  caffardiae  erinnert).  Wir  haben  also  bisher  den  Weg 
1.  , Wortspiel',  2.  , leere  Worte',  3.  , lockerer  Tanz',  4.  , Unter- 
rock', 5.  , Schamteile'  zurückgelegt,  wobei  5.  auch  an  2.  an- 
knüpfen könnte.  Überhaupt  mufs  die  genaue  Art  des  Übergangs 
von  2.  bis  4.  noch  gefunden  werden.  1  Als  Grundform  können  wir 
ein  calbour(d)-  betrachten.  Was  ist  nun  dieses?  Die  Verschieden- 
heit der  aufgezählten  Bedeutungen  scheint  für  bourde,  bredaine,  hre- 
douiller  zu  sprechen,  die  vorgeschlagen  worden  sind  oder  vor- 
geschlagen werden  könnten,  wenn  diese  natürlich  auch  blofs  volks- 
etymologisch eingewirkt  haben  können.  Entsprechend  dem  Grund- 
satz, dafs  die  sinnlichste  Bedeutung  die  ursprünglichste  ist,  mufs 
man  von  calbour(d)  ,entrecuisse'  ausgehen.  Nun  definieren  Verrier- 
Onillon  califourchette  ,1a  jonction  des  cuisses  et  du  buste,  la  r^gion 
perineale.  Syn.  de  Veset^  (letzteres  wird  mit  ,bas  ventre'  glossiert), 
also  ziemlich  gleichbedeutend  mit  b.-maine.  caliberdäs.  Jetzt  fügt 
sich  hlais.  calibourde  , Stelze'  bestens  ein:  wir  kommen  also  zu  d 
califourchon  ,mit  auseinandergespreizten  Beinen'  (gehen,  reiten),  als 
dessen  zweiter  Bestandteil  stets  /cur che  , Gabel'  angesehen  wird. 
Die  älteste  Form  (12.  Jh.)  ist  a  cale/orchies.  Dies  gehört  nun  zweifel- 
los zu  carrefour  ,Treffpunkt  verschiedener  Strafsen ',  indem  die  aus- 
einanderstehenden Beine  mit  2  [oder,  wenn  der  Rumpf  hinzu- 
genommen wird:  3,  oder  wenn  man  die  Arme  hinzunimmt,  sogar  4]^ 
Strafsen  verglichen  wurde) ;  zwar  scheint  im  Afrz.  noch  der  Be- 
standteil   qtiadri-    gefühlt    worden    zu    sein,    da  in  den  Belegen  bei 


*  Zu  3.  !>•  4.  vgl.  etwa  la  danse  de  la  carmagnole  neben  carmagnole 
, Sorte  de  veste'.  Oder  ,Tanz'  , Wortspiel'  aus  , Unterhaltung'  und  dies  wie 
ital.  trebbio  ,trastullo,  brigata'  und  frz.  guadruvzum-Reüex.e  mit  der  Bdtg. 
jbavardage,  cancan,  assemblee'  bei  Jud,  Rom.  1922,  S.  21. 

2  Schucbardt  unterscheidet  Ztschr.  33,  473  zwischen  dem  Gabelweg  (Y), 
der  durch  , Zweiweg'  oder  , Dreiweg',  und  dem  Kreuzweg  (X),  der  durch  , Drei- 
weg' oder  , Vierweg'  ausgedrückt  wird:  beim  menschlichen  Körper  ist  jenes 
4=3,  das  Schuchardt  aus  dem  Sprachlichen  abliest  („auf  dem  Platze  del 
Trebbio  zu  Florenz  münden  vier  oder  fünf  Strafsen"),  auch  sachlich  vorhanden, 
indem  man  aufser  den  4  Extremitäten  auch  zusammenfassen  kann :  Rumpf  -Y 
Arme  als  i  und  die  Beine  als  2.  Im  übrigen  haben  wir  die  Übertragung  der 
Vorstellung  der  Gabelung  auf  den  menschlichen  Körper  in  kat.  fer  Varbre 
forc,  v[\ixz.  faire  le  chesne  fourchu  (bei  Rabelais)  .einen  Purzelbaum  schlagen', 
allerdings  über  das  Zwischenglied  des  gegabelten  Baumes,  ferner  in  Dante's 
inforcare  gli  arciuni  ,stare  a  ravallo'   (Scartazzini). 


GAMILLSCHEG'S    „FRANZÖSISCHE   ETYMOLOGIEN".  II 

Godefroy  noch  mehrmals  von  vier  auseinandergehenden  Wegen  ge- 
sprochen wird  (bei  Gilli6ron,  Table  lesen  wir  dagegen:  carrefour  de 
trois  rou/es),  aber  gerade  durch  die  Dissimilation  r-r  >  l-r  wurde 
der  erste  Bestandteil  unkenntlich.'  Die  Berechtigung  zur  Identifi- 
kation von  carrefour  und  ä  califotirchon  leite  ich  aus  der  Angabe 
Verrier-Onillons  ab  s.  v.  carrefour:  ,1a  region  p6rin6ale.  On  dit 
aussi:  le  carrefour  Brilon.  Syn.  de  Califourche,  Califourchclte',  ferner 
ebenda  egalfurcher  ,die  Beine  auseinandertun'.  Das  Brilon,  das  wie 
ein  Name  aussieht,  gehört  offenbar  zu  briter,  bruiler  , faire  du  bruit' 
und  ist  scherzhaft  in  Reim  zu  calfourchon  als  unanständige  Be- 
merkung   hinzugefügt.     Durch    die  Dreiheit    califourch fourch 

x^T^x.  cafourc  {^*confurcum,  REW  2\\2)  war  die  Möglichkeit  ge- 
geben, ein  ca(li)-Yi?&yi  abzugliedern.  Ähnlich  wird  wohl  caliborgne 
, kurzsichtig,  schielend*  =  caluc  +  borgne  oder  lorgne  sein  (wenn 
dieses  nicht  selbst  aus  calorgne  gewonnen  ist,  da  die  Einreihung 
von  \\..  lorniotie  unter  hernia  REW  i^ib  nicht  überzeugt):  durch 
das  Nebeneinander  von  califourch cafourch- — fourch-  und  cali- 
borgne—  caborgne — borgne  konnte  es  zu  ca(li)-  kommen,  wozu 
nun  noch  caverna,  caput  [cabosser — bosser;  cafougner — fougner; 
cahuie  —  hutte  usw.),  wall,  co-  >  ca-  und  die  andern  von  Feller, 
Notes  de  phil.  ivall.  22"^^.  angeführten  Typen  kommen.  Die  Viel- 
fältigkeit der  Form  des  Pseudopräfixes,  das  ein  Konvergenzprodukt 
verschiedener  falscher  Abstraktionen  darstellt,  2  erklärt  sich  nicht  nur 
aus  der  Zahl  der  zusammentreffenden  Einflüsse,  sondern  aus  dem 
spielerisch-spöttischen  Charakter  aller  dieser  Bildungen,  die  vor- 
wiegend eine  abnorme  Körperhaltung  oder  -gestaltung  bezeichnen. 
Der  Kalauer  oder  calembourg^  ist  heute  nur  die  Verwendung 
der  Wörter  der  Sprache  mit  besonderer  Berücksichtigung  der  klang- 
lichen   Assoziation:    Homonyme    oder    verschiedene    Bedeutungen 


*  Jonain  scheint  schon  an  Ähnliches  gedacht  zu  haben,  da  er  statt  cailli- 
fourchon  quaillifourchon  geschrieben  wissen  will :  „de  quatre,  comme  carre- 
four". Darmesteter,  Mots composesS.  131  schreibt:  ,,Ä  ce  compos6  califoiirchons 
se  rattache  cafourche,  qui  se  dit  dans  loute  la  Saintonge  au  sens  de  carrefour", 
was  ihn  aul  das  Richtige  hätte  bringen  können  —  während  er  in  cal(i)four- 
chons  nur  sein  Präfix  cal(i)-  erblickte.  —  Wenn  im  Mittelalter  die  Delinquenten 
gevierteilt  wurden,  so  ist  das  Bild  des  Treffpunktes  von  vier  Strafsen  in 
schaurige  Wirklichkeit  umgesetzt. 

2  Schuchardt,  Ztschr,  28,  613  f.  hat  sich  gegen  die  Annahme  eines  pejora- 
tiven oder  admirativen  ca-  erklärt  und  will  mit  blofsen  Kontaminationen  aus- 
kommen: califour chon  erklärt  er  aus  cahallus -\- furca ,  was  wohl  angesichts 
des  Fehlens  einer  Form  vom  Typus  *caialforc  aufzugeben  ist.  Auch  würde 
ich  nach  den  überzeugenden  Erörterungen  Fellers  auch  die  Entwicklung  con- 
>  ca-  zu  den  Kontaminationen  hinznnthmen.  Und  warum  sollte  der  Wort- 
anfang  ca-  nicht  wuchern  (wobei  ich  „Wortanfang"  nach  „Wortausgang"  bei 
Meyer-Lübke,  Bist.  Gr.  d.frz.  Spr.  2,  §10  gegenüber  „Suffix"  bilde)?  Wir 
haben  ja  auch  durch  Konvergenz  verschiedener  Typen  entstandene  Suffixe  wie 
frz.  -asse. 

'  Ich  hatte  stets  die  Empfindung,  dtsch.  Kalauer  müsse  eine  Übersetzung 
oder  Verballhornung  von  calembour  sein:  aber  damit  ist  es  nichts,  wie  ein 
Blick  in  Ladendorfs  Ilistor.  Schlagwörterbuch  zeigt:  Calauer  gehört  tatsächlich 
zur  Stadt  Calau ,  woher  ein  Redakteur  des  Kladderadatsch  um  die  Mille  des 
19.  Jbs.  seine  witzigen  Berichte  zu  datieren  pflegte. 


12 


LEO   SPITZER, 


eines  Worts  sollen  gleichzeitig  anklingen.  Im  Ganzen  also  eine 
ziemlich  niedere  Form  des  Wortspiels,  wie  Paulhan  in  seinem  ge- 
dankenreichen Artikel  in  der  Revue  des  deux  mondes  vom  15.  Aug. 
1897  „Psychologie  du  calembour"  sagt:  „Comme  tous  les  procedes 
61ementaires  de  l'esprit,  l'association  des  mots  par  assonance  n'a 
rien  de  tres  61evd  au  point  de  vue  psychique.  Lors  qu'elle  domine, 
eile  caracterise  une  forme  införieure  de  l'intelligence.  II  n'y  a  pas 
en  effet  de  raison  pour  que  les  mots  appel^s  par  la  logique  k  se 
r6unir  se  ressemblent  tres  souvent  par  le  son ;  et  il  semble  bien 
que,  d'une  maniere  g6n6rale,  la  fr6quence  des  associations  de  mots 
par  ressemblance  indique  plutot,  par  elle-meme,  une  sorte  de  d^faut 
de  l'esprit,  une  legere  infirmite  qu'il  faut  surveiller  et  qui  tend  ä 
diminuer,  dans  la  vie  des  races  comme  dans  Celles  des  individus, 
ä  mesure  que  l'esprit  se  forme,  comme  eile  tend  ä  augmenter  lors- 
qu'il  se  dissout".  Nun,  die  „niedere"  Etymologie  des  Worts  ent- 
spricht vollkommen  der  niederen  geistigen  Potenz,  die  sich  im 
calembour  ausspricht. 

Wenn  man  Paulhan's  Bemerkung  S.  873  liest  von  dem  dem 
calembour  und  dem  Wortspiel  gemeinsamen  Vorgang  („.  .  .  consiste 
essentiellement  ä  6veiller,  au  moyen  d'un  mot  ou  d'une  phrase  ä 
double  entente,  deux  corteges  distincts  d'images  et  d'iddes  repre- 
sentes  par  un  son  unique  auquel  ils  sont  tous  deux  associ6s"),  so 
könnte  man  calembour  , Kalauer'  nicht  so  sehr  zu  calembredaine  als 
direkt  zu  carrefour,  califourchon  stellen :  der  Kalauer  bringt  ja  eine 
Gabelung  des  Vorstellens  mit  sich  („on  est  ä  cheval  sur  deux  id^es"). 
In  der  Frankfurter  Zeitung  vom  5.  I.  1922  las  ich  ein  Feuilleton 
über  kalauernde  „Namensspiele",  in  dem  derlei  Fälle  „Zweispänner" 
genannt  waren. 

Eine  ungefähre  Tabelle  der  Bedeutungsentwicklung  von  quadri- 
furcu  im  Galloromanischen  würde  also  so  aussehen: 


Kreuzweg  — ►  Gabelweg 


Gabelung  der  Körpers 


♦Ansammlung,  Tanz,  Lied 


rittlings    Stelze  ( ■\-  bourde  .Holzstab')    „Schritt"  (+  bedaine) 

(der  Punkt,  wo  die 
Beine  auseinandergehen) 


Geschlechtsteile 


Dummheit,  Posse 
{-{■  bourde  ,Vos%e} 
bedon,  bedaine 

Refrain) 


Grille    unvernünftig  reden 
(+  bredouiller) 


Wortspiel 

t 


GAMILLSCHEG'S    „französische   ETYMOLOGIEN".  I3 

4.    Frz.  camus,  ca^nard  , plattnasig*. 

Ein  gall.  *kommusos  ,mit  einer  Schnauze  versehen*  (zu  *musus 
, Schnauze*),  wie  G.  Ztschr.  90,160  annimmt,  ist  mit  \zX.  commimis 
, handgemein',  einem  Adverb,  nicht  recht  gleichgeartet:  nur  wenn 
comminus  adjektivisch  wäre  und  ,mit  einer  (grofsen)  Hand  begabt' 
bedeutete,  könnte  es  als  eine  Parallele  dienen.  Ich  glaube,  Diez, 
dessen  creatio  ex  nihilo  wir  manchmal  nicht  genügend  würdigen, 
hat  hier  schon  das  Richtige,  insofern  er  auf  das  mit  it.  camuso 
gleichbedeutende  camoscio,  ferner  auf  afrz.  camoissie  ,  gequetscht,  von 
Verletzungen  gefleckt'  (3  afrz.  Belege),  aprov.  lo  vis  cainusat  ,von 
Narben  gefleckt',  hennegau.  camousse  , pockennarbig',  aprov.  camois 
, Quetschung'  hinwies,  (vgl.  die  zahlreichen  alten  und  neuen  Belege 
bei  God.  s.  v.  cavioisier) :  Diez  knüpft  an  einen  kelt.  Stamm  cam- 
an,  mit  dem  wir  nicht  viel  anfangen  können.  Man  könnte  an 
falsche  Abtrennung  eines  *escamusat,  *escamoissie  denken,  das  zu 
squama  , Schuppe'  gehörte:  arag.  escarnocho  , Bienenschwarm',  prov. 
escama  , ausfasern',  nprov.  escamoutd  ,mit  dem  Stock  dreschen' 
{REW  ^200),  spa.n.  escamazo  , Holzsplitter'.  Das  Suffix  -usar  wäre 
-uceare  (cf.  afrz.  chapuiser  usw.),  daher  auch  sp.  escaravmza  , Schar- 
mützel' =  *squamuceare  -j-  carylium  oder  escara  , Schar'  (Verf.  Lexik. 
aus  d.  Katal.  S.  53).  Die  seltenen  chamoussie-Yoxva.&n  bei  God. 
scheint  Foerster  im  Glossar  zu  Chretien  s.  v.  quamoissie  zu  bezweifeln, 
aber  die  bei  God.  angeführten  modernen  -w- Formen  beseitigen 
diesen  Zweifel ;  it.  camoscio  wäre  wohl  entlehnt.  Castro  belegt  nun 
Rev.  de  fil.  esp.  1919  S.  338f.  noch  einiges  Hiehergehörige  (vgl. 
auch  Schuchardt,  Bask.  u.  Rom.  S.  54):  bask.  kaynusiu  , abstumpfen' 
(von  Geräten),  %p^xi.  canmesa  , eine  Art  plattgedrückte  Birne'*,  lauter 
Wortbedeutungen  wie  , plattnasig,  abgestumpft,  dumm',  die  von 
*kommüsos  weit  abführen  und  eher  wie  Entlehnungen  aus  frz.  -eis-  {-us-) 
aussehen.  Ich  füge  hinzu,  dafs  das  bask.  kamus  ,capot,  bredouille' 
genau  dem  kat.  tornarse  canuis  (,revenir  bredouille')  Dicc.  Aguilo  ent- 
spricht. Sofern  wir  nicht  an  squama  denken  wollen,  so  müssen 
wir  die  bei  God.  erwähnten  afrz.  chamois(s)ier  ,meurtrir,  ecraser', 
pik.  camoissie  'couvert  de  plaies',  du  pain  cavioussi  ,moisi'  stellen  zu 
südfrz.  camacha,  gamacha  ,  meurtrir,  cotir  un  fruit ;  bossuer  une  piece 
de  metal,  broyer,  piler',  ga/nasses  ,rejetons  qui  poussent  au  pied  des 
arbres  dans  les  taillis,  plantes  rabougries,  broussailles ',  zentrfrz.  ca- 
masse  ,bäton  termin6  par  un  renflement,  souvent  en  forme  de  Crosse ' 
(von  Jaubert  von  camus  abgeleitet),  camochon,  camuchon  ,tison*  (von 
Jaubert  zu  camuson,  ca?nus  gestellt  als  urspr.  ,bois  raccourci,  lronqu6'), 
camiau   ,qui  a  une  grosse  tete'    {un  boeu  camiau,   Jaubert  denkt  an 


*  Vgl.  dtsch.  Schafsnase ,  eine  Apfelart.  Hier  könnte  man  den  Namen 
bei  Rabelais  Nasdecabre  erwähnen,  von  dem  Moland  sagt:  ,non  imagin^  par 
Rabelais  et  signifiant:  nez  de  chfevre'.  Übrigens  hat  Rabelais  diesmal  nicht 
erfunden,  sondern  nur  entlehnt:  Mistral  s.v.  nas  schreibt  ganz  richtig  s.v. 
nas:  „nas  de  cabro,  nez  de  chfevre,  nez  camus.  Dans  le  Pantagruel  de  Rabelais, 
il  y  a  un  personnage  nommd  Nazdecabre^. 


14  LEO    SPITZER, 

chameau),^  wozu  cdmaud  ,penaud,  humili^'  (vgl.  ksii.  camiis  oben, 
auch  südfrz.  ca7nos  ,penaud').  Das  Etymon  ist  dann  vielleicht  gr.- 
lat.  *kat>iaktti7}i  {/iE  W  /^öby) :  it.  camaio  .Gerte,  dünner  Knotenstock', 
scamatare  , schlagen',  dessen  Ausdehnung  so  viel  weiter  nach  Norden 
geschoben  wird,  womit  die  Parallele  mit  der  ^aj/- Sippe,  die  Meyer- 
Lübke  W.  u.  S.  I,  38  zieht,  noch  vollkommener  würde.  Wir  können 
ein  *ca?nactiare  oder  *cai7iaciare  (von  camax)  ansetzen,  in  das  dann 
-uciare  eindringt.  Das  Zentralfrz.  läfst  uns  den  Suffixveränderungen 
camasse  >  cartiochon,  camuchoii,  camuson  noch  beiwohnen,  cainus  (mit 
stimmhaftem  s)  mag  sich  unter  dem  Einflufs  der  wwzar- Sippe  fest- 
gesetzt (jnuzardia  ,folie')  haben,  camard  enthält  ein  gebräuchliches 
Pejorativsuffix.  Der  c- Anlaut  weist  auf  Entlehnung  aus  dem  Süden, 
wo  ja  auch  die  Sippe  besonders  heimisch  ist.  Das  Nebeneinander 
von  2:^xo\.  gainus  ,niais'  und  rawwi' , plattnasig'  entspricht  dem  von 
gatnach  neben  camach.  Aprov.  camuzat  ,marque  de  cicatrices',  das 
doch  zu  pik.  camoissü  pafst,  hat  denselben  stimmhaften  j-Laut  wie 
gamuzia  ,niaiserie'.  Bei  squama  müfsten  wir,  wie  gesagt,  von  einem 
*escamoissier,  *escamussar  ausgehen,  für  das  wir  auf  das  dem  central- 
frz.  camuchon  entsprechende  südfrz.  escamoussoun  ,commencement 
d'un  peloton,  noyau',  das  fragliche  altprov.  escamus  ,niais'  bei  Levy, 
Suppl.-Wb.,  das  mit  escoumoussd  gleichbedeutende  südfrz.  descamusa 
,6ter  las  parties  proeminentes'  hinweisen  könnten  —  dann  müfste 
afrz.  chüTTioissie  umgesetzt  sein  nach  der  Proportion  cha-  =  ca-. 
Bei  '^camactiare  wäre  wieder  camus  Entlehnung  aus  dem  Süden. 
Beide  Stammwörter,  südfrz.  camacha  wie  südfrz.  escamoiissa,  bedeuten 
letzten  Endes  dasselbe:  , schlagen,  verstümmeln,  zerquetschen'  u. 
dgl.  Vielleicht  sind  sie  miteinander  kontaminiert.  Auch  Ablei- 
tungen von  camox  , Gemse'  (, gerben',  vgl.  , gegerbte  Haut'  etc.) 
können  noch  hereinspielen  (vgl.  eine  -r-Forni  der  <raw«j- Sippe 
asp.  camurzia  bei  Castro,  die  ptg.  camurga  , Gemse'  entsprechen 
könnte).  Jedenfalls  ist  nez  camus  =  nez  krasi  und  hängt  mit  einem 
.plattdrücken,  verstümmeln'  oder  , abstumpfen'  bedeutenden  Verb 
zusammen,  das  auf  squama  oder  *kamaktum  oder  auf  beides  zu- 
rückgehen kann. 

5.    Frz.  caniveau  .Rinnstein'. 

Gamillscheg  Ztschr.  40,  160  ff.  erwähnt  h.-maine.  caniviau  .Furche, 
Rinne  aus  Erde  oder  aus  Steinen',  berrich.  id.  , gepflasterte  Rinne 
an  Strafsen'  und  vergleicht  damit  norm,  caleheau  , Pflasterstein',  wall. 
carihou  ,Wasserhöhle  in  den  Minen'.  Aus  allen  diesen  rekonstruiert 
er  ein  *calatellu  >  *cale-el,  in  das  ein  „Übergangslaut"  v  eingefügt 
wurde.  Das  Etymon  soll  ein  kelt.  kaletos  ,hart'  (kymr.  caled')  zu 
^kalos  , Stein'  sein. 


•  Nach  Streng  findet  sich  die  Vorstellung  .Kameel'  oft  für  Wolken  ein 
[Himmel  und  Wetter  etc.  S.  63),  also  wohl  hierzu  Jauberts  camiau  ,peüt 
nuage  noir'. 


GAMILLSCHEG'S    „französische   ETYMOLOGIEN".  I5 

Ich  kann  G.'s  Weg  nicht  folgen  und  halte  mich  an  das  lautlich 
Näherliegende:  den  Anklang  an  canif  , Federmesser'.  Es  ist  für 
mich  systematische  Grundforderung,  zwei  Homonyme,  die  sich  nicht 
unmittelbar  auf  den  ersten  Blick  vereinen  lassen,  nicht  ohne  weiteres 
auseinanderzureifsen ,  da  die  Wege  des  Bedeutungswandels  oft 
wunderbar  sind.  Ich  gestehe  gern,  dafs  ich  bei  der  Lektüre  des 
G.'schen  Artikels  mir  sagte:  ,^cantveau  niufs  irgendwie  zu  ra«// ge- 
hören". Nun  schlug  ich  Verrier-Onillon  auf,  deshalb  weil  schon 
G.'s  Dialektbelege  auf  diese  Gegend  wiesen,  und  zwar  unter  g-, 
da  ich  mich  an  ^- Anlautformen  erinnerte,  die  leichter  übersehen 
werden  können:  da  fand  ich  gmiivelle  ,Bois  fendu,  pour  faire  des 
clotures,  des  palis,  des  paisseaux,  des  echalas',  hiezu  ein  Zitat  aus 
Jaubert:  „On  appelle  ainsi  le  bois  d6bit^  en  merrain,  de  forme 
oblique,  comme  un  ganif,  et  qui,  ne  reunissant  pas  certaines  con- 
ditions  requises,  est  admis  seulement  dans  une  proportion  deter- 
minee  et  pour  ainsi  dire  comme  appoint  dans  les  livraisons  du 
merrain  desiine  ä  la  fabrication  des  tonneaux".  Also,  ganivelle  ist 
, schlechtes  Fafs-(Dauben-)holz'.  Jonain  gibt  unter  ganivelle  an: 
jdiminutif  applique  ä  faux,i  car  il  signifie  le  plus  grand  couteau 
d'un  boucher,  son  tranche-lard,  en  forme  de  doloire'  (also  , hobel- 
artig'). Nun  brauche  ich  noch  eine  Parallele,  um  den  Übergang 
, Daube'  >  , Rinnstein'  zu  belegen  (die  Krümmung  ist  ja  beiden 
gemeinsam)  und  da  bietet  sich  sofort  das  Etymon  des  deutschen 
Wortes  Daube  selbst:  das  lt.  doga,  das  im  Romanischen  nach  REW 
zwei  Bedeutungen  hat:  i.  , Fassung  des  Grabens',  ,Damm',  , Graben', 
2.  ,Fafsdaube':  unter  i.  finde  ich  ait.  dogaia  , Gosse',  veltl.  dogal 
»Wasserfurche',  prov.  dogal  , Kanal'  usw.  —  womit  der  Beweis  ge- 
schlossen ist,  dafs  caniveaii  zu  ca7iif  gehört. 

Das  wall,  carihau  finde  ich  bei  Sigart  in  der  Form  carihou  ,t. 
de  charb.  rainure  en  helice  etablie  le  long  des  parois  d'un  puits 
pour  recueillir  les  eaux  qui  transsudent  et  les  empecher  de  mouiller 
la  houille  et  de  lui  faire  perdre  de  sa  qualite',  was  wohl  sehr  weit 
von  der  , Gosse'  abliegt.  Liegt  nicht  einfach  carreau  (mundartl. 
kariö)  vor,  vgl.  die  Bedeutung  ,  Aufsenplanken,  welche  die  Brüstung 
des  Schiffs  bilden'  u.a.  (Sachs -Villatte)? 

6.    Frz.  chagrin. 

Gamillscheg  hat  das  Verdienst,  Zischr.  40,  168  darauf  auf- 
merksam gemacht  zu  haben,  dafs  wir  von  anjou.  chc.graigner  .be- 
trüben', norm,  chagrtiner  ,sich  verdüstern'  auszugehen  haben.  Seine 
Erklärung  von  einem  airz.  gram  , Kummer '  =  fränk.  ^r^w  ist  aller- 
dings so  lange  nicht  annehmbar,  als  er  die  Frage  Schultz-Goras 
(ebda.  383)  nicht  beantwortet  hat,  wo  dieses  afrz.  gram  belegt  sei. 
Ich    glaube    die  Lösung  gefunden  zu  haben,    wenn  ich  auf  champ. 


*  Es  liegt  wohl  das  Diminutiv  zum  Ausdruck  des  approximativen  Ver- 
gleichs vor  (Typus  Vignette,  Ysopet)  über  den  ich  in  Bibl.  arch.  rom.  II,  3, 
S.  141   demnächst  handeln  werde. 


l6  LEO    SPITZKR, 

d^graigner,  pik.  digrigner  .verachten'  hinweise,  das  Sainean  Le  lang, 
par.  S.  300  in  der  Form  der  3.  Person  degraigne  aus  dem  Jahre 
1649  belegt.  Damit  ist  Anschlufs  an  ^£'^^3870  gegeben:  afrz. 
grignier,  ital.  digrignare  ,die  Zähne  fletschen',  zu  dtsch.  greinen. 
Dieses  di^graigner  kann  nun  das  fälschlich  abstrahierte  cha-  erhalten 
haben:  chahrun  »mürrisch'  [zucapra),  chabrenauä  fSchustei'  näherte 
sich  ja  semantisch. 

7.    Frz.  chauvir  des  oreüles  ,die  Ohren  spitzen*. 

G.  leugnet  den  bisher  von  den  verschiedensten  Etymologen 
(Dict.  g6n.,  Sain6an,  JiEW)  angenommenen  Zusammenhang  mit 
c/ioue  {„■  .  .  ist  formell  und  begrifflich  abzulehnen.  *choiiir  könnte 
nur  ,zur  Eule  werden'  oder  ähnliches  bedeuten")  und  legt  mndl. 
schouwen  , scheuen'  zugrunde,  da  in  Vendome  das  Wort  von 
scheuenden  Pferden  gebraucht  werde.  Aber  wir  haben  neben  chauvir 
bei  Rabelais  chauant  des  aur eitles  und  chouant  des  aur etiles,  welche 
man  von  einem  chauver,  chouer  oder  chover  ableiten  kann.  Ein 
chauver  aber  hat  keine  inchohative  Bedeutung:  die  von  Tiernamen 
abgeleiteten  -or^ -Verben  bedeuten  einfach  ,die  für  ein  Tier  charakte- 
ristische Handlung  vollführen'  (frz.  änonner,  it.  cuccare  usw.). 

Weiter  heifst  chauvir  nicht  nur  .scheuen,  die  Ohren  spitzen'. 
Ich  setze  die  Worte  Philipots  {Le  style  &"  la  langue  de  No'el  du 
Fail  s.  V.  chauvir)  her:  „Jean  Maugin  \Propos  Rust.,  XIV,  p.  174] 
a  employe  l'expression  complete:  ,mesme  d'une  qui  en  derriere 
chauvist  des  aureitles  (=  se  moque  sournoisement  de  l'amoureux 
transi),  pretendant  le  coucher'.  —  Chauvir  tout  seul  a  chez  du 
Fail,  comme  dans  le  patois  rennais  actuel  (Cf.  Orain,  roualie), 
le  sens  de  ,  ricaner,  sourire,  rire  en  dessous'.  Comme  l'a  tres  bien 
vu  La  Borderie  .  .  .,  il  faut  lire  chauvissant  et  non  chemissant  dans 
Eutrapel,  XVI  (II  67):  ,en  chauvissant  et  riant  en  fauxbourdon'." 
[Anm.:  On  dit  aussi:  ,il  chauvit  de  la  rouelle',  pour:  ,il  ritsous  cape'.] 
Ich  füge  hinzu,  dafs  chauvarder  bei  Verrier-Onillon  mit  ,rire  d'une 
maniere  forc6e,  contrainte',  bei  Dottin  ,rire  ironiquement,  se  moquer 
de'  glossiert  ist.  Nun  pafst  diese  Bedeutung  ,verspotten'  bestens  zu 
den  von  Sainean,  Bh/t.  i  der  Ztschr.  S.  109/10  für  ,  Eulen '-Wörter 
belegten.  Das  chauvir  des  oreilles  ist  eine  für  die  Eulen  charakte- 
ristische Bewegung,  vgl.  Friderich,  Naturgeschichte  der  deutschen 
Vögel^  S.  353:  „I^is  Eulen  sind  mit  einem  sehr  feinen  Gehör  be- 
gabt; die  meisten  haben  viel  weitere  Ohrmuscheln  als  andere  Vögel, 
auch  mehr  Beweglichkeit  am  Ohr,  welches  willkürlich  geöffnet  und 
verschlossen  werden  kann,  was  durch  eine  Art  Klappen  geschieht, 
die  von  regelmäfsig  strahligen  Federn  umgeben  sind".  Diese  Be- 
wegung konnte  je  nachdem  als  Ausdruck  der  Furcht  oder  infolge 
des  drolligen  Aussehens  dieser  Tiere  als  hämische  Verspottung 
gedeutet  werden.  Ich  sehe  bei  G.'s  Etymologie  keine  Möglichkeit, 
von  , scheuen'  zu  , spotten'  zu  kommen.  Wir  müssen  von  der  Eule 
ausgehen.  Und  die  chouan,  chauver  decken  sich  mit  den  beiden 
lautlichen  Entwicklungen  von  cava,  cavannus  im  Frz.  [REW  s.  vv.). 


GAMILLSCHEG'S    „französische    ETYMOLOGIEN".  17 

8.  Frz.  degoter  ,mit  dem  eignen  Stein,  Ball  usw.  den  des 
Gegners    umwerfen,   jem.    von    seinem    Posten    entfernen' 

ist  nach  Gamillscheg  Ztschr.  1920,  S.  521  =  bas-raaine.  id.  , einen 
Gegenstand,  ein  Ziel  von  der  Ferne  mit  einem  Steine,  Stocke  u.  ä. 
abschlagen':  „Dieses  degoter  ist  offenbar  ein  faktitiv  gebrauchtes 
degoutter  ,herabträufehi',  dann  allgemein  , herabfallen',  steht  also  für 
ein  streng  logisches  faire  digoutter  z.  B.  une  poire  u.  ä.  wie  nfrz. 
cesser  .  .  .  und  viele  andere  für  faire  ccsser  usf."  Aber  ein  faire 
degotter  une  poire  ist  rein  konstruiert:  ,eine  Birne  herabträufeln 
lassen'?  Der  Wandel  , herabträufeln'  >  , herabfallen'  ist  keineswegs 
erwiesen. 

Das  Wort  degoter  hat  eine  ganz  spezielle  Geschichte ,  die  uns 
ein  langes  Stück  weit  Sainean,  Le  langage  parisien  an  XIX^  siede 
S.  62  ff.  klarlegt.  Er  geht  aus  von  dem  bei  Menage  aus  seiner 
Heimat  Anjou  s.  v.  galet  belegten  Verb  in  der  Bedeutung  ,die 
Kugel  des  Gegners  aus  ihrem  Loche  jagen'  und  vergleicht  da- 
mit den  Ardkel  degoter  bei  Verrier-Onillon.  Ich  setze  diesen  hieher: 
„Avoir  une  tournure  avenante  —  ou  disgracieuse.  Ex. :  Qui  est 
ce  [sie!]  grand  galvaudeux  lä?  II  degote  ben  mal  ||  Prendre  la 
place  de.  ,Hein!  mon  vieux,  (;a  te  digotel''  —  Plus  vulgairement : 
9a  te  la  coupe.  Syn.  de  Decoter  ||  Surpasser,  primer,  distancer, 
Temporter  sur".  Dazu  stellt  S.  goier  =  „faire  des  gots  ou  trous 
peu  profonds  creusds  en  terre  pour  ce  jeu  (Verrier  et  Onillon)", 
degoter  ist  also  „chasser  du  got  l'objet  qui  sert  de  but,  generalement 
une  bille  ou  un  palet".  Die  weitere  Entwicklung  des  Wortes  belegt 
S.  stufenweise:  ,jem.  verdrängen,  überragen  (durch  Intelligenz  oder 
Aussehen),  listig  wegnehmen,  entdecken,  finden,  erblicken,  sehen'. 
Damit  befinden  wir  uns  statt  mit  G.  auf  dem  Baume,  von  dem 
eine  Frucht  oder  dergl.  fällt,  auf  der  Erde,  aus  deren  Löchern 
man  im  Spiel  etwas  verdrängt.  Ich  bemerke  noch  gegen  G.  und 
für  S.,  dafs  bei  Verrier-Onillon  neben  unserem  degoter  stets  für 
disgustare  und  *disguttare  degoüt-,  de'goutt-F ormen  erscheinen. 

S.  stellt  nun  das  got  ,Loch'  zu  einem  wall.  ^0/^  ,marecage', 
lothr.  gotet  ,petite  mare'  und  fügt  die  wohl  nur  zur  Feststellung 
der  Bedeutungsnuance  verwendbare  Bemerkung  hinzu:  „L'angevin 
got,  creux  dans  la  terre,  r6pond  exactement  au  synonyme  berrichon 
gouit/e.^  Ich  finde  bei  Adam  nur  got(t)et  ,terrain  marecageux',  das 
aber  zu  gotte  ,saindoux*  (=  goutte)  gehören  wird,  und  in  den  mir 
zugänglichen  wall,  Wbb.  nur  gott  ,goulte'.  Und  überhaupt  ist  bei 
den  Löchern,  die  zum  Spiel  verwendet  werden,  nie  die  Vorstellung 
, Sumpf'  vorhanden. 

Auf  den  richtigen  Weg  werden  wir  geführt,  wenn  wir  die 
Bedeutungsangabe  Verr.-On.'s  s.  v.  got  genau  lesen:  ,Trou  en  terre, 
sp6cialement  pour  planter  la  vigne  ||  Trou  pour  le  pir/i  —  ou 
pour  la  balle  au  got,  ou  au  pot'  und  mit  ihr  die  von  dkoter  ver- 
gleichen, das  Ver.-On.  s.v.  degoter  erwähnten:  decoter'.  , Quitter  la 
place.     Ce  v.  est  toujours  pr^ced6  de  la  prepos.  sans:  Sans  decoter 

Zeitschr.  f.  rom.  Phil.  XLII.  2 


l8  LEO   SPITZER, 

—  Sans  desemparer  .  .  .  ||  V.  a.  Faire  quitter  la  place  ||  Ramener 
avec  le  pic  la  terre  qui  est  au  pied  des  ceps  sur  le  milieu  du 
Dcchaux.  Syn.  de  Dichausser  |1  A  Segrd,  prendre  la  place  de  qqn. 
(M^n.)  Syn.  de  Dcgoter',  unter  dcchaux  lese  ich  wieder:  ,Ados  form6 
entre  deux  rangs  de  vigne  par  la  terre  enlevee  au  pied  des  ceps 
en  les  dechaussant  ou  d(^cottant.'  Hiermit  stelle  ich  nun  zusammen 
südfrz.  gaulo  , Wange',  das  nach  Mistral  auch  die  Bdtg.  hat  ,partie 
laterale,  talus  d'un  sillon,  d'un  ados;  flanc  d'une  montagne,  versant 
d'une  colline,  penchant,  precipice',  engaiita  ,t.  de  jardinier,  dresser 
avec  la  houe  le  talus  d'un  ados,  d'un  billon  ou  d'un  canal.'  Also 
dem  anjou.  devoter  ,um  die  Weinstöcke  Löcher  graben  und  die 
Erde  zwischen  ihnen  aufwerfen,  so  dafs  die  beiden  Abhänge  des 
Haufens  Wangen  bilden'  wird  ein  ähnliches  südfrz.  *desgaitla,  das 
ich  in  dieser  Bdtg.  allerdings  bei  Mistral  nicht  finde,  entsprochen 
haben,  und  got  war  urspr.  das  Loch  um  den  Weinstock,  dann  das 
Loch  im  Spiel.  Nun  bleiben  noch  die  >^-Formen  zu  erklären: 
V.-On.  denken  an  Gegenbildung  zu  accoter  , stützen',  das  seiner- 
seits auf  cuhitus  oder  costa  zurückgehen  kann.  Während  degoter 
nur  auf  die  Nachbarschaft  Südfrankreichs  beschränkt  ist,  ist  decoter 
(besonders  die  auch  bei  G.  Sand  vorkommende  Redensart  sans 
dtcoter)  weiter  verbreitet  (Jaubert):  das  sans  decoter  ,ohne  Unterlafs' 
erklärt  sich  aus  Schweiz,  cotter  ,butter,  heurter,  s'arreter,  hesiter  en 
r^citant'  {tl  rkita  tonte  la  püce  sans  cotter  d'un  seul  7not)'.  das  de- 
wie  in  decesser,  delächer  (Jaubert). 

Vollkommen  aufrecht  bleibt  das,  was  G.  über  den  nicht  boden- 
ständigen Charakter  von  degoter  im  Westfrz.  sagt,  wie  es  sich  in 
der  b.-maine.  Form  degüti  äufsert.  Das  Wort  stammt  aus  dem 
Süden. 

9.   Frz.  drille  , Infanterie',   m.  ,Fufssoldat*. 

Gamillscheg  hat  Ztschr.  40,  534  den  Artikel  Revillouts  in  Rev. 
de  langues  ro?n.  187g  nicht  in  Betracht  gezogen,  der  an  ein  älteres 
drille  , Lumpen',  , Fetzen'  anknüpft  (die  stets  verächtlich  scheinen- 
den Fufssoldaten  —  vgl.  die  Entwicklung  von  {xz.  pietre\==pedestris\ 

—  wurden  eben  als  die  , Lumpen'  bezeichnet,  was  sie  auch  ge- 
legentlich waren),  das  seinerseits  zu  breton.  trul  »Lumpen'  gehört. 
Tatsächlich  bemerkt  Henry  Dict.  äym.  du  bret.  mod.  (1900)  s.v.  trul: 
„peut-etre  pour  "^drul,  cf.  cymr.  dryll , Fragment',  soit  un  celt.  *drous- 
lo-  et  *drus-lo,  qu'on  rattache  ä  gr.  d-Qaveiv  , briser',  \aX.  früs-tu-m 
,morceau',  lett.  drus-ka  ,miette"'  und  „Le  fr.  drille  ,chiffon'  parait 
^tre  emprunt6  au  breton"  (vgl.  auch  dral  , Fragment').  Vgl.  REW 
211^.  ^xc^i.  druillad,  trtdllad  ,Txuppe'  ist  nach  Esnault,  Gloss.  moy. 
bret.  (worauf  mich  Herr  Prof.  Thurneysen  hinweist)  728  durch  Ver- 
mischung von  duillad  , Handvoll',  , Büschel'  und  truilhou  , Lumpen, 
Fetzen'  zu  erklären.  Dagegen  das  drille  .Eiche',  das  Revillout  nicht 
zu  erklären  wufste,  ist  von  Gamillscheg  ausgezeichnet  gedeutet 
worden.  Von  drille  , Bettler,  Soldat'  kommt  das  Verb  driller  , laufen' 
(wie  ein  Bettler),    davon    zentralfrz.  driller  , Diarrhöe  haben',    wozu 


GAMILLSCHEG'S    „französische   ETYMOLOGIEN".  19 

die  gleichbed.  Form  drouiller  »Exkrement'  neben  der  Bdtg.  , un- 
ordentlich gekleidete  Person',  etre  dans  ses  drouillettes  'sehr  be- 
schäftigt sein'  (von  der  Hausfrau)  bei  Corblet  bestens  pafst:  vgl. 
lyon.  drouille  »Lappen'  im  REW.  2778. 

Frz.  droh  hat  Bruch  Zischr.  38,  680  mit  Recht  aus  echt  ger- 
manischem Material  erklärt  (holl.  drol  ,  Kegel,  kleiner  Haufe,  kleiner 
dicker  Kerl').  Er  hätte  noch  auf  die  Verwandtschaft  des  deutschen 
Wortes  mit  drillen  und  drall  hinweisen  können,  ferner  darauf,  dafs 
diese  Etymologie  schon  teilweise  früher  geahnt  wurde:  Livet,  Lex. 
de  Molüre  s.  v.  drolerie  belegt  Les  Illustres  Prov.  t.  II,  eh.  VIII :  Le 
Manan  ...  Je  vois  bien  que  vous  estes  un  bon  dröle.  —  Le 
Philosoph.  Comment?  je  suis  un  dröle:  me  prends-tu  pour  quelque 
lutin,  ou  pour  un  diable  familier.  —  Le  Manan.  Dieu  m'en  garde ! 
Je  veux  dire  que  vous  estes  un  galant,  et  un  plaisant  homme,  car 
il  me  semble  que  le  mot  de  dröle  signifie  cela.  —  Le  Philos.  II 
est  vray  qu'on  en  use  vulgairement  en  cette  signification ;  et  toute- 
fois  c'est  le  nora  que  les  peuples  plus  avances  vers  le  septentrion 
donnent  aux  diables  familiers  qui  conversent  dans  leurs  maisons  et 
servent  en  leurs  menages  ...  La  connoissance  de  ces  bons  valets 
ayant  est6  divulguee  parmy  les  autres  nations,  quand  on  a  veu 
quelques  bons  compagnons  qui  sgavoient  faire  rire  et  amuser  le 
monde,  qui  estoient  fins,  adroits  et  madrez,  on  les  a  nommez  des 
dröles,  ä  l'imitation  de  ces  diables  folets."  1  Dieser  Autor  spielt 
offenbar  an  auf  holl.  drol  ,kabouter-mannetje'  (Franck),  norw.  drolen 
-»euphemistische  Bezeichnung  für  den  Teufel'  (Falk-Torp,  die  anord. 
skelmir  , Teufel'  zu  Schelm  vergleichen).  Aber  es  ist  nicht  un- 
bedingt nötig,  dafs  wir  auf  die  Bdtg.  , Teufel,  Kobold'  für  dröle 
zurückgehen  (allerdings  die  Bdtg.  ,coquin'  und  die  von  drolerie ,  böser 
Streich'  pafste),  da  die  Bdtg.  , kleiner  dicker  Kerl'  genügt.  Da  se 
tröler  zu  trollen  im  REW  bezogen  wird,  so  gehört  dröle  (auch 
drolle  geschrieben  im  17.  Jh.)  mit  demselben  Recht  zu  droll.  Vgl. 
bei  Corblet  droler  , aller  ^ä  et  lä,  sans  but  ni  resultat',  droule 
,effemine'  (aus  , dicker  Kerl'). 

10.  ¥rz.  ebuard  , starker  Holzkeil  zum  Spalten  von  Baum- 
strünken', ecobuer  , ausreuten' 

bringt  Gemillscheg  Ztschr.  41,  504  flf.  mit  gall.  *büt  (zu  ir.  bot , Feuer' 
=  *büdto)  in  Verbindung:  ein  *ko-büd-on  ,verbrennen'  soll  ent- 
weder e-cohuer  oder  mit  Übersetzung  des  ko-  *exbüdare  sein. 

Ich  knüpfe  ehiard  und  anjou.  ebner  , vorragende  Holzstücke, 
aus  der  Mauer  ragende  Steine  mit  der  Axt  glatt  abschlagen'  an 
anjou.  bue  ,  Ouvertüre  provenant  d'une  cheville  enlev^e,  ou  de  la 
disjonction  de  deux  planches'  (Verrier-Onillon)  an,  das  seinerseits 
zu  REW  i^jg  (bti^e  , Wäsche',   npr ov.  e?nbügd  ,ein  Fafs  einwässern, 


'  Von  diesem  .diables  familiers'  (nach  Art  der  fleifsigen  Wichtelmännchen) 
aus  könnte  man  das  sp.  duende  ,  Kobold'  aus  domitus  ,zahm'  erklären,  das 
ich  Lexikalisches  aus  dem  Katal  s.  v.  duende  anders  zu  deuten  versuchte. 


20  LEO    SPITZER, 

damit  die  getrockneten  Dauben  sich  zusammenschliefsen',  allenfalls 
ital.  hucato  'mit  einem  Loch  versehenes  Laugenfafs')  gehört,  vgl.  noch 
guienne.  esbuga  ,ecraser  un  corps  mou  dont  l'ecorce  offre  plus  de 
r6sistance'.  Bei  kohuer  betrachte  ich  nicht  die  Bdtg.  ,verbrennen* 
als  ursprünglich,  sondern  , ausreuten'.  Nun  finde  ich  anjou.  cobeche 
,serfouetle',  cobecher  ,biner,  egratigner,  oter  de  petits  morceaux', 
co(ti)biche,  coubkhe  ,bosse  produite  par  un  coup,  coupure,  entailluie', 
cobir  jbossuer',  fruit  cobbC^  ,meurtri  ou  pourri'  (Verr.-On.),  cobeter 
,frapper  a  petits  coups'  (Menage),  eile  luy  cohbit  tonte  la  'teste  si  que 
la  cervelle  en  tomba  (Rab.  IV,  58),  ähnlich  cobir,  noix  cobe,^  cobucher 
,taquiner  en  frappant  ä  petits  coups'.  Das  Etymon  ist  also 
zweifellos  westfrz.  cobe,  *gobe  , Schlag'  (=  REW  s.  v.  colaphus  1  : 
frz.  gobeter),  genau  entsprechend  dem  cobus,  gobus  G.'s.  Vgl.  noch 
saintonge.  gebe  .motte  de  terra,  glebe',  femme  regobee  ,qui  a  de  la 
gorge'.  Die  Suffix  -Iche,  -iche,  -uche  überraschen  nicht  in  ihrem 
von  Horning  meisterhaft  dargelegten  Nebeneinander.  Anklang  an 
beche(r)  oder  anjou.  trebkhet  ,zweizinkige  Hacke'  kann  bei  cobkhe(r) 
beigetragen  haben.  Die  Etymologie  von  gaubu  ,Haue,  Hacke' 
wird  durch  Thomas'  ersten  Beleg  dieses  Stammwortes  unserer 
Sippe  erhärtet:  in  diesem  Artikel  {Rom.  41,72)2  erwähnt  er  die 
Angabe  des  Catholicon  Lagadeucs  (1464):  „gfallice]  gaubu,  b[re- 
tonice]  donar  marr",  wobei  das  breton.  marr  von  Le  Gonidec 
als  ,marre,  espece  de  grande  houe,  servant  particulierement  ä 
dcrouter  la  terre  pour  en  brialer  les  mottes'  definiert  wird :  man 
sieht  also  i.,  dafs  gaubu  , Hacke'  bedeutet,  2.,  dafs  die  urspr.  Vor- 
stellung die  des  ,6crouter,  bossuer'  (nicht  ,verbrennen')  ist.  Gobuer 
kann  dann  wie  bossuer  zu  einem  gobu  ,bossu'  (von  der  Erde  ge- 
sagt) gebildet  sein,  davon  gobue. 

Endlich  könnte  ein  ^colaphuca  sich  nach  '^marruca  (parallel  dem 
*marrica  ,Haue*  REW  %.y.  marra),  carruca  usw.  gerichtet  haben. 
Das  ex-  in  kobuer  , ausreuten'  neben  *cobue  ,Haue'  verhält  sich  genau 
gleich  südfrz.  ewiarrigd  .ausroden'  zu  marr  ige  ,Haue',  wie  schon 
Schuchardt,  Ztschr.  23,  i8g  hervorgehoben  hat  (marrigo  ,friche*  enthält 
übrigens  auch  das  gall.  -Jca-Suffix,  das  G.  a.a.O.  reichlich  belegt). 


'  Hier  mufs  endlich  kat.  ow-y  cubies  ,  taube  Eier'  (worüber  Schuchardt, 
Ztschr.  1919,  722  und  ich  Mitteil.  Sem.  Hamburg  1918  S.  31,  Lexikograph,  aus 
d.  Katal.  S.  125)  seine  definitive  Stelle  finden. 

2  Ebenso  hätte  G.  den  Artikel  Thomas'  über  droue  Rom.  41,  62  ff.,  den 
wir  für  unsere  ,,K!eite"  benutzten,  bei  seinem  dravtere ,  dragie  , Mengkorn' 
heranziehen  können.  Statt  von  hk.  *dragipa  .Getreide'  gehen  wir  wohl  von 
dem  Glossarwort  dravoca  aus,  das  frz.  droue  , Trespe'  zugrundeliegt:  draviere 
und  dragiee  (==  *dravicä)  bespricht  Thomas  S.  64.  Wir  kommen  so  um  das 
hiatustilgende  -v-  G.'s  herum.  Ich  möchte  hier  noch  bemerken .  dafs  die  ge- 
wöhnlichste Bdtg.  des  irz.dragee,  die  bekannten  verzuckerten  Mandeln,  die 
als  Patengeschenk  in  Frankreich  dienen,  nicht  unter  iragemata  mehr  gebucht 
werden  sollte,  sondern  sich  an  unser  dragee  .Mischung  von  Hafer,  Wicke, 
Gerste.  Bohnen,  Erbsen  etc.'  anschliefst:  ital.  treggea  ist  aus  hz.  dragee  ent- 
lehnt. Wie  sollte  tragemata  sich  derartig  wunderbar  verkürzen?  Die  Be- 
zeichnung des  Zuckerwerkes  ist  aus  dem  14.,  die  .Mengkorn'  im  13.  Jh.  belegt. 
Die  Bdtg.  .Flintenschrot'  palst  bestens  hierzu. 


GAMILLSCHEG's    „französische   ETYMOLOGIEN".  2  1 

II.    Frz.  echampeau   ,Ende  der  Angelschnur,  wo  der 
Angelhaken  befestigt  wird' 

stellt  G.  zusammen  mit  anjou.  champeau  , Faden,  an  dem  der  Angel- 
haken befestigt  wird'  Ztschr.  ^i,  ^i^i.  zu  einem  afrz.  Kompositum 
*esche-empiler  ,den  Köder  aufhaken',  woraus  esäinpU  und  nun  nach 
appeler  —  appeazi  eine  Rückbildung  echampeau. 

Methodisch  richtiger  als  eine  so  gewagte  Konstruktion  (warum 
nicht  echumpilerl,  man  beachte  ferner,  dafs  die  Komposita  vom 
Typus  cultourner  fast  ausschliefslich  bei  Verben,  die  Vorgänge  am 
menschlichen  Körper  bezeichnen,  vorkommen)!  scheint  mir  immer 
die  Frage,  ob  mit  dem  naheliegenden  Wortmaterial  nichts  an- 
zufangen ist.  Diese  hat  sich  ja  nun  G.  auch  vorgelegt,  aber  dahin 
beantwortet,  dafs  ein  khampeati  , Schnur  des  Angelhakens'  deshalb 
nicht  zu  khaniper  , entwischen'  gehören  kenn,  weil  der  Angelhaken 
„sich  nicht  davon  machen  (=  eschamper)  darf".  Aber  die  genaue 
Betrachtung  der  Sache  ergibt  vielleicht  doch  eine  andere  Auf- 
fassung des  Wortes:  Verrier-Onillon  sagt  uns  s.v.  champeaw.  „Le 
champeau,  a  quatre  brins  de  fil,  sert  ä  attacher  les  aims  .  .  .  Les 
lignes  sont  de  longues  cordelettes  que  Ton  tend  sous  le  nom  de: 
Hgnes,  trainees,  cordees.  Une  trainee  peut  avoir  un  kilometre  et 
plus  .  .  .  Les  hamegons  ont  partout  reraplace  les  epinoches  .  .  . 
On^°poumoye  (paumoye)  les  lignes  dans  des  mannequins,  en  ayant 
soin  d'y  fixer  par  un  virecou,  de  distance  en  distance,  des  perrons 
pour  les  maintenir^  au  fond  de  l'eau,  surtout  dans  le  courant, 
lorsqu'en  tendant  on  fait  des  branles  .  .  .  Dans  la  locut. :  Avoir 
le  champeau  (gosier?)  en  devalant  —  aimer  ä  boire",  s.  v.  branles: 
„Zigzags  que  l'on  fait  d'un  bord  ä  l'autre  de  la  riviere  lorsque  Ton 
tend  les  cordes",  s.v.  epinoches:  „tendre  des  epinoches  —  alleren 
titubant.  Probablement  par  allusion  au  pecheur  qui  ne  les  tend 
pas  en  lignes  tres  droites."  Das  System  von  Schnürchen,  an  denen 
die  Angelhaken  befestigt  sind,  cordee  oder  trahiee  genannt,  ist  also 
gewifs  nichts  Festes,  wie  die  Bezeichnung  hranle  zeigt:  avoir  le 
cha?7ipeau  en  devalant  heifst  wohl  auch  dasselbe  wie  tendre  des  epi- 
noches , schwanken,  schiefgehen'  >   ,  betrunken  sein'  (ein  Vergleich 


*  Das  hat  einen  tiefen  Grund:  ist  das  Objekt  eine  Bezeichnung  eines 
unserer  Körperteile,  so  färbt  gewissermafsen  die  Selbstverständlichkeit,  mit  der 
wir  unseren  Körper  und  seine  Teile  betrachten,  aufs  Grammatische  ab:  das 
Objekt  verschmilzt  leichter  mit  dem  Verb:  boud-souffler  ,den  Bauch  aufblasen', 
cultourner,  capvirar,  capovol^ere  etc.  Es  spiegelt  sich  hier  wieder  einmal 
sprachlich  die  Art,  wie  der  Mensch  seinen  Körper  betrachtet:  vgl.  den  Dual 
zum  Ausdruck  paariger  Glieder  usw.  (hierüber  sehr  Beachtenswertes  bei  Torczyner, 
Die  Entstehung  des  semitischen  Sprachtypus  S.  287).  Die  anders  gearteten 
Beispiele  G.'s  sind  fast  durchweg  zu  stieichen  (über  ipigousser  s.  u.  S.  28;  über 
cailleboter,  couilLvarder,  cluneter,  hier  40,780;  über  escarbillat  s.  u.  S.  27;  guet- 
apens  erklärt  G.  Paris  anders,  wie  G.  selbst  anführt).  Es  bleiben  nur  die  Typen 
chanfreindre,  ^tanficher,"A\Q  wohl  aus  termini- technici  einzelner  Handwerke 
stammen  und  daher  auch  jene  das^Selbstverständliche  andeutende  Worteinung 
zeigen.  Übrigens  zeigt  vielleicht  cultourner,  capovolgere  nicht  Akkusativobjekt, 
sondern  eine  Lokalbestimmung:  ,auf  den  Kopf,  den  cul  stellen'. 


22  LEO    SPITZER, 

der  Kehle  mit  dem  Angelhaken,  etwa  weil  sie  beide  nals  werden, 
liegt  ja  wohl  nicht  vor).  Warum  sollte  nun  nicht  die  kleine  cordil- 
lette  (auch  champeau  genannt),  die  von  der  cordie  abzweigt,  als 
, etwas,  was  sich  freimacht,  lose  hängt*  etc.  bezeichnet  werden  (afrz. 
eschampeler  ,erfleurer',  südfrz.  a  Vescampiketo  ä  la  vol6e',  deren 
Beziehung  zu  mnl.  scatjipeti  , ausgleiten',  scampekn  etc.  noch  geklärt 
werden  müfste  i) :  südfrz.  escampiheto  übersetzt  Mistral  mit  ,irainte  de 
choses  rt^pandues',  also  mit  demselben  Wort,  das  dies  Angelsystem 
in  Anjou  bezeichnet:  das  einzelne  Schnürchen  samt  Haken  heifst 
dann  hhampeau,  also  aus  einem  echampeUe  gebildet  wie  cordean 
,lignes  de  fond  a  deux  brins'  zu  cordk.  Ein  khampeau  mufs  nicht 
, Flucht,  Befreiung'  heifsen,  wie  G,  meint,  sondern  eher  ,der  Flücht- 
ling', -eau  individualisiert  wie  -on  in  echelon.  Allenfalls  könnte  man 
auch  an  nfrz.  khamp  ,intervalle  de  deux  rangees  de  ceps  de  vigne' 
(zu  eschatnper  ,  Ausweg')  denken,  indem  die  parallelen  cordülettes  an 
die  Gänge  eines  Weinbergs  erinnert  hätten.  2 

12.    ¥tz.  e'chauboulure  ,  Hitzblatter* 

wird  vom  Dict.  g6n.  wie  von  Gamiilscheg  Ztschr.  41,  508  von  chaud 
-\-  houillir  abgeleitet.  Die  Analogien,  die  letzterer  anführt,  sind 
nicht  ganz  überzeugend:  wall,  dürmener  ,mifshandeln'  kann  ein 
Germanismus  sein,  boul.  grimaille  , schwarz  und  weifs  gefleckt'  mufs 
nicht  von  gris  mailler  ,in  Grau  sprenkeln'  ausgehen,  sondern  wird 
von  gris  maille  (vgl.  Jaubert:  un  chien  mailU  ,tachet6')  ausgehen, 
wobei  noch  mele  und  grifneler  (zu  grim  , düster',  vgl.  die  Formen 
wie  grimoler  in  nördl.  Dialekten)  auch  in  Betracht  kämen.  Ich 
kenne  nur  Fälle  von  Partizipien  wie  frz.  haut  tondu,  haut  huppe, 
grascuit,  ital.  altolocato  usw.  Ohne  dafs  ich  die  theoretische  Mög- 
lichkeit von  erstarrtem  Adverb  +  Verb  leugne,  möchte  ich  khau- 
boulure,  über  das  Menage  bemerkt :  „Echauboule:  qui  cutim  papulis 
exasperatam  habet,  dit  Nicot.  Les  Angevins  prononcent  echau- 
bouill6",  letzteres  eine  Form,  die  1549  schon  bei  R.  Etienne  belegt 
ist,  von  carhunculus  , Karbunkel'  (cf,  ital.  carlonchio  ,bolla',  wall. 
khaiihouilliire  ,ampoule'  Grandgagn.)  ableiten:  vgl.  REW  1677: 
afrz.  escarhoucle    , Karfunkel',    charbouille    , Getreidebrand',    charbucle, 


\ 


1  Francks  Vermutung,  dafs  afrz.  eschampeler  .efifleurer'  aus  dem  Ger- 
manischen stamme,  hat  wenig  für  sich. 

*  Frz.  (e)chatnplure  ,deperissement  des.  bourgeons,  des  rameaux  des  vignes, 
des  arbres  fruitiers,  sous  l'action  des  gelees  d'hiver'  ist  nach  Dict.  g6n.  un- 
bekannter Herkunft.  Littr^  hat  einen  Artikel  ichampele  ,qui  n'a  pas  forme 
de  boutons  avant  les  chaleurs,  en  parlant  de  la  vigne'  wobei  er  an  bürg. 
vignes  champelies  ,im  Winter  abgefroren'  erinnert.  Die  Aufklärung  geben 
die  Artikel  champoue  und  champier  bei  Chambure;  „En  Poitou ,  champeau 
est  un  adj.  qui  qualifie  le  pr6  que  l'on  ne  fauche  pas,  qui  est  pacage".  „Dans 
son  ^mile ,  J.-J.  Rousseau  emploie  le  terrae  champeaux  pour  ddsigner  des 
prds  secs,  des  prds  ^lev6s".  Also  die  Brachfelder,  die  der  Weide  überlassen 
werden,  sind  gemeint  (vgl.  prds  champaux  bei  God.  und  Dict.  gen.  s.  v. 
champeaux  und  champaye  Littr^  SuppL):  von  , brach,  trocken'  kommen  wir 
zu  , abgefroren'. 


GAMILLSCHEG'S    „französische    ETYMOLOGIEN".  2^ 

chamhrule  , Mehltau'.  Dafs  chaud,  chauffer^  hoiile,  böüillir  stets 
volksetymologisch  mithalfen,  ist  selbstverständlich,  übrigens  konnte 
charbouille  y  charhoucle  sich  wie  afrz.  eschargaite  (=  skarwacht)  zu 
echauguette  mit  au  [o)  entwickeln.  Bei  chaud  -\-  bouillir  bleibt  auch 
die  Schwierigkeit  des  ichaiiloii(il)U  statt  *t'chaubouüli,  das  trotz 
des  Substantivs  echauboii(il)hire  erhalten  bleiben  müfste,  was  man 
erst  durch  Fälle  wie  etwa  nerf-firer  neben  nerfirure,  nerfiru 
stützen  müfste.  Ich  vermute,  dafs  das  von  Gamillscheg  Ztschr. 
40,  169  als  Pejorativpräfix  cha-,  ca — |-  brüU  aufgefafste  chat-brüU 
»steinige  Herbsibirne'  (weil  diese  Birnenart  auf  der  einen  Seite 
stark  gerötet  ist)  ebenso  wie  lüttich.  chanburli  , schlecht  rauchen, 
brennen'  zu  dem  von  Thomas  MeL  46  erwähnten  chambrule  , Mehl- 
tau* (=  charboucle)  gehört.  Hierher  noch  anjon.  ichaubourdir  ,tuer 
de  chaleur,  frapper  d'  insolation'  (Verrier-Onillon). 

13.    Frz.  ecoeurer. 

Gamillscheg  meint  (Ztschr.  41,512),  ein  ecoeurer  als  Ableitung 
von  coeur  könne  nur  heifsen  ,das  Herz  herausreifsen'  oder  ,aus 
dem  Herzen  reifsen';  „selbst  wenn  man  von  einem  coeur  in  der 
übertragenen,  euphemistischen  Bedeutung  , Magen'  ausgeht,  ist  die 
Bedeutung  .anekeln'  nur  schwer  aus  dem  Zusammenhang  zu  ge- 
winnen". Er  geht  dann  von  afrz.  asquerour  zu  ascre  ,Ekel'  (zu 
ascra  REW  700)  aus,  von  dem  ein  *ascrourer  gebildet  sei,  „das 
nach  einem  afrz.  Lautgesetz  zu  *acourer,  *acoeurer  werden  müfste", 
worauf  dann  coeur  sich  einmischte  und  ein  *acoeurer,  das  nur 
,zum  Herzen  gehen'  bedeuten  konnte,  sich  in  koeurer  wandelte. 

Ich  glaube  nun  nicht,  dafs  ein  ecoeurer  nur  die  beiden 
postulierten  Bedeutungen  haben  kann,  vielmehr,  dafs  man  statt 
,aus  dem  Herzen  reifsen'  auch  sagen  kann  ,aus  dem  Herzen 
(Magen)  hinausbefördern'  —  so  kommen  wir  zu  reims.  dicoeurer 
,vomir'  (Saubinet),  genau  so  gebildet  wie  kat.  dibocar  , speien', 
ferner  anj.  decottirable  ,ecoeurant,  d^goütant',  dicoeur  ,degoiit' 
[prendre  ä  dicoeur  wie  afrz.  a  des  coeur  ,ä  contre-coeur')  —  und  dafs 
man  statt  ,das  Herz  herausreifsen'  sagen  kann  ,die  Besinnung 
rauben*  (vgl.  ital.  scorarsi),  wie  ja  auch  Littre  ecoeurer  übersetzt 
, faire  perdre  le  coeur'  (vgl.  bei  Amyot  montrer  quHls  tiavoient  point 
le  cueur  failly,  das  in  dem  coeur  failli  bei  Corblet  weiterlebt;  le 
coeur  vie  manque',  avoir  le  coeur  mort  ,se  sentir  tres  faible'  etc.). 
Von  , faire  perdre  le  coeur'  zu  , faire  venir  des  naus6es'  ist  aber 
nicht  mehr  weit:  vgl.  anjou.  tirer  du  coeur  ,vomir',  coeurasser  , faire 
des  hauts-le-corps,  avoir  mal  au  coeur',  koeure  ,tres  fatigu6  et 
affame*  (Verrier-Onillon  erinnern  an  Ausdrucksweisen  wie:  fat  une 
faim,  que  fett  ai  mal  au  coeur).  Vgl.  noch  den  afrz.  Beleg  in 
Toblers  Wörterbuch  s.  v.  acorer :  Et  ü  en  [de  vin]  boit  tant  quHl 
s^a(n)qure. 

Ecoeurer  ist,  wie  G.  sagt,  erst  im  1 7.  Jh.  belegt.  Nun  müssen 
wir  aber  fragen,  seit  wann  denn  coeur  für  , Magen'  dient:  Littre 
belehrt  uns  darüber  s.  v.  coeur  Nr.  14:   ,denomination   qui  vient  de 


24  I-EO   SPITZER, 

ce  que,  dans  lancunne  anatomie  grecque,  on  donnait  le  nom  de 
coeur  a  l'orifice  cardiaque  ou  siiperieur  de  l'estoraac,  et  le  nom 
de  douleur  de  coeur  aux  douleurs  d'estomac'  und  im  Historique 
zitiert  er  zwei  ganz  entsprechende  Belege  aus  Par6  (i6.  Jh.).  Cuer 
du  ventre  findet  sich  übrigens  schon  im  Altfrz.  (God.,  vgl.  nun 
K.  Glaser,  Zum  Bedaitungs7vandel  im  Franz.  (1922)1  S.  24).  Coeur 
in  der  Bdtg.  .INIagen'  finde  ich  unter  Littre's  Belegen  erst  im 
15.  Jh.  bei  Froissard  {ä  coeur  jeun),  dann  bei  Montaigne  {faire 
mal  au  coeur).  Es  ist  also  sehr  wahrscheinlich,  dafs  erst  unter 
gelehrten  Einflüssen  die  von  Pare  schon  als  volkstümlich  be- 
zeichneten Ausdrucksweisen  mit  coeur  , Magen'  aufkamen,  so  dafs 
tcoeurer  , ekeln'  erst  von  diesem  terminus  a  quo  an  auftreten  konnte. 
Möglich  ist',  dafs  über  ein  ecoturer  ,der  Besinnung  berauben'  sich 
ein  , anekeln'  drüber  gelagert  hat:  dies  beweist  das  icoeurer  ,alan- 
guir'  Sainte-Beuves  (bei  Jaubert  zitiert). 

Die    bei    Jaubert    belegten    öcoeunier.,    icoeurdir    mit    ihrem    d 
scheinen  auf  cor,  cordis  zu  weisen,  aber  vgl.  tclardir  neben  eclarzir. 

14.    Frz.  ecourgeon,  escourgeon 

ist  nicht  ,hordeum  vulgare',  wie  Gamillscheg  Ztschr.  192 1,  S.  582 
angibt,  sondern  ,hordeum  hexastichum',  wie  bei  Nemnich  zu  er- 
sehen ist.  Die  Etymologie  dtsch.  sodkorn  kann  ich  nicht  billigen, 
weil  die  Umgestaltung  von  sodkorn  zu  sokorö  mir  vor  allem  schwierig 
scheint.  Methodisch  richtiger  scheint  es  mir,  bevor  wir  ins  Un- 
endliche der  Spekulation  schreiten,  die  Sprache  selbst  nach  allen 
Seiten  durchzugehen  —  und  besonders  die  Anklänge,  die  im  Innern 
der  Sprache  sich  bieten,  kritisch  zu  prüfen.  Da  fällt  mir  nun  der 
Parallelismus  der  ^'aYörr^^w/a-Entwicklungen  mit  unserer  ecourgeon- 
Sippe  ins  Auge:  escourgeon  ist  der  .Lederstreifen  (zu)  einer  Kar- 
batsche'  (S.-Vill.,  bei  God.  schon  afrz.  escorjon  in  obszöner  Be- 
deutung belegt,  vgl.  dtsch.  Rute),  ccourgie,  escourgie,  rouchi.  ecorie, 
kourie,  die  .geflochtene  Riemenpeitsche'  (schon  im  13.  Jh.  in 
dieser  Bedeutung  bei  Littre  belegt),  st.  pol.  ecoriö  ,cordon  de  soulier', 
ecorionür  .ecorchure'.  Das  Suffix  -on  in  escourgeon  hat  wie  auch 
sonst  individualisierende  Bedeutung:  der  escourgeon,  der  einzelne 
Lederstreifen,  verhält  sich  zu  escourgie,  der  Lederpeitsche,  wie  ichelon 
, Stufe'  zu  echelle  , Leiter'.  Wie  nun  aber  die  Bedeutung  vermitteln? 
Das  Brockhaus'sche  Konversationslexikon  s.  v.  Gerste  sagt  von  der 
Art  hordeum  hexastichum :  „bei  letzterer  sind  die  Ährchen  genau 
in  sechs  gleichweit  entfernte  Zeilen  gestellt,  die  Ährchen  deshalb 
walzenförmig".  Mit  dieser  Eigentümlichkeit  der  Ährchen  hängen 
auch  die  deutschen  Benennungen  Rollgerste,  Stockgerste  (Nemnich, 
Pritzel-Jessen)  zusammen.  Die  frz.  Bezeichnung  heifst  also  etwas 
wie  .(Peitschen) -Riemengerste'.  Dafs  die  Bezeichnung  escourgeon 
aus  dem  Norden  gekommen  sei,  möchte  auch  ich  mit  G.  annehmen, 


'  Vgl.    noch    rum.  durere    de    inima    .Bauchgrimmen',    lingiira    inimei 
.Magengrube'  zu  inima  .Herz'. 


GAMILLSCHEG'S    „französische   ETYMOLOGIEN".  25 

darauf  deutet  aufser  den  ältesten  Belegen  das  erhaltene  s  sowie 
die  (wallonische)  j>5-Erhaltung :  skuriö  (geschrieben  secourion)  wie 
mons.  skoirsi  ,ecorcher'  (Meyer-Lübke,  Ro?n.  Grainm.  I,  398). 

15.  egoger. 
egoger  ,von  einem  Kalbsfell  Ohren,  Schwanz,  Klauen  usw.  los- 
trennen' würde  ich  lieber,  als  es  von  einem  so  allgemeinen  und 
erst  konstruierten  *exgalicare  (zu  einem  gall.  *galä  , Macht'),  das 
doch  nur  , entkräften*  bedeuten  konnte,  abzuleiten,  zu  REW  2999 
*excuiicare  , enthäuten'  (tosk.  scoticare  ,die  Schwarte  abziehen',  frz. 
äoucher  ,Hauf  und  Flachs  brechen'  nach  Thomas'  Etymologie) 
stellen.  Das  südfrz.  egoja,  igocha,  iglaja  , mausern'  gehört  wohl 
nicht  hierher. 

16.    Frz.  endever,  rever. 

Wir  haben  in  letzter  Zeit  fast  gleichzeitig  zwei  Deutungen  des 
afrz.  desver,  derver  , träumen'  erhalten,  von  Marchot  Rom.  1921,  221  ff. 
und  Gamillscheg  Ztschr.  1921,  5 18  ff.  Beide  gehen  von  zwei  gleichen 
Grundgedanken  aus:  l.  die  urspr.  Form  ist  derver,  nicht  desver, 
2.  die  ältesten  Belege  zeigen  die  transitive  Verwendung  derver  le 
sen(s).  Dann  aber  trennen  sich  die  Wege  beider  Gelehrter :  Marchot 
nimmt  derivare,  *disrtvare  im  Sinn  von  ,d6router,  ddvier  la  raison', 
Gamillscheg  ein  germ.  *reufan  "»zerreifsen,  zerbrechen'  als  Lehn- 
übersetzung von  *corritptiare  (>  *rieve  —  rever),  woraus  dann  derver 
wie  derompre  zu  rompre.  Sprachgeographie  {derver  nur  in  Nordfrkr.!) 
wie  Lautentwicklung  [desver  im  Altfrz.)  sprechen  sehr  für  G.,  die 
Einfachheit  der  Deutung  aber  für  M. 

Bei  Gamillscheg  scheint  mir  ^  vor  allem  mifsHch,^"  dafs  rever 
nie  in  der  Verbindung  rever  le  sens  belegt  scheint,  wo  doch  das 
Simplex  dem  Kompositum  derver  hätte  vorausgehen  müssen.  Ferner 
wenn  germ.  *reu/an  Lehnübersetzung  aus  *corruptiare  ist,  warum 
haben  die  Franzosen  nicht  das  deutsche  Wort  für  C(r  mitüber- 
nommen? Ferner  desver  hat  ^  (Cohn  Ztschr.  18,203  ""d  Abhandl. 
Tohler  dargebracht  S.  270),  wie  wäre  das  bei  dl-  mögUch?  Bei 
Marchot  stellt  sich  allerdings  derselbe  Einwand,  aber  er  überbrückt 
ihn  durch  Annahme  der  Ausgleichung  von  stammbetonten  nach 
stammunbetonten  Formen.  Endlich  liegt  doch  die  Bedeutung  von 
rever,  die  in  ältester  Zeit  von  Cohn  als  ,ein  mafs-  oder  sinnloses, 
und  zwar  entweder  geistiges  oder  seelisches  oder  physisches, 
Schwelgen'  definiert  wird,  sehr  weit  von  *corruptiare  {courroucier) 
,das  Herz  brechen'  ab.  (Allenfalls  könnte  G.  ,reifsen,  brechen' 
>, trauern'  ohne  Zuhilfenahme  der  Lehnübersetzung  annehmen: 
vgl.  lt.  lügeo  nach  Walde  zu  ai.  rtty'^V/ »zerbricht',  lit.  /?i2// , brechen'). 
Und  wieso  hielt  sich  nicht  das  Gefühl  der  Zusammengehörigkeit 
von  rever  und  derver,  so[dafs  in  (en)dever  das  r  verstummen  konnte? 

Ich  glaube,  wir  ^'müssen  also  rever  und  derver  am  besten 
trennen  und  derver  (von  dem  lautlichen  Vorbehalt  gegen  Marchot 
abgesehen,    dem    man  etwa  mit  Hinweis  auf  r^te  —  reter  begegnen 


26  LEO    SPITZER, 

könnte),  von  derivare  ableiten.  Als  Parallele  können  die  von  Cohn 
erwähnten  desvoiie,  marvoie  du  sens  dienen  und  It.  delirare  selbst.  JRever 
aber  ist  vielleicht  dtsch.  Reue,  reuen  (as.  hriowaii)  , schmerzen,  be- 
trüben', ahd.  hrimvati  ,  betrüben,  verdriefsen ',  germ.  Grdf.  ^hriwwan, 
entwickelt  wie  das  von  Gamillscheg  angeführte  tritve,  ireve  aus 
*ireuwa.  Vgl.  noch"  die  ?- Formen  bei  God.  Nach  Falk-Torp  ist 
die  urspr.  Bdtg.  der  germ.  Sippe  »schaudern,  schauern'  (vgl.  ags. 
hreoh  ,rauh  vom  Wetter,  betrübt,  wild'):  also  von  ,wild'  ist  fürs 
Frz.  auszugehen.  Rever  mufste  ^  haben,  danach  konnte  *derver 
>  dfrver  werden.  So  erklärt  sich  denn  das  derver  le  sens  neben 
rn^er  (ohne  sens).  Die  Bdtg.  ,rejouissance'  , Ausgelassenheit,  tolles 
Treiben',  die  afrz.  reve  hat  (Cohn  1.  c),  erinnert  an  as.  drom  , Traum' 
neben  drom  , lärmendes  Leben,  Freude'  und  dream  , Jubel,  Freude', 
die  Kluge  s.  v.  Trautn  voneinander  trennt,  während  Falk-Torp  beide 
unter  dem  gemeinsamen  Begriff  ,  verwirrter  Lärm,  Sinnesverwirrung, 
Gaukelei'  vereinen.  Falls  aber  die  Zugehörigkeit  von  as.  hreoh 
zur  Sipppe  von  hrewan  bestritten  wird,  so  böte  sich  immer  noch 
für  das  Nebeneinander  dtsch.  Reue  , Trauer'  —  frz.  reve  ,Wut, 
tolles  Wesen'  das  Nebeneinander  von  dtsch.  Gram  und  Grimm 
als  Parallele. 

Für  den  r-Laut  zeugt  auch  noch  das  kat.  *darbar,  das  ich  an 
folgender  Stelle  des  Spill  des  Jacme  Roig  (14.  Jh )  finde:  V.  3505 
— 11:  una  torbada  dona  darb a da,  taft  rabiosa  com  ansiosa  de  ser 
amada,  entenebrada  per  lo  diable  —  man  erkennt  sofort  die  Wendung 
femme  desvee  des  afrz.  Adamsspiels  wieder,  die  ja  Marchot  für  die 
Verallgemeinerung  der  endungsbetonten  Formen  verantwortlich 
macht.  Zu  dem  darbada  führt  Chabas  sp.  adarvar  ,pasmar,  atur- 
dir'  an,  das  das  Wb.  der  span.  Akademie  zu  arab.  Häraba  ,ser 
sacudido'  (!)  stellt,  in  Wirklichkeit  aber  wohl  aus  dem  Katal.  ent- 
lehnt ist.  Eguilaz  y  Yanguas  operiert  mit  einem  arab.  dd-davar 
,aturdimiento',  aber  -ar  ist  doch  die  sp.  Infinitivendung  und  das  r 
mufs  er  durch  „euphonischen"  Einschub  erklären.  Vielleicht  ist  es 
nicht  zufällig,  dafs  das  lat.  Wort  derivare  auf  weiterem  (nordfrz., 
kat.),  das  germanische  hriuivan  nur  auf  nordfrz.  Gebiet  sich  fortsetzt. 

Es  ist  bemerkenswert,  dafs  wir  durch  diese  Ableitung  von 
reve  aus  dem  Germ,  zu  orgueil  ein  neues  Abstraktum  hinzu- 
gewinnen ,  das  die  Romanen  germanischem  Empfinden  nach- 
empfunden haben  müssen :  was  wäre  denn  auch  deutscher  als  das 
Träumen!  Und  doch  will  mir  scheinen,  dafs  erst  in  neuerer  Zeit 
frz.  reve  jenes  Träumerische,  Vergeistigte  und  Verinnerlichte  er- 
rungen hat,  das  es  deutschem  Traum  anähnelt.  Der  „Exzefs"  ist 
erst  allmählich  zu  beschaulich -ruhigem  Sehnen  abgeklärt,  in  eine 
geborgte  Worthülse  ist  später  ein  eigener  Inhalt  eingefüllt  worden. 

17.    Frz.  entraü 

übersetzt  Sachs -Villatte  mit  , Spannriegel,  Zug-,  Binderbalken  eines 
Hängewerks,  Kehl-,  Hahnen-,  Stichbalken'.  Der  , Bindebalken'  wird 
vom  kleinen  Sanders  definiert  , zwei  Wände  verbindend'.    Deutlicher 


GAMILLSCHEG's    „französische   ETYMOLOGIEN".  2"] 

ist  die  Definition  des  Dict.  g^n.,  die  Gamillscheg  Ztschr.  41,  521 
erwähnt  und  am  deutlichsten  die  Abbildung  des  kleinen  Larousse 
s.  V.  ferme.  Die  Etymologie  G.'s  entrait  =  entre  ais  hat  den  Haken, 
dafs  nicht  Bretter  {ais)  sondern  Balken  {arhaUtriers)  verbunden  werden. 
Aufserdem  haben  wir  südfrz.  entrach,  entra,  entrit  neben  antrh,  tressoti, 
die  aus  dem  Plural  zu  verstehen  sind.  Ich  glaube  allerdings  auch 
nicht,  dafs  mit  Dict.  gen.  ein  Übergang  »Pflaster*  >  , Bindebalken' 
vorliegt  (obwohl  schliefslich  der  Übergang  vom  Wunden  schliefsenden 
Pflaster  zu  dem  durch  Mörtel  verbundenen  Steinpflaster  auch  kein 
gröfserer  Sprung  ist),  sondern  dafs  angesichts  der  deutschen  Be- 
nennung , Bindebalken'  und  des  synonymen  südfrz.  cengloun  von 
einem  lat.  inirahere  , schleppen,  zusammenziehen'  auszugehen  ist 
O  südfrz.  eniraire  »passen'):  vgl.  frz.  trait  ,Tau,  Strang',  trait  de 
hateaux  , Reihe  zusammengekoppelter  Kähne'. 

18.   Frz.  s'epaufrer  ,sich  abschiefern',   epaufrure  , ab- 
gesprengtes Steinstück' 

erklären  Dict.  gen.  und  Gamillscheg  Ztschr.  41,  522  aus  epeautrer 
-\-  irafler.  Ich  würde  an  die  im  REW  6371  s.  v.  mengl.  pelfe 
, Beute'  besprochene  Sippe  afrz.  pelfre,  norm,  pöf  ,Ausschufsware, 
Plunder'  anknüpfen,  an  die,  wie  ich  Lexikal.  aus  d.  Katal.  S.  115 
darlege,  sp.  despilfarrado  , zerlumpt'  anschliefsen  mufs ;  dabei  ist 
natürlich  Einflufs  der  'sv^^&  fahippa  {REW  ^ij^):  neuprov.  desfilfrd, 
esfetipd  ,effilocher,  parfiler,  dechirer'  jederzeit  möglich.  Für  ipeautrer 
wäre  noch  Bruchs  Aufsatz  in  Ztschr.  f.  vgl.  Sprachforsch.  46,  370  ff. 
heranzuziehen. 

19.  Frühnfrz.  ^j^ö;r<52//(3;/ .aufgeweckt',  w^xov.  escarrahüha 

,  aufmuntern ' 

gehören  nicht  zu  caravilha  , sticheln,  betrügen'  und  diese  nicht  zu 
aprov.  caravirar  ,die  Partei  wechseln'  {Ztschr.  41,  52).  Als  Grundsatz 
für  etymologische  Forschung  betrachte  ich  immer  das  Ausgehen  vom 
Konkreteren,  Sinnfälligeren,  Ungeistigeren:  das  .Partei  wechseln' ist 
ein  Ausdruck  juristischer  oder  politischer,  jedenfalls  hochkultivierter 
Kreise,  daher  könnte  nur  , sticheln'  der  Ausgangspunkt  sein.  Neben 
caravilha  steht  nun  carvilha  ,cheviller,  ficher,  planter'  und  daneben 
,chicaner,  critiquer'  (letzteres  nicht  zu  cavillare,  wie  Mistral  will): 
hier  haben  wir  also  die  Vorstellung  des  , Sticheins'  oder  .Stechens'. 
Die  Form  caravilha  stammt  von  escarrabilha  , reizen'.  Dieses  selbst 
gehört  zu  carabus  , Krebs'  {REW  1671)  oder  scarabaeiis  (südfrz. 
escar(a)bat  'Käfer,  Gekritzel'),  vgl.  Lexikal.  aus  d.  Katal.  S.  60/61, 
wo  auch  eine  Reihe  katal.  Formen  angeführt  ist. 

20.  Frz.  e'ianfon  , Deckbalkenstütze*,  etance  , Deckstütze*, 

aprov.  estan  , Pflock* 

will  Gamillscheg  Ztschr.  41,  524  aus  fränk.  *stamn  , Stamm'  herleiten. 
Dagegen  sprechen  bearn.  esiant  ,etai',  sp.  estante  ,pilier'  (Oudin), 
heute  , Bücherbrett',  estental  ,estnvo  de  pared',  estenta  , estante,  grosse 


28  LEO    SPITZER, 

poudre'  (Oudin),  kat.  estanterol  ,  Säule  auf  dem  Hinterdeck  der  Ga- 
leere*, estantot  ,sustentatje,  estaferm'  (vgl.  die  i?^ PF 8 231,  Wagner, 
Das  ländliche  Lehm  Sardiniens  S.  19  und  Verf.  Lhl.  1Q14  Sp.  398 
angeführten  Formen,  ferner  die  Dict.  gen.  gegebenen  Parallelen  stay 
und  Ständer). '^  Dasjouchi,  etamet  könnte  natürlich  aus  *äan  , Pflock' 
wie  itiuner  aus  äcmi  abgeleitet  sein,  doch  glaube  ich  eher  an  Zu- 
sammentreffen der  beiden  Sippen  *j'/ö7«»/  (zu  der  ja  noch  die  JiEW 8  2 22 
angeführte  wallon.  Sippe  gehört)  und  *sians.  Das  afrz.  esianfichier  hat 
eine  genaue  Entsprechung  in  südixz.  paufica,  palafica,  kaX.  palplantar 
{Lhl.  1 9  2 1 ,  Sp.  191).  Unter  den  S.  5 1 6  erwähnten  Fällen  von  erstarrtem 
Akkusativobjekt -f-  Verb  ist  epigousser  , aufschinden'  zu  streichen:  vgl. 
anjou.  ipigots  ,enveIoppe  du  froment,  du  ble',  epigotis  ,dechets  du 
battage  d'orge,  d'avoine,  etc.',  epicotoir  ,crible  pour  passer  le  grain, 
les  epicots  ou  ipigots',  s'epibocher  ,s'^corcher'  (Verr.-On.),  ipigocher 
,irriter  un  bouton  (avec  les  ongles)'  bei  Dottin,  also  zu  spica. 

21.  fauher  , Schwabber,  Schiffsbesen' 

leitet  Gamillscheg  Zischr.  41,634  von  einem  ^/orsberter  (zu  *barta 
, Gestrüpp')  ab,  wobei  herte  „ursprünglich  eine  Art  Besen  aus  Gestrüpp, 
wie   sie   am  Lande   noch   heute   gebräuchlich  sind"    bedeutet  hätte. 


1  Das   deutsche  Ständer   zeigt    eine   Personifikation   eines   Gegenstandes, 
die  bei  einem  dem  Menschen  gleich  aufrecht  stehenden,   gewissermafsen  einen 
Willen  in  der  Welt  ausdrückenden,  sich  in  ihr  behauptenden  Gegenstand  nicht 
wundernimmt.    Daher  finde  ich  auch  die  Deutung  des  frz.  etendard  aus  einem 
dtsch.  *  Standhart   .aufgestellte   Fahne'    (wie    rotwelsch    Rauschert   ,  Stroh'  = 
, rauschendes  Ding')  durch  Bruch,   Ztschr.  38,  682  f.  sehr  glücklich.    Ich  möchte 
noch  engl.  Standard  of  life,  of  vahie  und  nl.  staandaert  erwähnen,  die  Skeat  und 
Franck  jedesfalls  aus  Einflufs  des  Verbs  , stehen'  zu  erklären  gezwungen  sind.  Bei 
Gamillscheg's   Deutung   (=  stand-ort   , Standort'  Ztschr.  41,  529)    tauchen    mir 
folgende  Bedenken  auf:   l.  G.  mufs_^Umbildung  feines  Standort '^  *estandourd 
>■  -ard  annehmen,  2.  fränk.  -ord  soll  in  der  Bdtg.  , Platz'  stehen,  aber  im  Ahd. 
ist   diese   nach  Kluge    noch    nicht  zu  finden,    3.  die  Bdtg.  .Standplatz'  ist  im 
Afrz.   nach  God.'s  Belegen  jünger  als  , Fahne'  und  a  priori  ist  die  konkretere 
Bdtg.  die    ursprüngliche.     Gegen  Bruch   spricht   nur    das  späte  Auftauchen  des 
deverbalen    -hard  in  deutschen  Appellativen  —  aber  wer  weifs,    ob  nicht  das 
Rotwelsch  alte  Traditionen  der  gesprochenen  Umgangssprache  fortsetzt?     Und 
Namen   wie   Escorchard   (Meyer -Lübke,  Hist.  Gr.  d.  frz.  Spr.  2,  §45)    sind 
ebenso  deverbal  wie  dtsch.  Tappert,   also  konnten  auch  personifizierte  Gegen- 
stände   diese  Namen    bekommen.     Übrigens   ist   aufser    den   von    Bruch   schon 
erwogenen  deverbalen  Bildungen  auf  -ard,   die  Gegenstände  bezeichnen,   noch 
hl.  plantar d  .Steckling'  ,  Setzstange'  zu  erwähnen,  das  sich  sehr  gut  mit  gleich- 
bedeutendem plangon   vergleichen    läfst:    beide   haben   ein  individualisierendes 
Suffix,  das  urspr.  zur  Namengebung  von  Menschen  verwendet  wurde:  Richard 
—  Cicero.     Schliefslich   sind   wir  ja  bei  der  ganzen  Erklärung  des  Appellativ- 
Suffixes  -ard  darauf  angewiesen,  eine  Gebrauchsweise  im  Dtsch.  zu  erschliefben, 
die    dann    erst    im    Romanischen^'zum    Vorschein    kommt:    der    Typus    eines 
linguistischen  „Einsturzes",  wie  Jud  sagt!     Vielleicht  erklärt  sich  so  auch  das 
bisher  nicht  aufgeklärte  frz.  hangar  (bei  Du  Gange  aus  dem  15.  Jh.  hangardium), 
dessen   h    in  Belgien    gesprochen    wird    (wodurch    angarium   aus  angaria  aus- 
geschlossenjist)~und    das   geradejfür^Belgien   in   der  ersten   Zeit   seines  Auf- 
tretens   belegt   wird,    aus   einem    *  hanghart   .Hänger',   urspr.   also  .fliegendes 
Dach'.     Vgl.   noch    dtsch.  Jauchert   .soviel   Landes,    als    ein  Joch  Rinder  an 
einem  Tag  umzuackern  vermag',  mhd.  egerte  .Brachland'  (Klnge  s.  v.  yai/chert) 
mit  einem  ebenfalls  lokal  gewordenen  -hart. 


GAMILLSCHEG'S    „französische    ETYMOLOGIEN'*.  2g 

Dagegen    spricht   die    bei    Sachs-Vill.    belegte  Form  fauberder,    die 
das  Verb  als  sekundär,  das  Substantiv  faubert  als  das  Ursprüngliche 
erweist,    ferner    die  Nichtexistenz    eines  */orsbalayer  , hinauskehren', 
endhch  eine  sachliche  Erwägung:  es  handelt  sich  um  einen  Schiffs- 
besen    und    wir  dürfen  daher  nicht  ohne  weiteres  die  Verwendung 
eines  Landbesens  auf  dem  Schiff  supponieren.    Sehen  wir  uns  also, 
bevor    wir    zu    etymologisieren    versuchen,    die    Sache    an!       Der 
Schwabber    ist    nach    einem    Beleg    im    Dlsch.  Wb.    ,ein    bund   aus- 
gedreheter  fäden  eines  alten  schifftaues,  so  an  einen  stiel  gebunden 
sind,    und  anstatt  eines  besens  zur  reinigung  der  schiffe  gebraucht 
wird*.    Genau  so  beschreibt  uns  der  Dict.  gen.  den  fauber  ,faisceau 
de  fils  de  caret  pour  laver  et  ^ponger  le  pont  d'un  navire',  Mistral 
s.  V.  radasso  ,ecouvillon,  vadrouille,  faubert,  balai  fait  avec  de  vieux 
cordages,    dont   on    se    sert   pour   nettoyer  le  pont  d'un  vaisseau'. 
Synonym    mit  fauber   ist    frz.  vadrouille    ,tampon    de    laine    fixe   au 
bout    d'un  bäton  pour  nettoyer  le  pont'  (verwandt  nach  Dict.  gen. 
mit  badrouüle  ,d6bris  de  vieux  cordages  goudronn^s  .  .  .*)  —  lauter 
Angaben,    die    nicht  zum  , Gestrüppbesen'  passen.     Von  der  Beob- 
achtung ausgehend,    dafs  radasso  auch  ,chose  vile  ou  usee',  ,rossi- 
nante,    mazette',    ,vaurien,    faineant'    bedeutet   und    zu   rada  ,raser, 
fröler*  gehört,  vadrouille  nach  Sainean,  Le  langage  parisien  au  XIX' 
sücle  S.  167   zu  havre.  vadrouiller  ,se  trainer  dans  la  boue,  barbotter' 
gehört   und  neben  sich  badouille  ,homme  lache',   badouillard  ,viveur, 
noceur'    hat    (in    letzter    Linie    liegt    wohl   pat(r)ouiller  -\-  se  vautrer 
zugrunde,    vgl.    südirz.  patomoun   ,ecouvillon,    chiflfon'),    dafs   drague 
jDreggtau',    , Schleppsack'    (vgl.    engl,    to    drog   , schleppen')    in    der 
Hte.  Bretagne    ,une    femme    vagabonde    et    de  mauvaise  tenue'  be- 
deutet (Sainean  S.  167),    werden    wir    wohl   nicht  fehlgehen,    wenn 
wir  in   dem   aus  alten  Tauen  gefertigten  Besen  als  namengebende 
Vorstellung    die    des    trägen    Dahinftgens    oder    -schleppens    be- 
zeichnen.     Da    bietet    sich    nun    afrz.  fouberi   , einfältig,    tölpelhaft', 
.listig,    verschlagen*,    das   offenbar    auch  , Nichtsnutz,  Faulpelz'   be- 
deutet haben  wird:  zentrfrz.  afanberti  ,ahuri,  qui  prend  un  mauvais 
chemin,  qui  tourne  mal'i  (vgl,  zur  Etymologie  Schultz-[Gora],  Ztschr. 
18,  135  und  32,  461,  der  vom  Eigennamen  Fulbert  ausgeht,  wobei 
aber   gewifs  auch  fou,    vielleicht  dtsch. /ubbedoll ,  fopptn,'^   vgl.  afrz. 
(a)foberter    , betrügen',    herein&pielt).     Dafs    ein    Tau    (und    ein   aus 
Tauen    gefertigter  Besen)    als    ,träg'    bezeichnet   wird,    hat  an  dem 
von  Sainean    angeführten    la  Rochelle.  Marie-Salope    , drague'   seine 
Analogie.     Man  kann  auch  von  foubert  in  der  Bedeutung  ,wertlos' 


*  Zuixz.  fauber ter  ,  hanter,  freqututer'  (fatit  pas  fauberter  cettx  7nondeS- 
lä)  geht  vielleicht  von  einer  Bedeutung  .darüberstreichen,  -fegen'  (mit  dem 
faubert)  aus. 

^  Diese  Auffassung  vertritt,  wie  ich  nachträglich  sehe,  Verdam-Verwijs 
für  mnd.fobaert  ,Narr',  fobaerdie  .Scherz',  die  im  Nl.  aus  germ.  Stamm  mit 
romanischer  Endung  gebildet  sein  können  wie  beggaert  aus  *beg- ,  Ztschr. 
41,  351 ; /bi2V/'z«(f  , Posse'  erklärt  das  erwähnte  Wb.  aus  emtm  ' fobitage :  nicht 
besser  foboerdie  -\- fantaste} 


30  LEO    SPITZER, 

ausgehen,    da   es   sich   ja   um    einen   aus  alten  Tauen  gefertigten 
Besen  handelt. 

22.   Theoretisches. 

Die  vorstehenden  Ausführungen  mögen  mir  den  Anlafs  bieten, 
meinen  Standpunkt  gegenüber  Gamillschegs  stets  hochbedeutenden 
etymologischen  Leistungen  zu  charakterisieren :  er  besitzt  eine  aus- 
ausgesprochen konstruktive  Begabung,  die  ihm  im  Verein  mit 
bewundernswertem  Wissen  gestattet,  weite  Räume  (der  Zeit  wie 
des  Raumes)  in  der  Sprachgeschichte  zu  überwinden  und  Entferntes 
in  Beziehung  zu  setzen.  Er  scheint  mir  weniger  geneigt,  das  Kleine 
und  Imponderable,  die  Vorstufe  des  Ponderabeln,  zu  beobachten. 
Seine  etymologischen  Konstruktionen  arbeiten  mit  mathematischer 
Präzision  und  erheben  sich  auf  dem  Boden  der  Annahme  einer 
rigorosen  Kausalität.  Diese  leugne  ich  natürUch  auch  nicht  im 
Sprachleben,  wohl  aber  ihre  jedesmalige  Ermittelbarkeit.  Für  die 
Praxis  müssen  wir  uns  in  der  etymologischen  Forschung  wie  in  der 
Sprachwissenschaft  mit  dem  bescheiden,  was  der  Bonner  Physio- 
loge Verworn  dem  Kausalismus  gegenübergestellt  hat,  den  Kon- 
ditionismus: „Jeder  Zustand  oder  Vorgang  ist  eindeutig  be- 
stimmt durch  die  Gesamtheit  seiner  Bedingungen",  d.  h.  jedes 
Ding  steht  in  einem  Zusammenhang  mit  jedem,  jedes  Ding  ist 
bedingt  und  bedingt  andere.  Es  besteht  für  kein  Wort  der  Sprache 
ein  prinzipielles  Hindernis,  mit  jedem  anderen  in  Beziehung  zu 
treten.  Der  Bedeutungswandel  ist  nicht  blofs  mit  Wundt  in  singu- 
lären  und  habituellen  zu  zerteilen,  sondern  er  ist  stets  singulär, 
wenngleich  gesetzmäfsig  und  kausal  bedingt :  Fälle  wie  frz.  grhe 
, Streik'  und  lat.  moneta  , Münze'  sind  keine  Ausnahmen.  Gamill- 
scheg  sieht  gern  straffe  Kausalität:  daher  geht  er  linguistischen 
Massen,  wie  sie  Schuchardt  vor  uns  defiheren  läfst,  aus  dem  Wege, 
ihn  reizt  der  Einzelkampf:  er  isoliert  ein  Wort  und  führt  es  einer 
klaren  Lösung  zu.  Nur  fürchte  ich  manchmal,  dafs  die  Klarheit 
eben    durch    die  Beschränkung    des  Materials   ermöglicht   ist  i   (be- 


1  Z.  B.  im  Fall  echauffourree  , erfolgloser  Versuch  eines  Handstreichs': 
Vor  Gamills-cheg,  Ztschr.  41,  509  hat  Schuchardt,  Rom.  Etym.  II,  212  die  Zu- 
sammenstellung des  Wortes  mit  echavffer  durch  Hinweis  auf  bas-main.  chafourer 
.chjsser  (un  animal)',  ,poursuivre',  ,  bouleverser',  ,fouiller.  mettre  en  d^sordre', 
.griffonner',  .maltraiter,  frapper'  bekämpft  und,  wie  ich  glaube,  richtiger  das 
Wort  mit  den  zahlreichen  Wörtern  für  .durchstöbern'  zusammengebracht,  die 
auf  caverna,  cavus  und  Kousorien  zurückgehen  :  pik.  wall,  fr.-comt.  cafouiller, 
cafougni  und  auch  die  Bdtg.  , beschmutzen,  zerknittern'  angenommen  haben. 
Wie  in  cafouiller  foinller,  so  hat  sich  in  chaffourrer  fourrer  eingenistet. 
Wir  brauchen  also  nicht  ein  kollektives  r/sa-Präfix  anzunehmen,  es  hat  sich  aus 
mit  cha-  ca-  beginnenden  Wörtern  (s.  o.  S.  Ii)  sekundär  ein  ca-  cha-  losgelöst. 
Hier  wäre  noch  an  Rabelais  Chats  fourres  für  die  ,Chicanoux'  zu  erinnern, 
womit  Rabelais  selbst  eine  scherzhafte  etymologische  Zerteilung  vorgenommen 
hat,  die  zeigt,  dafs  G.'s  Etymologie  eine  richtige  „Volksetymologie"  ist,  die 
dem  Sprachgefühl  der  Franzosen  entspricht  (auch  Menage  analysiert  chauffouris 
=  Chats  4-  fourres ,  chauffourer  dagegen  four  ä  chauxPj.  —  Ähnlich  wird 
cafotin   , Wetzsteinbüchse'   eher   mit   dem  weitverbreiteten  cafoter  , enthülsen', 


GAMILLSCHEG'S    „französische    ETYMOLOGIEN".  3! 

sonders  dort,  wo  zwei  Homonyma  vorzuliegen  scheinen,  die  bei  ge- 
nauerem Zusehen  sich  unter  einen  Hut  bringen  lassen) :  Gamillscheg 
und  mich  trennt  der  Komplex  von  Anschauungen,  der  Schuchardt 
heifst  und  zu  dem  ich  immer  wieder  von  neuem  mich  hingezogen 


Mons.  cafotin  .Papierdüte',  die  G.  Ztschr.  40,  175  Anm.  erwähnt,  als  mit 
foutre  zusammengehören,  wie  er  im  Text  annimmt.  Dtsch.  Büchse  zeigt  ja  auch 
den  Weg  zu  ,cunnus',  der  Übergang  ,cunnus'  >  , Büchse'  ist  viel  seltener.  — 
Hier  noch  einige  Bemerkungen  zu  Gamillschegs  Etymologien:  Zu  baguenauder 
vgl.  schon  REW  e.  v.  vacare.  —  Zu  anicroche  ,Art  Haken'  (nach  G.  Ztschr. 
40,  131  f.  =  harnais  +  croche,  Adj.  wie  ferme,  gonfle  etc.)  vgl.  Saindan, 
Rev.  d.  et,  ra  elais  5,  392,  der  sehr  einleuchtend  anicroChe  (dies  die  älteste 
Form!)  zu  ane  ,Ente'  +  croche  stellt  (vgl.  champ.  hane  ,crochet  de  fer  servant 
ä  retirer  la  viande  du  pot',  haneton  .junge  Ente'  noch  in  Guernsey),  also 
ursprünglich  =  , Entenschnabel'  (wie  hec  de  cane  ,pince').  —  Über  die  Nach- 
folger von  consecale  vgl.  Rom.  39,  216.  —  Zu  dail  wäre  erst  Niedermanns  Auf- 
fassung des  Problems  Essais  d'etymologie  et  de  critique  verbale  latines  (1918) 
zu  diskutieren.  —  Bei  souhaiter,  afrz.  souzhaidier  wäre  Sperbers  Ableitung 
aus  suha^itare  {JV.  u.  S,  6,  22 fF.)  zu  erwähnen).  —  delabrer  kann  auch  zu 
südfrz.  eslabra  ,fendre  les  livres',  aprov.  eslabrej'ar  ,tomber,  d^gdnerer'  als  Ent- 
lehnung gehören,  womit  der  Einspruch  des  REW  s.  v.  Idbrum  gegen  Diez,  der 
schon  icz.  cabrer  verglich,  fallen  müfste.  —  Über  tf/'j^/^^  , Hungersnot'  schreibt 
Verf.:  „Andere  [aufser  Diezens  *dissectci\  ernst  zu  nehmende  Erklärungs- 
versuche sind  mir  nicht  bekannt."  Nun,  und  decepta  (REW2^()g)  ?  — dosse  ,eine 
flache  Schwarte,  an  deren  Rand  sich  nur  noch  die  Baumrinde  befindet'  lieber 
als  zu  dos  („begrifflich  ganz  unwahrscheinlich",  aber  dosseret,  dossier  haben 
ganz  ähnliche  Bdtg.  und  dosse  , Schalstück'  nach  Sachs-Vill.  ist  doch  sehr 
nahe  dem  stützenden  Rücken)  zu  einem  gall.  *dosto  ,  Büschel ',  das  doch  be- 
grifflich gar  nicht  pafst.''  —  Ductilis  sollte  nach  Verf.  lautgerecht  entweder 
ixz.^docle  oder  *dtutre  geben.  Wie  steht  es  aber  m\i  andouille  ^  tnductilis} 
—  Dieselbe  Lösung  von  ibarouir  wie  G.  hatte  ich  schon  Arch.  127,  157  ge- 
geben, nun  ist  noch  der  Versuch  Bruchs,  Ztschr.  38,681!.  zu  erwägen.  —  Die 
Etymologie  \on  fagtienas  (zu  prov.  faganas,  ixz,  fouine)  steht  schon  bei  Sain^an, 
Bhft.  I,  S.  87.  —  Frz.  flatter  scheint  mir  Bruch  Z/jc^r.  38,  685  f.  überzeugend 
gedeutet  zu  haben,  vgl.  auch  Verf.,  Lex.  aus  d.  Kat,  S.  7.  —  Fetällette  ist  nicht 
nur  ein  grofses,  sondern  auch  ein  sehr  kleines  Weinmafs  (vgl.  Kurt  Glaser, 
Ztschr.  f.  frz.  Spr.  26,  209,  auch  Panzini  s.  v.  foglietta).  G.  geht  von  einem 
in  einem  mfrz.  Text  in  ungenauem  Reim  {foule  :  olle)  überlieferten  yb///^  ans, 
das  aus  dem  dtsch.  Abstraktum  Fülle  stammen  soll  {die  Fülle  eines  Kalbs- 
bratens ist  doch  etwas  anderes  als  eine  „Fülle"  von  Wein:  „eine  grofse  Menge 
von  Wein,  dann  mit  Übertragung  auf  das  Gefäfs  .  .  .")!  Ich  glaube,  wir  sollen 
doch  an  das  naheliegende  yi??^;7/<?  , Blatt'  anknüpfen:  vg\.  feutllard  {feuillage), 
in  der  Böttcherei  , Reifholz',  von  Larousse  definiert  ,branches  de  saule  ou  de 
chätaiguier  qui,  fendues  en  deux,  servent  ä  faire  des  cercles  de  tonueaux', 
auchy<??<z7/^  , dünnes  Brett'.  Feuillard  ist  seit  dem  15.  Jh,  belegt  ■w'xefeuillette 
,Weinfäfschen'.  Fetällette  ist  wohl  wie  amusette  usw.  gebildet  aus  feui/ler, 
vgl.  die  Bedeutung  , einen  Falz  bei  einem  Breite  machen'.  —  Auch  an  aprov. 
flaut  ,  Flöte'  =  *flabütum  ,das  Tonreiche'  (zu  einem  *flabum  , Flöte'  aus 
flabellum)  kann  ich  wegen  des  abstrakten  Charakters  dieser  konstruierten  Form 
nicht  glauben:  zumindest  könnte  das  Wort  nur  „flötenreich"  bedeuten.  Und 
warum  sollte  etwa  dieses  urspr.  Adjektiv  substantiviert  werden  ?  (in  [esctit'] 
bouclier  war  eine  Unterscheidung  notwendig,  hier  nicht).  —  Zu  prov.  _/>««, 
3ikt.frou  , Brachfeld'  =  *fragum  vgl.  Verf.,  Lex.  aus  d.  Kat.  s.  v.  afrau.  — 
Es  erscheint  mir  a  priori  unwahrscheinlich,  dafs  friche  aus  defricher  rück- 
gebildet sein  soll;  und  auch  tatsächlich  taucht  defricher  im  \i,.^h.,  friche  im 
13.  Jh.  auf,  ersteres  in  einem  Beleg,  der  deutlich  den  Ableitungscharakter  zeigt 
{defricher  les  terres  en  friche).  Die  von  G.  selbst  angeführten  Parallelen 
frou  —  defrouery  bauche  —  ibaucher  führen  in  derselben  Richtung. 


32  LEO    SPITZER, 

fühle ;  es  mag  sein,  dafs  man  von  Schuchardts  Zusammenstellungen 
oft  vieles  subtrahieren  mufs  —  aber  sie  sind  ein  Abbild  des  wogenden 
Sprachlebens,  das  der  gröfste  Gelehrte  nicht  meistern,  nicht  stili- 
sieren kann :  Schuchardt  hat  theoretisch  recht,  wenn  er  auch  einmal 
praktisch  unrecht  hat!  Als  bedeutender  Schüler  unseres  gemein- 
samen grofsen  Lehrers  Gillieron  traut  G.  der  Sprache,  d.  i.  also  den 
Sprechern,  weniger  Phantasie  als  logische  Unterscheidungskraft  zu: 
so  ist  ihm  Toblers  Erklärung  von  chantepleure  zu  poetisch,  als  dafs 
er  nicht  ein  chujit  espeleor  wagte  (hierzu  Schultz-Gora,  Ztschr.  40,  384), 
so  erscheint  ihm  ,Horn'  >  ,Ecke,  Winkel'  als  ein  so  auffälliger 
Bedeutungsübergang,  dafs  er  lieber  an  Entlehnung  aus  anderen 
Sprachkreisen  denkt  (vgl.  hierzu  Schuchardt,  Z/jf,^r.  41,  254  ff.).  ^ 
Mir  aber  wird  tagtäglich  das  Irrationale  der  Sprache,  das  Phantasie- 
volle und  Schöpferische,  deutlicher.  Nur  der  Zufall  kann  dem 
Forscher  eine  Etymologie  liefern :  diese  kommt  zu  uns,  wir  können 
sie  nicht  suchen.  Wir  lesen  zufällig  einen  Text,  der  ein  lang  um- 
stauntes  Problem  blitzartig  erhellt.  Gamillscheg  hat  den  Fernblick 
und  Überblick  des  Historikers :  mit  kühnem  Schwung  bindet  er 
das  etymologische  Seil  an  erratische  Blöcke  der  Vorzeit  —  das 
lokal  Benachbarte  sieht  er  notwendigerweise  als  weniger  malsgebend 
an  (vgl.  etwa  canweau).  Die  gallische  oder  fränkische  Etymologie 
liegt  ihm  näher  als  die  französische.  Hierin  glaube  ich  mich  mit 
Gillieron  mehr  eins  zu  wissen,  der  die  Produktivität  der  Einzel- 
sprache über  das  tote  Entlehnungsgut  zu  stellen  pflegt.  Unsere 
etymologischen  Konstruktionen  beruhen  auf  der  Theorie  von  der 
tadellosen  und  ungehemmten  Wirkung  der  Lautgesetze :  mit  der 
faillite  de  l'etymologie  phon6tique  zerkrachen  aber  auch  unsere 
sauberen  Tabellen.  Die  Etymologie  läfst  sich  blofs  induktiv,  nicht 
mehr  deduktiv  ableiten:  keine  Lautgesetzlichkeit,  höchstens  ein 
allgemeiner  lautlicher  Anklang  führte  zur  Identifikation  von  carre- 
four,  calihourde,  cale?nhotir.  Nun  teilt  ja  G.  mit  mir  die  Ansicht 
von  dem  Ewig -Sekundären  alles  Sprachlichen,  von  den  Überlage- 
rungen und  Überschichtungen,  die  Gilheron  uns  blofsgelegt  hat  — 
aber  seine  Überschichtungen  sind  oft  so  kompliziert  angelegt,  dafs, 
selbst  falls  sie  ganz  genau  den  Tatsachen  entsprächen,  sie  unmöglich 
für  den  Forscher  eindeutig  erkennbar  wären :  frz.  t'clabousser  führt 
er  nicht  wie  naheliegend  auf  den  Stamm  klapp-  zurück,  sondern 
dieser  habe  sich  nur  sekundär  in  ein  gallisches  *kIalbo  für  urkelt. 
'^ko-lat-ho  (zu  lat.  latex  »Flüssigkeit')  eingenistet.  Er  nimmt  also 
lieber  diese  Konstruktion  zu  Hilfe  (svobei  vorromanisch  tb  >■  bb), 
als  das  traditionelle  klapp-:  aber  das  poitov.  da  , Tümpel'  steht 
doch  mit  dem  UEW  s.  v.  klappön  augeführten  friaul.  klap  , Stein' 
genau  auf  einer  Stufe,  das  -b-  haben  wir  doch  sicher  in  clabauder, 


1  Ich  füge  noch  hinzu,  dafs  G.  mit  sich  selbst  in  Widerspruch  gerät, 
wenn  er  anführt,  dafs  im  Germ,  eine  Ablauiform  zu  Hörn  die  Bdig.  ,Ecke, 
Winkel'  hat:  wenn  dies  im  Germ,  möglich  war,  warum  soll  nicht  {xz,  corne  va 
beiden  Bedeutungen  erscheinen?  Aufserdem  ist  hüll,  hoorn  ,Ecke,  Winkel' 
keine  Ablautform  von,  sondern  identisch  mit  hoorn  ,Horn'. 


GAMILLSCHEG  S    „FRANZÖSISCHE    EtYMOLOGIEN ".  ;^^ 

dem  Laute  des  Hundes,  wo  das  kelt.  '■'ko-Ial-ho  nichts  zu  suchen 
hat,  es  konnte  sich  im  Süden  nach  Fällen  wie  cap-acahar  oder  im 
Norden  durch  Einmischung  von  hot,  hoiiter  etc.  einfinden.  Oder 
warum  soUte  capoter  , kentern*  (im  19.  Jh.  belegt)  aus  einem  nicht 
erhaltenen  prov.  *cap-boia}-  entlehnt  sein,  wo  der  Spielerausdruck 
doch  älter  ist  und  Stäuiine  wie  capiit,  cappa  doch  näher  liegen  ?' 
Gamillscheg  sieht  gern  in  den  etymologischen  Problemen  Rätsel, 
die  er,  geistvoll  und  wissens stark  wie  er  ist,  spielend  löst.  Für 
mich  ist  das  Sprachwerden  rätselhaft,  wenn  ich  es  auch  nicht  in 
einzelne  Rätsel  auflöse.  Denn  beim  Rätsel  (Typus:  mein  Erstes 
.  .  .  mein  Zweites  .  .  .  mein  Ganzes  .  .  .)  werden  uns  sämtliche 
Hilfsmittel  vom  Rätselstellcr  an  die  Hand  gegeben,  die  uns  bei 
genügender  Begabung,  Aufmerksamkeit,  Wissen  gestatten,  die  ein- 
deutige Lösung  zu  linden.  Die  Wirklichkeit  der  Geschichte  aber 
ist  rätselvoller  als  jenes  anmutige  Gesellschaftsspiel :  wir  bekommen 
nicht  oder  nur  durch  Zufall  alle  Unterlagen  für  die  Lösung  in  die 
Hand,  und  es  bleibt  .stets  ein  ungelöster  Rest  in  dieser.  Deshalb 
läfst  sich  meiner  Meinung  nach  die  Etymologie  meist  nicht  er- 
konstruieren, sondern  nur  intuitiv  erkennen:  auf  sicherem  Boden 
kann  man  bauen,  durch  unsicheres  Terrain  führt  nur  Finder- 
blick und  Finderglück  den  Weg,  G.  konstruiert  ein  '^Halinah' 
(zu  ^calinak)  für  frz.  cagnarJ  und  beweist  dann,  dafs  /  vor  Palatal 
i-haltig  und  zu  /  vokalisiert  werden  konnte  wie  in  balneum  {hier 
40,152  und  41,515).  Ich  sehe  davon  ab,  dafs  cahallkarc  im  Frz. 
wie  collocare  sich  entwickelt,  und  dafs  balneum  urromanisch  ist; 
Hauptsache  für  mich  bleibt,  dafs  eine  von  vornherein  plausiblere 
Ableitung  von  cagnarJ,  cagneux  (zu  canis,  cagtte  etc.)  vorbanden  ist, 
der  gegenüber  die  noch  so  gut  fundierte  schwierigere  fallen  mufs. 
Wir  Etymologen  müssen  vom  namengebenden  Volke  lernen : 
wie  eine  Bedeutungsentwicklung  .der  Faule,  Unnütze'  >-  , Besen' 
nur  aus  einem  intimen  Umgang  mit  dem  Werkzeug  erklärlich  ist, 
der  dieses  mit  menschlichen  Eigenschaften  behaftet  erscheinen  läfst, 
so  müssen  wir  jene  Intimität  mit  den  Wörtern,  die  wir  etymologi- 
sieren, nacherzeugen.  Nur  so,  im  engen  Zusammenleben  mit  dem 
Wort  wie  mit  der  bezeichneten  Sache,  kommen  wir  auf  das  Ge- 
heimnis eines  Benennungswortes  —  die  „Kunst  der  Ktvmolotifie"  ist 


^  Im  Fall  vuii  di^xQW  escandilh,  ii.  scandagUo  .Seukblei',  .Vermessen' 
würde  ich  vielleicht  selbst  ein  gallisches  Etymon  vorschlagen,  um  der  Annahme 
der  Nachwirkung  eines  sonst  im  Frz.  nicht  belegten  fränk.  Wortes  zu  entgehen. 
Gamillscheg,  Ztschr.^i,  506 ft'.,  hat  gut  hervorgehoben,  dafs  ein  aufserlateinisches 
Wort  sich  mit  ptrpendiculum  (pendiller,  pendelhar)  kreuzte:  er  geht  nun  von 
einem  %iS\.oxom..*eskaüre  (zu  dx%z\\.  schätzen,  Irk.  *ska(/a7i)  aus.  Ich  schlage 
nun  vor,  ein  gallisches  Wort  zu  konstruieren,  das  dem  Ansatz  *scand7culu///, 
*scandäcidum  näher  läge:  wir  können  aus  gi.  oxiv&6g  ,plongeur',  V\i.  sifst/i, 
skendaii,  sk^sti  ,se  noyer'  mit  Boisacq  ein  *skendh-  rekonstruieren  (wie 
karbanio-  neben  carpenttmi  mit  «-Stufe).  Zur  Erschliefsung  eines  gallischen 
Wortes  aus  einem  htauischcu  vgl.  REW %.  v.  lanca.  Vielleicht  ist  auch  sonder 
gallisch,  da  die  Deutung  aus  subundare  angesichts  der  Zweisilbigkeit  im  Altli/.. 
nicht  befriedigt. 

Zeitschr.  t.  rom.  I'liil.  \I.I1.  o 


■51       I.EO  SIMTZFR,    GAMILLSCHEG's    ,.  KRANZÖSTSCHR    ETYMOLOGIKN". 

mehr  der  Kunst  als  der  Mathematik  verwandt.  Wie  der  Dichter 
oft  geschichiliche  Vorgänge  in  ihren  psycliologischen  Hintergründen 
richtiger  erfafst  hat  als  der  zünftige  Historiker,  so  müssen  auch  wir 
Etymologen  mehr  Dichter  werden,  um  jene  allergröfste  Dichterin, 
die  Sprache,  /.u  verstehen.  Wir  müssen  beim  Etymologisieren 
weniger  fixfmgrige  Virtuosen  als  nachempfindende  Künstler  sein, 
bei  vmseren  Worterklärungen  weniger  Architektonik  als  stilistische 
Einfühhmg  betätigen,  i  Indem  wir  den  künstlerischen  Prozefs  der 
Namengebung  nachzuempfinden  suchen,  versetzen  wir  uns  in  eine 
schallende  Allgemeinpsyche  gleich  wie  der  Literaturhistoriker  heute 
eine  dichterische  Leistung  nicht  blofs  mehr  aus  stoftlichen  „Quellen", 
sondern  aus  dem  Ericben  des  Dichters  als  dem  Zentrum  ableitet. 
Ob  wir  in  der  Praxis  jenen  höchsten  Anforderungen  künstlerischen 
Lebens  mit  und  in  der  Volksphantasie  je  kongenial  werden  können, 
steht  allerdings  dahin. 

'  Als  einen  sehr  findigen  Architekten,  dem  so  mancher  kühne  und  stand- 
feste etymologische  Bau  gelungen  ist,  nenne  ich  auch  Bruch  —  aber  er  ver- 
nachlässigt oft  die  stilistische  Betrachtung:  So  bespricht  er  Ztschr.  41,  692 
sp.  ptg  candonqa  , arglistige  Schmeichelei'.  (Ich  füge  noch  ein  Xizx.  car dongas 
,lilaila,  treta,  bellaqueria'  [Dicc.  Aguilö]  und  salam.  candom^near  ,corretear' 
hinzu).  Bruch  wirft  mir  vor,  dafs  ich  für  die  Bedeulungsentwicklung  ,Hund' 
^  jiaul',  die  ich  für  frz.  cagnard  brauchte,  nicht  das  obige  Wort  angeführt 
habe.  Abgesehen  davon,  dafs  ich  ja  dann  Bruch  nicht  Gelegenheit  zu  seiner 
Etymologie  gegeben  häite,  möchte  ich  bemerken,  dafs  ich  diese  auch  gar  nicht 
billige;  „Ein  durch  M.  canitä  .hündisches  Wesen'  bezeugtes  *canit7it.em  ^wxC\.& 
auf  der  Pyrenäeuhalbinsel  durch  Suffixtausch  zu  "^canitonica,  wohl  nach  *7nen- 
tiöitfca".  Ein  lat.  *canitätem  aus  it.  catn'tä  zu  rekonstruieren  haben  wir  keinen 
Anlafs,  da  dies  sicher  Neubildung  aus  \\..  caue  in  ad  1  ektivisch er  Bedeutung 
ist:  nur  aus  dieser  speziell  italienisch  adjektivischen  Verwendung  (.hündisch', 
, Hunds-')  erklärt  sich  canitä,  also  als  italienische  Neubildung:  ii.  un  freddo 
cane  —  frz.  un  temps  de  chien;  un  ministro  cane ,  ladro  cane  —  frz.  etwa 
iin  chien  de  initiistre,  de  voleiir.  Ein  iberorom.  * canitonica  nach  7nentJ07tica 
hat  weiters  gegen  sich  i.  dafs  *me7itionica  im  Iberorom.  nicht  lebt  (boden- 
ständig ist  metiti>a,  7>ieiif!da),  2.  dafs  die  cando7tgaSi'p^Q  nie  irgendwie  etwas 
wie  ,Hund'  bedeutet,  wie  ja  auch  die  adjekt.  Verwendung  des  ital.  ca;;^'  hier 
fehlt.  Bruch  rekonstruiert  auf  dem  Papier  cando7iga  =  '^canitonica,  ohne  sich 
nach  dem  stilistischen  Charakter  des  Wortes  zu  erkundigen.  Das  neuere  Auf- 
treten des  Wortes  wie  seine  Bedeutung  läfst  auf  ein  familiäres,  vielleicht  sogar 
auf  ein  Argotwort  schiiefsen  und  damit  sind  die  verschiedensten  Quellen  er- 
schlossen: bevor  Bruch  uns  eine  lateinische  Etymologie  gibt,  hätte  er  sich  mit 
Coelhos  Vermutung  eines  bantusprachlichen  Ursprungs  auseinandersetzen 
müssen:  man  beachie,  dafs  lia-  im  Bundu  ein  häufiges  Präh.x  (Viana,  Apostilas  I, 
S.  208),  -inga  ein  häufigt^s  Suffix  [77iandmga  , Neger'  usw.)  ist.  Auf^erdem  haben 
wir  ein  Zig'-unerwort  ca77dön,  catido7ie'  ,compan.ero',  ca7ido7ierla  ,compani3', 
das  sich  zu  ca7ido7iga  verhalten  könnte  wie  za77ga7io  zu  za72gtia7iga  (Bibl.  arch. 
rom.  11/2,  114),  also  die  im  Argot  so  häufige  Endung  zeigt  und  in  der  Bedeutung 
zu  port.  caiido7tga  .Schmuggel'  pafste.  Ich  kann  hier  nichts  Bestimmteres 
sagen  —  aber  so  viel  ist  sicher,  dafs  der  stilistische  Charakter  des  Wortes  ein 
*canito7i7ca  ausschliefst. 

Angesichts  von  sp.  cachor/'e/la  .Phlegma'  [Ztsch7-.  41,  161)  kommt  wohl 
neben  Bruchs  Etymon  für  murcia.  cacho  .träge'  (=  cacho,  gacho  , gebückt', 
nprov.  cach,  gachi  .ruhig'  =  coacttis)  auch  cachor7-a  , junge  Hündin'  sehr  wohl 
in  Betrach;.  Verschiedene  Etyma  können  ja  bei  einer  Wortsippe  konkuirieren.  Ich 
weifs  auch  nicht,  warum  Bruch  mich  verbessert:  „sp.,  genauer  murc,  cacho  .träge, 
müde'",  da  cacho  in  den  angegebenen  Bedeutniigen  bei  Tolhausen  zu  finden  ist. 

L.  Spiizer. 


Zur  Teiiuiigsformel  im  Provenzalischen. 

I. 
Die  lateinische  Grundlage. 

1.  Der  genetivus  iiartitivus  und  das  partitive  de 
lokalen  Ursprungs  bei  Mengebegriffcn.  Im  Lateinischen 
gelangt  der  Denkprozefs,  dafs  ans  einem  Ganzen  ein  Teil  oder 
mehrere  Teile  herausgehoben  werden,  durch  eine  Genetivkonstruktion 
zur  sprachliclien  Wiedergabe:  genetivus  partitivus.  Er  findet 
sich  die  ganze  Latinitiit  hindurch  abhängig  von  Zahlwörtern  (bes. 
mille)  und  Mengeausdrücken  (Substantiva  und  substantivierte  Neutra 
von  nuineralen  Adjektiven  oder  Pronoraina),  nachklassisch  auch 
nach  Adjektiven  ohne  Mengebegriff  usw.  (vgl.  Schmalz,  Lat.  Syntax 4, 
S.  364  f.;  für  Einzelheiten  bes.  Draeger,  Hist.  Syntax  I^,  S.  448 flf.  und 
Kühner,   Ausführl.  Gram.  IE-  i,  S.  423  ft'.). 

Daneben  bezeichnet  auch  die  Praeposition  de  (desgleichen 
ex)  mit  einem  Nomen  das  Ganze,  aus  dem  ein  Teil  entnommen 
ist.  In  der  klassischen  Zeit  konkurriert  diese  Wendung,  welche 
schon  bei  den  altlateinischen  Schriftstellern  vorkommt,  erst  in  ge- 
wissen Verbindungen  mit  dem  genetivus  partitivus,  bes.  bei  un- 
deklinierbaren Zahlwörtern  (s.  Draeger  I,  S.  459.  10),  in  sonstigen 
Fällen  vor  allem,  wenn  es  die  Deutlichkeit  verlangt.  In  der  späteren 
Latinität  dagegen,  namentlich  in  der  eccl.  Literatur,  vertritt  sie  den 
gen.  part.  in  weitgehendem  ]Mafse,  bes.  bei  Zalilbestimmungen  und 
beim  indefiniten  Pronomen  (Schmalz  S.  407  =  §  136,  Draeger  S.  628, 
Kühner  I,  4Qg  =  §  gi  cj'  und  S.  425ft'.  =:=  §  84,  Anm,  2;  ferner  Tlies. 
ling.  lat.,  vol.  V,  fasc.  I  [ig  10],  Sp.  56 — 5g).  1 

2.  Partitive  Genetive  und  partitive  Wendungen 
mit  de  unabhängig  von  Menge!)  egri  ff  en.  (Mutmafsliche 
Entstehungsweise  und  Ausbildung  zu  der  romanischen  „eigent- 
lichen" Teilungsformel  mit  der  Bedeutung :  „etwas  von  einem  Stoff 
überhaupt,  etwelche  von  einer  Gattung  überhaupt".  Die  altfranzösi- 
schen Hypothesen  von  Morf  und  E.  Appel.)  Neben  dem  von 
Mengebegrifien  abhängigen  partiliven  Genetiv  imd  der  gleich- 
wertigen r/(? -Konstruktion  treten  aber  im  Altlatein  schon  Eälle  auf, 
wo     diese     beiden     Formen     partitiver    Ausdruckswefse     angewandt 

'  Zum  Alllatein  vjjl,  noch  Fr.  Pradel,  De  praepositionum  in  prisca  lalini- 
tale  vi  atquc  usu.  LeipziV  1901  (Jahrb.  f.  class.  Philol.  26.  Suppl.band); 
/um  .Spätlatein  die  zalilreicben  Ahliamlliirirjen  über  die  Sprache  spätlateini=;clior 
Autoren. 


36  HANS    NEUNKIKCHKn', 

werden,  oliiic  dafs  ein  Substantiv  i)der  dgl.  zur  Bezeichnung  des 
Teils  beigefügt  ist. 

Soweit  ich  sehe,  ibt  eine  eischöplende  Darstellung  dieser 
Spracherscheinung,,  Avelche  die  Grundlage  der  im  Romanischen 
bedeutungsvoll  gewordenen  Partitivkonstruktionen  darstellt,  noch 
niclit  gegeben  worden,  wenn  auch  Löfsiedti  (S.  io6 — log)  das 
wichtigste  verstreute  Material  zusammengetragen  und  im  Hinblick 
auf  die  Entstehung  der  französischen  Paitiiivformel  zu  klassifizieren 
gesucht  hat.  Eine  erneute  Betrachtung  der  Frage  vom  Stand- 
punkte des  Romanischen  erscheint  aber  um  so  mehr  geboten,  als 
E.  Appel  noch  19 15  in  ihrer  Dissertation-  wegen  ungenügender 
Berücksichtigung  der  lateinischen  Verhältnisse  (besonders,  weil  sie 
die  Peregrinatio  ad  loca  sancta  und  die  Bemerkungen  Löfstedts 
nicht  benutzt  hat),  eine  die  Tatsachen  zum  mindesten  stark  biegende 
Hypothese  über  die  Entstehung  des  französischen  Teiiungsartikels 
aufgestellt  hat.  Was  sie  S.  4 — 8  ihrer  Arbeit  als  „mutmafslichen 
Gang  der  Entwicklung  bei  der  Entstehung  der  Formel"  aus  dem 
AUfranzösischen  zu  abstrahieren  sucht,  läfst  sich  mehr  oder  weniger 
bereits  aus  den  Beispielen  des  Voikslateins  herauslesen. 

Um  den  Entwicklungsgang  der  Teilungsformel  3,  vor  allem  auch 
den  Zeitpunkt  ihres  Entstehens,  richtig  zu  erkennen,  mufs  die  Frage- 
stellung lauten:  Zu  welcher  Zeit  ist  die  „eigentliche  Teilungsformel'' 
(mit  der  Bedeutung:  etwas  von  einem  Stoff  überhaupt,  etwelche 
von  einer  Gattung  überhaupt)  als  ein-  nicht  mehr  ..zufallige  und 
einmalige,  durch  die  besonderen  Bedürfnisse  der  Aussage  bedingte 
Wortveibindung"  (Appel  i)  in  der  Sprache  vorhanden?  Hierbei 
wird  das  Vorkommen  der  Fonnel  aufserhalb  der  Objeklstellung 
—  bei  Abstrakten  auch  in  derselben  —  ein  wichtiges  Kriterium 
zur  Beurteilung  abgeben,  weil  diese  Fälle,  wie  wir  sehen  werden, 
die  Annahme  wahrscheinlich  machen,  dafs  bereits  eine  gewisse 
Ausbildung  der  Formel  stattgefunden  hat. 

Der  unabhängige  partilive  Genetiv  und  die  rf,?- Konstruktion 
scheinen  in  der  altlateinischen  Volkssprache  zu  wurzeln,  da 
sie  beide  vereinzelt  zuerst  bei  Plautus  auftreten.  Sie  dürften  dann 
weiter   im  Vulgäridiom   nebeneinander   hergelaufen   sein;    denn    als 


*  E.  Löfstedt,  Philologischer  Kommentar  zur  Peregrinatio  Aetheriae. 
Upsala-Leipzig  [191 1]. 

-  Elsbeth  Appel,  Beiträge  zur  Geschichte  der  Teiluugsformel  im  Fraiizü- 
sischeu.     Diss.  München   1915  (=  Appel). 

■'  Wie  bei  Appel  lür  das  Französische  (vgl.  dort  S.  2),  wird  im  folgeudeu 
1  ür  das  Lateinische  und  Proveuzalische  „Teilung>formel"  als  zusammenfassende 
Bezeichnung  für  die  verschiedt-nen  Erscheinungsformen  des  partitiven  de  un- 
abhängig von  MengebegrifFen  gebraucht,  von  den  in  der  alilat.  Volkssprache  ge- 
worfenen Wurzeln  bis  zur  blute  im  Neuprovenzalischt  n.  Weiter  fafst  hier 
„uneigsntliclie  Teilungsformcl"  die  Fälle  aller  Schaitierungen  (überwiegend 
lokal  mit  partitivem  Einschlag  bis  rein  parlitiv)  zusammen,  in  denen  das  Sub- 
stantiv ein  ganz  bestimmtes,  schon  genanntes  i  der  sonst  durch  den  Satz- 
zusammenhang als  bekannt  gegebenes,  ist,  während  es  sich  bei  der  „eigeullicheii 
Teilungsformel"  um  allgemein  zu  verstehende  Stoff-,  Gatiungsbezeichnungen 
oder  Abstrakta  in  syntaktisch  beliebiger  Verwendung  handelt. 


ZUR    TEILUNGSFORMEL    LM    l'ROVENZALISCHKN.  37 

uns  in  den  spätlateinischen  Autoren  die  Quelle  der  freieren  und 
nachlässigeren  Sprache,  die  der  Rede  des  Volkes  nahesteht,  reich- 
licher llielst,  stellen  sich  beide  Wendungen  auch  in  gröfserera  Mafse 
ein,  bis  der  Genetiv  schliefslich  seinem  Konkurrenten  unterlag  und 
verschwand. 

Die  Entstehung  des  unabluingigen  partitiven  Genetivs  geht  bei 
Piautus  noch  sozusagen  unter  unseren  Augen  vor  sich.  Poen.  640  f. 
heifst  es:  si  quid  boni  adportatis,  habeo  gratiam.  Adv.:  boni 
de  nostro  tibi  nee  terimus  nee  damus  und  Most.  loiöff.:  quid  autem? 
Th.:  quod  me  absente  hie  tecum  filius  negoti  gessit.  Si.:  mecum 
ut  ille  hie  gesserit,  dum  tu  hine  abes,  negoti?  quidnam  aut  quo 
die?  Beide  Belege  sind  allerdings  ebenso  wie  die  das  letzte  Bei- 
spiel stützende  Stelle  Ter.  Phorm.  700 :  ante  brumam  autem  noui 
negoti  incipere  von  einer  Reihe  von  Gelehrten  beanstandet  und 
auf  verschiedene  Weise  geändert  worden  (Löfstedt  S.  108);  aber 
sicherlieh  zu  Unrecht,  denn  ,,an  den  beiden  Plautusstellen  ist  das 
zugefügte  oder  nahestehende  neutrale  Pronomen  zu  beachten,  wo- 
durch die  Konstruktionen  wesentlich  erleichtert  werden ;  damit  ist 
der  Anfang  gegeben,  wonach  bald  der  Genetiv  allein  zur  Ver- 
wendung kommt"  (Löfstedt  eb.).  Lindsayi  ist  der  gleichen  Ansicht, 
vgl.  S.  17:  "The  use  of  the  [partitive]  Gen.  is  pushed  lo  an  extreme 
in  phrases  like  Poen.  641   [after  quid  boni,  v.  640]  .  .  .  ." 

Bei  Cato  treffen  wir  diesen  Genetiv  schon  in  freierer  Ver- 
wendung, s.  Dietze  (De  sermone  Catoniano.  Diss.  Lips.  Tanglimi  1870, 
S.  25  f.),  der  aus  De  agri  cultura  folgende  Beispiele  zitiert : 

74  aquae  paulalira  addito  —  88.  i  Salem  candidum  sie  faeito. 
Amphoram  defracto  coUo  puram  impleto  aquae  purae,  in  sole  ponito. 
—  2;^.^  et  faeito  uti  in  dolio  musti  pendeat.  —  156.6  et  si  sine 
febri  erit,  dato  vini  atri  duri  aquatum  bibat  quam  minimum;  si 
febris  erit,  aquam.  —  157-4  1"  ^^  vulnera  huiusceraodi  teras 
brassieae. 

Die  letzte  Stelle  ist  wohl  zu  streichen,  da  die  Hss.  brassicam 
(und  brassica)  haben; 2  dafür  sind  aber  88.1  imd  156.6  besonders 
bemerkenswert,  weil  hier  aqua  und  vinum  allgemein  zu  verstehende 
Stoffsubstantiva  sind;  zuni  mindesten  liegen  Übergangsfälle  vor. 

Spätlatein.  .,Ganz  besonders  reich  an  Beispielen  ist  Mulomed. 
Chir. ,  wo  natürlich  der  hier  sehr  häufige  Gebrauch  des  gewöhn- 
lichen gen.  part.  bei  Mafsangaben  eingewirkt  hat,  und  aufserdem, 
wie  Ahlquist  S.  273  bemerkt  hat,  wohl  auch  griechischer  Einflufs 
vorliegen  kann"  (Löfstedt  108).  Hervorzuheben  sind  Fälle  wie 
S.  269. 18   primum    adieics    oleum    vetus,    sequens    aeetum,    deinde 


1  W.  M.  Liudsay,  Syntax  ol  Piautus.  Oxford  1907  i^r:  St.  Andrews  Uni- 
versity  Publications,  N.  IV). 

■^  Vgl.  M.  Porci  C.itoni^  de  agricultura  libtr.  M.  Tcrenti  Varronis  reriim 
r'i<5ticanim  libri  tres,  ex  rec.   M.  Keilii.     Vol.  I.     Leipzig  1884. 

'  H.  Ahlquist,  Studien  zur  spätlateinischen  Mulnmedicina  Chironis.  Diss. 
Upsala  1909  (Uppsala  Universitets  Arsskrift   1909). 


30  HANS    NEUNKIKCJHEN, 

salis  Iriü,  dtjcüquciis  bene,  wo  ein  gewöhnliclies  Objekt  und  ein 
derartiger  partitiver  Genetiv  ohne  Unterschied  nebeneinander  Ver- 
wendung linden. 

Ungleich  wichtiger  zur  Beleuchtung  der  Kntstehungsweise  der 
romanischen  Teilungsformel  sind  die  kiteinischen  parlitiven  de- 
Konstvuktionen,  die  bisher  in  der  einschlägigen  Literatur  eine  nicht 
ganz  einheitliche  und  meist  deshalb  nicht  exakte  Beurteilung  ge- 
funden haben,  weil  das  Wesen  der  l'ranzösischen  bzw.  romanischen 
Formel  nicht  klar  erkannt  war.  Das  ist  augenscheinlich  bei  Ahlquist 
der  Fall,  wenn  er  S.  78  sagt:  ..De  wird  in  seiner  partitiven  Funktion 
nebst  dem  davon  regierten  Worte  als  Objekt  gebraucht,  d.  h.  es 
steht  ganz  so,  wie  der  partitive  Artikel  des  Franz."  und  dann  Bei- 
spiele wie  S.  137:  5  et  de  suo  sibi  stercore  circum  coronam  ira- 
ponito  und  S.  86 :  g  de  sno  sibi  circum  brachiolo  vellito  anführt, 
wo  es  sich  um  bestimmte  Stoftsubstantiva  handelt.  Doch  auch 
besser  fundierte  Urteile,  wie  das  von  Schmalz  oder  Lölstedt,  be- 
dürfen einer  Nachprüfung  und  Einschränkung  bzw.  Ergänzung.  Bei 
Schmalz  heifst  es  S.  407:  ..De  entsprechend  dem  französisclien 
Teilungsartikel  hat  sich  schon  frühe  in  der  Volkssprache  —  ...  — 
so  bei  Plaut.  Cato,  dann  carra.  epigr.  495.  g  [digna  quidem]  frui 
[perpetua]  de  luce  [benigna]  gezeigt,  ebenso  lesen  wir  es  im  Spätlat. 
in  der  Peregvinatio,  z.B.  de  pomis  rr=  des  pommes;  die  Entstehung 
des  Gebrauchs  zeigt  ib.  37.2  [nescio  quando]  dicitur  quidaui  [fixisse 
morsum  et]  Turasse  de  sancto  ligno  =  ein  Stück  von  dem  Kreuzes- 
holz;-  und  Löfstedt  bemerkt  S.  107:  ..Eine  bedeutendere  Rolle 
spielen  nun  indessen  diese  Konstruktionen  mit  de  erst  im  Spätlatein, 
teils  als  wirkliche  Äquivalente  der  französischen  Partitivausdrücke, 
teils  als  mehr  oder  weniger  eigentümliche  Übergangsfälle." 

Wir   müssen   scharf  unterscheiden  zwischen   Fällen,   in   denen 

1.  Je  lokalen  Charakter  mit  geringer  partitiver  Sinnlarbung 
hat  wie  Plaut.  Trin.  786 :  Tu  de  thensauro  sumes  (zitiert  von  Pradel 
a.  a.  O.  523)-^ 

2.  das  parlilive  lie  noch  einen  starken  Einschlag  seines  ur- 
sprünglichen lokalen  Charakters  bewahrt;  vgl.  oben  Peregrinatio  37.  2 
oder  Cato  Agr.  cult.  70.  2  de  ea  potione  unicuique  bovi  dato. 
Pradel  524  hat  richtig  hervorgehoben:  „vocabulo  quod  partem  in- 
dicat  omisso  cum  verbo  dandi.'''-  Tatsächlich  erscheinen  in  diesen 
Formeln  fast  immer  Verba  des  Gebens,  Nehmens  u.  ä.  Der  Ur- 
sprung der  Konstruktion,  die  sich  durch  die  ganze  Sprache  bis 
auf  den  heutigen  Tag  fmdet,  wird  durch  Stellen  wie  Cato  Agr. 
cult.  158  addito  de  perna  frustuin  beleuchtet. 

3.  de  rein  partitiv  beiin  allgemein  gebrauchten  Stoff-  oder 
Gattungssubstantiv  zur  Anwendung  kommt:  eigentliche  Teilungs- 
formel, die  z.  ß.  durcli  franz.  boire  du  viii  charakterisiert  ist, 

'  Zu  einem  äliiiUcheii  Genetiv  vgl.  Schmalz  S.  365,  Anm.  6:  „Der  Teil- 
IjegrilV,  von  dem  der  gen.  part.  abhängt,  kann  auch  in  einem  Verbum  enthalten 
sein,  z.  B.  Enn.  ami.   235  V.  renim  siianiin  comitcr  imperlit." 


ZUR    TEILUNGSfORMEL    IM    PKOVENZALISCHEN.  39 

Zwischen  2  und  3  lassen  sich  Übergangsfälle  emschieben,  in 
denen  der  Gebrauch  des  Substantivs  in  allgemeiner  Bedeutung 
nicht  einwandfrei  feststeht. 

Zu  2  sei  noch  Peregrinatio  5.7  angeführt:  ostenderunt  etiam 
nobis  locum,  ubi  de  spiritu  Moysi  acceperunt  septuaginta  uiri; 
ferner  ab.  3. 6:  dederunt  nobis  presbyteri  loci  ipsius  eulogias,  id 
est  de  pomis,  quae  in  ipso  monte  nascuntur.  Ob  man  tatsächlich 
mit  Schmalz  (vgl.  oben)  de  pomis  =  franz.  des  pommes  setzen  kann, 
„dem  es  in  der  Tat  wohl  ungefähr  gleichkommt"  {Löfs;edt  106), 
erscheint  fraglich;  ich  möchte  das  Beispiel  höchstens  als  Über- 
gangsfall, aber  nicht  als  Fall  3  ansprechen. '- 

Sehr  bemerkenswert  sind  noch  (i.)  das  von  Rönsch,  Itala  u. 
Vulgata^,  S.  396  zitierte  Beispiel  Vita  Aridii  (Mabill.  202)  arapullam, 
in  qua  de  oleo  beati  Martini  continebatur  ('de  l'huile'),  das  die 
Teilungsformel  —  allerdings  noch  die  u  n  eigentliche  —  in  dem 
vorgeschritteneren  Stadium  der  Subjektstellung  zeigt,  desgl.  In  qua 
sunt  de  reliquiis  domini,  Jahr  475  (von  Ciairin  a.  a.  O.  166  nach 
Breq.,  2^;  Diez  3,  p.  150  zitiert),  während  für  gewöhnlich  Stoff-  und 
Gatlungssubstantiva  als  Objekte  bestimmter  Verben  (Trinken  —  Essen, 
Geben  —  Empfangen,  Nehmen,  Legen  u.  ä.)  erscheinen;  vor  allem 
aber  (2.)  das  von  Bonnet  a.  a.  O.  öii  beigebrachte  Übergangsbei- 
spiel aus  Gregor  von  Tours,  Clor.  Mart.  (geschrieben  586/587) 
40:  p.  514,  1 1  f .  est  hie  («adverbe»),  ut  res  ipsa  docet,  de  officiis 
quorumpiam  deorum,  qui  nobis  aduersari  sunt  soliti,  d.  h.  nach 
Bonnet  'il  y  a  ici  de  l'intervention  de  quelques  dieux':  Teilungs- 
formel beim  Verbalabslraktum,    das  als  logisches  Subjekt  fungiert.^ 

^  Trotz  des  id  est  ist  wohl  auch  die  Auffassung:  „Speisen,  aus  Äpfeln 
bereitet",  oder  dgl.  nicht  ganz  ausgeschlossen;  vgl.  auch  Peregr.  15,6  nos 
ergo  accipieates  de  presbytero  eulogias,  id  est  de  pomario  saucti  Joharmis 
baptistae,  simililer  et  de  sanctis  mouachis,  qui  ibi  monasteria  habebaut  iu  ipsu 
liorto  pomario  (=  Speisen,  genommen  aus  dem  Garten),  wo  die  bei  Ducauge 
V  33S,  Sp,  I  für  pomarium  auch  belegte  Bedeutung:  ,molIi3  et  liquidiis  cibus, 
vel  potus,  ex  pomis  factus'  mit  partitiver  Geltung  des  de  nach  dem  Zusammen- 
hang ausgeschlossen  ist.  Vgl.  auch  Bechiel  (Sauclae  Silviae  Peregrinatio,  The 
tcxt  and  a  study  of  the  latinity.  Diss  Chicago  1902  =  Studies  in  classical 
philology  IV,  i),  S.  104,  der  beide  Beispiele  unter  der  Überschrift:  ,De  phrase 
for  the  genetive'  bringt,  während  er  bei  ,De  phrase  to  express  partitive  idea' 
nur  5,7  (s,  oben)  zitiert. 

Weitere  Beispiele  u.a.  bei  Ahlquist  78;  Bounet,  Le  Latin  de  Gregoiie 
de  Tours,  S.  611 ;  Goelzer,  Etüde  lexicographique  et  grammalicale  de  la  Latiuite 
de  Saint  Jerome.  These  Paris  1884,  S.  340;  Juret,  Etüde  grammalicale  sur 
le  latin  de  S.  Filastrius.  Rom.  Forsch.  XIX,  226;  P.Meyer,  Recueil  d'anciens 
textes,  S.  8,  12;  Ciairin,  Du  genetif  latin,  S.  166. 

-  Ich  lasse  die  Frage  offoi,  ob  Tertulliau  Au.  57  (392,  24  R)  plaga  caeci- 
talis  de  praestigiis  non  fuit  (=  .;War  keine  Einbildung")  etwas  .Vnaloges  beim 
Prädikatsnomen  vorliegt.  Für  Iloppe  (Syntax  und  Stil  des  TertuHian.  Leipzig 
1903)1  der  das  Beispiel  S.  38  etwas  unklar  mit  den  Worten:  „Bisweilt-n  fehlt 
sogar  ein  panilives  Verhältnis  z.  B.  .  .  .•'  den  Fällen  von  de  als  Ersatz  fü;- 
gen.  part.  anschlief^t  und  ihm  Nat.  II,  14  de  ista  quoque  specie  adiciam 
(=  jistam  speciem')  folgen  läfst,  hat  de  doch  wohl  partitiven  Charakter?  Bei 
dem  anschliefsendeu  ib.  15  longum  foret  rcceuscre  de  illis  (=  ,illos')  stlieint 
respektive  Auffassung  vorzuwalten,  die  auch  bei  der  Gestaltung  des  auffidligen 


40  HANS    NEUNKIKCHEN, 

Zu  3.  Gleich  das  älteste  Beispiel,  das  im  Lateinischen  zu 
linden  sein  düifto,  erweckt  äufseriich  den  Eindruck  der  völlig  lertig 
ausgebildeten  Teilungsfürmel :  Plaut.  Stich.  400  ibo  intro  ad  libros 
et  discam  de  dicHs  melioribtis  (=  ..einige  bessere  Witze",  wie  Löf- 
stedt  106  übersetzt);  dieses  de  ist  dann  auch  dem  französischen 
Teilungsartikel  gleichgesetzt  worden  (so  von  Schmalz  407,  vgl.  oben); 
vorsichtiger  drückt  sich  Pradel  524  aus,  der  diese  Stelle  ebenso 
wie  die  etwas  andersgeartete  Ter.  Ad.  817  quod  hinc  accesserit, 
id  de  lucro  putato  esse  omne  unter  der  Rubrik:  ..De  praepositio 
neque  e  Substantiv o  neque  e  verbo  pendens  idem  fere  significat 
quod  articulus  partitivus,  quem  vocant  Francogalli"  einordnet.  Löf- 
stedt  106  hat  recht,  in  beiden  Fällen  nur  ..Ansätze-  für  die  moderne 
partitive  Ausdrucksweise  zu  sehen;  die  zufällige,  durch  günstige 
Umstände  bedingte  Art  der  Wendung  fällt  bei  der  Plautusstelle 
sofort  in  die  Augen,  wenn  man  mit  Löfstedt  Capt.  482  dico  unum 
ridiculum    dictiun    de    dictis    melioribus    zum   Vergleich    heranzieht. 

Aus  dem  Spätlateinischen  verdienen  besondere  Erwähnung: 
I.  eine  von  Juret  a.  a.  O.  226  zitierte  Stelle  aus  Filastrius  (IV.  Jh.) ' 
49.  5  [Ubi  et  mysterium  cynicon  et  infantis  execranda  celebratur 
impietas.]  Dicunt  enim  eos  de  infantis  sanguine  in  pascha  miscere 
in  suum  sacrificium,  wo  de  infantis  sanguine  die  allgemeine  Be- 
deutung ..Kinderblut"  haben  dürfte;  2.  das  von  Rönsch  a.  a.  O.  396 
gegebene  Beispiel  August.  Conf.  III.  7  utrum  iusti  essent,  qui  sacri- 
ticarent  de  nnimalibus.  Gegen  Löfstedt  107  mufs  diese  Stelle 
und  nicht  Vulg.  II.  Macc.  12.40  Invenerunt  autem  sub  tunicis  inter- 
fectorum  de  donarüs  idolorum,  quae  apud  Jamniam  fuerunt.  a 
quibus  lex  prohibet  Judaeos  (franz.  des  dons)  auffällig  genannt 
werden,  weil  sie  den  fortgeschrittenen  Stand  der  Entwicklung  zeigt. 
Die  donaria  sind  näher  bestimmt:  A.  Arndt  (., etwas  von  den  Weih- 
geschenken") übersetzt  präziser  als  Luther  (..Kleinode");  dagegen 
steht  animalia  allgemein  (..Tieropfer  darbrachten",  Hertling). 

Wir  kommen  zu  dem  Schlüsse,  dafs  in  der  lateinischen  Volks- 
sprache, soweit  uns  sogen,  vulgärlateinische  Texte  ein  Bild  liefern, - 
die  uneigentliche  Teilungsformel  in  der  ObjektstcUung  bei  einer 
bestimmten  Verbgruppe  (vgl.  S.  39)  in  Verbindung  mit  Stoffsubstantiven 
des  täglichen  und  kirchlichen  Lebens  (entsprechend  dem  Charakter 
der  meisten  späteren  Texte)  wie  Brot,  Wasser,  Öl,  Blut,  Wachs, 
1  lolz  usw.  ziemlich  häufig  ist,  beim  Gattungssubstantiv  und  Abstraktum 
auch  schon  in  der  Subjektstellung  um  '  das  Jahr  600,  vereinzelt 
sogar     weit     früher,     vorkommt;     dafs     aber     auch    die    eigentliche 

Orat.  S  Abraham  (tleus)  sacritkave  ile  tilio  (filiuni)  iusserat  von  Bedeuluni^  i;;e- 
\vesen  sein  mac:,  wo  ebenfalls  ein  Teiliin^rsverhältnis  wohl  ausgeschlossen  ist, 
wenn  man  auch  an  Fälle  wie  die  unten  ziücrtc  Stelle  aus  Auijust.  Conf.  er- 
innert wiril.     Oder  schwebte  dem  Autor  vit.am  vor? 

'  S.  Filastrii  diversarum  hercseon  liber,  ed.  Fr.  Marx.  Vindobonae  1S98 
=^  (^orp.  Script,  ecci.  lat.  XXXVIII. 

*  dessen  Züge  sich  bei  genauer  Durchsicht  weiterer  Texte  noch  klarer 
gestalten  dürften, 


ZITR    TEILUNGSKORMEL    IM    PKÜVENZALISCHliN.  4I 

Teilungst'onnel  wenigstens  sicher  bei  Stolt-  und  Gatlungsbezeich- 
nungen  fertig  entwickelt,  nicht  blofs  als  /Aifällige  Wortverbindung 
vorliegt.  Diese  Lösi^ng  der  Frage  hat  grofse  Wahrscheinlichkeit 
für  sich,  da  sie  auch  durch  das  frühe  Auftreten  der  Formel  vom 
Standpunkte  des  Romanischen  gefordert  wird ;  und  wir  liaben  um  so 
mehr  Grund  zu  der  Annahme,  dafs  die  eigentliche  Teilungsformel 
nicht  erst  in  keimhaften  Ansätzen,  sondern  bis  zu  einem  gewissen 
Grade  ausgebildet,  in  der  lat.  Volkssprache  enthalten  war,  als  das 
..Vulgärlatein"  unserer  Überlieferung  nur  ein  schwacher  Abglanz, 
ein  blofses  Schattenbild  der  wirklicli  gesprochenen  Volkssprache  ist.' 

Diese  bisher  nur  auf  lateinisches  Material  aufgebaute  Annahme 
wird  durch  verschiedene  mögliche  Einwände  nicht  erschüttert:  So 
sind  das  Fehlen  oder  seltene  Vorkommen  der  Formel  in  den 
tVühesten  romanischen  Denkmälern,  ihr  auch  weiterhin  längere  Zeit 
hindurch  nur  sporadisches  Erscheinen,  ihre  geringere  Verbreitung 
im  Westen  der  Romania  nicht  beweiskräftig;  denn  die  älteren 
Denkmäler  bieten  nach  Sprache  und  Stil,  Form  und  Technik 
weniger  ^Möglichkeiten  zu  ihrer  Anwendung,  die  Ausdrucksweise 
ist  literarisch  (wenn  auch  noch  primitiv),  nicht  volkstümlich. 

Die  Anwendung  des  partitiven  de  mufste  zunächst  schon  des- 
halb beschränkt  bleiben,  weil  nur  in  solchen  Fällen  eine  Veran- 
lassung hierzu  vorhanden  war,  in  denen  eine  Teil  Vorstellung  be- 
sonders lebhaft  in  den  Vordergrund  des  Bewufstseins  trat.  Eine 
Veranlassung  wurde  in  weitergehendem  Mafse  gegeben,  als  auch 
die  Heraushebung  eines  bestimmten  Einzelwesens  oder  bestimmter 
Einzelgegenstände  häufiger  durch  ein  besonderes  Ausdrucksmittel, 
den  bestimmten  Artikel,  markiert  wurde;  vor  allem,  als  die  be- 
stimmte Form  des  Nomens  sich  mehr  und  mehr  zur  Normalfonn 
herausbildete.  Wenn  also  die  weitere  Ausbildung  auch  den  ein- 
zelnen romanischen  Sprachen  zufällt,  so  ist  der  Versuch  einer 
cinzelsprachlichen  Erklärung  ihrer  Entstehung  nicht  angängig.  Auch 
E.  Appel  hätte  sicli  an  das  ^Material  des  Vulgärlateinischen  halten 
und  nicht  so  sehr  an  einen  Ausspiuch  Morfs  ankniipfcn  sollen,  der 
aus  einer  Zeit  stammt,  wo  die  spätere  Latinität  noch  weniger 
untersucht  war.  Diese  Sätze  Morfs  (Rom.  Stud.  III  254  Anm. :  .,auch 
es  [d.  h.  das  Altfranzösische]  hat  seine  genetivi  partitivi  in  gleichsam 
verjüngter  Gestalt,  da  bei  ihnen  die  ursprünglich  lokale  Anschauung 
wieder  viel  deutlicher  zum  Vorschein  kommt  als  im  Lateinischen, 
weil  es  dieselben  durch  das  sonst  als  Lokalpräposition  des  ter- 
minus  ex  quo  angewandte  de  ausdrückt.     Diese  Identität  der  Auf- 


'  l.öfsledt  8:  ..Es  ist  nämlich  darunter  [il.  h.  Vulgär-  oder  Volicslalein] 
niihl  die  im  Munde  des  ungetiildetcn  Volkes  lebende  Spraclie  zu  verstehen  - — 
iil)er  die  wir  nur  sehr  weni;^  wissen  — ,  sondern  vielmehr  diejenige  Slilgattunf,- 
l)zw.  Stilgatt\ingen,  welche  der  Volks-  oder  Umgnug-ssprache  näher  stehen  als 
die  durch  literarische  Technik  und  Tradition  ausgebildete  gehobene  Ausdrncks- 
weise;  es  handelt  sicli  also  keiiiesAvegs  um  d.\s  reme  Vulgiiridiom,  sondern  um 
die  freiere  und  nachlässigere  Sinache  im  Gegensatz  zur  strengeren  und  kunst- 
volleren." 


42  HANS    NEUNKIKCHEN, 

tassuug  und  Bezeichnung  des  genetivischen  und  des  lokalen  Ver- 
hältnisses auf  die  Frage  woher?  durch  die  Präposition  des  terminus 
ex  quo,  ist  recht  eigentlich  der  Boden,  auf  welchem  der  partiiive 
Artikel  entstehen  und  seine  heutige  Ausdehnung  gewinnen  konnte.") 
mögen  hinsichtlich  der  Ausbreitung  der  Teilungslorinel  das  Richtige 
treiben,  hinsichtlich  des  Zeitpunktes  ihrer  Entstehung  haben  sie  den 
vulgärlateinischcn  Sprachvorgang  nicht  berücksichtigt. i  Sogar  die 
von  Mengebcgrifien  unabhängigen  partitiven  f/f-Konstruktionen,  die 
Morf  wohl  zunächst  nicht  im  Auge  hatte,  nicht  nur  die  „verjüngten 
gen.  part.",  setzen,  wie  wir  sahen,  im  Alllatein  als  Konkurrenten 
der  entsprechenden  Genetive  ein,  bis  im  Spätlatein  die  ältere  Aus- 
drucksweise ganz  verdrängt  wird.  ^ 

Man  kann  sagen,  dafs  durch  den  Sieg  des  Genetivs  mit  de 
tlie  Expansionsfähigkeit  der  Teilungstbrmel  gesteigert  wurde  und 
dafs  um  diese  Zeit  die  stärkere  Ausdehnung  begonnen  hat. 


IL 

Das  Teilungsverhältnis  bei  Mengebegriffen  im 
Provenzalischen,  3 

Wenn  in  der  lateinischen  Volkssprache  im  Appositionsverhält- 
nissc  die  ursprüngliche  Form  der  Parataxe  besonders  bei  Mafs-  und 
Zahlangaben    vielfach    erhalten    ist    (Schmalz   S.  348:    Prop.  2.  29,  3 

^  Im  übrigen  dürfte  die  Ausbreiluiig  in  der  Art  vor  sich  gegangen  sein, 
M'ie  ^Nlorf  sich  im  Anschlufs  au  die  oben  ziticrteu  Sätze  au  Beispielen  des 
Rolandsliedes  die  Entstehung  klargemacht  hat.  „Wenn  wir  im  Altfranzösischen 
neben  133  Tant  i  avrez  ||  de  besanz  esnicrez;  459  Koustruktionen  haben,  wie 
570  II  tan t  li  dunez  aveir;  3979;  oder  neben  127  De  sun  aveir  ||  vus  volt  asez 
duner,  Konstruktionen  wie  899  ||  asez  oust  barnct;  2155;  .  .  .,  so  mufs  ja  der 
Schein  cntstcheu,  als  ob  der  gen.  in  den  jeweiligen  ersten  Beispielen  mit  dem 
acc.  der  jcweiligeu  zweiten  in  seiner  syntaktischen  Bedeutung  rds  Objekt  des 
betrefienden  Verbums  identisch  sei:  de  Vor  z=  or  ,  .  .  Auch  p'älle,  wo  die 
rein  lokal-paititive  Anschauung  noch  auf  der  Iland  liegt,  wie  2348  Del  veste- 
ment  II  i  ad  Seinte  Marie  (cf.  auch  2346f.,  1012,  11 19)  mufsten  dazu  beitragen, 
den  genetivischen  Ausdruck  nicht  als  von  einem  zu  supplierenden  Satzteil 
abhängig,  sondern  tel  quel  als  Objekt  des  regierenden  Veibums  erscheinen  zu 
lassen.  Von  der  Zeit  an ,  da  diese  Anschauung  zum  Durchbruch  gekommen 
ist,  datiert  die  Existenz  des  partitiven  Artikels."  Wenn  Appel  (a.  a.  O.  4 — 8) 
zu  zeigen  versucht,  wie  in  diesen  „lokal-partitivcn"  Wendungen  auch  ohne 
Einflufs  seitens  des  genetivischen  Gebrauchs  des  de  eine  ^Möglichkeit  für  de 
gegeben  war,  den  selbständigen  Gedankeninhalt  „etwas  von"  zu  gewinnen,  so 
hat  ihr  dieses  Bestreben  in  etwa  den  Blick  für  die  Art  der  Beziehungen 
zwischen  Teiluugsformel  und  Wendungen  mit  Mengeangaben  getrübt,  insofern 
sie  den  fördernden  Einflufs  letzterer  zeitlich  zu  spät  angesetzt  hat  (vgl.  auch 
die  Rezension  Meyer-Lübkes  im  Liibl.  f.  germ.  u.  rom,  Phil.  1916,  Sp.  177). 

^  Bonnet  611  konnte  nachweisen,  dafs  in  der  .Sprache  Gregors  von  Tours 
für  die  unabhängigen  Parlitivausdrücke  dieser  Zustand  erreiclit  ist. 

3  Abkürzungon  {*  =  ganz  durchgesehener  Text): 
*Alb.  =  La   chanson    de    la    croisade   contre   les    Albigeois    p.  p.     P.  Meyer. 

Paris   187^,   1879. 
*Rom.  Arlcs  ^  Lc  Ru.nan    d'Arles    p.p.    C.  Chabancui.      Rf.R.  XXXlf, 
XXXIll. 


ZUR    TElLUNGöFOKMEL    IM    PKOVENZALISCHEN.  43 

pueri  .  .  .  Uuba  [=  pueroiura  turba]  und  Kühner,  Gram.-  1,  i, 
S.  250  f.),  1  vor  allem  bei  Nachstellung  der  Mengeangabe,  wo  in 
nachlässiger  Diktion  das  Substantiv  in  seiner  allgemeinen  Form 
gesetzt  wird,  ohne  dafs  die  durch  den  folgenden  Begriff  gegebene 
Begi'enztheit  bedacht  und  zum  Ausdruck  gebracht  wird,  so  treten 
im  Provenzaüschen    bei  Zahlen    neben    gleichgearteten  Fällen    wie 

Segre  vos  aun  donzellas  cent  (S.  Fides  v.  256) 


*Barl.  =  Die  pioveiizalische  Prosa-Redaktion  des  geistlichen  Romans  von 
Barlaam  und  Josaphat,  hsg.  von  F.  Heuckenkamp.     Halle  1912. 

*Bible,  s.  Hist.  Sainte. 

*Boyssct  =  Die  Chronik  des  Garoscus  de  Ulmoisca  Veteri  und  Bertraud 
Boysset  (1365 — 1415),  hsg.  v.  F.  Ehrle.  Arch.  f.  Lit-  u.  Kirchen- 
gescliichte  des  M. alters  VII, 

*  D  o  c.    1  i  n  g  u,  =  Documeuts    linguistiques    du    midi    de    la    France    p.   p. 

P.  Meyer.     Paris  1909. 
*Douc.  =  La  vie  de  sainte  Douceline  p.p.    J.-H.  Albanes.     Marseille   1879. 
*Eust.  =  Le   mystöre    de   saint  Eustache  p.  p.     P.  Guillaume.     RLR.  XXI, 

XXII. 
*Gesta   =    Gesla    Karoli    Magni    ad    Carcassonam    et    Narbonam,    hsg.    v. 

E,  Schueegans.     Halle  1898  [=  Rom.  Bibl.  XV]. 
*Guill.  =  Guillaume    de    la    Barre    p.p.      P.Meyer.      Paris  1895.     L^oc.    d. 

auc.  textes  frauf.] 
*Hist.  Sainte  =  Recits    d'histoire    sainte    en    bearuais    p.  p.    V.  Lespy    et 

P.Raymond.     I,  II.     Pau   1876,   1877;     '''Bible   =  „Bible  en  langage 

gascon  A  f  4"  Bibliotheque  Genevieve,  abgedruckt  in  Hist.  Sainte. 
*lIon.  =  La  vida  de  sant  Honorat,  legende  en  vers  provencaux  par  Raymond 

Feraud,  p.  p.  A.-L.  Sardou.     Nice  [1S75]. 
*Prise  Jer.  =  La  Prise    de  Jerusalem  p.  p.  C.  Chabaneau.     RLR.  XXXII, 

XXXIII. 
Millardet  =  Recueil    de    textes    des   auciens    liialectes    landais  p.  p.  G.  Mil- 

lardet.     Paris   19IU. 
*PJoh.  =  Brief  des  Priesters  Johannes    an  Kaiser  Friedrich    in  Such.  Dkm. 
*RVidal,  Abrils  ^=  Abrils   issi'e   mays    intrava.     Lehrgedicht   von  Raimon 

Vidal  von  Bezauduu,  hsg.  v.  W.  Bohs.     Rom.  Forsch.  XV. 

*  Ter  sin  =  Tersin.     Tradition  arlesieune  p.  p.  P.  Meyer.     Rom.  I. 
*Troub.  =  Les    biographies    des    troubadours    en    langue    provencale    p.  p. 

C.  Chabaneau.     Toulouse  1885. 
*Turpin  =  Der  proveuzalische  Pseudolurpin,  hsg.  v.  O.  Schultz.    ZRPli.  XIV. 

An  sonstigen  gröfseren  altprov.  Texten  wurden  vollständig  durchgesehen: 
inBaDkm.:  *Leben  der  hl.  Enimia,  *Kindheit  Jesu;  in  Such.  Dkm.:  *Alexius, 
*KreuzIegenden,  *Nicodemusevangelium  mit  Prosaauflösung;  *Prise  Damiette 
(fcd  P.  Mej-er.  Genf  1880);  *Flamcnca-,  *Jaufre:  *Sermons  (et  preceptes  cn 
langue  d'oc  du  Xlle  siecle,  p.  p,  C.  Chabaneau.     RLR.  XVIII}. 

An  jüngeren  Texten  fanden  Berücksichtung:  Jean  de  Ca  bau  es, 
L'histourien  sincere,  sus  la  guerro  doou  duc  de  Savoyo  cn  Prouvcuco,  eu 
1707,  p.p.  A.  Pontier.  Aix  1830.  —  *Poesies  de  Dom  Gu6rin  de  Nant. 
RLR.  V,  VI,  Vn,  XXL  XXIII,  XXIV.  —  -äfPoesies  patoises  de  Nicolas 
Fizcs  (1679  — 1716),  p.p.  L.  Gaudin.  RLR.  IIL  —  Poesies  languedociennes 
et    fian^aises  d'Auger  Gaillard,   p.p.  G.  de  Clausade.     Albi   1843:  Kodiere. 

—  Oeuvres  de  Pierre  Goudelin,  p.  p.  J.  B,  Noulet.    Toulouse  1S87:  E.  Privat. 

—  *Fr.  Mistral,  Mirfeio.  Paris  191O:  Biblioteco  Charpentier.  —  Oeuvres  choi- 
sies  de  Roudil,  p.p.   I..  Gaudin.     ]<LR.  I. 

'  Entsprechend  dlseh.  „Der  TugendhaJten  gibt  es  wenige,  der  Lasterhaften 
viele"    findet  sich  nach  Kühner  (eb.  428)  nie  der  gon.  part.  im   I-ateinischcn. 


44  HANS    NKUN'KIKCHEN, 

wn   vnriiherr.iii   vit;lo   mit  logischer   Vcrkiiüpruiig  auf: 

Aquilh  Uobavon  d'autra  part 

Vas  Lombardial  pro   marques 

E  d'autres  baros  dos  o  tres 

E  catr'c  eine  e  mays  de  ccn,  (RVidal,  Abrils  772  ft.)  — 

D'autras  defensios 

Podetz  far  avinens, 

Si-ns  plai,  mai  de  eine  cens,   (^BaLsb.  144,811.)  — 

Im  cutre  totz  aquestz  han  de  cavaliers  .CLXX.  m.  e  de  siiventz 
uuarnilz  .CC.  m.  (Gesta  6461".  =  Et  habent  inter  istos  militcs 
lorieatos  .CLXX.  in.  et  pedites  armatos  .CC.  m.)  —  et  amenava  ab  si 
.CCC.  m.  cavaiers  e  de  sirvens  ses  nombre  (eb.  2610  Hs.  P  =  .  .  .  et 
ab  sirventz  trops  ses  comte  Hs.  B  =:  ]at.  eura  .CCC.  milibus  milituni 
et  infinita  multitudine  peditum)  —  aucis  ne  d'autres  .V.  (eb.  1860")  — 
e  manjee  nc  e  l'Apostoli  eyssament  eis  clergues  e  d'autres  pus  de 
.VII.  m.  (eb.  269!'.  =  et  plus  quam  .VII.  milia  aliorum)  — 

E  ac  i  de  roters,  de  Navars  e  d'Aspes, 

Plus  de  .m.  a  caval  e  de  .L.  e  tres; 

Ciascos  e  Caercis  i  a  e  Agenes.  (Alb.  i-;65D.)  — 

De  mortz  e   de  negatz  n'i  ac  bc  .XXVIII.  (eb.  2380)  — 

E  rivesqucs  d'Uzes  ab  d'autres  clergues  cent  (eb.  1355)  — 

Ab  de  domnas  entro  a  cent  (Jaufre   159  a)  — 

ab  d'autres  cent  (eb.  136a;  ähnl.    130  a)  — 

Seiner,  ieu  vei  lai  cavalcan 

De  cavalliers  entro  a  cent.  (eb.  156  b)  — 

Que  de  colps  pres  iiiais  eine  eentz;  (eb.  93  b)  — 

Assaz  i  ac  tendas  e  traps 

E  paballos  de  raanta  guiza ; 

De  cruecs,  de  blanes  e  de  vermeilz 

N'i  ac  plus  de  .V.  cens  pareils;  (Flamenea   2050.)  — 

De  baisars  y  ac  plus  de  cent 

Preses  dese  ad  un  tenent  (eb.  6771  f.)  — 

.San  Blaze  pregu'e  sant  Marti 

E  d'autres  sains  ben  .V.  o  .VI.  ....  (eb.  21  ig  ff.)  — 

tan  grans  gens  morian  de  fam,  que  sei  .j.  jorn  ne  trobet  hom  de 
niortz  per  las  carrieyras  .CCCLX.  (Prise  Jcr.  31.  II,  1  f.). 

Derartigen  Beispielen,    bei   denen    die  engen  Beziehungen  zur 
Teilungsformel  auf  der  Hand  liegen,  werden  solche  wie: 

.C.  deniers  d'aur  portec  grociers 

E  .V.'^  floris  de  menutz  (Guill.  321g f.) 

und  auch:  Trczens  cavaliers  ac  de  bons  (Flamenea  6932;  P.Meyer: 
Trczens  =  tres  cens?)  anzureihen  sein,  wo  die  gleiche  Denk- 
vorsiellung  unter  Reimzwang  den  vorliegenden  sprachlichen  Aus- 
druck gefunden  haben  könnte.  Doch  ist  auch  die  Annahme  eines 
Kontaminationsfalls  möglich;  vgl.   noch  aus  dem    17.  Jh.: 


ZUR  Teilungsformel  im   PROVENZATISCHEN'.  45 

Que  pregui  Diou  que  tiento  autounos 

Bejat  bous  encouero  de  bounos  (D'Aslros  1.  36,  465  f.).i 

Mit  der  zunehmenden  Anwendung  der  Teilungsformel  beim  Objekt, 
.Subjekt  und  nach  Präpositionen,  die  die  einfache  Nebeneinander- 
setzung unmöglich  machte,  wurde  die  logische  Verknüpfung  durch- 
geführt. Wenn  man  von  Fällen  wie  us  de  sos  disciples  (bekannte 
Menge!)  absieht,  ist  partitives  de  nach  Kardinalzahlen  im 
Prov.  selten.  Der  lat.  substantivische  Plural  milia  (mit  gen.  part. 
s.  Draeger  1,  106  f.  u.  a.)  kehrt  wie  im  übrigen  Romanischen  (Meyer- 
Lübke,  Rom.  Synt.  §  140)  durchweg  in  adjektivischer  Verwendung 
mit  asyndeiischer  Verbindung  des  folgenden  zugehörigen  Substantivs 
wieder.  Die  interessanten  Ausnahmen  im  Turpin:  iiii.  de  bares 
raot  bos  batalhadores  (484,  17)  —  .x.  de  Serrasis  (485,  30)  — 
.xxxiiii.  de  cavalhers  aprees  en  armas  (486,  38)  —  amb  .-^^,  de 
Turcs  (493,  1)  —  amb  l.  de  Sarrasis  (501,40)  —  amb  .v.  d'autres 
(50Q,  37)  werden  eine  bewufste  Nachbildung  der  lateinischen  Quelle 
darstellen,  weil  andere  Texte  unter  ähnlichen  Bedingungen  de  kaum 
gebrauchen.  Insbesondere  zeigen  die  Gesta  deutlich,  dafs  «'(.'-Ver- 
knüpfung nicht  geläufig  ist,  da  sie  bei  relativ  genauer  Wiedergabe 
des  lat.  Te.Kies  in  Hs.  B  nicht  einmal  die  häufigen  lat.  Genitive 
nach  milia  (ÖQif.,  695!".,  714,  807!".,  821  usw.)  durch  de  zum 
Ausdruck  bringen,  das  sie  nur  in  solchen  Fällen  aufweisen,  wo  es 
auch  im  Lat.  steht  und  im  Prov.  bleiben  mufs,  wie  Aquestz  .111. 
ancim  et  ab  es  .C.XXX.IIII.  m.  de  gent  sarrasina  =  ...  et  cum 
illis  .  milia  de  gente  sarracenica  (601  f.).  Im  übrigen  ist  Turpin  selbst 
inkonsequent:  .xli.  d'onsas  d'argen  e  .x^ii.  besans  d'aur  (510,29); 
vgl.  auch  .x*!!.  onsas  d'argen  (509,39  und  514,8)  —  amb  .n". 
Navarrencs  e  de  Serrasis  (492,  28 f.);  de  fehlt  weiter  noch  in 
ii  Fällen.  Die  Anknüpfung  von  autres  an  milia  mittels  de  findet 
sich  auch  anderswo:  e  pus  de  .XX.  milia  d'autres  homes  (Troub,  71b. 
II,  10  f.)  —  Menam  an  nos  .CX.  milia  cavalliers  armatz  he  .II.  milia 
albarestiers ...  he  .CCCC.  milia  d'autres  albaresties  (PJoh.  366.  45,7!!.); 
dann  auch  bei  kleineren  Zahlen: 

Estiers  aquestz  n'i  a  eine  cens 

D'autres  que  son  larc  e  sotil  (RVidal,  Abrils  13361.)  — 

lo  papa  fe  li  gran  corona  e  a  .C.  d'autres  entre  cavaiers  e  donzels 
(Gesta  1250  f.  =  lat.  et  .C.  aliis  tarn  militibus  .  .  .)  —  aucis  ne  autre 
e  .XV.  d'autres  (eb.  2234  =  alium  interfecit  et  .XV.  alios)  —  e 
gitec  lo  mort  en  terra  e  .VII.  d'autres  (eb.  803)  - —  am  .V.  d'autres 
reys  (eb.  689)  —  et  am  .IV.  d'autres  avesques  (eb.  1002!".);  doch 
vgl.  auch:  e  .II.  autras  fenestras  paucas  i  fe  (eb.  1240)  und  e  de 
.XVII.  autres  santz  (eb.  1079)  —  Ab  .VIII.  d'autres  (Jaufrc  157b).  — ■ 
Sonst  ist  die  </d'-Fügung  kaum  zu  finden;  vgl.  noch: 


1  Pocsies    gasconnes,    rec.    et    p.p.   F.  T[ailliade].      Nonvclle   t'd.   T.  I: 
XVII«  si^rle:  J.  G.  d'Astro.s.  .  .  .     Paris   1867,   1869:  Tioss. 


40  HANS    NRUNKIRCUFN, 

K  Melian,  quc  pres  lonia 

Ab  eine  ccns  en  s:i  compagnia 

De  cavallier  meravilloz  (Jaufrc  141b)  — 

Item,  compare  lo  susdicli  en  de  huous,  ^.  iiij,  d.  s. 

Item,  xlj  de  huous  per  lo  dieh  dinar,  montan,  u.  ij. 

(Doc.  lingu.  S.  353  =  Forcalquier,  Bass.  Alp.  1489)  —  per  joryar 
las  dichos  quaysos,  ecn  de  rordas  (eb.  S.  472  :=:  Tallard,  IL  Alp. 
1526)  und  die  sehr  bemerkenswerte  Stelle  aus  ServcMi  von  Gerona 
(Sueh.  Dkm.  262,  231  ff.): 

Ca  tres  femnes  leyals 
P'n  son  .C.  desleyal.«, 
E  a  tres  de  jantils 
N'a  mays  de  .C.  de  vils, 
E  a  tres  d'avinens 
N'a  .C.  desconaxens, 
E  a  tres  de  grasides 
I'ji  son  .C.  escarnidcs, 

welehe  ebenso  wie  die  folgenden  Beispiele  wieder  die  engen  Be- 
ziehungen zwischen  den  Wendungen  mit  Mengeausdruck  und  der 
eigentlichen  Teilungsformel  (in  dem  Typ  i  a  de  +  subst.  Adjektiv) 
zeigt:  volgron  li  crestians  .  .  .  reconoyser  lur  gents  .III.  c.  en  troberon 
mortz  e  .ij.c.  de  nafratz,  (Rom.  Arles  716  ff.)  —  et  trobe,  .  .  .,  qu'en 
y  avia  300  de  morts  et  200  de  naffrats.  (Tersin  A  64,  3)  —  e  y 
aguet  dous  niillia  Chrestians  de  mors  e  autan  de  eavaliers  (eb.  B  65,4), 
vgl.  aber  eb.  64,  3:  y  aguet  .XXX.  millia  Sarrasins  estendus. 

Die  Dinge  liegen  also  im  ganzen  und  grofsen  hinsichtlich  der 
kleineren  Zahlen  ähnlich  wie  im  Lat.,  bezüglich  milia  wie  im  Altfrz. 
und  Span.  (vgl.  Meyer-Liibke,  Rom.  Synt.  §  237).  Die  aiilrcs- 
Verbindungen  werden  sieh  ohnehin  noch  als  ajialogische  Über- 
tragungen von  der  häufig  vorkommenden  ähnlichen  Konstruktion 
bei  den  unbestimmten  Mengeausdrücken  her  erklären  (s,  unten); 
ein  Beispiel  wie  PJoh.  366.  45,  7  ff.  zeigt  klar,  dafs  nicht  die  Zahl 
der  die  r/^'- Setzung  bedingende  Faktor  ist.  Überhaupt  lassen  sicli 
die  </(f-Fälle  bei  mi/hi  angesichts  der  gesamtromanischen  Verhältnisse 
mit  gutem  Grunde  alle  als  sekundäre  Analogiebildungen  der  vor- 
genannten Art  oder  als  bewufste  oder  unbewufste  Nachahmungen 
der  klassisch -lat.  Konstruktion  auffassen,  wenn  wir  bedenken,  dafs 
die  lat.  Volkssprache  bei  Zahlangaben  gern  das  Appositionsverhältnis 
bewahrt  hat:  ..und  noch  im  Spällatein,  wo  z.  B.  Arnob.  106,  i6 
anni  ad  haec  tempora  prope  milia  duo  sunt  und  Jord.  Get.  134 
decem  libris  carne  sagt  und  Cassian  aus  Esaia  37,  25  plus  quam 
duodecira  milia  legiones  angelorum  zitiert"  (Schmalz  S.  348).  Wenn 
es  für  die  moderne  Sprache  bei  Piat  1  S.  248  heifst:  «Les  noms  de 
nombre  sont  souvent  suivis  de  la  priposition  de:    une  quinjeno  de 

^  Pi.at,  Grammaiic  generale  populaiie  iles  dialectes  occitanicns.  Essai  de 
svntaxe.  RLR.  UV. 


;^UR    TEILUNGSPORMEL    IM    PROVENP^ALISCHRN.  47 

rents  amos,  1.500  ames;  dous  centenii'-s  d'ave,  200  brebis;  a  milo 
d'aumalho,  il  a  i.ooo  betes  ä  cornes.  Mais  on  dira:  milanto  cops, 
des  millions  de  fois»,  so  hat  nur  das  Beispiel  mit  milo  Beweiskraft. 
Doch  vgl.  milo  fes,  milo  cop  (Mistral,  Tresor  II,  340  b);  milo  mit  de 
auch  bei  Gaiilard  (96, 10):  Car  on  ne  troubara  cent  milo  de  countens. 
Fälle  wie  n'y  aguec  ren  que  huech  de  sauvas  (Vallee  de  Queyras) 
und  qui  ha  mec  agu  eut  d'salva  (Val  St.  INIartin)  =  Übersetzung 
von  V.  106  der  Noble  Lecon  (ed.  Montet):  non  ac  mays  qiie  oyt 
salva  entsprechen  franz.  il  y  avait  deux  mois  de  perdus  oder  il  y 
avait  trois  mille  soldats  de  blesses,  wo  substantivische  Zahlangaben, 
wie  in  den  oben  angeführten  älteren  prov.  Beispielen,  durch  partitives 
de  mit  substantivierten  Partizipien  in  auffälliger  Form  verbunden  sind. 

Bei  den  meisten  allgemeinen  Mengeausdrücken  wie  molt, 
fallt  usw.  lassen  sich  bis  heute  keine  festen  Regeln  über  das  Ein- 
treten der  ^^-Fügung  aufstellen. 

Das  Altpro venzalisc he  hat  die  Konstruktion  mit  einfacher 
Anreihung,  die  bereits  im  Lat.  durch  den  Gebraucli  des  gen.  part. 
und  des  partitiven  de  nach  der  substantivierten  Form  des  Neutrums 
durchbrochen  war,  immerhin  weiter  eingeschränkt.  Allerdings 
scheinen  die  älteren  Texte  (Evjoh.,  SFides,  Sermons  du  12=  s.  u.  a.) 
nur  attributive  Geltung  zu  kennen,  die  auch  später  meist  noch 
überwiegt,  so  dafs  das  Prov.  stark  hinter  dem  Altfrz.  zurückbleibt, 
wo  nach  Meyer-Lübke  (Rom.  Synt.  172)  „adjektivisches  mout,  moute, 
poi,  poie  im  ganzen  selten  und  auf  westliche  Texte  beschränkt  ist". 
Neben  der  gröfseren  Zahl  unmittelbarer  Beispiele  beweisen  die 
weitergehende  Ausbreitung  gegenüber  dem  Lateinischen: 

I.  die  ziemlich  häufige  Verschmelzung  der  de-Yngxxng  und 
der  adjektivischen  Anreihung  in  einer  Ausdrucksweise  wie  en  fanfos 
de  maneiras,  in  der  gewöhnlich  1  eine  Angleichung  des  Mengewortes 
in  Geschlecht  und  Zahl  an  das  folgende  Substantiv  erblickt  wird; 
eine  Auffassung,  die  Beispiele  wie  ab  pauca  de  sa  gent  (Alb.  706) 
und  un  pauca  de  rusca  d'olivier  (Such.  Dkm.  203,  67)  sehr  wahr- 
scheinlich machen.  Wenn  man  hierbei  auch  an  bewufsten  Ge- 
brauch der  Konstruktion  als  stilistisches  Mittel  denkt,  die  aber  auch 
bei  metrischer  Verlegenheit  bequem  aus  der  Not  half,  käme  ein 
Streben  nach  Verstärkung  des  Ausdrucks  in  Frage,  auf  welches 
z.  B.  Schmalz  (Syntax,  S.  365,  Anm.  4)  die  analogische  Ausdehnung 
des  gen.  part.  nach  cuncti  und  omnes  zurückführt.  Die  Fälle  wie  molr. 
de  Sarasins  werden  aber  wohl  lat.  multi  tribunorum  (Tac.  Hist.  4,73) 
=  späterem  multi  de  tribunis  entsprechen.  Angesichts  von  Fällen 
wie  en  mantas  de  maneiras  (Alb.  3827  u.  ö.),  die  allerdings  Analogien 
nach  en  tantas  de  maneiras  darstellen  werden,  erscheint  auch 
analogische  Übernahme    des    de  in  die  adjektivische  Verwendungs- 

'  Vgl.  Mcycr-Lübke  (Rom.  Synt.  §  239),  Schultz-Gora  (Elemciitaibucli^ 
§  183:  Attraktion)  und  Suchier  (Gr.  Gdr.  I,  2,  S.  S18:  Assimilation,  be«.  im 
rVovenzalischen);  dazu  auch  Beisji.  wie  per  .x.  niillias  dona  tniita  iTescurdat  e 
do  tentbras  (PJoh.  367.  46,   27  f.). 


\9,  HANS    KEtTNKlKCIiKN, 

weise  auf  Grund  der  Krinnciungsbilder  mit  t/t-Fügung  iiiclit  aus- 
geschlossen, da  singularisches  mant  de  nicht  vorkonnnt. 

2.  Dic^'enuischung  der  substantivisch-neutralen  und  adverbialen 
Verwendungsweise  bzw.  die  teilweise  Absorption  der  letzteren  durcli 
die  erstere.  In  Sätzen,  in  welchen  ohne  wesentliche  Bedeutungs- 
N  erschiedenheit  mo//,  taut  usw.  statt  als  Uradadverbium  in  der 
ursprünglichen  Stellung  vor  dem  Verbum  un  der  Spitze  des  Satzes  — 
mit  Steigerung  des  ganzen  Satzinhalts  —  auch  als  substantiviertes 
Neutrum  durch  de  mit  dem  Substantiv,  auf  das  sich  der  Intensitäts- 
( Menge-) Ausdruck  im  besonderen  bezieht,  \erbunden  werden  kann, 
ist  im  Laute  der  provenzalischen  Entwicklung  immer  mehr  die 
letztere  Verwendungsart  gebräuchlich  geworden:  Fälle  wie  Pro  i  a 
estables  e  solers  (Flamenca)  oder  Taut  i  a  comtes  e  comtors  (eb.  194) 
treten  hinter  denen  mit  ^/(, -Verknüptung  zurück  und  verschwinden 
mit  dem  Siege  der  eigentlichen  Teilungsformel  automatisch,  als  der 
Satz  ohne  Mengeadverb  /  a  c/'estables  e  de  solers  lautete 

Bei  diesem  Vorgange,  wo  wohl  analogische  Ausdehnung  des 
substantivischen  Gebrauchs  vorliegt,  und,  psychologisch  betrachtet, 
das  Stärkeverhältnis  der  Menge-  und  Intensitätskomponente  zugunsten 
der  ersteren  verschoben  ist,  wurde  die  stilistisch  wirkungsvolle 
(Emphase,  Hervorhebung!)  und  metrisch  bequeme  oder  gebotene 
Stellung  vor  dem  Verbum  meist  beibehalten,  nicht  nur,  wenn  wie 
bei  7nais  .  .  .  mais  durch  Gegenüberstellung  noch  ein  besonderer 
Anlafs  gegeben  ist.  Natürlich  bleibt  die  adverbielle  Funktion  fast 
ausnahmslos  in  Fällen  wie  inolf  li  volia  gmn  mal,  wo  das  Substantiv 
von  einem  Adjektiv  begleitet  ist,  auf  das  sich  das  Mafsadverbium 
trotz  der  noch  beibehaltenen  Stellung  vor  dem  Verb  mehr  oder 
weniger  eng  bezieht.  2  Man  kann  wohl  schon  ziemlich  früh  hinter 
der  alten  Form  die  veränderte  Auffassung  suchen  3;  denn  vgl.  auch 
que  motz  reraaseron  de  Sarrazis  raortz  (Prise  Damiette  S.  30")  —  motz 

'  Zunächst  werden  die  einzelnen  Ausdrücke  ihrer  verschiedenen  Herkunl't 
eulsprecheud  nicht  gleichmäfsig  behandelt:  so  zeigt  das  ursprüngliche  Adverb 
assaz  (an  der  Spitze  des  Satzes  und  nachstehend)  vorzugsweise  adverbielle 
Funktion  ohne  Verknüpfung,  was  bei  granres  nur  vereinzelt  der  Fall  ist.  — 
Auch  bei  Nachstellung  der  Mengeangabe  ist  die  logische  Beziehung  oft  noch 
nicht  hergestellt:  Orasons  i  a  trop  ades  (Flamenca  3175)  —  Aur  et  argen  lur 
dono  mot  (Such.  Dkm.  32,  1105)  usw.  —  Für  Gesta  ist  bei  mout  das  Ver- 
hältnis der  adjektivischen  Form  +  de:  adjektivischen  Foim  etwa  =1:2 
(Beisp.  irrit  Nachstellung  und  autres  eingerechnet),  adverbiale  Gebrauchsweise 
und  subst.-neutiale  4-  <^^  fehlen  ganz;  für  Douc. :  if^- Fügung  (je  5  Beisp. 
mit  subst.  und  adjekt.  gebrauchtem  mout):  adjekt.  Anreihung  (die  steieotypc 
Formel  motas  ves  ausgenommen)  =^1:3;  für  PJoh. :  <^^ -Verknüpfung  (4  subst., 
12  adjekt.,  autres  und  Nachstellung  eingerechnet):  adjektiv.  Aureih-Jug  =  4  :  3, 
ferner  ein  Fall  mit  Adv.  Für  trop  ist  das  Verhältnis  von  adjekt.  Form  4-  de- 
zu  adjekt.  Anreihung  =  i:i  für  Gesta:  Douc.  hat  zweimal  subst. -neutrale 
Form  ■\-  de. 

*  Doch  vgl.  Lo  rey  Avennur  amava  lo  niol  e  mot  li  portava  d'onor  grau 
(Bari.  2,  3f )  und  bes.  Meycr-Lübke  (Rom.  Synt.  S.  528),  der  aus  dem  Spauisclun 
ganz  auffallende  Vermischungsfälle  anführen  kann,  wo  bei  unmöglicher  Parlitioii 
rein  äufserliche  Nachbildung  vorliegt:  tanto  estaba  de  bien  atada  (DQuij.). 

^  Sfhultz-Gnra,  IClementarbuoh  •',  S.  139  sclu-int  anderer  Auffassung  zu  st-in. 


;^UR    TEILUNGSFORMEL   IM    PROVENZALISCHEN.  49 

hy  ac  d'homes  (Bari.  1,4)  —  car  raolas  ay  vistas  et  auzidas  mal- 
vestatz  (Such.  Dkm.  98,  10  f.). 

3.  AiKilogiekonstruktionen  wie:  et  a  pluros  dautres  (Boysset 
351,  14)  —  Davant  aquestos  lo  eran  stat  mandat  pluros  d'aulres  qua 
si  devoti  lay  atrobar.  (eb.  390,  13 f.);  ferner  an  diverses  dautres 
(Doc.  lingu.  396:  Manosque,  B.  A.  1426)  —  e  d'autres  dyverses 
(eb.  523:  Vence,  A.  M.  1434)  —  (zu  der  Sonderstellung  von  iVaulres 
s.  S.  44 f.  und  50)  —  und  que  lonc  de  temps  avian  estat  el  sablon, 
(Prise  Damiette  S.  5)  —  car  lonc  de  temps  lo  ave  desirat  de  beder 
(Hist.  Sainte  II,  124);  vgl.  auch  un  demiey  jorn  cremet  (ein  Scheiter- 
haufen) sens  tot  de  fayllimen  (Hon.  137,  50;  gebraucht  wie  ^«jj- d?^). 

Heute  ist  die  subst.  Ausdrucksweise  mit  de  mit  wenigen 
Ausnahmen,  von  dem  allgemeinen  adj.  Gebrauch  von  forgo  und 
proun  abgesehen,  in  der  eigentlichen  Provence  durchgeführt, 
wie  es  sich  deutlich  an  Hand  von  Mistrals  Werken  für  die  litera- 
I arische  Sprache  zeigen  läfst,  was  nach  Ronjat  (Essai  de  synta.xe 
des  parlers  proven(;au.K  modernes.  Mäcon  19 13),  8.351".  für  den 
Bezirk  überhaupt  gilt.  Aber  auch  in  den  literarischen  Werken 
aus  anderen  Dialekten  erfreut  sich  diese  Konstruktion!  gröfserer 
Beliebtheit,  besonders  bei  tant'qtiani;  dagegen  scheint  die  heutige 
Volkssprache  des  übrigen  Südens  stark  an  der  adjektivischen 
Verwendung  —  vielfach  in  Verbindung  mit  de  —  festzuhalten. 
Während  in  der  alten  Sprache  so  recht  keine  regionale  Begrenzung 
dieser  Kreuzungsformen  festzustellen  war,  läfst  sich  jetzt  beobachten, 
dafs  sie  in  der  Mitte  des  südfranzösischen  Sprachgebiets,  etwa  mit 
der  Rouergue  a's  Kernlandschaft,  bevorzugt  werden  (vgl.  beispiels- 
weise Atlas  lingu.  Nr.  15 13  Combien  de  personnes  hier  =  Kanios 
de  und  Ronjat  36 ff.).-  Das  Alpengebiet  hat  noch  jetzt  fast  aus- 
schliefslich  adjektivische  Anreihung,  stets  ohne  de,  wie  es  schon  die 
Noble  Lecon  für  die  ältere  Periode  zeigt. 

Wie  bei  den  Zahlen,  finden  sich  auch  hier  bei  Vor-  und  Nach- 
stellung des  Mengeausdrucks  frühzeitig  manche  der  Teilungsformel 
nahestehende  Wendungen: 


•  Als  Beisp.  tiir  interessantes  Nebeneinander  der  verschiedenen  Möglich- 
keiten vgl,  noch  aus  dem  Altprovenzalischen: 

Tantz  bon  pali  ni  taut  cendat, 

Ni  dat  tant  d'aur  ni  tant  d'argen, 

Ni  tant  bei  arnes  eissamen  (Jaufre  165  b)  — 

Uns  paures  mendix  de  Narbona 

Enblet  tanz  deuiers  e  d'annona  (Hon.  169.  CHI,  i  f.), 
aus  der  späteren  Sprache : 

leu  souy  las  de  vese  taulis  de  brullameus 

Amay  d'ausi  parla  de  tant  de  violamens: 

leu  souy  las  de  vese  tantos  personous  mortos  (Gaillard   i/r,  i  fl.)  — 

abets  forso  gens  en  Franso  e  de  souldats  (eb.   165,  23). 

-  Die  Angabe  Ronjats  S.  37:  <:Ces  tournures  semblenl  fortement  implantces 
(16s  le  XV«  si^cle  entre  Albi  et  Toulouse»  läfst  sich  dahin  ergänzen,  duf'^ 
bereits  im  Alb.,  dessen  2.  Teil  albigensische  Sprachziige  aufweist,  die  Ansdnirks- 
weise  beliebt  ist. 

Zeitächr.  f.  roni.  l'hil.  XI, 11.  * 


50  IIANS    M'.UNKIRCHRN, 

Tanl  a  rn  aquest  segle  perpres  e  semenat  Lo  princeps  iiifernals 
de  mal  c  de  pecat.  (Such.  Dkm.  214,  141")  —  Car  atrestant  de  tons 
cosis  Ac  d'aur  le  princes  sarrasins  (Hon.  179,  5  f.)  —  Quar  deniers 
ni  draps  ni  vaisselz  Laisa  tant  de  bons  e  de  bels  (Fiamenca  6925) 

—  Quc  tant  vei  de  mos  hunies  de  tnortz  e  de  nafralz  (Alb.  6582)  — 
Que  de  sanc  ab  cervelas  e  de  carn  ab  suzor  Y  aia  tant  esparsa  .  .  . 
(eb.  4437  f.)  —  Ab  de  cavaliers  no  sai  cans,  (Jaufre  52  b)  —  K 
aura  n'i  tans  d'autres  de  rics  e  de  frairis  (Alb.  71 18)  —  Mas  troj^ 
vezem  anar  pel  mont  De  folla  gent  (Appel  Chrest.  60,  23  f.)  — 
e  trop  lo-t  faria  fayr  de  be  a  Karies  (Gesta  P  2242)  —  Sortz  e 
lebros  e  d'alties  trop  (Ba.  Dkm.  270,  11)  —  et  autres  arcevesques, 
.  .  .,  priors  et  d'aiitros  clergues  trops  ses  nombre  (Gesta  48  ff.  = 
et  alii  derlei  infiniti;  u.  ö.  eb.,  auch  bei  Vorsttllung)  —  mot  n'i 
ac  de  mortz  e  de  nafratz  dels  Sarrazins  e  dels  crestias  (Prise  Da- 
mistte  S.  24,  ähnlich  S.  41)  —  Cavaliers,  domnas  e  pulcellas  Car 
molt  n'i  avia  de  bellas  (Jaufre  133  b)  —  De  gens  fes  i  venir  mot 
(Rom.  Arles  481  f.)  —  q'enantz  n'a  d'autres  motz  (Jaufre  Boa).' 

Que  ganren  en  a  d'autres  fachas  (Jaufre  105  b)  —  Ganren 
agron  d'enfans  motz  bels  E  de  mascL  s  e  de  femels  (Rom.  Arles 
135  f.)  —  Guanres  ia  venon  demandar.  De  jovencellz,  per  sa  beutat 
(Hon.  181,  126  f.)  —  Ganre  y  ac  d'autres  guirens,  (Such.  Dkm.  20, 
677)  —  Pro^Vi  trobarias  de  meillors,  De  plus  rics  e  de  bellazors 
(Jaufre  89  b)  —  Segner,  fai  s'il,  pron  lur  puesc  dar  De  joias, 
(Fiamenca  7593 f.)  —  pero  assatz  i  ac  mortz  d'omes  (Prise  Damiette 
S.  43)  —  Que  dedins  e  defora  n'i  a  maus  remazutz  De  cavals  e 
de  cors,  de  mortz  e  d'estendutz  (Alb.  9227  f.)  —  Alis  a  dig:  „Ben 
patic   ne   son,    Domna,   de  festas  vas  que  solon  (Fiamenca  4794 f.) 

—  Petit  ne  son  ara  d'aitals  (eb.  5957)  —  Tan  pauc  trob'om  en 
tota  gen  d'amor  (Ba.  Dkm.  45,  10)  —  C'ancar  vos  er  mais  a  sufrir 
De  mal  que  non  avetz  sufert  (Jaufre  77  a)  —  on  plus  vezia  de  bons 
homes,  plus  s'operdia  (Troub.  43  b.  XXVTI,  7f.)  —  mays  c'als  mieus 
li  fasia  d'onor  (Hon.  142.  LXXXiX,  63)  —  Per  mays  donar  lour  de 
peno  (Eust.  1942). 

Partitives  de  in  negierenden  Wendungen.  Auch  im 
Prov.  tritt  partidves  de  analogisch  nach  Negationsverstärkungen  in 
solchen    Fällen    ein,    ^vo    das  Substantiv    eigentlii  h    zunächst   keine 


'  Argesichts  des  häufigen  Vorkommeus  uud  formelhaften  Charakters  von 
motz  d'' autres ,  meist  als  letztes  Glied  von  Aufzählungen,  vgl.  noch  bes.  per 
motz  cavaliiers  e  per  motz  d'autres  hon  es  (Troub.  82b,  6 f.),  mains  d^ autres, 
granre  d'autres,  Zahl.i7tgaben  4-  d'autres  (alle  auch  mit  Vora;. Stellung  des 
d'autie^)  erscheinen  auch  die  Beispiele:  Ez  ab  motz  bares  d'auires  ||  e  ab  cels 
del  paes  (Alb.  8953J  —  Ez  ab  motz  baros  d'auires  ||  ab  lo  cors  enieres  (eb.  9003) 
—  En  aquesta  maneira  es  lo  coms  remazutz  Ab  IUI  baros  d'autres  |]  e  leval 
critz  el  brutz  (eb.  9305  f.)  weniger  auffällig,  wo  sich  h-A  gewöhnlicher  Wort- 
folge eine  Slbe  zuviel  ergeben  hätte.  Da  aber  auch  gleichgeartete  Prosa- 
beispiele vorkommen,  vgl.  e  XLII  milia  homes  d'autres  que  siivens  .  .  .  (Prise 
Damiette  S.  100),  werdui  sich  diese  Wendungen  am  einfachsten  dem  ?.  4>t. 
besprochenen  Typ  einordnen. 


ZUR    TEir.UNGSFORMEL    IM    PKOVENZALISCHEN.  51 

Teilauffassung  zuläfst:  car  non  ay  mas  ges  (VenfanI  (Bari.  23,  15),' 
schliefslich  auch,  wenn  der  Ausdruck  der  kleinsten  Menge  fehlt:  se 
defendet  de  lui  cortezamen,  que  anc  noil  felz  d'amor  nil  det  nuilia 
joia  (Troub.  15  a.  r,  1 1  fl.)  —  car  en  ren  non  ti  escondi  de  veritat 
(PJoh.  386,  69, 6),  wo  allerdings  j-en  mitverantwortlich  sein  wird; 
vgl.  auch  non  podia  sufrir  que  res  s'aginolles  az  ella,  neis  d'un 
rnfant  (Douc.  30.  4,  i  f.;  respektives  de'i).  Aus  spaterer  Zeit:  I\Ias 
tout-jour  ieu  ne  counapario,  S'on  n'y  fasio  de  troumpario.  (Gaillard 
24.7,  I  f.)  —  Se  ieu  y  vau  ses  abe  de  rouci,  (eb.  129,  13)  —  Plus, 
.  .  .,  ai  dounat  per  aumorno,  .  .  .,  en  ung  pasagant  .  .,  ensemble 
sa  moulher,  disunt  estre  bastier  et  per  non  haver  troubat  de  besongo. 
(Doc.  lingu.  591,80:  Alp.  Mar.  1607)  —  et  non  havcnt  troubat  de 
besougno  (eb.  591,82),  doch  eb.  591,84:  .  .  .  non  havent  troubat 
quondision.  —  Sans  ne  janiay  cerca  d'tscuza  (Roudil). 

Insbesondere  lassen  sicli  eine  Reihe  von  Belegen  für  partitives 
de  bei  Zeitangaben  in  negierten  Sätzen  als  Ergänzung  zu  der 
französischen  Beispielsammlung  Ebelings  (ZRPh.  XXIV,  538  ff.)  bei- 
bringen: non  hac  desig  de  manyar  de  tot  aquelh  dia  ui  agron  fam 
ni  set  (Gesta  P  486)  —  E  de  tot  Tau  non  es  panada  Tan  sana 
(Such.  Dkm,  211,  359  f.)  —  Ni  anc  aicela  noit  no  jac  nis  desvesti, 
Ni  anc  son  olh  no  claus,  per  fe,  ni  no  dormi,  Ni  de  tot  l'autre 
dia  (Alb.)  —  Anc  de  tota  esta  noit  no  fi  mas  perpessar,  Ni  mei 
olh  no  dormiron  ni  pogron  repauzar;  (eb.  3041  f.)  —  El  flum  creg 
aquela  nuit  de  .iij.  pes  d'aut,  so  que  mais  non  avia  fag  de  ton 
[r=:  tot]  l'an  (Prise  Damiette  S.  116)  —  Disel,  seiner,  que,  per  ma 
fe,  D'un  mes  non  partiretz  de  me  (Jaufre  99  b)  —  De  tot  jorn  nos 
levet  de  lieg,  (Flamenca  6330)  —  Anc  de  cella  nug  non  dormi; 
(eb.  3801)  —  Anc  Flamenca  de  tot  cel  jorn  Penre  non  poc  vouta 
ni  torn  (eb.  6767  f )  —  Que  pueissas  armas  non  porteron  D'u  mes, 
ni  plus  non  tornejeron.  (eb.  8008  f.)  —  Poissas  vedet  de  part  lo  rey 
Qu'aisi  con  cascus  cre  sa  lei  De  .XV.  jorns  homs  no  partis  De 
!a  cort,  (eb.  47gff.)  —  No  sia  poissas  tan  ausatz  Que  d'un  an  si 
meta  en  plassa  (eb.  66g8  f.)  —  fs^o  laus  bainares  d'un  an  (eb.  1525) 
—  E  non  manjet  ni  bec  de  tot  aquel  jorn  (Douc.  60.  5,  7  f.)  —  e 
anc  de  tot  lo  jorn  nol  det  autie  consell.  (eb.  174.  17,  2  f.)  —  L'issla 
tornara  guasta,  car  auziran  los  santz  E  non  s'abitara  de  cincanta 
tres  antz  (Hon.  101,31  f.)  —  Anc  de  .111.  jorns  re  no  manjero,  A 
synagoga  non  intrero.  (Such.  Dkm.  64,  2 121  f.)  —  Le  mezel  li  querii 
.j.  gage  Que  no  s'en  anes  dels  .VIII.  jorns.  .VIII.  jorns  estec  a  bels 
sojorns,  (Quill.  3020  ft'.)  —  Deves  aquilo  no-s  coica  ad  eis  le  solelh 
cl  solstici  estival  de  trops  jorns,  (Elucidari,  ZRPh.  XIII.  243,  27)  — 
Huey    ne    mangey    de    tot   lo    dia  (P>a.  Dkm.  284,  18)    —    Que  nel 

1  no — qes  de  hat  Irüh  —  wie  später  pas  de  uud  im  SW.  cap  de  —  die 
Bedeutung  'keiner'  =  ne  —  aucun  angenomnjcn,  aucli  nominativisch:  Die  te  que 
jes  non  t  ttn  d'amor  (Jaufre  152  b)  —  non  lour  au  fach  giis  de  responsa  (Doc. 
lingu.  430,  7)  —  non  se  fes  gis  de  expedicion  (eb.  430,  4).  —  Als  frühes  Beis;p. 
für  de  nach  Ncgation<;partilvel  ist  Boothins  v.  238  hervorzuheben:  lo  senz  Tciiic 
nn'q-n  no  [o.de  ho. 


52  HANS    NEUNKIRCHEN, 

veirem  de  tot  lo  dia  (eb.  2Q7,  36)  —  e  non  mangeron  de  .III.  jor.s 
(Such.  Dkm.  397.  XXVII,  7)  —  Araic  Joseph,  yeu  ti  comandi,  qua 
de  .xl.  Jörns  non  hyessa  de  la  tieiia  mayzon.  (eb.  393,  29  ff.)  —  ni 
non  si  batalhan  per  lo  lur  ni  per  neguna  causza  d'autre  de  tota 
!nr  vida  (PJoh.  360.  32,  13  ff.). 

Gegen  Appel  (BVentadorn  S.  224)  ist  für  die  Mehrzahl  der 
Fälle  an  der  Auffassung  Ebelings  festzuhalten,  ^  der  seine  Behauptung: 
„Man  hat  sich  vor  dem  de  die  kleinere  Einheit  zu  denken.  Bei 
Jahren  und  Monaten  etwa  'Tag',  bei  Tag  und  Nacht  'Stunde'  usw.- 
durch  verschiedene  frz.  Beispiele  mit  der  kleinen  Einheit  jorn 
stützen  konnte.  Vgl.  in  diesem  Sinne  auch :  La  mar  ybernica  es 
tan  undoza  ves  Anglaterra,  que  de  tot  Tan  apenas  si  no  paucas 
vetz  es  navigal)Ia.  (Elucidari,  ZRPh.  XIII.  242,  27f).  Dagegen  scheint 
Appels  Erklärungsversuch  (de,  um  die  Bezeichnung  der  Gröfse  des 
Unterschieds  der  Zeit,  vom  Ausgangspunkt  gerechnet,  einzuführen) 
für  die  Beispiele  mit  bestimmten  Zahlangaben  eine  ungezwungene 
Lösung  darzustellen. 

Von  den  negierenden  Wendungen  hat  das  partitive  de  später, 
wie  im  Französischen,  auch  auf  positive  Sätze  übergegriffen:  apres 
en  van  parlar  a  plusours  dals  autres  segnours  de  parlament  li  quäl 
nos  feron  tous  de  bono  responsa,  et  que  no  dobtessan  point  (Doc. 
lingu.  428:  Brian^on  1495)  —  Vous  disets  pla  que  ieu  troubarey 
de  moulhie;  (Gaillard  303,  16). 

Seit  der  allgemeineren  Geltung  der  eigentlichen  Teilungsformel 
läfst  sich  oft  nicht  entscheiden,  ob  es  sich  um  diese  Wendung  oder 
um  partitives  de  nach  einer  Negation  handelt,  da  im  Prov.  das  für 
das  Französische  in  der  Artikelsetzung  bei  der  Teilungsformel  ge- 
gebene Kriterium  wegfällt  (s.  nächsten  Abschnitt);  das  gleiche  gilt 
für  de  nach  den  Negationsverstärkungen,  wo  auch  eine  Unter- 
scheidung wie  zwischen  frz.:  N'avez-vous  pas  d'amis  (verneintes 
Objekt)  und  N'avez-vous  pas  des  amis  (verneintes  Verb)  äufserlich 
unmöglich  ist. 

ni. 

Im  folgenden  wird  der  Teilungsformel  im  Provenzalischen 

sprachhistorisch  nachgegangen  und  dabei  auch  versucht,  durch 
Vergleich  der  diesseitigen  und  der  von  E.  Appel  in  ihrer  Arbeit 
für  das  Französische  gewonnenen  Ergebnisse  die  Basis  zur  Be- 
urteilung der  Frage  breiter  auszubauen,  ob  die  eigentliche  Partitiv- 
wendung  schon  vor  dem  Einsetzen  der  romanischen  Textüberliefe- 
rung entwickelt  war,  was  auf  Grund  von  lateinischem  Sprachmaterial 
mit  Einschränkung   bejaht   werden   konnte   (s.  S.  40  f.).  ■^     Der  Ver- 

1  Aurh  Meyer-Lübke  ist  bei  derselben,  unabhängig  von  Fbeling  gegebenen 
Erk'ärung  (Rom.  Synt.  745)  geblieben  (Liibl.  f.  germ.  u.  rom.  Phil.  1916,  Sp.  178). 

*  Die  E.  Appel  unbekannt  gebliebene  Diss.  der  John  Hopkius-Universiiat  : 
Percival  Bradshaw  Fay,  EUiptical  partitive  usage  in  affirmative  clauses  in 
French  prose  of  the  141'!,  i5th  and  i6'li  centuries.  Paris,  Champion  1912; 
Vlir,  88  S.  in  8".  konnte  irh  nicht  benutzen.  —  Für  die  übrigen  romanischen 


ZUK    TEILÜNGSFOKMEL    IM    PROVENZALISCHEN.  53 

gleich  erstreckt  sich  weiter  auf  die  bereits  von  E.  Appel  kurz  be- 
handelte Frage  der  äufseren  Form  der  prov.  Partitivwendung  (vgl. 
Schultz-Gora ,  Herrigs  Archiv  134,  S.  492  über  Appels  Arbeit: 
..Sie  würde  noch  gewonnen  haben,  wenn,  besonders  für  das  Prov., 
eine  gröfsere  Anzahl  von  Texten  zugrunde  gelegt  worden  wäre; 
dann  hätte  Vf.  vielleicht  nicht  behauptet,  dals  im  Prov.  die  Ent- 
wicklung gerade  den  dem  Frz.  entgegengesetzten  Weg  gegangen 
zu  sein  scheint.  Auch  da  finden  wir  doch  mehr  wie  einmal  [vgl. 
mein  Elementarbubh  §  172]  den  bestimmten  Artikel"). 

Auf  das  verhältnismäfsig  seltene  Vorkommen  der  Teilungs- 
formel im  Prov.  bis  zum  15.  Jh.,  wovon  die  Untersuchung  durch 
fast  lückenlose  Wiedergabe  der  in  den  durchgesehenen  Texten 
vorhandenen  Beispiele  auch  eine  Vorstellung  geben  mag,  hat  u.  a. 
schon  Diez  hingewiesen.  Um  so  auffälliger  ist  es,  dafs  die  Formel 
frühzeitig  in  fast  alle  syntaktischen  Positionen  eingedrungen  ist, 
die  sie  im  Neuprov.  in  ziemlich  dem  gleichen  Umfange  wie  im 
Neufrz.  hält.  Allerdings  lassen  sich  manche  Erscheinungsformen 
zunächst  nur  durch  vereinzelte  Beispiele  belegen,  und  der  wenig 
planvolle  Gebrauch  und  die  scheinbare  Willkür  in  der  Verwendung 
setzen  dem  Bestreben,  die  Faktoren  aufzuzeigen,  welche  die  Partitiv- 
konstruktion  begünstigen,  ermöglichen  bzw.  schon  verlangen  oder 
aber  noch  verhindern,  Schwierigkeiten  ertgegen.  Immerhin  zeigen 
die  Beispiele  das  Auftreten  bestimmter,  charakteristischer,  jedenfalls 
bevorzugter  Typen,  ohne  dafs  sich  eine  sukzessive  Ausdehnung  des 
Geltungsbereichs    der  Teilungsformel    in    einzelnen    verfolgen  läfst.  1 

Sprachen  fehlen  noch  genauere  Untersuchungen.  Wie  erklärt  sich  das  relativ 
frühe  und  häufige  Vorkommen  der  artikelhaUigen  Formen  im  Italienischen? 
Weshalb  gewann  die  partitive  Konstruktion  auf  der  iberischen  Halbinsel 
wenig  Boden?  Zur  romanischen  Teilungsformel  im  allgemeinen  s.  Diez* 
III,  44 ff.  und  Meyer-Lübke,  Rom.  Synt.  §366f.,  §333;  zur  altprov. 
E.  Köcher,  Beitrag  zum  Gebrauch  der  Präposiiiou  ,De'  im  Provenzalischen. 
Diss.  Marburg  1888,  S.  23/.;  E.  Appel  a.a.O.  I2ff.;  Schultz-Gora,  Ele- 
mentarbuch ^  §  172;  kurze  Bemerkungen  und  Zusammenstellungen  einzelner 
Beispiele  u.  a.  Siimming  zu  BBorn  8,  12;  Such.  Dkm.  S.  512  zu  Nie.  v.  1229; 
Schultz-Gora  zu  Turpin  S.  475 ;  s.  ferner  die  Vokabularien  zu  Appel  Chrest., 
BVent,  u.a.  —  Suchier  bemerkt  Gr.  Gdr.  1,2,  S.  811:  „Charakteristisch  für 
das  Französische  ist  die  Herausbildung  des  sogen.  Teilungsanikels",  ohne  des 
Provenz.  Erwähnung  zu  tun. 

*  Die  zeitliche  Einteilung  und  die  Unterscheidung  bestimmter  Typen  ist 
im  ganzen  und  grofsen  die  gleiche  wie  bei  Appel,  um  den  Vergleich  einfach 
zu  gestalten.  —  In  den  einzelnen  Perioden  sind  die  partitiven  Wendungen  ge- 
trennt aufgeführt  wie  folgt: 

1.  Beispiele  für  die  uneigentliche  Teilungsformel  (kleine  Auswahl); 

2.  Übergangsfälle,  deren  Zuweisung  zur  uneig-ntl.  Teilungsformel 
(der  Artikel  in  demonstrativer  Bedeutung  charakterisiert  das  Substantiv  als  be- 
kannt) oder  zur  eigentl.  Teilungsformel  (der  Artikel  in  definierend-typisierender 
Funktion  beim  allgemein  zu  verstehenden  Stoff-  oder  Gattungssubstantiv,  vgl. 
E.  Appel  a.  a.  O.  S.  9)  zweifelhaft  ist; 

3.  Beispiele  für  die  eigentliche  Teilungsformel:  a)  in  der  Form  mit 
Artikel,  b)  in  der  Form  des  einfachen  de  ohne  Artikel. 


54  HANS    NEUNKIRCHEN, 

V.s  kann  schon  gleich  betont  werdun,  dafs  der  Artikel  in  der  eigent- 
lichen Teilungsformel  im  Provenzalischen  selten  ist:  E.  Appel  hat 
in  dieser  Beziehung  gegen  Schullz-Gora  recht  behalten.  Die  Wen- 
dung mit  blofsem  <k  war  schon  im  Altprov.  die  wirklich  lebens- 
kräftige Form  und  hat  sich  in  der  modernen  Sprache  siegreich 
durchgesetzt,  wenn  daneben  auch  ganz  vereinzelt  noch  arlikelhaltigc 
Fälle  begegnen. 

Die  älteste  altprovenzalische  Zeit. 

II.  Jh.  Ä7  co/inog  son  viziament  E  mesci  i  (falrelal  pimciü 
(SFides  v.  54 y  f.  Rom.  XXXI,  198). 

Der  erste  umfangreichere  Text,  der  uns  Wendungen  mit  parti- 
tivem  de  vermittelt,  sind  die  sog.  limousinischen  Predigten  (Ser- 
mons,  12.  Jh.). 

E  dis  HOS  e  ?iüs  demostrct  dels  seiis  esscmplts  (131,47).  Die 
Stelle  E  quanl  0  auzüo,  anero  seti  lay  de  nostres  companos  e  trohero 
0  he  aissi  cum  las  fe?nenas  0  avio  dit  (131,  2^i.  =  .4ppe!,  Chrest. 
116,  39),  deren  überwiegend  partitive  Sinnfärbtmg  eine  familiäre 
Übersetzung  wie  „da  ghigen  welche  von  unseren  Gaiosseti  hin-''  wohl 
am  ehesten  zum  Ausdruck  bringt,  verdient  besondere  Beachtung, 
weil  sie  ein  Beispiel  für  die  reine  SabjektsttUung  bietet. 

Eigentliche  Teilungsfonnel  beim  Objekt  \o\\  Stofitbezeich- 
iiungen.  In  der  Stelle  Vivenda  mi  donero  de  fei  a  beure  e  de  vinagre 
(129,  22  f.)  wird  die  Teilnngsformel  vorliegen,  da  das  de  auch  bei 
dem  vinagre  hinter  dem  Infinitiv  gesetzt  ist;  und  man  kann  sie 
wohl  nicht  einem  Fall  wie  de  mal  a  far  (Bari.  49,  35)  gleichsetzen.! 
Sermons  117,5  heifst  es  dann  ^hex  portar  ences,  wo  es  sich  aller- 
dings um  den  bekannten  Priesterdienst  (hier  von  Zacharias  gesagt) 
handelt,  so  dafs  man  in  späterer  Zeit  hier  eher  den  bestimmten 
Artikel  vermissen  würde. 

Eigentliche  Tt".  beim  logischen  Subjekt.  Sermons  125,  i61f. 
Uns  en  i  a  que  inolt  lor  pesa  car  il  non  au  asaz  aver ;  d'allres  ni 
a  que  degurpon  lot  kann  als  Kombination  zweier  Erscheinungsformen 
der  Partitivkonstruktion  analysiert  werden : 

1.  des  Typs  ?  a  de, 

2.  des  Typs   d'autres, 

die  beide  frühzeitig  ziemlich  beliebt  sind.  Müglicherweise  ist  aber 
auch  gerade  von  solchen  Fällen  aus  das  Übergreifen  des  partitiven 
de   auf  die  Stellung   beim  indefiniten  Pronomen   autres  zu  erklären. 

Dell  möglichst  chronolügibcli  geoidnelcn  Beisp.  weiden  bei  dcu  ver- 
schiedeneu Gruppen  nach  Mafsgabe  der  Verhältnisse  enlbprechende  Gegen - 
beisp,  für  dij  Nichtanwendung  der  Teilungsformel  gegenübergestellt,  wo 
das  Fehlen  nich^  durch  verstechnische  Gründe  bcdinLjt  ist. 

^  Zu  dieser  Frage  der  Infinitivanknüpfung  v^l.  Ilcuckenkamp,  l>ul. 
S.  LXXVT;  auch  Levy,  Suppl.-Wb.  II  17  b,  3. 


ZUK    TEILUNGSFÜRMKL    IM    PRÜVENZALISCHEN.  55 

1.  Nachdem  die  Betiachtting  des  parlitiven  de  lokalen  Ursprungs 
nach  Mengeausdrücken  gezeigt  hat,  dafs  die  Wendungen:  Menge- 
angabe +  Verb  (meist  /  a)  -{-  de  -\-  Substantiv  und  umgekehrt  recht 
iiäufig  sind,  wirkt  auch  die  frühzeitige  Begegnung  der  Formel 
/■  a  de  unter  solchen  Umständen  nicht  überraschend,  wo  ein  un- 
bestimmter Mengebegriff  dem  Sinne  nach  enthalten  ist,  aber  nicht 
seinen  sprachlichen  Niederschlag  gefunden  hat  (eigentl.  Teilungs- 
formel).  Diese  Redensart  war  zur  Ausbildung  der  Teilungsforniel 
prädestiniert,  wenn  zum  Ausdruck  gebracht  wird,  dafs  von  einem 
\orhin  genannten  oder  dem  Geiste  vorschwebenden  Gattungsbegriff 
Vertreter  dieser  oder  jener  Art,  die  durch  substantivierte  Adjektiva 
bezeichnet  werden,  vorhanden  sind.  Die  Teilnebenvorstellung  mufste 
besonders  kräftig  sein,  wenn  der  Nominalkomplex  durch  die  Heraus- 
stellung der  Vertreter  sämtlicher  in  ihm  enthaltenen  Beschaffenheits- 
gruppen (Zahl  der  Vertreter  unbestimmt)  in  seine  Teile  zerlegt 
wurde ;  und  die  Teilvorstellung  mufste  zur  sprachlichen  Auswirkung 
drängen,  sobald  sich  in  der  Sprache  überhaupt  derartige  Tendenzen 
geltend  machten,  vor  allem,  wenn  starke  Analogiefaktoren  in  die 
Erscheinung  traten  wie  die  Meugeausdrücke  -{-  de,  die  eine  Aus- 
drucksform für  die  Partition  an  die  Hand  gaben.  Der  vermutliche 
Entwicklungsgang  von  diesen  Begriffen  her  läfst  sich  an  prov.  Bei- 
spielen etwa  folgendermafsen  vergegenwärtigen : 

1.  Tantost  si  son  per  las  mas  pres 
Cavallier,  domnas  e  pviceUas 

De  quem  avia  mout  de  helas  (Flamenca  722  fl'.). 

2.  Cavaliers,  domnas  e  piilceUas 

Car  molt  uH  avia  de  hellas  (Jaufre  133  b). 

3.  Que  nH  ac  de  na/rat,  de  moriz  e  de  fenid 

(Hist.  de  la  guerre  de  Navarre,  Paris  1856,  v.  28). 

Die  Teilungsformel  fehlt  zunächst  noch  bei  /  a,  wenn  blofs 
ausgesagt  wird,  dafs  eine  bestimmte  Gattung  vorhanden  ist,  ohne 
dafs  sich  ein  Teilgedanke  einstellt,  vgl.  et  en  aquela  terra  a  chaza- 
dors  (Sermons  116,  13  f)  und  ebenso  mit  enquantadors  (ebd.  136. 
VI,  4  f.). 

2,  Hautres  ist  auffällig,  weil  sich  mit  diesem  indefiniten  Pro- 
nomen ursprünglicli  schon  ohnehin  die  Vorstellung  einer  un- 
bestimmten Anzahl  einzelner  verbindet,  jedenfalls  mehr  als  mit 
Gattungsbegriffen.  Wir  v/erden  deshalb,  wie  E.  Appel  es  für  das 
mittelfrz.  substantivische  d\mtres  getan  hat,  annehmen,  dafs  de  dazu 
dient,  die  autres  innewohnende  Vorstellung  der  einzelnen  Ver- 
treter der  Gattung,  die  von  dem  qualitativen  Element  überwuchert 
war,  kräftiger  hervorzuheben.  Durch  das  Auftreten  von  d'autres 
zu  einer  Zeit,  wo  die  Teilungsforniel  sich  sonst  noch  selten  findet, 
wird  der  Schlufs  nahegelegt,  dafs  bei  d'atitres  eine  analogische 
Verwendung  von  der  Stellung  nach  IMengeausdrücken  her  vorHt-gt 
(s.  S.  50),  die  besonders  in  antiihelischen  Sätzen  (mit  /  <?)  wie  dem 
vorliegenden  leicht  eintreten  konnte.    Von  solchen  Fällen  aus  konnte 


56  HANS    NEÜNKIRCHEN, 

die  Analogie  aucli   da  Platz  greifen,  wo  die  psychologischen  Voraus- 
setzungen   für   eine  Verstärkung    der   quantitativen  Komponente  in 

,nilrcs  fehlten. 


Die  Zeit  von   1150 — 1300. 
1.   Die  uneigentliche  Teilungsformel 

liat    eine    weitere    Entwicklung    durchgemacht,    wie    vor    allem    ihr 
Auftreten  nach  Präpositionen  zeigt. 

Lo  reis  lau  que  moslre  de  sos  eslais  (BBorn,  ed.  Stimming  32,  30) 

—  e  laveron  se  los  hüls  ab  d'aquela  aygua  henaseyia  (Gesta  3043  f. 
=  lat.  et  ablutis  oculis  ex  aqua  supradicta)  —  1  trames  de  sos 
Jiomcs  iropa  viota  vegia  (Alb.  43)  —  Mot  soen  liaucizion  d'aicela 
vilanalha  (ebd.  2533)  —  Lo  coms  de  Foiss  cavalga  ab  de  sos  com- 
panhos  (ebd.  2098,  ähnl.  3837)  —  cnviei  le  legatz  de  sas  gens  e 
dels  autres  vas  la  antat  (Prise  Damiette  S.  1 1 3)  —  avia  perdudas  de 
las  soas  terras  (Troub.  83  a.  4,  lo)  —  Et  an  trobat  hiz  per  las  hlachas 
Daquels  que  van  serchan  las  vachas  (BaDkm.  226,  23  f.)  ■ —  Qiiel 
mi  trameta  per  sa  bontat  De  son  oli  d'uviilitat  (Rom.  Arles  147  f.)  — 
Va  sonar  de  sos  homes  (ebd.  268)  —  Lo  ret  Tibaut  s'en  anet,  an 
de  sos  quavaliers  a  Carle  Maine  (ebd.  624)  —  E  las  donnas  de 
Robant  tramezeron  li  d'un'aiga  en  la  quäl  avian  lavat  iin  det 
(Douc.  230.  19,  I  f.)  —  Set,  so  mi  dis,  tu  vas  queren  A  ton  payre 
d^tin  honhemen,  Lo  quäl  de  niisericordia  es  (Such.  Dkm.  56,  1867  ff.). 

Et  en  la  hruslia  avia  dels  cahels  dt  nostra  do7ia  S.  M.  (Gesta 
1083  f.  =  lat.  in  pixide  erant  de  capillis  Beate  Virginis)  —  E  si 
nos  i  perde?n,    atersi  i  per  dran    Del  mellis  de  lor  baros    (Alb.  2096  f.) 

—  Ab  del  inels  de  la  vila  e  dels  emparentatz  Nos  irem  (ebd.  5272  f.) 

—  Si  qiCel  fers  ab  del  ftist  parcc  D'outra  mais  dhin  pahn 
(Jaufre  65  a)  —  Fes  aportar  aiga  e  sal  Per  aiga  henczeita  far;  E 
ran  n'ac  pres  al[s]  mas  lavar  Eon  reveillatz  le  capellas;  De  Vaigal 
donet  a  las  mas  (Flamenca  3880  ff.)  —  Perque  volgron  am  luy  menar 
De  la  maynada  del  seynor  (Hon.  135.  LXXXV,  54f.)  —  Apres  aysso 
don  P.  Pilatz  Dels  plus  prosomes  a  triatz  Ad  una  part,  lur  dis  em  pas 
(Such.  Dkm.  1 5,  499  ff. ;  d.  h.  aus  den  Anwesenden)  —  El  cavalier 
tira  Vespiaut  ves  si  e  trays  loy  del  cors,  et,  al  tirar  que  fes,  de  Vaur 
e  de  V argen  qnel  juzieu  avia  manjal  sautet  foras  (Prise  Jerusalem 
RLR.  XXXni,  40.  II,  7  ff.)  —  Aspis  es  la  serp  que  gar  da  lo  basme; 
e  cant  tiom  vol  aver  del  basme,  hom  lo  adormis  ab  esturmens ,  e  pren 
del  lasme  (Appel.  Chrest.  125,  35  ff.)  —  Si  Vorne  met  de  Vaiga  ardent 
en  Paureilla  (BaDkm.  314,  21  f.;   ebd.  315,  29). 

2.    Übergangsfälle. 

Mas,  per  Santa  Maria,  tanl  son  pros  e  cor t es,  Que  laichal  lor 
avelz  del  pretz  e  de  Farnes  (Alb.  8024  f.  =  '.  .  .  que  vous  leur 
avez  laisse  des  prisonniers  [corr.  =  dels  pres"]  et  des  effets  d'6quipe- 


ZUR    TEILUNGSFORMEL    IM    PKÜVENZALISCHEN.  57 

luent.'  —  Doch  wohl  noch  demonstrativ:  von  diesem  eurem 
Geld  und  Gut). 

E  si  711  en  voleiz  creire  pos  los  iroham  aizilz 
Lo  lor  afar  el  nostre  er  aissi  devezitz 
Qiiinferns  c  paradis  aura  dels  espen'fz, 
Que  ffiai's  ''ol  viorlz  ondrada  c  aissi  vivre  au  alz, 

(Alb.  8861 1".:  In  diesen  Worten,  die  B.  von  Comminges  vor  einer 
Schlacht  spricht,  dürfte  der  Artikel  in  seiner  präsentierenden  Be- 
deutung von  der  Emphase  diktiert  sein,  welche  die  lebhafte  Vor- 
stellung der  gefallenen  Helden  beider  Kampfscharen  in  plastischer 
(jestaltung  in  Worte  kleidet.)  —  Es  aversiers?  oc  verament,  So  cre, 
0  dels  esg/üsia/z,  Pueis  d'aquesta  ora  aiialz  (Jaufre  86  b). 

3.   Die  eigentliche  Teilungsformel. 

a)   In   der   Gestalt    de  ~\-  Artikel. 

In  dem  frühen  Beispiel  für  d-j  beim  Abstraktuni:  ei  elli  senl 
dei  espdven  (Peire  d'Alvernhe,  Appel,  Chrest.  80,  75)  wird  der  Artikel, 
der  noch  lange  Zeit  beim  Abstraktum  überhaupt  nur  selten  ge- 
braucht wird,  das  Nachdrückliche,  Wuchtige  der  Empfindung  wieder- 
geben (stilistisches  Mittel)  und  der  Artikelgruppe  mit  demonstrativ- 
l)räsentierender  Funktion  noch  nahestehen. 

Bei  dem  Beispiel  Pois  li  darem  dei  rv'  aus  Peire  Vidal  (ed. 
Bartsch  33,  11;  ed.  Anglade  XXI,  11)  ist  angesichts  der  Tatsache, 
dafs  der  Vers  in  dem  von  dem  Marquis  Lancia  gesprochenen  Teil 
der  Tenzone  steht,  an  die  Beliebtheit  der  artikelhaUigen  Form  im 
Altitalienischen  zu  erinnern,  die  auf  die  prov.  Bildung  eingewirkt 
haben  könnte. 

In  Alb.  479 1  f-  ■^•^ns  i  au  reiz  a  melre  dei  pehre  e  de  ia  sai  Que 
»Ulis  cohretz  Beicaire  nil  casiei  principai  schliefsiich  kann  der  Artikel 
wieder  aus  dem  besonderen  Charakter  der  sprichwörtlichen  Redens- 
art und  der  hier  angebrachten  eindringlichen  Sprache  erklart  w^erden. 
Im  übrigen  ist  das  Vorkommen  des  Artikels  gerade  in  Alb.  wenig 
auffallend,  weil  er  auch  sonst  in  diesem  Texte  in  der  Bedeutung 
verwendet  wird,  die  E,  Appel  (a.a.O.  15)  als  zwischen  der  präsen- 
tierenden und  definierenden  Funktion  in  der  Mitte  stehend  be- 
zeichnet hat.     Vgl. 

AporltC  ias  vianias  e  i  aduis  ias  pianlalz 

(8258;  'apporta  des  vivres  pour  retablir  l'abondance"  in  der  Über- 
setzung P.  Meyers). 

E  la  carns  e  io  sancs  e  ios  cervels  eis  brutz 

E  membres  e  personas  maitadaiz  e  fendulz 

E  feiges  e  coradas  dccehraiz  e  romputz 

Est  an  per  meg  las  plassas  co  si  er  an  pioguiz  (93  i  2  ff.). 

Ez  obreron  ah  joya  totz  lo  popies  grossters, 
E  donzeis  e  donzeias  e  donas  e  moihcrs, 


58  HANS    NEUNKIKCHEN, 

K  hzt'lz  e  lozetas  c  cnfans  mmuzicrs 

Que  cantan  las  baladas  e  los  versetz  leugiers, 

E  feiron  las  ckiuzuras  eis  fossatz  eis  terriers 

Eis  pons  c  las  barreiras  eis  murs  eis  escaliers 

Ez  amhans  e  corseiras  e  portals  c  solers 

E  Ihissas  e  argiieiras  e  deniclhs  hatalhiers  (9429  ft".). 

V,ü,l.  auch  Jautie:  Ah  tant  an  Paiga  dematidada  (129b:  Esseiisszeiie) 

—  E  an  fait  lo  vin  aportar  (150a:  vor  dem  Schlafengehen). 

Le  gelos  fort  si  de[s]co?iorta  De  l'jiga  fnida  tost  aporla  E  giela 
rcn  per  7nei  sa  cara  (Fkimenca  5665  fif.)  —  E  canl  scra  en  aquesta 
inayniera,  prenga  dcl  sucre  dissotii  en  aiga  resent  lait  de  femna  tot 
inesclat  {BaDkm.  315,  19  f.). 

In  den  pluralischen  Fällen:  Ei  aculhiraiit  los  prus,  E  daran 
(Itls  harharis  Si  volon  e'ah  lor  remanha  (BBorn  8,  1 1  ff.)  und  e  sabia 
hen  trohar  e  fazia  de  las  coblas  &  arnorosas  (Troub.  72  a.  IX,  3  f.) 
erweckt  die  Teilungslbrmel  den  Eindruck  des  unbestimmten  Artikels; 
doch  scheint  auch  hier  die  präsentierende  Funktion  noch  nach- 
zuwirken: die  bekannten   Münzen  usw. 

b)  In  der  Foiin  von  einfachem  de. 
O  b  j  e  k  t  s  t  e  1 1  u  n  g.  Wie  in  der  entsprechenden  altfvz.  Periode, 
läfst  sich  aus  den  Beispielen  eine  Gruppe  von  Stoff-  und  Gattungs- 
begriffen des  täglichen  Lebens  in  der  Objektstellung  in  Verbindung 
mit  einer  bestimmten  Verbgruppe  herausschälen;  und  zwar  handelt 
es  sich  in  der  Hauptsache  um  dieselben  Substantiva  und  Verba, 
die  bereits  in  den  partitiven  Wendungen  des  Vulgärlateiniichen 
auftreten.  Gegenüber  dem  Französischen,  wo  die  Grenzen  dieser 
engen  Bedeutungsgruppen  erst  im  14.  Jh.  endgültig  durchbrochen 
werden  (vgl.  E.  Appel  S.  34 f.  und  S.  39),  kann  jedoch  im  Provenz. 
die  Erweiterung  des  Geltungsbereichs  der  Teilungsfonnel  hinsichtHch 
der  Substantiva  und  der  Verba  schon  für  das  13.  Jh.  festgestellt 
werden. 

Stoff-  und  Ga  tt  u  ngs  b  ezei  c  hn  u  n  g  en  des  täglichen 
Lebens  (in  weiterem  Sinne):  portec  li  de  vi  et  enap  (Gesta  B  263 
=  P  ancc  li  portar  de  vi  atnb  un  bei  enap  =  lat.  portavit  ei  ciphum 
plenum  vino)  —  e  de  honas  herbas  e  de  flors  pauseron  alressi  davani 
Vautar  major  (ebd.  2990  f.,  vgl.  ebd.  Anm.  S.  248)  —  E  tu  prent 
de  sucre  rosat  Dyarradon  rcubarbizat;  En  ivern  tankt a  mtiscada  O 
de  fort  bona  cominada ,  De  pebre  0  de  gmgibrat  O  de  hon  diantes 
inuscat  (Such.  Dkm.  203,  83  {{)j  —  A  hon  jussel,  en  qiCom  niolra  De 
gigimbre  0  de  safra  (ebd.  20g,  287  f.)  —  Ben  d^aigua,  at  mens  que 
poiras,  La  plus  frega  que  trobaras  (ebd.  206,  199  f.)  —  E71  aprop 
ti  fai  aportar  D'espetias  per  hon  /lairar  (ebd.  203,  93  f.)  —  E  qui 
HOS  crozara  Ja  iion  btva  de  vin  (Alb.  131)  —  Mas  lo  rics  enginhaire 
ab  fi  cor  e  antig    Pres  Cle  foe  alquitran  e  lu  ola  utnplig  (ebd.  4Ö77  {.) 

—  Eernga'us  lais,  ab  que  manjes  de  p)an    Qii'tn  no  la  vueill  (Elias  de 
Barjols  XV,  26  f.)  —  E  vengui  .  .  .  aportar    D'aiga,  que  us  giiri  sus 


ZUR    TJilLUNGSFOKMEL    IM    PKOVENZALISCHEN.  59 

coreut  (Jaufre  75  a)  —  D'ayga  s a  facha  aporlar  (Such.  Denkm.  z;}^,  781) 
—  An  li  portal  d\xlgua  dura  (Jaufre  156  a)  —  Qiie  Vac  fait  paiscr 
Iota  via  De  hei  crba  fresca  e  creguda  (ebd.  78  b)  —  E  aH  frcn  al 
caval  ostat  E  laissdl  a  sa  volontat  Paiser  de  hella  crba  fresca  (ebd. 
81  b)  —  Jamals  non  voil  ynanjar  de  pera  (Flam.  zi^'jg)  —  Ques  atic 
non  volc  vianjar  d'anguila  (ebd,  7906)  —  Donar  vos  cuidei  de  hon 
vi  Que  ina  trames  En  Peire  Gui  (ebd.  15  19  f.)  —  Flamenca  /es  avan 
paiisar  De  joias,  qiien  pmesca  donar  A  mil  cavallicrs  (ebd.  761  ofF.)  — 
Que  he  mangi  soven  de  fort  bos  cozinatz,  De  salsas,  de  girofle  e  de 
hos  empastatz  (Appel,  Chrest.  107,  149  f.  =  BaChrest.  210,  29  f.)  — 
.  .  .  que  li  trameta  D'oli  de  juizericordia  (Rom.  Arles  195  f.)  —  Per 
querre  d^oli  don  fos  untz  (Such.  Dkm.  55,  1857)  —  prenes  d^aur  e 
d'argent,  que  puscas  hen  pagar  las  gens  (Rom.  Arles  968  f.)  —  . .  .fetz 
venir  De  sal  e  d'aygua  neta,  .  .  .  (Hon.  38.  XIX,  57  f.)  —  De  pan 
c  de  peysson  U  aufre  li  an  dat  (ebd.  60.  XXIX,  i)  —  Li  sia  vianda 
era  pans  e  aygua  tot  dia ;  Pero  d^erhas  saladas  0  de  liom  prennia, 
Cant  venian  las  graniz  festas,  et  als  frayres  donava  Viandas  c  peysson, 
segon  que  si  trobava  (ebd.  72.  XXXV,  15  ff.)  —  Ben  tni  tenc  per 
pagatz  Si  ay  de  peysons  salatz  O  d'erbas  am  de  pan  (ebd.  79. 
XLI,  1 1  ff.)  —  Et  hufria  de  pa  e  de  vi  Et  una  candella  atressi  (ebd. 
164.  XCIX,  25  f.)  • —  E  porteron  am  luy  de  pa  e  lur  vitoylla  (ebd. 
200.  V,  67)    —    ela  viel  a  sas  pcs  de  pefitas  peireias  (Appel,  Chrest. 

125,59)- 

Gegenbeispiele:  Donatz  lor  pehre  caut  cneyt  (Gesta  342) 
zeigt  bes.  deutlich  die  geringe  Festigung  der  Teilungsformel,  da 
dieser  Text,  der  sich  sonst  eng  an  die  lateinische  Vorlage  hält, 
hier  sogar  das  lat.  de  nicht  wiedergibt:  Detis  eis  de  pipere  calido; 
vgl.  dagegen  ebd.  379  ff.  aqui  pauseron  tropas  de  reliquias,  so  es  a 
ssahcr  del  sanc  de  Sant  Esteve  ...  e  de  la  polvera  de  Sant  Laurens  = 
lat.  ...  de  sanguine  ...  de  pulvere;  ähnlich  ebd.  I073f.  (uneigentl. 
Tf ).  E  Karies  uonec  vesiirs  a  totz  los  hatejatz  e  hlat  a  manjar  (ebd. 
^102  f.)  —  que'ns  aporten  viandas  (ebd.  314)  —  no  manjava  carn 
(ebd.  1030)  —  Eissaviens  non  vuelhas  usar  Btare  aigiia  apres  manjar 
(Such.  Dkm.  206,  1891".).  —  Prise  Damiette  weist  kein  partitives 
de  beim  allgemein  zu  verstehenden  Nomen  auf:  anz  portavan  cor- 
das  .  .  .,  e  deniers  per  comprar  raubas,  et  csperos  per  respieg  d^aver 
cavals  (S.  71),  dafür  aber  den  Artikel  der  S.  57  f.  gekennzeichneten 
Art:  e  pueys  gitero  sus  en  las  sagetas  lo  foc  grezesc  e(l)  so  Ihre 
e  oll  (S.  20).  Dcmandon  ayga  per  lavar  (Jaufre  53  b)  —  (^ue  Vaportan 
aiga  als  vians  (ebd.  loob;  ähnl.  Flam,  105  7)  —  Li fai  donar  aur  e 
argeti  (BaDkni.  228,  2^)  —  per  quere  medesina  que  lo pogesa  far  sanar 
(Rom.  Arles  472)  —  manjeio  totas  pan  e  aiga  (Douc.  190.  ii,6f.), 
auch  cant  liom  li  aporiava  los  aucels  viiis  (ebd.  58.  2.  i  f'i  und  Cant 
Uli  vezia  los  ainnhels  ni  las  fcdas,  alegrava  si  fort  ai  r/s  (ebd.  58. 
2,  6  f.)  —  El  vos  trames  manna  del  cel,  Pus  dossa  e  mellior  de  niel, 
Eus  trnys  ayga  de  peyra  dura  (Such.  Dkm.  22,  7  |5ff.). 

Neben  Beispielen  wie  PrcJigam  d'omes  savis  e  pros  E  lramtt,nn 
ad  aquels,  II.   (Such.  Dkm.  47,  161 1  f.)  und  Prcndam  de  hi-.mes  qi/t  <// 


I 


6o  HANS    NEUNKIRCHEN, 

stbelhir  Foro  d\iqiiells  (eb.  47,  1587  Hs.  A),  die  sich  noch  zur 
vorigen  Gruppe  stellen,  erscheinen  —  besonders  in  Verbindung  mit 
dem  allgemeinen  hovies  und  anderen  Personenbezeichnungen 

—  Verba  wie  Irohar,  vezer  u.  a.,  die  eine  frühzeitige  freiere 
Verwendung  der  Teilungsformel  bezeugen. 

E  a  poJer  e  forsa  c  Je  los  amparans  (a.  =  ^(/e/e/iseurs',  part. 
präs.,  Alb.  4171)  —  Äissi  co  iest  vers  dieiis  e  veraia  saluiz,  De  morlz 
resuscitaire,  e  de  secs  e  de  mulz  Fas  vezer  e  parlar  (Such.  Dkin.  237  f., 
746  ff.)  —  D'ovies  trtiep  (BaDkm.  7,17;  19,5;  37,29;  ...  que 
ebd.  6,  19;  9,  24 ;  16,  7)  —  ^«^  d'ovus  hraus  e  durs  truep  que  son 
morn  (ebd.  48,  16)  —  D'ovies  trobi  de  gros  entendanen  (ebd.  10,  5) 
D'ovies  trobi  foh  e  csservelatz  (ebd.  20,  27)  —  Domes  airohi  totz 
aitals  Co  En  Peire  Cardenals  di  (ebd.  7,  5  f.)  —  Domes  vey  ricx  ei 
abäst  alz  (ebd.  15,  8)  —  Domes  vey  c'an  tutz  jorns  mens,  On  pus 
s'csforsan  d'afanar,  E  vey  naiegoratz  cstar  Dautres  ses  totz  afana- 
mens  (ebd.  29,  I9ft.)  —  D''omcs  say  que  (ebd.  14,  18)  —  QiCieii 
say   d' aitals  e  de  petitz    Laitz  de  fayso,  pros  e  arditz   (ebd.  12,  19  f.) 

—  Et  aurati  de  paiires  parcns  (E)  bons  e  dreitz  et  avinens  (ebd. 
15,  12  f.)    —    De  trachoretz  say  vey    (ebd.  19,23)    —    ...  avia  es- 

gardat  d'ovies,  que  la  obravan  (Douc.  50.  5,  2  f.)  —  Uli  Vannet  vezer, 
e  aduis  de  bons  fraires  gue  parleron  viot  ben  (ebd.  122.  73,  8  ff.)  — 
Et  d'aqui  fom  le  bons  Dadaus  Que  portava  de  pellegrins  Cad'an  en 
rissla  de  Lerins,    Am  sa  barca,  tant  com  podia  (Hon.  178.  CXII,  4ff.) 

—  Hon.  167,  17  f.  Car  vil  gent  e  d'aol  conpaynia  Seguia  trop  (Hsg. 
'Car  eile  suivait  trop  gens  vils  et  de  mauvaise  compagnie')  ist  et 
anl  zu  bessern. 

Aus  Troub.  sind  die  häufigen  Fälle  wie  e  fetz  de  bonas  can- 
sonetas  (12  a.  IX,  3 ;  94 a.  XIX,  2)  hervorzuheben,  die  bereits  zur 
Teilungsformel  beim  Abstraktum  hinüberführen.  Vgl.  noch  De' 
caitivetz  vers  e  de  caitivetz  sirventes  fez  (9  b.  II,  1 1  f.)  —  e  si  fetz  de 
bonas  cansons  e  fetz  im  bon  descort  e  de  bonas  tensos  (43  b.  XXVI,  4  f. ; 
ähnl.  52  b.  2,4).  —  Cansos  fetz  de  fort  bonas  e  de  bons  sons 
e  de  bonas  coblas  (5 1  b.  XLI,  33  f.)  —  e  fetz  de  bons  vers  e  de  bonas 
chansos  e  de  bons  motz  (63  b.  IV,  6)  —  e  feis  de  molt  bos  libres  e 
de  hels  (i  1 1  a.  4,  Hs.  D)  —  fe  el  de  molt  bmias  cansos  (i  1 1  b,  lof). 
Im  Hinblick  auf  vorstehende  Beispiele  läfst  sich  für  einen  Fall  wie 
62  b,  8  ff.:  E  mot  trobet  de  belas  razos  e  de  bels  chantz  e  fetz  cansos, 
vias  paucas ;  e  fetz  mans  sirventes,  e  trobet  los  molt  bels  e  bons  nicht 
entscheiden,  ob  de  von  ynolt  abhängt  oder  unabhängig  gebraucht  ist. 

Das  interessante  Beispiel  Jaufre  51a  Et  ac  de  corns  una  auna 
gianda,  wo  wegen  der  bestimmten  Hörnerzahl  eigentlich  eine 
Partition  ausgeschlossen  erscheint ,  zeigt  einen  vorgeschrittenen 
Stand  der  Entwicklung  an,  wenn  man  nicht  lieber  die  rt'i?-Setzung 
auf  ein  Vordrängen  der  Mafsvorstellung  zurückführt.  1 


^  RVidal,  Abrils  1703  f.  Autx,  !ocs  e  cVomes  poderos  E  corts,  v ulliatz  ades 
sercar  wird  d'omes  p.  als  eine  dem  adjektivischen  aiitz  p.^rallele  attributive 
Bestimmung   mit   lespektivcr  Geltung   des  de  zu  fassen  sein.     Dagegen  scheint 


ZUR   TEILUNGSFORMEL   IM   PROVENZALISCHEN.  6l 

Gegenbeispiele:  Qiieria  volenliers  luocs  solitaris  on  pugucssa 
orar  (Douc.  6.  4,  6  f.  —  72.  4,  i)  —  gikron  flors  hiancas  (ebd.  250. 
21,  7)  —  Doms  p7-ezero7i  yrnelamens  Homes  ben  pros  et  yssarnUz 
(Such,  Dkm.  36,  1244  f.)  —  e  trohet  vers  e  pastoretas  (Troub.  ga.  IV,  2) 
—  e  trohava  avine?neii  mots  e  sons  (ebd.  43  b.  XXVII,  10)  —  e  fclz 
cansos  maestradas  desplazens  e  descoriz  d'aqiieUa  saison  (ebd.  50  a. 
XXXUI,  I  f.)  —  e  f röhrt  honas  cansos  e  hellos  Sz  n-'/nens  (ebd.  50  a. 
XXXVJ,  4  f.). 

Auch  in  der  Verwendung  der  Teilungsformel  beim  Abstraktum 
scheint  die  provenzaiische  Entwicklung  der  französischen  voraus- 
zueilen (vgl.  E.  Appel,  a.a.O.  S.  43if.),  wenn  auch  hier  die  Bei- 
spiele zunächst  nur  vereinzelt  auftreten.  Beide  Sprachen  zeigen 
in  diesem  Falle  als  Verba  meist  aver  und  faire,  das  Prov.  da- 
neben auch  dire.  Anfangs  werden  fast  ausschliefslich  —  durchweg 
von  Adjektiven  begleitete  —  Pluralia  von  der  Partition  betroffen, 
darunter  frühzeitig  Tätigkeitsbezeichnungen,  die  sich  dem  Geiste 
als  eine  Summe  von  Einzeldingen  darstellten.  Ebenso  verständlich 
ist  das  frühe  Übergreifen  der  Formel  auf  Abstrakta  „stofflichen- 
Charakters:  Non  ai  de  se  per  im  enfan  (BVent.  31,45). 

Ai  ieu  de  hos  pensaviens  (Choix  III,  5)  —  Faran  de  gratis  assais 
(Choix  III,  263)  —  Qiii  per  Dien  gazaigtiar  Pren  d'aitals  desconorlz 
(Appel,  Chrest.  75,  36 f.)  —  Que  de  grans  colps  fassalz  (BaLsb.  138,79). 

Gesta:  e  disxeron  U  de  grans  antas  (1436)  —  e  pueys  anec 
Idasiomar  nostra  ky  e  dix  de  gratis  antas  a  Karies  (P  1 590  ff.  =■  B 
ptieys  blasfemec  e  dt'sx  mal  de  nostra  ley  e  grans  antas  .  .  .  =  lat. 
Postea  blasferaavit  legem  christianam  et  minatus  fuit)  —  e  dix  li 
de  grans  antas  e  de  gratis  vilanias  (P  2085  f.  =  B  disx  li  gran  mal 
e  grans  antas) :  Zahl  der  Beisp.  in  der  älteren  Hs.  B :  derjenigen 
in  der  jüngeren  Hs.  P  =  i  :  3 ! 

Troub.:  e  si  liac  de  gratis  betis  e  de  gratis  nials  de  so  qtCel 
niesclet  mal  entre  lor   (16  b.  XIII,  19  f.)    —    las    qvals   cansos    mostran 


sich  die  Inkonsequenz  in  der  rf^-Setüung  Gesta  Il27f.  e  de  menar  am  vos 
cavaiers  e  d''ondratz  baros  bei  einem  Vergleich  mit  der  Vorlage  ntüites  et 
alias  vires  nobiles  durch  die  Annahme  zu  erklären,  dafs  die  Hss.  hier  awif^vj 
ausgelassen  haben  (vgl.  unten  die  aiitres-GxM^'pt). 

Die  gleichgearteten  Fälle:  Gesta  2621  f.  avian  ajustat  de  hesttar  sex  nombre 
(=  lat.  animalia  in  finita  congrega%'crant),  eb.  388  ff.  et  aqui  preseron  homes  e 
femnas  et  efans  et  ameneron  los  preses  e  de  bestiar  ses  nombre  que  agron 
de  Gironda  (=  et  praedam  infinitam),  ferner  Pseudoturpin  484,  35  Aygolandus 
va  ajostar  de  gens  senes  nombre  und  auch  Prise  Jerusalem  RLR.  XXXIII. 
42,4fF.  La  regina  d'Africa  e  la  dona  Sabarisa,  .  .  .,  trobet  hom  mortas  eu 
lurs  albercs,  e  de  femnas  e  d''efans  e  de  gens  meniidas  per  la  cietitat  ses 
nombre,  que  tug  eron  mortz  de  fam  werden  durch  den  Mengebegriff  ses 
nombre  ihr  de  erhalten  haben.  Nach  der  Lesart  der  Hs.  P  Gesta  389  et  efans 
e  gran  re  de  bestiar  ses  tot  nombre  ist  es  nicht  ausgeschlossen,  dafs  Hs.  )i 
das  Mengewort  der  gemeinsamen  provenz.  Vorlage  ausgelassen  hat.  Noch  mehr 
Wahrscheinlichkeit  hat  die  Vermutung  für  sich,  dafs  P  die  in  B  bewahrte 
Originallesung  geändert  hat,  weil  den  Kopisten  die  (^^-Konstruktion  befremdete. 


02  tlANS    NF.UNKIRCTIRN, 

(/ii\-/  n'ar  de  grans  hens  e  de  graiis  mah  (i2b,  22  t".)  —  don  Ber Irans 
/■fCciip  dt-  grans  datis,  el  a  lor  fclz  de  grans  mah  (22  b,  22  f.)  — 
cl  dis  de  grans  plasers  eil  pronies  niains  hens  plasens  (52  b.  2,  6  ff.)  — 
c  de  gratis  bonas  avenfuras  ac  lonc  tems  (7il>,  5). 

Alais  alainas  personas,  per  plus  fort  aproar,  feron  //  adorics 
d'engc/ssos  proamens  (Douc.  92.  35,  r  f.)  —  per  quc  donm'a  de 
mah  yssampUs  ,1  gonrre  de  gens  per  (h/uella  follia  (Sucli.  Dkm. 
104,  200  ff.). ' 

Gegenbeispiele:  e  di's.v  i^rans  anlas  a  Karies  el  als  sieus 
(Gesta  903  f.  B ;    fehlt  P  =  lat.  et  blasphemavit  Karolum   et  suos) 

—  c  gratis  ineiiassas  fazia  de  lui  (Troub.  64  b,  41)  —  Vamor  qtCilli 
avia  a  Jhesu  Cr  ist  eiigenrava  en  ella  tiovels  deziriers  (Doiic.  72.  4,  7  f.) 

—  e  parllani  U  bonas  paraiilas  {eb.  162.  19,  2)  —  e  volc  far  viera- 
villas  (eb.  46.  12,8)  • — -  dizia  Iotas  ves  paraiilas  de  Cescriptiira  (eb. 
102.  47,  I  1.)  —  dtzirava  anzir  paraulas  de  consolacioti  de  la  sieua 
boqua  (eb.  160.  14,  6  f.)  —  e  fazia  gratis  miracles  (Prise  Jerusalem 
RLR.  XXXII  583.2,17):  der  Nachdruck  liegt  auf  den  Qualitäts- 
bestiramungen ! 

Subjektstellung.  Die  Formel  ;r/  a  de  mit  substanti- 
vierten Adjektiven  oder  Partizipien,  welche  Vertreter  einer 
bestimmten  Beschaffenheit  aus  einem  bekannten  Gattungsbegriff  als 
vorhanden  bezeichnen,  ist  in   dieser  Periode  geläufig. 

Per  que  wV  a  de  pus  sabcns  (RVidal,  Abrils  10 13)  —  E  no  i 
remas  Frances,  ni  frevcls,  tii  manens,  .  .  .,  E  moriron  ab  glazis  e  ti' i 
ag  de  petuhnis  (Alb.  28656.)  —  El  ac  n^i  de  paucs  e  de  grans 
[=  enfans],  De  .XX.  e  .V.  etitro  a  trenta  (Jaufre  76b:  Konta- 
minationsfall). 

Der  Entstehung  und  dem  Sinne  nach  gehören  auch  Beisp. 
hierhin  wie:  El  cardetials  de  Roma  eis  prelatz  dels  mostiers,  .  .  .,  E 
motiges  e  catto/iges,  que  de  blatics  que  de  niers,  A'ö  en  la  est  .V.  vielia 
dictans  e  legaidiers  (Alb.  93360".)  —  Que  plus  de  .D.  ni.,  que  de 
gratis  que  petitz,  I fe  perdre  las  vidas  (eb.  ^iZ"^?)^-)  —  ^  ^^^  ^^^^  1^'^ 
la  menan  t{l  laissa  de  versalz  (eb.  821 1),  auch  wohl  Ai  cotiquisf 
inatitas  donas  De  hclas  e  de  bonas  (BaLsb.  139,  24  f.)  und  möglicher- 
weise Alb.  7580  f.  Ac  doas  iors  garnidas  eis  dentelhs  batalhiers  Dels 
homes  de  la  vila^  de  bos  e  de  leugiers  (=  'occiip^es  par  des  h.  de 
la  ville,    braves  et  actifs'). 


'  Gesta  1948  B  deiuandan  de  [de  fthll  iu  P)  trcj>as  noi't/has  de  la partz, 
don  era  vengutz  (=  et  de  statu  partium,  a  quibus  venit,  ir.uha  et  varia  in- 
quirendo)  ist  wohl  nicht  hier  einzuordnen;  vgl.  auch  Et  aisso  dich  Karlen 
demandec  de  cosselh  (ebd.  99  P  =:  demandec  cosselh  B)  —  no'i  taynh  que 
seynhor  demande  de  cosselh  a  son  vassath  de  so  que  i.'olra  fayr  ni  dir ;  per 
queus  die,  seynher,  aytalh  a  vos  que  sol  no  m'en  demandetz  de  cosselh  de 
res  que  tu  lat  z  fayr  ni  dir  (ebd.  2QJ0  P);  aber  demandnr  aitiih  rausns  (ebd. 
2468;  ähnl.   1502). 


ZUR    TKILUNGSFOKMEL    IM    rROVP.NVAT.TsrTlKN.  63 

Aus  dem  Typ  hebt  sich  die  Redensart  ilc  Iti/s  ti' i  a  be- 
sonders ab. 

Ei  du  de  iah  tu  Caerci  (Mönch  v.  Montaudan,  ed.  Philippson 
4,  29)  —  Quar  fai  iort  e  mensongas  dt  Äircssi  com  de  iah  n'i  a 
(Peire  Cardenal,  Ba.  Lsb.  83,  5öf.)  —  manjercu  im  paiic  aqutia  muH 
e  nonrcs  de  iah  lii  hac  (Gcsta  28Qof.  :=paruin  aut  nichil  comederunt, 
vgl.  a.  a.  O.  S.  248;  Hs.  P  a'lcns  ni  hac  que  inanye.ro  un  pauc  aquelia 
nueyt  e  d'auire  ni  Iiac  que  tio  rolgro  manyar  1  is).  — ■  (^uar  moui  ne 
J\m  de  feras  merras,  De  ials  ni  a,  e  follas  erras  (Fhimenca  1341  f.) 
—  Ben  lii  ac  de  iah  que  feiroa  hen  de  lui,  e  d'auires  qiien  feiron 
mal  (Tro ab.  69  a.  3,  13  ff.)  • — •  Mas  empero  de  ials  lii  ac  A  cui  lo 
remaners  'non  plac  (Ba.  Dkm.  237,  1 1  f.).  Dann  auch  QinVn  sai  dr 
iah  c'  (Ponz  de  Capd.  ed.  Napolski,  XllI,  35). 

Gegenbeispiele:  non  serian  larc,  ials  ni  a.  Tals  nia,  mas  non 
dirai  qui  (Peire  Cardenal,  Ba.  Lsb.  83,  31  f.)  —  Tals  «V  ac  que 
disseron  (Prise  Damiette  S.  77)  —  Mais  tals  n^i  a  cui  non  convtn 
(FlatD.  6599;  iihnl.  759  und  6217)  gegen  De  tals  ;/'/  ac  que  moiil 
se  dolgron,  De  las  dompnas,  e  ges  fion  rolgrnn,  C'o7>i  .  .  .   (45 1  ff.). 

Die  Gruppe  n'i  a  de  +  substantiviertes  Adjektiv,  bei  der  die 
Teilvorstellung  besonders  nahelag,  wird  die  Anwendung  der  Partitiv- 
konstruktion  bei  i  a  mit  nicht  bekanntem  Substantiv  gefördert 
haben,  wo  die  Entwicklung  auch  spontan  verlaufen  konnte  (vgl. 
noch  Beisp.  wie  Jaufre  54  b  Que  de  toi  i  ac  krgament). 

Salvanhac  a peidui  on  a  de  lel fromant  (Alb.  2309)  —  Hanc  no  i 
ac  banc  mais  de  coissis  (Flamenca  506)  —  De  fermas  drudeiras  y  et, 
Sahtus,  pauras  et  acorsadas  (Ba.  Dkm.  19,  I3f)  —  D'omes  y  a  e  say 
nun  majormens  (eb.  25,  16).;  dann  in  jüngeren  Hss.,  wo  de  in  den 
älteren  fehlt:  //  fasian  scher  que  ses  nombre  lo  y  avia  vaiguiz  de 
Sarrassis,  wo  allerdings  auch  der  Mengeausdruck  in  Rechnung  zu 
stellen  ist  (Gesta  P  2616  =  .  .  .  qi/e  grans  gens  cran  e  ses  nombre 
B  =:  quod  gentes  erant  proculdubio  infinite).  —  De  leu  po  esser 
qe  i  aura  d'otnes  qe  diran  (Rasos  de  trobar,  ed.  Stengel,  83.  31  f.). 

Gegenbeispiele:  Hernes  cui  falh  valors  e  sens  E  eissernimens 
t7//r/y />roj  j  fl  (R.  Vidal,  Abrils  13 78  f.)  —  Homes  paubres,  d'erguelh 
manens,  Ses  sen  e  ses  far  ben  i  a  (eb.  1322  f.).  Bei  R.  Vidal  kommt 
aber  auch  zur  Bezeichnung  der  unbestimmten  Anzahl  das  sonst  im 
Provenz.  als  unbestimmter  Artik'l  des  Plurals  seltene  uns  vor: 
Us  homes  y  a  nualhos  (ii6i)  —  Us  home  son  que  (1508  =  'es  gibt 
Menschen').  —  E  a  i  domnas  ben  cnseinadas  (Jaufre  80  a^  —  Camhras 
y  ac  honas  e  hellas  (Flamenca  Ö473). 

Auch  beim  grammatischen  Subjekt  bot  sich  der  An- 
wendung der  Teilungsformel  zunächst  ein  günstiger  Boden,  wenn 
substantivierte  Adjektive  und  Partizipien  als  Vertreter  dieser  oder 
jener  Beschaffenheit  von  gegebenen  Substantiven  in  Subjektfunktion 
auftreten. 


64  HANS    NEUNK.IRCHEN, 

D'iu/iinis  parlz  ni  morion  de  magre  e  de  gras  (Alb.  2 1 68)  — 
Mas  dedins  ne  rcmazo  de  mortz  e  d^estendiitz  (eb.  602g)  —  AI  partir 
de  hl  guerra  nH  remazo  d^estes  (eb.  80 1 8)  —  Qu^el  rei  sab  gan  rcn 
(faventttras,  Car  tot  Van  Wn  venofi  de  dnras  (Jaufre  148  b). 

Die  sonstigen  Belege  stehen  dem  Typ  i  a  de  noch  nahe:  Qiir 
(i'olhs  e  de  cervelas  e  de  pimhs  e  de  hratz  E  cabelhs  e  maichelas  e 
iiianhres  ajnaitaiz,  E  feiges  e  coradas  deparütz  c  ccbratz,  E  sancs  c 
rarns  e  glazis  cspanditz  a  tot  lalz  (Alb.  9 197  ff.)  —  E  pueis  cavakon 
/atz  e  latz  E  las  gentz  estan  entorn  eis,  De  cavaliers  e  de  dotizels,  De 
pulcellas  c  de  borges.  E  laut  i  estavon  espes  (Jaufre  133  b f.:  Zer- 
legung von  geniz  in  die  einzelnen  Bestandsgiuppen!)  —  De  irahidors, 
de  /als  c  de  glotos  Si  son  partitz  de  ml  ab  Itirs  /als  gcns  (Bonifassi 
de  Castellana,  Liederhs.  C:  Appel,  Inedita,  S.  85.  I7f.  ==  Choix  V,  109) 

—  D'un  bore  de  la  Ribiera  venlen  de  pellegrins  (Hon.  171.  CV,  171).'' 

Nach  Präpositionen  erscheint  die  Teilungsformel,  von 
d'autrcs  abgesehen,  kaum  früher  als  im  Allfranzösischen  (Ende 
des  13.  Jahrhunderts;  E.  Appel,  S.  35  und  43). 

Can  los  agron  cubertz  ah  de  bels  draps  de  seda  (Gesta  l72of.), 
aber  eb.  1075  et  am  cadenas  Ueron  La  cohunpna;  auch  wohl  in  et  am 
gran  so  de  las  campanas  e  de  gratis  cantz  dels  clergues  cantantz 
(eb.  1252  f.  =:  et  cum  pulsatione  campanarum  et  cantu  maximo)  — 
Ben  mi  lenc  per  pagatz  Sy  ay  de  peysons  salatz  O  d^erbas  am  de  pan 
(Hon.  7g.  XLI,  1 1  ff.)  —  Qiie  vianjavan  gros  pan  e  favas  ajn  de  sal 
(eb.  186.  CXVII,  29)  —  E  encontret  si  ab  de  gens  (Such.  Dkm.  36,  1227) 

—  En  d'ordi  la  vay  soterrar  (Hon.  116.  LXXIII,  14),  Vgl.  dagegen 
Ab  US  motz  /als  desavinens  (R.  Vidal,  Abrils  1335)  —  am  coutels 
(Douc.  194.  17,  i)  —  am  lagremas  (eb.  166.  3,9)  —  cncastrat  en 
argent  (eb.  232.  ig,  3). 

D'autres  begegnet  im  vorliegenden  Zeitraum  in  weiterem 
Umfange  —  adjektivisch  und  substantivisch  —  als  Objekt,  Subjekt 
imd  nach  Präpositionen. 

Objektstellung:  Si  una  donä  s'a  d'autres  preyadors  (Ponz 
de   Capd.  II,  15)    —    e  pausero    aqui   causelhas    e    d\mtres   arnesses 

(Gesta  1055  P)  —  e  pauste  aqui  una  costa  .  .  .  et  una  dent 

e  d' autras  reliquias  de  .VII.  sanfz  (eb.  g87ff.;  älinl.  1085  f.)  —  e  viron 
los  draps  e  las  paretz  mulhatz  e  molhesitz  d'aigua  e  d'autres  senhals 
manifestz  (eb.  3028  f.)  —  com  conqueric  la  ciutat  de  Narhona  e  d\iutres 
nobles  locx  (eb.  4  f.)   —   E  laissafz  n'i  d'autres  anar  (Jaufre  56  a)  — 

^  Troub.  47  a,  5  ft. :  Plus  li  plac  dons  e  dompneis  &  amors  e  torneiament, 
que  ad  home  del  mon,  e  de  clianz  e  de  solatz,  e  trohars  e  cortz  e  messfos  kann 
de  bei  den  beiden  Substantiven  inmitten  der  langen  Aufzählung  nicht  parlitiv 
sein.  Der  Gedanke  an  respektives  de  liegt  nahe,  da  sich  in  der  laugen  Satz- 
periode leicht  die  Vorstellung  „des  Gefallens,  der  PVeude  an"  vordrängen  konnte; 
doch  scheitert  diese  Auffassung  an  der  folgenden  erneuten  Anreihung  der 
Substanliva;  vor  de  chanz  könnte  ein  Wort  ausgefallen  sein.  Beachtenswert 
ist  auch  Troub.  98a,  laff. :  mout  li  vengron  grnvs  aventnra s  d^irrnns  & 
de  do?ntjas,  e  de  grans  desaventiiras. 


ZUR   TEILUNGSFORMEL    IM    PROVKNZALlStHEN'.  63 

ben  nüavetz  dat  st  boii  manjar,  que  janiais  non  manjarai  (Tautre 
(Troub.  ggb,  24  ft")  —  Ques  anquars  avia  d^autres  vergas  en  lo  sieu 
vergier  (Douc.  156.7,4). 

Subjektstellung:  E  si  a  d'autres  baros  (P. Vidal,  Ba.  15,  5  = 
Anglade  V,  5)  —  E  entorn  luy  d'autres  baros  (R.  Vidal,  Abrils  806) 

—  Rotlan  e  d'autres  cavaiers  agro  cor  das  (Gesta  1039,  jüngere  Hs. 
P  =  7?.  eis  auires  c.  B)  —  E  partiron  s'en  totz  estiers  lo  senher  papa 
e'l  pairiaicha  e  .LX.  entre  arcevesques  .  .  .  .  e  d'autres  ondratz  clergues 
(eb.  283flF.)  —  D'atitres  n'i  a  bastidors  (B.  Born  38,  45 ;  Hss.  DR 
autres)  —  D'autres  ni  a  cassadors  (eb.  38,  55  ;  Hss.  A  R  autres)  — 
D'autres  n'i  a,  humils  sabens  (R.  Vidal,  Abrils  1346)    —    Pueys    hac 

ni  alcus  que e  d'autres  que  .  .  (Gesta  2892  P  =  alcus  —  e'ls 

autres  B  =  aliqui  —  aliqui)  —  E  serviron  li  dos  donzels,  E  d'autres 
que  vengron  ab  eis  (Jaufre  156  a)  —  Tant  i  ac  comtes  e  comtors  [E] 
dominis  e  vavassors  E  d'autres  barons  rix  e  pros  (Fiamenca  197  fF.)  — 
E  d'autres  fan  mais  io  apert  (Ba.  Dkm.  44,  1 1). 

Nach  Präpositionen:  E  per  d'autres  locx  que  no'us  die 
(R.  Vidal,  Abrils  841)  —  am  trompas  et  am  corns  et  am  d'autres 
esturmtntz  (Gesta  698  f.)  —  ab  d'autres  ferramentz  (eb.  222  I*  =  amb 
autrts  f.  B)  —  Am  gran  beutat  de  cara,  e  d'autres  complimentz 
(Hon.  ^1.  XV,  98)  —  am  so  ntbot  Rotlan  et  am  d'autres  (Gesta  826  f.) 

—  Ac  una  vergua  com  pauzet  Ab  d'autras  lay  on  dieu  mandet  (Such. 
Dkm.  275,  93  f.)  —  Sieus  vezon  en  plass' ajustatz  Ab  d'autres  ni  tmetz 
solatz  (Ba.  Dkm.  29,  l  f.).  In  Qu'entre  donas  seretz  vengutz  E  pres 
d'autres  (R.  Vidal,  Abrils  1032  f.)  kann  de  auch  zur  Präposition  gehören. 

Im  Vergleich  zum  Französischen  ist  die  Feststellung  von  Be- 
deutung, dafs  d'autres  schon  früh  in  redensartliche  Wendungen 
eingedrungen  ist:  e  d'autres  als  letztes  Glied  in  Aufzählungen; 
Texte  wie  die  Gesta  scheinen  sogar  eine  Vorliebe  für  diese  Formel 
zu  haben  (nach  E,  Appel  S.  47  kam  der  Gebrauch  von  d'autres 
überhaupt  im  Französischen  erst  „um  die  Wende  des  14.  zum 
15.  Jahrhundert"  auf).  Vielleicht  erklärt  sich  in  der  Anreihung 
nach  et  noch  am  ehesten  der  relativ  frühe  und  häufige  Gebrauch 
der  Teilungspartikel  bei  autres,  wenn  wir  uns  erinnern,  dafs  gerade 
in  dieser  Stellung  auch  Mengeausdrücke  wie  granre  d'autres,  molt 
d'autres  verbreitet  waren  (s.  S.  50).  Allerdings  mufs  bei  diesem 
Versuch,  die  Ausbildung  von  d'autres  rein  analogisch  zu  erklären, 
vorausgesetzt  werden,  dafs  de  in  dieser  Verbindung  früh  zum  blofsen 
Formwort  herabgesunken  ist.  Mit  dieser  Annahme  läfst  sich  aber 
schwer  der  sonstige  Gebrauch  des  partitiven  de  und  die  hinsichtlich 
der  ß'i?- Setzung  bei  autres  verschiedene  Behandlung  von  —  nach 
unserer  heutigen  Auffassung  —  gleichartigen  Fällen  in  Einklang 
bringen.  Doch  bleibt  zu  bedenken,  dafs  auch  die  Mengebegriflfe 
+  autres  durchaus  zwischen  üV- Fügung  und  einfacher  Anreihung 
schwanken. 

Beispiele  ohne  de:  E  autres  homes  prezentiers  Podetz  trobar 
mest  cavayers  (R.  Vidal,  Abrils  1409  f.)  —  Novas  d'amors  e  sos,  chansos 

Zeitschr.  f.  rom.  Phil.  XLII  5 


66  HANS    NEUNKIRCHEN, 

E  aulres  chantars (eb.  107 1  f.)  —  E  say  rovians  dir  e  coniar, 

E  novas   mo/as   e  salutz   E  autres  comtes   espanduiz E  d'En 

Guiraut  vers  e  chansos  E  d'En  Arnaut  de  Maruelh  mays  E  d'autres 
Vers  e  d'autres  lays  (eb.  40ff.)  —  ordi  et  müh  aveni  7nanjat,  cauls  et 
auf  ras  herhas  salvajas  (Gesta  208  f.;  ähnl.  132)  —  e'ls  crestias  preyron 
tot  so  que  portavan,  cavals,  armas,  vi  e  blat  et  autras  hestias  ses  comte 
(eb.  2  174  f.)  —  E  non  /an  autres  parlamentz  (Jaufre  157  b.)  —  Car 
nos  avtvi  autras  viaisos  E  ?noutz  estars  bels  aici  jos  (Flamenca  55 13  f.) 
—  E  quant  il  seran  cavallier  Autras  domnas  non  amaraii,  E  quant  ellas 
donnas  seran  Non  fassan  autres  cavallier s  (eb.  6486  ff.)  —  Et  escunt 
mot  dtvoiatnentz  Reliquias  et  autres  garnimentz  (Hon.  194.  III,  13  f.)  — 
E  vos  darein  joyas  e  dons  Raubas  et  autres  guizardons  (eb.  201,  45  f.) 
^  Senker,  no  y  haya  aulras  novas  (Gesta  2701  P)  —  us  autres 
(R.  Vidal,  Abrils  1044)  —  may  aulres  Vapelavan  Valh  Yalhica  (Gesta  128) 
^ab  aulras  gens  (R.  Vidal,  Abrils  1351)  —  ab  p[er]eyras  et  ah  man- 
ganeis et  ab  autres  genhs  (Prise  Daraiette  S.  2q)  —  Et  annava  motas 
sasons  En  percaz  ab  autres  glotons  (Hon.  iii.  LXIX,  7 f.). 

Gegen  Ende  des  13.  Jahrhunderts  tritt  partitives  de  vereinzelt 
auch  vor  alcuns  auf,  bei  dem  an  sich  die  Vorstellung  einer  un- 
bestimmten Anzahl  einzelner  kräftig  und  vorherrschend  ist.  D'akuns, 
das  durch  das  Fehlen  von  Verbindungen  wie  */«(?//  d'alcuns  die 
starke  Analogie -Siütze  entbehrt,  wird  d'autres  nachgebildet  sein, 
wobei  insofern  der  Boden  bereitet  war,  als  beide  Pronomina  durch 
ihre  adjektivische  Verwendung  von  ihrem  Quantitätsgehalt  zugunsten 
einer  stärker  qualitierenden  Auffassung  einbüfsen  konnten. 

E  li  fazia  d'alcunas  questions  (Douc.  152.  i,  8);  —  En  un  ter- 
rador  pres  de  mar,  Guaropa  Vapellori  las  jenz,  On  avia  d' alcuns 
tenemenz  (Hon.  178.  CXU,  14  ff.). 

Etwa  zu  derselben  Zeit  begegnet  auch  vereinzeltes  d'uns: 
que  d'uns  n'i  a  ab  trenchans  becs  (Liederhs.  T:  Appel,  Inedita 
167.  10,  46);  vgl.  auch  BBorn  38,  34  us  ni  a  gerrejadors,  wo  es 
in  Hs.  F  dims  heifst  (Hs.  C  hat  dos,  Hss.  U  V  mas  uns).  Der  Ur- 
sprung von  d'uns  ist  wohl  bei  der  Formel  i  a  in  der  Antithese  zu 
d'autres  zu  suchen.  Vgl.  heute  bei  Mistral :  D'uni  van  acampa  de 
boio ,  Uautre  di  piti  negras  toiimba  lou  ramadou  (Mireio  290.  i,  6  f.). 
—  .  .  .  .  e  d'uni,  ^me  la  7nan,  Tenenl  li  fedo  .  .  .  (eb.  324.  4,  3  f.) 
D'autre  couchavon  li  maniero  ...  (326.  1,  1  f.)  und  Sütterlin,  Mund- 
art von  Nizza  §  357. 

Stand  der  Teilungsformel  um  1300.  Vergleich  mit 
der  gleichzeitigen  französischen  Teikmgsformel. 

Mehr  als  im  Französischen  mufs  die  Art  der  Anwendung 
durchaus  sporadisch  genannt  werden:  der  partitive  Bedeutungs- 
gehalt ist  infolgedessen  noch  sehr  kräftig,  und  zwar  sicherlich  auch 
in  solchen  Fällen,  wo  für  unser  heutiges  Empfinden  diese  Sinn- 
färbung verblafst  erscheint.  Dabei  treten  aber  die  „Anzeichen  einer 
freieren  Verwendung"  sogar  über  die  von  E.  Appel  (a.  a.  O,  S.  34  ff.) 


ZUR    TEILUNGSFORMEL    IM    PROVENZALISCH ..N.  67 

genannten  Gruppen  (beim  Objekt  von  Verben,  die  aufserhalb  der 
ursprünglichen  engen  Bedeutungsgruppe  stehen,  nach  Präpositionen, 
beim  Abstraktum)  hinaus  ein  bis  zwei  Jahrhunderte  früher  auf: 
iVautres  —  d'tins.  Auch  die  Schranken,  die  nach  E.  Appel  (a.  a.  O. 
S.  2  2if.)  im  Altfranzösischen  unter  gewissen  Umständen  der  Teilungs- 
formel beim  Objekt  von  Stoff-  und  Gatiungsbezeichnungen  entgegen- 
stehen, sind  bereits  früher  im  Provcnz.  durchbrochen :  zur  Teilungs- 
formel in  der  Aufzählung  vgl.  die  vorhin  zitierten  Beispiele  Such. 
Dkm.  203,  83  ff.  und  Ba  Lsb.  125,  26  f;  ferner  Hon.  60.  XXIX,  i: 
zwischen  Verb  und  Objekt  eingeschobenes  anderes  Satzmaterial 
ist  hier  dem  Gebrauch  der  Partitivkonstruktion  nicht  ungünstig; 
Flamenca  2979  f.  und  7905  f.  sind  als  Fälle,  wo  Verb  und  Objekt 
in  ein  Negalionsverhältnis  einbezogen  sind,  weniger  beweiskräftig. 
Die  Tatsache,  dafs  die  Teilungsformel  im  Provenz.  frühzeitig 
die  Fähigkeit  erlangt  hat,  in  fast  jedem  Boden  gedeihen  zu 
können,  zwingt  zu  dem  Schlüsse,  dafs  sie  trotz  bislang  seltener 
Anwendung  bereits  eine  gewisse  Entwicklung  durchgemacht  hat, 
die  sich  nicht  vollständig  in  den  überlieferten  Denkmälern  der 
romanischen  Sprachen  verfolgen  läfst,  wie  E.  Appel  es  hinsichtlich 
des  Französischen  angenommen  hat.  So  erscheint  unsere  Stellung- 
nahme in  der  Einleitung,  die  auf  Grund  vulgärlateinischen 
Materials  erfolgte,  durch  die  Beispiele  des  Provenzalischen  wohl 
gerechtfertigt.  Von  hier  aus  werden  auch  die  französischen  Ver- 
hältnisse eine  etwas  andere  Beleuchtung  erfahren  müssen,  als 
sie  in  der  Darstellung  E.  Appels  erhalten  haben,  wenn  man  sich 
des  Stilcharakters  und  der  Lückenhaftigkeit  der  alten  Überlieferung 
bewufst  bleibt,  die  nur  ein  mangelhaftes  Bild  von  dem  Vorkommen 
und  der  Entwicklung  einer  volkstümlichen  Spracherscheinung  geben 
kann.  Wir  werden  deshalb  auch  bei  Rol.  150  Nachdruck  auf  den 
Umstand  legen,  dafs  die  eigentliche  Teilungsformel  überhaupt 
schon  vorkommt,  nicht,  dafs  sie  in  einem  einzelnen  Beispiel 
vorhanden  ist.  1  Wenn  es  bei  E.  Appel,  S.  6  heifst:  „Bedingung 
dieser  Entwicklung  [d.  h.  des  Gedankens:  'etwelche  oder  etwas  von 
einer  Gattung  überhaupt,  einem  Stoff  überhaupt']  ist  aber  ein 
Sprachdeiiken,  das  auf  begrififliche  Analyse  eingestellt  ist,  dem  die 
Subsumtion  'etwelche  von  einer  Gattung,  etwas  von  einem  Stoff' 
ein  geläufiger  Denkvorgang"  ist,  so  scheint  mir  der  Beweis  nicht  er- 
bracht zu  sein,  dafs  der  ältesten  allfranzösischen  Periode  ein  solches 
Sprachdenken  nicht  eigen  gewesen  sein  kann,  ganz  abgesehen  da- 
von, dafs  die  Behauptung  wegen  ungenügender  Berücksichtigung 
analogischer  Entwicklungsmöglichkeiten  nur  mit  Einschränkung 
richtig  ist.  Damit  fällt  aber  auch  der  Unterschied  in  der  Auf- 
fassung   des   Partitivs   weg,    der   zwischen    der   Zeit  vor    und    nach 


I 


1  Im  übrigen  dürfte  es  nicht  schwielig  sein,  noch  in  einer  späteren  Periode 
einen  Te.xt  zu  finden,  der  eiwa  dasselbe  Verhältnis  wie  der  Roland  von  vier 
lokal -partitiven  Formeln  (v.  1012,  lliq,  2096,  2343)  zu  einer  partitiven 
Formel  (v,  150)  aufweist;  richtiger  lautete  das  Verhältnis  überhaupt  3  :  2 
(150,2096). 

5* 


68       H.  NEÜNKIRCHEN,  ZUR  TEILUNGSFORMEL  IM  PROVENZALISCHEN. 

1150  obwalten  soll,  wie  Meyer -Lübke  es  in  seiner  Rezension 
(Sp.  178)  schon  für  einen  besonderen  Fall  gezeigt  hat.  Soweit  daraus 
ein  Gegensatz  zur  früheren  Periode  konstruiert  wird,  darf  auch  die 
Annahme:  „Das  mittelfranzösische  Sprachdenken  hat  die  Fähigkeit, 
die  Sprachvorstellungen  in  ihrer  begrifflichen  Beziehung  aufeinander 
zu  analysieren"  (S.  53)  nicht  aus  dem  häufigeren  Vorkommen  der 
Teilungsformel  im  Mittelfranzösischen  abgeleitet  werden,  ohne  dafs 
sie  durch  weitere  Beobachtungen  in  dieser  Hinsicht  gestützt  wird. 
Zum  mindesten  ist  es  nicht  angängig,  gleichartige  Fälle  wie  prent  li 
pedre  de  ses  meilors  serjanz  (Alexius  23,  E.  Appel,  S.  5)  und  Prenons 
de  Celle  husche  (Bertr.  du  Guescl.  883,  eb.  S.  53)  verschieden  zu  deuten, 
weil  Fall  I  dem  Altfranz.,  Fall  II  dem  Mittelfranz,  angehört.  Im 
Mittelfranzösischen  —  und  noch  heute  —  kann  in  solchen  Einzel- 
fällen der  lokale  Bedeutungsgehalt  überwiegen,  wie  es  in  der  alten 
Zeit  schon  mit  dem  Partitivcharakter  statthaben  mufste,  da  nur  so  der 
Teilungsformel  in  ihrer  neuen  Art  (eigentl.  T.  f.)  Daseinsmöglichkeit 
gegeben  wurde. 

Hans  Neunkirchen. 
(Fortsetzung  folgt.) 


VERMISCHTES. 

I.  Zur  Wortgeschichte. 

I.    Ein  Problem  der  vergleichenden  Lautgeschichte. 

Karte  peler  des  Atl.  ling.  bietet  in  der  westlichen  Auvergne 
in  einem  Gebiet,  das  sonst  die  regelrecht  zu  erwartenden  Formen 
pela,  pyola,  pyala  aufweist,  in  einigen  Punkten  Formen  mit  einem 
mouillierten  /  (/')  nach  dem  Labialen:  ']02  plala,  704,  ']0'j  plola, 
801  phvak.  Aus  dem  Kartenbild  selbst  könnte  man  zunächst 
Schliefben,  dafs  peler,  das  hier  im  Norden  und  Osten  bereits  von 
p/umer-FoTtnen  umfafst  wird,  dem  Einflufs  des  von  Norden  herein- 
brechenden Wortes  zu  untei  liegen  beginnt  und  diesem  auch  bereits 
durch  Übernahme  des  /  nach  dem  Labial  Konzessionen  macht. 
Nun  liegt  aber  hier  nicht  alveolares  /  vor,  sondern  mouilliertes  /, 
und  so  mufs  die  Erklärung  dieser  Formen  auf  rein  phonetischem 
Wege  versucht  werden. 

Alb.  Dauzat  ist  der  erste  und  m.  W.  auch  der  einzige,  der 
in  seiner  'Geographie  phonetique  d'une  region  de  la  basse  Auvergne' 
(Paris  1906)  über  einen  höchst  seltsamen  Lautvorgang  im  Auverg- 
natischen  berichtet  und  auch  einige  Beispiele  mitteilt.  'Plus  a  Test 
j'ai  observ^  une  evolution  tres  curieuse:  py,  by  se  renforcent  en 
ply,  bly.  Voici  des  exemples  recueillis  a  Chaumont:  plyd  (cheveux) 
=  pil  >  piaus ;  blyoeü  =  bueu  ]>  bieu ;  Ambert  eblyär  =  *embe^r 
>  *emb/er  etc.'  (p.  2^).  Doch  sind  die  Beispiele,  die  Dauzat  bringt, 
viel  zu  spärlich,  als  dafs  man  sich  ein  genaues  Bild  über  den  Vor- 
gang und  die  Verbreitung  dieser  Erscheinung  machen  könnte. 
Schon  die  Formen  aus  dem  Atl.  ling.,  die  doch  zweifellos  mit  der 
von  Dauzat  beobachteten  Erscheinung  zusammenzustellen  sind, 
zeigen,  dafs  dies  Phänomen  viel  weiter  verbreitet  ist  (Punkt  704 
liegt  ca.  70  km  westlich  Clerraont  Ferrand)  als  Dauzat  -  selbst  an- 
nahm. Dazu  kommen  nun  einige  Formen,  die  ich  im  August  1917 
von  einem  Kriegsgefangenen  aus  Juillards  (bei  Montel  -  de  -  Gelat, 
nw.  von  Clermont)  zufällig  notiert  hatte,  ohne  damals  die  Erschei- 
nung in  ihrer  Bedeutung  zu  würdigen:  b/'o  (■<  bovem),  btor  (<  bibere), 
bUtla  (<  belare),  ßa  {</errum),  müo  (<  md)A 


■  Chaumont  und  Annbert  liegen  so.  von  Clermont. 

'■'  Ähnliche  Formen  belegt  nun  auch  O.  Keller  (Der  Genfer  Dialekt, 
Zürich  Diss.  1919,  S.  147)  für  die  Mundarten  von  Genf:  ptü  *pou',  blü  'bu', 
fler  'fier',  -vfü  'vu'.  Keller  sieht  hierin  eine  Überentäufserung,  wogegen  ich 
(Archiv   143.  S.  288)  Einspruch  erhoben  habe. 


70  VERMISCHTES.       ZUR    VVORTGESCHICHTE. 

Man  sieht  aus  diesen  Beispielen,  dafs  £  sich  nicht  nur  nach 
p  und  h  einstellt,  sondern  auch  nach  f  und  w,  also  wohl  nach 
jedem  Labial.  Vergleicht  man  die  Formen  von  Juillards  mit  denen 
des  nicht  allzuweit  entfernten  Girards  (bei  Ponfgibaud):  \bö\ 
bjaur,  bjele,  fjtr,  vijo,  so  erkennt  man  aber  auch,  dafs  die  Ent- 
stehung des  /'  an  das  Vorhandensein  des  Hiatusvokals  /  geknüpft 
ist.  Mit  anderen  Worten:  /  ist  hier  nichts  anderes  als  ein  Über- 
gangslaut, der  sich  einstellt  beim  Lösen  des  Lippenverschlusses 
(bzw.  der  Lippenenge)  in  dem  Augenblick,  als  die  Zunge  zur  i- 
Stellung  ans  Palatum  schnellt. 

Auffällig  ist,  dafs  der  Atl.  Ung.  an  den  Punkten  702,  704,  707, 
801,  wo  er  für  peler  /-Formen  {plola  etc.)  hat,  bei  den  anderen 
hierher  gehörigen  Wörtern  {fer,  mid,  hoire,  boeuf,  poil  etc.)  nur  /-lose 
Formen  bietet.  Daraus  ist  zu  vermuten,  dafs  der  Vorgang  sich 
nicht  überall  an  allen  Labialen,  vor  allem  nicht  mit  der  Gleich- 
mäfsigkeit  wie  in  Juillards  vollzieht.  Möglich  ist  auch,  dafs  bei 
peler  sich  der  /-Laut  gerade  deswegen  viel  leichter  einstellt,  weil 
das  Wort  bereits  ein  /  enthält,  für  die  Zunge  also  gerade  bei 
diesem  Wort  der  Weg  zur  /-Stellung  ein  viel  leichterer  und  ge- 
wohnterer ist.  Es  wäre  also  dieses  Wort  für  die  Entstehung  des 
/-Lautes  gewissermafsen  prädestiniert.  Die  näheren  Umstände  für 
das  Eintreten  des  /,  der  Herd  und  die  genauere  Verbreitung  des 
Phänomens  wären  natürlich  genauer  zu  uniersuchen. 

Interessant  ist,  dafs  der  nämliche  Vorgang  sich  an  einem  ganz 
anderen  Winkel  der  Romania  unter  den  gleichen  Verhältnissen  und 
Bedingungen  wiederholt,  nämlich  im  Istrorumänischen.  i  Auch  hier 
ist  die  Einschaltung  des  /'  nach  dem  Labial  an  das  Vorhandensein 
des  palatalen  Hiatu.svokals  geknüpft:  ply^rdu  {==. pie?-d),  flyer  {==ficr), 
mlyoäre  {==■  mit're),  lyerm  <C  vlytrm  (=  vi^'rme)  elc.  Der  einzige  Unter- 
schied zwischen  dem  Auvergnatischen  und  dem  Istrorumänischen 
besteht  darin,  dafs  der  Lautvorgang  dort  als  bodenständige  roma- 
nische Erscheinung  angesprochen  werden  mufs,  während  hier  zweifel- 
los Einflufs  einer  slavischen  Lautregel  vorliegt. 

Im  Russischen,  Serbokroatischen,  Slovenischen  und  Altbulga- 
rischen nämlich  wird  jedes  p,  b,  ?n,  v  -{-  Hiatus-/  zu  pl',  bi,  ml', 
vt:  abulg.  zetnl'a,  slov.  zeml'a  (poln.  ziemid)  'Erde',  serb.  kapl'a 
(poln.  kapid)  'Tropfen',  serbokroat.  dupld  (•<  *dup'd)  'Baumhöhle', 
grabl'e  {T^o\n.  grab ie)  'Harke'  etc. 2  Diese  slavische  Lautregel  wirkte 
so  mächtig  und  automatisch,  dafs  sie  nicht  nur  ins  Rumänische 
Istriens,  sondern  auch  ins  Albanische  übergriff,  cf.  bl'ett  <  abetta  ■< 
*apeita  (G.  Meyer,  Etym.  Wb.  p.  39),  pldndis  <C.  patitex  -f  ven. 
spyendza  (ib.),    bl'eiizt  <C  bl'eh  <  beta  (ib.).  3 


1  Vgl.  darüber  Weigand,  Romania  XXI,  244;  Ascoli,  Studi  critici 
I,  61 ;    Tiktiu,  Grundrifs-  I.  2,  p,  587 ;    Meyer-Lübke,  Ital.  Gram.  p.  6. 

*  Vgl.  Miklosi  ch,  Lautl.  d.  Slav.  Sprachen,  1879,  p.  228;  A.  Leskien, 
Gram,  d,  allbulg.  Sprache  p.  40 f.;    id..  Gram.  d.  serbokroat.  Sprache  p.  36  etc. 

'  LeUteres  ist  zweifelhaft,  da  hier  auch  Umstellung  aus  betula  ("^  bleta) 
vorliegen  kann,  \^\.  mttula  ^  mUta  "^  ferrar.  micJa,   copisia  "^  ciüpu  >  venez. 


ERNST   LEWY,   ZUR    WESENSGESTALT   DES   FRANZÖSISCHEN.         7I 

Die  hier  besprochene  Erscheinung  ist  nur  ein  aufs  Geratewohl 
herausgegriffener  Teil  aus  einem  gröfseren  Kapitel,  dem  man  am 
besten  die  Überschrift  'Mouillierung  des  Labialen'  geben  würde. 
Unter  denselben  Unoständen  nämlich,  wie  sich  im  Slavischen,  Istro- 
rumänischen  und  Auvergnatischen  bei  mouilliertem  Labial  /'  ein- 
stellt, entwickelt  sich  auf  anderen  Gebieten  des  Auvergnatischen 
s  nach  p  und  /  {ps^o  =  peil,  /si/'a  =  fille),  0  nach  m,  b,  v  (m^ya 
=  miel,  h^yu  =  boeuf,  vze  =  vin),  im  Moldauischen  kf  nach  p 
{pkfep  =  piept) ,  gj  nach  b  [bine  y^  bgjine  'y  gjitte),  im  Trans  silva- 
nischen  /  nach^  [pitä  '^  ptyita),  d  nach  b  {biet  >  bdyet),  n  nach  m 
{merula  >  mnyerla)  etc.     (Vgl.  Tiktin,  Grundrirs2  L  2,  p.  587.) 

Gerhard  Rohlfs. 


2.   Zur  Wesensgestalt  des  Französischen. 

Betrachten  wir  das  Neufranzösische  einmal  nicht  mit  historisch 
auf  die  zunächst  zurückliegenden  Sprachformen  gerichteten  Blicke, 
sondern  mehr  mit  isolierender  Schärfe,  nur  im  Vergleich  mit  dem 
Sprachtypus,  dem  es  durch  seine  Geschichte  angehören  müfste, 
also  mit  dem  im  ausgeprägtesten  Sinne  wortflektierenden  Typus, 
dem  altindogermanischen,  so  sind  es  zunächst  jene  bekannten  Err 
scheinungen,  die  das  Schlagwort  „analytische"  Sprachen  zusammen- 
fafst,  die  uns  ins  Auge  fallen.  Ohne  hier  irgendwie  die  Berech- 
tigung dieses  Ausdruckes  bestreiten  zu  wollen,  scheint  es  mir  doch 
empfehlenswert,  sich  einmal  wieder  zu  vergegenwärtigen,  auf  welchen 
Beobachtungen  er  beruht,  und  was  das  wesentlichste  an  ihnen  ist. 
Was  unterscheidet  de  la  mere  von  matris}  Beziehungs-  und  Art- 
element sind  dem  Grundelement  vorangestellt,  und  drei  Worte 
stehen  einem  gegenüber;  am  wesentlichsten  ist  aber  vielleicht,  dafs 
das  Beziehungselement  de  und  das  Artelement  la  von  dem  be- 
deutungsvollsten Grundelement  ?nere  abgelöst  sind,  während  in 
matris  alle  drei  Elemente  in  einem  nicht  trennbaren  Komplexe  ver- 
eint sind.  Umschreiben  wir  den  Tatbesland  so,  so  fügt  sich  der 
Zug  der  Sprache :  Zerlegung  eines  Komplexes  in  die  Elemente, 
die  ihn  bilden,  trefflich  zu  jenem  der  traditionellen,  banalen  und 
doch  berechtigten  Charakteritik  der  französischen  Sprache  als  einer 
in  hohem  Grade  klaren  oder  abstrakten.  1  Es  ist  ja  eben  diese 
sorgfältige  Zerlegung  eines  Wortkörpers  (historisch  gesprochen)  in 
seine  logisch  erfafsbaren  Elemente  fraglos  ebenso  ein  Zug  hoher 
Abstraklionsfähigkeit,  wie  die  strenge  Durchführung  der  Stellung: 
Subjekt  —  Verb  —  Objekt  ein  Beweis  ist  hoher  Klarheit  über  das 
Hauptverhältnis  des  Satzes.  Freilich  diese  scharfe,  schematische, 
allerdings   auch    oft    etwas   unfreie  Audeutung  dieses  Verhältnisses, 


chiopa,    fibula'^ßiuba'^  vtnti.  fiuba,   /abula'^  fiaba"^  \tz\.fiaba,    scandula 
^  sclanda  ]>  obw.  slonda  etc. 

'  Über  diesen  .\usvlruck  s.  die  B^ruierkujigun  am  Schlüsse  des  Aufsataes. 


7  2  VERMISCHTES.       ZUR    WO.  TO  '-SCHICHTE. 

durch  die  blofse  Stellung  erfafst  und  ausgedrückt,  verbindet  sich 
leicht  luit  einer,  noöchte  man  sagen,  Überdeutlichkeit:  Ton  p}re 
est'il  arriv,'?  Dafs  ferner  die  völlige  Uiiiformierung  des  Dekli- 
nalionsschemas,  die  nur  schwach  durch  phonetische  Vorgänge  ge- 
stört wird,  bei  der  die  gleichen  Beziehungselemente  (offenbar  in 
innigem  Zusammenhange  mit  ihrer  Ablösung  von  Art-  und  Grund- 
element) stieng  durchgeführt  sind  (das  Personalpronomen  die  nahe- 
liegende Ausnahme),  ebenfalls  besonders  klar  wirkt,  ist  wohl  ohne 
weiteres  deutlich. 

Aber  mit  dieser  Ablösung  der  Beziehungselemente,  des  Kasus- 
ausdrucks also,  von  dem  Grundelement  erscheint  noch  ein  Zug  der 
Sprache  verbunden,  der  notwendig '  mit  ihm  nicht  verbunden  sein 
müfste ;  wenigstens  vermag  ich  eine  Notwendigkeit  nicht  zu  sehen. 
Die  Beziehungselemente  sind  nämlich  nicht  etwa,  wie  eben  im  lat. 
matris,  sonst  in  der  Sprache  bedeutungslose  Laute,  sondern  ganz 
im  Gegenteil  Präpositionen,  deren  lokales  Bedeutungszentrum  bei 
sonst  freilich  recht  weitem  Umfang  des  Bedeutungskreises  doch  in 
zahlreichen  Anwendungen  deutlich  hervortritt.  Hier  ist  also  nichts 
zu  spüren  von  der  Abstraktheit,  wie  sie  in  dem  Ausdruck  matris 
liegt,  wo  ein  umfassendes  grammatisch -logisches  Verhältnis  sym- 
bolisch, zusammenfassend  durch  den  sonst  bedeutungslosen  Laut 
ausgedrückt  wird. 

Der  Ausdruck  der  Kasusbeziehungen  durch  im  Grunde  lokale 
Präpositionen  deutet  doch  auf  einen  eigentümlich  auf  das  Tatsächliche 
gerichteten  oder  zu  dem  Tatsächlichsten  in  Beziehung  stehenden 
Sinn,  der  an  anderen  Punkten  des  grammatischen  Systems  der  fran- 
zösischen Sprache  noch  klarer  hervortritt. 

Die  Teile  der  Rede,  die  den  eigentlichen  grammatischen 
Formen  am  nächsten  stehen,  die  Präpositionen,  die  Adverbien  und 
die  Konjunktionen,  zeigen  hier  vieles,  was,  unter  dem  Gesichts- 
punkte betrachtet,  sich  ohne  weiteres  zusammenschliefst.  Man  denkt 
zunächst  an  präpositionale  Ausdrücke  wie  aupres  de,  au-dessous  de, 
par  dessous,  au-dessus  de,  ä  cote  de,  le  long  de,  au  dehors  de,  an  delä  de, 
d'avec,  de  chez,  die  noch  mehr  auffallen,  als  sie  nominalen  Charakter 
gewonnen    haben,    den   sie  doch  gröfstenteils  früher  offenbar  nicht 


1  Den  Ausdruck  „notwendig"  möchte  ich  bitten  nicht  zu  pressen.  , Not- 
wendig' ist  ja  in  der  Sprache  in  gewissem  Sinne  nichts;  aber  gewisse  Züge  in 
einer  Sprache  lassen  gewisse  andere,  sagen  wir  einmal,  erwarten.  Eine  Sprache 
ohne  Flexion  z.B.  hat  festere  Wortstellungsregeln  als  eine  mit  reicher  Flexion; 
Nachstellung  dts  Geneiivs  und  des  Adjektivs  gehen  grm  zusammen;  bei  einem 
Verbum  von  possessivem  Charakter  wird  ein  Nominativ  kaum  bezeichnet  usw. 
Diese  Zusammenhänge  sind  nicht  „geset2;"mäfsig,  aber  sie  sind,  ohne  dafs  damit 
eine  Erscheinung  als  die  Ursache  der  anderen  anerkannt  ist,  doch  bei  längerer 
Betrachtung  unschwer  erkennbar  Aber  eben  jene  Züge  des  Französischen 
(bzw.  Romanischen)  kann  ich  nicht  zusanimensclien ,  ebenso  wenig  wie  jene 
Züge  des  idg.  Typus,  dafs  eine  Kasusform  so  mannigfach  bezeichnet  ist,  wie 
etwa  in  matris,  servi,  mensac,  und  dafs  sie  überhaupt  bezeichnet  ist;  also 
den  Zusammenhang  der  Wortfl-xion  mit  der  (so  könnte  man  wohl  sagen) 
Form  Variation. 


ERNST    LEWY,    ZUR    WESENSGKSTALT    DES    FRANZÖSISCHEN.         73 

hatten.  Wenn  wir,  auch  ohne  historische  Kenntnisse,  zu  analy- 
sieren versuchen  würden,  würden  avec  neben  avant,  devant;  delä 
neben  lä\  parnii  neben  par  unsere  Anschauung  auf  einen  Weg 
leiten,  den  dans,  des  neben  chez  durch  ihren  Ursprung  als  tatsächlich 
begangen  beweisen. 

Ein  Deutlichkeitsstreben,  das  Hinweise,  aufnehmende,  aus- 
führende, berichtigende  (wir  denken  weiterhin  an  cet  komme  et, 
qu'est  ce  que  ga?)  liebt,  oder  auf  die  reellste  Wirklichkeit  als  Aus- 
druckshilfe zurückgreift  (^oici,  voilä),  finden  wir  in  Adverbien  wie 
toujmrs,  loTiglemps,  aiijourd'hui,  mainlenanf ,  iieniot,  d^abord,  tont  ä 
cotcp,  beauconp  —  Begrifl^e  alles,  für  die  im  Lateinischen  wie  etwa 
im  Neuhochdeutschen  die  Ausdrücke  isoliert,  beziehungslos  im 
Wortschatze  stehen,  haben  hier  mit  geradezu  naturalistischer  Leben- 
digkeit neugeschaffene  Ausdrücke  erhalten. 

Die  Bildung  der  subordinierenden  Konjunktionen  zeigt  jene 
Richtung  auf  Klarheit  vielleicht  in  der  originellsten  Weise.  Da- 
durch, dafs  sie,  aufser  qtiand,  comme,  si,  mit  qtte  zusammengesetzt 
sind,  ist  der  eigentliche  Bedeutungs-  und  Stimmungskern  von  dem 
Formalen,  dem  Anschlufs  eines  Nebensatzes  an  einen  Hauptsatz, 
in  genialer  Weise  abgelöst,  gewifs  eine  hohe  Leistung  der  Ab- 
straktionsfähigkeit. Dafs  es  sich  hier  wirklich  auch  um  eine  Tren- 
nung des  Formalen  und  des  Bedeutungsvollen  handelt,  darauf 
deutet  wohl  auch  hin,  dafs  auch  qtiand,  comme,  si,  nicht  nur  die 
anderen  Konjunktionen,  bei  etwa  nötiger  Wiederholung  durch  que 
ersetzt  werden  können  (Mätzner,  Frz.  Gram. 2  S.  508).  Besonders 
auffällig  ist  nc-que,  das  nun,  neben  ne-pas,  ne-point,  ne-jamais,  ne-rien, 
7ie-guhe,\\-\Qäe:xnTa.  den  Begriff  der  Negation  abgelöst  zeigt  von  dem 
sonstigen  Gehalt  des  Ausdrucks.  Dafs  pas,  point  die  Negation  in 
heftiger  Weise,  geradezu  roh,  verstärken,  ist  offenbar;  dafs  pas, 
point,  \ri€^{\  auch  allein  stehend  Negationen  sind,  ist,  wenigstens  an 
Merkwürdigkeit,  damit  zu  vergleichen ,  dafs  delä,  in  au  delä  de,  ein 
Nomen  im  Dativ  geworden  ist.  — 

Ich  habe  hier  nicht  danach  gestrebt,  irgendwelche  Tatsachen 
der  französischen  Sprache'  zu  erklären,  sie  etwa  mit  der  „Struktur 
des  französischen  Geistes"  (s.  E.  Bernhard,  Logos  III,  80 — 102) 
zu  verknüpfen  oder  daraus  herzuleiten,  wenn  auch  manches  Wort 
darauf  hinzudeuten  schien ;  ich  fand  aber  eben  keinen  besseren 
Ausdruck;  ich  wollte  nur  einige  grundlegende,  und  darum  auch 
allbekannte,  Tatsachen  als  untereinander  zusammenhängend  auf- 
weisen, im  Gegensatz  etwa  zu  Delbrücks  Worten,  die  einen  tiefen 
Eindruck  auf  mich  gemacht  haben :  „Die  einzelnen  Züge  lassen 
sich  weder  addieren,  noch  in  ein  System  bringen."  Man  kann, 
im  Anfang  dieser  Art  veranschaulichender  Forschung,  der,  weil  sie 


I 


'  Auch  den  Sprachtypus  des  Fran^ösi.cbcii  im  System  der  Lehre  von 
den  Sprachtypen  wollte  ich  hier  nicht  bestimmen,  weil  diese  Lehre  auch  in 
Finck's  Formulierung  noch  zu  grofse  Lücken  aufweist.  Die  Grundlage  des 
Französischen  ist  natürlich  ein  wortflektierender  Tvpus,  iWy  noch  luiite  deutlich 
durchscheint. 


74  VERMISCHTES.      ZUR    WORTGESCHICHTE. 

im  Anfang  steht,  gerade  auch  alle  Termini  fehlen,  und  bei  der  bis 
jetzt  meist  die  in  Europa  bekanntesten  Sprachen  übergangen  wurden, 
gewifs  nicht  alle  Zusammenhänge  erkennen;  aber  vielleicht  ist  es 
mir  doch  gelungen,  aufzuzeigen,  dafs  sich  mehrere  der  auffallendsten 
formalen  Züge  der  französibchen  Sprache  ohne  Zwang  zusammen- 
ordnen, ja  beinahe  sich  gegenseitig  bedingen. 

Anmerkung  über  'abstrakt'. 

Bei  dem  Gebrauch  der  Termini  konkret  und  abstrakt  ging 
ich  aus  von  der  Betrachtung  der  magyarischen  und  finnischen 
Postpositionen.  Ein  deutsches  nebtn  mir  steht  einem  magyar,  mel' 
lettan  und  finn.  vieressäni  entschieden  gegenüber:  die  Beziehung 
von  neben  zum  übrigen  Wortschatz  ist  nur  historisch  erkennbar, 
mellettem  hat  aber  mell  'Brust',  vieressäni  viert  'Seite,  Rand'  als 
ohne  weitere  Forschung  erkennbare  und  so  gewifs  auch  ohne 
weiteres  beim  Sprechenlernen  dazu  in  Beziehung  tretende  Ver- 
wandtschaft neben  sich.  Diese  Auffassungsweise  des  Magyar,  und 
Finn.  darf  man,  da  sie  Worte  reeller  Annschauung  benutzt,  wohl 
mit  Sinn  konkret  nennen ;  die  des  Neuhochdeutschen  abstrakt. 
Irgend  ein  Werturteil  ist  natürlich  mit  diesen  Termini  nicht  ver- 
bunden; sie  sind  rein  schildernde.  Versuche,  tinen  Tatbestand  in 
kürzestem  Ausdruck  zusammenzufassen. 

Ähnliche  Betrachtungen  erwecken  die  Ausdrücke  für  den  Be- 
griff, den  wir  mit  zu  bezeichnen,  den  Begriff  des  über  alle  Er- 
wartung hinausgehenden  hohen  Grades  einer  Eigenschaft.  Hier 
zeigen  das  engl,  too,  das  nhd.  zu,  das  nschwed.yi^r  eine  zwar  sonst 
in  der  Sprache  durchaus  gangbare  Präposition,  aber  in' eigenartiger 
Anwendung,  wobei  eine  eigentlich  sinnliche  Grundbedeutung  wohl 
nur  recht  schwach,  wenn  überhaupt,  durchschimmert.  Anders  liegt 
es  bei  dem  ital.  iroppo,  dem  frz.  irop,  deren  Etymologie  zwar  wohl 
auch  nicht  mehr  gefühlt  wird  von  dem  Kinde,  das  sich  seine 
Muttersprache  erwirbt,  aber  noch  ganz  nahe  liegt.  Was  man  hier 
konkret  und  was  man  abstrakt  nennen  soll,  ist  nicht  ganz  schnell 
zu  sagen ;  ganz  konkret  ist  aber  sicher  der  magyar.  Ausdruck 
tülsägosan  zu  nennen.  Von  ii'il  'jenseits'  ist  das  Abstraktum  tülsäg 
'Übermals'  mit  dem  Adjektivum  tulsägos  'übermäfsig'  abgeleitet, 
zu  dem  tülsägosan  das  Adverbium  ist.  (Ein  Beispiel  z.  B.  bei 
MikszAth,  Szent  Peter  esernytiye  S.  8 :  Tülsägosan  öreg-e  a  föld  ?  Zu 
alt  —  Fragepartikel  —  [ist]  das  Land?)  Ganz  analog  ist  das 
finn.  liian  zu  liika  'Überschufs,  Übermafs,  überflüssig,  zuviel  .  .  .' 
gebildet.  Auch  bei  der  Wortbildung  könnte  man  solche  Auffassung 
anwenden;  etwa  bei  der  Betrachtung  des  Begriffes  Gesicht  gegen- 
über der  auf  finnisch-ugrischem  und  kaukasischem  Sprachgebiet 
weit  verbreiteten  Auffassung  als  'Mund  —  Nase'  oder  'Auge  — 
Mund'  (Magyar  Nyelvßr  59,  93). 

Nach  solchen  wenigen  Einzelheiten  dürfte  man  natürlich  nicht 
eine  ganze  Sprache  beurteilen;  ob  sich  eine  ganze  Sprache  mehr 
dem  Ideale  der  Konkretheit  oder  der  .Abstraktheit  nähert,   könnte 


ADOLF   ZAUNEK,   ZUR    GRAMMATIK.  75 

nur  die  Betrachtung  des  ganzen  Systems  der  Sprache  lehren. 
Überall  finden  sich  natürlich  konkrete  und  abstrakte  Züge  gemischt, 
das  Mischungsverhältnis  würde  über  den  Gesamtcharakter  ent- 
scheiden. Ich  verweise  noch  auf  den  Exkurs  über  die  Kasus  in 
meiner  kleinen  Festschrift  'Heinrich  Winkler  zum  70.  Geburtstage', 
in  dem  verwandte  Gedankengänge  angedeutet  sind. 

Ernst  Lewy. 

3.   Zur  Grammatik. 

I.    Zur  Vokalumstellung  im  Französischen. 

Zs  3Q,  489  f.  nimmt  Meyer-Lübke  an,  vortoniges  e — /  sei  im 
Französischen  zu  / — e  umgestellt  worden.  Ich  kann  seine  Beispiele 
nicht  überzeugend  finden.  Sie  teilen  sich  —  was  Meyer-Lübke 
nicht  hervorhebt  —  offenbar  in  zwei  Gruppen.  In  der  einen  (iregon 
treter)  sind  beide  Vokale  erhalten  und  die  Umstellung  allerdings 
deutlich  erkennbar.  Neben  dem  Bestreben  als  Mittelvokal  das 
üblichere  e  statt  des  selteneren  /  einzusetzen  (Meyer-Lübke,  Frz. 
Gr.  I,  §  2^2),  wird  wohl  bei  treter  die  Häufigkeit  des  Suffixes  -eter, 
bei  irefon  vielleicht  Einmischung  von  ire  mitgespielt  haben.  Da  die 
Formen  en'ter  und  eri(on  bekanntlich  ebenso  häufig  vorkommen,  ja 
sogar  die  ältesten  belegten  sind,  handelt  es  sich  auf  jeden  Fall 
um  einen  verhältnismäfsig  jungen  Vorgang. 

Ganz  anders  die  zweite  Gruppe.  Diese  umfafst  Wörter,  in 
denen  der  zweite  Vokal  überhaupt  geschwunden  ist;  es  ist  da 
natüdich  schwer  zu  sagen,  welcher  Vokal  gefallen  sei.  Bei  visnS 
erwägt  Meyer-Lübke  selbst  Wirkung  des  Nebenakzentes.  Disner 
kann  nur  mit  Zuhilfenahme  einer  Hypothese  den  in  Rede  stehen- 
den Fällen  angeschlossen  werden ;  für  den  Ansatz  *desinare  gibt 
aber  M.-L.  keinen  überzeugenden  Grund  an;  ich  halte  also  an 
disjejunare  fest,  das  durch  Dissimilation  zu  disjunare  geworden 
wäre ;  das  «  der  stammbetonten  Formen  scheint  mir  genügend 
dafür  zu  sprechen.  Warum  statt  e  in  der  Vorsilbe  /  erscheint,  ist 
freilich  unklar.  Vilaine  ist  ohnehin  unsicher.  Es  bleibt  somit  nur 
Desiderius  Didier,  das  allerdings  für  M.-L.  sprechen  würde. 

Meyer-Lübke  führt  dann  noch,  freilich  zögernd,  den  ParalleUsmus 
der  labialen  Reihe  an  und  gelangt  so  zu  einer  Erklärung  des  sonst 
rätselhaften  emprunter.  Darauf  würde  nun  aber  seine  Deutung  der 
Fälle  mit  i — e  nicht  passen,  denn  da  kann  man  ja  doch  nicht 
sagen,   dafs  hier   in  der  Mittelsilbe  der  beliebte  Vokal  e  erscheine. 

•  Die  Umstellung  beschränkt  sich  also  tatsächlich  allenfalls  auf 
6in  sicheres  Beispiel;  daraufhin  ein  Gesetz  aufzustellen,  scheint 
mir  gewagt. 

2.   Der  Stammvokal  der  synkopierten  Futura 

im  Altspanischen. 
Zum  Schlüsse  seiner  eben  besprochenen  Ausführungen  bemerkt 
Meyer-Lübke,    offenbar  um  seine  Annahme   zu  stützen,    dafs    eine 


76  VERMISCHTES.       ZUR    WORTGESCHICHTE. 

solche  Vokalumstellung  im  Spanischen  längst  nachgewiesen  sei.  Er 
führt  zunächst  mintroso  an  und  verweist  dabei  auf  seine  Rom.  Gr.  I, 
§  359,  dort  wird  aber  mintroso  gerade  nicht  durch  Vokalumstellung 
erklärt,  sondern  mit  hirviente  usw.  zusammengestellt.  Dann  werden 
die  bekannten  altsp.  Futurformen  wie  regibrc  usw.  herangezogen, 
die  bisher,  soviel  ich  sehe,  meist  so  erklärt  wurden,  dafs  man  an- 
nahm, der  Stammvokal  /  sei  aus  den  Formen,  in  denen  er  durch 
folgenden  /-Diphthong  hervorgerufen  war,  auch  auf  andere,  darunter 
eben  das  Futurum,  übertragen  worden  (so  Meyer-Lübke,  Rom.  Gr.  II, 
§316,  wo  er  auf  mhüroso  verweist,  das  er  ja  zu  hirviente  gestellt 
hat;  Menendez  Pidal,  Cantar  de  Mio  Cid,  gg,  15.  Etwas  anders 
allerdings  Gassner,  Das  altsp.  Verbum,  der  sich  —  §  484  —  freilich 
ziemlich  unklar  ausdrückt). 

Ich  glaube  nun,  dafs  diese  Erscheinung  im  Spanischen  mit 
jenen  französischen  Beispielen  nichts  zu  tun  habe.  Bemerkt  sei 
gleich,  dafs  die  span.  Beispiele  fast  durchaus  der  zweiten  der  oben 
genannten  Gruppen  angehören,  d.  h.  also  Ausfall  des  zweiten  Vokals 
zeigen  (allerdings  auch  mintiroso,  mintird,  mintira,  die  aber  gerade 
beweisen,  dafs  es  sich  nicht  um  Umstellung  handelt).  Weiter  fällt 
auf,  dafs  der  Vorgang  im  Span,  ausschliefslich  Zeitwörter  (oder 
doch  Zeitwortstämme :  mintroso,  repindencia)  betrifft,  und  zwar  lauter 
solche,  die  in  andern  Formen  ihres  Paradigmas  auch  e  zeigen, 
während  dies  bei  den  franz.  Beispielen  der  zweiten  Gruppe  niemals 
der  Fall  ist.  Dieser  Umstand  legt  es  nahe,  die  span.  Fälle  durch 
Analogie  zu  erklären. 

Meiner  Meinung  nach  handelt  es  sich  hier  in  der  Tat  um  die 
Vermischung  zweier  Typen,  die  im  Lateinischen  und  in  den  andern 
romanischen  Sprachen  deutlich  geschieden  sind,  im  Span,  aber  in- 
folge lautlicher  Vorgänge  im  Stammvokal  teilweise  zusammenfallen 
mufsien ;  dies  führte  dann  zu  völliger  Angleichung.  Diese  beiden 
Typen  sind  Verba  der  e- Klasse  mit  ursprünglichem  (lat.)  i  als 
Stammvokal  und  Verba  der  i-Klasse  mit  ursprünglichem  e  als  Stamm- 
vokal. Die  ersten  mufsten  den  Stammvokal  i  in  allen  Formen  be- 
halten ;  nur  für  das  Imperfektum  dürfte  man  lautlichen  Übergang 
des  i  zu  e  infolge  Dissimilation  gegen  das  i  der  Endung  annehmen. 
Freilich  sind  Formen  wie  dizia  ganz  gewöhnlich;  nimmt  man  diese 
als  lautgesetzlich  an,   so  ist  dezia  leicht  als  analogisch  zu  erklären. 

In  der  zweiten  Gruppe  mufs  betontes  e  zu  ie  werden,  be- 
tontes e  bleiben,  vor  dem  ableitenden  i  aber  bei4e  als  i  er- 
scheinen; tonloses  e  dagegen  mufste  zu  /  werden,  wenn  in  der 
folgenden  betonten  Silbe  ein  mit  i  beginnender  Diphthong  stand, 
und  zwar  auch  dann,  wenn  durch  analogische  Vorgänge  später 
das  i  des  Diphthongs  wieder  entfernt  worden  ist,  also  nicht  nur 
vor  der  Endung  -iendo  des  Gerundiums,  sondern  auch  vor  der 
Konjunktivendung  -iamus,  trotzdem  diese  nur  in  der  Form  -amos 
überliefert  ist  (s.  Meyer-Lübke,  Rom.  Gr.  II,  §  loi). 

Die  Tatsache  der  Beziehungen  der  beiden  Gruppen  zueinander 
ist  längst  bekannt  (Meyer-Lübke,  Rom.  Gr.  II,  §  igi;  Gassner,  Das 


ADOLF    ZAUNEK,    ZUR    GRAMMATIK.  77 

altsp.  Verbum,  §  56;  Baist  in  Gröbers  Gr.  I,  Qii);  gerade  inbezug 
auf  das  Futurum  ist  sie  aber,  wie  mir  scheint,  nicht  genügend  be- 
tont worden  (Verkehrtes  enthält  die  Darstellung  bei  Hanssen,  Span. 
Gr.,  §  7,2,  5). 

Die  ursprünglichen  Paradigmen  haben  sich  also  nach  meiner 
Auffassung  in  folgender  Weise  gestaltet.  (Ich  wähle  als  charak- 
teristische Formen:  den  Infinitiv;  —  die  i.  und  3.  Präs.  Ind.;  — 
die  I.  und  4.  Präs.  Konj.;  —  die  i.  Imperf.  Ind.;  —  die  6.  Per  f. 
Ind.;  —  das  Gerundium;  —  die  3.  Futur.) 

1.  Gruppe. 

dizer-  digo  dize-diga.  digamos-ö'/2m-dixieron-diziendo-/?/Cs)ra. 

dezia 

Genau  ebenso  verhalten  sich  mit  Bezug  auf  den  Stammvokal: 
viver  escriver  rier  .  .  Diese  lautgesetzlichen  Formen  sind  alle  in 
älterer  Zeit  zu  belegen;  die  Infinitive  sind  bis  heute  im  Portugiesi- 
schen erhalten  bis  auf  ridere,  das  hier  zu  rir  geworden  ist ;  warum 
dieses  Zeitwort  eine  Ausnahme  bildet,  weifs  ich  nicht. 

2.  Gruppe. 

Schwieriger  ist  die  zweite  Gruppe  zu  beurteilen,  weil  hier  das 
lautgesetzliche  Paradigma  offenbar  sehr  früh  durch  analogische  Vor- 
gänge gestört  worden  ist.  Dies  betrifft  vor  allem  das  ableitende  i 
und  seine  Wirkung  auf  den  vorausgehenden  Konsonanten ;  von 
letzterer  ist  im  Spanischen  keine  Spur  mehr  zu  finden,  ti  hätte  ja  f 
ergeben  müssen,  von  sentiamus  wäre  also  *sen(amos  (oder  *smfamos?) 
zu  erwarten  gewesen  (wie  im  Portug.  noch  heute  petio  pefo,  aitpg. 
menfo  senfo) ;  unter  dem  Druck  der  übrigen  Formen  ist  hier  schon 
in  alter  Zeit  der  Stammkons,  des  Infinitivs  durchgeführt  worden. 
Die  Analogie  von  sintamos  hat  dann  ihrerseits  wieder  bewirkt,  dafs 
nach  labialen  Kons.,  wo  /  bleiben  mufste,  dieser  Ableitungsvokal 
aufgegeben  wurde:  nach  sintamos  sagte  man  auch  sirvamos  (statt 
*sirviamos).  Dafs  einst  *sirviavios  vorhanden  war,  darf  man  daraus 
schliefsen,  dafs  das  vortonige  e  zu  /  geworden  ist.  Bei  sentiamus 
ist  diese  Wirkung  nicht  wahrscheinlich,  weil  \\  vermutlich  frühzeitig 
zu  einem  einfachen  kons.  Laut  geworden  ist  (so  Baist,  Gr.  I^,  911); 
ist  dies  richtig,  so  ist  der  Vokal  von  sintainos  nach  dem  Vorbilde 
von  sirvamos  eingeführt  worden.  Ist  der  i-Laut  in  ti  länger  ver- 
nehmbar und  wirksam  geblieben,  so  ist  diese  Annahme  natürlich 
unnötig. 

Auch  die  Wirkung  des  ableitenden  i  auf  das  betonte  ^  ist 
nicht  ganz  klar,  tepidu  >  tibio  wird  bekanntlich  verschieden  ge- 
deutet. Nimmt  man,  wie  ich  es  tue,  ttbio  als  lautgesetzlich  an,  so 
wird  man  auch  von  servio  >>  *sirvto  und  daraus  (s.  o.)  sirvo  er- 
warten. Wer  mit  Hanssen  tebio  als  lautgesetzlichen  Nachfolger  von 
tepidu  ansieht,  kann  ohne  Schwierigkeit  sirvo  durch  Analogie  er- 
klären.    Bei  recipio  >  re(ibo  liegen  die  Dinge  klar.     Ob  aus  sentio 


70  VERMISCHTES.       ZUR    WORTGESCHICHTE. 

*j7>/fö  (daraus  dann  *smio)  oder  *sitn(o  (daraus  dann  siento)  ent- 
stehen mufste,  hängt  wieder  von  der  Dauer  des  Verbleibens  des 
ableitenden  i  ab;  je  nachdem  wird  raan  die  eine  oder  die  andere 
Forai  als  analogisch  erklären,  was  nach  beiden  Richtungen  ohne 
Schwierigkeit  möglich  ist. 

Alle  diese  Durchkreuzungen  dürften  schliefslich  zu  folgendem 
Typus  geführt  haben : 

w<f«//>— minto     miente—vcünXQL  mintamos— mentia— mintieron— 

mintiendo— //^^«/ri?. 

Auch  diese  Formen  sind  alle  zu  belegen  oder  mindestens  mit 
Sicherheit  zu  erschliefsen;  *minto  kommt  zwar  nicht  vor,  aber  sirvo 
visto  pido  usw.;  warum  bei  diesen  die  Analogie  gerade  /  durch- 
geführt hat  (neusp.  und  auch  altsp.  schon  meist  3.  sirve),  bei  miento 
miente ,  siento  usw.  aber  ie,  das  gehört  zu  den  Unfafsbarkeiten  der 
Analogiebildung,  denen  man  vielleicht  einmal  auf  Grund  sprach- 
statistischer Aufzeichnungen  über  das  zahlenmäfsige  Vorkommen 
der  einzelnen  Verbalformen  in  der  gesprochenen  Sprache,  nicht 
blofs  im  Paradigma,  auf  die  Spur  kommen  kann.  Im  Futuium  ist 
nicht  *mefi/ra  belegt,  wohl  aber  ferra  conquerra. 

Man  sieht,  wie  durch  die  lautlichen  Vorgänge  die  beiden 
Gruppen  dizer  und  mentir  stark  einander  genähert  worden  sind: 
eine  Reihe  von  Formen  —  sie  sind  in  der  obigen  Übersicht  durch 
Fettdruck  hervorgehoben  —  stimmten  vollständig  überein,  es  ist 
daher  leicht  zu  verstehen,  dafs  nun  die  Analogie  zu  wirken  beginnt. 
Der  Einwirkung  von  digo :  dize,  vivo :  vive  usw.  ist  es  gewifs  zu- 
zuschreiben, dafs  regibo'.  regehe,  sirvo :sietve  zw  re(ibo:regibe,  sirvo'. sirve 
geworden  ist. 

Die  Übereinstimmung  der  meisten  übrigen  Formen,  die  so  er- 
reicht wurde,  zieht  dann  Angleichung  im  Infinitiv  und  im  Futurum 
nach  sich;  warum  sie  im  Infinitiv  nach  der  i-Klasse  erfolgte  [dtzir 
vevir  escrevir  reir),  im  Futurum  aber  nach  der  e-Kiasse  [mintra, 
pidra  regibra  usw.),   läfst  sich  wieder  kaum  sagen. 

Dafs  aber  diese  Futurformen  durch  die  besprochenen  ana- 
logischen Vorgänge  und  nicht  etwa  durch  Vokalumstellung  ent- 
standen sind,  geht  daraus  htrvor,  dafs  die  Erhöhung  des  stamm- 
haften e  zu  /  nur  dann  eintritt,  wenn  der  Vokal  der  Infinitivendung 
ausfällt;  unterbleibt  der  Ausfall,  so  findet  sich  niemals  \\  mentir a, 
nicht  mintira  oder  mintera. 

Ferner  spricht  dafür,  dafs  im  Portugiesischen,  das  die  Vokal- 
erhöhung durch  folgenden  i- Diphthong  nicht  kennt,  wo  also  die 
beiden  Gruppen  deutlich  geschieden  geblieben  sind,  weder  im  In- 
finitiv, noch  im  Futurum  jene  analogischen  Bildungen  erscheinen: 
dizer  und  mentird  (Ausnahme  rir  s.  o.). 

Dafs  von  einer  Umstellung  der  Vokale  im  Futurum  keine  Rede 
sein  kann,  ergibt  sich  auch  daraus,  dafs  sich  bei  den  Verben  mit 
stammhaftem  o  dieselben  Vorgänge  abgespielt  haben.  Die  beiden 
Typen  sind  hier  etwa 


ADOLF  ZAUNER,  ZUR  GRAMMATIK.  79 

duzer—dugo  duze— duga.  dugamos — duzta — duxieron— duziendo— 

du(z)ra  . 

und  anderseits 

Jö3/r— subo  jt^/^t-  suba  subamos  -Jo^/<2-subieron-subiendo  -sohra. 

Durch  an  alogische  gegenseitige  Beeinflussung  ergab  sich  einer- 
seits Inf.  duzir,  anderseits  3.  Präs.  Ind.  sube,  Fut.  subra.  Nur  hat 
hier  das  u  noch  weiter  um  sich  gegriffen  und  hat  sich  auch  in 
den  Infinitiv  subir  eingeschlichen. 

Dafs  sich  auch  repindencia  und  mintroso  durch  solches  Über- 
greifen erklären,  braucht  kaum  gesagt  zu  werden. 

3.    span.  pg.  mentira. 

Was  ist  span.  pg.  mentiral  Diez,  Wb.  la  unter  menzogna  stellt 
es  zu  sard.  mentida  und  meint,  dafs  sich  das  „unbegreifliche  span. 
Wort  nur  durch  Entstellung  begreifen  liefse".  Meyer -Lübke,  Rom. 
Gr.  I,  §  547  fafst  mentira  als  Dissimilation  von  mentita  auf.i  So 
auch  Grammont,  La  dissimilation  consonantique  usw.  S.  42,  der 
aber  vorsichtig  hinzufügt  dafs  Einflufs  des  Infinitivs  im  Spiele 
sein  müsse. 

Ich  möchte  noch  einen  Schritt  weiter  gehen  und  mentira 
geradezu  auf  den  Infinitiv  zurückführen.  In  der  Tat  ist  die  an- 
genommene Dissimilation  ganz  unwahrscheinlich ;  jedes  der  beiden  t 
ist  so  fest  gestützt  —  das  eine  durch  den  Verbiilslamm,  das  andere 
durch  das  häufige  Suffix  — ,  dafs  nicht  einzusehen  ist,  wie  eines 
hätte  dem  andern  weichen  sollen.  Und  wie  wäre  man  dazu  ge- 
kommen, ein  so  häufiges  Suffix  wie  -ita  durch  ein  so  unerhörtes 
wie  -ira  zu  ersetzen?  Das  r  des  Suffixes  raufs  also  ursprünglich 
sein;  da  es  aber  kein  Suffix  -ira  gibt,  so  bleibt  wohl  nichts  übrig 
als  auf  die  Infinitivendung  zurückzugreifen. 

Ich  vermute,  dafs  der  Gang  so  gewesen  sei:  mentir  wurde  als 
substantivierter  Infinitiv  für  das  Abstraktum  „Lüge"  gebraucht  und 
war  selbstverständlich  ursprünglich  Maskulinum.  Durch  den  Ein- 
flufs des  häufig  damit  verbundenen  verdad  wurde  es  aber  Fem., 
genau  so  wie  der  subst.  Inf.  yantar  durch  das  damit  gepaarte  cena 
Fem.  geworden  ist.  Das  neue  Genus  zog  dann  Anfügung  der 
gewöhnlichen  Fem. -Endung  nach  sich;  zu  vergleichen  wäre  etwa 
cuchar  =  cuchara.  2 

Adolf  Zauner. 


'  Im  Et.  Wb.  äufsert  er  sich  nicht  weiter  über  die  Art  der  Bildung. 
Das  menttriosus,  das  er  im  Wb.  als  Siichwort  anführt,  bedürfte  wohl  einer 
Rechtfertigung  vom  lateinischen  Standpunkt. 

"^  dessen  Suftix  übrigens  nicht,  wie  —  wohl  nur  infolge  knapper  Aus- 
drucksweise —  Meyer -Lübke,  REW.  u.  cochlearium,  und  Schuchardt,  Die 
Herleitung  aus  dem  Baskischen  bzw.  Iberischen  in  Meyer-Lübkes  Rom.  ctym. 
Wb.,  Revue  bafque  1914,  S.  II  d.  S.-A.,  tun,  auf  -aiium  -aria  zurückgelührt 
werden  kann;  das  hätte  ja  -ero  -era  ergeben. 


8o  VERMISCHTES.       ZUK    WORTGESCHICHTK. 

4.    Zur  'halben'  Negation. 

(Betftchtungen   zu  dem  Aufsatz  Eugen  Lerchs  über  die  'halbe'  Negation  in 
Neuere  Sprachen  29,  S.  6  —  45.) 

In  einem  längeren  in  den  'Neueren  Sprachen',  Jahrgang  1921 
(S.  6 ff.)  abgedruckten  Aufsatz  hat  Eugen  Lerch  kürzlich  die 
Frage  zu  beantworten  gesucht:  Warum  sagt  man  heute  je  nose 
aber  je  ne  vois  pas,  warum  je  nai  gnrde  aber  je  iüai  pas  faiml 
Dcis  Ergebnis,  zu  dem  Lerch  auf  Grund  einer  Untersuchung  der 
verschiedenen  Spezialfälle  kommt,  ist  eine  leichte  Variation  der 
bereits  von  Vossler  (P'rankreichs  Kultur  im  Spiegel  seiner  Sprach- 
entwicklung, S.  2^22  ff.)  aufgestellten  ?>klärung.  Während  Vossler 
eine  subjektiv-stimmungsmäfsige  («^)  und  eine  objektiv -verstandes- 
mäfsige  [ne  .  . .  pas)  Art  des  Verneinens  unterscheidet,  sucht  Lerch 
die  Verschiedenheit  in  dem  Gebrauch  der  Negation  aus  den  ur- 
sprünglichen Betonungsverhältnissen  zu  erklären:  'In  ...je 
n^ose  .  .  .  liegt  auf  dem  Verbum  ein  starker  Gefühlston,  der  es  un- 
möglich macht,  auch  noch  die  Negation  besonders  zu  betonen  .  . . 
Sage  ich  dagegen  objektiv  konstatierend:  .  .  .  £ät'  n'a  pas  os^  votts 
en  faire  Vavcu  .  .  .,  so  fällt  die  besondere  Gefühlsbetontheit  des 
Verbums  fort,  und  die  Negation  erhält  eine  gröfsere  Entfaltungs- 
möglichkeit' (S.  13).  Warum  aber  kann  man  nun  wie  ein  je  tCose 
nicht  auch  etwa  ein  eile  ne  vient  wapen?  Ist  etwa  der  Gedanke 
'Sie  kommt  und  kommt  nicht!'  weniger  stimmungsmäfsig,  weniger 
subjektiv  oder  gar  weniger  gefühlsbetont  ausgesprochen  als  'ich 
wage  nicht'?  Man  sieht:  Ganz  so  einfach,  wie  Eugen  Lerch  sich 
die  Erklärung  zurecht  gedacht  hat,  scheint  die  Sache  doch  nicht 
zu  sein.  Sehen  wir  uns  einmal  einige  der  von  Lerch  besprochenen 
Fälle  etwas  genauer  an! 

Gleich  in  dem  ersten  Paragraphen  (S.  14)  überrascht  es,  unter 
'halber  Negation'  auch  Fälle  wie  je  ne  vois  riin  figurieren  zu  sehen. 
Ist  denn  nc-ritn  nicht  ebensogut  eine  volle  Negation,  wie  es  ne-pas 
ist?  Wenn  wirklich  bei  den  Klassikern  und  natürlich  erst  recht  in 
der  Sprechsprache  des  Volkes  sich  noch  ein  zweites  Füllwort  ein- 
stellt, so  ist  das  doch  eben  nur  als  unlogische  Häufung  der  Negation 
zu  bezeichnen.  Deswegen  aber  die  Frage  aufzuwerfen,  warum  hier 
sich  pas  nicht  überhaupt  durchgesetzt  hat,  dürfie  doch  wohl  ein 
gefährlicher  Anachroni.'^mus  sein.  Warum  also  langatmige  Ausein- 
andersetzungen über  Dinge,  die  völlig  klar  liegen?  Hatte  einmal 
rien  oder  per  sonne  negative  Geltung  angenommen,  so  bedurfte  es 
als  Negationsfüllwort  natürlich  keines  weiteren  Füllwortes  mehr, 
was  so  weit  gehen  kann,  dafs  es  selbst,  wie  es  heute  tatsächlich 
auf  weiten  Strecken  des  unteren  Loiregebietes  (Vend^e,  Deux-Sevres, 
Vienne)  und  in  Oberitalien  der  Fall  ist,  der  eigentlichen  Verbal- 
negation entbehren  kann  (Vend^e  personne  me  croit,  Como  u  vist 
nissy),  während  andererseits  —  und  nicht  minder  natürlich  — 
durch  Häufung  negativer  Begriffe  der  negative  Begriff  verstärkt 
werden    konnte,    wie    man    besonders    gut    im    Tarn    und   Aveyron 


GERHARD  ROHLFS,  ZUR  'HALBEN*  NEGATION.         8l 

idign  me  cre  pas)  und  in  der  südlichen  Gascogne  [persoune  ue  me 
(Koit  pas)  beobachten  kann,  i 

Auch  in  Je  liose  (S.  2 1  flf.)  wird  das  Nichtaut'kommen  des  Füll- 
wortes durch  den  starken  '  Gffühlston' erklärt,  der  auf  dem  Verbum 
ruht,  'und  in  diesen  Fällen  vornehmlich  wird  man  von  der  „sub- 
jektiven" Negation  zu  sprechen  haben'.  Sehen  wir  uns  einmal 
die  Wirklichkeit  an!  Karte  1650  des  'Atlas  linguistique'  bietet  die 
Phrase  ^Je  fiai  pas  ose  Je  lui  dire\  Aber  so  sehr  man  sich  auch 
bemüht,  in  den  Antworten  der  'sujets'  irgend  etwas  zu  entdecken, 
was  an  die  von  Lerch  postulierte  'subjektive  Negation'  erinnern 
könnte,  so  bleiben  alle  Anstrengungen  fruchtlos.  Ist  das  ein  Zu- 
fall? Oder  sollte  der 'Gefühlston',  anstatt  irgendwo  einmal  indem 
sprachlichen  Ausdruck  von  einem  Tausend  französischer  Sprecher 
greitbare  Form  anzunehmen,  doch  nur  in  den  geistreichen  Speku- 
lationen des  Deutschen  Eugen  Lerch  bestehen  ? 

S.  20  heifst  es:  'So  wenig  wie  bei  «je  ne  sais  que  faire >•>  der 
Umstand,  dafs  vor  dem  siarkbetonten  «faire»  noch  ein  anderes 
Wort  [«que-»)  steht,  das  Nichteintreten  des  «pas»  vor  diesem  anderen 
Worte  verhindern  konnte,  so  wenig  konnte  es  auch  das  ni  in  .  .  . 
«II  liest  7Ü  grand  ni  petit»^  Ist  das  nicht  eine  Umkehr  der  ur- 
sprünglichen Verhältnisse?  Ist  es  nicht  überhaupt  viel  merkwürdiger, 
dafs  bei  einem  an  und  für  sich  negativen  Begriffe  {neque  . .  .  tieque) 
überhaupt  noch  eine  Negation  hinzutritt?  Lerch  nimmt  das 
alles  als  selbstverständlich  an,  scheint  also  gar  nicht  zu  wissen, 
dafs  unnegiertes  tii  . . .  ni  nicht  nur  im  ganzen  unteren  Rhonegebiet, 
sondern  auch  im  Wallis,  in  Deux-Sevres  und  einem  Teil  der  Vendee 
durchaus  das  Gewöhnliche  ist. 2  'Die  durch  „weder  ...  noch"  in 
Gegensatz  gestellten  Wörter  beanspruchen  ebenso  viel  Ton,  dafs  für 
ein  pas  keiner  mehr  übrig  bleibt'  (S.  20).  Weifs  denn  Lerch  gar 
nicht,  dafs  gerade  die  Formel  pas  ni  . .  .  ni  auf  weiten  Gebieten  der 
Languedoc  (vgl.  avie  pas  ni  taten  ni  set  'il  n'avait  ni  faim  ni  soif) 
überhaupt  zur  Herrschaft  gelangt,  und  dafs  ein  'yV  ne  pouvais  pas 
ni  avancer  ni  reculer^  in  der  südlichen  Gascogne  ganz  gang  und 
gäbe  ist? 

Nach  den  von  Lerch  entwickelten  Theorien  über  den  Einflufs 
der  Betonungsverhältnisse  hätte  man  erwarten  sollen,  dafs  beim 
Imperativ,  mit  dem  ja  mehr  als  mit  irgend  einem  anderen  IVIodus 
subjektive  Gefühls-  und  Willensausdrücke  verknüpft  zu  sein  pflegen, 
die  subjektive  Negation  sich  am  ehesten  bewahrt  hätte.  Aber 
gerade  hier  ist  ja,  wie  schon  Lerch  feststellen  mufs,  das  pas  heute 
unentbehrlich.  Anstatt  aber  nun  einfach  zuzugeben,  dafs  eine 
psychologische  Erklärung,  die  auf  der  affektischen  Stimmung  des 
Individuums  basiert,  sich  eben  nicht  in  Bausch  und  Bogen  auf 
alle      die     vielen     Einzelerscheinungen     einer      konventionellen 


^  Vgl.  Atlas  linguistique  Karte  1665. 

*  Auch  in  Oberitalien  (Pdschiavo,  Como,  M.iiland);    vj»],  aurh  Atl,  ling. 
Karte  901.    . 

/eltsrhr.  f.  rntn,  Phi),   Xl.,11,  6 


82  VERMISCHTES.       ZUR    WORTGlCSCHlClIl  E. 

Schriftsprache  anwenden  läfst,  mufs  aucli  hier  die  Ausnahme 
von  der  Regel  dem  von  Lerch  aufgestelhen  Akzentuierungsgesetz 
eingezwängt  werden.  S.  24:  'In  der  Tat  ist  gerade  diese  Gruppe 
eine  der  launenhaftesten.  Das  hängt  vielleicht  (!)  damit  zusammen, 
dafs  in  einem  Satze  wie  „Tadle  mich  nicht"  oder  „Verlafs  mich 
nicht",  selbst  wenn  „tadle"  und  „verlafs"  den  Hauptton  haben, 
das  ..nicht"  gleichwohl  niemals  ganz  so  schwach  betont  ist  (man 
beachte  die  gewundene  Form  der  unsicheren  Behauptung),  wie  in 
den  anderen  Fällen,  z.  B.  „er  ifst  nicht  und  trinkt  nicht".'  Das 
heifst  doch  auf  gut  deutsch:  In  der  ältesten  Zeit  (bis  ins  17.  Jh.) 
pflegte  das  sprechende  Individuum  bei  dem  sprachlichen  Ausdruck 
derselben  affektischen  Momentanstimmung  den  Hauptton  auf  das 
Verbum  {Ne  parlcZ !)  zu  legen,  während  der  moderne  Franzose  den 
negativen  Begriff  [?je  parlez  pds!)  hervorheben  möchte.  Man  sieht, 
wie  unsicher  und  vage  und  welcher  Dehnbarkeit  die  von  Lerch 
aufgestellten  Theorien  überhaupt  fähig  sind. 

'Nachdem  wir  gesehen  haben,  wie  das  Füllwort  sich  beim 
Imperativ  allmählich  durchgesetzt  hat',  heifst  es  S.  25  weiter,  'er- 
scheint es  zunächst  um  so  merkwürdiger,  dafs  es  sich  in  Sätzen 
wie  ^iQue  lücludiez  vousf'-'',  die  doch  offenbar  auf  die  gleiche  Be- 
deutung hinauslaufen  („Studieren  Sie  doch!"),  bis  heute  nicht  hat 
einführen  können  .  .  .  Auch  hier  ist  das  Fehlen  des  Füllwortes 
aus  den  Tonverhältnissen  zu  erklären:  die  Vorstellung  der  unter- 
lassenen Handlung  erfüllt  den  Sprechenden  derart  mit  Entrüstung, 
dafs  er  auf  das  Verbum  einen  Akzent  legt,  der  ein  pas  nicht  mehr 
aufkommen  läfst."  Warum  aber  sagt  man  dann  stets:  j.Pourquoi 
11' eiudiez-vous  pas?-'  Auch  hier  hat  Lerch  eine  Erklärung:  Die 
Frage  mit  pourquoi  ist  weit  ruhiger,  weit  weniger  affektisch  als  die 
entrüstete  mit  que.  Soll  denn  aber  wirklich,  wie  Lerch  tatsächlich 
anzunehmen  scheint,  eine  entrüstete  Frage  mit  pottrquoi  nicht  genau 
so  affektisch  betont  werden  können  wie  in  einer  Frage  mit  que"^. 
Glaubt  denn  Lerch  in  vollem  Ernst,  dafs  in  irgend  einer  Liller 
Vorstadtgasse  ein  mittags  mit  knurrendem  Magen  heimkehrender 
Kohlenarbeiter,  der  das  Essen  nicht  fertig  findet,  trotz  all  des  in 
ihm  aufgespeicherten  Zornes  seine  Frau  mit  einem  so  steifen  (weil 
archaischen)   ^^Qiie  k  pol-mi-feu  nUst-il  pret?'--   anfahren  würde? 

Wer  es  unternimmt,  mit  derartig  anspruchsvollen  Einleitungs- 
phrasen 1)  Stellung  zu  einem  so  wichtigen  Problem  der  franzö- 
sischen Syntax  zu  ergreifen,  von  dem  hätte  man  erwarten  sollen, 
dafs  er  seine  Theorien  auf  möglichst  breiter  sprachlicher  Basis  auf- 
gebaut hätte.  Statt  dessen  werden,  als  ob  es  in  der  romanischen 
Sprachwissenschaft  keinen  Schuchardt,  keinen  Meyer-Lübke  und 
keinen  Gilli^ron  gegeben  hätte,  die  entwickelten  Theorien  'an  dem 


'  (Merkwürdig  genug:  mit  einem  Problem  der  französischen  Syntax,  und 
zwar  noch  der  neufranzösischfn,  einem  Problem  also,  das  füglich  jeden,  der 
Französisch  unterrichtet,  beunruhigen  sollte,  scheint  noch  kaum  jemand  sich 
ernstlich  befafst  zu  haben.' 


GERHARD  ROHLFS,  ZUR  'HALBEN'  NEGATION.         83 

Sprachgebrauch  der  guten  (sie!)  Dichter'  nachgeprüft  (S.  g).  Ist 
(las  die  'neue  Sprachwissenschaft V  die  Lerch  uns  zu  empfehlen 
sucht?  Freilich!  Wer  so  aligemeine  Spekulationen  über  Sprach- 
erscheinungen aufstellt,  um  aus  gewissen  syntaktischen  Erscliei- 
nungen  Wechselwirkungen  zwischen  Syntax  und  Nationalcharakter 
herauszukonstruieren,  den  können  Volkssprache  und  Mundarten 
mit  ihrer  ungeheuer  mannigfachen  (weil  individuellen)  Eniwick- 
limgsmöglichkeit  regionaler  Typen  nur  stören.  Also  meidet  man 
sie  wie  die  Pest  I  Ist  das  aber  noch  streng  wissenschaftlich  ?  2  Hätte 
Lerch,  anstatt  die  rhetorischen  Schöpfungen  einer  (Jebildetensprache 
auszuschlachten,  einmal  die  wirkliche  Volkssprache  beobachtet  oder 
sich  mal  —  nur  ein  ganz  klein  wenig  —  mit  den  Verhältnissen 
in  den  Mundarten  vertraut  gemacht,  hätte  er,  anstatt  an  den  Bei- 
spielen der  Schulgrammatiken  herumzudeuten,  einmal  nur  etwa  den 
Rosenroman  oder  die  Werke  Scarrons  auf  das  Aufkommen  des 
Füllwortes  untersucht,  so  hätte  er  daraus  zwar  keine  glänzenden 
und  imposanten  Thesen  entwickeln,  wohl  aber  eine  trockene,  doch 
wissenschaftlich  brauchbare  Zusammenstellung  liefern  können.  3  Dann 
hätte  Lerch  mit  Leichtigkeit  und  ohne  Voreingenommenheit  kon- 
statieren können,  dafs  in  jeder  Sprache  und  in  jeder  Mundart  ■— 
nicht  nur  in  der  nordfranzösischen  Schriftsprache  —  bei  der  An- 
wendung der  Negation  sich  überhaupt  drei  Tendenzen  beobachten 
lassen : 


1  Vgl.  Lerchs  Feuilleton  ,Die  neue  Sprachwissenschaft'  [Der  rote  Tag 
vom  I.  4.  19). 

*  Zu  einem  ähnlichen  Urteil  kommt  Albert  Streuber  über  Lerchs  in 
der  Frankfurter  Zeitung  v.  24.  April  1921  abgedruckten  Aufsatz  'Der  Kampf 
am  den  Sprachunterricht',  dem  er  Spielen  mit  Schlagworten,  Mangel  an  Ob- 
jektivität, Unwissenschaftlichkeit  und  leichtfertiges,  frivoles  Um'-pringen  mit  der 
Wahrheit  vorwirft.     Vgl.  Zeitschr.  f.  franz.  u.  engl.  Unterricht,   BJ,  20,  S.  1746". 

'  Diese  Gleichgültigkeit,  die  darin  liegt,  dafs  man  die  Verhältnisse  auf 
anderen  Sprachgebieten  einfach  ignoriert,  die  Gleichgültigkeit  gegen  die  An- 
sichten anderer,  dieses  ,fare  da  se'  ist  überhaupt  ein  charakteristisches  Merkmal 
der  Lerchschen  Arbeitsmethode.  So  sind  seine  ,Modi'  entstanden,  ohne  dafs 
der  Verfasser  von  der  Existenz  der  bereits  1913  er-chienenen  grundlegenden 
, Studien'  Gamillschfgs  (\gl.  meine  Besprechung  in  dieser  Zeitschrift  40,  501  ff.) 
eine  Ahnung  gfhabt  hätte  (was  man  natürlich  nicht  dadunh  wieder  gut  machen 
kann,  dafs  mau  das  Werk,  nachdem  man  wohl  von  dritter  Seite  darauf  aufmerksam 
gemacht  wurde,  im  Nachwort  [!]  zitiert).  So  erscheint  in  demselben  Jahr 
(1919)  seine  427  S.  umfassende  Abhandlung  über  das  , romanische  (!)  Futurum 
als  Ausdruck  eines  sittlichen  SoÜens',  das  ein  ausschliefblich  nordfranzösi.-clcs 
(=  schriftsprachliches)  Material  verarbeitet  und  die  Resultate  der  uners^etzlichen 
Arbeit  Thielmanns  (Arch.  f.  lat.  Lex.  II,  S.  48ff.)  in  einem  eingeklammerten 
Kapitel  auf  ganzen  drei  Seiten  abfertigen  zu  können  glaubt.  Aber  natüilich! 
Was  Lerch  an  anderen  kritisiert,  gilt  ja  nicht  für  Herrn  Lerch  selbst.  —  Vgl. 
auch  Spitzers  Beinerkung  im  Archiv  f.  d.  Stud.  d.  Neuer.  Sprach.  141,  S.  116 
, Lerch,  ein  Freund  des  Moralisiereus,  sagt  (im  , Futurum')  S.  245  über  Rübeis 
Schrift  über  debere:  „Wenn  man  eine  Dissertati(in  über  debere  macht,  so  hat 
man  die  Pflicht  und  Schuldigkeit,  sich  nicht  auf  den  Lexikographen  zu  verlassen, 
der  .zuweilen  schlafen  soll,  sondern  auf  die  Quelle  zurückzugelien".  Ich  variiere: 
Wenn  man  eine  Preisarbeit  über  das  frz.  Futur  macht,  so  hat  man  die  Pflicht 
und  Schul-digkeit,  aufs  Lateinische  zurückzugehen'. 

6* 


84  VERMISCHTES       ZUR    WORTGESCHICHTE. 

1.  Das  ursprünglich  der  Negation  zur  Verstärkung  beigegebene 
Füllwort  kann  selbst  Träger  der  Negation  werden  (vgl.  neuprov. 
parlavo pas ,  pirsiina  me  cre,  parlarai plus,  ostfrz.  je  les  aide  mie  [Atl. 
ling.  12.  167],  obw.  duveits  buca  vegnir ,  oberit.  [Poschiavo]  vulea 
brica  vedi,    [Milano]  avaria  miga  vedüu  etc.). 

2.  Der  negative  Begriff  kann  durch  weitere  Negationen  ver- 
stärkt werden  (vgl.  norm,  il  ii'y  voyaif  poitit  goiitle,  Herzog,  Dialekl- 
texte  40,  17;  Forli  an'  0  visl  //liga  imv  'non  ho  visto  [mica]  nessuno' 
(aus  eigenen  Notizen). 

3.  Reste  archaischer  Negationen  bleiben  als  erratische  Blöcke 
in  erstarrten  Ausdrucksformen  1  oder  in  nur  in  bestimmten  Zu- 
sammenhängen gebrauchten  konventionellen  Phra.sen  (lat.  ne-scio, 
lu-queo,  quVn  legimus ,  neugr.  "/La  vä  p)  xccftrij,  ft'z.  Je  n'ose,  je  n'ai 
garde,  ä  Dieu  7ie  plaise,  n'efnpeche  etc.). 

Alle  diese  höchst  geistreichen,  aber  immerhin  doch  recht  un- 
sicheren Intuitionen  können  nun  aber  Lerch  nicht  abhalten,  in 
einem  Schlufskapitel  (S.  42iT.)  zu  untersuchen,  wie  weit  die  syn- 
taktischen Verhältnisse  der  verschiedenen  französischen  Sprach- 
perioden sich  aus  der  Psyche  der  jeweiligen  französischen  Kultur- 
verhältnisse erklären  lassen.  'Doch  sieht  man  ohne  weiteres,  dafs 
eine  abschliefsende  Behandlung  dieser  Frage  bei  dem  heutigen 
Stande  unserer  Kenntnisse  noch  nicht  möglich  ist:  das  Material 
an  Beispielen  .  .  .  reicht  dafür  nicht  aus.'  Ist  das  nicht  überhaupt 
so  etwas  wie  eine  Bankrotterklärung  der  idealistischen 
Sprachwissenschaft?  Wie  schon  Vossler  seit  langen  Jahren 
für  die  Erklärung  der  Trobadourkunst  immer  und  immer  wieder 
das  Postulat  erhebt,  dafs,  bevor  überhaupt  daran  zu  denken  ist, 
den  Minnesang  aus  aligemeinen  mittelalterlichen  französ.-deutschen 
Kulturverhältni>sen  zu  erklären,  erst  eiijmal  die  unbedingt  notwen- 
digen positivistischen  Vorarbeiten  zu  leisten  sind, 2  so  scheint 
doch  auch  Lerch  das  Gefühl  gehabt  zu  haben,  dafs  ein  objektives 
Urteil  über  eine  etwaige  Spiegelung  französischen  Volkscharakters 
in  dem  mehr  oder  weniger  starken  Anwachsen  des  Füllwortes  bei 
dem  unvollständigen  Material,  das  uns  zur  Verfügung  s  eht,  zum 
mindesten  verfrüht  wäre.  Hätte  Lerch  es  doch  hierbei  bewenden 
lassen !  Statt  dessen  werden  nun  überall  durch  die  verschiedenen 
Sprachperioden  Kausalzusammenhänge  zwischen  sprachlichem  Ge- 
schehen und  jeweiligem  französischem  Kulturcharakter  herauszukon- 
struieren  versucht,  ohne  überhaupt  daran  zu  denken,  dafs  eine  so 
gewöhnliche    Spracherscheinung    wie    das    Aufkommen    eines    Füll- 


^  Hieiher  rechne  ich  auch  die  einfacliC  Negation  nach  craindre,  ne  pas 
douter,  ä  moins  que,  empecher,  il  ne  s'en  faut  pas  de  beaticoup  \i%w.,  in  denen 
sich  irichr  oder  weniger  doi  h  fren,ddrtige  Denkweise  spiegelt.  Gerade  hier 
zeigt  ein  Verg'eiih  mit  der  wirklich«  n  Volks-prache  (soweit  diese  Wendungen 
überhaupt  der  Volksspraihe  angehönu),  dafs  in  solchen  Fällen  die  Setzung 
der  Negation  dem  französischen  Volksgeiste  widerspricht. 

2  Vgl.  auch  Nmphil.   Mitt.  22,  S.  21. 


GERHARD  KOHLFS,  ZUR  'HALBEN'  NEGATION.         85 

Wortes'  nicht  spezifisch  französisch,  sondern  gemeinsprachlich  ist. 
Demnach  hätte,  wenn  man  Lerchs  Feststellungen  kurz  zusammen- 
fafst,  das  Altfranzösische  als  eine  wesentlich  stimmungshafte  Zeit 
sich  noch  vielfach  (!)  mit  dem  blofsen  ne  begnügt,  wo  später 
tie  ...  pas  hätte  stehen  müssen.  Die  Einführung  des  Füllwortes 
aber  wäre  erst  der  scharfen,  bitteren,  säuerlichen,  verärgerten,  ge- 
reizten, autoritativen,  despotischen  Wesensart  des  Mittelfranzösischen 
zuzuschreiben.  Während  dann  in  dem  darauffolgenden  Jahrhundert 
der  Renaissance  der  heitere,  tolerante  Zeitcharakter  einer  weiteren 
Ausbreitung  der  autoritativen  Negation  nicht  besonders  (!)  günstig 
war,  hätte  das  klassische  Jahrhundert  zunächst  ein  besonders  starkes 
Anwachsen  des  Füllwortes  gezeigt,  bis  dann  um  die  Mitte  des 
Jahrhunderts  eine  Art  Reaktion  (Vaugelas)  eingetreten  wäre. 

Hat  Lerch  nur  irgend  eine  dieser  vagen,  mit  ebensoviel  Kühn- 
heit wie  Leichtfertigkeit  aufgestellten  Behauptungen  wirklich  be- 
wiesen? Bisher  pflegte  (d.  h.  in  der  objektiven  Sprachwissenschaft) 
es  Sitte  zu  sein,  dafs  man  nicht  mehr  behauptet,  als  wie  man 
wirklich  beweisen  kann.  Ist  wirklich  im  Renaissance -Jahrhundert 
das  Füllwort  weniger  häufig  als  etwa  um  die  Zeil  von  Froissart 
und  Eustache  Deschamps?^  Weist  nicht  gerade  der  Umstand, 
dafs  unter  dem  Einflufs  der  grammatikahschen  Dogmatik  Vaugelas 
das  Füllwort  zurückzutreten  scheint,  darauf  hin,  dafs  hier  nicht 
Charakterspiegelung,  sondern  einfach  das  Resultat  pedantischer, 
puristischer  Kleinkritik  vorliegt?  Oder  ist  etwa,  um  einmal  Paris 
mit  Marseille  zu  vertauschen^  das  Rhonegebiet  und  die  Languedoc, 
wo  ja  das  Füllwort  [pas)  überhaupt  die  Stelle  der  Negation  ein- 
genommen hat,  3  bei  all  seiner  jubelnden,  heiteren,  lebensbejahenden 
Weltauffassung,  trotz  der  überquellenden  südlichen  Leidenschaft 
und  Ausgelassenheit,  ist  etwa  das  Sonnenland  Mireios  dogmatischer, 
autoritativer  oder  gar  despotischer  als  der  Norden  des  Landes? 
Besteht  nicht  überhaupt  in  jeder  Sprache,  in  der  ein  Füllwort  (zu- 
nächst einmal  unter  bestimmten  Bedingungen)  zur  Ausprägung  ge- 
langt (vgl.  apul.  no  faticäu  fihc  'il  ne  travaillait  pas '),  von  vornherein 
die  Tendenz,  dieses  Füllwort  auf  dem  Wege  analogischer  Aus- 
breitung zu  verallgemeinern  {Je  ne  vais  pas  >»  je  ne  mange  pas  > 
je  ne  pense  pas  >  pensez  pas)  ?  Wie  ja  auch  Lerch  anzunehmen 
scheint,  werden  in  absehbarer  Zeit  die  letzten  Reste  der  'halben" 
Negation  von  der  vollen  Negation  verdrängt  werden  (nach  Lerch 
'Mifsbrauch,  den  die  heutige  Volks-  und  Umgangssprache  mit  dem 

'  Übrigens  scheint  Lercb  gauz  übersehen  zu  haben,  dafs  bereits  in  all- 
französischer  Epoche  seit  dem  Rolandslied  tm'e,  giens,  niais,  ja  usw.  durchaus 
zum  Füllwort  herabgesunken  sind.  Es  kann  gar  keine  Rede  davon  sein,  dafs 
Rol.  317  mie  etwa  .pittoresker'  (S.  43)  ist  als  heutiges  pas. 

-  Unrichtig  isi  auch  die  S  43  aufgestellte  Behauptung,  dafs  bei  dem 
^heischenden)  Futurum  immer  das  Füllwort  steht.  Man  vergleiche  nur:  Ne 
TOS  mouvrez  de  la  bonne  ci!e\  Amis  et  Amiles,  ed.  Hofmann  v.  826;  ne 
vos  mouvroiz  de  ci,  ib.  1722;  a  ceste  fois  ii't  enterres  vous  ore ,  Mon.  Guill. 
I,  724  usw. 

^  Vgl.  neuprov.  ai  pas  vist ,    digil  rite  cre  pas,  trcmhhwo  pas  plus  usw. 


86  VERMISCHTES.       ZUR    WORIGKSCHICHTE. 

Füllwort  treibt').  Mit  anderen  Worten:  die  stimmungshafte,  sub- 
jektive Negation  wird  für  immer  im  Schofse  der  Vergangenheit 
begraben  werden.  Woraus  man  wohl,  um  nun  einmal  Lerchs 
Spekulationen  auf  sprachlich -kulturelle  Zusammenhänge  auch  auf 
die  Zukunft  anzuwenden,  wohl  die  sichere  Vermutung  ableiten 
darf,  dafs  der  französische  Volkscharakter,  despotisch,  autoritativ 
und  gereizt,  wie  er  zurzeit  nach  Lerch  i  ist,  nie  wieder  jene  aus- 
gesprochen stimmungshafte,  heitere,  beschauliche,  friedfertige  Note 
erhalten  werde,  die  nicht  nur  die  altfranzösische  Zeit,  sondern  auch 
noch  das  Temperament  Lafontaines  (Häufigkeit  der  einfachen 
Negation !)  charakterisierte.  Welch  düstere  Aussichten  für  die  Zu- 
kunft!    Armes,  armes  Frankreich! 

Gerhard  Rohlfs. 


5.    Zu  Zs.  41,  S.  583. 

Bruch  unterzieht  an  der  in  der  Überschrift  angegebenen  Stelle 
meine  Zurückführung  des  provenzalischen  dalh  „Sense"  auf  ein 
gallisches  *dalgis  einer  scharfen  Kritik  und  kommt  zu  dem  für 
den  Aufsteller  einer  Etymologie  sehr  bedauerlichen  Ergebnis,  dafs 
meine  Erklärung  ,. durch  die  Vereinigung  der  gröfsten  lautlichen 
mit  der  gröfsten  begrifflichen  Schwierigkeit"  ganz  unmöglich  ge- 
macht wird.  Was  die  angeblichen  lautlichen  Schwierigkeiten  be- 
trifft, so  werde  ich  die  Behandlung  der  gallischen  und  fränkischen 
/-Laute  im  Galloromanischen  an  anderer  Stelle  im  Zusammenhang 
darstellen.  Hier  kann  einstweilen  auf  die  Bemerkungen  zu  egoger 
in  Bd.  41,  S.  514  d.  Z.  verwiesen  werden.  Vgl.  ferner  afrz.  und  heute 
poitev.  chail  „Kiesel"  aus  gallisch  *kalos  „Stein";  wegen  der  Wieder- 
gabe des  gallischen  /  vor  Kons,  durch  r  (zu  dial.  dar,  der  „Sense" 
aus  gall.  *dalgis)  vgl.  die  bei  Longnon,  La  Gaule  au  sixieme 
sifecle  angeführten  Ortsnamen  Servais  ^iSWwicnvo.,  Serbonnes  <^ 
Sil  bona,   ör;/t'<01ina  und  andere. 

Unrichtig  ist,  dafs  ich  aus  einem  irischen  delg  „Dorn"  ein 
gallisches  ''■'dalgis  erschliefse,  das  „Sense"  bedeuten  soll.  Ich 
schreibe  ausdrücklich:  Dem  lat.  falx  entspricht  nach  Walde  s.v. 
lit.  dalgis,  also  gallisch  '''dalg-is,  vgl.  irisch  delg  „Dorn",  „Tuch- 
nadel". Das  heifst  doch  ausdrücklich,  dafs  das  irische  delg,  das 
nicht  nur  „Dorn",  sondern  airch  „Tuchnadel"  bedeutet,  nur  zum 
Vergleich  herangezogen  ist;  die  Bedeutung  „Sense"  für  das  gallische 
*dalgis  ist  durch  das  litauische  und  das  lateinische  Wort  er- 
schlossen. 

Das  lat.  falx  darf  allerdings  nicht  zur  Rekonsiruktion  des 
gallischen  Wortes  herangezogen  werden.  Auch  der  Verweis  auf 
Walde  ist  ungenau,  da  Walde,  ohne  sich  für  eine  bestimmte  Etymo- 
logie des  lateinischen  Wortes  zu  binden,  die  Verbindung  mit  dem 
lit.  daTgis  als  unwahrscheinlich  erklärt.    Aber  Bruch  wie  mir   ist  es 

*  Ähnlich  auch  \u\  , Futurum'  p,  296  fF. 


E.  GAMILLSCHEG,   ZU   ZS.  4I,    S.  583.  87 

entgangen,  dafs  sich  mit  der  Erklärung  sowohl  des  lateinischen 
falx  wie  des  prov.  dalh  Nieder  mann,  Essais  d'Etymologie  et 
de  Critique  verbale  latines,  1918,  S.  17  ff.  beschäftigt.  Aus  den  auch 
für  den  Romanisten  bedeutungsvollen  Ausführungen  des  Verfassers 
ergibt  sich  für  die  Frage  nach  der  Etymologie  der  Bezeichnungen 
für  die   „Sense"  bzw.  die   „Sichel"   das  Fofgende;! 

Die  indogermanischen  Sprachen  haben  für  diese  beiden  Be- 
griffe fast  ausnahmslos  Neubildungen  von  einem  Verbalstamm,  der 
„schneiden"  bedeutet,  vgl.  S.  18.  „La  faucille  pour  les  Indo-Europeens 
etait  donc  l'instrument  qui  coupe.  II  en  est  de  meme  des  noms 
de  la  faucille  et  de  la  faux  particuliers  ä  teile  ou  teile  langue  i.-e. 
qui  se  laissent  ramener  ä  une  raciiie  verbale:  toujours  le  sens  de 
cette  racine  est  couper";  so  z.  B.  lat.  sicilis  zu  secare,  alt- 
slav.  kosa  zu  skr,  casati  usw.  Das  spricht  auch  gegen  die  von 
Bruch  wieder  aufgenomnaene  Herleitung  des  prov.  dalh  von  einem 
*daculum,  das  eine  Deminutivbildung  zu  daca  „daki-ches  Krujnm- 
schwert"   sein  soll,   vgl.  1.  c.  S.  21    „Mais   jamais   on  ne  trouve  ä  la 

base  d'un  mot   du   sens   de  faucille une   racine   signifiant 

et re  cour be". 

Niedermann  meint  nun,  dafs  das  lat.  falx  Lehnwort  aus  einem 
ligurischen  Worte  ist,  für  das  er  eine  Grundform  *dankla  er- 
schliefst, das  er  aber  im  weiteren  mit  der  prov.  Form  dalh  zu- 
sammenstellt und  auf  eine  ältere  Form  *dalklon  bzw.  *dalklri 
zurückführt.  Wieweit  diese  Etymologie  den  Forderungen  der  lateini- 
schen Grammatik  gerecht  wird,  ist  hier  nicht  zu  untersuchen.  Doch 
sei  auf  Waldes  Besprechung  in  der  Wochenschrift  für  klassische 
Philologie  1920,  S.  375  verwiesen:  „Man  wird  sich  kaum  der  Werbe- 
kraft dieser  Darlegung  entziehen  können,  wenngleich  ihr  Ergebnis 
erst  dann  gegen  alle  Zweifel  gesichert  wäre,  wenn  die  Urform 
*dalklom,  -a  auch  auf  dem  eigentlich  ligurischen  Gebiete  ge- 
funden wurde."  Dagegen  ist  es  wenig  wahrscheinlich,  dafs  das 
ligurische  Wort  unmittelbar  in  das  Galloromanische  gedrungen  wäre, 
man  müfste  denn  annehmen,  dafs  es  zunächst  in  das  Gallische,  und 
aus  diesem  mit  einer  ganzen  Serie  anderer  Bezeichnungen  der 
Landwirtschaft  als  Wortrelikt  bei  den  romanisierten  Galliern  sich 
erhalten  hätte.  Der  Übergang  einer  Grundform  *dalklo  zu  dalh 
bietet  keine  Schwieiigkeit,  wenn  man  mit  Niedermann  annimmt, 
das  dieses  zunächst  zu  daklo  dissimiliert  worden  wäre;  aber  die 
auf  dem  ganzen  Übergangsgebiet  vom  Norden  und  Süden  noch 
heute  lebende  Form  dar,  vereinzelt  auch  der,  ist  damit  ebensowenig 
vereinbar  wie  das  von  Schuchardt- Bruch  verteidigte  ''daculum. 
Denn  was  die  Kreuzung  eines  Wortes,  das  hier  die  Form  dail 
haben  müfste,  wenn  man  das  Etymon  *daculum  anerkennt,  mit 
einem  dart  „Wurfspiels",  „Pfeil",  „Stachel"  u.  ä.  betrifft,  so  wäre 
sie  zu  einer  Zeit  möglich,  als  das  von  Schuchardt-Brüch  angesetzte 
*daculum    noch    „kleine    daca"    bedeutete.     Da    aber    frz.   dard 

*  Deu  Hinweis  aui  diese  Aibeit  verdanke  ich  Kollegtn  Walde. 


88  VERMlSCHrES.       ZUR    WOKTuESCmCHTE. 

fränkisches  Lehnwort  ist,  inüfste  man  annehmen,  dafs  *daculura 
noch  zur  Zeit  der  Aufnahme  des  fränkischen  Wortes  die  Bedeutung 
„kleines  Rundschwert"  besessen  und  erst  später  die  „Sichel"  be- 
zeichnet hätte;  es  müfste  ferner  die  Bedeutung  „kleine  daca"  für 
*dacul um -</a/7  vollständig  untergegangen  sein.  Der  Ansatz  einer 
Grundform  *dacula  nimmt  also  keine  Rücksicht  auf  die  geo- 
graphische Bes.  hränkung  des  Wortes  auf  das  galloromanische  Ein- 
liufsgebiet,  die  Annahme  einer  Kreuzung  von  dalh  mit  darf  erklärt 
nicht,  dafs  die  -r-Form  gerade  auf  dem  Übergangsgebiet  zwischen 
Norden  und  Süden  zu  finden  ist.  Dazu  kommt,  dafs  selbst  die 
Existenz  des  angeblichen  Grundwortes  daca  durchaus  problematisch 
ist,  wie  man  z.  B.  aus  den  Bemerkungen  von  Baist  bei  Kluge  unter 
Degeti^  entnehmen  kann.  Ich  kann  mich  also  trotz  Bruch  nicht 
zur  Annahme  der  alten  Etymologie  Schuchardts  entschliefsen. 

Aber  auch  der  Versuch  Niedermanns,  das  auslautende  -;-  in 
der  dialektischen  Form  dar  als  sekundär  zu  erklären,  wie  in  den 
von  Gauchat,  I\]61anges  Chabaneau  S.  871  angeführten  Fällen,  ist 
nicht  haltbar,  da  eine  Form  dar  bei  dieser  Annahme  auf  einem 
älteren  da  aufbauen  müfste,  das  zwar  in  gewissen  westfrz.  Mund- 
arten aus  dail  entstehen  konnte,  nicht  aber  auf  dem  gröfsten  Teil 
des  tatsächlich  in  Betracht  kommenden  Gebietes.  Dazu  kommt, 
dafs  diese  Formen  mit  sekundär  antretendem  -r  ganz  vereinzelt  zu 
finden  sind,  nicht  auf  einem  grofsen  zusammenhängenden  Gebiet, 
wie  dies  bei  dar -der  der  Fall  ist.  So  bleibt  nichts  anderes  übrig, 
als  entweder  dar  und  dail  etymologisch  voneinander  zu  trennen, 
wozu  man  sich  bei  der  begrißiichen  Gleichheit  und  der  geographi- 
schen Aufeinanderfolge  der  beiden  Typen  nur  schwer  wird  ent- 
schliefsen können,  oder  nach  einem  Grundtj-pus  zu  suchen,  unter 
dem  sich  beide  Formen  vereinigen  lassen. 

Das  litauische  dalgis  „Sense"  wird  nun,  wie  ich  Niedeiuiann 
1.  c.  S.  23  entnehme,  von  Zupitza,  Die  germanischen  Gutturale,  S.  181 
mit  aUisl.  telgja  „tailler  en  bois"  und  mit  irisch  dlidgim  „ich  spalte" 
zusammengestellt.  Wenn  man  sich  nun  vor  Augen  hält,  was  Nieder- 
mann als  Grundprinzip  erwiesen  hat,  dafs  nämlich  die  Bezeich- 
nungen für  Sense — Sichel  auf  Verben  aufbauen,  die  „schneiden" 
bedeuten,  so  wird  die  Erschliefsung  einer  gallischen  Grundform 
"^  d  a  1  g  -  i  s ,  die  sich  zu  irisch  dluigim  verhält  wie  lateinisch  s  i  c  i  1  i  s 
zu  secare,  durchaus  nicht  so  gewalttätig  erscheinen  wie  dies  Bruch 
hinstellen  möchte,  und  die  Bedeutung  von  irisch  dcdg  „Tuchnadel'' 
wird  dann,  was  ja  als  durchaus  wahrscheinlich  erscheint,  als  die 
sekundäre  Bedeutung  anerkannt  werden  müssen.  Das  Bestehen 
der  irischen  Form  delg  ist  zwar  eine  wertvolle  Stütze  für  die  An- 
nahme einer  gallischen  Grundform  *dalgis,  an  und  für  sich  aber 
durchaus  nicht  die  Voraussetzung  dafür. 

Endlich  sei  darauf  hingewiesen,  dafs  eine  gallische  Herkunft 
für  datl-dalh  nicht  nur  durch  die  heutige  geographische  Verteilung 
der  Formen  wahrscheinlich  wird,  sondern  auch  dadurch,  dafs  eine 
ganze    Reihe    anderer    Ausdrücke    der    Landwirtschaft    im    Gallo- 


G.  DE  GREüORIO,    .  .  .    VOCABOLARIO    DIALETTALE    ITALIANO.        89 

romanischen  aus  dem  Gallischen  stammt.  Ich  erinnere  nur  an 
carruca,  vidubium,  glenare,  das  von  Jud  nachgewiesene 
*ambilatium  (Bündnerisches  Monatsblatt  iQ2i,  S.  3  ff.)  und 
manches  andere,  was  noch  zweifelhaft  ist.  Wozu  kommt,  dafs  die 
Durchforschung  des  galloromanischen  Wortschatzes  nach  den  galli- 
schen Bestandteilen  noch  in  den  Anfängen  liegt. 

E.  Gamillsche(;. 


6.    II  piü  antico  vocabolario  dialettale  italiano. 

Bene  osserva  Giuseppe  Pitre,  Saggi  di  critica  letteraria,  Palermo, 
1871,  che  "la  Sicilia  porta  a  giusta  ragione  il  vanto  di  aver  dato 
all'  Italia  non  solo  il  prinio  vocabolario  della  sua  hngua,  ma  anche 
quello  del  suo  piü  illustre  dialetto".  Pero  inesattamente  aggiunge 
che  "Niccolö  Valla  da  Girgenti  e  Lucio  Cristofaro  Scobar  da  Siracusa, 
tra  gli  anni  15166  1520,  pubblicavano  1'  uno  un  Vocabularnan  vulgare 
cum  latino,  V  altro  un  vocabolario  siciliano,  trodotto  da  quello  latino 
e  spagnuolo  di  Elio  Lebrixa".  L'  inesattezza  sta  nella  data  dell' opera 
di  Valla.  Questa,  benche  porti  annessa,  almeno  nelf  esemplare 
rarissimo,  conservalo  uella  Biblioteca  Naz.  di  Palermo,  che  ho  avuto 
sott'  occhio,  una  specie  di  grammatica  latina  di  Gaspare  Massano, 
stampata  a  Firenze  in  Febbraio  15 12,  ha  la  data  del  1500:  Im- 
pressum Florentiac  anno  Domini  MCCCCC,  dtcimo  quarto  Cal.  Junii. 
Inesalto  e  pure,  per  questo  riguardo,  cio  che  nota  Giuseppe  Mira, 
Bih'.iografia  siciliana,  Palermo,  1873,  1881,  cioe  che  Valla  sive  La 
Valle  Nicolaus  da  Girgenti  (diverso  di  Niccolo  Valla  fiorentino)  abbia 
scritto  un  Vocabulat iiim  vulgare  cum  latino,  che  sia  stato  pubblicato 
a  Firenze  sul  1514.  Dato  anche  che  1' opera  sia  staia  ristampata, 
si  sarebbe  dovuto  indicare  la  data  della  prima  edizione.  Questa 
data  giustifica  e  anzi  avvalora  T  importanza  dell'  opera  come  primo 
saggio  di  vocabolario.  Credo  opporiuno,  in  proposito,  liprodurre 
quanto  scriveva  Pitre  loc.  cit. :  -'Fabrizio  Luna  non  aveva  ancora 
raccoko  le  sue  Cinquecento  voci  toscane  dall'  Alighieri,  dal  Petrarca, 
dal  Boccaccio  e  dall'  Ariosto;  non  peranco  Alberto  Accarisio  il 
Vocabolario,  la  grammatica  e  la  ortogrofia  della  lingua  volgare,  non 
la  Fahbrica  del  vero  e  la  ricchezza  della  lingua  volgare,  sopra  il 
Boccaccio,  Francesco  Alunno.  La  stessa  Accademia  della  Crusca 
non  era  nata  ancora,  e  un  secolo  dovea  passare  pria  di  vedersenc 
messo  in  luce  il  gia  tanlo  celebre  vocabolario".  Piire  esamina  il 
vocabolario  di  Scobar,  ma  non  si  occupa  del  contenuto  di  quello 
di  Valla,  che  pare  non  aver  neanche  avuto  sott'  occhio. 

Se  ne  occupa  bensi,  ma  da  semplice  letterato,  Vincenzo  Di 
Giovanni,  Filologia  e  letteratura  siciliana  v.  III,  Nuovi  sludi,  Palermo, 
1879,  che  esatiamente  indica  la  data  del  1500  "della  P  edizione", 
e  rileva  che  si  tratta  di  un  vocabolario  piü  siciliano  e  anche 
girgenlino  che  italiano,  elencando  a  tat  fine  alcune  delle  voci  pretta- 
raente  siciliane,  o  di  forma  diversa  dalle  voci  italiane  corrispondenti. 


90  VERMISCHTES.       ZUR    WORTUESCHICHTE. 

Quando  pcro  egli,  a  dimoslrarc  clie  il  vocabolario  e  piü  girgeulino 
che  siciliano,  cita  la  voce  chiavarello.  ed  osserva  che  /  e  sostituito 
nel  girgciitino  al  (/  delle  parlate  della  Siciha  occidentale,  ptende 
Uli  grosso  abbaglio.  11  girgeniino  non  fa  questa  sostituzione  (Ctr. 
De  Gregoriü,  Saggio  di  fonelica  sicihana,  Palerrao,  1890,  pp.  116, 
117,  L.  Pirandello,  Laufe  und  Laulentivickelung  der  Mundart  von 
Girgenti,  Halle,  1891,  p.  47);  e  il  U  di  Chiavardlo  non  proviene 
da  altio  che  da  un  italianizzamenlo  di  chiar aveddu ,  del  genere  di 
lanti  altri  che  si  risconirano  r.ell'  opera  di  Valla.  Di  Giovanni  non 
csamina  foneticamente  ed  etimologicamente  le  voci  piü  caratterisüchc 
conteimte  in  essa;  e  de!  resto  per  lale  esame  egli  non  sarebbe 
slato  competente,  non  ostante  la  sua  grande  erudizione. 

Neil'  eseraplare,  che  ho  avuto  sott'  occhio,  che  ha  56  carte 
numerate,  cioc  \\2  pagine,  il  titolo  di  Vccahularmm  vulgare  etc. 
manca.  L'  opera  e  chiamata  Vallilium,  voce  che  si  ripete  iiella 
dedica-prefazione  a  Mattheo  Loysio  Falco  agrigentino  ("Accipe 
igitur  hoc  Vallihum"  etc.),  e  che  pare  sciolta  negii  elementi  vaWs 
lilia  nell'  epigrarama  al  lettore,  che  si-  trova  nella  prima  paginu. 
L'  autore  dichiara  di  avere  raccollo  "per  alphabeti  ordinem"  alcune 
vüci  piü  in  uso  nella  sua  "lingua  agrigentina",  e  di  averle  tradotte 
in  latino  ("in  agrigentinum  quaedam  ex  linguae  latinae  vocabulis, 
quippe  quae  in  frequentiori  usu  essent").  Anche  nel  corpo  del- 
r  opera  1'  autore  chiama  agrigentine  le  voci  da  lui  considerate. 
Cosi,  parlando  di  cuctuni,  che  definisce  '-gossapinura  .  .  .  sive  xilinura", 
aggiunge  che  gli  Agrigeniini  chiamauo  auche  cotone  la  bambagia 
(•'non  incongrue  et  cotonura  Agrigentini  hoc  linum  vocant"). 
Tuttavia,  voci  speciali  del  girgentino,  supposto  che  ve  ne  sieno, 
non  si  trovano  nel  Vallilium,  il  cui  materiale  e  comune  a  tutta  la 
Sicilia.  L'  autore  evidentemente  non  avea  inteso  parlare  che  i  snoi 
concittadini ;  tanto  erano  distaccati  tra  loro  i  vari  centri  abitati 
deir  isola,  e  tanta  era  la  mancanza  di  viabilita  e  di  conimerci  tra 
cssi  al  secolo  XVI!  L'  unica  partlcolaritä  del  girgentino  rispetto 
al  siciliano  comune,  o  piü  esattamente  rispetto  al  siciliano  occidentale, 
che  si  palesa  nella  forma  delle  voci  registrate  dal  Vallilium,  e  la 
risoluzione  di  Ij,  trascritto  con  gl  o  gli ;  es.  baglio,  canigla,  cuglandro, 
glomaro,  Joglo,  mogli,  che  nel  siciliano,  comiu.e  suonano:  bagghiii, 
canigghia,  cugghidnna7  u,  ghiömviaru,  j'^gghiii,  »logghi,  come  registrano 
i  dizionari  moderni. 

Le  ragioni  dell'  opera  sono  indicate  dallo  stesso  autore: 
facilitazione  per  gli  Agrigentini  ad  apprendere  il  latino  senza  il 
tramite  dell'  italiano  ("quia  lingua  nostra  agrigentina  aliquantumtisper 
dissonat  a  thusca  ....  illi  giovanni  nos  ioanni  dicimus.  ubi  ciu 
nos  cha  et  piaza  nos  chaza  profcrinius") ;  illustrazione  del  dialetto 
materno,  che,  scbbene  ai  parlarti  toscani  paia  un  p6  "ridicolo", 
c  in  fin  dei  conti  la  "lingua  del  granaio  d'  Italia,  ove  fiorirono 
gl'  illustri  Empedocle  agrigentino,  Teocrito  siracusano,  Gorgia 
leontino  e  altri".  A  questo  secondo  intento  dell'  autore  si  aggiunge 
ar.che    un    intento    che    potrebbe    dirsi    dottrinario    o    scientifico, 


G.  DE  GREGORIO,    .  .      VOCAUOLARIO    UIALEITALE   ITALIANO.       9I 

s'  intende  in  rapporto  al  tetnpo,  in  cui  egli  sciiveva.  Spesso  infatti 
alle  definizioni  delle  voci  egli  aggiunge  1'  origine  di  esse,  secondo 
il  suo  modo  di  vedere,  che  naturalmente  oggi  ci  fa  sorridere.  Cosi 
scrive:  '^hernia  saxa  a  Sabinorura  lingua  tractum  qui  saxum  Iberniam 
vocant";  Dcus  a  dando  dicitur  quod  hominibus  dat  quicquid  coni- 
modum  est";  ''■virgo  ab  aetate  viridiore  dicitur";  "tc/j  -adis  a 
vadari  quod  est  fide  iubere";  '■'■  ?nustarda  dicitur  eo  quod  ardel 
ex  musto  confecta  et  sinapi";  '"'■strena  a  strenuis  idest  nobilibus 
liomiiiibus  qui  in  suo  natali  multa  largiebantur".  (V.  pure  appresso 
le  voci  Palermo,  puclana.) 

D'  altro  lato  il  Valliliutu  talvolla,  benche  rararaente,  registra 
voci  o  modi  di  dire  toscani  con  la  traduzione  latina  o  siciliana,  o 
con  rimandi  a  voci  siciliane :  luglo  hie  Julius,  questo  ho  facto  secondo 
/nie  forze  proviribus ,  refe  hoc  licium,  so  certo  certo  scio  melusquam, 
hambagia  vide  cucluni,  tavola  tabula,  bichiere  vide  goctu^  calcestruzzo 
vide  bactumatu,  caprecto  vide  chavarello,  civecta  vide  cucca,  donnola  vide 
pilloctula,  lucciola  vide  candiJeri,  moccichino  vide  buccatori.  Appunto 
per  rendere  il  siciliano  piü  compensibile  ai  Toscani,  Valla  fa 
qualche  italianizzaracnto;  per  es.  scrive  con  o  la  finale  dei  nomi 
in  //,  che  pero  a  dir  vero  non  e  un  //  molto  chiuso  anche  nella 
pronunzia.  Secondo  la  invaisa  grafia  spagnuola  egli  rappresenta 
il  c  con  lo  eh.  Opportuno  rai  Sf-mbra  anche  di  avvertire  che  nel 
Vallilium  T  ordine  alfabetico  nella  registrazione  delle  voci  non  e 
esattamente  seguito ;  il  genere  dei  nomi  e  indicato  col  pronome 
hie,  haec,  hoc,  e  cosi  pol  pl.;  il  carattere  corsivo  non  e  usato ;  la 
interpunzione  si  fa  col  punto  o  coi  due  punti,  giammai  con  la 
virgola. 

lUustrero  ora  qualche  voce  particolare,  che  oftra  Interesse  etimo- 
logico,  o  sodisfi  qualche  curiositä  archeologica. 

agresto  'hoc  omphatium.  tii'.  Oggi  esiste  1'  aggeltivo,  nia  il 
toscano  ha  il  sostantivo  p.  es.  nel  modo  proverbiale  'bere  il  vino 
in   agresto'. 

alosa  'hie  lupus'.  L"  sinonimo  di  laccia,  perche  a  cjuesta  voce 
il  Vallilium  rimanda  ad  alosa.  Pasqualino  Vocabol.  sieil.  etim.  registra: 
alosa  'sorta  di  pesce  di  fiume,  laccia,  cheppia,  clupea,  alosa,  thrisa'. 
Traina,  Vocabolarielto  delle  voci  sie.  dissiinili  dalk  it.,  rimanda  alosa 
ad  alaeeia.     Anche  1'  it.  e  lo  sp.  hanno  alosa,  cheppia,  laccia. 

bactumatu  'ostrealum  dicitur  et  albarium  lo  imbianchato". 
Oggi  abb.amo  ammattnmaiu.  Scobar  reca  imbactumai  i.  In  Studi 
glottologici  italiani  I  7  pensavo  all'  etimo  ad  bituminare,  nia  la 
süstanza  oleosa,  bitumen,  non  puo  aver  da  fare  con  il  composlo 
di  ghiaia  e  calcina,  os.-^ia  col  calcestruzzo,  sie.  mattumi.  Inclino 
all'  etimo  batto  per  battuo,  da  cui  il  sostantivo  battumi.  Pel 
cangiamento  di  b  in  m  abbiansi:  eannamu,  jnnmu,  muccuni  (De 
Gregorio  Saggio  di  fontlica  sieil.  §54).  Semanticamente  ci  troviamo 
a  posto,  poiche  ammattumatu  si  dice  di  calcestruzzo  battuto,  corapresso 
per  di\enire  piu  dnro  e  consistento.  Bacla-e  'vetbero'  e  anche 
registrato  da  Valla. 


92  VERMISCHTES.      ZUR    WORTGESCHICHTE. 

biccaria  'hoc  macellum'.  Manca  in  Scobar,  e  sembra  influenzato 
dair  it.  bcccluria,  se  non  6  un  derivato  di  beccu.  All'  epoca  di 
Valla  esistevano  speciali  niacelli  da  p^core,  slando  aüa  spiegazione 
di  biccaria,  da  lui  data:  "quod  pecora  ibi  raactentur,  unde  raacellarius 
vel  lanus  qui  in  macello  laniat  pecora".  Oggi  si  ha  la  forma  vitc- 
ciria,  pure  registrata  da  Valla,  da  vucceri,  macellaio,  imprestato  dal 
fr.  boucher,  dal  frank,  bukk,  Meyer-Lübke  REW  1378. 

bruchiere  'hie  clypeus.  ei.  cujus  media  rotunda  pars  hie  utnbo. 
nis.  diciiur'.  Per  1'  etimo  v.  St.  gl.  it.  VII  lOQ.  Ivi  avvertivo  che 
brucchieri  oggi  indica  chi  tra'  mietitori  sta  a  sinistra.  II  signiticato 
di  'scudo'  che  avea  la  voce  al  1500  convalida  la  mia  affermazione, 
perche  lo  scudo  si  teneva  con  la  sinistra. 

buffa  'sive  bocta'  e  registrato  assieme  a  bofja  'sive  gotata, 
alapa'.     Oggi  esiste  quest'  ultima  forma,   per   cui  v.  St.  gl.  it.  I  Qi. 

cassata  'specie  di  torta  fatta  di  ricotta,  raddolcita  di  zuccheo 
con  rinvolto  di  pasta  anch'  essa  raddolcita  e  fatta  in  forma  ritonda', 
Pasqualino,  che  inclina  all'etimo  caseus  'perche  ve  ne  sono  [cioe 
di  cassate]  fatle  anche  di  caciocavallo.  In  Saggio  etimologico-voci 
arabe  di  derivazioiic  etc.  Palermo,  IQ07  G.  M.  Calvaruso  trae  la  voce 
dair  ar.  qasctah,  crema  di  latte,  repudiando  1'  etimo  qascat, 
scodella  grande  e  profonda  (De  Gregorio  e  Seybold,  Glossario  delle 
voci  siciliane  di  origine  araba,  in  St.  glottol.  it.  III).  Ma  Valla  reca: 
.cassata  'haec  artocrea.  ae.  tor.  e  pane  et  carne  fieri  die.';  la  quäle 
definizione  distrugge  l'  etimologia  di  Calvaruso,  ed  avvalora  la  mia, 
che  e  pure  di  M.  Amari.  Fu  la  scodella,  in  cui  si  appareechia  la 
vivanda,  e  la  sua  forma,  che  dettero  nome  alla  vivanda,  non  il 
contenuto  di  crema  di  latte,  che  s'  impiega  modernamente. 

catapani  'hie  edilis'.  Su  catapanu  avevo  in  St.  gl.  it.  VII  389 
addidato  un  etimo  arabico,  ehe  non  e  stato  accettato  da  Rene  Basset, 
Revue  africaine  a.  1920  fasc.  2.  La  voce  sembra  essere  la  stessa 
del  fr.  catepan  (derivato  non  da  x«r«  jiav,  come  credeva  Guglielrao 
da  Puglia,  ma  da  ytara  lnävm)  alto  funzionario,  che  sostilu'i 
neir  Italia  greca  lo  Stratege  di  Lombardia.  In  Sieilia  con  catapanu 
si  designava  1'  ufficiale  dell'  annona,  e  dal  1300  quello  incaricato 
dei  pesi  e  delle  misure. 

cozo  'sive  cicoctula  hoc  occiput'.  II  sie.  cozzu,  nuca,  e  dal 
REW  201  attribuito  a  *cocia  [o  piuttosto  si  direbbe  cocium] 
assieme  a  tante  altre  voci  di  vari  dialetti  e  di  ben  diverso  signi- 
ficato;  lanto  che  sembrano  opportuni  studi  ulteriori  su  di  esse.  II 
cicoctula  poi  e  anche  meno  chiaro;  pare  una  forma  capricciosa  o 
burlesca  svoltasi  dalla  stessa  voce  cozzu  (cfr.  ciricöppula  di  fronte  a 
cöpptdd). 

cuchuvia  'haec  alauda'.  Traina  rimanda  cucciuvia  a  cucucciuta, 
cappellaeeia,  allodola  capelluta.  Egli  trae  questa  voce  da  cucucciu 
colrao,  apice,  o  dallo  sp.  cucujada;  ma  si  iratta  di  due  voci  dif- 
ferenti.  Cucciuvia  e  il  fr.  cochtvis  (di  origine  incerta  secondo  il 
Dict.  gen)  come  ben  notava  Gioeni,  Saggio  di  etrmologie  sie,  che 
pero  credeva   fosse  peculiare  di  Carini  (mentre  il  Vallilium  ci  dicc 


G.  DE  GREGORIO,    .  .  .    VOCAROLARIO    DIALETTALE    ITALIANO.       93 

che  h  pure  di  Girgenti),  e  che  egli  considera  assieme  a  cucucciula. 
Questa  voce,  che  e  propria  di  Palermo,  ma  si  trovera  anche  altrove, 
ha  sicura  origii;e  da  cuciicciit ,  colmo,  parte  di  cio  che  riempre  im 
vaso  e  rimane  sopra  la  bocca  di  esso,  Pasqualino  op.  cit.  ad- 
diterebbe  l'  etimo  strano  ebr.  quz;  ina  stmbra  bene  si  possa 
partire  da  cocceus,  della  famigh'a  di  cocca  (Körting,  Lat.  et.  Wör/b.22^), 
poiche  la  forma  di  una  elevazione  convessa  deve  avere  richiamato 
alla  meiite  la  'conchigha'.  A  Messina  ho  inteso  chiamare  cucug- 
ghiaia  1'  uccello  da  noi  detto  aicucciata ;  e  questo  cucugghiata  va 
con  lo  sp.  cocujada,  catal.  cucullada,  fr.  coquiilade,  pr.  coouqiiiado, 
che  Gioeni  traeva  da  cucullus. 

drugula  'vide  riavetta'.  E'  voce  spenta,  essende  oggi  sostituita 
da  navetta,  spola.     Pare  venga  da  trochulus,  iroitola. 

dummo  'hie  dumus.  mi.  unde  dnmela  loca  plena  dumis 
frondesque  dumorum  palmae  appellantar  quibus  Mazaria  Siciliae 
abundat'.  L'  it.  letterario  ha  dummo,  che  e  il  lat.  dumus.  Nallino, 
L  aralo  parlato  in  Egilto,  Milane,  igoo,  p.  246  registrerebbe  1'  ar. 
döma  per  la  "palma  du/n,  Crucifera  thebaica  Delil'". 

falaguto  'sive  fiuto.  tibia'.  E'  una  forma  del  sie.  frautu  it. 
flauto  con  anaptissi  tra  f  Q  l.  Per  fJauto  da  *flauta,  d'  ignota 
origine,  cfr.  REW  3360. 

fucuruna  'haec  testudo'.  E'  forma  metatetica  di  cufuruna, 
testuggine.     Per  1'  etimo  v.  St.  gl.  it.  VII  408. 

gassira  'matta  sioria'.  Oggi  comunemente  gassina,  per  anafonia 
con  le  multe  voci  in  -ina.  L'  etimo,  ar  hasira,  e  stato  giä  da 
me  indic  ato  in  St.  gl.  it.  VII  2,2)i- 

gidito  'sive  dito  hoc  digitus'.  Questa  forma  conferma  lurainosa- 
mente  la  metatesi  tra  le  sillabe  di  e  gi,  che  giä.  indicai  (De  Gregorio 
Saggio  di  fonetica  sicil.  p.  125)  spiegando  il  moderno  iritti. 

lacherca  'haec  indago'.  Valla  non  si  accorge  che  la  e  1'  articolo; 
cherca,  che  suona  cerca,  e  sostantivo  deverbale  da  circari. 

lavizo  'hie  lebes  -tis.  vas  est  aeneum  coquinariura.  significat 
etiam  vas  ex  quo  aqua  cadit  dum  manus  obluuntur'.  II  moderno 
sie.  ha  pure,  secondo  Traina,  lavizzu,  it.  laveggio,  vaso  per  cuocere 
le  vivande,  da  un  "^ lebeticum  o  *Iebetium,  secondo  Körting 
op.  cit.  5496.  II  secondo  dei  significati  indicati  da  Valla  m'  induce 
a  scariare  questo  etimo,  che  del  resto  e  stato  scartato  anche  dal 
REW,  che  reca  soltanto  lebes,  a  cui  attribuisce  il  molfeit,  wiepete. 
A  me  pare  si  debba  ammettere  un  *lavitium  (da  lavare',  cfr.  it. 
lavatoio,  lavattira  etc.). 

livato  'sive  lievito  hoc  fermentum.  Körting  stabilisce  *levitus 
(per  Uvatus),  il  REW  levitum.  La  voce  dell'  asic.  conferma  la 
genealogia  della  base  postulata  dui  riflessi  roraanzi,  che  parte  da 
levare  innalzare. 

lumia  'vide  melangola'.  Non  ha  riscontro  nell'  italiano,  o 
almeno  nel  toscano,  perch^  il  frutlo  co^l  designato  (di  cui  la 
buccia  soavissima,  simile  a  quella  del  bergamotto,  credo  serva  per 
la   faraosa  acqua  di  Colonia)    si   coltiva   in  Sicilia.     E'  senza  meno 


94  VEKMISCII.IES.       7.UR    WORTGESCHICHTE. 

una  forma  derivata  da  lumiinii,  coii  la  soppressione  delle  sillabe 
linali-//;//  che  aveano  1'  apparenza  di  suff.  Superlative,  mentrc  invece 
appentengono  al  radicalo  cfr.  St.  gl.  it,  III  23g. 

mantia  'vide  strina'.  Oggi  non  esiste  questa  voce,  ed  anclie 
s/rina,  che  Traina  definisce  K/>ifam'a,  h  orraai  i'uori  uso  cfr.  S'/.  ir/. 
it.  VII  737. 

massaria  'haec  niessis,  et  dicitur  ([iiando  est  niatura.  sed 
quando  est  hctba  dicitur  seges.  tempore  vero  sementis  dicitur 
satio'.  Fondandomi  sul  significato  odierno  di  vtassaria  fattoria, 
podere  grande,  ne  attribuivo  1'  etimo  a  massa,  St.  gl.  iL  1  362. 
II  significato  antico  pare  conduca  invece  a  un  derivaio  di  messis, 
a  cui  forse  anche  potranno  attribuirsi  diverse  voci  romanze  analoghe 
alla  siciliana.  Notevole  1'  aggetlivo  massaru  nel  senso  di  svelto, 
attivo,  che  potrebbe  conciliarsi  con  1'  etimo  ora  indicato,  in  cio 
che    chi  fa  la  messe  e  un  soggetto  operoso,    produttivo,    fecondo. 

Palermo  'hoc  panormum.  mi.  Siciliae  felicissima  civitas.  Dicitur 
autem  ab  aplico  et  hornus  .i.  pars  portus  in  quem  naves  applicant. 
hac  de  causa  antiqui  panhormium  dixcrunt'.  Tra  le  etimologie 
proposte  per  Palermo,  sebbene  la  piü  comune  parta  da  Panormus, 
riproduco  codesta  de  Valia,  il  quäle,  sebbene  vissuto  in  tercpi,  in 
cui  non  era  sorta  la  glottologia,  pare  abbia  intuito  la  difficoitä  di 
spiegare  -le-  dal  -no-  di  Panormus.  Vedi  la  mia  etimologia  in 
base  a  üralcdoi  e  oofiog,  da  cui  '''pahormo  e  in  fine  palermo  in 
St.  gl.  it.  Vll  528^ 

papiro  'vedi  mechiu':  mechiti  'sine  papiro  di  lucherna  hoc 
elichinium  ii.  fit  ex  stuppa  sive  gossapino  Juni'.  Dal  fatto  che  il 
moccolo  si  chiamava  anche  papiro  al  15CO  si  deduce  che  pria 
della  stoppia  e  della  bambagia  si  adoperasse  il  papiro  per  moccolo, 
poiche  in  Sicilia  questa  pianta  vegeta  benissimo,  nei  luoghi  paludosi, 
e  vi  e  una  contrada  di  Palermo  ancor  chiamata  Papireto.  Per 
r  etimologia  di  mccciu  v.  St.  gl.  it.  VII  502. 

patitu  'vide  zocculi'.  Pasqualino  ha:  patitn  calzare  simile  alla 
pianella  coUa  pianta  di  legno.  Traina :  paiiiu  s.  m.  zoccolo.  I 
dizionari  latini  non  recano  il  supino  di  pateo ;  ma  'cosa  che  sta 
aperta'  sarebbe  un  senso  conveniente  al  sie.  patitu,  per  quanto  non 
sia  sicuro  di  assumere  quella  voce  come  etimo. 

plegio  'hie  vas.  dis'  malleveria.  Traina  ha  pleggiu  e  pleju 
pegno.  E'  il  germ.  plegjan,  REW  6592,  venutoci  per  la  tratila 
del  fr.  pleige,  dall'  afr.  plevir. 

pictinale  'hoc  faemur'.  La  voce  manca  in  Traina,  nia  Pasqua- 
lino reca:  piititiali  quella  parte  del  corpo  che  e  tra  la  pancia  e  le 
parti  vergogiiose.     Egii  trae  la  voce  da  pecten. 

pinneri  'hoc  pennarium'.  E'  voce  di  etimo  ovvio,  perche  e 
un  derivato  di  pinna,  penna;  ma  e  interessante,  dal  lato  archeo- 
logico,  perche  designava  1'  astuccio  in  cui  si  riponevano  le  penne 
di  oca  da  scrivere,  che  ora  soltanto  ricorda  qualche  persona  di 
eta   raolto  avanzata.     I  dizionari  moderni    non   registrano    la  voce. 


G.  DE  GREGORIO,    .  .  .    VOCABOLARTO    DIALF.TTALE    ITALIANO.        Q5 

Pasqualino  ha  pero:  pinnahni,  strumento  da  tenervi  dentro  le 
penne  da  scrivere. 

pinturi  'hie  pictor'.  Pasqualino  legistra  piiüura  per  pi fluni, 
ma  non  pinturi.  Spatatbra  ha  pintari  per  pinciri.  Piniuri,  come  il 
fr.  peintre  e  lo  sp.  port,  pifiior,  nchiede  la  base  pinctor,  che  va 
aggiunta  ne\  REW.  Ivi  e  anche  omesso  il  classico  pictor,  mentre 
si  registra  pictare,  pictura  elc. 

pipione  'pulhi  a  pullulo.  sunt  etiam  pulIi  equarum,  asinarura. 
galiinarum  et  huiusinodi".  Pare  dunque  che  picciuni,  che  oggi 
soltanto  vale  'giovane  colombo',  significasse  anticaraente  anche 
'polledro'  e  'pollo". 

podisa  *haec  apoca'.  Pasqualino  scrive:  podisa  schaedula, 
Sc.  V.  polisa.  E"  una  forma  iraportante  perche,  col  prov.  podiza, 
rischiara  1'  etimo  delF  it.  polizza,  sie.  pölisa,  fr.  poIice,  catal.  polissa, 
sp.  poliza.  Scheler  (Anhang  a.  Et.  Wörtb.  v.  Fr.  Diez)  seguito  da 
Körting,  partiva  dallo  stranissimo  polyphichum  che  il  REW 
giustamente  ha  radiato,  ammettendo,  con  Gaston  Paris,  RX  620, 
r  etinio  djr6^^ic.LQ,  dimostrazione.  Questo  etimo,  pria  che  da  altri, 
era  stato  scoperto  dal  nostro  Michele  Pasqualino. 

priuaxe  *et  pl'r  ntö  he  latrinae  et  haec  cloaca'.  Pasqualino 
registra:  privaxa  aquaia,  privaxa  publica  cloaca,  Scobar:  priva.xa 
V.  biddaca,  Traina:  privoscia,  fogna  privata.  Anche  il  napolitano 
ha  prevasa  luogo  comodo,  cesso,  e  1'  ant.  fr.  privaise  cesso,  che 
dal  REW  6760  e  attribuito  a  *privatia. 

puctana  'raeretrix'.  Ai  nostri  giorni  fa  meraviglia  di  leggere 
nello  scritto  di  un  canonico,  quäle  era  Valla,  la  etimologia  realistica 
e  salace,  data  alla  voce  ineretrix  *a  mereo  eo  quod  cunno  meret 
prelium'. 

rabba  'hie  commeatus.  significat  annonam  et  locum  in  quo 
annona  custoditur  ac  facultatem  habeundi  livi  [sie]  magna  pars 
sive  commeatus  dilabcatur'.  Pasqualino,  riferendosi  a  Vinci,  scrive: 
^  rabba  in  Regni  pragmalicis  sunt  duae  sanctiones  pro  rabba 
frumenti.  Vox  erit.  ab  hebr.  rabbah  muUiplicavit,  quod  sit  in- 
stituta  haec  rabba  pro  peculio  frumentario  pauperum  ut  multi- 
plicetur,  seu  ut  vulgo  diciraus  pri  fari  colonna  vel  ab  alia  radice 
rabac  impinguavit'  etc.  Sarebbe  dunque  cio  che  oggi  si  dice 
'moiite  frumentario'.  Siccome  la  voce  denota  anche  il  luogo  ove 
si  deposita  il  frumento  pei  poveri,  sembra  possibile  che  l'  etimo 
sia  r  ar.  rabad  villaggio. 

sangeri  'hie  apexabo  is  inteslinum  est  sanguine  f)lenura  ad- 
uiixto  pingui'.  Traina  ha  sanceli  e  satigt/i.  In  Sf.  g/.  it.  I  50Q 
indicavo  1'  etimo  pensato  da  Gioeni,  sanguis  e  gelu.  Non  credo 
la  forma  con  -;-  registrata  da  Valla  piü  autentica  di  quella  con 
-/-  data  anche  da  Scobar,  e  spiego  il  dileguo  della  sillaba  finale 
di  sanguis,  supponendo  la  trafila  del  fr.  sang;  il  fr.  gel/,  sncco 
animale  o  vegetale  concentrato,  pote  subiro  lo  spostamento  c\f\- 
V  accento. 


gÖ  VERMISCHTES.       ZUR    WOkTGl  SCHICHTE. 

sapa  'haec  sapa  et  lioc  defrutum'.  Manca  ai  dizionari  moderni. 
E'  ovviainente  il  lat.  sapa,  it,  sapa,  mosto  cotto  e  rassodato  nel 
bollire.     REVV  7585. 

sartagina  'sartago  patella  in  qua  caro  fiigitur  a  graece  sarxim 
latine  frixorium  dicitur'.  Pasqualino  dA  sarlama  come  esistente  a 
Messina,  e  Tiaina  registra  questa  voce  che  e  entrata  cosi  nel 
REW  7613. 

scaphio  'hoc  scaphium  vas  est  ad  cacandum'.  Non  ho  mai 
inteso  questa  voce;  la  grafia  ph  peryfarebbe  pensare  a  un  hatinismo. 

schifuni  'sandaHum'.  Oggi  non  esiste;  pare  un  derivato  dcl 
gr.  üxdg)?],  come  schifazzu,  specie  di  grande  barca. 

spinga  'sive  spillo  hacc  armilla'.  Parrebbe,  ma  non  e,  piu 
genuino  ciel  moderne  sie.  spingula  (corregi  spinula  in  7?^?  PF  8154), 
dato  che  la  base  sia  spinula,  REW  8154,  una  forma  diminutiva 
di  sphia,  che  a  dir  vero  ci  saremmo  aspettati  trovare  nei  classici. 
Tutiavia  "zu  spinula  bemerkt  Ducange  aus  Tacit.  Germ.  c.  17: 
tegmen  omnibus  sagura  fibula  aut,  si  desit,  Spina  consertum",  Diez 
Et.  W.  303. 

tabella  'da  scrivere  haec  pugillar'.  Pare  che  all'  epoca  di 
Valla  si  u^assero  ancora  tavolette  per  uso  di  scrivere,  come  presse 
i  Romani,    le   quali   potcano   posarsi   suUe  ginocchia  stando  seduti. 

tafaria  'lanx'.    Ha  origine  arabica.    Cfr.  St.  gl.  it.  75g. 

totuca  'tuiiica  .cae.  sunt  sine  manicis  tmiicae  et  cum  manicis 
quae  magis  foeminis  conveniunt'.  E'  voce  oscura;  ma  il  -luca 
sembra  il  fr.  tous  cas,  e  forse  il  to-  poträ  essere  un  resto  di  tonaca. 
In  altri  termini  tonaca  si  sarebbe  incrociato  e  fuso  con  tous  cas. 

truglio  'vidc  kecco'.  Oggi  trugghiu  vale  grassotto.  Forse  il 
senso  di  keccu,  balbuziente,  non  sara  originario.  Pare  dipenda  da 
trulleus,  vaso  grosso,  panciuio,  e  che  sia  usato  metaforicamente. 
V.  St.  gl.  it.  I  569. 

tuchiena  'sive  murello  hoc  sedile'.  Questa  forma  dell'  ant. 
sie.  mi  fa  iiicliiiare  all'  etimo  ar.  doccanat,  banco  di  pietra,  che 
per  la  forma  piii  comune  jitlena  si  presta  poco,  cfr.  St.  gl.  it. 
VJI  220,  poiche  questa  dipende  da  jit/ari,  da  ejectare.  Dovra 
riconoscersi  un  incrocio  arabo  latino. 

vichico  'sive  miscerobba  hoc  gluturnium.  nii.  eo  quod  guttatim 
fluat'. 

xisca  'hoc  multrale  vas  est  quo  lac  colligitur'.  Traina  ha: 
cisca,   secchio   entro   cui   si  munge.     Per  1' etimo  v.  St.  gl.  it.  l  144. 

ziru  'vide  iarra'.  I  dizionari  moderni  rccano  t.ziru,  che  ha 
il  ;/  prostetico.  L'  it.  ha  ziro,  attribuito  con  dubbio  da  Körting  8635 
a  seria;  sotto  tale  base  perö  il  REW  "^^^b  non  mette  la  voce 
italiama,  ma  mette  sohanto  il  terara.  sire.  II  vero  si  e  che  1'  it. 
ziro  ha  origine  arabica,  come  il  sie.  nzirti,  nziriitii,  sardo  ziru  etc.; 
di  che  si  cra  anche  accorto  Caix,  Sludi  di  etim.  it.  e  rom.  662. 
L'  etimo,  che  dovrä  aggiungersi  nel  REW,  e  1'  ar.  zir,  magnum 
vas.  Crf.  De  Gregorio  e  Seybold,  Voci  sicil.  di  origine  arabica  in 
St.  gl.  it.  III  243.  GiACOMO  DR  Gregorio. 


SEGL,    SPANISCHE    ETYMOLOGIEN.  97 

7.    Spanische  Etymologien. 

1.  alpafiata  „Glätteleder  der  Töpfer",  ,.pedazo  de  cordoban 
de  que  se  sirven  los  alfareros  para  suavizar  las  piezas  de  barro 
antes  de  cocerlas". 

Herleitung  von  pano^  die  einzige,  die  ich  vorfand  (Akad.), 
kann  nicht  genügen,  da  sie  das  /  nicht  erklärt,  dann  aber  auch, 
weil,  brächte  alpafiata  wirklich  den  Stoff  des  Glätte\verkzeu,G;s  zum 
Ausdruck,  für  „Leder"   nicht  gut  ., Tuchstück"   eintreten  konnte. 

Die  Etymologie  des  Wortes  ergibt  sich  indes  unschwer,  wenn 
wir  vom  Stoff  dieses  Werkzeuges  auf  den  ihm  obliegenden  "Zweck 
das  Augenmerk  richten.  Wir  finden  dann,  dafs  eine  Ableitung 
von  lt.  planus  zugrunde  liegt,  ein  *ad-planeata,  das  über  umgestelltes 
*alpaneala  zu  alpanata  wurde. 

Metathese  ist  bei  spanischen  Wörtern,  wenn  /  im  Spiele  ist, 
ja  häufig.  Überdies  ist  bei  unserem  Worte  annähernd  auch  die 
Form  ohne  Metathese  aufzuzeigen,  nämlich  aplanador  ..Polier stahl 
(der  Goldschmiede)".     Vgl.  Zauner,  Altsp.  El.-B.  §  77. 

Ausgehend  von  der  Annahme,  dafs  wohl  kein  Fall  von  Meta- 
these aus  einem  Ungefähr  zustande  kam,  kann  für  alpafiata  nach- 
helfende Anlehnung  an  pailo  gern  zugegeben  werden.  Denn  nach- 
drücklich ist  auf  die  Rolle  hinzuweisen,  die  der  Tuchiappen  bei 
der  Glätte-  und  Glanzerzeugung  spielt.  Besonders  in  romanischen 
Ländern,  wo  ihn  als  Hauptwerkzeug  der  zudringlichen  jugendlichen 
lustradores  wohl  jeder  Reisende  kennen  gelernt  hat. 

Besprechung  erfordert  noch  das  dem  Sinn  unseres  Wortes 
nicht  entgegenkommende  (übrigens  ziemlich  seltene)  Suffix  -aia, 
wofür  man  ja  'ador  erwartete.  Aber  in  den  Seitenslücken  hravata 
„Trotzbieten",  cahalgata  „Reitergesellschaft",  caminata  „Fufswande- 
rung",  repasata  „Wischer"  haben  wir  Dcverbalia,  die  den  gleichen 
Übergang  in  die  aktive  Bedeutung  ersehen  lassen. 

2.  brecho   „grünlicher  Breitzahn,  Papageienfisch". 

Dieses  Wort  buchen  die  eigentlichen  spanischen  Wörterbücher 
(soweit  mir  zugänglich)  nicht;  auch  fand  ich  keine  Herlditung  des- 
selben. 

Da  die  Naturgeschichte  lehrt,  dafs  die  in  Rede  stehende  Gat- 
tung Fische  „prächtig  gelärbte  Küstenfische  der  gemäfsigten  und 
heifsen  Zone  umfafst,  von  grünem  oder  goldigem  Glänze",  so  wird 
folgende  Ansetzung  wohl  richtig  sein:  {pez)  brecho  -<  [pisce-]  *bracten-\ 
dieses  Adjektiv  ist  abgeleitet  von  lt.  hractea,  der  Nebenform  von 
hrattea  „dünnes  Metallplättchen,  Flitterstaat"  (vgl.  z.  B.  span.  lechön 
<  "^lacteone-). 

3.  carapacho  „Muschelschale,  Schale,  Rückenschild,  -panzer 
der  Schildkröten",    „concha  de  los  cangrejos  y  tortugas". 

Von  Etymologien  finde  ich  eine  Zurückfährung  des  Wortes 
auf  \\.  carahis  (Akad.),  die  ich  übergehe;  dann  aber  bei  Monlau: 
„Se  ha  insinuado  si  podria  ser  una  transposicion  de  caparaz6n\   y 

Zeitschr.  f.  rom.  Phil.  XLU.  7 


98  VERMISCH  i'ES.       ZUR    WORTGESCHICHTE. 

tambien  apunta  Littre  una  derivaci(m  del  catalan  carabassa,  que  es 
castellano  calahaza.  Ni  es  notoria  la  primera  conjetura,  ni  aceptable 
la  segunda." 

Und  doch  liegt  in  der  ersten  Konjektur,  das  Wort  möclite 
eine  Un^istellung  sein,  die  Wahrheit !  Zwar  nicht  gerade  UmsteHung 
aus  caparazön ,  wohl  aber  aus  einem  *caparacho.  Dafür  haben  wir 
eine  gute  Stütze,  indem  nämlich  auch  carapuza  „kapuzenartige 
Mütze"  Umstellung"  aus  bedeutungsgleichem  caperuza  ist,  wie  über- 
haupt Umstellungin  dieser  Art  im  Span,  recht  häufig  sind,  vgl. 
caramanchön  >  camaranchön,  caramiila  >  camarifia. 

So  wäre  also  carapacho  eine  Ableitung  von  capa  und  seine 
Grundbedeutung  „Deckmantel".  Auch  wir  sprechen  in  gleichem 
Sinne    von    einem   „Hund    mit  schwarzer  Decke".     Dafs    aber   den 

Spanier    gerade    der    Begriff    Decke 
leitete,  als  er  für  die  Schutzwehr  obiger 
Tiere  das  Wort  *caparacho  prägte,  be- 
zeugt sehr    gut    das    Wort   encubertado 
..sechsgürteliges    Panzertier",   das  eine 
Ableitung     von     enaibrir     „zudecken" 
ist.      Und    es    fällt    jedem    Betrachter    (auch    nur    der    Abbildung) 
eines    solchen    Gürteltieres    die    Formähnlichkeit    mit    der    Schild- 
kröte auf. 

Auch  bei  carapacho  kann  man  um  den  Grund  der  Metathese 
aus  *caparacho  fragen.  Ob  hier  Einwirkung  vorliegt  von  Wörtern 
wie  carei  „Schildkrött-(nschale)",  caret  „Art  amerik.  Seeschildkröte"  ? 
Oder  von   careta   „Maske,  Larve"?  — 

Bei  Rodriguez-Navas  (Campano)  finde  ich  auch  ein  garapac/io, 
mit  galdpago,  also  „Schildkröte",  erklärt.  Dieses  Wort  erscheint 
mir  bedeutsam,  weil  es  mir  wie  eine  Überleitung  und  Schlüssel  zur 
Aufhellung  für  das  bis  jetzt  als  dunkel  geltende  Wort  galdpago 
dünkt.  Könnte  es  nämlich  herrühren  aus  einem  (animal)  *cappa-r- 
äcu-  „Manteltier"  (unter  Metathese  und  Dissimilation  von  r  "^  l 
und  Wandel  von  c  '^  g  [vgl.  si-abafili)  ^  '^carapäcu  >  ^calapacu-  >> 
galdpago  ? 

4.  carlear  „keuchen". 

Aufser  unbrauchbaren  Etymologien  spanischer  Autoren  fand 
ich  keine  Herleitung.  Doch  wird  folgende  etymologische  Gleichung 
wohl  Billigung  finden:  sy>^x\.  carlear  <^  '^talorare  (von  \i.  calor)  = 
span.  corltar  <  ^colorare.  Vgl.  M.-L.,  Rom,  Et.  Wb.  2057.  In  er- 
hitztem Zustand  sein  und  keuchen  sind  nach  körperlichen  An- 
strengungen häufig  gleichzeitige  Folgeerscheinungen. 

5.  Sp.,  ptg.  c asama t a,  it.  casamatla,  frz.  casemak. 

Für  eine  künftige  Aufhellung  der  noch  strittigen  Herkunft  des 
zweiten  Teils  dieses  Wortes  ist  vielleicht  der  Hinweis  nützlich,  dafs 
dieser  Teil  auch  enthalten  ist  in :  carromaio  span. :  „niedriger  zwei- 
rädriger Karren,  Kärrnerkarren";  ptg.:  „Laufkarren,  Transporiwagen, 
Kanonensattelwagen".    Nim  besitzt  aber  carromaio  selbst  wieder  ein 


SEGL,    SPANISCHE    ETYMOLOGIEX.  QQ 

Gegenstück  in  dem  der  militärischen  Sprache  angehörigen  carro- 
fiterte  „Stückwagen"  (vgl.  Langenscheidt,  Tasch.-Wb.),  -mat°a  scheint 
demnach  adjektivischer  Natur  zu  sein. 

6.  cellenca   „Lustdirne". 

Artikel  1802  von  M.-L.  Rom.  Et.  \\  b.  gibt  unter  \\..  cella  „Vor- 
ratskammer" auch  span.  cellenco  „kränklich".  Ihm  wäre  aufser  der 
weiteren  Bedeutung  „Zelle"  des  lt.  Kopfwortes  noch  obiges  span. 
cellenca  nachzuverbinden.  Für  beide  ist  der  Oberbegriff  „in  die 
(Kranken-,  Bordell-)  Zelle  gebannt".  Cellenca  ■<  [ptiella)  ^cellinica 
ist  „Bordellmädchen",  wie  sie  in  den  „cellae  concameratae"  der 
lupanaria  lebten.  Vgl.  z.  B.  Vanicek,  Et}  m.  Wb.  d.  lat.  Spr.  S.  131 
unter  fornix.  Man  bemerke  übrigens  den  Einklang  in  Form  und 
Bedeutung  zwischen  ^cellimcu  /  celleiico  und  "^inclinlcu  -j  enchnque. 

7.  damnjtiana  ..grofse  umflochtene  Flasche,  Kolben".  Vgl. 
Körting,  L.-R.  Wb.  Nr.  2742  u.  Meyer-Lübke,  R.  Et.  Wb.  Nr.  2644. 

Das  Vorhandensein  des  Wortes  auch  im  Spanischen  dürfte 
ein  Grund  mehr  sein,  in  dem  „Frau  Johanna"  auch  die  etymo- 
logische Deutung  des  Wortes  zu  erblicken,  eine  Deutung,  die  auch 
sachHch  —  es  liegt  scherzhafter  Vergleich  vor  —  sich  aufdrängt. 
Als  analoge  Bildung  kann  man  auch  ansehen:  dondiego  „Wunder- 
blume"  und  do7isimon  „Fiaker"   (Kutscher,  aber  auch  Wagen). 

8.  desviand%fnr  „die  Kaldauncn  herausnehmen",  „destripar 
una  res". 

Dieses  in  vulgärer  Redeweise  gebräuchliche  Wort  scheint  bis 
jetzt  eine  Besprechung  nicht  gefunden  zu  haben. 

Ich  vermute,  dafs  es  zunächst  aus  {animalia)  miinda  facere 
(nämlich  durch  Herausnahme  der  Kaidaunen)  sich  aufgebaut  hat. 
Hieraus  entstand  erst  [facere  >  altspan.  far)  '^motidafar,  dann  durch 
Metathese  '^mandofar. 

Durch  diese  Umstellung  war  nun  aber  das  W^ort  nach  Her- 
kunft utid  Sinn  verdunkelt,  und  so  wurde  zum  Neuausdruck  des 
Herausnehmens  durch  vorgefügtes  des-  nachgebessert.  Oder  auch, 
man  fafst  dieses  Präfix  als  blofs  verstärkend,  wozu  das  Spanische 
mehrfach  Belege  bietet,  z.  B.  concofrade,  concolega;  die  gleich- 
bedeutenden escafilar  und  descafilar,  gastar  und  desgastar ,  velar 
und  desvelar\  oder  deslindar  (anders  aber  desmarcar),  desnudar,  des- 
pavorir(se),  destrozar.  Aber  auch  Beeinflussung  durch  das  syno- 
nyme destripar  kann  mitgeholfen  haben. 

Sollte  die  vorgegebene  Herleitung  von  desmand^far  als  richtig 
sich  erweisen,  so  fiele  damit  auch  Licht  auf  die  Herkunft  des 
Wortes. 

9.  escal'i  mar se  v.  n.   „das  W'erg  auskäuen  (von  Schiften)". 
Wenn  Holzschifte    durch    schweren  Seegang   in    ihrem  Gefüge 

erschüttert  werden,  so  kann  es  dazu  kommen,  dafs  sie  das  die 
„Abdichtung"   der  Fugen  zwischen  den  Planken  herstellende  Werg 

1* 


lOO  VERMISCHTES.      ZUR    WORTGESCHICHTE. 

verlieren,  seemännisch  gesprochen  ..aiiskänen"'  und  damit  ,.leck 
springen". 

Nun  ist  darauf  hinzuweisen,  dafs  das  zur  Abdichtung  der 
Fugen  dienende  Werg  durch  Auffaseruns;  alten  ausgedienten  Tau- 
werks gewonnen  wird. 

So  wird  es  Billigung  finden,  wenn  ich  escal^tjiarse  als  Abkömm- 
ling des  griech.  y.äXoc.  „Schiffstau"  anspreche,  indem  ich  also  ,.sich 
anstauen"   als  seine  Grundbedeutung  fasse. 

Nicht  anders  dürfte  der  Fall  liegen  bei  span.  caloma  „Bojen- 
leine" (ein  Tau!),  calomar  „jodeln,  von  Matrosen,  wenn  sie  zu- 
sammen an  einem  Taue  ziehen"  (letzteres  vielleicht,  was  die  Wort- 
form betrifft,  über  das  synonyme  sahmar  geprägt).  Damit  trete 
ich  freilich  mit  der  Auffassung  bei  M.-L.,  I.e.  1535  in  Widerspruch. 

10.  ^jf  a«</^/ar  „Kompafskammer  auf  Galeeren",  „la  cämera 
de  un  buque  donde  estä  la  brüjula". 

Mit  lt.  scanaere,  wie  einige  spanische  Autoren  wollen,  läfst  sich 
nicht  anknüpfen,  da  eine  Vereinigung  der  beiderseitigen  Begriffe 
nicht  möglich  erscheint. 

Hingegen  wird  man  nicht  fehlgehen,  wenn  man  Zusammen- 
hang mit  It.  candela  „Licht,  Kerze"  und  *excatidere  (>  prov.  es- 
candir  „hell  machen",  M.-L.,  1.  c.  2950)  annimmt. 

Die  Kompafskammer  war  auf  den  früheren  Schiffen  so  ziemlich 
der  einzige  nachts  erhellte  Raum,  in  dem  die  beiden  an  den 
Seiten  des  Kompasses  angebrachten  Lichte  dem  „Mann  am  Ruder" 
gestatteten,  den  Kompafs  abzulesen  und  hiernach  den  Schiffskurs 
einzuhalten.  Sie  war  den  damaligen  Seeleuten  also  die  cdmera 
lücida,  die  „Licht-,  Hellkammer"  par  excellence. 

11.  escullador  „Schöpfgefäfs  in  Ölmühlen"  (Tolhausen); 
„Blechgefäfs  in  Ölmühlen  zum  Auffangen  des  Öles"  (Franceson); 
„cierto  vaso  de  lata  en  los  molinos  de  aceite"   (Acad.  u.  and.). 

In  den  Angaben  über  die  Bedeutungen  dieses  Wortes  zeigen 
die  Wörterbücher  eine  für  den  etymologischen  Zweck  recht  störende 
Zerfahrenheit ! 

Spanische  Autoren  finden  Zusammenhang  mit  lt.  colligere.  Das 
gäbe  demnach  einen  „Aufsammler"  und  stünde  mit  der  einen  der 
gegebenen  Bedeutungen  gut  im  Einklang.  Aber  das  zur  Form- 
vervollständigung dann  sich  vernotwendigende,  doch  sinnstörende 
ex-  mufs  von  solcher  Erklärung  abhalten,  für  die  auch  der  Über- 
tritt aus  der  dritten  in  die  erste  Konjugation  erschwerend  wirkt. 

Nun  erwähnt  Kluge  im  Art.  „Schaufel"  seines  etym.  Wb.  ein 
got.  *skii{la,  worauf  mhd.  schuf el,  ahd.  scuvala  weise.  Dieses  gotische 
Wort  böte  aber  eine  lautlich  einwandfreie  Herleitungsmöglichkeit, 
nämlich  got.  sMhla  >»  span.  *escuhlar  >  *escullar  :  escullador  (vgl. 
z.  B.  trib[u]lare  >  irillar,  insuhfujlum  >»  enjullo).  Die  Bedeutung 
„Schaufler"  aber  stünde  mit  „Schöpigefäfs"  in  leidlichem  Einklang; 
man   denke  z.  B.  an  die  zwischen  der  flachen  Schaufel  und  einem 


1 


SEGL,   SPANISCHE   ETYMOLOGIEN.  lOI 

tieferen  Gefäfs  die  Mitte  haltende  Schöpfkelle,  womit  man  in  Booten 
eingedrungenes  Wasser  ausschöpft. 

12.  ^j/>/«^«^/(t  „Raumnadel"  (lange  Nadel  zum  Durchstechen 
der  Geschützpatrone);  neuprov.  espinglo  und  frz.  ipingle  „Steck- 
nadel". 

Gegenüber  Körting,  L.-R.  Wb.  8955,  möchte  ich  -ng-  erklären 
als  Ergebnis  des  Zusammenfliefsens  von  wurzel-  und  bedeutungs- 
vervvandtem  lt.  Spina  „Stachel,  Dorn"'  mit  lt.  spica  „Spitze,  Ähre", 
oder  deren  Diminutiven  lt.  spinula  „kleiner  Dorn,  Nadel"  mit  lt. 
spiculum  „Spitze,  Stachel,  Pfeil".  Auch  scheint  mir  das  Vorhanden- 
sein der  Lautverbindung  -tig  in  mehr  als  einer  Sprache  über  eine 
innersprachliche  Erklärung  hin  auszuweisen  d.  h.  eine  solche  im 
lateinischen  Grundwort  zu  erheischen.  —  Im  spanischen  Wort  trat 
natürlich  Suffixtausch  ein. 

13.  esir emulo s 0  „leicht  und  oft  zitternd,  schüchtern,  ver- 
zagt". 

Hier  liegt  wohl  vor  Kreuzung  der  bedeutungsverwandten  und 
zur  gleichen  Sippe  (lt.  tremere)  gehörigen : 

1.  esiremecerse   „erzittern,  schaudern"  ; 

2.  Iremulo  „zitterig,  bebend";    und  vielleicht  noch: 

3.  tembl(or)oso   „zitterig,  oft  zitternd". 

14.  chapatalear  „mit  Händen  und  Füfsen  im  Wasser  plät- 
schern" —  chapaial  „Morast,  Sumpf,  Lache",  „lodazal  ö  pantano" 
—  lapachar   „Pfütze",   „pantano  6  charco  grande  y  cenagoso". 

Etymologische  Angaben  finde  ich  nur  über  chapaial  und  la- 
pachar bei  spanischen  Autoren.  „Chapatal",  sagt  die  span.  Aka- 
demie, „es  voz  baja,  formada  por  la  figura  onomatopeya,  de  que 
en  pisando  la  caballeria  cou  la  pata  hace  un  sonido  que  imita  al 
chaz,  y  asi  formaron  el  chapata  6  chapatal."  Monlau  aber  sagt 
von  lapachar  (die  dort  angeführten  Konstruktionen  Larramendis 
und  Cabreras  übergehe  ich  besser):  „Otros  dicen  que  se  forma 
por  onomatopeya,  a  causa  del  ruido  que  se  hace  andando  por  el." 

Sie  werden  also  als  lautmalende  Bildungen  aufgt-fafst,  eine 
Annahme,  gegen  die  sich  Triftiges  nicht  einwenden  läfst.  Denn 
vergleichen  wir  mit  unseren  Wörtern  ihre  Sippengenossen  chap^^J^ear 
„im  Wasser  plätschern",  chapiirrear  „pantschen",  chaparr"aaa  „Platz- 
regen", dazu  auch  die  ptg.  chape!  „p(l)atsch!",  chape-chape  „Ge- 
plätscher",  chapejar  u.  chapinhar  „panschen,  plätschern",  so  liegt 
die  Sache  klar  (vgl.  auch  Körting,  L.-R.  Wb.  5282). 

Freihch  nicht  ganz !  Zu  erklären  bleibt  nämlich  immer  noch, 
wie  es  zu  einem  chapa-la-lear,  chapa-ta-l  kommen  konnte. 

Hier  werden  wir  nun  der  Sachlage  am  einfachsten  gerecht, 
wenn  wir  Einmischung  jenes  (überdies  sinnverwandten !)  Stammes 
annehmen,  der  in  frz.  paile,  span.  pala,  patakar  steckt  (vgl  Körting, 
I.e.  6917,    M.-L.,  1.  c.  6301),    d.h.   ansetzen:    chapalenr   ,.  im  Wasser 


102  VERMISCHTES.       ZUR    WORTGESCHICHTE. 

plätschern-'  -\-  patalear  „mit  Füfsen  trampeln,  trappeln"  >  chapata- 
lear  „mit  Händen  und  Füfsen  im  Wasser  plätschern". 

Soll  man  dann  chapatal  einfach  als  zurückgeschrittenes  chapatalear 
lassen,  welchem  Vorgang  der  Endungsteil  -al-  begünstigend  ent- 
gegenkam, indem  er  die  Rolle  des  Ortssuffixes  übernahm?  Denn 
eine  direkte  Entstehung  aus  cha[p  ..]  -\- pat[a]  -f-  al  will  doch  nicht 
recht  den   Regeln  spanischer  Wortbildung  sich  fügen. 

Was  endlich  lapachar  anlangt,  das  mit  chapatal  fast  gleich- 
bedeutend ist,  so  stellt  es  dessen  nur  wenig  verschleierte  Metathese 
vor,  wozu  noch  Austausch  des  -al  mit  dem  Schwestersuffix  -ar  trat: 

al 


la-     pa[t]-     ch[a]-     ar. 

Und  wird  man  als  Antrieb  zur  Metathese  Einflufs  des  Stammes  an- 
nehmen dürfen,  der  sich  in  span.  lapo  „Hieb  mit  flacher  Klinge" 
ausdrückt? 

15.  ga  Ifa  r  r  0  „Gauner,  diebischer  Müfsiggänger ••  (Tolhausen) ; 
„Betrüger,  Mensch,  der  sich  von  Stehlen  oder  Betrug  nährt;  (ver- 
altet) Häscher,  Gerichtsdiener"  (Franc.) ;  „hombre  ocioso,  perdido, 
m.al  entretenido"   (Akad.) ;    provinz.   „gavilän"   (Campano). 

Auch  das  Portugiesische  besitzt  das  Wort  mit  den  ähnlichen 
Bedeutungen  „Gerichisbeamter,  Büttel;  Räuber,  Plünderer,  gewinn- 
süchtiger Mensch,  Nimmersatt". 

Was  die  Herleitung  des  Wortes  betriftt,  so  hält  sich  die  Aka- 
demie an  das  arab.  colab  „garfio",  also  Haken  bedeutend.  Monlau 
bietet  die  Meinungen  von  Larramendi  und  Covarrubias,  von  denen 
uns  nur  die  des  letzteren  interessiert:  „dijeronse  asi  casi  gafarros, 
porque  gafan,  y  agarran  de  lo  qua  pueden.  Tambien  qiiadra  este 
nombre  ä  los  ministros  de  justicia,  que  llaman  comunmente  por- 
querones,  porque  llevan  agarrados  a  los  que  han  de  ir  a  la  carcel." 
Resigniert  setzt  Monlau  hinzu:  „Ninguna  de  estas  dos  versiones 
deja  satisfecho  el  animo." 

Und  doch  waren  Covarrubias  und  die  Akademie  dem  rich- 
tigen Etymon  sehr  nahe  gekommen.  Denn  galfarro  ist,  vermöge 
Dissimilation  von  r  zu  /  (wegen  folgenden  -rr-)  entstanden  aus 
*gar/arro,  dieses  aber  mittels  despektiven  Suffixes  -arro  abgeleitet 
von  garfa   „Klaue,  Kralle". 

Für  die  Prägung  des  Wortes  galfarro  ist  zu  beachten,  dafs 
der  Spanier  gern  und  treffend  den  L3ieb  und  den  Häscher  unter 
dem  Bilde  eines  Hakens  sich  vorstellt.  So  nennt  er  den  Dieb 
auch  mozo  de  garabato,  garaOcro,  ja  geradezu  ganziia  („Haken, 
Dietrich").  Auch  das  Bild  der  raflfenden  Kralle  dient  ihm  zu 
diesem  Zwecke,  vgl.  agarrador  „Häscher"  zu  agarrar,  von  garra 
..Klaue,  Kralle",  Dies  aber  leitet  uns  über  zur  Besprechung  eines 
Wortes,  worin  garra  und  gar/.,  in  eines  zusammengeflossen  sind : 


SEGL,    SPANISCHE   ETYMOLOGIEN.  IO3 

16.  garrafinar  „fassen,  weg-,  entreifsen"  (Tolh.) ;  „rauben, 
aus  den  Händen  reifsen"  (Franc);  famil.  „arrebatar  algunä  cosa" 
(Akad.). 

Während  Monlau  in  garra  den  Ursprung  dieses  Wortes  sieht, 
hält  sich  die  Akademie  an  (das  von  garfa  sich  ableitende)  garfinar 
„stehlen,  mausen". 

Nun  leuchtet  ein,  dafs  jede  dieser  Herleitungen  das  Wort  nur 
zur  Hälfte  erklärt.  Denn  garrafifiar  ist  augenscheinlich  entstanden 
aus  garra  -\-  [garjfinar. 

17.  jade    „Jade,  Nephrit,  Nierenstein".     Vgl.  dazu: 

1.  Körting,  R.-L.  Wb.  4708:  Nach  Thom.  Mel.  Q,\  ist  von 
ilia  abzuleiten  Span,  ijada  Nieretistein,  frz.  (e)jade. 

2.  Meyer-Lübke,  R.-E.  Wb.  (4251  a  u.)  4260:  i\ki  „Weic/ien'^. 
.  .  .  Ahleit.:  Span,  ijada  ('^  frz.  [ejjade,  ital.  giada)  Nierenstein. 
Thomas,  Mel.  Q4/  ZRPh.  XXIX,  407.  —  (Frz.  jade  <^  Jaspis 
Behrens,  Frz.  Wortgesch.  371   ist  sachlich  nicht  möglich.) 

Ich  glaube  indes  erweisen  zu  können,  dafs  die  Herleitung  von 
iaspis  zu  unrecht  abgelehnt  wird,  die  von  ilia  sich  aber  nicht  auf- 
recht erhalten  läfst. 

ilia  bedeutet  nur  „Weichen,  Unterleib,  Gedärme".  Vgl,  das 
Wort  bei  Georges  und  Walde.  Es  bezieht  sich  also  lediglich  auf 
Teile  des  vorderen  Leibes,  der  Bauchseite.  Die  ..Nieren"  hin- 
gegen, die  beiderseits  der  Wirbelsäule  liegen  und  damit  der  Rücken- 
seite angehören,  könnten  deshalb  schon  nicht  unter  den  Begriff 
von  ilia  fallen. 

Weiter  fiel  mir  auf,  dafs  weder  der  Dict.  gen.  noch  Sachs- 
Vill.,  Scheler,  Godefroy  die  Irz.  Form  ejade  verzeichnen.  Und 
Span,  ijada  finde  ich  in  den  mir  zu  Gebote  stehenden  Wörter- 
büchern lediglich  mit  der  Bedeutung  „Seite,  Weiche,  Dünnung". 
Wegen  des  „Nierenstein"  regte  sich  mir  daher  der  Verdacht, 
dafs  diese  Bedeutung  dem  Worte  irrtümlich  zugelegt  sein  möchte. 
Darin  wurde  ich  bestärkt,  als  ich  als  spanischen  Ausdruck  für 
„Nierenstein"  jade  fand! 

Stellen  wir  überhaupt  die  hierhergehörigen  Entsprechungen  für 
„Nierenstein"   zusammen,  so  haben  wir: 

{x'L.  jade  Tx\.  „Nierenstein,  Beilstein"  (S,-V.) ;  „sehr  harter  Stein" 
(Thib.).  Der  Dict.  gen.  beschreibt  ihn  als  einen  „sehr  harten  Stein 
von  schöner  Olivenfarbe,  eine  Art  Aluminium-  und  Kalksilikat"  ; 

span.y'f^^/f  m.  „Nierenstein,  Nephrit,  Beilstein";  Navas  sagt  von 
ihm:  piedra  muy  dura,  verdosa  6  blanquizca,  con  visos  violaceos 
de  cal,  sosa,  potasa  y  hierro :  rasga  el  cristal,  y  los  indigenas  de 
Amdrica  la  erapleaban  para  las  puntas  de  sus  armas  y  para  in- 
strumentos  cortantes.  So  war  z.  B.  die  Macana  (MaquahuitI, 
Schneidekeule)  eine  Keule  aus  Holz,  die  durch  eingesetzte  Stein- 
splitter zwei  einander  gegenüberstehende  Schneiden  hatte  und  bei 
den  Azteken,  Aiiahuak  und  anderen  Völkern  gefunden  wurde; 


104  VERMISCHTES.       ZUR    WORTGESCHICUTE. 

ptg. ;Wcm.  „Art Jaspis (!),  Beilstein"   (Michaelis); 

ital.  giada  f.   „Jade,  Nierenstein,  Nephrit". 

Sachlich  ist  anzufügen,  dafs  der  Stein  „Nierenstein*'  oder 
..Nephrit"  heifst,  weil  er  als  Amulett  getragen  vor  Nierenleiden 
schützen  sollte;  „Beilstein",  weil  er  wegen  seiner  ungemeinen 
Härte  dem  Steinzeitmenschen  den  denkbar  besten  (freilich  auch 
recht  seltenen  !)  Stoff  für  seine  Beile  und  Messer  lieferte. 

An  Etymologien  fand  ich:  nach  dem  Dict.  gen.  ist  das  Wort 
dunkler  Herkunft,  auch  Sachs -Vill.  gibt  keine,  während  nach  Muret- 
S.  das  engl,  jade  aus  dem  Spanischen  entlehnt  sein  soll.  In  einem 
spanischen  Wörterbuche  —  Navas  —  findet  sich  das  Wort  von 
chines.  /«c/(??)  hergeleitet,  während  das  von  Monlau  es  zu  lt.  gagates 
{yaydT7]g)  zieht.  Aber  diese  Herleitung  ist  lautlich  unmöglich, 
aufserdem  ist  der  Gagat(h),  ein  schwarzer  Bernstein,  eine  Art  Stein- 
kohle, also  ein  vom  Nierenstein  völlig  Verschiedenes. 

Nun  läfst  sich  {xz.  jade  lautlich  einwandfrei  von  lt.  iaspis  her- 
leiten. Denn  wie  hispidus  (Kört.  4581,  M.-L.  4148  [freilich  zweifelnd]) 
sich  verhält  zu  afrz.  hi(s)de,  so  auch  laspide-  zu  ixz.  jade.  Und  dem 
hz.  jade  sind  die  übrigen  Wörter  der  Sippe  entlehnt. 

Aber  diese  Herleitung  soll  sachlich  nicht  möglich  sein.  Dies 
soll  wohl  heisen,  dafs  Nephrit  kein  Jaspis  und  Jaspis  kein  Nephrit 
ist.  Setzt  also  voraus,  dafs  unser  Mineral  seinerzeit  von  einem 
Fachmann  den  Namen  erhielt,  einem  Mineralogen,  dem  der  Irrtum 
nicht  unterlaufen  durfte,  Nephrit  mit  Jaspis  zu  verwechseln  und  zu 
benennen. 

Nun  kommt  aber  der  Nephrit  vermöge  seiner  Eigenschaften 
dem  Jaspis  sehr  nahe,  denn  letzterer  ist  ein  „sehr  harter  undurch- 
sichtiger Stein  vom  Kieselgeschlechte,  von  allerlei  Farben  und  Zeich- 
nungen". Die  laienhafte  Anschauung  —  und  diese  halte  ich 
hier  im  Spiele !  —  konnte  demnach  sehr  wohl  im  Nephrit  einen 
Jaspis  erblicken  und  hiernach  benennen.  Von  ihrer  Wirksamkeit, 
gerade  bei  Benennung  von  Dingen  des  Naturreiches,  gibt  mehr 
als  ein  Wort  Zeugnis!  Z.B.  bedeutet  span.  ^r^^Äz  (auch)  „Ton", 
span./ö^'6>  „Truthahn".  Wir  leiten  sie  unbedenklich  von  \i.  creta 
„Kreide"  hzw.pavo  „Pfau"  ab,  wenn  wir  auch  wissen,  dafs  „Ton" 
von  „Kreide"  und  „Truthahn"  von  „Pfau"  sich  erheblich  unter- 
scheiden. Dafs  diese  Annahme  zutrifft,  geht  auch  daraus  hervor, 
dafs  der  chines.  Yü(stein)  nicht  nur  eine  Art  Jade  oder  Nephrit 
bedeutet,  sondern  auch  eine  grüne  Art  Jaspis  (vgl.  Meyers  Konv.- 
Lex.  unter  Nephrit  und  Jaspis). 

Und  zuletzt  —  ptg.  jade  bedeutet  nicht  allein  „Beilstein", 
sondern  geradezu  „eine  Art  Jaspis"! 

18.  jadear  „keuchen". 

Ist  nicht  Herleitung  aus  lt.  halitarc,  noch  von  der  angestrengten 
Atmung  abgenommene  lautmalende  Bildung.  Es  ist  lediglich  das 
um  i-  verkürzte  gleichbedeutende  ijadcnr,  dessen  /-  entfiel,  wie  in 
magin  „Einbildungskraft". 


SEGL,   SPANISCHE   ETYMOLOGIEN.  IO5 

19.  ijadear  selbst  ist  ja  Ableitung  von  ijada  „Seite,  Weiche, 
Dünnung".  Zugrunde  liegt  das  Bild  der  dem  Beschauer  auffälligen 
starken  —  keuchenden  Atemstöfsen  mitzeitigen  —  Einziehungen 
der  Weichen,  wie  es  besonders  „jappende"  Tiere,  z.  B.  Hunde, 
zeigen.  Als  Parallele  vergleiche  man  das  familiäre  frz.  flancher  zu 
(?)  Hanc. 

20.  viajano  „Steinhaufen,  womit  man  Wege  bezeichnet  oder 
Felder  abgrenzt",    „monton  de  piedras  para  dividir  los  terminos". 

Gröber  —  vgl.  Körting  5786  —  leitet  her  von  '^maculana  zu 
lt.  macüla  „ Fleck (en) "  ;  INIeyer-Lübke  5212,  Artikel  wflf«/a,  sagt  nur, 
dafs  rnajano  vielleicht  auf  ein  span,  *maja  weise. 

Ohne  der  lautlich  einwandfreien  Möglichkeit,  aus  macüla  her- 
zuleiten ,  ihr  Gewicht  zu  nehmen  (vgl.  auch  graja  «<  lt.  gracüla), 
können  doch  angesichts  der  ohnehin  überreichen  spanischen  Sprossen 
dieses  Etymons  [malla,  viancha,  mangld)  Bedenken  für  diese  tat- 
sächliche Herkunft  aufsteigen. 

Schwerer  wiegt  aber  ein  Einwurf,  der  die  Bedeutungsentwick- 
lung trifft.  Zwar  möchte  eine  solche  von  Fleck  —  Mal  —  Steinhaufen 
(als  Weg-  oder  Grenzmal)  auf  den  ersten  Anschein  wohl  einleuchten. 
Indes  ist  nicht  angängig,  einen  Steinhaufen,  der  aus  dem  Gebäude 
herausragt  und  herausragen  soll,  um  in  einigem  Abstand  bereits 
aufzufallen,  mit  einem  nur  als  Fläche  in  der  Fläche  vorhandenen 
„Fleck"  zu  vergleichen  bzw.  hiernach  zu  benennen.  Wäre  ja  auch 
eine  flache  einfache  Lage  von  Steinen  (zumal  sie  der  Natur  der 
Sache  nach  auch  nicht  breit  sein  dürfte)  ihrer  leichten  Zerstreubar- 
keit  halber  als  Grenzmarke  ungeeignet. 

Ich  möchte  viajano  als  Scheideform  zu  mcjaua  fassen  und  beide 
von  einem  ''me/[u]lan-  von  lt.  ineta  „jede  kegel-  oder  pyramiden- 
förmige Figur"  herleiten.  Es  läge  hier  eine  Bildung  vor  wie  in 
viejo  •<  vetulus,  überdies  a  <i  e  wie  in  bar r er  («<  verrere),  ayuno 
[<C  jeju?nis),    atitor  (<<  emptor). 

Auch  das  mit  lt.  mela  urverwandte  ir.  methos  bedeutet  „Grenz- 
mark", vgl.  Walde,  Lat.  etym.  Wb. 

Und  bei  Meyer-Lübke,  Rom.  Etym.  Wb.  Nr.  3720  wird  span. 
amelgar  .  .  .  „die  Grenzen  eines  Grundstückes  durch  Marksteine 
abstecken"  aus  '^''admeikare  (zu  meta')  erklärt,  freilich  mit  dem  Zu- 
satz „begrift'Iich  nicht  ganz  sicher",  ein  Bedenken,  das  im  Zu- 
sammenhalt mit  dem  oben  dargelegten  und  in  Hinweis  darauf,  dafs 
lt.  melüla  „Grenzstein"   bedeutet,  behoben  sein  dürfte. 

21.  molo n dr 0  (und  Augmentform  -dröiii)  „Unwissender,  Nichts- 
wissender" (Tolh.);  „Unwissender,  Faulenzer,  Müfsiggänger"  (Franc); 
„poltron,  perezoso  y  falto  de  enseiianza"   (Akad.). 

Monlau  will  das  Wort  zu  malandrin  ziehen,  aber  von  den  Be- 
denken des  Vokalwandels  abgesehen,  lassen  sich  die  Bedeutungen 
„Nichtswisser,  Faulpelz"  mit  „schlechter  Kerl,  Strafsenräuber"  nur 
gezwungen  vereinigen.     Griech.  iioXoßQOi  „Landstreicher,  Bettler", 


I06  VERMISCHTES.      ZUR    WORTGESCHICHTE. 

das  Etymon  der  Akademie,  kommt  in  der  Bedeutung  unserem 
Worte  schon  näher,  ist  aber  aus  lautlichen  Gründen  abzulehnen. 

Nun  hat  Pidal  als  Etymon  zu  span.  tolondro  (auch  hier  die 
gleichbedeutende  Augmentform  -dr6n\)  dargetan  ein  *torundtis 
„wulstig",  von  torus  (vgl.  Romania  XXIX,  373;  Kört.,  I.e.  9625  a). 

Als  gutes  Seitenstück  zu  dieser  Herleitung  kann  daher  die  von 
molondro  gehen,  da  sie  aus  *mö7-u)idus,  von  \i.?ndrus  „dumm,  albern", 
anzusehen  ist. 

Die  Bedeutung  ..träger  Mensch"  betrachte  ich  als  sekundär 
entwickelt.  Denn  die  Dissimilation  des  r  zu.  l  brachte  Annäherung 
des  Wortes  an  lt.  nioles  bzw.  span.  niole  „grofse  schwere  Masse", 
woneben  die  erfahrungsgemäfs  häufige  Vergesellung  von  Unwissen- 
heit und  Trägheit  die  Differenzierung  der  ursprünglichen  Wort- 
bedeutung nur  fördern  konnte. 

Als  Spröfsling  des  oben  angesetzten  '^imrundus  mufs  auch: 

22.  mor ondanga  (-<  \j-es\  "^mörundamcas)  „Albernheit,  Lap- 
perei, Gemisch  unnützer  Dinge,  Kleinigkeiten"  angesehen  werden, 
über  welches  Wort  ich  lediglich  die  verfehlte  Deutung  fand,  es  sei 
sein   „elemento  principal:  moro"   (Monlau). 

2'^.  mondong 0.  Seine  Herleitung  aus  dem  Arabischen  läfst 
sich  kaum  aufrecht  erhalten,  auch  M.-L,,  I.e.  1205  bezeichnet  sie 
als  fraglich.  Mondongo  bezeichnet  die  Tierkaidaunen  „especial- 
raente  del  carnero"  i.  entweder  schlechthin  anatomisch,  oder 
2.  als  Gericht,  als  welches  sie  mit  Blut-  oder  Schweinfleischfüllung 
genossen  werden  oder  auch  ohne  solche  als  Frikassee.  Besonders 
in  der  letzten  Form  bilden  sie  eines  der  Leibgerichte  des  spanischen 
Volkes  und  seiner  kolonialen  Ableger,  das  auch  uns  Deutschen,  im 
Norden  unter  der  Bezeichnung  „Pansen,  Königsberger  Flecke",  im 
Süden  unter  der  von  „Kuttelflecke",  wohlbekannt  ist.  Eine,  nur 
um  das  Suffix  -ejo  statt  -ongo  verschiedene,  Abschattierung  des 
Wortes  ist  mondejo  „Schwartenmagen,  Sausack,  Prefswurst",  und 
auch  hier  schuf  die  Hülle  die  Benennung.  Beide  aber  haben  mit 
den  a/^mdis;as  „Fleischklöfschen"  nach  Stoff  und  Form  nichts  ge- 
mein, so  wenig  wie  „Königsberger  Flecke"  mit  „Königsberger 
Klopsen"  ! 

So  wird  denn  wohl  in  dem  hierfür  schon  öfter  befürworteten 
It.  mihidus  „rein"  (bzw.  span.  7nond(ad)o  „gesäubert,  rein")  der  Aus- 
gangspunkt für  die  Erklärung  von  mondonqo  und  mofidejo  liegen. 
Und  seine  schönfärbend  gezielte  Verwendung  ist  gut  verständlich, 
wo  es  sich  um  ein  Gericht  handelt,  das  bekanntlich  nicht  nach 
jedermanns  Gefallen  ist. 

24.   pulieitlas  {.\)\.   „Brei". 

Dieses  aus  lt.  polenla  entwickelte  Wort  gelangte  zu  seinem  u 
und  der  Piurallorm  wohl  in  Anlehnung  an  span.  puches  m.  pl. 
„Mehlbrei". 

.25.  r elumbr e  „Geschmack  der  Speisen  nach  dem  Topfe; 
eisenähnlicher,  kupferähnlicher  Geschmack  der  Speisen". 


SEGL,    SPANISCHE    ETYMOLOGIEN.  IO7 

Das  Wort  in  der  ausgesetzten  Bedeutung  ist  etymologisch 
wohl  kaum  identisch  mit  rehanbre  „Glanz,  Schimmer,  Aufleuchten" 
(Verbalsubst.  zu  rtlumhrar  „leuchten,  schimmern,  strahlen");  nur 
sehr  gezwungen  liefsen  sich  die  beiderseitigen  Bedeutungen  ver- 
einigen. 

Ich  glaube,  dafs  Zusammenhang  mit  alumhre  „Alaun"  vor- 
liegt. Gemeint  ist  der  alaunartige  Metallgeschmack,  den  Eisen  und 
Kupfer  auf  der  Zunge  hervorbringen.  Überdies  gibt  es  Eisenalaun 
und  Kupfera!aun. 

7-elumhre  wäre  dann  zu  fassen  als  Verbalsubstantiv  zu  einem 
*re[a]lti}nbrar  =  lt.  *re-alumi?iare  „Widerschmack  nach  Alaun  haben" 
(vgl.  re-sonare  widerhallen).  Wegen  des  in  Verlust  gegangenen  a- 
vgl.  vulg.-ptg.  (pedro)  htime  „Alaun(stein)". 

Anzufügen  ist,  wie  auch  in  span.  alumbrar  „erleuchten"  — 
..mit  Alaun  tränken"  lt.  lunien  und  aliwien  ineinander  geflossen  sind. 

26.  sargazo  „Sargasso,  Fächerfruchttang,  Beerentang,  schwim- 
mendes Meergras". 

Ich  finde  keine  Etymologie  dieses  Wortes  verzeichnet.  Doch 
wird  es  =  lt.  *saltcaceu-  zu  salix  „Weide"  anzusetzen,  also  ein  Ab- 
kömmling von  span.  sarga  (aus  lt.  *sa/7ca)  „Weide(nbaum)"  sein; 
denn  der  Sargasso  hat  lange,  lanzettförmige,  mithin  weidenblatt- 
ahnliche  Blätter. 

Das  Jl/ar  de  los  Sargazos,  die  „Sargassosee",  wie  das  Meer 
zwischen  den  Azoren,  den  Kanarischen  Inseln  und  dem  Kap  Verde 
heifst,  spielt  wohl  erst  seit  Kolumbus'  Entdeckungsfahrt  eine  Rolle, 
und  das  Wort  wird  nach  dem  Vorbild  von  algazo  „grofse  Menge 
Algen  [algas)  auf  der  Seefläche"  geprägt  sein. 

27.  socar}-ena  „Zwischenraum,  Hchte  Stelle,  Loch,  Spalt  im 
Schiffsboden,  Aushöhlung,  Schlucht,  Tiefe",  „hueco,  espacio  6  inter- 
valo ;  hueco  entre  cada  dos  maderos  de  un  suelo  6  un  tejado" ; 

28.  socare7ia  ..Sparrenweite",  „agujero  qua  se  hace  entre 
dos  vigas  contiguas  de  un  piso  6  arraadura  de  la  cubierta,  ya  de- 
finitiva  6  provisionalmente"  ; 

29.  socarrefi  „Dachausladung  nach  der  Strafse  zu,  vor- 
springende Dachtraufe,    Traufhaken",    „ala  del  tejado". 

Zugrunde  liegt  den  drei  Wörtern  lt.  siiggrrmdia  „das  den 
Hausmauern  aufliegende,  die  Bedachung  tragende  Sparrenwerk; 
Vordach,  Wetterdach". 

Wie  nämlich  lt.  verecündia  ^>  aspan.  vereguena,  so  ergab  lt. 
süggründia  >  '^sogrena  (vgl.  z.  B.  auch  escanda  und  escafid).  Weil 
nun  aber  das  Wort  vom  Dachstuhlbau  auch  auf  den  Schiftsbau 
sich  übertrug,  wobei  die  vom  Kiel  zum  Schiftsdeck  in  Abständen 
ziehenden  Schiflsrippen  („Spanten")  in  Betracht  kommen,  erfolgte 
noch  Anlehnung  an  span.  fßrf««  „Schifi'skicl- ,  so  dafs  '■''sogreZ/a  -\- 
(are7ia  >•  socar(r)iu(a). 


Iü8        VERMISCHTES.   ZUR  LITERATURGESCHICHTE. 

30.  V anistorio,  famil.  „Grofssprecherei,  Aufschneiderei;  Auf- 
schneider, Prahlhans'-. 

Der  erste  Wortteil  ist  natürlich  vano  ,.eitel,  leer,  nichtig", 
ebenso  wie  in  ikrinloguio  (lt.  'ijumvi),  vaiiilocuo  (lt.  -loquus),  vana- 
gloriarse. 

Der  zweite  aber  ist  wohl  hisioriar  in  der  besonderen  Bedeu- 
tung  „Geschichten  erdichten,    eine  Erzählung  ausschmücken". 

Seül. 


II.  Zur  Literaturgeschichte. 

I.    Zum  Yderroman. 

Der  Yder  (hgg.  v.  Geizer,  Ges.  Rom.  Lit.  31)  bringt  v.  5705^1". 
die  Episode,  wie  Kei  seinen  Todfeind  Yder,  der  nach  hartem 
Kampf  mit  2  Riesen  nach  Wasser  verlangt,  durch  einen  Trunk 
aus  einer  vergifteten  Quelle  zu  töten  versucht.  Dieser  Bericht  ist 
aus  Waces  Brut  herübergenommen,  der  gleichlautend  den  Tod  des 
Königs  Uter  (v.  9209  ff.)  erzählt.  Der  kranke  König  pflegte  das 
Wasser  einer  Quelle  zu  trinken,  die  neben  seinem  Paläste  aus  dem 
Boden  kam.  92i4flf.  Tostans  bevoit  d'une  fontaine  Qui  joste  la 
sale  sordoit  Nule  altretant  ne  li  plaisoit.  Die  besiegten  Sachsen 
rächen  ihre  Niederlage,  indem  sie  Gift  in  den  Quell  schütten,  so 
dafs  Uter  und  andere  nach  dem  Genufs  des  Wassers  sterben.* 
Dadurch  wird  der  Anschlag  erkannt  und  der  Quell  verschüttet. 
Der  Yderdichter  verändert  mit  Rücksicht  auf  den  Gang  der  Hand- 
lung die  Vorlage  in  einigen  Kleinigkeiten.  Um  den  Anschlag 
Keus  zu  ermöglichen,  erfindet  er  eine  2.,  schon  verseuchte  Quelle, 
die  neben  der  ersten,  gesundes  Wasser  führenden  liegt.  Bei- 
behalten ist  die  Nähe  des  Palastes  57 17  ff.  Les  degrez  del  palais 
descent  Jus  en  la  cort  vint  soz  un  arbre,  Desoz  out  un  peron  de 
marbre  Et  delez  sort  une  fontaine  Dont  l'eve  estoit  e  clere  e 
saine  .  .  .  Mes  un'autre  fontaine  aveit  De  l'autre  part,  que  Keis  saveit; 
er  hat  die  Eigenschaften  dieses  Brunnens  von  den  Bewohnern  der 
Gegend  erfahien.  Der  Dichter  weitert  nun  die  Episode  aus.  Er 
zeigt  zunächst  die  Stärke  des  Giftes,  ehe  Yder  es  trinkt,  5731  ff. 
De  fort  entosche  ert  entoschee  Tote  en  ert  l'erbe  entor  sechee. 
Um  Keus  Rachsucht  zu  veranschaulichen,  führt  er  an,  dafs  der 
Zugang  zur  Quelle  mit  Balken  (pels.  5738)  verschlagen  war  und 
Keu  sich    erst   den  Zugang  eröffnen  mufs^  5740 IT.     Während   aber 


1  Gottfried  v.  Moamouth,  ]list.  legiim  Britt.  1.  VIII,  c.  XXIV. 

-  Dies  alles,  um  deu  Charakter  Keus  ins  rechte  Licht  zu  stellen.  Im 
Anschlufs  an  die  im  Voiksepos  feststehende  Figur  des  verräterischen  Sene- 
schalls  wird  K-eu  so  schlecht  als  möglich  gemacht,  während  er  bei  Wace  als 
tapferer,  ehrenhafter  Kämpfer  erscheint:  A  Keu,  son  maistre  scnescal  Un  Che- 
valier prou  et  loial  ^I0,  411/12)  vgl.  noch  12,997fr.  Kristian  wirft  im  Erec 
3959 ff.    bereits    einen    Schatten    auf  Keus  Verhalten   und  Charakter   und    vcr- 


O.  MÜLLER,  ZUR  HANDSCHR.  ÜBERLIEFERUNG  DES  POfeME  MORAL.       lOQ 

Wace  nur  ganz  kurz  die  Wirkung  des  Giftes  schildert  9229/30, 
De  l'eve  but,  erapres  enfla,  Taint  et  noircist,  serapres  fina,  ergeht 
sich  der  Yderdichter  in  ausführUcher  Beschreibung  der  Verheerungen 
des  Giftes  in  Yders  Körper  (5749/Ö2).  —  Auf  Grund  der  Über- 
einstimmungen in  beiden  Texten  können  wir  mit  Sicherheit  eine 
Entlehnung  aus  Waces  Brut  voraussetzen. 

Stefax  Hofer. 


2.    Zur  handschriftlichen  Überlieferung  des  Poöme  moral. 

Naetebus  (die  niclit- lyrischen  Strophenformen  des  Altfran?;ösi- 
schen,  Leipzig  i8gi,  S.  83)  nennt  als  erste  von  zehn  Handschriften 
des  Poeme  moral:  .,Haag,  Königl.  Bibl.,  265  Bl.  53."  Diese  Hand- 
schrift durfte  ich  in  den  Osterferien  1921  an  Ort  und  Stelle  dank 
der  Güte  des  Konservators  der  Handschriftenabteilung  Dr.  A.  W. 
Byvanck  soweit  kopieren,  wie  sie  für  das  Gedicht  in  Betracht 
kommt,  d.  h.  von  BI.  53  r°  a — 61  v°  a.  Sie  steht  allerdings  nicht 
unter  Nr.  265,  wie  Naetebus  schreibt,  sondern  unter  der  fordaufenden 
Nr.  765  (alte  Nr.  y  389).  Die  Ungenauigkeit  von  Naetebus  beruht 
auf  Romania  Bd.  14,  S.  130,  wo  A.  G.  van  Hamel  auf  die  Hand- 
schrift hingewiesen  hat.  Was  dort  zur  Beschreibung  der  Hand- 
schrift gesagt  ist,  soll  hier  nicht  wiederholt  werden.  Dagegen  ver- 
dient einiges  Interesse  die  sorgfältige  Angabe,  die  in  dem  demnächst 
erscheinenden  Handschriftenkatalog  der  Biblioiheca  Regia  auf  S.  270 
über  sie  zu  lesen  ist:  „La  vie  des  Sains  et  les  miracles  Nostre 
dame  et  la  Vie  des  Sains  Peres  Hermites  (Vert.  int  het  Latijn 
door  Gautier  de  Coinsy).  Perk.  189  bl.  432  X  3  17  +  1380.  Met 
122  miniaturen,  randveriering  en  versierde  beginleitres.  Vgl.  De 
Oranje-  Nassau-  Boekerij,  biz  16,  n.  38."  Dr.  A.W.  Byvanck  möchte 
statt  +  1380  lieber  +  1360  angesetzt  wissen.  Die  Handschrift 
stammt  wahrscheinlich  aus  der  Bibliothek  Heinrich  III.,  Grafen  von 
Nassau  (1483 — 1538).  Was  Cloetta  S.  15  über  das  Verfahren  des 
Schreibers  von  G  sagt,  gilt  auch  für  die  Haager  Handschrift,  vor 
allem  erscheint  hier  das  Wortende  als  arg  verstümmelt.  Eine  Rubrik 
oder  irgendeine  Andeutung,  dafs  Rubriken  einzuschieben  sind,  zeigt 
die  Handschrift  nirgendwo.  Über  der  Miniatur  steht  auf  Bl.  53  r 
in  Rot:  De  sainte  taysis  qui  fu  en  muree  iiij.  ans.  Et  fist  ardoir 
iiij.  c.  liv  dauoir  qui  esioient  gaaignie  de  male  gaaigne. 

Cloetta  hat  sie  leider  übersehen.  Wilmotte  fügt  nach  dieser 
Feststellung    (Romania  Bd.  16,  S.  119)    hinzu,    die   Haager   Hand- 


schärft dann  im  Löwenritter  die  abstofsenden  Zü^e  im  Wesen  des  Seneschalls, 
der  nun  im  höfischen  Epos  die  Rolle  des  rachsüchtigen  Neiders  übernimmt. 
Nur  im  Escanor  wird  er  als  zarteren  und  innigeren  Neigungen  zugänt.'lich  vor- 
geführt, wobei  aber  zu  beachten  ist,  dafs  dieser  Wechsel  in  der  Beurteilung  au.s 
der  Thesenstellung,  die  veredelnde  Macht  der  Minne  zu  zeigen,  resultiert. 
Eine  spätere  Abhandlung  soll  den  Werdegang  von  Kens  literarischem  Charakter- 
bild  in  den.  Einzelheiten  veranschaulichen. 


IIO  VEKMISCllTKS.       ZUR    LITERATURGESCHICHTE. 

schritt  sei  „wahrscheinlich  selir  nahe  verwandt  mit  G,  derart,  dafs 
ihre  Entdeckung  die  vom  Herausgeber  (Cloetta)  weilläulig  be- 
gründete Klassitikation  nicht  erschüttern  zu  müssen  scheine". 

Die  Haager  Handschrift  sei  /  benannt. 

Nach  dem  Erscheinen  von  Cloettas  Ausgabe  wies  Paul  Meyer 
in  der  Romania  Bd.  16,  S.  Iö8f.  auf  Nr.  922g — 30  der  Königlicheir 
Bibliothek  Brüssel  als  weiteren  Textzeugen  hin  und  gab  eine  alte 
Beschreibung  der  Brüsseler  Handschrift  wieder.  Naetebus,  S.  83, 
nennt  sie  zu  Beginn  seiner  Liste.  Für  das  Poeme  moral  kommen 
in  Frage  Bl.  53  v° — öl  v°.  Eine  photographische  Wiedergabe  der 
17  Blätter,  die  durch  die  Brüsseler  Handschriftenabteilung  und 
ihren  Leiter  Mr.  Paris  mir  Ostern  zur  Verfügung  gestellt  wurde, 
bestätigt  das  Urteil  Paul  Meyers  (a.  a.  O.),  die  Handschrift  sei  „sehr 
ähnlich,  man  könnte  fast  sagen:  gleich"  der  Haager.  Die  Brüsseler 
Handschrift  hat  allerdmgs  weniger  Flüchtigkeitsfehler;  so  z.  B.  fängt 
sie  im  Gegensatz  zu  /  jede  Strophe  mit  einer  Liitiale  an  (freilich 
nicht  stets  mit  der  richtigen)  und  verstümmelt  sie  die  Worte 
seltener  als  /.  Überschritten  über  den  Kapiteln  kennt  sie  ebenso- 
wenig wie  /,  nicht  einmal  eine  Titelangabe  vor  der  ersten  Strophe. 
Nur  eme  Miniatur  mit  zwei  Bildern  (Paphnutius  im  Gespräch  mit 
Thais,  stehend  und  sitzend)  und  eine  reicher  gemalte  Initiale  lieben 
die  folgende  Erzählung  hervor. 

Wir  bezeichnen  die  Brüsseler  Handschrift  mit  K. 

Der  Antiquar  L  I\L  Heberle  (Lempertz)  in  Köln  veröftentHchte 
1895  den  „Katalog  einer  ausgezeichneten,  bekannten  alten  Schlofs- 
bibliothek,  deren  Bestände  zum  gröfsten  Teile  aus  dem  Carthäuser- 
(mufs  heifsen:  Benediktiner-)Kloster  St.  Jacob  in  Lüttich  und  einem 
westf.  Jesuitenkloster  (gemeint  ist  Siegen)  stammen".  Auf  S.  i  —  8 
dieses  Kaialoges  werden  65  Handschriftenbände  verzeichnet  und 
(unvollständig  und  teilweise  nicht  ganz  richtig)  beschrieben.  Es 
ist  dieselbe  Handschriftensammlung,  auf  die  Wilhelm  Weinberger 
(Catalogus  catalogorum.  Verzeichnis  der  Bibliotheken,  die  ältere 
Handschriften  lateinischer  Kirchenschriftsteller  enthalten.  Wien  IQ02, 
S.  40)  \m  Anschlufs  an  P.  Schwenke  (Adrefsbuch  der  deutschen 
Bibliotheken,  1893)  die  Patristiker  aufmerksam  macht.  Die  Ge- 
schichte dieser  PLindschrifiensammlung  firidet  man  bei  Sylv.  Balau 
„La  biblioiheque  de  l'abbaye  de  Saint- Jacques  ä  Liege"  (Corapte 
rendu  des  seances  de  la  commission  royale  d'histoire  Bd.  71,  Brüssel 
ig02,  S.  I  ff .  und  S.  226  ff.).  Freilich  scheint  Balau,  der  für  unsere 
65  Handschriftenbände  zuletzt  auf  den  Kölner  Antiquariatskatalog 
verweist,  entgangen  zu  sein,  was  Schwenkes  Adrefsbuch  erwähnt 
dafs  nämlich  die  Sammlung  sich  damals  auf  der  Adolphsburg  bei 
Oberhuiidem  befand,  als  Familiengut  des  Gräflichen  Hauses  Fürsten- 
berg-Herdringen. Sie  wurde  nebst  einer  etwa  30000  Bände  ent- 
haltenden Bücherei  von  dort  19 19  widerruflich  der  Akademischen 
Bibliothek  in  Paderborn  zugewendet  und  gehörte  als  Teil  der  ,,Bibiio- 


O.  MULLER,  ZUR  HANDSCHR.  ÜBERLIEFERUNG  DES  POEMS  MORAL.       I  1  I 

theca  Fürstenbergiana"  zur  genannten  Paderborner  Bibliothek,  bis 
die  Leipziger  Reichseinkaufstelle  sie   192 1   für  Löwen  erwarb. 

Unter  Nr.  63  (nach  der  Zählung  dt-s  Kölner  Antiquariats- 
kataloges,  S.  8)  bewahrt  die  Biblioiheca  Fürstenbergiana  dirjenige 
Handschrift,  die  von  Cloettas  Strophe  107  ab  das  bisher  als  Bruch- 
stück bekannte  Poeme  moial  vollständig  wiedergibt.  Es  dürfte 
aus  mehreren  Gründen  angebracht  sein,  sie  L  zu  nennen  und 
nicht  (gemäfs  Mi^nges  Vorschlag)  M. 

Die  Existenz  der  Handschrift  L  und  ihr  Wert  für  das  Poeme 
moral  waren  mir  bekannt,  die  betreffenden  Blätter  lagen  ab- 
geschrieben vor,  als  mir  P.  Menges  Arbeit  in  der  Zeitschrift  f. 
rom.  Phil.  Bd.  3g,  S.  409 — 445  auffiel.  Deren  Nachprüfung  macht 
eine  Reihe  von   Zusätzen  und  Berichtigungen  notwendig. 

In  dem  Explicit  auf  Bl.  171  r°  i.  Sp.  mufs  zweimal  „dui" 
stehen  und  die  Abkürzung  „nat."  in  „nativitatem"  aufgelöst  werden 
(S.  410).  Der  Prior  von  St.  Jacob,  der  die  Handschrift  1422  an- 
kaufte, heifst  Philipp  von  Othey  (S.  411);  man  liest  bei  Balau  ,,La 
bibliotheque  de  ral)baye  de  Saint  Jacques"  über  ihn  wertvolle  und 
bezeichnende  Auj^künfte.  Die  Handschrift  ist  auf  Pergament  ge- 
schrieben (S.  411  unten).  Sie  „aus  paläographischen  Gründen"  in 
das  13.  Jahrhundert  zu  setzen  (S.  411),  verbietet  das  oben  er- 
wähnte, von  Menge  abgedruckte  Explicit,  das  ausdrücklich  ver- 
sichert, der  Schreiber  habe  131 1  an  ihr  gearbeitet.  Der  Hinweis 
auf  „S.  3,  Z.  7"(S.  411  unten)  ist  unverständlich. 

Unter  den  lateinischen  Stücken  des  Handschriftenbandes  ver- 
dienen die  Legenda  aurea  des  Jacobus  de  Voragine  (Bl.  i  — 145  r°) 
und  das  Honorius  Augustodunensis  zugeschriebene  Elucidarium 
(Bl.  I49v° — 1591°)  Beachtung.  Zur  mittelalterlichen  lateinischen 
Summenliteratur  liefern  Bl.  145  r° — 149  br°  und  159  r° — 171  r° 
Beiträge.  Zwei  altfranzösische  Bestandteile  unseres  Bandes  seien 
besonders  hervorgehoben.  Bl.  171  r° — 185  v°  steht  die  Erziehungs- 
schrift Philipps  von  Novara  „Les  quatre  äges  de  l'homme",  die 
sich  übrigens  auch  in  Handschrift  .£'(=  Bibl.  nat.  24429)  findet. 
Man  vergleiche  über  sie  Groebers  Grundiifs,  Bd.  2,  Abteilung  i, 
S.  1022;  nur  zwei  der  sechs  durch  Naetebus  S.  53  und  146  ver- 
werteten Handschriften  enthalten  die  Schlufsverse,  von  denen  Menge 
S.  4  1 1  eine  Probe  gibt  Zu  dem  Chantepleure  (auf  Bl.  203  r°— 204  r°) 
vgl.  Naetebus  S.  80  und  Groebers  Grundrifs,  S.  867. 

Weil  Menge  zu  seiner  Te.Ktgestaltung  die  Handschrift  L  mit 
der  von  Herzog  gefundenen  und  herausgegebenen  (=  Hz)  ver- 
glichen hat,  seien  hierzu  ein  paar  Bemerkungen  angefügt:  L  stellt 
Hz  375  und  376  um.  Hinter  Hz  396  bringt  L  die  zwei  von  Herzog 
vermifslen  Verse.  Hinter  Hz  485  schreibt  L  den  Vers  480  noch 
einmal,  wohl  durch  das  beiden  Versen  gemeinsame  Reimwort 
„soloit"  irregeleitet.  Nach  Hz  536  schiebt  /.  vier  Verse  ein,  die 
Menge  zwar  in  L  mitgezählt,  aber  in  seinem  Text  nicht  mit- 
gedruckt hat.  L  läfst  Hz  ^^-j  aus,  setzt  aber  dafür  hinter  Hz  588 
einen  Vers,    der    mit   Hz  587   mehrere  Schriftzüge  gemeinsam  hat: 


I  1 2  VERMISCHUES.      ZUR    LITERATURGESCHICHTE. 

Qui  par  loi  soi  combat  gens  est  li  loiviers.  Die  bei  Menge  liinter 
Ih  536  fehlenden  4  Verse  von  L  lauten: 

Mais  ce  sachies  por  voir  qui  out  tel  iiolenteit 
Qui  si  for  ont  le  siecle  et  le  mal  enameit 
Sil  uont  anchois  quil  muirent  tel  orage  muet 
Ne  porront  ie  veoir  ne  deu  ne  sa  clarteit. 

Als  bezeichnende  Eigenart  des  Schreibers  von  L  sei  angemerkt, 
dafs  er  zweimal  statt  des  altfranzösischen  Wortes  ein  lateinisches 
einsetzt:  Hz  706  (stat),  Hz  21b  (Fehx). 

Von  den  Handschriften,  die  Cloetta  benutzte,  verdienen  E 
und  H  trotz  der  Beschreibung  Cloettas  noch  einiges  Interesse. 

E  (=  Paris,  Bibl.Nat.fr.  24429)  schliefst  an  das  Thaisleben 
auf  fol.  155  V — 161  V  noch  129  Strophen  an.  Dafs  diese  „über 
die  Schicksale  der  Thais  nichts  neues  berichten  können"  (Cloetta 
S.  16),  beweist  an  sich  nichts  gegen  ihre  Zugehörigkeit  zum  Poeme 
moral,  wie  die  Lütiicher  Handschrift  zeigt.  Der  Kopist  von  E 
kann  sie  nicht  gedichtet  haben,  sie  sind  auch  nicht  ein  gar  so 
„trauriges  Machwerk"  (Cloetta  a.  a.  O.).  Es  sind  die  „Ver  de  Cou- 
loigne".  Cloetta  hätte  sie  in  seiner  Handschrift  B  (=  Bibl.  Nat. 
fr.  2162)  auf  fol.  133  v°b  finden  können,  unter  der  rotgeschriebenen 
Überschrift   „Li  vier  de  couloigne". 

Von  der  Einleitung  abgesehen,  die  in  Handschrift  E  fehlt, 
läuft  E  mit  B  im  allgemeinen  parallel.  Nur  hat  B  auf  fol.  134  va 
einen  Vers  weniger  und  anderseits  eine  Strophe  mehr  als  E.  In 
der  60.  Strophe  (angefangen  von  „Glorieus  sire")  bricht  B  mit  der 
I.  Hälfte  des  4.  Verses  ab  und  schliefst  zugleich  die  ganze  Hand- 
schrift; E  ist  also  weder  mittelbar  noch  unmittelbar  von  B  ab- 
hängig, —  eine  Beobachtung,  die  zu  dem  von  Cloetta  aufgestellten 
Stammbaum  gut  pafst.  Zu  den  Eingangsversen  von  B  sind  ähn- 
liche Beispiele  bei  Naetebus  S.  8  nachzulesen;  dort  (S.  59  unter 
VIII,  10)  findet  sich  übrigens  der  in  Groebers  Grundrifs  (2.  Bd., 
I.  Abt.,  S.  869)  vermifste  Hinweis  auf  Handschrift  B  als  Zeugen 
für  die  „ver  de  Couloigne".  Deren  zweite  bisher  bekannte  Zeugin 
ist  die  Handschrift  Paris,  Bibl.  Nat.  fr.  1247 1.  Man  findet  ihre 
genaue  Beschreibung  in  G.  Paris  und  L.  Pannier,  „Vie  de  saint 
Alexis"  (1872),  S.  207 — 221.  Hinter  der  Überschrift  „Ci  commen- 
cent  li  uer  de  couloigne"  (fol.  80  v  unten)  folgen  auf  fol.  81  r — 88  v 
die  in  E  von  Cloetta  nicht  beachteten  Strophen;  jedoch  fehlen  in 
Handschrift  fr.  12 471  manche  Strophen,  und  zwar  auf  fol.  87  r 
vier,  auf  fol.  87  v  zwei,  auf  fol.  88  r  eine,  auf  fol.  88  v  zweieinhalb. 
E  hat  diese  Verse.  Dafür  enthält  allerdings  nur  Handschrift  12  471 
nach  der  letzten  Strophe  von  E  statt  des  Amen  die  Explizitverse, 
die  Naetebus  S.  8  f.  kennt.  Die  129  von  Cloetta  (S.  16)  als  „lang- 
weilige Lamentationen"  gekennzeichneten  Strophen  liegen  nunmehr 
in  dreifacher  Überlieferung  vor,  von  denen  jede  besonderen  Wert 
hat,  —  auch  Cloettas  Handschrift  E.  Gaston  Paris  kündigte  (Alexis, 
S.  213)    eine  Ausgabe    an.     Groeber  (Gnmdrifs,  S.  8Ö9)   sagt,    „der 


O.MÜLLEK,   ZUR  HANDSCHR.  ÜBERLIEFERUNG  DES  POEME  MORAL.        II3 

Gegensland  und  die  Ausführung"  dieses  „religiösen  Dits"  sei  „erst 
noch  zu  bestimmen".  Sein  Wunsch  erscheint  doppelt  gerechtfertigt, 
seitdem  jetzt  von  mir  noch  eine  dritte  Handschrift  des  Gedichtes 
gefunden  worden  ist. 

Wo  Cloetta  die  Handschrift  H  (Bibl.  nat.  fr.  2039)  bespricht, 
läfst  er  einige  Lücken  offen.  Die  Rektos  d  .r  vier  hinter  fol.  35 
stehenden  Seitenreste  verdienen  immerhin  eine  Wiedergabe,  weil 
sie  für  die  Textkritik  nicht  „gar  zu  belanglos"  (Cloetta,  S.  18) 
scheinen,  so  wenig  wie  die  vielen  kleinen  Abweichungen,  die 
Cloetta  sonst  aus  anderen  Handschriften  heranzieht  und  in  seiner 
gewissenhaften  Art  prüft.  Die  Versos  der  vier  Blattreste  lassen 
trotz  der  Zweifel  Cloettas  (S.  17)  recht  wohl  erkennen,  welche 
Verse  auf  Kolonne  d  gestanden  haben ;  sie  geben  ja  die  Reim- 
worte und  das  Ende  der  ersten  Vershälfte  wieder. 

Auf  fol.  35  a  v°  stehen  Stümpfe  von  Cloettas  Strophen  264 — 267, 
auf  fol.  35/9  v°  von  Cloetta  516,  317,  351,  377,  auf  fol.  35 /r» 
Bruchstücke  aus  der  bisher  nur  nach  L  erkannten  Fortsetzung  des 
Poeme  moral,  und  zwar  L  I2Ö2 — 7,  1273 — 82,  1285,  128Ö,  auf 
fol.  35  7v°  Parallelen  zu  Cloetta  198 — 202,  auf  fol.  35  d  v°  Stücke 
von  Cloetta  239 — 243.  Den  wertvollsten  Aufschlufs  gewährt  das 
Rekto  des  dritten  Blattrestes  hinter  fol.  35. 

Abgesehen  von  drei  Zeilen,  die  sich  nicht  sicher  unterbringen 
lassen,  enthielt  die  Kolonne  a  dieses  Blattes  nur  Verse  aus  der 
vorletzten  Distinktion  der  allgemeinen  Rubrikentafel  von  Hand- 
schrift A.  Auch  Cloetta  sah  also  Stücke  des  Poeme  moral,  die 
sein  Fragment  ergänzen  und  seiner  Vermutung  (S.  6  f.)  über  die 
Entstehung  des  Gedichtes  widersprechen. 

fol.  3Ö  enthält  auf  Kolonne  a,  b  und  c  zunächst  die  Strophen, 
die  Cloetta  S.  18  aufzählt.  Dann  folgen  in  Kolonne  c  die  Verse 
L  1214 — 1319. 

Sie  schliefsen  sich  nach  kurzer  Unterbrechung  an  die  auf 
fol.  35  y  x°  gefundenen  Verse  an.  Menge  hat  übersehen,  dafs  schon 
Paul  Mt  yer  im  Bulletin  de  la  societ6  des  anciens  textes  1878,  S.  64 
die  beiden  letzten  von  ihnen  wörtlich  abdruckte.  Paul  Meyers 
kurze  Notiz,  verglichen  mit  L  I32if,  weckte  mir  Zweifel  an  Cloettas 
Ausführung  S.  1 8  f.  Studium  der  Handschrift  H  gab  die  über- 
raschende Bestätigung  des  Zweifels.  Sollte  etwa  auch  Handschrift 
F  149  der  Madrider  Nationalbibliothek,  aus  der  Paul  Meyer  wert- 
volle Parallelen  zur  H  heranzieht  (a.  a.  O.,  S.  38 — 64),  zum  Poeme 
moral  Vergleichstücke  bieten?  Jedenfalls:  Die  Pariser  Handschrift 
2039  (=  //)  gewinnt  für  unser  Gedicht,  von  ^em  sie  auf  2  Seiten 
eine  ansehnliche  Reihe  von  Versen  wiedergibt,  in  Zukunft  eine 
weit  höhere  Bedeutung,  als  Cloetta  ahnen  konnte.  INIenge  hätte 
nicht  schreiben  dürfen,  dafs  L  „allein  den  letzten  Teil  dos  Ge- 
dichtes enthält"  (S.  409). 

Über  das  Verhältnis  der  Handschriften  ergab  sich 
aus  sorgfältiger  Prüfung  der  Lesarten :  K  und  /  bilden  eine  Gruppe, 
ebenso  wie.  G^  und   G^.     Beide  Gruppen   stammen   von    einer    ge- 

/.eit-rhr   f   rnm   Phil,  XLH.  8 


1  1 4       VERM.     ZUR  LlTliRATüRGESCH.     O.  MÜLLER,    POKME  MORAL. 

meinsamen  Vorlage.  Diese  ist  mit  A  in  eine  von  ß  getrennte 
Familie  einzusetzen,  die  sich  als  Zwischenglied  zum  Original  hin- 
einschifbt  (vgl.  Cloi-tta  S.  34).  G  ist  mit  seinen  Zwischengliedern 
aus  der  Familie  (j  herauszulösen.  Die  Handschrift  L  ist,  trotz  der 
wegen  ihres  geringen  Alters  einzusetzenden  Zwischenglieder,  ein  B 
nebengeordiifctes  Glied  der  Familie  ß  und  von  ähnlichem  Erkenntnis- 
wert wie  B  und  A. 

Zur  theologiegeschichtlichen  Auswertung  des  Gedichtes,  die 
hier  wie  sonst  leider  von  Romanisten  und  Theologen  ein  wenig 
übersehen  wird,  vergleiche  meinen  Aufsatz  „Theologisches  zum 
altfranzösischen  Po^me  moral"  in  der  Zeitschrift  „Theologie  und 
Glaube"  (Paderborn,  Schoeningh),  14.  Jahrg.  (1922),  H.  1,  S.  17  —  25. 

O.  MÜLLKR. 


BESPRECHUNGEN. 


Arvld    Rosenqvist.      Limites    administratives    et   division    dialectale   de    la 
France.     Neuphilol.  Milteil.  XX  (1919)  p.  87 — 119. 

Der  Artikel  Rosenqvist's  beschäftigt  sich  mit  zwei  Fraf,'en:  Gibt  es 
Dialektgrenzen?  Wodurch  sind  die>e  bedingt?  Zu  diesem  Zweck  hat  V.  es 
unternommen,  auf  Grund  des  Atl.  ling.  die  wichtigsten  mundartlichen  Erscbei- 
mingen  Frankreichs  zusammenzufassen  und  zu  vergleichen.  68  der  sich  auf 
diese  Weise  ergebenden  Isophonen  werden  uns,  auf  einer  Karte  vereinigt, 
plastisch  vorgeführt.  In  eine  zw^eite  Karte  auf  durchsichtigem  Papier,  welche 
sich  bequem  mit  der  Sprarhkarte  zur  Deckung  bringen  läfst,  sind  die  politischen 
und  kirchlichen  Grenzen  Frankreichs  alter  und  neuer  Zeit  eingetragen.  Trotz 
der  auf  den  ersten  Blick  wirr  durcheinander  laufenden  Linien  bietet  die 
Isophonenkarte  viel  des  Interessanten. 

In  die  Augen  fällt  zunächst  die  bereits  jedem  Dialekllorscher  bekannte 
Isophonenstrafse,  die,  sich  Gironde  aufwärts  ziehend,  in  einem  weiten  Bogen 
nach  Norden  ausholt,  um  schliefslich  mit  ihrem  Hauptarm  in  das  Depart.  der 
Hautes  Alpes  auszulaufen.  Allein  27  der  50  auf  Südfrankreich  entfallenden 
Isophonen  nehmen  ihren  Ausgang  an  der  Girondemündung  und  laufen  ca. 
100  Kolometer  in  einer  Linie  flufsaufwärts.  Nicht  weniger  ausgeprägt  sind 
die  Scheidelinien,  die  im  Süden  das  Katalanische,  im  Westen  das  Gaskognische 
vom  Reste  des  provenzalischen  Sprachgebiets  absondern.  Wie  abrupt  gelegent- 
lich der  Übergang  von  einem  Dialektgebet  ins  andere  ist,  läfst  sich  besonders 
anschaulich  zwischen  Punkt  130  und  49  im  oberen  Maasgebiet  und  an  der 
Nordgrenze  des  provenzalischen  zwischen  Punkt  601  und  602  beobachten. 
Dort  vereinigen  sich  6,  hier  gar  10  Isophonen.  Füglich  darf  wohl  an  der 
Existenz  von  Dialekt  grenzen  kaum  noch  gezweifelt  werden.  Freilich  treten 
sie  nicht  immer,  vor  allem  nicht  in  so  greifbarer  Gestalt  auf.  Zumal  auf 
weiten  Gebieten  des  provenzalischen  Ostens  zeigt  die  R.'sche  Karle,  wie  die 
einzelnen  Isophonen  oder  Isophonenbüschel  divergieren,  sich  kreuzen,  sich  von- 
einander trennen,  um  sich  bald  wieder  mit  denselben,  bald  mit  anderen  Büscheln 
zu  vereinigen.  So  bietet  dieser  Teil  der  Sprachkarte  ein  wirres  Bild  ungeordnet 
durcheinanderlaufender  Linien,  so  dafs  an  eine  reinliche  Scheidung  in  Dialekt- 
gruppen hier  kaum  gedacht  werden  kann.  Jede  einzelne  Erscheinung  scheint 
hier  ihr  eigenes  Verbreitungsgebiet  zu  haben.  Immerhin  dürfte  dieser  Zustand 
ein  sekundärer  und  erst  dutch  die  im  Rhonelal  wirkenden  Vcikehrseinflüsse  und 
die  wechselnden  wirtschaftlichen  Inteiessengemeinschaften  ausgelöst  worden  sein. 
Schwieriger  ist  die  zweite  Frage.  Welches  sind  die  Ursachen  der  Dialekt- 
grenzen,  bzw;  welches  sind  die  Hindernisse,  die  sich  der  Sprachuniformierung 

8* 


1 1 6  BESPRECHUNGEN.      E.  GAMILLSCHEG. 

in  den  "Weg  stellen?  Sind  es  BodenverhiiUnisse,  politische  Grenzen  oder  nach 
der  von  Heinrich  Morf  vertretenen  Theorie  die  kirchliche  Zusammengehörigkeit? 
Was  den  ersten  Punkt  betrifft,  so  ist  wohl  zu  unterscheiden  zwischen  den 
Arten  der  lokalen  Hindernisse.  Dafs  hohe  Gebirge  und  braue  Flüsse  infolge 
Pafs-,  Brücken-  und  Bootsverkehr  eher  vermittelnd  als  trennend  wiiken,  scheint 
ja  heute  festzustehen.'  Andererseits  haben  Tourtoulon  und  Bringuier 
nachgewiesen,  wie  nachdrücklich  sich  der  ungeheure  Wald  von  Braconne  der 
Verschmelzung  von  Nord-  und  büdfranzösisch  in  den  Weg  stellt.  Auch  grofse 
Verkehrsstrafsen  können  durch  das  mannigfaltige  Sprachgut,  das  sie  in  ihrem 
Strome  mit  fortspülen,  als  „Querriegel"  wirken  und  den  sprach'ichen  Ausgleich 
verhindern.*  Interessant  ist  die  Anwendung  der  Alorf'schen  Theorie  auf  die 
R.'sche  Isophonenkarte.  Es  ergibt  sich  nämlich ,  dafs  Diözesalgrenzen  mit 
heutigen  Diakktgrenzen  im  östlichen  Hörault  und  im  Depart.  der  Basses  Alpes 
zusammenfallen.  Andererseits  weist  R.  nach,  dafs  der  von  Morf  hervorgehobene 
Zusammenfall  von  Dialekt-  und  Diözesalgienze  im  Westen  des  Bistums  Lyon 
und  im  Osten  von  Cambrai  aus  dem  Grunde  keine  absolut  sicheren  Schlüsse 
bietet,  weil  die  gleichen  Linien  7 — 800  Jahre  auch  als  politische  Grenzen 
gedient  haben.  Aus  demselben  Grunde  bleibt  es  zweifelhaft,  ob  die  Linien, 
die  das  Provenzalische  im  Norden  vom  Französischen,  im  Süden  vom  Kata- 
lanischen scheiden,  auf  die  hier  laufenden  politischen  oder  kirchlichen  Grenzen 
zurückgehen.  Auffällig  hingegen  ist  der  völlige  Zusammenfall  von  politischen 
Grenzen  und  Dialektgrenzen  im  Mündungsgebiet  der  Loire,  im  Norden  des 
Puy  de  Dome  und  im  oberen  Mainegebiet.  Auf  anderen  Gebieten  (Dordogne, 
Cantal  etc.)  wieder  treten  Dialektgrenzen  auf,  wo  man  irgendwelche  kirchliche 
oder  politische  Grenzen  vergeblich  sucht. 

Das  eine  scheint  mit  Sicherheit  aus  der  anregenden  R. 'sehen  Studie 
hervorzugehen:  Es  gibt  für  diese  interessante  Frage  keine  Lösung  in  Bausch 
und  Bogen.  Die  heterogensten  Elemente  wirken  bei  der  Entstehung  der 
Mundartengrenzen  mit.  Diese  aber  lassen  sich ,  wenn  heute  überhaupt  noch, 
oft  nur  durch  gründliches  Studium  der  lokalen  und  wirtsc^.afilichen  Verhältnisse 
an  Ort  und  Stelle  feststellen.  Bevor  man  ein  absctiliefsendes  Urteil  fällt,  wird 
man  daher  gat  tun,  das  Resultat  weiterer  Einzeluntersuchungen  abzuwarten, 
von  denen  zunächst  allein   eine  Förderung  dieses  Problems  zu  erwarten  ist. 

Gerhard  Rohlfs. 


Platz,  Ernest,  Les  noms  francais  ä  double  genre.  Contributious  ä  une 
nouvelle  orientation  dans  l'enseignement  de  la  langue  maternelle.  Luxem- 
bourg,  P.  Worrd-Merlens.     1919.     62  S. 

Diese  Broschüre,    deren  Verfasser   im   2.  Band  des  Archivum  romanicum 

eine  Untersuchung  über  den  Geschlechtswandel  in  den  französischen  Mundarten 


*  Freilich  gibt  es  auch  hier  Ausnahmen.  So  bildet,  wie  ich  im  Früh- 
jahr 1914  beobachten  konnte,  die  Pafsslraf^e  des  Montemoro  (im  Süden  von 
Acqui)  eine  recht  scharfe  Grenze  zwischen  Piemom.esiich  und  Ligurisch. 

"^  Für  die  Handelssirafse  Narbonne  —  Bordeaux  ist  dieser  Nachweis  von 
Margot  Henschel  in  ihrer  trefflichen  Dissertation  „Zur  Sprachgeographie 
Südwestgalliens"  (B-rlin  1916)  erbracht  worden.  Auch  die  Via  Appia  bildet 
zwischen  Tarent  und  Brindisi  eine  deutliche  Mundartengrervze. 


J 


HILÜING   KJELLMAN,    LA    CONSTKUCTION   MODERNE    ETC.  I  I  7 

auf  Gruud  des  Atlas  veröffentlicht  hat,  sucht  sprachwissenschaftliche  Resultate 
einem  weitern  gebildeten  Publikum  zugänglich  zu  machen.  Er  hofft,  dafs  auf 
diesem  Wege  das  Gefühl  für  die  Lebendigkeit  der  Sprache  gröfser  werde  und 
dafs  manches  starre  Vorurteil  über  die  Sprache  im  allgemeinen  und  über  die 
Muttersprache  im  besonderen  -verschwinden  werde.  Mit  einem  Enthusiasmus, 
der  auf  den  Leser  wohltuend  wirkt  und  zeigt,  dafs  die  Sache  dem  Verfasser 
sehr  am  Herzen  liegt,  sucht  dieser  besonders  die  Schule  zu  gewinnen.  Er 
packt  das  Problem  an  einem  kleinem  Zipfel  an,  nämlich  dem  Geschlechts- 
wandel, den  er  für  Laien  recht  interessant  darzustellen  weifs.  Dem  Linguisten 
ist  willkommen  die  Liste  der  doppelgeschlechtigen  Substantive  der  Schriftsprache 
vom  16. — 20.  Jh.,  die  zwar  nicht  vollständig  ist,  aber  eine  hübsche  Material- 
zusammenstellung bietet.  Die  Pflicht,  unsere  Wissenschaft  in  gutem  Sinne  zu 
popularisieren,  haben  wir  bisher  nur  sehr  unvollkommen  erfüllt;  es  ist  daher 
jeder  ernste  Schritt  in  dieser  Richtung  zu  begrüfsen. 

W.  V.  Wartburg. 


Hilding  Kjellman,  La  construction  moderne  de  Pinfinitif  dit  suJet  lo^iijue 
en  franaiis.  Etüde  de  syntaxe  historique.  Uppsala  Universitets  Arsskrift 
1919.  Filosofi,  Sprakvetenskap  och  historiska  vetenskaper.  i.  Uppsala. 
Akademiska  Bokhandeln.     (1919.) 

Kjellman  hat  in  einer  früheren  Arbeit  (La  constiuction  de  l'infinitif  ddpen- 
dant  d'uue  locution  impersonnelle  en  fran^ais.  Des  origines  au  XV e  siScle. 
Uppsala  1913)  die  Form  und  Bedeutung  der  unpersönlichen  Ausdrücke  des 
Altfranzösischen  studiert,  soweit  von  ihnen  ein  Infinitiv  abhängig  ist  {ü  me 
convient  a  faire  —  il  est  tetnps  de  partir)  und  damit  den  ersten  grofs- 
angelegten  Versuch  unternommen,  die  Entstehungsgeschichte  des  präpositionaleu 
Infinitivs  im  Französischen  von  einem  weiteren  Standpunkte  aus  aufzuklären. 
Die  vorliegende  Arbeit  setzt  nun  ein,  wo  die  erste  Untersuchung  endete,  nämlich 
ungefähr  mit  dem  Jahre  1400,  da  der  Verfasser  zu  dem  Ergebnis  gelangt  war, 
dafs  mit  diesem  Zeitpunkt  eine  neue  Periode  in  der  Entwicklung  der  behandelten 
Konstruktion  einsetzte.  Während  für  den  Verfasser  in  Verbindungen  wie  se 
vos  i  piaist  a  entendre  oder  trop  li  seroit  grief  a  raconter  die  Gruppen  a 
entendre ,  a  raconter  ebenso  wie  de  raconter  in  folie  est  de  raconter  adver- 
bielle  Ergänzungen  des  unpersönlichen  Ausdrucks  darstellen,  d.  h.  die  Prä- 
positionen ä  und  de  ihre  volle  syntaktische  Bedeutung  besitzen  wie  in  einem 
beliebigen  anderen  präpositionalen  Ausdruck,  wird  von  ca.  1400  an  die  Prä- 
position vor  dem  Infinitiv  in  den  angeführten  Verbindungen  zum  reinen  Form- 
element. So  wird  die  Gruppe  il  est  temps  de  partir  syntaktisch  gleichwertig 
mit  alten  präpositionslosen  Verbindungen  wie  il  faiit  partir  und  nun  ist  die 
Möglichkeit  gegeben,  dafs  sich  de  als  reines  Formelement,  das  keinen  eigent- 
lichen präpositioneilen  Wert  mehr  hat,  analogisch  ausdehnt,  z.  T.  auf  Kosten 
des  präpositionslosen  Infinitivs,  z.  T.  für  älteres  a,  bis  es,  wie  im  Neufranzö- 
sischen, fast  ebenso  mit  dem  Infinitiv  verschmilzt,  wie  deutsches  zu,  engliscli 
to,  rumänisch  a  usw.,  s.  S.  298  der  ersten,  S.  2  der  vorliegenden  Arbeit. 

Um  den  Ausgang  dieser  analogischtn  Bewegung  in  jedem  einzelnen  Fall 
erkennen  zu  können,  nimmt  K.  eine  scharfe  Scheidung  der  einzelnen  syntak- 
tischen Formen    der    unpersönlichen  Ausdrücke    vor.     Dies   wird   von  dem  an- 


1  1 8  BESPRECHUNGEN.       E.  GAMILLSCHEG, 

gegebeneu  Zeitpunkt  an  auch  deshalb  leichter  möglich,  weil  an  die  Stelle  des 
Schwankens  des  Allfranzösischen  eine  gewisse  Regelmäfsigkeit  in  der  Kon- 
struktion getreten  war.  Es  sind  nun  hauptsächlich  drei  Gruppen  von  Verbin- 
dungen, die  nebeneinander  einhergehen:  i.  der  präpositionslose  Infinitiv:  il 
me  convient  aller -^  2.  der  Typus  //  w/«?  piaist  ä  dire\  3.  die  grof>e  Gruppe 
der  Verbindungen  Substantiv  -|-  Kopula  +  Infinitiv  und  Adjektiv  -j-  Kopula  + 
Infinitiv,  die  selbst  wieder  je  nach  der  Einleitung  [ce  oder  il)  und  nach  der 
Stellung  des  Substantivs  bzw.  Adjektivs  in  Untergruppen  zerfällt,  die  nach  K. 
den  Ausgangspunkt  für  die  analogische  Ausbreitung  des  de  vor  dem  Infinitive 
bilden.  Diese  Konstruktionen  verfolgt  K.  vom  15.  Jahrhund'^rt  bis  zu  Vau- 
gelas,  dessen  Eingreifen  in  der  Hauptsache  die  Bewegung  zum  Abscblufs  biingt. 

So  gering  auch  der  Ausschnitt  aus  der  allgemeinen  Sprachgeschichte  zu 
sein  scheint,  den  K.  seiner  Untersuchung  zugrunde  legt,  so  gestattet  er  doch 
einen  sehr  anschaulichen  Einblick  in  die  allgemeinen  Sprachströmungen.  Die 
analogische  Ausbreitung  der  tfe'- Konstruktionen,  die  im  14.  Jhdt.  einsetzt, 
macht  zunächst  im  15.  Jhdt.  starke  Fortschritte,  so  dals  bei  Commynes  die 
modernen  Verhältnisse  b'einahe  erreicht  sind  (S.  37).  iSIit  der  ersten  Hälfte  des 
16.  Jhdts.  erfolgt  eine  jähe  Unterbrechung,  es  setzt  sogar  eine  rückläufige  Be- 
wegung ein.  Schon  bei  Christine  v.  Pisa  im  vergangenen  Jahihundert  finden 
sich  Anzeichen  einer  latinisierenden  Strömung,  die  die  präpositionalen  Wendungen 
zugunsten  des  reinen  Infinitivs  zurücktreten  läf-.t  und  die  nun  mit  Rabelais 
ihren  Höhepunkt  erreicht.  Dichter  wie  Marot  können  sich  dieser  Bewegung 
nicht  verschliefsen,  wenn  sie  auch  nicht  in  allem  den  rücksichtslos  latinisierenden 
Zeitgenossen  nachfolgen.  Das  kraftvolle  Edikt  der  Plejade,  die  Deffence  et 
ilhistration  de  la  langue  frangoise  von  Joachim  du  Bellay,  wendet  sich  um 
die  Mute  des  Jahrhunderts  gegen  diesen  latinisierenden  Unfug  und  die  Mehr- 
zahl der  fortschrittlich  gesinnten  Zeitgenossen  folgt  dem  Rate  nach  Rückkehr 
zur  ungekünstelten  Volkssprache;  aber  bis  zum  Ende  des  Jahrhunderts  können 
Schriftsteller  wie  Pierre  de  Larivey,  ob  sie  nun  bewufst  oder  unbewufst  einen 
preziös-latinisierenden  Stil  schreiben,  zu  den  verpönten,  präposilionslosen  Ver- 
bindungen greifen.  Es  werden  diese  Konstruktionen  zu  einem  Stilmittel,  die 
Schriftsprache  trennt  sich  vorübergehend  von  der  Umgangssprache.  So  wird 
neuerdings  das  Eingreifen  der  Grammatiker  notwendig,  um  die  endgültige  Ein- 
heitlichkeit der  Schiiftsprache  in  diesem  Ausschnitt  der  Sprache  wieder  her- 
zustellen. 

Ich  habe  schon  in  meiner  Besprechung  des  ersten  Teils  der  Untersuchung 
(ZFSL  1914)  meine  Bedenken  gegen  das  Prinzip  ausgesprochen,  die  altfranzö- 
sischea  präpositionalen  Wendungen  vom  Typus  co  me  convient  a  faire  „es 
geziemt  sich  mir  zu  tun"  aus  der  eigenen  Funktion  der  Präposition  ä  zu  er- 
klären und  vermutet,  dafs  schon  im  Altfranzösischeu  eine  weitgehende  ana- 
logische Ausbreitung  der  «-Konstruktionen  eingetreten  ist,  ohne  allerdings  die 
Zustimmung  des  Verfassers  zu  gewinnen.  Dafs  ä  vor  dem  Infinitiv  im  Alt- 
französischen im  Begriffe  war,  eine  ähnliche  Rolle  zu  spielen  wie  das  neufr/.. 
de,  zeigen  besonders  deutlich  Fälle,  in  denen  der  Infinitiv  mit  u  nach  einer  Prä- 
position mit  der  vollen  präpositionalen  Geltung  zu  stehen  kommt,  über  die  jetzt 
bequem  Tobler-Lommatzsch  Sp.  22  f.  einzusehen  ist,  vgl.  besonders  czini  dulce 
amitrs  est  de  den  a  enameir,  Poeme  Moral  5  a ;  Cayn  chäit  en  fratecide  a 
faire,    Job  368,  27;    saus  foint  d^oimour  a  refuser  JCond.  I,  196,900  u.  v.  a. 


HILDING    KJELLMAN,    LA    CONSTRUCTION    MODERNE    ETC.  IIQ 

Das  d  iu  il  convient  ä  faire  läfst  sich  vor  allem  nicht  von  dem  rein  flexivischen 
ä  trennen,  das  namentlich  in  der  Verbindung  eines  Verbums  mit  doppeltem 
Passivobjekt  das  zweite  der  beiden  Objekte  begleiten  kann,  also  afrz.  adober 
aucun  ä  Chevalier ^  il  choisirent  un  austour  a  rot  (Marie  de  Fr.);  Rou  cumit 
Adestan  a  riche  hume  e  a  fort  (Wace);  coroner  aucun  a  roi,  ebenso  nach 
eslire ,  establir,  laissier  u.v.a.,  wo  im  Allfranzösischen  daneben  die  ß-lose 
Konstruktion  stehen  kann,  im  Neufranzösischen  nur  diese  steht,  wenn  nicht  ä 
durch  eine  vollere  Präposition  ersetzt  ist.  In  einem  t'atz  wie  Rou  cunut 
Adestan  a  riche  hume  ist  a  riche  hume  das  psychologische  Prädikat  wie  a 
faire  in  ge  me  covient  a  faire ^  ä  hat  hier  rein  flexivische  Funktion;  es  dient 
vom  Standpunkt  des  Altfranzösischen  aus  nur  dazu,  zwischen  den  Objekten 
Adestan,  das  einen  Teil  des  psychologischen  Subjektes  darstellt  und  riche 
hume,  dem  psychologischen  Prädikate,  eine  sprachliche  Pause  bzw.  eine  psycho- 
logische Trennung  einzuführen,  hat  also  die  gleiche  Funktion,  die  im  sprach- 
lich-ii  Ausdruck  eines  Identitätsurteils  die  Kopula  ausfüllt.  Neben  diesem  0, 
das  analogischen  Ursprungs  ist  und  zum  Ausdruck  einer  analytischen  Trennung 
des  Vorstellungsinhaltes  dient,  steht  dann  dativisch-flexivisches  ä  wie  in  attri- 
bucr  ä  faire  qch.  und  volles  präpositiouales  d,  namentlich  zura  Ausdruck  des 
Zweckes,  der  Richtung  u.a.,  das  nalurgemäfs  auch  bei  unpersönlichen  Aus- 
drücken eintreten  kann  und  von  K.  entsprechend  gewürdigt  wurde. 

Anders  steht  es  mit  der  Präposition  de.  Auch  ditse  hat  im  Altfranzö- 
sischen  eine  dem  ä  entsprechende  analj'iisch-flexivische  Funktion,  sie  sclur-idet 
aber  nicht  das  psychologische  Prädikat  vom  psychologischen  Subjekt,  sondern 
fügt,  wo  sie  nicht  einen  lateinischen  Genetiv  bzw.  Ablativ  ersetzt,  zu  einem 
abgeschlossenen,  aus  psychologischem  Subjekt  und  Prädikat  bestehenden  Satz 
ein  weiteres  psychologisches  Prädikat  hinzu,  erfüllt  also  die  Funktion  einer 
vollen  Präposition.  Es  tritt  so  de  (dank  seiner  ursprünglichen  Bedeutung  „was 
betrifft,  bezüglich")  mit  Vorliebe  nach  medial  gebrauchten  intransitiven  Verben 
auf,  wie  soi  abuser  „Mifsbrauch  treiben",  soi  gouster  „Vergnügen  empfinden", 
savoir  de  „Verständnis  haben"  u.a.,  es  ist  also  de  gleicherweise  Ausdiucks- 
mittel  zur  Verbindung  zusammengehöriger  Vorstellungen,  wie  zur  Trennung 
der  primären  Piädikatsvorstellungen  von  den  sekundären.  AVo  endlich  Haupt- 
verbum  und  Infinitiv  eine  analytische  Trennung  nicht  zulassen,  d.  h.  das  Haupt- 
verbum  nur  die  Modalität  der  im  Infinitiv  ausgedrückten  tiandlung  bestimmt, 
wie  nach  afrz.  estuet,  nfrz.  il  faut  u.  ä. ,  kann  sich  weder  das  analytisch- ver- 
bindende d,  noch  das  analytisch-treunende  de  einfiude:i,  es  verschmilzt  Hilfs- 
verbum  und  Infinitiv  zu  einer  untrennbaren  Verbindung.  Die  Setzung  von 
d  und  de  vor  dem  Infinitiv  ist  also  im  Altfranzösischen  ein  stilistisches 
Hilfsmittel,  die  engere  oder  weitere  Zusamm.eugehörigkeit  der  im 
Hauptverbum  und  Infinitiv  bezeichneten  Vorstellungen  zum  Aus- 
druck zu  bringen,  ddher  erklärt  sich  auch  die  relative  Freiheit  in  der 
Setzung  dieser  beiden  Präpositionen.  Das  Miltellranzösische  hat  diese  feine 
stilistische  Unterschfiduugsmoglicijkeit  des  Altfranzösischen  aufgegeben,  wie  es 
den  Unterschied  zwischen  dtm  absoluten  intransitiven  Verb  und  dem  medial 
intransitiven  Verbe  (z.  B.  abuser  neben  soi  abuser)  aufgegeben  hat,  wie  es  den 
Unterschied  zwischen  defier  aucun  und  defier  d  aucun  je  nach  dem  bewufsten 
Eingreifen  des  handelnden  Subjektes  oder  der  unbewufst  sich  vollziehenden 
Handlung    giöfslenteils    wieder   verwischt    hat;    die  Sprache  wird  vergrammati- 


I20  BESPRECHUNGEN.      K.  GAMILLSCHEG, 

kalisiert,  ä  bzw.  de  vor  dem  lufinitiv  werden  die  reinen  Formelcmente,  als  die 
sie  K.  im  zweiten  Teil  seiner  Arbeit  ansieht. 

K.  hat  also  instinktiv  erkannt  —  und  das  habe  ich  iu  meiner  Besprechung 
des  ersten  Teiles  der  Arbeit  nicht  genü{;end  betont  — ,  dafs  die  Setzung  von 
ä  bzw.  de  von  der  Natur  des  unpersönlichen  Ausdrucks  abhängig  ist.  Das 
Wesentliche  besteht  aber  nicht  darin,  dafs  das  unpersönliche  Verbum  etwa 
bei  persönlichem  Gebrauch  die  entsprechende  Präposition  in  der  vollen  prä- 
pusitiouilen  Bedeutung  nach  sich  verlangen  wiiide,  sondern  dafs  die  syntak- 
tischen Verbindungen  zwischen  unpersönlichem  Ausdruck  und  Infinitiv,  psycho- 
logisch zergliedert,  das  Verhältnis  zwischen  dem  psychologischen  Subjekt  und 
den  psychologischen  Prädikaten  in  ganz  verschiedeneu  Formen  erscheinen 
lassen.  Ich  nehme  nur  einen  Fall  heraus,  der  K.  S.  27  der  Dissertation  aus 
seiner  Auffassung  heraus  schwer  verständlich  ist:  „Une  quatrieme  categorie  de 
locutions  verbales  qui  dans  le  plus  ancien  i'ran^ais  se  trouvaient  construitcs 
avec.  l'inf.  precede  de  de,  comprend  des  verbes  tels  quo  se  kaster,  s'aprester 
et  des  locutions  composdes  des  adjectifs  correspondants.  .  .  .  Avec  ces  ex- 
pressions  on  s'attendrait  plutot  ä  trouver  un  inf.  precede  de  la 
prep.  ä  exprimaul  quo  l'action  du  verbe  principal  doit  etre  regardee  comme 
e  point  de  depart  de  celle  qu'exprime  l'inf.  .  .  .  On  pourrait  peut-6tre  expliquer 
cet  emploi  vraiment  un  peu  surprenant  de  l'inf.  precede  de  de  de  la 
ia^on  qu'en  voyant  dans  la  prep.  une  indication  de  l'objet  de  l'action  que  ren- 
ferme  l'inf.,  on  attribuait  ä  de  la  valeur  de  quant  ä,  concerhant^'' .  Allfranzü- 
sisches  soi  haster,  soi  attargier  u.  ä.  enthalten  als  medial  intransitive  Verba 
neben  der  verbalen  Handlung,  die  im  Infinitiv  bezeichnet  ist,  den  Hinweis  auf 
die  persönliche  Anteilnahme  des  grammatikalisch-psychologischen  Subjekts  (in 
soi  sehe  ich  gemäfs  der  alten,  von  Diez  vertretenen  Auffassung  den  lat.  Dativ 
sibi,  der  in  dieser  Funktion  im  Spätlateinischen  reichlich  bezeugt  ist),  damit 
ist  die  erste  Vorstellung  abgeschlossen;  die  zweite,  die  nun  den  Gegenstand 
des  Hastens,  der  Verzögerung  sprachlich  bezeichnet,  tritt  dann  als  sekundäres 
psychologisches  Prädikat  in  der  grammatikalischen  Form  des  Respektivobjektes 
hinzu.  Afrz,  soi  haster  de  faire  entspricht  also  deutschem  „es  eilig  haben  mit 
dem  Tun",  während  „sich  beeilen  zu  tun"  afrz.  ursprünglich  mii  haster  ä  faire 
wiederzugeben  wäre. 

Im  Einzelneu  hat  K.  diese  Bedeutung  speziell  der  J^- Konstruktion  er- 
kannt, so  z.  B.  S.  19  bei  Besprechung  der  Formel  qu'est-il  de  faire.  Aber 
auch  sonst  löst  die  Erklärung,  die  von  der  Abgeschlossenheit  bzw.  UnvoU- 
ständigkeit  der  im  unpersönlichen  Ausdruck  bezeichneten  Vorstellung  ausgeht, 
scheinbare  Schwierigkeiten,  die  sich  ergeben,  wenn  man  sich  die  Art  der 
Präposition  von  der  Bedeutung  des  unpersönlichen  Verbums  allein  abhängig 
denkt.  Vgl.  z.  B.  bei  Alain  Chartier  (S.  23),  fe  te  diray  de  quoy  il  sert 
—  De  veiller  et  de  rompre  sa  teste  gegen  La  coiirt  sa  chance  —  Et  si  lui 
couste  ä  scavoir  sa  meschance.  Im  ersten  Fall  (Ich  will  Dir  sagen,  wozu  es 
dient,  zu  wachen  und  den  Kopf  zu  zerbrechen)  ist  de  quoy  z7.ye/'^  eine  einheit- 
liche Vorstellung,  de  quoy  das  psychologische  Piädikat,  il  sert  das  psycho- 
logische Subjekt ;  dazu  tritt  als  selbständige  Vorstellung  der  mit  tf.?  eingeleitete 
Infinitivsatz,  der  das  psychologische  Subjekt  nachträglich  erläutert.  Es  tritt 
daher  das  respektive  de  ein.  Das  si  lui  couste  des  zweiten  Satzes  ist  nicht 
eine   fertige  Vorstellung,   sondern   eine   Teilvorstellung,    die   ebenso   einer  Er- 


HILDING    KJELLMAN,    LA    CONbTKUCTION    MODERNE    ETC.  1  2  I 

gänzung  bedarf  wie  etwa  eiu  Verbum  wie  metire  ein  Objekt;  das  psycho- 
logische Prädikat,  das  zu  dem  unpersönlichen  Ausdruck  gehört,  ist  im  Infinitiv 
bezeichnet,  der  hier  noch  entsprechend  dem  altfranzösischen  Gebrauch  mit  ä 
eingeleitet  wird,  das  sprachlich  die  innere  Zusammengehörigkeit  der  beiden 
Teilvorstellungen  andeutet.  Ähnlich  bei  Commynes  IT,  66  Ailleiirs  ay  parle 
de  cette  nianiere;  Mais  il  servoü  encores  cfen  parier  icy  „es  war  von  Vorteil, 
auch  hier  davon  zu  sprechen",  ü  sert  „es  ist  von  Vorteil"  ist  ebenso  eine 
einheitliche  Vorstellung  —  hier  der  Ausdruck  einer  Empfindung,  nicht  eines 
Urteils  —  wie  Ausdrücke  wie  il  pleut,  ü  neige.  Ein  il  sert  ä  parier  icy 
würde  dagegen  parier  zu  il  sert  in  kausalen  Zusammenhang  bringen,  wäre 
also  zu  übersetzen  „das  Sprechen  wird  dadurch  erleichtert,  gefördert  usf.". 

Besonders  charakteristisch  ist  dieses  Nachwirken  der  altfranzösischen 
Syntax  iu  dem  folgenden  Fall.  Christine  von  Pisa  verwendet  zuerst  un- 
persönliches chiet  in  der  Bedeutung  des  afrz.  avient,  arrive  „es  kommt  zu  — •', 
vgl.  z.  B.  K.  S.  II  dreimal  chut  bzw.  escheut  ä  parier  ,.es  fiel  die  Rede  auf". 
Daneben  steht  ebenfalls  dreimal  belegt  il  chiet  ä  propos,  il  chiet  en  mutiere, 
wo  zu  dem  unpersönlichen  chiet  eine  Modalitätsbestimmung  hinzutritt.  Ein- 
laches cheiit,  escheut  verlangt  nach  sich  das  verknüpfende  ä,  das  provisorisch 
abgeschlossene  il  chiet  ä  propos  das  erläuternde  de ,  z.  B.  II,  132  puisqu'  il 
chiet  en  mutiere  de  parier  des  poetes.  Aus  dem  gleichen  Grunde  findet  sich 
deshalb  de  an  der  folgenden  Stelle  bei  Alain  Chartier,  die  K.  S.  25  ana- 
logisch erklären  möchte :  e  puis  qu^  ainsi  m^est  escheu  —  d'estre  ä  mercy 
eiitre  voz  mains,  wo  die  Stelle  der  Modalitätsbestimmung  ä  propos  bzw.  en 
mutiere  der  früheren  Sätze  durch  den  Präpositionalersatz  ainsi  vertreten  wird, 
so  dafs  das  nachfolgende  syntaktische  Gebilde  seine  Selbständigkeit  bekommt. 
Es  hätte  sonst  wohl  auch  Alain  Chartier  gesagt:  puis  que  tn'est  eschen  ä 
estre  ä  mercy  usf.,  da  alleinstehendes  eschiet  als  Teilvorslelluug  notwendiger- 
weise einer  Ergänzung  bedarf,  die  hier  nur  im  Folgenden  gefunden  werden 
kann.  Während  hier  die  relative  Selbständigkeit  des  unpersönlichen  Ausdrucks 
durch  die  demonstrative  Partikel  ainsi  bedingt  ist,  ist  sie  im  folgenden  Fall 
durch  die  Bedeutung  des  unpersönlichen  Verbums  als  solchen  gegeben,  vgl. 
(K.  S.  29)  aus  den  Cent.  Nouv.  Nouv. :  En  la  ville  d'Arras  avoit  tmg-  bau 
marchant  auqiiel  il  mescheiit  d^avoir  femme  espousee  qiii  .  .  .,  wo  K.  nach 
seinem  Grundsatz,  dafs  die  Präposition  vor  dem  Infinitiv  von  der  Bedeutung 
des  Hauptverbums  abhängt  —  hier  ein  Verbum  des  Fallens  — ,  die  Präposition 
d  erwartet.  Aber  il  lui  mescheut  „es  stiefs  ihm  das  Unglück  zu"  ist  ebenso 
eine  relativ  abgeschlossene  Vorstellung  wie  oben  il  chiet  ä  propos  bzw.  afrz. 
mediales  soi  haster \  das  Präfix  mes-  erfüllt  hier  also  die  gleiche  Funktion 
wie  oben  uinsi  bzw.  ä  propos,  die  unpersönliche  Handlung  wird  vorübergehend 
abgeschlossen.  Geht  man  aber  wie  K.  ausschliefslich  von  der  Natur  des  un- 
persönlichen Veibums  aus,  dann  müfste  allerdings  in  allen  drei  Fällen  die 
gleiche  Präposition,  nämlich  d,  erwartet  werden. 

Im  einzelnen  ist  den  wohldurchdachten  Ausführungen  K.'s  nicht  viel 
hinzuzufügen.  S.  24  wird  bei  Alain  Chartier  ein  sonst  nicht  bezeugtes  ufßz 
angeführt  {plus  luy  piaist  et  mieulx  luy  affiz),  das  wohl  die  Bedeutung  „es 
sagt  ihm  zu"  besitzt  und  das  K.  zu  einem  afrz.  *af/itier  als  Ableitung  zu  afrz. 
afit  „Neigung"  —  affectus  stellt.  Eine  solche  Ableitung  könnte  nur  afite  lauten. 
Ich  vermute,  dafs,  wenn  das  Wort  überhaupt  authentisch  ist,  ein  latinisierendes 


122  BESPRECUUiNTGEN.       E.  GAMILLSCHEü, 

afficit  nie  „es  ergreilt  mich"  vorliegt.  —  S.  27  ^  voir  les  fruitz  par  tout 
espars  —  C'est  ung  terrestre  paradis  stellt  K.  zum  Typus  dest  une  folie  de 
le  faire  und  hält  daher  die  Verwendung  der  Präposition  ä  vor  voir  auffällig. 
(&//'  57  cas  /totes  qui  prdsentent  la  construction  sb»t.  +  cop.  ■\-  inf. ,  il  rCy  a 
gue  5  exemples  de  l'inf.  sans  prdp.\  dans  7111  seul  exemple ,  oü  Vinf.  a  un 
sens  teniporel  qid  a  certainement  determine  la  constrtictio?i,  l'inf.  est pric^dc 
de  ä:)  Der  Infi  itivsatz  ist  hier  ein  echter  verkürzter  Ntbensatz,  ohne  unmittel- 
bare Beziehung  zu  dem  nachfolgendrn  Hauptsatz,  und  ä  hat  hier  modal- 
begleitende  Funktion  wie  in  afrz.  eile  resambh  fee  a  son  corps  remirer  „wenn 
man  ihren  Körper  betrachtet",  Pen  scet  se  un  connin  est  gras  a  luy  taster 
im  nerf  ou  col  u.  ä.  bei  Tobler-Lommatzsch,  Sp.  22,  oder  in  nfrz,  ä  en  juger 
par  les  apparences,  vous  diriez  que  .  .  .;  a  les  examiner  ineme,  ce  sont  tnoins 
encore  les  Frangais  qii'ils  veulent  instruire  (Livet,  zitiert  bei  K.  S.  92)  usf. 
Es  ist  also  hier  zu  übersetzen  „Wenn  man  die  Früchte  sieht,  die  überallhin 
zerstreut  sind,  (mufs  man  sagen),  das  ist  ein  irdisches  Paradies".  Es  ist  dies 
eine  ähnliche  beziehungslose  Konstruktion  wie  etwa  das  Gerundium  bei  Grin- 
gore  in  dem  Satze:  et  qu'il  fault  .  .  .  zeser  de  justice  pugnissant  le  crime  et 
malice  du  malfaicteur  (Mönch,  Gerundium  u.  Part.  Praes.  S.  83);  odt-r  ähnlich, 
aber  mit  ausgedrücktem  Subjekt  im  Italienisch-n :  Noi  volgendo  ivi  le  nostre 
persone  —  ^^Beati  pauperes  spiritu'-''  voci  —  Cantaron  si  che  nol  diria  Ser- 
mone (Purgatorio  XII,  109);  il  quäle  nott  dura  guari  che,  lavoratido  la  pol- 
vere  a  costui,  venne  un  sonno  subito  (Decamerone  I,  287).  Eine  ähnliche 
Infinitivkonstruktion  mit  loser  Beziehung  zum  Hauptsalz,  aber  mit  en  ein- 
geleitet, findet  sich  bei  K.  S.  33  in  den  Cent.  Nouv.  Nouv. :  en  non  irespasser 
le  conseil  de  nion  jnary,  il  ine  souffist  largemcnt  „wenn  ich  nur  nicht  deu 
Rat  meines  Mannes  übertrete",  wo  das  ältere  Altlrauzösische  etwa  gesagt  hätte: 
en  non  trespassant  le  conseil  usf.  —  S,  40.  Nach  que  mäst  „was  schadet  es" 
setzt  Rabelais  latinisierend  deu  präpositionslosen  Infinitiv,  und  K.  meint,  es 
müfste  dort  organisch  ä  stehen.  Nach  dem  oben  zu  il  sert  Bemerkten  müfste 
es  aber  wohl  heifsen :  que  nuist  de  sgavoir  wie  de  quoy  sert  de  parier 
gegen  il  nuist  a  scavoir  tousjours  wie  il  sert  ä  parier.  —  S.  51.  Bei 
Ronsard  wird  die  Konstruktion  de  confesser  son  mal  il  n'y  a  point  de  faute 
als  regelmäfsig  angeführt,  dagegen  //  y  a  plus  de  peine  ä  bien  garder  son 
rang  als  auffällig  bezeichnet.  De  im  zweiten  Fall  ist  nur  dann  zu  erwarten, 
wenn  der  unpersönliche  Ausdruck  hicfse  c''est  une  peine  plus  grande  (que)  de 
.  .  .  usf.,  dagegen  entspricht  das  ä  des  zweiten  Satzes  der  Konstruktion  il  y 
a  du  deshonneur  ä  bien  ecrire  bei  Scarron  (K.  S.  79)  und  den  S.  83  aus 
Moli^re  und  der  heutigen  Sprache  angeführten  Fällen.  Es  ist  dies  die  neue 
Konstruktion  der  unpersönlichen  Ausdrücke,  wo  das  im  Infinitiv  ausgedrückte 
psycho'ogische  Subjekt  mit  de  eingeleitet  wird,  ein  ä  im  Gegensatz  zum  Alt- 
französischen dagegen  einen  Begleitumstand  einführt,  d.  h.  ein  weiteres  psycho- 
logisches Prädikat,  wie  im  Altfranzösischen  de.  Dementsprechend  ist  de  bei 
//  n''y  a  point  d'inconvenient  de  dire  que  .  .  .  berechtigt,  da  hier  eine  sprach- 
liche Gleichung  vorliegt,  —  das  psychologische  Subjekt  ist  dire  que  usf., 
während  in  ä  bien  ecrire  des  obigen  Satzes  eine  weitere  modale  Bestimmung 
vorliegt,  ä  die  volle  Bedeutung  hat,  wie  in  afrz.  ä  joie  les  recut  et  hono- 
rablement^  Rou  II,  1563,  au  temple  les  covient  la  nuit  herbergier  a  poibeivre 
et   a  poi  mangier   SMagd.  34    u.  ä.    —    S.  59    il  est   ici   noter  bei  Calvin  für 


HILDING    KJELLMAN,    MOTS    ABREGES    ET    TENDANCES    ETC.       I23 

sonstiges   ä  tioter   ist   wohl   nur  Druckfehler,    da  hier  finales  ä  zu  allen  Zeilen 

stehen  mufste. 

E.  Gamjxlscheg. 


Hilding  Kjellman,    Mots   ahreges   et  tendances   d'abreviation   en  Jrangais. 

Upp-^ala  Universitets  Arsskrift.     1920.     2.    Uppsala,  A.  B.  akademiska  Bok- 

handeln.     1922.     SS.  92. 

In  einem  flott  geschriebenen  Aufsatz  sucht  der  Verfasser  das  Wesen  der 
Abkiirzuu^stendenz  zu  erfassen,  das  heute  das  französische  Rotwelsch  beherrscht 
und  als  deren  bekanntestes  Beispiel  die  Bezeichnung  des  Boulevard  St.-Michel 
als  Buul.  Miche  gelten  kann.  Kjellman  zeigt,  dafs  auch  in  diesen  willkür- 
lichen Bildungen,  die  eine  bewuf>te  Veränderung  der  historisch  gewordenen 
Sprache  darstellen,  eine  gewisse  Gesetzmäf^igkeit  herrscht,  dafs  also  die  Willkür 
iu  sprachlicher  Beziehung  doch  nur  relativ  ist  und  %'on  selbst  wieder  in  die 
Bahnen  der  normalen  Sprachenlwicklung  gelenkt  wird. 

Die  Abküi  Zungstendenz  vom  Typus  Boul.-Miche  ist  verhältnismäfsig  jungen 
Alters.  Vor  1850  sind  kaum  sichere  Beispiele  zu  finden.  Auch  mechi  = 
Dialheur,  dis  K.  S.  7  aus  dem  Wörterbuche  des  Galeerenstiäflings  und  später!  n 
Polizeipräsidenten  Vidocq  (1837)  biingt,  ist  wohl  nicht,  wie  K.  will,  aus 
einem  mechef  verkürzt  und  in  der  Endung  umgestaltet,  sondern  zeigt  die  zu 
erwaitende  ostfranzösische  Entwicklung  des  afrz.  meschief,  gehört  also  unter 
die  mundartlichen  Ausdrücke  der  Gaunersprache.  Ähnlich  steht  es  mit  sap 
„Sarg",  das  nicht  aus  sapin  verkürzt  zu  sein  braucht,  denn  sap  lebt  heulf^ 
noch  im  Norden  (Manche)  und  in  provenzalischm  Mundarten,  s.  ALFr.  1190. 
Dals  solche  provenzalische  Ausdrücke  im  Besonderen  bei  Vidocq  zu  finden 
sind,  hat  Saiueanu,  Sources  de  1' Argot  ancien  S.  102/3  gezeigt. 

Der  Ausgangspunkt  dieser  Abkürzungen  ist  also  die  Gaunersprache;  dann 
bemächtigt  sich  die  Halbv^elt  dieses  „Bildungsmittels",  daua  Theater,  Schule 
und  Militär;  und  da  der  Weltkrieg  ganz  Frankreich  unter  die  Waffen  gebracht 
hat,  dringen  solche  Abkürzungen  in  die  allgemeine  Umgangssprache,  namentlich 
durch  die  Militärrcmane  von  Barbusse  und  Benjamin  wird  die  Abkürzungs- 
tendenz der  Platten-Sprache  literaturfähig,  ndchd-m  sie  im  Schülerjargon  schon 
längst  sich  unbeschränkte  Beliebtheit  gesichert  hat.  Während  die  Anfänge 
dieser  Tendenz  iu  der  Gaunersprache  von  dem  Bestreben  geleitet  sind,  aufser- 
halb  der  engsten  Berufskreise  unverständliche  Ausdrücke  zu  schaffen,  ist  sie 
heute  zu  einer  Sprachspielerei  geworden.  Hand  iu  Hand  mit  der  Verkürzung 
der  Wörter  geht  die  Strömung,  mehrsilbige  Endungen  durch  einsilbige  Suffixe, 
namentlich  durch  d  zu  ersetzen,  so  dafs  also  die  Uniformierung  der  Soldaten 
gewissermafsen  auf  deren  Ausdrucksweise  ausgedehnt  wird. 

Bezüglich  der  Anfänge  der  Abkürzungsiendenz  weist  K.  S.  16  darauf 
hin,  dafs  auch  Zeitungsankündigungeii  in  verkürzter  Form  von  Einflufs  gewesen 
sein  können,  wo  also  aus  Gründen  der  Sparsamkeit  die  Wörter  nur  so  weit 
geschrieben  werden,  als  zur  Verständlichkeit  unbedingt  notwendig  ist.  Ebenso 
sind  offizielle  Abkürzungen  wie  maryis  =^  marechal  du  logis,  baton  =  batailion, 
die  entbuchsiabiert  und  cachgesproihen  werden,  l'ür  den  militärischen  Wort- 
schatz von  Bedeutung  geworden.  Älinlich  hat  Spitzer,  LGRPh.  1918,  Sp.  369fl. 
Ausdrücke  wie  sfj'ld  Renaiasance,  vetements  cachemire,  die  im  Grunde  auch 
nur  Veikürzungeii    von  Wortgriippen    sind,    auf  ursprüngüclic  Eintragungen  in 


1 24  HESPRECliUNÜKN.       li.  GAMILLSCHKG, 

Polizeiregisteiu,  Büluienanwetsungen,  Fragebogen  u.  ä.  zurückgeJiihrt.  Es  sind 
solche  AbkiirzuHgen  also,  soweit  sie  nicht  wie  im  Schüler-Rotwelsch  um  ihrer 
selbst  willen  _s);ebildet  werden,  das  Ergebnis  der  vorwärt^hastendeu,  auf  jede 
gewonnene  Minute  bedachton  Zeit,  eine  Art  gesprochene  Stenographie,  mit  der 
diese  Abkürzuugstendenz  auch  in  ihrer  Regelmäfsigkeit  manches  gemeinsam 
hat.  —  Der  Verzicht  auf  gewisse  Endungen,  die  Zusammenziehuug  zusammen- 
gesetister  Wörter,  von  denen  nur  die  Anfangs-  bzw.  Endsilben  gesprochen 
werden,  dann  die  namentlich  für  die  ältere  Zeit  charakteristische  Tendenz,  die 
abgeworfenen  Silben  durch  den  einleitenden  Konsonanten  anzudeuten  (S.  23/4^, 
sind  der  Debattenschrift  wie  dem  gesprochenen  Abkürzungsverfahren  des  Fran- 
zösischen gemeinsam. 

Bezüglich  der  Anfänge  der  Abkürzuugstendenz  in  der  volkstümlichen 
Sprache  hätte  vielleicht  mehr  die  organische  Rückbildungsmöglichkeit  der 
Sprache  berücksichtigt  werden  können,  die  zu  scheinbaren  Ableitungen  neue 
Grundwörter  schafft,  wie  chague,  das  neben  chacun  tritt  u.  ä.  Vgl.  z.  B. 
frz.  cource  „Tragholz,  das  man  beim  Beschneiden  der  Reben  stehen  läfst",  aus 
coiirgon,  oder  berrich.  lesse  „Lauge",  das  aus  lessu^  der  lokalen  Entsprechung 
von  lessif  rückgebildet  ist  usf.  Treten  nun  solche  Rückbildungen  aus  Dialekten 
oder  sonstwie  neben  die  vollen,  literarischen  Formen,  so  war  die  Möglichkeit 
einer  analogischen  Ausdehnung  gegeben.  Namentlich  bei  Suffixen ,  die  ver- 
gröbernde oder  verkleinernde  Funktion  hatten,  waren  solche  Rückbildungen 
jederzeit  möglich.  So  wird  sich  das  schon  1790  belegte  daiiffe  =  pince,  coiitre 
für  dauphin  daraus  erklären,  dafs  -in  nach  stammhallem  0  Deminutivsuffix  ist, 
dauffe  also  eine  gröbere  Art  von  \_doJe'\  darstellt.  .\uch  das  verbällnisraäfsig 
seltenere  Abkürzungsverfahren,  das  in  dem  Weglassen  von  Präfixen  besteht, 
hat  seine  Wurzel  in  Vorgängen  der  organischen  Sprachentwicklung.  So  croc 
neben  escroc,  das  mit  der  bekannten,  von  Behrens  und  Tappolet  wiederholt 
behandelten  fj-t'- Prothese  zusammenhängt  und  in  Ta^^ixov .  bringa  „hin  und  her 
tanzen"  für  afrz.  espringuer  (frk.  springan)  eine  alte  Parallele  bat,  vgl.  auch 
Nyrop  III,  S.  242/3.  Auch  der  Abfall  eines  anlautenden  cha-,  ca-  kann  eine 
solche  Rückbildung  einer  scheinbaren  Präfigierung  mit  diesem,  namentlich  im 
Norden  lebenskräftigen  Suffixe  darstellen,  die  zuerst  im  Munde  eingewanderter 
Provinzialen  entsteht  und  als  komisch  wirkende  Bildung  von  den  ersten  Hörern 
beibehalten  wird.  * 

Wieder  anders  erklären  sich  Bildungen  wie  tag  für  ta  gueuL- ,  tup  für 
tu  partes,  aber  auch  tu  penses,  die  K.  S.  25  Anm.  als  vratment  extraordinaires 
bezeichnet,  und  die  mit  tiroque  (=  tire  au  cuT)  u.  ä.  zusammenhängen.  Hier 
liegt  nicht  eigentliche  Abkürzung  vor,  sondern  vorzeitiges  Innehalten  in  einer 
Verwünschung.  Wie  der  Rezensent  im  Kreise  der  Surveillants  eines  Pariser 
Lyzeums  zum  Überdrufs  zu  beobachten  Gelegenheit  hatte,  werden  diese  wenig 
freundschaftlichen  Bezeichnungen  (die  wienerischem  „schmecks"  bzw.  „Schmarren", 
,, Dreck"  dem  Gefühlswert  nach  entsprechen)  mit  grofsem  Affekt  ausgestofsen, 
aber  während  des  Aussprechens  beginnt  sich  das  Anstandsgefühl  des  Sprechenden 


1  Eine  tschechische  Hausgehilfin  in  einer  bekannten  Familie  gebrauchte 
so  z.  B.  tsetzt  für  entsetzt,  da  sie  ent-  richtig  als  Präfix  empfand,  aber  über 
die  Verwendung  der  Präfixe  im  Deutschen  sich  nicht  klar  war.  Diese  komisch 
wirkende  Bildung  fand  in  der  deutsthm  Familie  solchen  Anklang,  dals  eine 
Zeit  hindurch  mit  der  Weglassung  der  Präfixe  geradezu  Sport  getrieben  wurde. 


HILDIKG    KJELLMAN,    MOTS    ABREGES    ET    TENDANCES    ETC.       I25 

zu  regen.  Es  liegt  also  hier  eher  eine  Art  Euphemismus  vor,  als  sprach- 
umgestallende  Abkürzung.  Das  Prinzip  dieser  euphemistischen  Bildungen  ist 
übrigens  das  gleiche  wie  bei  den  echten  Abkürzungen.  In  tag  ist  nicht  gueidc 
auf  den  einen  Buchstaben  g  verkürzt,  sondern  in  der  zweisilbigen  Verwünschung 
\tagöl^  wird  die  zweite  Silbe  durch  den  Anfangskonsonanten  angedeutet,  wie 
in  den  alten  Bildungen  äff  =  affaire,  sos  =  social^  com  =  commerce  u.  a.  Das 
gleiche  Prinzip  euphemistischer  Beschönigung  eines  Kraftausdruckes  findet  man 
.nuch  im  Deutschen,  wo  das  volkstümlichste  Ziiat  aus  dem  Götz  von  Berlichingen 
in   der   auf  die  ersten  beiden  Einsilber  reduzierten  Form  gehört  werden  kann. 

Manches  wird  von  K.  als  Abkürzung  gebracht,  was  in  Wirklichkeit  nur 
Suffixwechsel  ist.  Denn  auch  das  Rotwelsch  hat  seine  bevorzugten  Suffixe. 
Wenn  posstbüiste  als  possibilo,  socialiste  als  socialo  erscheint,  oder  camarade 
zu  camaro  wird,  so  werden  die  verschit denen  literarischen  Suffixe  durch  das 
ins  Rotwelsch  einreihende,  grotesk  wirkende  Suffix  [0]  ersetzt.  Ähnlich,  wenn 
das  dreisilbige  auxiliaire  zu  ebenfalls  dreisilbigem  ajtxigot  wird.  Dieses  tgot 
(mit  der  Nebenform  -icot)  ist  eine  Erweiterung  des  [o]  Suffixes,  die  auch  in 
den  Dialekten,  namentlich  im  Westen,  sehr  beliebt  ist,  vgl.  z.  B.  in  Blois 
mätigaud  „kleiner  boshafter  Junge"  aus  mätin  umgestaltet;  oder  frz,  moricand, 
ursprünglich  „kleiner  Mohr",  dann  „von  brauner  Gesichtsfarbe",  vgl.  auch 
norm,  machicoter  „schnell  und  lange  kauen",  B.  Maine  tneitgotter  ,, vermengen" 
u.  v.  a.  Auch  roiwelsches  prusco  für  prussten  geht  auf  ein  solches  *prussicot 
zurück.  Daran  schliefst  sich  als  dritte  Völkerbezeichnung  '^arahicot  an,  das  zu 
arbico  und  nun  zu  arbi  rückgebildet  wurde,  wie  neben  das  oben  angeführte 
auxigot  ein  aiixi  tritt.  Dieses  arbi  wird  nun  zu  arabe  gestellt  und  nun  bi 
als  Rotwelsch-Suffix  gefafst.  Darnach  wird  ein  chasseur  zu  chassbi,  fourrier 
in  fourbi  umgestaltet,  das  groteske  Suffix  bi  ist  geschaffen.  Ähnlich  wird  wohl 
das  Suffix  [2Y]  entstanden  sein  {cabji-cabot  für  caporal  u.  a.),  das  nach  K.  S.  50/1 
allgemein  algerisch  sein  soll,  was  sich  meiner  Kenntnis  entzieht. 

Der  Ablaut  o-z,  den  ich  unlängst  (Grundzüge  der  gallorom.  Wortbildung 
S.  51  fT.)  als  Bildungsmittel  der  organisch  entwickelten  Sprache  beobachtet  habe, 
zeigt  sich  bezeichnenderweise  auch  im  Rotwelsch.  Nebeneinander  stehen  hibli- 
hiblo  für  btbliotheque,  und  so  dürften  apero  für  aperitif,  familo  für  familistere 
auf  den  älteren  Formen  *apiiri,  *famiä  beruhen,  die  allerdings  nicht  mehr 
bezeugt  sind.  Auch  die  Volksetymologie  hat  bei  den  behandelten  Verkürzungen 
zweifellos  eine  gröfsere  Rolle  gespielt,  als  K.  anzunehmen  scheint.  Wenn  der 
Name  des  Generals  Coffinieres  im  Rotwelsch  der  Ecole  polytechnique  dazu 
herhalten  mufs,  um  zu  coffin  verkürzt,  ,, Kasten",  ,, Kleiderschrank"  zu  bezeichnen, 
so  liegt  hier  gewifs  bewufstes  Hineindeuten  des  dialektischen  cojßn  vor,  das 
im  Norden  Frankreichs  „Körbchen",  ,, Behälter"  u.  ä.  bedeutet.  Oder  pondant 
für  correspondant ,  das  den  Stellvertreter  der  Angehörigen  eines  Schulzöglings 
bedeutet,  dem  dieser  an  freien  Tagen  zur  Obhut  übergeben  wird,  zeigt  volks- 
elymologisches  Hineindeuten  von  pondre  „Eier  legen".  Die  Aufsichtsperson 
wird  mit  der  Glucke  identifiziert ,  die  ihre  Küchlein  unter  die  Fittiche  nimmt, 
wie  der  correspondant  den  ausgehenden  Zögling.  Oder  co  con  für  co-conscril 
zeigt  Anlehnung  an  cocon  „Seidenraupengespiust",  das  den  Seidenwurm  nach 
dem  Einspinnen  einhüllt  wie  den  eingezogenen  Soldaten  die  Kaserne,  und  so 
dürfte  noch  manche  Abkürzung  sich  auf  volksetymologischer  Grundlage  auf- 
bauen. 


126  BESPRECHUNGEN.      G.  ROHLFS, 

An  diesen  Hauptteil  schliefst  K.  einige  Bemerkungen  über  Bildungen 
vom  Typus  fifi  für  ßlle^  die  im  Gegensatz  zur  ersten  Gruppe  von  Verkürzungen 
auf  ein  hohes  Alter  zurückblicken,  aber  heute  nicht  mehr  lebenskräfiig  sind, 
und  eine  Sammlung  von  Abkürzungen  mittels  Anlangsbuchstaben,  Typus  Hapag, 
für  die  angelsächsischer  Ursprung  wohl  mit  Recht  vermutet  wird.  Es  ist  dies 
die  internationale  Wortbildung  der  Zukunft,  das  Kennzeichen  des  Krämer- 
geistes, der  augenblicklich  die  Welt  beherrscht  und  deren  Wuchern  wir  vor 
unseren  Augen  sich  abspielen  sehen.  Das  fesselnd  geschriebene  Buch  K.'s 
führt  uns  also  mitten  in  das  Leben  nach  dem  Weltkrieg,  es  ist  eine  glänzende 
Rechtfertigung  für  die  von  Vofsler  aufgestellte  These,  dafs  Spracheniwicklung 
und  der  allgemeine  Zeitgeist  untrennbar  verbunden  sind.i 

E.  Gamillscheo. 


Eugen  liCi^ch,  Einführung  in  das  Altfranzösische.  Texte,  Übersetzungen, 
Erläuterungen.  Leipzig-Berlin,  B.  G.  Teubner,  1921.  VIu.  161S,  Kart.  22.50 
+  Zuschlag. 

Lerchs 'Einführung'  sucht  eine  Art  Kompromifs  zwischen  Bartsch- Wieses 
'Chrestomatie'  und  Voretzschs  'Einführung  in  das  Studium  der  afr.  Sprache' 
zu  schaffen  und  verfolgt  den  Zweck,  den  Anfänger  bzw.  den  aus  seinem  Studium 
herausgekommenen  Kriegsteilnehmer  möglichst  rasch  und  mühelos  in  das  Studium 
der  alten  Sprache  einzuführen.  Das  Büchlein,  das  in  seiner  Anlage  bequem 
und  praktisch  zugleich  ist,  bietet  aufser  den  Texten  nicht  nur  (zum  gröfsten 
Teil)  Übersetzungen  und  Erklärung  aller  Schwierigkeiten,  sondern  zu  jedem 
Text  auch  gedrängte  kritische  Bemerkungen  über  Sprache,  Alter  und  Wertung 
des  Textes.  Den  Schlufs  bildet  eine  kurze  Übersicht  der  wichtigsten  sprach- 
lichen Erscheinungen. 

Mit  der  Auswahl  der  gebotenen  Texte  wird  sich  wohl  schwerlich  jeder 
einverstanden  erklären.  Es  war  natürlich  ungemein  schwierig,  es  allen 
Wünschen  gerecht  zu  machen.  Nachdem  aber  das  Buch  einmal  als  elementarste 
Einführung  gedacht  war,  hätte  dieser  Bestimmung  doch  auch  in  der  Auswahl 
des  Stofflichen  mehr  Rechnung  getragen  werden  sollen.  War  es  wirklich 
pädagogisch  richtig,  sprachlich  so  schwierige  Texte  wie  die  Eide,  Eulalia  und 
das  Alexiuslied  einem  Anfänger  vorzusetzen,  oder  auch  noch  das  Rolandslied 
so  sehr  in  das  Zentrum  des  Büchleins  zu  stellen?  Ob  auch  der  schwierige 
Sponsus  und  das  Adamsspiel,  bei  all  dem  Wert,  den  sie  für  den  Literarhistoriker 
haben,  gerade  in  eine  so  elementare  Einleitung  gehören,  möchte  man  bezweifeln. 
Statt    dessen    hätte    man    gern    manches    andere    gesehen:    ein    paar    kleinere 


'  S.  31  be  „Kotb  der  Lumpensammler"  ist  vermutlich  afrz  herz  „Korb- 
wiege", vgl.  angev.  bers,  schwz.  hre^  bri,  fr.  comt.  bert  „Korb",  „Fischreuse". 
Lautlich  ist  der  Übergang  von  ber  ^  be  wie  chair  zu  che^  mer  zu  mi  für  das 
17.  Jhdi.  beglaubigt;  S.  32  chic  lebt  im  LütticLisihen  in  der  B-deutung  „Ge- 
schicklichkeit im  Führen  von  Rechtssaihen",  ist  d;.her  wohl  entlehnt  aus  mndl. 
schick  „Geschick",  „Ordnung";  S.  36  bagots  für  bagages  zeigt  vielleicht 
Kreuzung  mit  figot  „Bündel";  S.  52  j'utenx  „Adjutant"  ist  nicht  von  adjudant 
umgebildet,  es  ist  vielmehr  schon  1887  als  „Stutzer"  belegt,  s.  jetzt  Üsinger, 
Die  frz.  Bezeichnungen  des  Modehelden  usf.  S.  49.  adjuda7tt  wurde  volks- 
etymologisch in  juteux  „Stutzer"  umgedeutet,  was  an  der  äufseren  Eleganz 
dieser  Klasse  von  Offizieren  eine  begriffliche  Stütze  fand. 


EUGEN    LERCH,    EINFÜHRUNG    IN    DAS    ALTFRANZÖSISCHE.        127 

Tabliaus',  einen  Abschnitt  aus  dem  'Roman  de  Renard',  etwas  aus  Villehardouin 
etc.  Wäre  es  nicht  überhaupt  zweckmäf^ig,  eine  solche  Einführung  mit  einem 
Prosatext  einsetzen  zu  lassen? 

Läfst  so  schon  die  Auswahl  des  Stoffes  die  reifliche  Überlegung  des 
pädagogischen  Planes  vermissen,  so  gewinnt  man  mehr  noch  in  den  Einzel- 
heiten, zumal  in  dem  philologischen  Kommentar,  den  Eindruck,  dafs  es  dem 
Verfasser  bei  der  Abfassung  des  Büchleins  etwas  zu  eilig  gewesen  sein  müsse. 
Zwar  beruft  sich  Lerch  in  dem  Vorwort  auf  die  bei  Adolf  Tobler  genossene 
Schulung,  doch  machen  seine  Erläuterungen  dem  toten  Lehrer  nicht  immer 
gerade  sehr  viel  Ehre.  Dafs  nämhch  ü  nicht  ille  (S.  22,  8l,  135,  146)  sondern 
Uli,  el  nicht  *alhtm  (129)  sondern  *ale ,  ins  nicht  ostium  (130,  113)  sondern 
^'ustütm,  ewe  nicht  eqjia  (78)1  sondern  aqua,  noauz  nicht  nugalior  (105)  sondern 
ntigalnis,  siege  nicht  sediiim  (46)  sondern  ^sediciim  ist,  sollte  man  nicht  nur 
bei  einem  Tobler -Schüler  voraussetzen.  AVas  soll  man  gar  zu  comfaitement 
{<^  cum  -\- facta  -\-  mente)  S.  89  sagen?  Solche  'Schnitzer'  pflegt  man  sonst 
bereits  einem  Durchschnittsstudenten  recht  übel  zu  nehmen. 

Lerchs  Neuerungsvorschlag,  in  für  Anfänger  bestimmten  Texten  den 
schwächer  betonten  Bestandteil  eines  Diphtorgen  kursiv  zu  drucken,  begrüfst 
man  gerne.  Warum  aber  wird  dies  Sj-stem  nicht  konsequent  durchgeführt? 
So  kann  es  mehr  schaden  als  nützen.  War  es  wirklich  notwendig,  in  den 
Erläuterungen  fast  jedes  Futurum  in  seine  Komponenten  zu  zerlegen?  Dafür 
vermifst  man  wieder  in  so  vielen  Fällen  (ierent  S.  36,  ier  39,  talent  26  u.  92, 
Carlon  26,  cruist  61  u.  63,  sempres  69  u.  73,  ainsi  lOl,  maintenant  108,  ades 
100,  crendrez  57  etc.)  eine  kurze  Bemerkung,  wo  es  doch  wirklich  notwendig 
gewesen  wäre. 

Zum  Einzelnen:  S.  11  Eide  18  tanit  kann  unmöglich  im  9.  s.  die  Lautung 
für  tenuisset  sein;  Nicholsons  ansprechender  Vorschlag  (ZRPh.  40. 345)  hat 
wohl  bereits  das  Richtige  getroffen.  —  S.  15  matiatce  ist  *minacia.  —  S.  18 
com  arde  tost  ist  kein  Vergleich  sondern  schon  in  alter  Zeit  final  zu  fassen, 
d.  h.  an  Stelle  von  lat.  ut  trat  rom.  quomo,  nun  aber  nicht  blofs  im  Vergleich- 
satz sondern  auch  als  Finalkonjunkiion,  so  im  Rurriänischen,  Katalanischen 
und  Spanischen  (Rom.  Gram,  III,  §  590),  genau  entsprechend  der  Verwendung 
des  südital.  quantu,  vgl.  sizil.  bellu  quantu  lu  Suli  'schön  wie  die  Sonne'  und 
dammi  nu  soldii  quantu  accattu  'gib  mir  eintn  Soldo,  damit  ich  kaufe'.  — 
S.  23  com  kann  nur  auf  eine  Kurzform  quomo  zurückgehen.  —  S.  27  volsist 
kann  unmöglich  voluisset  sein,  so  wenig  wie  Tossisse  <^  voluissem  (S.  lOo).  — 
S,  29  bei  lui  est  tart  wäre  an  neufr.  il  lui  tarde  zu  erinnern  gewesen.  —  S.  31 
encombrer  ist  nicht  incumulare  sondern  *incomborare.  —  S.  46  fei  kann  nicht 
von  fflo  kommen,  sondern  verlangt  ein  fello  (vgl.  Rev.  d.  lang.  rom.  VII,  403). 
—  S.  55  zu  destrier  vgl.  jetzt  Gamillscheg  ZRPh.  40,  526  —  S.  59  möchte  ich 
Rol.  2265  als  Parenthese  fassen:  'Soweit  als  kein  Bolzen  von  einer  Armbrust 
schiefsen  kann'.  —  S.  62  perron  de  sardanje  ist  bereits  von  Schultz -Gora 
(ZRPh.  23,  334)  recht  überzeugend  mit  der  Landschaft  Cerdagne  verknüpft 
worden.  —  S.  77  ostage  ist  nicht  obsidiaticutn  sondern  hospitaticum  (Tobler, 
ZRPh.  3,  568).   —    S.  87    v.  55    aparceit   ist   nicht  Impf,    sondern  Praesens.  — ^ 


•    In    Anlehnung   an    die    Übersetzung  Gautiers,    dem  Lerch    auch    sonst 
etwas  zu  viel  Vertrauen  gesclienkt  hat. 


I  28      BESPR.      G.  ROHLFS,    E.  LERCH,    EINFÜHRUNG  IN  DAS  ALTFRZ. 

S.  88  cnsemeiü  ist  ensi  {<C^in-sicY  +  mente.  —  S.  91  cleie  ist  nicht  'Teller  aus 
Flechtwerk'  sondern  'Rohrgellecht';  noch  heute  heben  wenigstens  die  roma- 
nischen Hirten  ihre  Molkereipiodukte  auf  eiuem  von  der  Decke  frei  schwebenden 
Rohrgeflecht  auf.  —  S.  loo  boivre  i\.^  'Zauberlrank'  ist  durchaus  altfranzösisch 
und  bedarf  keiner  Korrektur  in  poivre,  vgl.  auch  normann.  bwer,  her  'Apfel- 
wein' Atl.  ling.  284.  —  S.  III  harbele  ist  nicht  'gefiedert'  sondern  'mit 
"Widerhaken'  und  so  noch  neufranzösisch.  —  S.  130  v.  10  Wie  soll  j/tjqtiam 
ein  afr.  ainc  ergeben?  —  S.  133  n.  121  seri  kann  unmöglich  secretum  sein; 
es  gehört  natürlich  zu  afr,  aserir  (zu  serd),  auch  bedeutet  es  nicht  'lieblich' 
sondern  'leise',  'still'.  —  S.  136  In  dem  Ausdruck  venoient  tote  une  rue 
aumerkungsweise  tote  einfach  mit  'entlang'  zu  erklären,  genügt  doch  wohl 
nicht.  Warum  wird  nicht  wenigstens  auf  Tobler  V.  B.  III,  33  verwiesen?  In 
solchen  Ausdrücken  dient  tot  zur  Hervorhebung  der  Ständigkeit  'immer  auf 
einer  Strafte',  was  der  Süditaliener  durch  einfache  Doppelung  des  Begriffes 
auszudrücken  vermag,  z.  B.  sizü.  vannu  strati  strati  'immer  auf  dtn  Strafsen' 
(Piir6,  Fiabe  IV,  148),  camminari  grigna  grigna  di  la  rocca  'immer  auf  dem 
Kamm  des  Felsens'  (ib.  94),  li  spiuni  vannu  mura  tnura  'immer  an  den 
Mauern'  (Mandalari,  Canti  del  pop.  regg.  2ll)  etc.  —  S.  147  neis  ist  nicht 
nee  ipse  sondern  nee  ipsi.  —  S.  147  norm,  gardin  {==  iranz.  jardin)  ist  nicht 
ward-inum  sondern  h'i.nk.  gardo.  —  S.  152,  §  28  pars  kann  nicht  pacem  sein, 
sondern  grht  auf  einen  Nominativ  pax  zurück. 

Störend  wirkt  auch  eine  leider  nicht  unbeträchtliche  Zahl  von  Druckfehlern, 
von  denen  hier  nur  die  unangenehmsten  berichtigt  werden  können:  S.  2,  Zeile  27 
lies  hahherc  st.  halbere;  10,  14  placitum  st.  placidum\  32,  Z.  2  v.  u.  deorsum 
st.  deorum\  44,  31  at  st.  ad;  50,  Z.  7  v.  u.  vides  st.  vidis;  liS,  lO  mielz  st. 
miels;  56,  Z.  15  v.  u,  oilz  st.  oils;  98,  Z.  9  v.  u.  vilener  st.  filener;  lOO,  Z.  I 
V.  u.  (u.  öfter)  forti  mente  st.  forte  mente;  104,  Z.  3  v,  u,  hrevi-mente  st. 
brevemente;  123,  Z.  7  v.  u.  eommunaU-?nente  st.  commitnale-mente;  126,  Z.  20 
V.  u.  vauroit  st.  vaudroit;  133,  Z.  4  v.  u.  lorseilnol  st.  lorseinol\  14g,  Z.  13  v.  u. 
pautonier  st.  pantonier\   157,  Z.  11   v.  u.  -äut  st.  -änt. 

Hier  wie  bereits  in  den  'Modi'  und  im  'Futurum'  appelliert  Lerch  in 
dem  Vorwort  mit  der  Entschuldigung,  dafs  es  ihm  an  der  notwendigen  Zeit 
gefehlt  habe,  an  die  Nachsicht  der  Kritik.  Seit  wann  kann  Mangel  an  Zeit 
als  Entschuldigung  für  unfertige,  oberflächliche  Arbeiten  gelten?  Mufs  man 
denn  etwas  veröffentlichen,  was  noch  nicht  reif  ist,  nur  etwa,  um  zu  publizieren? 


*  Vgl.  meinen  Aufsatz 'Franz.  a/«^/,  lomb.zw/z' in  Neuphil.  Mitt.  22,  S.  128  ff". 

Gerhard  Rohlfs. 


I 


rH 


Über  die  germ.  Wurzeln  g — 6  und  g — f  in  den  roman. 

Sprachen. 

In  dem  'Wortschatz  der  Germanischen  Spracheinheit'  führt 
Torp  eine  gröfsere  Reihe  mit  dem  Buchstaben  g,  idg.  gk,  an- 
lautender Wurzeln  auf,  wie  ge  ga  gi  gti,  idg.  ghe  :  gha,  ghei,  gheu, 
sowie  gag  gig  gig,  gas  gis,  gan  gin,  gab  gib  und  gap  gip,  die  er 
als  Erweiterungen  oder  Weiterbildungen  aus  jenen  kürzeren  be- 
zeichnet. Als  Grundbedeutung  wird  'gähnen'  oder  'gaffen'  genannt, 
ich  möchte  sie  aber  allgemeiner  und  grobsinnlicher  fassen  in  dem 
Sinn  von  'den  Schnabel,  den  Mund,  das  Maul  aus  irgendeinem 
Grunde  unter  begleitenden  Lauten,  Gebärden  und  Bewegungen 
aufsperren  und  schliefsen'.  Aus  dieser  Auffassung  heraus  ergeben 
sich  für  zu  diesen  Wurzeln  sich  lautlich  stellende  Bildungen  die 
verschiedenartigsten  Bedeutungen,  die  dem,  der  die  Entwicklungs- 
reihe nicht  übersieht,  oft  unbegreiflich  erscheinen  müssen. 

An  einer  jener  Wurzeln,  der  Wz.  *g — «,  \dg.  gh — n,  habe  ich 
in  dieser  Zeitschrift  zu  zeigen  versucht,  wie  fruchtbar  sie  für  den 
Wortschatz  der  romanischen  Sprachen  gewesen  ist.  In  der  vor- 
liegenden Untersuchung  gedenke  ich  im  besonderen  die  Wzz. 
'*g — b  und  *g — /  in  verschiedenster  vokalischer  Ausgestaltung  vor- 
zuführen, die  in  noch  höherem  Mafse  zur  Bereicherung  dieser 
Sprachen  beigetragen  zu  haben  scheinen.  Es  wird  sich  dabei  von 
selbst  Gelegenheit  bieten,  auch  auf  andere  Wurzeln  mit  anderem 
Auslaut  wie  die  genannten  einzugehen,  bei  denen  sich  ähnliche 
Bedeutungswandlungen  nachweisen  lassen. 

Lehnwörter  aus  dem  Germanischen  erscheinen  in  den  roma- 
nischen Sprachen  oft  in  einer  grofsen  Mannigfaltigkeit  der  Formen, 
die  ich  schon  früher  aus  der  sich  in  Fülle  bietenden  Verschieden- 
heit der  germ.  Wortbildungen  zu  erklären  versucht  war.  Trotz 
manchen  Einspruchs,  so  auch  neuerdings  bei  Bruch  ('Der  Einflufs 
der  germ.  Sprachen  auf  das  Vulgärlatein'  VIII)  halte  ich  an  diesem 
Grundsatz  fest;  denn  es  drängt  sich,  wenn  auch  Abweichungen  in 
der  äufseren  Form,  besonders  in  der  Endung,  sich  durch  Anlehnung 
an  andere  Wörter  erklären  mögen,  immer  wieder  die  Beobachtung 
auf,  dafs  die  entlehnten  Wörter,  abgesehen  von  den  durch  die 
romanischen  Lautgesetze  bedingten  Veränderungen,  im  allgemeinen 
die  ursprüngliche  Gestalt  bewahrt  haben.  Es  bleibt  doch  auch 
denkbar,  dafs  in  den  einzelnen  rom.  Sprachen  je  nach  der  ver- 
schiedenen das  Land  besiedelnden  germ.  Bevölkerung  in  dem  einen 

Zeitschr.  f.  rom    Phil.  XLIl  o 


IJO  THEODOR    BRAUNE, 

Bezirk  dieser,  in  dem  anderen  jener  mundartliche  lieimatliclie  Aus- 
druclc  Eingang  fand,  bis  schliel'slich  bei  erweitertem  Verkehr  eine 
Grundform  die  Oberhand  gewann.  Eine  systematische  Untersuchung 
wie  die  vorliegende  wird  dies  wieder  im  einzelnen  zeigen ;  sie 
wird  über  manche  romanische  Wörter,  wie  ich  hoffe,  neues  Licht 
verbreiten,  wird  Wörter,  die  begriff'lich  einander  nahe  zu  stehen 
scheinen,  wegen  ihrer  lautlichen  Gestalt  in  gewisser  Weise  von- 
einander trennen,  andere  wieder  begriff'lich  vereinen. 

Unter  dem  Stichwort  "^'gab  'gaffen'  (=  "ig.  Wz.  |-/^aM  gespaltet 
sein  [?],  klaffen  [verwandt  mit  ghab"  =  gerra.  gap])  führt  Torp 
ags.  geaflas  PI.  'Kiefer'  =  germ.  *gabla,  schwed.  mundartl.  pä  gavel 
'weit  offen*,  sowie  an,  ^ci^i^ö; 'Spott'  oder 'Scherz  treiben'  mit  seiner 
Sippe,  ags.  (ge)gaf-spraRC  'närrische  Rede'  und  gaffetung  'Spott' 
an  und  vergleicht  kelt.-lat.  gabalus  'Kreuz,  Galgen'  =  ir.  gabiil  F. 
'gegabelter  Ast,  Gabel,  Schenkel'  (germ.  *gaba/ö  'Gabel'  =  ags. 
gafolY.,  2in<\.  gafJia  F.  'Gabel',  mnd.  gafele,  ahd.  gaba/a,  nhd,  gabel 
"wahrscheinlich  aus  dem  Kelt.  entlehnt"?)  und  kyrar.  ga/l  'inter- 
ferainium'  (auch  skr.  gäbhasti  M.  'Wagendeichsel',  gabhä  M.  [Spalte] 
'  Vulva'). 

Das  ags.  geaflas  sowie  ein  mdartl.  engl,  gavel '■  %d&Q\C  (s.  Grimm 
IV,  I  a,  II 37),  'den  Mund  aufreifsen,  gähnen',  setzen  eine  kürzere 
Bildung  voraus,  wie  *gaba  (oder  *gab — 7«?),'  wie  sie  bei  Meyer- 
Lübke  REW.  3623,  doch  ohne  Angabe  des  Ursprungs,  aufgestellt 
wird  für  pik.  gave  'Kropf  der  Taube',  nam.  gev,  champ.  gef,  wallon. 
gaf,  sowie  ixz. gavion  'Schlund,  Kehle,  Gurgel',  piov. gavier  'Schlund', 
frz.  j'abol  'Kropf  der  Vögel',  'Vogelmagen',  'Busen',  frz.  s'engouer 
'sich  vollpfropfen'  u.  a.  m. 

Sehen  wir  nun  in  *gaba,  wie  wir  es  auf  Grund  des  genannten 
ags.  geaflas  und  engl,  gavel  mit  einiger  Berechtigung  tun  dürfen, 
ein  germanisches  Wort,  dann  stellt  es  sich  zu  dem  gemeingerm. 
*giijan  (=  goi.  gi'ban,  ahd.  geben,  a.s.  getan),  dessen  grobsinnliche 
Bedeutung  nicht  'geben',  sondern  'gähnen'  oder,  wie  ich  sie  fassen 
möchte,  allgemeiner  'den  Schnabel,  den  Mund,  das  Maul  aus  irgend- 
einem Grunde  aufsperren  und  schliefsen'  gewesen  sein  wird.  Das 
erhellt    noch    aus    einigen    spärlichen    Angaben    älterer  Zeit.  2     Bei 


^  Sollte  das  bei  DC.  angeführte  mlat,  £-aba  (auch  §-abia),  das  allerdings 
nur  in  der  Bed.  'via  platea'  bezeugt  ist,  das  germ.  *gaba  i*gabia)  wiedergeben.' 
Ähnliche  Bed.  zeigt  eiue  german.  Wz.  "^gat  (vgl.  griech.  '/aS  in  p^ßvrfavcü),  der 
wir  nach  dem  mdartl.  ^c^  'oscedo,  Gähnen'  (bei  Grimm  148S),  gätzen  'ätzen, 
füttern'  in  südlichen  Mundarten,  gaezen  in  Luserna,  tirol.  gätzen,  ähnliche 
Grundbedeutung  zuspreclien  können,  in  zvi..  gata  'Weg,  Gasse,  Strafse,  Pfad,' 
norw.  schwed.  gata,  dän.  gade  'Strafse,  Gasse',  engl,  ^a/i?  'Weg,  Zugang, 
Öffnung  (the  Stowe-gate,  Peter-gate  in  York  u.  a.),  mnd.^a^i?  ahd.  _^az2ß,  mhd. 
gazze,  nhd.  gasse.  Vgl.  auch  as.  nid.  _^a^  'Gasse,  Strafse',  'Loch,  Höhle', 
&n.  gat  'Loch',  afries.  ^a;^,  ags.  gat  'Loch,  Öffnung,  Höhle'. 

^  S.  bei  Schmeller  I,  862:  '.Sobald  eins  gebet  oder  nieset'  und  bei 
Grimm,  D.  Wb.  IV,  l  a,  S.  16Ö5:  "gebeti  'gähnen'",  154O:  {ga^en  und)  geben, 
gheben  'hiare,  oscitare,  hiscere,  pandiculari',  d.  i.  'beim  Gähnen  sich  dehnen, 
sich  recken',  1541:  rhein.  ^^i?k  'oscitare'  und  II16:  alem.  ^äÄif  'hiatus  oris' 
in  "wundergaebe  und  adj.  ivundergäbig  'der  sich  ring  oder  leichtlich  ab  neüwen 


3 

I 


GERM.  WükZELN  G B  UND  G F  IN  DEN  ROM.  SPRACHEN.       131 

solcher  Grundanschauung  versteht  man,  wie  das  so  oft  zum  Ver- 
gleich angezogene  altir.  gab  sowohl  die  Bed.  'geben'  und  'canere', 
'rezitieren'  (vgl.  engl. /o  give^  a  song  'ein  Lied  vortragen'),  als 
auch  'annehmen'  (vgl.  xnkvdi.  gaebe  'annehmbar'  =  isl.  ^a^r  'an- 
genehm, dienlich,  heilsam'  und  schott.  giff — gaff  'gegenseitiges 
Schenken  und  Nehmen')  zeitigen  konnte.  Ein  Vogel  gibt,  in- 
dem er  den  Schnabel  öffnet  und  kröpft"^  (daher  nam.  ^^z», 
yik.  gav  'Kropf  der  Taube',  %'^.  gavacho  'Mann  mit  dem  Kropf, 
Bergbewohner',  ixz.  \)ro\.  gavache'^  dass.,  'Lumpenkerl,  schlechter 
Kerl',  frz.  prov.  gavot  'Mann  mit  dem  Kropf  (mlat.  gavotus  'mon- 
tanus'),  nprov.  ^ör/o/c?  [^y^  ixz.  g av o 1 1 c  'danse  des  gavots'  ['sobri- 
quet  en  Provence,  des  raontagnards  des  Alpes,  qui  est  apparentd 
ä  gavache',  s.  D.  G.],  \\..  gavot ta^ '■T^.viz\  'Tanzlied' [auch  jg'«»«?//« 
'Art  Ringeltanz'],  occit.  engarmcha  'würgen',  it.  aggavignare  'bei 
der  Gurgel  packen'  und  'umfassen,  festhalten'  mit  gavigtia  gavina 
'Mandel  im  Halse')  — ,  um  die  Jungen  zu  füttern 2  (vgl.  frz. 
engaver  dass,,  gavage^  ^xi^.  ^^  'Nudeln'),  —  der  geätzte 
nimmt  bei  geöffnetem  Schnabel  unter  kläglichem  Geschrei 
und  aufgeregten  Bewegungen  den  Frafs,  den  Bissen,  den 
Brei^    an.     Der  Mensch    öffnet    den  Mund,    wenn   er  gähnt 


Dingen  verwundert,  niiratoi',  d.  h.  "der  vor  Verwunderung  das  Maul  auf- 
sperrt". Vgl.  weiter  elsäss.  ^^6<fw  (ebd.  i54o)>  x\\€va..  gebbin  (aus  *gab-janP), 
ferner  giben  gibbeti  (aus  *gib-jaiih),  ^n'eben,  giebseii  (ebd.  1541))  gelben,  gäben 
und  von  anderen  Stämmen  gaffen^  nd.  gap(p)en,  gäuen,  gäunen,  gähnen,  ahd. 
ginen,  geinön,  mdartl.  ^aw^«,  gauinen,  schles.  _^««/f«  (s.  Grimm  IV,  i  a,  1541) 
u.  a.  mehr  in  gleicher  Bedeutung. 

1  Das  engl,  give  hat  noch  andere  Bedeutungen,  die  sich  bei  der  Grund- 
bedeutung der  Wurzel  nun  leicht  erklären,  wie  'weinen',  'sich  öffnen',  'nach- 
lassen, nachgeben'  (wie  es  geschieht,  wenn  die  Tiere  den  Schnabel,  das  Maul 
öffnen),  'weichen'  u.a. 

*  Vgl.  österr.  _^ä«^t'«  (=  gand-jan)  in  der  Bed.  'die  Jungen  ätzen'  von 
Vögeln,  "vielleicht  vom  Aufsperren  des  Schnabels",  s.  Grimm  1285)  neben 
ganten  'gähnen'  (ebd.  II37)  mit  v[\A3.x\.\.  gante r  'Gänserich',  gant(e)  (=  germ. 
*ganda  [vgl.  auch  ginden  'gähnen']),  daneben  nd.  ^aw^^  m.,  vc!L\iA.  ganze  ganz, 
auch  ^^«s,  ahd.  ^««0230,  germ.  *gattta  =  Ixz.  jante ,  t^xo\.  ganta,  noch 
\q\.iX ganto  'Storch,  Kranich,  wilde  Gans',  vgl.  tw^.  gant  [yw^A  gaunt)  'gähnen', 
dCi.x^.  gante  'aufziehen,  necken'  mit  subst,  rvj  'Geck,  Narr',  nox'Vf.  gantast 
'scherzen'  in  bildl.  Bed.  wie  ags.  gabban  'illudere',  an.  ^a^^a)  von  aus  *gan 
erweitetcr  Wz.  —  Ferner  "-ätzen  (=  *i;at-jan)  'ätzen,  füttern',  in  südlichen 
Mundarten,  gaezen  in  Luserna,  \.\xo\.  gätzen,  neben  gatzen  'gackern,  schnattern 
schwätzen,  stottern'  (sbst.  gatz  'Geschwätz,  Narretei,  Spott',  von  der  Wz. 
*gat  (s.  oben),  —  Schweiz.  ^<frcf«  (=  '^gart-jan)  'die  jungen  Vögel  ätzen' 
neben  xn^v[\\.  gartzen ,  gar  zeit  'gurgitare,  oder  fressen  oder  slinden',  garzen 
'ructare'  {gorzen  'gargarizare,  gurzen  'eructare'). 

'  Vgl.  zur  Bildung  frz.  :^anaclie  'untere  Kinnlade  des  Pferdes'  und 
'Dummkopf,  Einfaltspinsel',  von  der  Wz.  *gan. 

*  Sollte  hierher  nicht  auch  it.  gavotta  (ein  Fisch),  wie  gavonachio 
•Meeraal'  zu  stellen  sein? 

^  Vgl.  bair.  gätz  M.  'Brei',  bair.  kärntn.  gätz  N.  'weiche,  schmierige 
Materie,  aus  *gat  (s.  vorige  Seite  A.  2  und  die  zu  *gubb  gehörigen  Subst.,  wie 
ostfries.  ^«W<f/  'Schlamm,  Schlick',  cn^.  gubber  'schwarzer  Schlamm,  Dreck'). 
Auch  der,  der  den  Bissen  annimmt,  ist  darnach  benannt,  d^hex  gatz-man, 
in  Rotwälsch  gatz  'Kind',  wie  bair.  ^oi  göble  'Kind',  aus  *gub.    V^fie  gatz 

9* 


IJ2  THEODOR    BRAUNE.', 

—  (s.  geben  in  älterer  Bed.,  gibben  und  göben),  —  wenn  er  staunend 
in  dummer  Weise  blickt  —  (s.  gäuben  bei  Grimm  1524,  schott. 
gauve  [neben  gawe  aus  *gav\  'to  go  about  staring  in  a  stupid  manner', 
ebd.  1541,  von  einem  mit  *gab  und  *gib  verwandten  Stamm  *giib) 

—  oder  um  etwas  gierig  zu  verschlingen  —  (engl,  gobbtt 
und  gobble  aus  kürzerem  gob,   ags.  *gobb  von  einem  Stamm  *gnbb), 

—  um  etwas  gierig  zu  ergreifen,  an  sich  zu  reifsen  — 
(engl,  gobble) ,  —  um  zu  brechen,  zu  speien  —  (engl.  ^0^,  isl. 
gubba  'vomere,  ebullire,  superfluere'  mit  sbst.  gj/bb  'vomitus,  elevatio', 
norw.  gubba  'Dampf,  Dunst,  Nebel',  mnld.  gubbelen  'vomere,  eructare', 
ostMes.  gubbe/en  'brodeln,  wallen,  brausen',  aus  dem  Stamm  *gubb), 

—  um  sinnloses  Zeug  zu  schwatzen,  zu  plaudern,  zu 
scherzen,  zu  lügen  —  (engl,  gab,  aus  Stamm  '*gabb),  —  um 
sich  albern  und  gaukelnd  zu  bewegen  —  (schweiz,  gappen, 
gippen  gappen,  aus  Stamm  *gabb\  ^ciwvdiO.  dA&vci.  gabeln,  aus  Stamm 
*gab',  schw ab.  gaupen,  aus  Stamm  *güb  'spielen  und  tändeln'),  — 
oft  unter  unverständlichen  Lauten  und  unter  Gebärden, 
wohl  auch  mit  gespreizten  und  gekrümmten  Fingern  und 
Füfsen,  in  gekrümmter  Haltung  —  (vgl.  tirol.  gäblen  'ver- 
schiedene Bewegungen  machen',  appenz.  ^a^/a  'sich  viel  bewegen', 
Schwab,  gappeln  'sich  mit  den  Füfsen  wehren';  norw.  gtlva  'zusammen- 
gesunken sitzen',  gobb  'die  Schultergegend',  vom  Stamm  *güb,^ 
mhd.  goffe  guffe  F.  'Hinterbacke',  mnld.  gope  'Hinterbacke',  vom 
Stamm  "^gup),  —  um  sich  ausgelassen  zu  zeigen,  zu  lachen, 

—  (ostfries.  gabbeln  'mit  geöffnetem  Munde  hell  und  laut  lachen', 
vom  Stamm  *gabb,  auch  gaffeln,  —  um  sich  und  andre  zum 
Narren  zu  machen  —  (an.  gabba  'verspotten,  zum  Narren  haben'). 


'Kind'  sich  to.  gatzen  'gackern,  schnattern,  schwätzen,  stottern'  (sbst.  ^«2^2^ 
'Schwätzerin',  gatzer  'Schwätzer,  Stotterer')  und  gätzen  'ätzen,  füttern'  stellt, 
so  liefse  sich  für  das  oben  genannte  garzen  'ructare,  rülpsen',  'gurgitare  oder 
fressen  oder  slinden'  und  gerzen  'ätzen'  ein  ^s\..  garz  annehmen.  Diesem 
entspricht  lautlich  in  der  Tat  ein  garz  M.,  in  Wälschtirol,  und  ga  rz  garze  F., 
in  Tirol,  aber  in  der  übertragenen  Bed.  'junger  Rebschofs',  wir  wir  'Sprofs' 
('Spröfsling')  in  beiderlei  Sinn  gebrauchen.  Auf  diese  Bildung  wird,  wie  ich 
glaube,  mit  Recht  bei  Grimm  1427  für  afrz.  ^arj,  h.  gargon  M.,  garce  F., 
it.  gar  Zone  usw.,  das  noch  nicht  recht  erklärt  ist,  und  pieni.  ^ß^jö7,  it.  ^ar- 
zuoia  'Herz  des  Kohls',  comusk. garzoeu  'Knospe'  verwiesen.  Unser  garze 
garzen  M.  'Herrendiener,  Page'  als  Bote  wäre  dann  selbst  deutscher 
Herkunft,  während  das  n^d^. garzün  dem  Französ.  entlehnt  wäre.  —  Des 
gleichen  Stammes  wäre  gartz  bei  Bertrand  de  Born  in  der  Bed.  'schlecht', 
vgl.  adj.  mdartl.  garz  'bitter,  garstig'  (was  man  ausbricht,  ist  schlecht  und 
bitter!,  vgl.  oben  gätz)  und  sbst.  garz  'Filzigkeit'  und  gartz  ' Heifshunger, 
krankhafter  Hunger  mit  Aufstofsen'. 

^  Vgl.  bei  Torp  den  Stamm  *gub  (und  *gup),  dem  er  allerdings  nur  die 
beschränkte  Bed.  'sich  bücken,  krumm  sein'  gibt,  und  ebenda  *ga?geg 
('gähnen')  mit  sxi.  ^ag-hals  'mit  zurückgebogeneni  Hals',  norw.  ^a^ 
'rückwärts  gebogen',  engl,  gag-tootked  'mit  vorstehenden  Zähnen',  mhd. 
gagen  'sich  hin  und  herwiegen',  ags.  geagl  'Kiefer',  mnd.  gagel  s^es^el 
'Gaumen,  Zahnfleisch'  und  ein  zweites  *gag  geg  'gagen  wie  die  Gans*,  mhd. 
gdge(r)n  'schnattern',  Schweiz,  gagfgjeleti  'gackern,  stofsweise  lachen',  wie 
iRxAd.  gagelen,  tng\.  gaggle,  an.  gaga  'spotten'',  gag/  'kleine  Gans'  u.a. 


GERM.  WURZELN  G B  UND  Ü  — 1'  IN  DEN  ROM.  SPRACHEN.   I33 

—  Daraus  entwickeln  sich  dann  für  sbst.  und  adj.  Bildungen  Be- 
deutungen wie  'Geschwätz,  Scherz'  und  'Tölpel,  Narr,  alberner 
Schwätzer,  Lügner'  und  'halb  verdreht,  verrückt'  u.  a.  m. 

In  den  bisher  angeführten  Verben  treten  eine  Reihe  von 
Stämmen  mit  verschiedenen  Vokalen,  deren  Wahl  sinnvoll  und  nicht 
ohne  Grund  getroffen  zu  sein  scheint,  zutage  mit  ähnlicher  Grund- 
anschauung; neben  denen  mit  einfachem  Stammauslaut  auch  solche 
mit  Gemination  des  Konsonanten,  wie  sie  so  häufig  besonders  bei 
sogenannten  Schallstämmen  sich  zeigt.  ^ 

Die  letzteren  sind  auch  nachweisbar  in  sbst.  Bildungen  in 
ähnlicher  Bedeutung  wie  *gaba  (==  pik.  gav),  die  aus  der  Bed.  der 
verbalen  Bildungen  entnommen  ist.  So  im  engl,  ^a^  (=  ags. 
*gabb)  'Mund,  Maul'  (vgl.  auch  gab-string  'Zügel'),  im  engl. 
gol"^  dass.,  aus  älterem  "^gohh  =  germ.  got.  *gub(b)ja,  das  im 
it.  gubhio"^  'Kropf  in  älterer  Bedeutung  (daneben  gobbio,  das 
langob.  Herkunft  erscheint)  und  in  vb.  in-gubbiare  'riemplir 
di  cibo'  noch  vorliegt  —  und  im  md.  gibbe  ('halt  deine  gibbe') 
'Maul'  (vgl.  oben  gibben  'gähnen'),  engl,  gib^  'Unterlippe  des 
(störrischen)  Pferdes'  (to  hang  one's  gib  'das  Maul  hängen  lassen') 
mit  vb.  gib  (auch  jibb  jib)  'störrisch  sein'  (sbst.  gibber  jibber  jib 
'störrisches  Pferd'),  'scheuen',  von  dem  das  ^.irz.  giber^  {==  ags. 
*gibb)  stammt  in  der  Bed.  'se  debattre  des  pieds  et  des  mains' 
(vgl.  oben  Schwab,  gappeln),  's'agiter'  mit  re-giber  'to  kick  as  a 
horse',  afrz.  degibier  (bei  DG)  'agitare  se  festive,  oblectare  se'. 

Kehren  wir  noch  einmal  zu  den  vb.  Bildungen,  die  wir  oben 
in  Auswahl  vorführten,  zurück,  und  sehen  wir  sie  uns  in  ihrer 
Gesamtheit    näher    an    unter    Berücksichtigung    der   sbst.   und    adj. 


^  Worauf  sich  diese  Gemination  gründet,  ob  sie  auf  Nachahmung  des 
Naturlauts  beruht,  oder  ob  sie  das  Produkt  vorhistorischer  germ.  Assimilation 
ist  und  auf  Einwirkung  eines  folgenden  Konsonanten  beruht,  läfst  sich  nicht 
entscheiden.  Aus  praktischen  Gründen  setze  ich  neben  der  einfachen  Wz. 
^gdb  gib  guh  die  Stämme  *gabb  gibb  und  gubb  an. 

2  Vgl.  auch  engl,  gub  in  der  Bed.  'Klumpen,  Stumpf,  Vorsprung'  [gübber- 
tushed  'mit  vorstehenden  Zähnen',  s.  oben  gag-toothed  'RafFzähne  \_gag-toot]i\ 
habend'),  neben  gob  'Klumpen  Bissen'  vaii  gobber-tooth  'vorstehender  Zahn' 
und  gab  in  der  Bed,  'Knebel,  Maulkorb'  mit  gab  'wie  ein  Fangzahn  vor- 
stehen '. 

3  It.gozzo  (=  Xgh.  gozzo)  'Kropf  scheint  zum  Stamm  *gutt  zu 
gehören.     S.  darüber  später! 

*  Das  engl,  gib,  ags.  *gibb,  mufs  auch  die  Bed.  'Kiemen'  ent- 
wickelt haben  nach  dem  vh.  gib  'Fische  ausnehmen'  (eigtl.  zunächst  'die 
Kiemen  abreifsen',  amenk,  gibber  'einer,  der  Fische  ausnimmt',  ^.^z'^-/«^  'Trog 
zum  Ausnehmen  der  Fische').  Vgl.  norw.  ^--a«,  'Kopf,  Kieme',  dann  , Ein- 
geweide der  Fische',  gana  'Ausweiden',  s.  Grimm  1190. 

5  S.  Zeitschr.  XXXVI,  80.  Vgl.  zu  gibber  das  engl,  ginnet  'Gaul', 
{sp.  gineie,  ptg.  ginete,  -ta,  \\.  ginne tto,  irz.  genet),  neben  ginner 
'Kieme',  vom  Stamm  *g — n  {a.hd.  ginnen  ginnOn),  sowie  nnser  g au l,  "von 
dem  es  denkbar  ist,  dafs  es  zuerst  in  der  Bed.  für  Pferd  als  Schimpfwort  des 
Reiters  im  Arger  aufgekommen  sei ,  dann  aber  als  Kraftwort  zur  Beliebheit 
cmporgekommtn"  (s.  Grimm  1571/72);  vgl.  schles.  gäulen  'gaffen',  Schweiz. 
gaulen  'possenhaft  tändeln',  cws^x .  gäulen  'laut  weinen',  an.  gaiila  'heulen 
(von  Hunden'),  ncagl.  gouie  [gowle,  t^a^.  gowie,  j'owle). 


134  THEODOR    BRAUNE, 

Bildungen,    die  sich   aus  der  verschiedenen   Bedeutung  der  Verben 
ergeben. 

Zu  germ.  *gabb  und  "^gibb  gehören: 

Ags.  gabbau  'illudere',  a.eng\.  gabbe  'tojest,  to  talk  idly',  mengl. 
gabben  'to  lie,  to  delude',  engl,  ^ai  'plaudern,  schwatzen,  scherzen,' 
lügen',  mit  sbst.  ^^  'Mundwerk,  Geschwätz,  Scherz,  Spafs'  (adj. 
gabby  'scherzhaft',  ?,\)?,t.  gabber  'Schwätzer,  Lügner'),  land.  gabben 
'Scherz,  Spott  treiben',  diincs.  gabbia  'peinlich  verfolgen,  verklagen' 
und  a.n.  gabba  (sbst.  "öi^^  'Narrheit,  Spott,  Hohn')  'verspotten,  zum 
Narren  haben',  auf  welches  letztere  man  afrz.  gaber,  prov.  gabar 
♦spotten,  scherzen,  prahlen,  zu  sehr  loben',  asp.  ptg.  ^a^ör  'loben', 
it.  gabbare  (sbst.  afrz.  gab,  prov.  gap,  it.  gabbo  'Spafs,  Spott'  und  asp. 
gäbe  'närrisch')  zurückgeführt  hat.  Dafs  germ.  *gabb  auch  schon  in 
älterer  Zeit  bestanden  hat,  scheint  der  Name  eines  Witzboldes  z.  Z. 
des  Kaisers  Tiberius,    der  Name  des  Apicius  Gabba,  zu  bezeugen. 

Ahnliche  Bedeutungen  bieten  längere  Bildungen  als  die  ge- 
nannten ;  sie  erscheinen  in  noch  höherem  Mafse  als  lautmalender 
Natur:  So  engl,  gabbk,-  schott.  engl. gabber  'sinnloses  Zeug  schwatzen' 
(sbst.  gabber  'Schwätzer,  Lügner'),  'schnattern,  plappern,  durch  Ge- 
schwätz verletzen'  (sbst.  gabble  'Plappern,  Schwatzen,  Geschnatter', 
gabbler  'Schwätzer',  gabbling  'Geschnatter',  gibble-gabble  'unsinniges 
Geschwätz,  Geschnatter,  Unsinn'),  ostfries.  gabbeln  'mit  weit  ge- 
öffnetem JNIund  hell  und  laut  lachen',  mnd.  gabber tn  'nugari,  jocari', 
engl,  gibber  'unverständlich  sprechen,  kauderwälschen'  [shst  gibber- 
gabber  'Geschwätz,  Geschnatter',  gibberish  'Geschnatter,  Kauder- 
wälsch',  adj.  'unverständlich,  kauderwälsch')  und  md.  gibberu  in 
anderer  Auffassung:  'einen  gibber  nach  etwas  haben'.  Es  kann 
wohl  keinem  Zweifel  unterliegen,  dafs  zu  den  Wörtern  wie  gabber 
auch  das  frz.  gabre  'Truthahn",  das  weder  lautlich  noch  begrifflich 
zu  lat.  caper  (s.  Körting  EtW.)  pafst,  zu  stellen  ist,  wie  engl,  gobbler 


'  Man  vergleiche  zur  Bedeutung  ags.  geaf  (ea  =  ea  =  got.  ahd.  a) 
'jocosus'  und  (ge)gaf-sprac  von  der  Wz.  *gäb  und  weiter  das  zur  Wz.  *getn, 
der  Torp  nur  die  beschränkte  Bed.  'hüpfen,  springen'  gibt,  (mit  mdartlichem 
i^a^n  'palatum'  bei  Grimm  1207  und  ganten  [s.  oben]  'oscitare,  hiare,  gähnen', 
gamatzen)  gehörige  mhd.  ^ämeln  'scherzen,  schäkern'  {%vi^%\..  gamel  'Lust, 
Spafs',  \iwc.  gamel  'Mutwille,  Spafs',  vc^Aüx\.\.  gämlich  'lustig,  wunderlich, 
spöttisch'),  siebenb. 'schmeicheln,  liebkosen',  nordlries. 'spielen',  uorw.  mdartl. 
gamast  'sich  vergnügen,  scherzen',  2i.{\\ti.  game  [gome)  'Freude',  eng\.  game 
'Spiel,  Scherz,  Streich,  Jagd'  u.a.,  auch  'Freudenmädchen',  mdartl.  ^a?« 
'Scherz'  bei  Grimm  121 1  und  allgerman.  *gamana  =  an.  gaman  'Freude, 
Lustigkeit',  2\\A.  ■&.%.  gaman  'Lust,  Spiel,  Scherz'  u.a.,  auch  mnd.  j'awz;;;^/ 5/><f/ 
'Possenspiel,  2\^m. gammel  'Lust,  Übermut,  Kitzel',  Schweiz,  'lärmende  Freude, 
Ergötzlichkeit'  und  gammel  von  Weibern  in  tadelndem  Sinne  ("in  Mundarten 
weit  verstreut  und  damit  als  alt  verbürgt"),  'starke  Weibsperson,  faule,  geile 
mit  kindischem  Gebaren',  im  Nd.  'liederliches  Frauenzimmer'.  Es  lallt  nicht 
schwer,  das  frz.  ^amin  'Busche,  Strafsenjunge',  gamine  'Strafsenmädchen' 
und  gaminer  'sich  so  betragen',  die  doch  kaum  aus  x{\\\ii..  ge-mein  (s.  D.  G. 
u.  Meyer-Lübke  3719)  stammen  werden,  zu  dieser  deutschen  Wz.  zu  stellen. 

2  Vgl.  Qng\.jabble  und  j'abber  'schnattern,  plappern,  radebrechen'  (sbst. 
Jobber  nndjabberer). 


GERM.  WURZELN  G B  UND  G F  IN  UEN  ROM.  SPRACHEN.       135 

in  der  Bed.  'Truthahn'  (daneben  'gieriger  Schlinger,  Fresser')  zu 
gobbL-  'kollern'  (und  'gierig  schlingen').  Vielleicht  gehört  hierher 
auch  frz.  gabrian  'Taucher'  (ein  Vogel),  der  wohl  nach  seinen 
närrischen  Bewegungen  so  benannt  ist  (vgl.  unser  'Tölpelgans, 
Tölpel'.  1 

Auch  auf  oberd.  Gebiet  sind  solche  Bildungen  nachweisbar. 
So  Schweiz,  gappen  {pp  =  westgerra.  bb)  'gaukeln'  (adj.  gäppisch 
geppisch  'verkehrt',  sbst.  gappi  'Possenreifser'),  gippen  gappeti  in  einem 
Schwab.  Kinderrätsel  (Grimm  1122)  'gaukelnd  hin  und  her  fahren', 
kärntn.  gappe/n  'vom  ersten  Herumstolpern 2  der  Kinder'  (vgl.  'im 
heu  gappeln'  bei  Grimm  131 1),  im  Schwab,  'sich  mit  den  Füfsen 
wehren'. 

Gehen  diese  auf  germ.  ''''gabb  zurück,  so  andere  wieder  auf 
'■'s^ab.  So  Schwab,  aiem.  gabe/u  'gaukeln',  in  der  Schweiz  'sich  possen- 
haft bewegen',  und  bei  Grimm  I,  1276  be-gabeln  'fascinare',  3  appenz. 
gabla  'sich  viel  bewegen',  auch  'sich  nutzlos  bewegen,  pfuschen' 
{gabier  'Springinsfeld,  Pfuscher'),  gabiig  'beweglich,  flatterhaft'  (tirol. 
gäblen  'verschiedene  Bewegungen  machen',  bes.  mit  den  Händen. 
Davon  sind  nicht  zu  trennen  tirol.  gabisch  'launig,  eigensinnig,  halb- 
verrückt', schles.  ^rtZ'j^://  'albern,  dumm',  ^cXwNdh.  gäbisch  'verkehrt' 
(s.  o.  gäppisch)  'unrecht,  link,  linkisch',  bair.  ' gibisch- gabisch  reden 
und  handeln',  gabiig  'gaukelhaft'  bei  Stalder. 

An  rom.  Wörtern  gehören  hierher,  wie  es  scheint,  it.  gavaz- 
zare  (=  Igb.  ^avazzan?)  'ausgelassen  sein,  jubeln'  mit  gavazzo 
'rauschende  Freude,  lärmende  Heiterkeit'  und  axt.  gavazza  'Wampe' 
(die  herabhängende  Haut  am  Halse  beim  Rindvieh,    die  sich  hin 

1  Vgl.  auch  engl,  gull  'raövenähnlicher  Vogel',  vom  Stamm  *^  —  /, 
Schott.  ^oz£;,  vom  Stamme  *§■ — v.  Auch  li.  gabbiano  {prov.  £-ab2an)  wäre 
hier  zu  nemien,  das  wegen  seines  -bb-  eher  zu  germ.  *gabb  zu  gehören  scheint 
als  zu  XsX. gavia ,  "für  welches  ja  selbst  die  Bed.  'Möve'  auch  nur  auf  Ver- 
mutung beruht". 

-  Auch  unser  gehen  mhd.  ahd.  gen  gdn  scheint  seine  jetzige 
Bedeutung  einer  ähiiliche'n  Bedeutungsentwicklung  zu  verdanken; 
ist  es  doch  in  der  Bed.  'gähnen',  (s.  Grimm  2376.  1541)  bezeugt,  die  auch 
Torp  für  die  idg.  \<li.ghe  : gka  ("eigtl.  gähnen")  ansetzt.  Ist  doch  das  Gehen 
hei  vielen  Menschen  ein  Hin-  und  Herstolpern.  Vgl.  auch  gangen,  trans. 
'gehen  machen',  intrans.  'sich  gehen  macheu',  appenz.  ganga  'zu  gehen  an- 
fangen', mdiaxil.  gängeln  'gehen  machen  in  kleinen  Schritten  und  wiederholten 
Versuchen,  wie  die  Mutter  beim  Kinde  tut',  auch  , schaukeln,  tändeln',  bair. 
gangein  'gehen'  und  'locken',  Schweiz,  ganggeln  'schlaff  einherwa ekeln' 
(gangel  'Einfaltspinsel'),  kärntn.  'zu  gehen  anfangen',  'dummes  Zeug  machen' 
(gangga  'eintällige  Person'),  ahd.  gatigaron  'ambulare,  degere',  ana-gan- 
garon  'versare',  ahd.  gangarari,  mhd.  gengelaere  '  Wandersmann',  nordengl. 
gangerol  'Vagabund',  %z\io\X.  gangrel  'Kind,  das  zu  laufen  beginnt',  engl. 
'Landstreicher,  langer  Kerl,  Hopfenstange',  2.0^^.  gangelväfre  'Spinne'.  Auch 
für  *gang  scheint  die  Bed.  'gähnen'  bezeugt,  wenn  prov.  ganga  in  der  Bed. 
, Kieme',  siz.  ganga  'Kinnbacken',  log.  gangas  'Kehle'  zu  dieser  Wz. 
gehören. 

3  S.  bei  Sanders  die  Wendung  'mit  Küssen  nektargleich  begabein';  er 
vergleicht  damit  'wenn  mich  ihr  Purpurmund  begabt',  wo  man  versucht  ist, 
an  ein  *gaba  im  Sinne  von  'Mund'  zu  denken.  Vgl.  auch  die  Veibindung 
'gabelichster.  Menschenfreund'. 


136  THEODOR    BRAUNE, 

und  her  bewegt),  ferner  ii.  gaveggiare  [==■  *gabid-jan})  'um- 
schwärmen, schön  tun',  sowie  comask.  gavasa  'ausgelassen  lachen' 
mit  gavatsa  gavazza,  mail.  gavasa  gavasgia  'grofses  Maul',  piem. 
gavas  'Kropf. 

Von  den  zu  *gib  mit  einfachem  Stammesauslaut  gehörigen 
Bildungen,  wie  mdartl.  geben  'gähnen',  jetzt  'geben'  (got.  giban, 
ahd.  g'eban,  as.g'edan),  ahd.  g'eba,  mhd.  gibe  (das  sich  auch  in  den 
sette  communi  als  gt'be  'Gabe'  findet),  ahd.  gt/i  F.  'Gabe,  Schenkung', 
und  'virus'  u.  a.  darf  ich  wohl  absehen. 

Wie  sich  aber  Wörter  mit  langem  d  finden,  wie  mhd.  gäbe 
'Gabe',  mhd.  gaebe  (=■  ahd.  *gäbi)  'was  gegeben  wird,  annehmbar, 
angenehm,  willkommen  ist',  an.  gaefr  'heilsam'  u.  a.,  so  gibt  es 
auch  solche  mit  i,  wie  ags.  gifre  'gierig',  an.  gjfr  'Unhold',  und 
andere,  deren  Lautstufe  nicht  klar  ist,  die  vielleicht  wohl  als  laut- 
nachahmende Bildungen  der  Lautverschiebung  entgangen  ^  sind, 
wie  gelben'^  im  Koburg.  und  in  Nordböhmen  'mit  offenem  Munde 
gierig  auf  etwas  lauern,  lüstern  sein'  ('die  gelb  scheren,  subdole  et 
vafre  irridere')  mit  geibitz  (neben  geifitz,  aus  ''^gip)  'Kiebitz',  auch 
'lüsterner  Bettler',  wfries.  gibe  'irridere',  ostfries.  gibeln  'lachen, 
kichern,  spotten,  höhnen'  {sbst  g-fbel  gi'be/e),  wld.  gijbelen  'kichern', 
eng\.  gibe  {ßbe)  'höhnen,  aufziehen,  verspotten,  sticheln'  mit  sbst. 
gibe,  giber  {jiber)  'Spötter'.  Davon  ist  nicht  zu  trennen  das  mdartl. 
westmd.  wetten  geiher  'Speichel,  Geifer'  (eine  Nebenform  zu  hd. 
geifer,  aus  *gip)-  Diese  Bildung  setzt  ein  älteres  ^gihara  voraus, 
das  eine  Erklärung  für  das  rätselhafte  frz.  givre  abgeben  könnte 
in  der  Bed.  'gelee,  blanche,  cristaux  blancs  a  la  surface  de  la 
vanille',  prov.  gibre-s  givre-s  'Rauhreif,  Reif,  der  wie  aus- 
fliefsender  Speichel  und  Geifer  (vgl.  das  dem  Frz.  entlehnte  engl. 
givre  in  der  Bed.  'weifser  Beschlag')  an  den  Zweigen  und  Asten 
sitzt,  und  weiter  für  adj.  hz.  givreux  'rauhreifartig,  rissig','^  sbst. 
givrogne  'Ausschlag  der  Schafe', ^  givrure  'weifser  Flecken  im  Dia- 
manten' und  vb.  giverner  'sich  nächtlich  herumtreiben',  das  zu  der 
Bedeutungsentwicklung  unserer  Stämme  pafst.  Die  frz.  Nebenform 
joivre  könnte  auf  einem  *gibara  mit  1  beruhen,  das  in  gever  ge/er 
gäfer  (mit  e,  s.  Grimm  2564)  mit  gäfern  bezeugt  ist. 

Dafs  auch  ein  Stamm  "^gilh,  der  sich  "^gäb  und  gib  anreiht,  be- 
standen hat,  zeigt  das  schon  erwähnte  mdartl.  gäuben  in  der  Bed. 


1  Möglicherweise  liegt  in  diesen  Bildungen  ursprüngliche  Gemination  vor, 
so  dafs  gelben  auf  altem  '^gtbhan  beruht,  wie  ahd.  lüter  auf  liittar,  wisi  auf 
wisst,  Idzan,  släfan,  leita  u.  a.  s.  Wilhelm  Braune,  Ahd.  Gramm.  §§  92.  95. 
96.  97-  98. 

*  Vgl.  \i&%%.  geiwen  «das  Maul  aufsperren'  (Grimm  2558),  aus  *giv  und 
mdartl.  geifeln  'spöttisch  lachen'  (ebd.  2568),  geifen  'verlangend  blicken', 
geife  'Aufseher,  Hüter',  bair.  gaifen  'klalTen,  rund  ausschneiden'  u.  a.,  aus  *g'ip' 

^  Vgl.  engl,  gaped  'rissig',  zu  gape  'den  Mund  aufsperren,  gaffen, 
gähnen,  sich  öffnen',  aus  *gap. 

*  Vgl.  prov.  gabel  (aus  *gahb)  in  der  Bed.  'kratzig,  raub,  zackig, 
aussätzig'. 


GERM.  WURZELN  G B  UND  G F  IN  DEN  ROM.  SPRACHEN.   I37 

von  gäuen  {=.*gaii)ian,  aus  *^ßp)  1  'gähnen,  mit  offenem  Munde 
stehn  und  blicken'  mit  gatibe  gatiben  in  der  Pfalz  =  oberrh.  gaub-loch 
'Loch  im  Dachgiebel'  (eigtl.  'Mund,  Öffnung,^  wo  man  Heu  u.  dgl. 
birgt')  (s.  Grimm  1507),  schwäb.  gaupen  gat/pe/n  'spielen  und  tändeln', 
appenz.  gaupeii  'possenhaft  tändeln'  (neben  gopen,  aus  *guh,  s.  Grimm 
1123)  und  Schott,  gauve  (Grimm  154t)  'to  go  about  staring  in  a 
stupid  manner'.  Zu  dem  hier  bezeugten  germ.  *güh  ist  man  ver- 
sucht das  afrz.  guvei  'Eule'  zustellen.  Der  Vogel  könnte  nach 
seinem  wunderlichen  Äufseren,  seinen  glotzenden  Augen  (vgl.  schott. 
gauve)  benannt  sein. 

Die  Wz.  *gub  liegt  vor  in  schott.  gove  'gaffen'  (Grimm  1137), 
\&\.gu/ar  'vaporem  edere'  (sbst.  gufa  'homo  nihili',  'vappa',  und  'exha- 
latio,  urabra'),  norw.  guva  in  übertragener  Rede  'rauchen,  stäuben, 
fegen'  (sbst.  'Dampf,  Rauch'),  gova  'dunsten,  dampfen,  rauchen'  (sbst. 
'Dampf,  Rauch'),  und  &c\\\veu.  gopi  (neben  gappi)  'Possenreifser'. 

Häufiger  vertreten  ist  wieder  der  Stamm  *gubb,  zu  dem  wir 
schon  zahlreiche  Bildungen  zu  Anfang  unserer  Erörterung  angeführt 
haben.  Aus  alter  Zeit  erwähnte  ich  von  romanischen  Wörtern,  die 
aus  dem  Germanischen  stammen  könnten,  das  it.  htgtibbiare 
'riemplir  di  cibo'  mit  gubbio  gobbio  'Kropf.  Besonders  reich  mufs, 
wie  viele  engl.  Wörter  zeigen,  die  sich  begrifflich  und  lautlich  dazu- 
stellen,  die  Wz.  im  Ags.  vertreten  gewesen  sein,  und  aus  diesem 
hat  wohl  bes.  das  Frz.  geschöpft. 

Auf  germ.  "^gubb  scheint  zurückzugehen:  Frz.  gober  'manger, 
avaler  sans  prendre  le  temps'  (vgl.  engl,  gobbet  und  gobble  'gierig  ver- 
schlingen', letzteres  auch  im  Sinne  von  'gierig  an  sich  reifsen,  er- 
greifen') mit  gobeur  'Vielfrafs'  und  gober  in  Wendungen  wie  gober 
V appät  'en  etre  le  dupe',  gober  les  perdrix  'les  faire  happer  par 
le  faucon'  (auch  chasser  au  gäbet  mit  gebet  'action  de  gober'),3 
gober  les  mouches  'accepter  credulement  tout  ce  qu'on  entend 
raconter'  mit  gäbet  im  Sinne  von  'ceiui  qui  gobe',  gobeur  de 
mouches  oder  gob-mouches  'Fliegenfänger,  Einfaltspinsel,  Tropf, 
auch  'Spion',  gob-moucherons  'Fliegenschnäpper',  gob-vioucherie 
'Einfältigkeit',  gobeur  im  Sinne  von  'Schiffsauslader'  (in  Schnabel- 
form?),4  tout  de  gob,  tout  de  go  'tout  d'un  trait'  (il  avala  tout  de 


1  Vgl.  schott.  _o-aw^  (Grimm  I137)  'gaffen'  und  *^7z/  im  ahd. giwen  giwun 
wie  ahA.  geren  gerön  'begehren'  mit  &^].  girlg,  nhd.  gzerig,  aus  *ger  (idg. 
*gher  mit  '^aiQO))  'hiare  oscitare ',  ags.  giwian  'petere',  northumbr.  ^m^'a 
(Grimm   1540). 

2  Man  ist  versucht,  das  nordit.  ,^' wz-a  'gegabelte  Stange',  das  doch 
nicht  von  Igb.  klüba  stammen  kanu,  zur  germ.  Wz.  *i;üb  zu  stellen.  Vgl. 
das  später  zu  ahd.  gab  und  gabala  Gesagte. 

*  Vgl.  engl,  game  'Jagd,  Vogelbeize',  'jagdbare  Tiere,  Wild',  vom 
Stamme  *gam. 

*  Das  engl.^oö  'Mund,  Maul',  hat  wohl  auch  die  Bed.  'Schnabel' 
gehabt.  Darauf  deuten  noch  gob-line  'Achtergeier,  Achterholer  des  Stampf- 
stocks', gobbin-stitch  'Perlstich'  und  gob-stick  in  der  Bed.  'silberne 
Gabel'  in  Form  eines  Schnabels,  während  es  in  der  Bed.  'Löffel'  wie  i^^oblet 
in  gob let -wo  rk  'Becherwerk,  Paternoslerwerk '  au)  die  andere  Grundbedeutung 
'Maul'  zurückweist. 


138  THEODOR    BRAUNE, 

go  'sans  raaiiger'),  'tout  droit,  sans  preparation',  —  frz.  qohet 
'bouchee',  'Mundvoll'  (vgl.  &c\^.goh  'Mund,  Maul')  und  wie  ei\g\.  gobbet 
'Bissen,  Bifschen,  Klumpen V  auch  'Glaskirsche',  sowie  goh[h)e  'hol 
pour  engraisser  la  volaille',  'Nudel,  Mastkugel '  'hol  pour  empoissoner 
les  chiens  errants',  gobille  'boule,  bille'  und  norm,  gobine  'Mahlzeit', 
die  wegen  ihres  -b-  (s.  Meyer- Lübke)  eher  vom  germ.  *gubb,  als 
von  kelt.  Wörtern  wie  goh  'Schnabel,  Mund'  (vgl.  auch  ir.  ^0/) 'Schnabel'), 
das  aber  mit  dem  germ.  *gub  verwandt  ist,  stammen  werden.  Hierher 
gehören  dann  auch  engober  'recouvrir  la  päte  ceramique  d'une 
matiere  terreuse  pour  en  modifier  la  couleur'  mit  sbst.  engobe 
'raatiere  dont  le  potier  se  sert  pour  engober'  und  gobeter  'cr6pir 
cn  faisant  entrer  le  platre  le  mortier  dans  les  joints  avec  la  main 
ou  le  plat  de  la  truelle'  mit  gobetis  'platre,  mortier  pour  gobeter', 
'ouvrage  fait  en  gobetant'  (vgl.  oben  zur  Bed.  appenz.  gabla  'sich 
nutzlos  bewegen,  pfuschen',  aus  *gab)  —  und  weiter  go  belle  'Ge- 
fängnisschenke' (vgl.  gobeur  'Schlucker,  Vielfrafs')  und  gobelot 
'Kneipe,  Proviantamt'  mit  gobelot(i)er  'zechen,  pokulieren'  {gobe- 
loteur  'Zecher'),  vs^2X.  gobe  Uns,  dS.xz.  gobel  (bei  DG)  'calix,  pocu- 
lum,  culullus',  mlat.  gobelet(f)us  [goboktus,  auch  gobinelus),  id.,  frz. 
gobelct  (im  13.  jh.  auch  gubuhi)  'vase  de  bois,  haut,  de  forme 
ronde,  sans  anse  et  ordinairement  sans  pied  {gobelet  hnetiqiie  [an 
den  speienden  Mund  erinnernd]  'vase  dont  se  servent  les  esca- 
moteurs  pour  faire  leur  tour'  [vgl.  'un  joueur  de  gobelets,  des  tours 
de  gobelets'],  'fleur,  dont  la  coroUe  est  en^  forme  de  gobelets' 
[auch  gablet  ' Wassernebel ']),  it.  gobella  'Tasse,  Becher',  frz. 
gobelette"^  'kleines  Boot'. 

Der  ganzen  Bedeutungsentwicklung  unserer  Wurzeln  nach 
stellen  sich  aber  hierher  auch  gobichonner  'in  Saus  und  Braus 
leben"  und  goberger  'foppen',  se  goberger  'sich  ergötzen,  belustigen' 
und  'sich's  bequem  machen'  (sbst.  goberge  'ais  qu'on  fixe  en  tra- 
vers  d'un  fond  de  lit',  'ais  qu'on  appuie  contre  un  meuble,  un 
placage  fraichement  collec,  pour  le  maintenir',  'Zwinge,  Instrument 
zum  Festhalten' 3  u.  a.).  Diese  Wörter  müssen  auf  kürzere  zurück- 
gehen, wie  sie  vorliegen  z.  B.  im  afrz.  gobe  'laetus,  hilaris,  poli, 
officieux',  gobayi  'gaiete,  belle  humeur',  frz.  gobin  'drolliger  Kauz' 
(un   plaisant  rJ)    und   gobelin'^    (engl,  goblin  und  hob-r^)  'Kobold, 


'  Eine  Ableitung  aus  i;-ob  in  dieser  Bed.  ist  wohl  tn^.  gobbing  'Kohlen- 
grus', 'Gestein,  das  in  der  Grube  zurückbleibt',  'Bergversatz'  [gob-ßre  "Selbst- 
entzündung dieses  Gruses',  gob-road  'Gang  durch  die  Berge).  (Vgl.  auch /oö 
'Klumpen,  Stück,  Stückchen  Holz').  Engl,  gob  bedeutet  auch  'Alter,  alter 
Älaim'  (vgl.  schwed.  dän.  \iO&\..  giibbe  'Greis'  mit  gubbaktig  'greisenhaft')  = 
'taubes  Gestein',  das  sonst  attle  [aus  *attaldn  oder  attilön  =  ahd.  ezzen, 
mhd.eizen  'ätzen']  heifst. 

'■*  Vgl.  zur  Bedeutung  von  gobelette  'kleines  Boot'  imd  gobelet  'vase' 
lat.  vas  und  vascellum  =  frz.  vaisseau. 

3  In  dieser  Bed.  ist  man  versucht,  eine  Erinnerung  an  ein  *gabb  in  der 
Bed.  'Schnabel'  zu  sehen,  wie  in  der  Bed.  bei  goberge  'Kabeljau, 
Stockfisch'. 

*  Wie  sich  gobin  und  gobelin  zu  einem  Stamm  '^gubb  zu  stellen  scheinen, 
wie  er  in  verschiedener  Bed.  in  engl,  gobbet  gobble  gob,  mnld.  gubbelen  vorliegt, 


GERM.  WURZELN  G B  UND  G  —  'F  IN  DEN  ROM.  SPRACHEN.        13g 

Poltergeist',  welches  letztere  man  von  xoßaXog  ableiten  wollte. 
Ordenicus  Vitalis  kannte  (s.  DC  und  Diez)  "den  gobelinus  als  einen 
in  der  Normandie  zu  Evreux  einheimischen  ziemlich  harmlosen 
Geist" ;  auch  das  würde  auf  nordgerm.  Ursprung  weisen. 

Auf  Aufnahme  in  einer  älteren  Zeit  deuten  wegen  ihres  /- 
afrz.  jober  'verspotten,  auslachen',  joh  (=  andfriink.  *gobl)  'Ein- 
faltspinsel' und  'dumme,  alberne  Lüge,  Täuschung,  Betrug',  jobe 
'niais,  albern',  jobelin  'einfältiger  Bengel',  jobard  'leichtgläubiger 
Tropf  und  j  ob  arder  'zum  Narren  halten'.  Man  hat  sie  auf  den 
Eigennamen  y(7(^  '  Hieb '  zurückgeführt,  doch  denkt  man,  wenn  man 
von  Hiob  spricht,  insgemein   an  den  stillen  Dulder,  nicht  an  einen 


so  wird  ixz,  g oguelin  'Schiftskobold'  mit  \xl.  gogiies  'Scherz,  Kurzweil', 
se  goguer  'sich  belustigen'  u.  a.  Wörtern  zu  dem  Schallstamm  *gi(g  gehöreu 
(dem  Torp  wieder  nur  eine  beschränkie  Bed.  "etwa  laut  lachen"  zuspricht), 
der  im  Ablaut  zu  dem  uralten  Stamme  '^gag  (gtg)  steht.  Die  Bed.  dieser 
Stämme  ist  'unter  Ausstofseu  von  Lauten  verschiedene,  insbesondere  "gau- 
kelnde Bewegungen"  (s.  Grimm  2568)  maclien'.  Vgl.  eng],  guggle  'gurgeln' 
(auch  subst.,  vgl.  engl,  ^.^^a^  'sich  erbrechen  wollen,  zum  Brechen  reizen,  necken, 
sich  herumtreiben'  u.a.),  goggle  (wie  gobble)  'gierig  verschlingen'  und  'die 
Augen  verdrehen,  rollen,  glotzen,  wackeln',  vc\\idi.  gogelen  'schaukeln'  (tirol. 
goglen  'bes.  mit  den  Beinen  gaukeln',  gos^el  'lascivus',  gogel-viiore  'Treiben 
von  Possen'),  schwäb.  ^ti^.f  goggel  (auch  gag  und  gaggle)  'langer  Mensch  mit 
schlenkerndem  Gange',  xv\\^.  gugen  gagen  von  der  Wiege  (Grimm  II43,  2568), 
SQ\\vi'i!o.  gigen  gagen  'schwanken',  aargauisch  j^i^a^^.?  'sich  in  den  Hüften 
wiegen',  m\\A.  gigen  gurren  {gigen  garren  nach  Bechstein)  von  einem  Narren 
und  seinem  gaukelnden  Gehen  und  Tun',  va!a.A.  gagen  'sich  liin  und  her  wiegen', 
zgs. gagol  (oder  ^agol)  'mutwillig',  Schweiz.  gag(g)elen  'gackern,  stolsweise 
lachen',  mnld.  gagelen,  engl,  gaggle,  an.  gagl  'kleine  Gans',  —  altmärk.  giggeln 
=  gibbeln  'heimlich,  versteckt  lachen'  {^hsi- gtgg^ l) ,  engl,  gtg ^-le  'kichern' 
und  gaggle,  plattd.  be-gigeln  'berücken',  plattd.  gigein  'die  Geige  (mnd. 
gigeJ,  o%x\\\z%.  gigel,  nA.  gi'egel  gigel,  engl,  gig)  spielen',  (wie  osiixies.  gtgeln) 
auch  'ungeschickt'  oder  'mit  einem  stumpfen  Messer  schneiden'  (luxemb. 
geigen  'es  hin  und  her  ziehen',  nd. ^/^'■^/«),  iuhd.  gtgen  (afrz.  g?guer  =  ahd. 
*g{gan)  'geigen'  mit  shs,t.  g/ge,  mnld.  ghi'gke,  a.a.  g/'g/a  u.  a. 

Die  verschiedenen  Bedeutungen  spiegeln  sich  wieder  in  frz. 
£'^&  (^  ^iigk  i^^!?  'Geige',  aber  auch  'Sausen  des  Windes',  'Kreisel',  'zwei- 
rädriger Gabelwagen,  leichtes  Ruderboot',  'lose  Dirne',  wie  gtglet  giglot 
'Spafs,  Lustigkeit',  vb.  'sich  eilig  hin  und  her  bewegen')  'Geige'  und  .lustiger 
Tanz',  ixz.  giguer  'hüpfen,  tanzen'  (daneben  ginguer  mit  gingtie  'drei- 
saitige Geige'  aus  gexxa.'^ging  ;  gan g,  s.  oben,  mit  schwed.  radartl.  _^'/>?_^'7(Z 
'wackeln',  z}c\A.  gingen  'verlangen',  ginge,  xü\\A.  ginge  'Verlangen',  vgl.  in 
Wälschtirol  ganga  'Lust,  Liebe,  Gewandtheit  in  der  Verrichtung'  =  venez. 
ganga  'Absicht'),  ixz.  gigue  'fille  gaye  et  enjouee  qui  saute',  gigolo  'Lieb- 
haber', gigolette  'Grisette',  gigotter  'mit  den  Beinen  strampeln,  zappeln, 
tanzen',  &ix7..  gigue  gigle  'Geige',  ixz.  gigue  'Geige'  und  'Tanz',  it.^z'^a 
'Geige',  prov.  00,  sp.  r^j  'Geige'  und  'Art  Tanz',  ptg.  00  'Geige'  und  ^2^0 
'flacher  Weidenkorb'  (anknüpfend  an  die  Art  der  Herstellung?).  Das  ixz.  gigue 
bezeichnet  aber  auch  'Rehkeule',  wie  gigot  'cuisse  des  membres  posterieurs 
d'un  mouton,  d'un  agneau'  {eng\.  gigot,  wie  gigget  giggot  'Hammelkeule' 
und  'Fleischschnitte',  vgl.  auch  sy>.  gigote  'gehackt  Fleisch',  vgl.  \.\xo\.  gtgl, 
auch  güj^l  PI.  'Beine',  'die  gigel  aufrecken',  s.  Grimm  1143,  wie  mdartl. ^a^i?« 
PI.  "wohl,  insofern  sie  eben  gagen''\  s.  Grimm  1143,  vgl.  auch  bair. _^?^<?/^ 
gogete  'über  Hals  und  Kopf),  überhaupt  'jambe  d'une  personne'  und  'celui 
qui  fait  des  rondes,  archer  du  guet',  'Scharwache'  (die  sich  hin  und  her 
bewegt). 


140  THEODOR    BRAUNE. 

Dummkopf.  Das  engl. /ö/^,  das  langes  ö  zeigt,  in  der  Bed.  'tadeln, 
schelten'  dürfte  Entlehnung  aus  dem  Französischen  sein. 

Das  irz.  gobin  bedeutet  aber  auch  'Buckliger',  wie  \\..  gob- 
bino  'etwas  bucklig',  das  von  \i.  gobbo  gobba  'Buckel,  Höcker' 
und  gobbone  in  der  Wendung  'andare>~'  'gekrümmt  gehen'  nicht 
zu  trennen  ist.  Gewöhnlich  stellt  man  diese  Wörter  (s.  Meyer- 
Lübke  3755)  zu  einem  auf  Grund  des  ]ai.  gt'bbt/s  (==  it.  gi'bbo  gibba), 
sbst.  und  adj.  gibber,  gibbosus  {==  it.  gtbboso)  und  gibberosus  er- 
schlossenen *gubbus  (bei  DG  wird  einmal  ein  mlat.  gubba  'bosse' 
angeführt).  Ein  solches  nur  auf  Mutmafsung  beruhendes  Wort 
kann  aber  dem  germ.  *gubb,  das  in  so  reicher  Bedeutungsenlwicklung 
vorliegt,  gegenüber  wohl  kaum  in  Frage  kommen.  Wir  werden  in 
den  lat.  Bildungen  wohl  nur  eine  zufällige  Übereinstimmung  mit 
dem  Germanischen  zu  sehen  haben,  i  Wie  sich  die  Bed.  'ge- 
krümmt, vorstehend'  u.  a.  entwickeln  konnten,  habe  ich  schon  oben 
gezeigt.  Sie  ergibt  sich  aus  den  eigentümlichen  Bewegungen,  die 
jemand,  der  sich  albern  und  ausgelassen  bewegt,  macht,  sie  ergibt 
sich  aber  auch  aus  der  weiteren  Entwicklung  von  Bedeutungen, 
wie  Mundvoll,  Bissen,  Klofs,  Klumpen  zu  Vorsprung,  die  das  engl. 
gob  und  gub  (vgl.  auch  gubber - tushed,  norw.  ^ö<5Z' 'Schultergegend') 
zeigen.  Diese  Bedeutungen  hat,  \\\.&  oben  erwähnt  ist,  Torp  auf 
Grund  des  norw.  mdartl.  o-z^j-ß  'zusammengesunken  sitzen'  und  ^öM 
'Schultergegend'  einer  germ.  Wz.  "^gub  (auch  '^gtcp)  zugesprochen,  die 
er  auf  \6.^.*ghub  (mit  \(i\X.  guhu  guhi  'einsinken,  zusammenfallen, 
sich  bücken',  guba  'Heuhaufen',  gubätis  'sich  krümmen,  gebückt 
gehen',  as\.  gybükü  'gebeugt',  dvognbü  'doppelt*,  \i\.  dvigubus  dass.) 
zurückgeführt.  Auf  derselben  Wz.  dürften  sp.  a-gobiar  'beugen, 
niederdrücken',  cat.  a-gobiar  beruhen,  während  cat.  ajapir 
'krümmen'  aus  einer  Wz.  *gab  (vgl.  ags.  geap  'geräumig,  hohl,  rund- 
lich gebogen',  aus  germ.  *o-ö^,  grie eh.  ;fa/?og  \ja^ov'  xaf^JivXov], 
aus  idg.  g/iab)  hervorgegangen  sein  könnte. 

Kehren  wir  noch  einmal  zu  den  sbst.  Bildungen  zurück,  für 
die  wir  die  Bedeutungen  'Kropf,  Mund,  Maul'  u.  a.  nachweisen 
konnten.  Sie  scheinen  im  Romanischen  aufser  in  den  schon  an- 
geführten Wörtern  auch  sonst  noch  Spuren  hinterlassen  zu  haben. 
So  liegt  die  Bedeutung  'Kropf',2  auf  die  wir  für  it.  guhbio  gobbio 


*  Ein  dem  lat.  Stamm  ^g — b  entsprechender  germ.  *k — p  zeigt  ähnliche 
Bedeutungen  wie  *g  —  b.  Man  vergleiche  ahd.  chaphen  im  Sinne  von  gaffen 
'verwundert  schauen'  mit  sbst.  kapf  'specula,  cacumen',  mnd.  kapen  'gaffen, 
schauen',  mnld.  capeti  'gucken,  starren',  mnd.  kape  'Bake',  mnld.  cape  'Bake, 
Leuchtturm',  md.  nd.  kippe,  schotl.  kip  'hervorragende  Spitze,  spitzer  Hügel', 
ahd.  kipfe  'Spitze'  u.  a. 

'''  Die  Bed.  'Kropf  scheint  auch  roman.  Bildungen  geeignet  zu  haben, 
die  zu  der  oben  besprochenen  Wz.  *g  —  m  (vgl.  gam  'palatum'  bei  Grimm 
1201,  II49,  luxemb.  ganime  F.  'Maul'  neben  gumm  'Gaumen',  ebd.  1578, 
game?i,  ebd.  I148  '[gaumen]  gamatzen  \_gatimezen'\  'oscitare,  hiare,  gähnen) 
zu  stellen  sind,  wenn  sie  germ.  Ursprungs  sind,  so  dem  nprov.  ^awo  (frz. 
game  gamme)  'Kropf  der  Schafe',  nprov.  gamotin  'Vogelkropf,  Kropf. 
Die   Herleitung   von   Wörtern   wie   gen.  s;öme,    nprov.  gömo  gomtiti   aus  gol. 


GERM.  WURZELN  G  —  B  UND  G  —  F  IN  DEN  ROM.  SPRACHEN.       14! 

'Kropf  der  Vögel'  (mit  vb.  ingubbiare  'riemplir  di  cibo')  verwiesen 
hatten,  auch  der  Bed.  des  ixz.  gobillard  'planche  preparee  pour 
faire  des  douves'  zugrunde;  solche  Bretter  werden  mit  einer  einem 
Kröpfe  (oder  Schnabel)  ähnlichen  Furche  oder  Kimme  versehen. 
Dieselbe  Bed.  liegt  zutage  in  dem  frz.  jaboi,  das  wir  wegen  seines 
-b-  jetzt  nicht  mehr  wie  pik.  gav  'Kropf,  frz.  gavion  'Schlund,  Kehle, 
Gurgel'  und  javotte  'Schwätzer,  Plaudertasche'  (aber  auch  in  später 
zu  besprechender  übertragener  Bedeutung  'Locheisen,  Ambofsstock' 
\_= Javelotte^  zu  *gaba,  sondern  vait  jaboter  'schwatzen' und/a^ö/z'^r^ 
'Kropf-,  Schwanengans'  zu  einem  wohl  andfränk.*^fl^^a  stellen  werden. 
Zu  derselben  Bildung  oder  einer  Ableitung  daraus  wird  auch  zu 
stellen  sein  {xz.jable  'Gergel,  Kimme,  Falz,  Zarge,  Winkel  zwischen 
Wand  und  Boden  eines  Gefäfses'  (vb.  jabler  'kimmen'),  das  von 
Schuchhardt  (Zschr.  XXVI  415)  auf  '^'cavohim  'Höhlung',  bei  Meyer- 
Lübke  3Ö86  auf  hd.  gar  gel  ger gel  'Falz  an  der  Daube',  von  Thomas 
(Mel.  94  und  Zschr.  XVIII  220  und  Körting  Et.  Wb.  4101)  auf  gabala 
'Gabel'  zurückgeführt  wird.  Keine  der  Herleitungen  kann  lautlich 
oder  begrifflich  genügen,  wohl  aber  ein  ^'galbalö  aus  kürzerem  *gabba. 
"Der  Handwerker  behandelt  sein  Arbeitsstück",  heifst  es  bei  Grimm 
1357,  "als  ein  lebendes  Wesen,  wie  denn  jener  Fafsrand  auch  Kopf" 
(ebd.  V  706,  vgl.  Kehlkopf)  und  unser  Kehle  im  übertragenen  Sinne 
'rinnenförmige  Vertiefung'  sowie  die  Handwerkszeuge  dazu  'Kehl- 
hobel'  und  'Kehleisen'  (vgl.  frz.  jahliere  und  Jabloire)  heifsen.  Eine 
ähnliche  Bedeutungsübertragung  liegt  auch  bei  dem  deutschen  gargel 
(auch  gergel\xn^  girgel,  nid.  gergel  und  girgelY  und  kürzerem  garge 
'Kimme'  vor,  wie  das  engl,  gargle  'Gurgel'  (s.  Grimm  1358)  neben 
gargle  'gurgeln,  mit  gurgelnder  Stimme  singen',  deutschem  mdartl. 
gargeln  =  gurgeln  (s.  Grimm  ebd.)  und  ein  mundartl.  garge  im  über- 
tragenen Sinne  'Wandertasche'  (auch  garge-sack  'Zwerchsack,  Quer- 
sack', wetter.  gärgel-sack)  vermuten  lassen. 


*g-auma  'Gaumen'  lehnt  Meyer- Liibke  3707  aus  lautlichen  und  begrifflichen 
Gründen  (nur  der  erste  Einwand  dürfte  nach  unserer  Auseinandersetzung  gelten) 
ab,  während  Bruch  in  der  Ztschr.  XXXVIII,  69O  als  Ursprungswort  ein  ndfränk. 
(oder  hwr ^.)  gomo  (=  zhä,  guomo ,  mh.A.  guome  'Gaumen,  Kehle,  Rachen', 
a.gs.  göma  'palatum',  ätiig\.  gdme  'gingiva',  an.  gdmr  'Gaumen')  ansehen  möchte. 
An  anderer  Stelle,  unter  1497,  stellt  Meyer-Lübke  nprov.  gamo,  gamoun, 
gome  und  gomada  zu  fränk.  *wamba  'Wampe,  Bauch'.  Für  die  roman. 
Bildungen  mit  o  verweise  ich  auf  die  zahlreichen  deutschen  mdartl. 
Nebenbildungcn  zu  ahd.  guom(o)  =  gerra.  *goma  (s.  Torp),  ahd.  ^r«w<? 
{iu  =  germ.  ^z^)  und  ahd.  gieotno  (=^  gcxm.  *gauman ,  s.  Torp),  mhd.  goum, 
r\hd.  gaumen ,  wie  ahd.  gommo  (in  co?nmono  'faucium'),  oberd.  wie  md. 
rhem.  gom  (vgl.  auch  mdaxt\.  gumme  'faux,  palatum,  cooporterium  faucis', 
gum  mnd.  gume,  n\d.  gumme  bei  Kilian  und  schwt'iz.  xad.  güme  mit  echtem  ü 
nach  Grimm  1577). 

1  Die  Nebenform  girgel ,  die  auf  ein  kürzeres  *girga  weist  (wie  dem 
gargel  auch  ein  garge  zur  Seite  steht),  zeigt,  dafs  im  Germ,  auch  ein  ab- 
lautender Stamm  *gerg  bestanden  hat.  Auf  ihn  liefsen  sich  das  it.  gergo 
gergone  {=^  Igh.  *gergo)  'Kauderwälsch ,  Rotwälsch',  prov.  ger  §-o  ger - 
gon-s  zurückführen,  während  das  ixz.  Jargon  auf  einer  Bildung  mit  stamm- 
haftem a,  wie  andfränk.  '' garga  beruhen  könnte. 


142  THEODOR    HRAUNH, 

Das  deutsche  gargel  wie  rhein.  gergel  bezeichnete  aber  nicht 
nur  die  'Kimme',  sondern  auch  das  Werkzeug  (gergel- /ia?nm)  zum 
Einschneiden  der  Rinne;  diese  selbe  Bedeutung  könnten  wir  auch 
einem  germ.  *gu/j{b)-Ja^  zuschreiben,  auf  welches  das  lucches. 
zgubhia,  nprov.  gubio,  sp.  gtcbia  und  frz.  gouge  'Hohlmeifsel' 
(auch  '  Sorte  d'arme  en  forme  de  serpe'  im  Afrz.)  hinweist.  Ist 
diese  Herleitung  richtig,  dann  versteht  man  auch  frz.  goujnre  in 
der  ßed.  'Einschnitt,  Keil',  goujon  gojigeon  in  der  Bed.  'Stift, 
Pflock'  und  andrerseits  goujat  in  der  Bed.  'grober  Kerl,  Flegel, 
unsauberer  Bursche,  schlechter  Soldat,  Trofsbube'  und  gouje  in  der 
Bed.  'Dirne'.  Dafs  ein  germ.  *gubja,  frz.  gouge,  solcher  Bedeutungen 
fähig  war,  zeigt  das  dem  Frz.  entlehnte  engl,  gouge  in  den  Bed. 
'Hohlmeifsel,  Hohleisen'  (vb.  o^  ausmeifseln,  aushöhlen'),  'Hohlstichel, 
Locheisen,  Lattenschicht'  (vgl.  oben  goberge),  'Höhlung'  und  weiter 
'Betrug,  Prahlerei,  Prellen'  (to  -^  a.  p.  out  of  'prellen'),  die  sich  aus 
der  Bedeutungsentwicklung  der   germ.  Wz.  *g-b  erklären. 

Germ.  *gab  scheint  ferner  zugrunde  zu  liegen  dem  mlat.  gavo 
'Struma,  species  tumoris',  gavanus  'tonsilla,  glandula',  gavinae 
'tumores  similes  tonsillis  seu  glandibus  gutturis',  \\..  gavineYX. 
'Ohr-,  Speicheldrüsen'  (auch  gavigne  dass.  und  'Achselhöhle'),  über- 
haupt 'geschwollene  Drüsen,  Ohrgeschwür,  Ohrenflufs',  ait.  gavo  IIa 
'Fufsknöchel',  gavocciolo  'Pest-,  Leistenbeule'  (s.  Meyer-Lübke3623), 
hz.  javart  (>  it.  giavardo),  sp.  gabarro,  ptg.  gavarro  'Durch- 
fäule, Fesselgeschwür  am  Fufse  der  Pferde',  wie  ja  auch  unser 
'Kropf,  die  Bezeichnung  für  die  bei  vielen  Vögeln  sich  findende 
Erweiterung  der  Speiseröhre  am  Halse,  worin  das  Futter  bleibt, 
ehe  es  ausgekröpft  wird  oder  in  den  Magen  übergeht,  auf  etwas 
Kropfähnliches,  auf  eine  Geschwulst  übertragen  wird.- 

Auch  die  Vorstellung  von  einem  geöffneten  Maule  oder  den 
beiden  einem  geöffneten  Maule  gleichenden  aneinander  gelegten 
Händen  scheint  wirksam  gewesen  zu  sein,  Gegenstände,  die  dem 
gleichen,  danach  zu  benennen,  wie  das  schon  angeführte  frz. 
gohelet  (emetique),  it.  gohella  'Tasse,  Becher'  und  frz.  gobelette 
'kleines  Boot'  zeigten.  Bruch  nimmt  zwar  in  den  Zusätzen  und 
Verbesserungen  zum  REW  von  Meyer-Lübke  in  der  Zschr.  XXXVIII 
688,  wo  er  über  gabata  (W.  3625)  handelt,  eine  Entwicklung  der 
Bedeutung  von  'Schüssel'  zu  'Kinnlade',  'Wange',  'Schlund',  'Kropf 
an,  die  Sache  scheint  aber  für  die  Substantiva,  von  denen  wir 
handeln,  gerade  umgekehrt  zu  Hegen,  wie  aus  unserer  Erörterung 
hervorgeht,  und  wie  Analogien  zeigen.  So  ist  z.  B.  das  mhd.  goufe 
'hohle  Hand',  nhd.  mdartl.  gaufe  F.,  auch  gauf  M.,  ahd.  coufana 
(an.  gaupn,  nnorw.  'auch  Handvoll'),  gaufei  dass.,  gäufekin  'Gefäfs 
in    Form    einer    Gaufe'    (mit    den    vb.  gaufen   gau/eltt,    an.  gaupna 


^  Meyer-Lübke  3906  hat  ein  gubia  'Hohlmeifsel'  aufgestellt,  doch  ohne 
Angabe  der  Herkunft. 

-  Vgl.  'Kropf  iu  vielen  technischen  Anwendungen  und  das  vielfach 
technisch  verwendete  vb.  'kröpfen'  =  'hakenförmig  nach  einem  Winkel 
biegen',  'gekröpft',  'kröpfig'  und  'Kröpfungen'. 


GERM.  WURZELN  G B  UND  G F  IN  DEN  ROM.  SPRACHEN.       I43 

gaupa^  'mit  beiden  Händen  häufen'),  wie  es  bei  Grimm  1546  heifst, 
"ursprünglich  der  geöffnete  Mund,  mit  dem  ja  noch  Kinder  und 
Tiere  zugreifen  und  ihr  Begehren  ausdrücken,  erst  später  über- 
tragen" —  "die  greifende  oder  auch  begehrende  Hand,  die  eine 
Höhlung  macht,  dem  Munde  ähnlich,  dann  weiter  —  die  hohle 
Hand  überhaupt",  die  doppelte  hohle  Hand  voll,  eine  Art  ungefähres 
Mafs  (lat.  mensura  pugilli),  soviel  als  beide  hohle  Hände  in  sich 
fassen  mögen,  jedes  der  hohlen  Hand 2  ähnliche  Gefäfs,  das  IMafs- 
gefäfs  "als  künstliche  Fortsetzung  der  Hand  als  Mafses"  gedacht 
(ebd.). 3  Die  Bedeutung  'Gefäfs'  findet  sich  auch  bei  einer  anderen 
Wz.,  der  Wz.  *gat,  die  wir  schon  oben  berührten,  und  der  wir 
ähnliche  Bedeutungswandlungen  zuschreiben  konnten,  in  oberd. 
gätze  'Scliöpfgeschirr',  auch  galze  'Gefäfs',  nd.  gate  'situla'  (vgl. 
prov.  gato  'Trog'  =  got.  *gafa7  neben  gainato  ^^■''gamaia'^  aus 
'■'gajn),  die  mit  gätzen  'füttern,  ätzen'  und  oberd.  gaizen  'gackern, 
schnattern,  schwätzen'  und  sbst.  gatz''  'Geschwätz,  Narretei,  Spott', 
verwandt  sind,  —  sowie  in  einer  Bildung  aus  dem  Schallstamm 
'"^gar  i^.gir'.gur)  mit  gar  reu,  das  von  mancherlei  scharfen  oder  wider- 
lichen Tönen  gebraucht  wird,  und  von  dem  ^«rz^« 'rülpsen,  räuspern, 
knarren'  'gurgitare',  'fressen,  schlingend  essen',  norw.  garta  'grunzen' 
(und  gurzen  'eructare')  und  garz  'Heifshunger  mit  Aufstofsen'  nicht 
zu  trennen  ist,  im  cimbr.  g£>-z  'Schöpfkelle,  Rührlöffel',  mhd.  gerze 
'Getreidemafs',  garz  'zuber,  aymer,  handnapf,  napf,  krug,  schapf. 
Sie  liegt  auch  in  dem  später  zu  erwähnenden  zur  Wz.  *gab  gehörigen 
ahd.  gebit{ta)  gehiza  vor. 

Unter  den  gegebenen  Gesichtspunkten  werden  wir  nunmehr 
zu  den  sbst.  zu  unserer  Wurzel  *^ — h  gehörigen  Bildungen  stellen 
das  mlat.  gabettiis  'vasis  genus  ad  instar  naviculae',  prov.  sp.  (catal.) 
gabarra,  frz.  gabar{r)e  'Schute,  Transportschiff,  flaches  und  breit- 


1  Alle  diese  Wörter  gehören  zu  der  gerra.  Wz.  *gup,  mit  norw,  mdartl. 
gaupla  gopla  'Glockenblume',  gopla  auch  'Meduse'  (vgl.  oben  frz.  goblet 
'Wassernabel'),  zgs.  geopan  st.  V'b.  'verschlingen',  geap  'umfassend,  krumm, 
weit',  norw.  mdartl.  ^0/ 'Abgrund',  vaad..  gope,  mhd.  _^o^<?^?(^.? 'Hinterbacke', 
gupf(e)  'Giebel,  Spitze',  einer  Nebenwurzel  zu  *gubf  der  wir  dieselben  Be- 
deutungswandlungen wie  dieser  zusprechen  können. 

"^  Vgl.  auch  gäspe  'doppelt  hohle  Handvoll'  (Grimm  1434),  das  mit 
gaspen  'hiscendo  caplare'  und  mit  gaspe  'Spange,  Nestel'  verwandt  ist.  Von 
der  Bed.  'hohle  Hand'  scheint  auch  auszugehen  zu  sein,  wenn  das  oben  er- 
wähnte c.ng\.jabble  'spritzen,  plantschen'  neben  'schnattern,  plappern'  bedeutet. 

3  "Wer  begreifen  will,  wie  die  Begriffe  'Handvoll'  und  'Mundvoll'  sich 
nahe  liegen  zum  Tauschen,  stelle  sich  nur  Kinder  vor,  die  im  Walde  Beeren 
sammeln  und  essen"  (s.  Grimm  1588).  Vgl.  auch  ^aw  'Mundvoll',  aus  *gav, 
bei  Stalder  und  Grimm,  ebd. 

*  Zu  gatz  und  gatzen  gehören  ein  gatze  'Schwätzerin,  Plaudertasche'  und 
gatzer  'Schwätzer'  sowie  gatz-vogel,  das  am  Rhein  'Spötter'  und  'Elster' 
bedeutet.  Sollte  auf  die  ihnen  entsprechenden  ahd.  Bildungen  nicht  das  it. 
gazza  'Elster'  und  gazzera,  dass.,  zurückgehen  und  i\..  gazzare  auf  oberd. 
gatzen,  das  von  Vögeln  und  Menschen  gebraucht  wird,  und  zXi.  gazzolare 
'schreien  wie  die  Elster'  auf  oberd.  gatzeln,  frz.  gaziller  'zwitschern, 
schwatzen'  auf  ein  *%azzil6n  (=  vgl.  mainfränk.  ^^a^-zf /«,  \\&%%.  gät^eln)} 


144  THEODOR    BRAUNE, 

gebautes!  Ruder-  und  Segelfahrzeug  der  Binnenschiffahrt' ('navicula 
umnica  in  Bordeaux,  s.  DC),  'bateau  a  voiles  ou  a  raraer,  pour 
charger  ou  decharger  les  navires  (mit  prov.  gabarrit  'Schiffs- 
modell', frz.  gaharit  gabari  'arceau  sous  lequel  on  essaie  les 
wagons  pour  s'assurer  qu'ils  peuvent  passer  sous  les  tunnels',  DG. 
und  gabari  er  'bemalen')  und  mlat.  gahar(r)otus  'cymba',  naviculae 
amnicae  species,  frz.  gabarot(t)e  'kleiner  Nachen'  (vgl.  oben  gobeletle 
'kleines  Boot'),  die  nach  dem  eng!,  gabbard  gabbart  (auch 
gabert),  das  -bb-  zeigt,  im  Gegensatz  zu  dem  oben  angeführten  frz. 
javart,  ptg.  gabarro,  zu  dem  Stamm  *gabb  gehören  und  vielleicht 
aus  dem  Ags.  stammen.  In  der  Bed.  'Schlepnetz',  'seine  de  grandes 
diraensions'2  (DG.),  die  das  frz.  gabarre  aufserdem  zeigt,  scheint 
wie  in  frz.  gabarit  die  Bed.  'aufgesperrtes  Maul'  noch  deutlich 
durch. 

Eine  Übertragung  der  Bedeutung  liegt  auch  vor  im  span. 
gavion,  das  dem  frz.  gavion  'Schlund'  entlehnt  scheint  (s.  Diez), 
wenn  es  'Korb'  bedeutet,  ebenso  vk^ohl  im  it.montal. ^•az'a^wö  'Korb', 
lomb.  cavagno,  it.  gavozza  (=lgb.  *gab-ozza})  'Tragkorb,  Butte, 
Kiepe',  wohl  auch  im  frz.  gaviot  'Art  Holzstuhl',  it.  gavone  'Art 
kleiner  Kajüte  auf  Galeeren,  it.  gavitello  'Bake,  Ankerboje'.  Aus 
germ.  "^gab  stammen  wahrscheinlich  auch  mlat.  gahia  'cavea,  carcer, 
carchesium'  (auch  gaia  jaia  'caveae  species  ad  piscandum'),  ptg. 
gavea  'Mastkorb',  span.  gavia,  cat.  gabia  'Gefängnis',  prov. 
gabia  {'P'hz.  cage),  die  man  (s.  Meyer-Lübke  1789)  zu  lat.  cavea 
'Höhlung',  'Käfig',  'Vogelbauer'  stellt,  während  andere  zu  germ. 
*gabb  zu  rechnen  sein  werden,  wie  mlat.  gabbia  'corbis,  qualus, 
malus,  cui  gabbia  imponitur',  it.  gabbia^  'Frefskorb,  Futtersack, 
Futternetz',  'Durchschlag,  Mastkorb,  Vogelhaus,  Hühnerkorb,  Ge- 
fängnis', frz.  gabie,  it.  gabbione  'Schanzkorb,  Netz',  'grand  cage', 
frz.  gabion  'Schanzkorb',  'Mastkorb',  it.  gabbüre  'Mastwächter'  (frz. 
gabier),  'chista  a  vedetta  nella  gabbia  delle  navi',  frz.  gaburon 
'Wange  an  Mastbäumen  oder  Segelstangen',  it.  gabbiata  (got.  Her- 
kunft?), gabbiazza  (Igb.  Herkunft?)  'Käfig  voller  Vögel',  gabbivola 
'kleiner  Käfig'  (>  afrz.  gaiole  jaiole  gaole,  nfrz.  geöle  'Käfig, 
Kerker',  sp.  ^«jj^ö/a 'Wächterhütte',  ptg.  ,^«7 /0/0 'Käfig,  Gefängnis', 
ml.  gahiola  'carcer'). 

Eine  Weiterbildung  aus  germ.  *gaba  (vgl.  mlat.  gavius  "inter 
varias  supellectiles  recensetur''  DC)  liegt  wohl  vor  in  dem  schon 
erwähnten  ahd.  gebit(t)a   gebeta    gebiza  'Gefäfs,  Efsgeschirr',    zu 


1  Man  vergegenwärtige  sich  die  Form  der  SchifTerboote,  die,  an  Land 
gezogen,  im  Äufsern  zwei  flach  aneinandergelegten  Händen  gleichen.  Man 
vgl.  auch  gr.  yavP.o?  (lat.  ^a?</?^j) 'Trinkgefäfs,  Trinkschale'  und  y«CAoe  'oval- 
förmiges  Kauffahrteischiff',  wie  Uz.  gabelet  'vase'  und  gobelette  'kleines  Boot'. 

-  Vgl.  das  mit  dem  oben  erwähnten  engl,  jabble  verwandte  jabb  in  der 
Bed.  'Laichnetz'. 

^  Das  it.  gaggia  stelle  ich  zu  germ.  *gag  mit  ä.gs.  geagl  'Kiefer', 
mnd.  ^a^^/ ^^^^/ 'Gaumen',  die  auf  ein  sbst.  *gag  in  der  Bed.  'Maul'  deuten. 
S.  das  oben  zu  dieser  Wz.  Gesagte. 


GERM.  WURZELN  G  —  B  UND  G F  IN  DEN  ROM.  SPRACHEN.   I45 

dem  für  eine  Reihe  romanischer  Wörter,  die  sich  zu  ihm  stellen 
könnten,  das  bei  Martial  (von  c.  40 — lOO  n.  Chr.)  7,  47,  3  u.  a. 
erwähnte  lat.  gabata  'eine  Art  Speisegeschirr,  Schale,  Assiette'  in 
Mitbewerb  zu  treten  scheint.  Die  meisten  der  roman.  Wörter,  wie 
siz.  gavita  'Kalkkübel',  tarent.  <~  'Kübel',  neapol.  gavete  'Hühner- 
tränke', abruzz.  f-^  'Kalkkübel',  frz.  jatte  'Milchsatte,  Mulde',  it. 
gavetta'^  (bei  DC  wird  va\-dX.  gaveda  mit  'scutella  lignea,  qua  utuntur 
remiges  ad  cibum'  erklärt)  'Soldatenschüssel',  nprov.  gaveto  dass., 
'Satte,  Tränke',  ptg.  span.  gaveta  'Schublade',  aufser  kalabr. 
gavata  'Abwaschschüssel'  stimmen  aber  eher  zu  einem  dem  ahd. 
gehitta  gehita  gehiza  entsprechenden  got.  *gabita.  Ein  solches  ^gabiia 
wird  auch  von  Bruch  in  der  Zschr.  XXXVIll  688  für  die  genannten 
roman.  Wörter  angesetzt,  doch  will  er  es  "mit  Suffixwechsel  aus 
gabata'^  hervorgehen  lassen,  aus  dem  er  auch  ein  "^"gava  in  der 
Bed.  'Kropf  für  die  bei  Meyer-Lübke  3623  unter  *gaba  genannten 
Wörter  durch  Rückbildung  entnimmt.  Da  wir  aber  in  *gaba  auf 
Grund  der  oben  gemachten  Erörterungen  ein  germ.  Wort  sehen 
dürfen,  werden  wir  *gabtta  als  germ.  Herkunft  betrachten  und 
eher  annehmen  können,  dafs  das  so  spät  im  i.  Jhd.  n.  Chr.  bezeugte 
lat.  gabata  (auch  gavata  und  gabatha  bei  DC)  erst  durch  germa- 
nische Söldner  in  römischen  Diensten,  wie  andre  Ausdrücke  aus 
dem  Kriegerleben,  im  römischen  Reiche  Eingang  gefunden  hat  und 
die  Wiedergabe  eines  germ. -got.  *gabita  oder  *gab-jata  (vgl. 
ahd.  gebeta)  ist.^ 

Aus  dem  lat.  gabata  hat  man  für  einige  rom.  Wörter  ein  *gauta 
in  der  Bed.  'Wange'  erschlossen,  obwohl,  wie  es  bei  Meyer-Lübke 
3625  heifst,  "das  Verhältnis"  —  "nicht  klar"  ist,  so  für  it.  gota 
'Wange,  Backe',  obwald.  gaulta  'Kinnladen',  frz.  joue  'Wange',  prov. 
gaufa,  katal.  galta  'Kinnladen'  und  päd.  galtotii,  moden.  giiliun,  it. 
gotoni  gationi  'Krankheit  der  Ohrdrüsen',  nprov.  gautun  'Ohrfeige', 
ixz.  jottereatix  vrnd  joutereaux  'Mastbacken',  ixz.  joufflu  'pausbäckig', 
katal.  (>  sp.)  galtera  'Helmbacke'. 

Von  diesen  Wörtern  könnte  aber  frz.  joue  mit  afrz.  jouee 
einem  andfränk.  *gauwa  entstammen,  das  sich  nach  dem  rhein. 
gatiiven  gauen  'hiare,  os  aperire'  (s.  Grimm  1540,  daneben  nid. 
gaeuiven,  hd.  mdartl.  ^öV/it«  'gaffen',  vgl.  auch  txoxv^.  gaua  'bellen, 
schelten',  ebd.  1593)  annehmen  läfst;  auch  frz.  s^engouer  'sich 
vollpfropfen'  erschiene  verwandten  Ursprungs.  Was  it.  gota  'Wange, 
Backe,  Seite'  [stare  in  r-^  'eine  ernsthafte  Miene  annehmen'),  gotoni 
'Krankheit    der  Ohrendrüsen'    und  gotata  {m\a.t.  gottata)  'Ohrfeige, 


1  Das  {\z.  gavette ,  ii.  gavetta  bedeutet  auch  'Gold-  und  .Silberstab 
zum  Drahtziehen'  (er  wurde  wohl  durch  eine  maullörmige  Öffnung,  *gaba,  ge- 
zogen und  ethick  daher  seinen  Namen),  dann  'Päckchen  Saiten  zu  Instru- 
menten' (d.  i.  soviel  wie  ein  Mund  oder  eine  Hand  voll,  vgl.  oben  gatife). 
Zu  gavetta    gehört   ein  vb.  aggavettare  'in  Gebinde,  in  .Strähnen  wickeln'. 

^  Ich  habe  oben  darauf  hingewiesen,  dafs  der  Name  eines  Witzboldes 
zur  Zeit  des  Tiberius,  des  Apicius  Gabba,  wahrscheinlich  ebenfalls  germ.  Her- 
kunft i^^l. 

/eitsclir.  f.  rom.  Phil.  XLII.  jq 


146  THEODOR    BRAUNE, 

Maulschelle'  anbelangt,  so  verraten  sie  die  Herkunft  entweder  aus 
germ.  ^'guf^  wie  auch  iiz.  jouttereaiix,  das  im  Ablaut  zu  dem 
schon  mehrfach  angeführten  "^gat  mit  ähnlicher  Grundbedeutung 
steht  wie  *gab,  und  von  dem  ^^tzZ/ö«?*  im  Sinne  von  ^''•(^/ö;// stammen 
könnte,  oder  eher  aus  *gaut,'^  wie  prov.  ^««/a 'Kinnlade'  (mlat. 
gaiiia  'maxilla,  mala')  mit  nprov.  gautun  'Ohrfeige',  gaufada  'alapa' 
und  gaukjar  'alapare'.  Was  schlief^^lich  katal.  galta,  päd.  galtoni, 
ohwald.  gaul/a  und  mode.n.  guliuu  anbelangt,  so  weisen  sie  aut' 
einen  aus  *gatil^  und  *^?// verlängerten  Stamm.  Das  katal.  ^a//a 
speziell  spiegelt  ein  got.*gal(lJipa  wieder,  dem  im  Ahd.  ^«///V/« 
gel(l)iia  entspricht.  Dieses  zu  einem  Stamm  *gal  mit  ähnlicher 
Grundbedeutung  4  wie  *gah  sich  stellende  Wort  ist  uns  allerdings 
nur  in  der  Bed.  'Gefäfs,  grofser  Kübel,  Mulde  für  Wein,  Krug', 
überhaupt  als  notwendiges  Gerät  im  Hausrat,  Stall,  in  der  Baderei, 
im  Brauhause,  Kelterhause,  als  Zubehör  vornehmer  Tafeln  über- 
liefert, wir  dürfen  aber  nach  dem  oben  besprochenen  ?\\d..  gehita 
gehiza  'Gefäfs,  Efsgeschirr'  vermuten,  dafs  das  ihm  zugrundeliegende 
Wort  ursprünglich  ebenfalls  zunächst  die  Bed.  'Maul'  oder  'Maul- 
voll' gehabt  hat.  Das  ^\vdi.  gellida  gel(l)tia  gelda  gelta,  oberd. 
md.  ^^//^,  ■'»  setzt,  wenn  es  germ.  Herkunft  ist,  ein  kürzeres  germ. 
*gal-ja  voraus.  Aus  dirsem  könnte  das  mlat.  jalea  'mensura 
liquidorum'  bei  DC,  afrz.  jaille  'grofse  Mulde'  stammen,  während 
xoXdX.  jalla   'vasis  genus  liquidis  continendis  aptum,    situla'  bei  DC, 


*  Vgl.  gntzejt  (bei  Schmeller  und  Sanders)  ^gucken  'neugierig  schauen', 
hdXx.  gidtze7i  'bellen',  gutze-gauch  'Kuckuck',  gutze-berglein  'ein  Versteck- 
spiel', _^«^z^ö  ^z^^sai  'Guckfenster',  aus  germ.  *gut.  Auf  germ.  *gutt  dürften 
sicher  zurückgehen:  \i.  gozza  gozzo  gozzile  (Igb..?)  'Kropf  (der  Vögel), 
Hals,  Schlund,  Kehle',  'Kropf  (als  Kiaukheil),  Wasser-,  Trinkflasche,  Mühl- 
gerinne, kleine  Backe',  gozzaja  'Kropf  voll,  Kropf,  Kehlkopf,  Hals',  aber 
auch  'alter  Hafs,  Groll',  gozzivaj o  'Kropfgans',  gozzotiglia  'Gelage, 
Schmaus,  Schlemmerei'  (^  sp.  ptg.  ^ozo 'Vergnügen',  _^osa;«  'geniefsen')  mit 
i^' ozzovigliare  und  gozzuto  'kropfig'. 

'■^  Vgl.  ar\.  gaiita  'schwä  zen'  (s.  Grimm  1593),  g-aufau  'Prahl,  Geschwätz', 
nhd.  mdartl.  gatize?i  gäuzen  'bellen,  belfein,  ausschelten,  keifen,  reden, 
schwätzen',  auch  'gucken',  iräiik.  gauzfej  'Schaukel'. 

^  S.  oben  die  zu  hd.  gaul  angeführten  Verben ! 

*  Vgl.  die  Wz.  *gal  (*g^l)  in  an.  ga/a  'singen,  Zauberge>aug  singen' 
{galfnn  'toll),  as.  galan  'rufen,  singen',  ags  i^alan,  ahd.  r>o  'laut  singen',  mhd. 
und  hd.  mdartl.  _i^a//^a/ 'Schrei,  Hall',  _^ci//fw 'schreien,  klagen,  laut  schallen', 
gall  'lascivia'  {gal  'lascivus,  geil'  [vgl.  Sl^xz.  ga  1(1) er  'Feste  feiern'  mit  gale 
'Munterkeit'],  sich  gälen  'lascivire,  mutwillig  sein',  isl.  gala  sig  'fatuari'),  gelldii 
(=  *galjan  'gellen  machen',  schwed.  ^«7/a ,  an.gjalli  vom  Echo),  \\^.  gal'e 
'Geschwulst,  krankhalte  Blase',  2^^^.  galla  'Galle'  (eigtl.  'was  ausgebrochen 
wird',  vgl.  griech.  p^oP.?^ 'Galle'  und  ;^oAoc;),  a\\A.  giilhui  'schreien,  laut  tönen', 
xAA.  gillen.,  hg?,.  giL'an  usw.  und  Erweiterungen  aus  der  Wz.  wie  \%\.  gel'a 
(=  *galtjan)  'bellen',  ahd.  gelzon,  mhd.  ergeizen  'seine  Stimme  ertönen 
lassen,  schreien'.  —  Auf  ein  *gal-jan  (s.  oben  sich  gälen)  könnte  zurückgehen 
\)W.  galir,  z.^xi.  galir,  nlvz.  jaillir  'hervorsprudeln'.  Vgl.  Gavariiis 
bei  DC  'nomen  fluvii',  ('Gabarus'),  vulgo  'le  Gave',  irz.  gave  'Giefsbach'  (in 
den  Pyrenäen)  von  der  Wz.  *gab, 

*  Vgl.  Y\\.i.  gelda,  altpreuls.  ^a/iJ  'Mulde',  h'ohm.  geltna  'Zuber,  Melk- 
kübel'. 


GERM.  WURZELN  G B  UND  G F  IN  DEN  ROM.  SPRACHEN.       I47 

2iirz.  jalle,  jale,  ixz.  jale  ' grofser  Kübel,  das  Mehl  zu  messen, 
Mulde  für  Wein',  'sorte  de  vaisseau,  seau'  (im  Afiz.  auch  'boule', 
'le  jeu  de  boules  que  l'on  nomme  ou  appelle  le  jeu  de  ja/es%  DC) 
ein  durch  die  übliche  Konsonantendehnung  i  vor  -;'  be- 
dingtes *ga/-Ja  *ga/I-/a  *gal/a  wiederspiegeln  würde.  Einem 
altgerm.  *galHda  entspricht  m\at.  g(i/(/Jida  'vasculum'  (neben  dem 
im  13.  Jh.  gelta:  'una  gelta  olei'  bei  Grimm  3065  =  2iS\d..  gelta 
erscheint)  'pandula,  calicula,  mulgarium,  crater'.  Daneben  finden 
sich  mit.  galeola,  gallica  (und  calicula  mit  Anklang  an  calix  'Kelch'), 
die  auch  auf  die  kürzere  Bildung,  germ.  *galja  *gallja  zurückgehen 
werden.  Als  Ableitung  aus  dieser  erscheinen  ralat.  jalotus  'men- 
sura  annonaria' =  henneg.  ^^a/f/,  ixz.  jal(l)ot  'Kübel',  \wie  jale  mit 
d.hz.  galon  jalon  'Getreidcmafs'  (auch  'galon  de  vin')  aus  *galla, 
wenn  nicht  galon  jaloti,  engl,  gallon  auf  mask.  *galla  (aus  germ. 
*gal-Jo,  vgl.  mlat.  ga/o  j'alo  'mensura  liquidoruni  apud  Anglos'  DC, 
'mensura  frumentaria',  mlat.  galiis,  auch  galiim  'mensura  vinaria', 
vgl.  auch  vc\\-aX.  galo  'fornix,  concanieratio')  zurückgehen.  Weitere 
Ableitungen  sind  vü.\2l\..  jaloneia  'herbarum  fasciculus',  /ö/ö/^«^«.r 
'mensura  annonaria',  jalonata  'mensura  frumentaria',  gallodius  'id.' 
[galluiig  'mensura  annonaria  apud  Germanos'  DC),  m\a.t. Jalleala 
'mensura  liquidorum',  gallcta  galcta  'mensura  vinaria',  galeta 
auch  in  der  Bcd.  'mens,  frumentaria',  'vasis  genus'  (auch  galetus 
'mensura  frumentaria,  mens,  terrae,  modus  agri'.  jalehis  und  jaletuin 
'modus  agri  [vel  silvae])  =  afrz.  gealloie  jallaye  jalaie  jaloie 
(ycA'sX.  jaleia),  nordit  galeda  in  Como,  chuiw.  gaiei'da  'Gefäfs, 
Kübel*,  sp.  gallele,  ptg.  gal/iela.  Wie  weitverbreitet  diese  Wörter 
und  der  Brauch  waren,  zeigt  das  m]a.t  galeagium  'censu.«,  tributus, 
reditus',  jalkagimn  jalfe)agiu}ii  (afrz.  jaillage  jailaige)  'ius  mensurae, 
ad  quam  exiguntur  dolia  vinaria',  'droit  de  jangeage'.  Das  mlat. 
galeta  bezeichnet  aber  auch  'vasis  genus'. 

Bei  den  zuletzt  besprochenen  Wörtern,  die  wir  auf  die  Wz. 
*^  —  b  zurückführen  zu  können  vermeinten,  war  von  Bedeutungen 
wie  'Kropf,  Mund,  Maul,  Mundvoll,  dann  Handvoll,  doppelte  hohle 
Hand'  auszugehen.  Das  Bild  des  aufgesperrten  Maules  und 
Rachens  (oder  auch  der  Hand  mit  gespreizten  Fingern),  wüe  es 
sich  in  perspektivischer  und  graphischer  Darstellung  zeigt,  konnte 
dazu  führen,  diese  Begriffe  auch  auf  andere  ähnliche  Dinge  zu 
übertragen.  Das  zeigt  ein  {Tmst-)gah  'tridens'  bei  Dief.  596  a, 
15.  Jh.,  und  mlat.  gapo  'uncus,  crampon'  bei  DC,  das  gewifs  auf 
deutsches  gap  (=  oberd.  bair.  gap  für  gab,  vor  dem  lo.  Jh.)  zurück- 
geht. Weit  gebräuchlicher  ist  eine  Ableitung  daraus  mit  -b,  germ. 
*gabalu,  ahd.  gabala  F.  (auch  gabila  =  hd.  g^bel  und  cap-ula),  mhd. 
gabel(ej,  ags.  ga/ol  F.  (PI.  gaflas  'furcae,  patibvüum'),  das  wir  nun 
nicht   mehr    als  Entlehnung    aus    dem  Keltischen   (ir.  gabul  F.   'ge- 


*  S.  vStreilberg,  Urgerm.  Gramm.  S.  144/45  dazu  und  vgl.  goi.halj'a,  as. 
hellia,  ahd.  hella,  ags.  engl  hell;  got.  si'bja,  as.  stbbia,  ahd.  sippea  sippa,  ags, 
si'bb,  li'i.  Sippe. 


148  THEODOR    BRAUNE, 

gabelter  Ast,  Gabel,  Schenkel')  1  ansehen  werden.  Das  hd.  gahel 
kann  alles  mögliche  bedeuten.  Es  kann  sein  ein  'gegabelter  Ast', 
eine  'Gabelstange'  im  Gebrauch  des  Lebens  als  Stütze  für  Jagd- 
netzo,  als  Unterlage  für  Ruder  (wie  wewQZ.  forkola  aus  \ü.\../urra 
'Ruderpflock'),  als  Klüver  {gabel-juast),  als  Deichsel  eines  Ein- 
spänners [gabel-deichsel,  vgl.  von  idg.  *g/iab,  dem  hd.  *kab  entspräche, 
skr.  gähhasli  'Gabeldeichsel'),  eine  'Gabel  aus  Holz'  (im  Gegensatz 
zur  Forke  =  \:i\..  ftirca),  ein  'Tragreff'  (schweiz.  gabele,  s.  ebd.  1 121), 
auch  'Giebel',  wie  im  Alem.  (in  der  gemraa  gemmarum,  Strafsburg 
1508)  und  in  dem  dem  ahd.  gahala  oder  gahila  lautlich  ent- 
sprechenden an.  gafl,  schwed.  gafvel,  dän.  gavel,  engl.  f~,  ostfries. 
gäfel,  mnd.  gevel  (auch  gavel  i.  J.  1420),  nid.  geve/,  mnld.  ghevel 
'Giebel',  während  in  dieser  Bed.  im  Ahd.  das  im  Ablaut  dazu 
stehende  gibel  gibil,  im  Mhd.  gihel  und  im  Got.  gibla  gebräuchlich 
ist.  Daneben  finden  sich  in  dieser  Bedeutung  noch  ein  ablautendes 
mrhein.  gohel  und  von  den  Nebenstämmen  *gahb  und  "^gibb  oberd. 
gappelen  PI.  {kappel  'imcz.'  im  15.  Jh.)  und  h^\x.  gippel.  Möglicher- 
weise war  das  oben  erwähnte  wohl  alem.  gabel,  in  der  Bed. 
'Giebel',  wie  das  ihm  entsprechende  frz.  gable  {'^  engl,  gable 
'Giebel'),  in  dieser  Bedeutung  männlichen  Geschlechts  (vgl.  das 
mask.  ags.  ga/ol  geaful  'Giebel')  im  Gegensatz  zu  f.  ahd.  gabala 
in  der  Bed,  'Gabel'. 

Bemerkenswert  erscheint  noch,  dafs  unser  gahel  oft  zur  Be- 
zeichnung von  Tieren  dient,  so  in  gabel- latig  'Ohrwurm',  ohr -gabel 
dass.,  in  Luserna  (wie  ^xov.  forca  aus  Isii.  ftirca).  Wie  man  versucht 
ist,  frz.  gabot  'kleiner  Fisch  zum  Ködern',  der  als  Lockspeise  dient, 
und  gäbet  im  Sinne  von  'Dassellarve'  zu  einfachem  ^gab  oder 
*gabh  zu  stellen,  so  zu  *gabal6  oder  vielmehr  *gab/ld  das  sp.  gavilan 
(mail.  veron.  puschl.  ^az'mf/,  2  -^X^^.  gaviäo  ausgab},  bergell.  gam'vtl, 
neap,  ganavielle  aus  ganl)  'Sperber',  das  bei  Meyer-Lübke  3628 
unter  *gahilane  'Sperber'  genannt  wird,  zu  dem  er  sagt,  die  Formen 
der  iberischen  Halbinsel  zeigten  die  Gestalt  der  got.  Namen  auf 
-ila,  so  dafs  germanischer  Ursprung  wahrscheinlich  sei.  Unser 
gabel  findet  sich  ja  oft  bei  Vögelnamen,  so  bei  gabel-weihe^  'falco 
milvus',  Schweiz,  ^rt'i^d'//- (=  gab-ilal)vogel,  gabel- geier. 

Germanisches  *gah  {=  ahd.  gab)  und  *gabalö  in  dem  be- 
sprochenen übertragenen  Sinne  scheint  mehrfach  im  Romanischen 
vorzuliegen.    So  im  comask.  ^«^ 'Haken',  hz.  gabel  {=  ahd.  gab) 


1  Vgl.  weiter  air.  gabkla  'Scheere',  ga.e\.  gabhal  'Gabelast,  Gabel'  (welsch 
gafel,  kymr.  ^afl  'Gabel'),  Ivjxax.  geiel  {gefaü)  'Zange',  kelt.  \zX.  gahalus 
(keltisch)  bei  "Varro  u.  a. 

2  Im  Prov.  bezeichnet  auch  gavauh  einen  Raubvogel. 

3  Das  Flugbild  der  Gabelweihe,  insbesondere  bei  schmalgehaltenem  Steuer, 
ist  bestimmt  durch  das  gabelförmige  Schwanzende.  S.  Voigt,  Exkursionsbuch 
zum  Studium  der  Vogelstimmen.  Vgl.  ferner  ^ßö«?/^/- 'Groppfisch,  cottus  scaber, 
gehaiuischter  Redfisch'  ('lyriformis  armatus,  lyra  altera,  sie  dicta  a  rostro  bifur- 
cato',  s.  Grimm  ii2i),  gabel- schwänz  (ein  Falter)  'bomby.\  vinula'  auch  (ein 
Fisch)  'Klippfisch',  \w\x^.  gabilün  'fabelhaftes,  dracheniihnliches  Tier'  (mit  weitem 
Rauche?),  gabel -hirscJi,   auch  gabier  genannt. 


GERM.  WURZELN  G  — B  UND  G F  IN  DEN  ROM.  SPRACHEN.       I49 

'Visier  am  Fernrohr'  (eigtl.  'keilförmiger  Einschnitt'),  ^  auch  'girouette 
au  sommet  du  mät',  engad.^ßruV/' Einschnitt,  Kerbe',  maU. gave/a 
'Klammer',  com3,sk.  gavel  'krummes  Werkholz'.  Gleicher  Herkunft 
dürften  sein  bologn.  gavi  PI.  'Radfelgen ',2  das  bei  Meyer-Lübke 
1789  unter  cazva  aufgeführt  ist,  wogegen  er  aber  selbst  in  der  Ztschr. 
XXXIX,  364  Bedenken  erhebt  (mlat.  ^<7Z'//,?  "canthus,  ferrum  circa 
rotas'  vel  ligna,  vulgo  Gavile"  DC,  gaviliuvi  'clavus  ligneus  seu 
ferreus',  neapol.  gaveld)  und  die  bei  Meyer-Lübke  362g  unter  einem 
nur  fragend  als  gallischer  Herkunft  aus  *gahulmji  'Radspeiche'  be- 
zeichneten Wörter,  wie  vci'w.  x&gg.  gävol,  (exr.  gdbol,  bologn. 
gävel  (mit  Suffixwechsel  lomb.  piem.  gavel,  friaul.  gaviel,  engad. 
gavail),  die  teils  die  Speichen,  teils  die  vier  Stücke  des  Radreifens 
(vgl.  oben  covn?isk.  gavel)  bezeichnen,  ^  ebenso  it.  ^öz^/ö/z^rö 'Rad- 
schienenbeschlag', gavaina  'grofse  Zange,  Hebeisen,  Wendestange' 
und  afrz.  gaviot  bei  DC  'cheville'.  Das  ebenfalls  unter  *gabultim 
aufgeführte  parm.  ^az'/a  'Radschaufel' ^  scheint  auf  ein  *gaha  in 
der  Bed.  'Maul'  zurückzugehen. 

Ein  zu  ahd.  [gabala  oder  vielmehr)  gahila  gehöriges  Schweiz. 
gäbein  (=  *gabildn)  bedeutet  das  'Heu  umwenden,  schütteln',  wie 
gabeln  (=  *gabal6n)  'mit  der  Gabel  fassen,  ergreifen,  bearbeiten', 
engl,  gavel  'in  Garben  binden'  mit  sbst.  no  'kleiner  loser  Haufen 
Getreide'.  Ein  germ.  oder  and  frank.  *gabhilön  oder  *gabhalö?i 
könnte  die  Quelle  des  frz.  javeler  'die  Schwaden  legen'  sein, 
eigtl.  'so  viel  hinlegen,  als  man  mit  der  Gabel  oder,  in  ursprüng- 
licherer Bed.  von  *gaba  (wie  oben  bei  gaufe  gau/el,  vb.  gau/en 
ganfein  gäufeln  'mit  beiden  hohlen  Händen  häufeln',  an.  gaupa 
gaupna  'mit  hohler  Hand  fassen'),  mit  den  beiden  Händen  fassen 
kann'.  Auf  solche  Bedeutung  weist  das  augenscheinlich  aus  dem 
vh.  javeler  entnommene  sbst.  ^xz.  javelle  'monceau,  tas',  'Schwaden, 
Reisigbündel,  Bündel'  (miat.  ^az'!?//«  ^/az^efZ/fZ 'merges,  spicarum  raani- 
pulus',  javella  'lignorum  fascis',  prov.  ptg.  gavela,  kat.  gavella 
'Garbe',  s^.  gavilla  [mit  /!]  'Garbe,  Reisigbündel'),  wenn  es  mit 
'chacune  des  poignees  de  ble  scie  qu'on  couche  sur  le  sillon  avant 
de  les  reunir  en  gerbes,  pour  laisser  le  grain  jaunir  au  soleil'  im 
DG  umschrieben  wird.  Meyer-Lübke  3627  stellt  diese  Wörter  nur 
zweifelnd  zu  einem  als  gallisch  angesetzten  '^gabella.     Des  gleichen 


'  Vgl.  die  Wendung  'auf  die  gabel  (aufs  Korn)  nehmen'  und  unser 
kimme  bei  Gewehrvisieren. 

"^  Durch  eine  ähnliche  Bedeutungswandlung  würde  auch  das  frz.  jante 
'Felge'  seine  Erklärung  in  einem  zu  der  oben  besprochenen  Wz.  *gant 
'gähnen'  mit  *ganta  =  {xi.  jante  und  engl,  ^a«^  'gähnen'  gehörigen  Worte 
finden. 

3  Körting  führt  im  Et.  Wb.  auch  ein  ix/,,  gabel  'Radfelge'  (krummes 
Stück  Holz,  woraus  der  Kranz  des  Rades  besteht)  an.  Vgl.  dazu  ahd.  gabtd- 
hrand,  gabol-rind  bei  GrafT  'circinus',  Zirkel  (der  Bauhandwerker),  nach  seiner 
Gabelform  bezeichnet,  und  2^gs.  gafolr od  'radius'. 

*  Vgi.  gabel-werk  'Vorrichtung  in  den  Windmühlen,  um  den  Mehlbeutel 
zu  schütteln',  und  das  oben  erwähnte  cng\.  gobht-ivork  'Bacherwerk,  Pater- 
nosterwerk'. 


150  THEODOR    HKAUNE, 

Ursprungs  sind  (rz.  Javeau  'aufgeschwemmte  Insel,  Aiillufs,  Heger' 
(d.  i.  'eine  sich  im  Wasser  oder  am  Ufer  ansetzende  Erd-  oder 
Sandmasse,  Horst'),  prov.  ^öz'^/  'Reisigbündel'  und  ka.t.  gavel/ 
'Haufen',  mlat.  gave//us  'acervus',  V\.  gavelli  'sarmenta,  seu  fasci- 
culi  sarmentorum',  und  javellus,  das  mit  'locus,  ut  videtur,  in 
lluvio  javellis  seu  fasciculis  coartatus  piscium  capiendorum  causa' 
erklärt  wird.  Im  Ital.  fmdet  sich  sogar  eine  kürzere  seinen  Lauten 
nach  entlehnte  Bildung-  giava  in  der  Bed.  des  frz.  javeau  und  in 
der  Bed.  'Magazin  auf  Schiffen',  die  direkt  auf  eine  Grundbedeutung 
'iNIaul'  hinweist,  es  scheint  auf  Entlehnung  etwa  aus  einem  prov. 
*gava  oder  frz.  "^jave  in  diesem  Sinne,  zu  dem  auch  das  frz. 
javard  'Flachs  in  Schwaden'  gehören  dürfte,  zu  weisen. 

Zu  einem  gerra.,  vielleicht  andfränk.  *gabh-ala  stellt  sich 
dann  weiter  vielleicht  auch  mlat.  javelina  gevelhia,  afrz.  jeveline,  frz. 
javeline  (>>  it.  giavelina,  sp.  jabalina,  engl,  javeliii)  'dard 
long  et  mince',  'kleiner  Wurfspiefs'  und  'kleiner  Schwaden',  nfrz. 
javelot  (>•  it.  giavellotto,  ml.  giavelotus)  'arme  de  trait  se  lanc^ant 
ä  la  main',  'Wurfspiefs,  Pfeilnatter'  (coluber  jaculatrix,  ' Pfeil-schofs, 
Pfeil-schlange').  T)&t  javelot '^  war,  wie  das  vom  wieder  entlehnten 
m)\d.  gabilot  berichtet  wird,  keine  Ritterwafte,  "man  trug  sie  in 
einem  Köcher,  und  vermutlich  hatte  sie  einen  hölzernen  Schaft" 
(die  Kunst,  sie  zu  werfen,  war  der  sruanc).  Auch  unser  gabel  wird 
als  'Baumspiefs'  genannt,  und  mit  otter-gabel  (vgl.  fisch-.,  aal-gahel 
'eine  Gabel  mit  Widerhaken  an  der  Stange',  also  in  ursprünglichster 
Bedeutung  ein  'Gabelast')  wird  in  einem  fürstlichen  Inventar  des 
16.  ]hs.  eine  Waffe  bezeichnet  (s.  Grimm  iiiq);  gahel  gilt  aber 
auch  als  Attribut  Plutos  und  Neptuns.  Zudem  bedeutet  ein  der- 
selben Wurzel  entsprungenes  ags.  gafoluc,  engl,  govelock,  mlat.  gavc- 
loces  'spicula,  jacula'  'Speer,  Wurfspiefs'  (im  Engl,  auch  'Brech- 
stange, Brecheisen',  vgl.  auch  engl,  gah-lock  =  *gabb-/ock  'Stahlsporn 
der  Hähne'  wie  ga^)  und  an.  gn/iak  'Speer'  (bei  Grimm 2  liig). 
Die  apik.  Nebenform  gaverlot,  frz.  javrelot  bei  DC,  mlat.  gaver- 
loius  'spiculum,  jaculum,  ensis  brevis'  könnte,  da  im  Mlat.  auch 
javarina  und  gieverina  vorkommt,  ähnlicher  Herkunft  sein,  wie 
comask.  gavarot  in  der  Bed.  'Trampe'  (die  'Störstange  der 
Fischer');  es  verrät  eine  Nebenbildung  zu  ^gabalö,  wie  *gabarö. 

Ähnliche  Bedeutungen,  wie  sie  hd.  gab  und  gabel  (aus  germ. 
*gab)  zeigen,  finden  sich  bei  er\g\.  gab  (aus  *gabb)  und  gib  (aus 
*gibb).  So  bedeutet  gab,  das  wir  oben  in  der  Bed.  'Mund,  Maul' 
kennen,  lernten,  in  übertragener  Bed.  'Hakenstock,  Haken'  und 
'Gabel  der  Exzentrik'  (wie  gab-hook  und  gaff-hook),  er\g\.  gib  auch 
'Hakenstock,  Stütze,  Strebe,  Gegen-,  Hakenkeil'  (vb.  'mit  Haken- 
keilen, befestigen'),  'Kranbalken,  Kranschnabel,  Ausl(i)eger,  Klüver' 


*  Bei  Meyer -Lübke  wird  dafür  ein  gall.  unbezeugtes  *gabalos  'Speer' 
angesetzt. 

3  Diez  führt  ein  gafläc  als  ags,  an,  dagegen  gafeloc  gafeluc  uni  gaßok 
als  anoid.  an.     Vgl.  auch  kelt.  ^o/"  'Haken,  Speer'. 


GERM.  WURZELN  G  —  B  UND  G F  IN  DEN  ROM.  SPRACHEN.       I5I 

(auch j'ib,  gib-, Jib-boom),^  gibbet  'Kranbalkcn,  Querholz,  Querbalken, 
Galgen' 2  [gibbei-trce  'Galgen',  \h.  gibbd  'an  den  Galgen  hängen' 
\_gibbet  Oll  'an  die  Schultertrage  hängen'],  'an  den  Pranger 
stellen'). 

Auf  das  engl,  gib  und  gibbei  habe  ich  in  der  Ztschr.  XXXVI,  80 
hingewiesen  und  zu  ihnen  gestellt  das  vn\2ii.  giba  {=  ags.*gibb 
oder  *gibbe),  afrz.  gib fb)e  {mit  gib-au/f)  'Instrument  ä  remuer 
la  terre,  ä  arracher  Ics  herbes',  m\at.  gib fbjef um  'furca,  patibulum', 
frz.  gibei  'Galgen,  Hochgericht'  (>  it.  gihetio,  daneben  giiibbetto 
gitibetta  =  ahz.  goubet  gobet,  aus  *gubb),  aixz.  gibet  'fundibula 
sunt  quaedam  parvae  machinae  cum  funda  in  baculo  ('gegabelter 
Ast'!)^  dependente',  ixz.  gibelot  'piece  de  bois  courbe  fix6e  entre 
l'entrave  et  les  plats  bords  d'un  navire',  'Gabelholz'  und  gibelet 
'Zwickbohrer,  Zapfenbohrer'  (nach  dem  ausladenden  haken-  oder 
gabelförmigen  Handgriff  benannt?).  Ich  trage  kein  Bedenken,  jetzt 
auch  das  frz.  gibier  (>  engl.  gib[b]ier,  das  noch  deutlich  die  Her- 
kunft aus  *gibb  zeigt)  'Wildbret,  Wild',  neben  dem  im  Afrz.  auch 
gibelet  in  diesem  Sinne  erscheint,  mit  gibecier  'auf  die  Jagd 
gehen',  gibeciere  'Jagdtasche',  'grand  sac  oü  les  chasseurs  mettent 
le  menu'  und  giberne  {'^  \i.  giberna)  'Patronentasche'  u.  a.  hierher 
zu  stellen,  woran  schon  Körting  gedacht  hat,  obwohl  ihm  die  Her- 
kunft von  frz.  gibe  unbekannt  war.  Gibier  im  Sinne  von  'Wild- 
bret' ist  das,  was  an  einem  gabeiförmigen  Ast  (vgl.  oben 
Schweiz,  gabele  'Tragreff')  oder  ähnlichen  Gegenstände  getragen 
wurde  (ein  animal  gibarium),  wie  gibier  (=  *gibbarius)  'per- 
sonne   qu'on    cherche    a    prendre'    [vrai  gibier    de   potence), 


1  Vgl.  auch  gib-itaff  'Bootsstange,  Peilstock,  Fechtstock'  (bei  Stier- 
gefechten). 

'■^  Das  bei  uns  übliche  'Galgen'  ist  im  Got.  gal^a  M.  =  s.h.d.  galgo, 
mhA,  galge  'Galgen',  auch  'Gestell  an  einem  Ziehbrunnen  (galg-brunn,  auch 
gal-brunn),  um  den  Eimer  daran  zu  hängen'.  Auf  dieses  Wort  hat  man  (s. 
Körting  4130,  Hornung  i.  d.  Zeitschr.  XVIII,  220  und  XXI,  456)  das  Irz. 
jaitge  'Wagenstange,  Hebel,  Mefsrute,  IMefsstock,  Tonnengehalt'  {xsAd^t.  gaiija 
'mensura,  ad  quam  dolia  viuaria  exiguntur',  auch  gaujia  'noima  dolii  vinarii'}, 
auch  'pars  aralri,  ad  quam  sulcus  exigitur'  (bei  DC  M-aitx  j'augia  "doliaris 
capacilatis  index  et  norma',  G&\\.  jauge'",  ebd.  jaugier  un  huis  'ostium 
effringere'),  'ligo,  beche',  'Furche,  tranchee  creusee  dans  le  sol  pour  coiiserver 
momentancment  des  planles',  'barre  de  fer  avec  lequel  le  forgeron  manie  l'tn- 
clume  qu'il  fabrique'  m\\.  j auger  'eichen,  messen,  vi&ieren,  taxieren'  zurück- 
geführt, doch  würde  das  sbst.  Wort  eher  zu  einem  fem.  *galga,  wie  es  im 
vCixAA,  galglie,  n\A.  gaJg,  "[uwA..  galge  (das  aber  auch  m.  gen.  ist),  also  andfränk. 
fem.  *galga  vorliegt,  stimmen.  Die  älteste  Bed.  von  galga  scheint  in  der  Tat 
(s.  Grimm  1167  Ic  und  II,  16)  'Ast'  oder  'Baum'  ('gegabelter  Ast'  wie  das 
Gestell  am  Galgbrunn)  zu  sein  und  diese  leuchtet  in  der  Bed.  'Wagenstange, 
Hebel'  und  in  der  übertragenen  Bed.  'Furche'  des  hz.  jatige  durch;  eine 
Mefsrute  wird  auch  oft  durch  einen  Mefsstock  gebildet,  der  aus  mehreren  an- 
einanderbefestigten  Stäben  gebildet  wird,  die  schnabel-  oder  gabelartig  in- 
einandergeklappt  werden  können. 

3  Auch  das  limous.  ^zö  'Hippe'  dürfte  hierher  gehören,  wie  mlat. 
gobius  'vinitoria  falcula,  serpelte',  frz.  gouvrinet  'Winzermesser'  und 
gouvion  'Eisenpflock'  zu  *gub. 


152  THEODOR   BRAUNE, 

'eine  Person,  die  an  die  gib(h)e  {m\:x.i.  giba),    an  den  Galgen 
gehört'.  ^ 

Dem  hd.  gäbe/,  ags.  gci/oi  'Gabel'  und  an.  ga/I,  schwed.  ga/vc/, 
ään.  gav/  in  der  Bed.  des  ä\id.g/bi7,  got,  gi'bia  'Giebel'  (eigtl.  'ge- 
gabelter Ast')  stehen  Wörter  zur  Seite  mit  -f-,  auf  die  ich  schon 
einmal  in  der  Ztschr.  XXXVI  für  frz.  gafe  u.  a.  verwiesen  habe.  Die 
folgenden  Erörterungen,  die  sich  z.  T.  auf  die  vorangegangenen 
gründen,  sollen  zeigen,  dafs  die  Wörter,  auf  die  ich  damals  für 
die  romanischen  hingewiesen  habe,  urgermanisches  Erbteil  sind, 
und  dafs  mit  ihnen  weder  das  kelt.  ^0/ 'Haken,  Speer'  u.  a.  (welsch 
ga/I  'interferainium')  noch  ein  *gi7/a  'dunkeln  Ursprungs'  (s.  Meyer- 
Lübke  3633)  in  Mitbewerb  treten  können. 

Die  nächsterreichbaren  Wörter  sind  mnld.  gaffele  geffele  und 
gaffelke  'bidens,  tridens,  furca',  nid.  ^^a^>/  F.  'Heu-,  Fleischgabel, 
Ofenkrücke,  Doppeldeichsel',  xand.  gaffel  in  gaffel-schip  'navis  rostro 
raunita',  \\d.  gaffcl  'Gabel  von  Holz,  Stellgabel  auf  Schiffen,  eine 
Raa  mit  gablichtem  Ende'  {^gaffel-mast ,  wie  auch  gabel-mast),  'die 
Stelle  der  gerade  gestellten  Raae  vertretende,  aber  schräg  gestellte 
Segelstange  mit  gegabeltem  Ende,  Segelbaum',  isl.  gaffaäM.,  schwed. 
gafel  M.  'Gabel'  i^gaffel-fall  'Hifstau',  -mast  'Gabelmast',  -tist 
'Deichsel'),  dän.  gaffel  C.  'Gabel,  Gaffel',  ^xs.^.  gaffle  'stählerner 
Spanner  der  Armbrust,  Musketen  gab  el,  (provinziell)  Mistgabel'.  Eine 
einfachere  Bildung  gaff  ist  nur  noch  im  Engl,  nachweisbar  in  den 
Bedeutungen  'Fischhaken'  [gaff-hook,  xh.  gaff  'mit  Fischhaken  er- 
greifen oder  ans  Land  ziehen,  Fischhaken  benutzen'),  'Gaffel,  Boots- 
haken, Stake,  Stahlsporn  der  Kampfhähne',  aengl.  dial.  ^(7/f>  'an 
iron  hoc  or  hook'  (bei  Halliwell).  Das  war  wohl  bestimmend  dafür, 
dafs  man  das  engl,  gaff  als  Entlehnung  aus  dem  frz.  gaffe  be- 
zeichnete. Wäre  das  auch  für  das  engl  Wort  möglich,  so  doch 
nicht  für  das  mnd.  und  vnrAd.  gaffel(e) ,  denen  sich  noch  in  ahd. 
Zeit  am  Mittelrhein  ein  {?nist-)gafftla  (s.  Grimm  1 1 1 8)  und  in  der 
Kölner  gemma  ein  gaffel  in  der  Bed.  'Giebel'  (s.  Grimm  1121)  und 
ein  mrhein.  ablautendes  goffel  'G'iebeV  anreiht.  Für  germ.  Ursprung 
dieser  Bildung  zeugt  der  Umstand,  dafs  sich  auch  im  Ablaut  dazu 
stehende  Formen  finden,  wie  nd.  giffel gaffel  [=  cl)  geffel  (s.  Grimm 
II 18)  'zweizinkige  Holzgabel ',  altmärk.  ^,:r/<f/  'gabelförmiges  Werk- 
zeug aus  Holz  zum  Umwenden  der  losgebundenen  Garben  auf  der 
Tenne'.  Die  Wahrscheinlichkeit  spricht  also  dafür,  dafs  auch  die 
roman.  Wörter  aus  dem  Germanischen  stammen,  wie  frz.  gaffe 
'Fisch-Bootshaken,  Stange  mit  zweizinkigem  Haken,  Fischgabel', 
cam^iid.  gaff a,  sp.  ptg.  ^ö/ß  (im  Span,  auch  'Armbrustspanner' 
wie  engl,  ^ö/yff),  \)XO\.  gaf  mit  gafö  'Haspe,  Türangel'  mit  adj. 
sp.  gafo    'gelähmt,    krankhaft'    (von  Nerven  'aussätzig'   wie   agask. 


1  Hierher  gehört  auch  gihelet  iu  der  Wendung  'cel  homme  a  un  coup 
de  gibelet'  im  Sinne  von  '11  est  un  peu  fou'  (vgl.  unser  'er  hat  einen  Zacken'), 
frz.  gibelotte  'ragoüt  de  lapin',  'fa^on  d'accommodcr  les  oiseaux',  wohl 
auch  txi^.  gibhet  vn  Sinne  von  'Hammelkeule',  gigot. 


GERM.  WURZELN  G B  UND  G F  IN  DEN  ROM.  SPRACHEN.       I53 

gahel)  und  vb.  mlat.  gaffare  'manus  inicere  in  alqm,  quasi 
uncis  arripere',  ixz.gaffer  'mit  dem  Bootshaken  fassen,  anhaken, 
häkeln',  \>ig.  gaf/(ir  'packen,  ergreifen',  sp.  ga/ar,  gask.  ga/id 
'nehmen',  ga/ö  (im  val  de  Saire)  'beifscn'. 

Insgemein  stellt  man  das  nd.  nid.  gij/ye/  ohne  weitere 
Bedenken  zu  hd.  gahel,  dem  doch  im  Nd.  gavel  (i.  J.  1420 
=  '-gahdlo),  und  gevel  (=  ^'gahilo,  2i\\d.  gabila) ,  im  Nid.  gevel,  und 
im  Mnld.  ghevel,  aber  in  der  Bed.  'Giebel'  zu  entsprechen  scheinen, 
läfst  das  -^-  aber  unerklärt.  Beruhen  aber  diese  Bildungen 
wie  gahel  auf  Schallstämmen,  dann  liefse  sich  annehmen, 
dafs  wir  in  ihnen  Überreste  eines  alten  Stammes  mit  ur- 
germ.  y  zu  sehen  hätten,  1  das  zwar  in  vielen  Fällen  schon  im 
Urgermanischen  zu  J,  wie  angenommen  wird,  erweicht  war,  sich 
aber  doch  in  einer  beschränkten  Anzahl  von  Fällen  erhalten  hat 
(s.  W.  Braune,  Ahd.  Gramm.  §  139).  Die  Gemination  des  Spiranten 
entspräche  genau  derjenigen,  die  das  b  und/»  in  dem  germ.  *^ö3 
und  *gap  erfahren  hat.  Wir  werden  der  Wz.  "^^giif-,  die  sich  den 
Wzz.  "^'gah  *gap  und  ''^gav  zur  Seite  stellen  und  die  Reihe  schliefsen 
würde,  dieselbe  oder  ähnliche  Bedeutung  und  Bedeutungswandlungen 
zuschreiben  können  wie  den  anderen,  etwa  also  die  Bed.  'den 
Schnabel,  den  Mund,  das  Maul  aufsperren  und  schliefsen'.  Dafs 
dem  so  sein  könnte,  dafür  sprechen  gewisse  Anzeichen. 
So  bedeutet  ein  schott.  und  prov.  engl,  giff-gaff,  das  wir 
schon  zu  Anfang  unserer  Erörterung  angeführt  haben,  'gegenseitiges 
Schenken  und  Nehmen'  2  wie  air.  gah.  Auch  die  Bedeutung  'Kropf, 
Mund'  und  'JMaul'  läfst  sich,  wie  es  scheint,  noch  nachweisen.  So 
im  Sachs,  ^^o//"^ 3  'Maul'  (Grimm  1137)  und  \.\xo\.  geffe  ("pöbel- 
haft, d.  h.  in  unveränderter  Ursprütiglichkeit,  für  Mund",  s.  Grimm 
1135,  2564.)  und  im  mdartl.  gaffe  gaff  gaffen  'vola'  in  der 
Bed.  des  oben  besprochenen  oberd.  gatif  und  gaufe,  das,  wie  wir 
sahen,  ursprünglich  'den  geöftneten  Mund',  dann  'die  hohle  Hand' 


1  S.  Paul,  Grundiifi  1,334:  'Nur  zum  kleinsten  Teil  lassen  sich 
gemein  germ.  Geminaten,  die  in  grofsem  Umfange  auftreten,  auf  bestimmte 
Ursachen  zurückführen'  und  weiter:  'Geminierte  Spiranten  —  kennt 
die  gemeingerm.  Zeit  kaum;  für^/und  hh  dürften  keine  sicheren 
Beispiele  aufzubringen  sein,  wenn  man  nicht  einigen  onomato- 
poielischen  Verben  ein  urgerm.  Alter  beilegen  will'. 

2  Zu  derselben  Wz.  könnte  sich  stellen  das  am  Niederrhein  und  ander- 
wärts gebräuchliche  fem.  gajfel  'Zins,  Steuer',  an  einigen  Orten  'Abzugsgeld', 
'Gilde,  Zunft'  (ymi  gajfel-broder,  -herr,  -meister,  -knecht).  Von  ihm  ist  ver- 
schieden ^«3^//^?  'Abgabe',  nrh.  ^4*^06^//^ 'ongell,  gabellum'  [gäbelleute '^\\o\VL\n^'i> 
censuales'),  vX^^.  gahelle,  iiL.  g ahelle  '  Salziteuer ',  it.  ^ig  gab-: IIa  'Abgabe, 
Steuer'  (vb.  gabellare],  mlat.  gab(a)luni  gabelin,  prov.  sp.  gabela,  die  von  einem 
dem  ügs.  ga/ol  ga/ul  li.,  eng],  gavel  'Steuer,  Tribut,  Zoll'  [g^avel-geld,  -man, 
•med,  -rep,  -work)  'Lehnbesitz'  [gavel-kind)  entsprechenden  zur  Wz.  ^ gab 
gehörigen  Worte  stammen  werden. 

3  Verwandt  damit  könnte  sein  dial.  _^a^-m^«  'cunnus'  (vgl,  cy mx.  gaß 
'inlerfeminium,  feminarum  pars  interior').  Vgl.  auch  sächs.  gake  derbes 
Volkswort  für  'offenes  Maul',  auch  gäke  ("zu  gaken  'gaffen'"  gehörig,  wie 
gafe  'Maul'  zu  gaffen''''  Grimm  1153),  "aber  auch  von  dem  Gelben  am 
Schnabel  junger  Vögel",  schlts.^a^^  'Kehle'. 


154  THEODOR    HRAUNF, 

oder  'die  doppelte  holile  Hand'  bedeutet.  Dieses  gaffe  scheint  in 
das  Französische  übernommen  zu  sein  in  ixz.gaffe  (=:  alem. 
oder  hd.  gaffe)  i  'Mund'  (coup  de  gaffe  'Geschrei')  und  in  wallon. 
gaf  in  der  Bed.  'Kropf  der  Vögel';  ein  cha. mp.  gueffe^  'Kropf 
der  Vögel'  mit  vb.  se  gueffer  weist  auf  ein  schon  umgelautetes 
g^ffe  =  altem  *gaffja.  Und  dafs  hier  in  der  Tat  Bildungen 
aus  einem  Stamme  ''gaff  vorliegen,  dafür  spricht  das  frz. 
J  äff  et  in  der  übertragenen  Bedeutung  'Haken  (zum  Herunterlegen 
der  Baumzweige',  mit  /'affin  'Gärtner'  und  jaffier  'Garten')  und 
ixz.  Jaffe  in  der  Bed.  'Backe'  und  'Ohrfeige'  (d.i.  'Schlag  mit 
der  offenen  Hand'),  norm,  zaf  'Ohrfeige',  denen  sich  Bildungen 
wie  pik.  ^^y,  wallon.  i//"  o-zy 'Wange',  hz.gifffjle  (früher  im 
Sinne  von  'joue')  'Backpfeife,  Ohrfeige'  und  gifler  'ohrfeigen', 
die  den  Ablaut ^  zeigen,  anreihen.  Ist  das  hz.  jaffe,^  dessen 
Herkunft  bisher  unbekannt  ist,  deutscher  Herkunft,  dann  kann  ihm 
nur  ein  gerra.  (wohl  andfränk.)  -'gaffa  entsprechen,  und  dieses 
kann  nur  von  einer  Wz.  '^'gaf^  und  nicht  von  '"^'gah  oder  *gap 
stammen. 

Aber  auch  noch  andere  Erwägungen  bestimmen,  eine 
germ.  Wz.  *gaf  mit  den  ablautenden  Wzz.  *gif  und  *guf  an- 
zusetzen. Ich  rechne  dazu  das  mhd.,  oberd.  und  md.  gaffen, 
das  auch  schon  in  ahd.  Zeit  bestanden  haben  mufs,  wie  das  bei 
Graff  IV  370  bezeugte  ahd.  geffida  'consideratio'  (aus  '^gaffjan,  vgl. 
md.  gaffen  im  Sinne  von  gaffen  bei  Grimm  1 140)  ergibt,  und  das 
dem  alem.  gaffon  des  14.  Jhdts.  (s.  ebd.  1136)  zufolge  wohl  *gaffön 
gelautet  haben  wird.  Insgemein  gilt  das  mhd.  gaffen,  das  an  die 
Stelle  des  lautlich  verschiedenen  ahd.  chaphen  getreten  ist,  für  eines 
Stammes  mit  oberd.  gapfen  'den  Mund  öffnen,  gähnen',  nid.  nd. 
gapen  (nd.  auch  gappen  uru:l  Jappen),  an.  gapa,  dän.  gäbe,  schwed. 
gapa,  dass.,  und  sbst.  schwed.  gap  (dän.  gab)  'das  (zum  Zuschnappen) 
aufgesperrte  Maul,  Radien,  Schlund',  'Loch  einer  Grube',  an.  gap 
'hiatus.  Klaffen,  Gaffen,  Benehmen  eines  törichten  Menschen',  ags. 
engl,  gap  'hiatus,  Öffnung,  Spalt,  Ritze,  Kluft,  Schlucht,  Lücke, 
Bresche',  Doch  gibt  es  auch  sonst  noch  auf  westgerm.  und  nord- 
germ.  Gebiet  solche  Bildungen  mit,  wie  es  scheint,  stammhaftem  f 
wie  mhd.  gaffen,   wie  wir  gleich  sehen  werden. 

Das  mhd.  Wort  bedeutet  'hiare,  oscilare,  hiando  ore  captare',-'' 
'nach    einem    Dinge    giftzen    und    schnappen,    mit    offenem   Munde 


*  Bei    Grimm   1139    scheinen    11  ich    dem    Zusatz:    "hd.    wohl    einst  g>iffc 
geffe''"'  diese  Bildungen  auch  für  das  Hochdeutsche  angesetzt  zu  werden. 

^  Gehört  hierher  auch   \X..  gueffa  'gabbia,  prigione,  bastione,  muro.'' 
3  Solcher    ablautender    deutscher  Bildungen    aus    *giff  werde    ich  weiter 
unten    noch  mehr  beibringen.     Jedenfalls  verdient  diese  Ableitung  des  pik.  q-if 
und  ixz.  giffle  den  Vorzug  vor  Ableitungen  aus  kiefer  oder  gabaia  (Körting  5274) 
oder  mhd.  kivei  oder  ki/el  (D.  G.,  Meyer-Lüb.;e  4699). 

*  Zu  jaffe   (in    älterer   Zeit    =    'Mund'    gehört    wohl    auch  jaffle 
'Suppe'. 

^  Die  Bed.  'hianJo  ore  captare',    die    für  gaffen  und  gaspen    ('hiscendo 
captare')  belegt  ist  (vgl.  auch  schwed.  ^a/a  e/ter  skuggen  'nach  dem  Schatten 


GERM.  WURZELN  G  —  B  UND  G  —  F  IN  DEN  ROxM.  SPRACHEN.       I55 

schnappen,  gierig,  neugierig  oder  gedankenlos  blicken'  und  'klaffen, 
offen  stehen'  (einem  offenen  Munde  und  Schlünde  gleich,'  s.  Grimm 
1138).  Es  zeigt  also  Bedeutungen,  wie  wir  sie  bei  geheti  in  älterer 
Zeit,  gibben,  gäben  und  gäuben,  sowie  gäuen  u.  a.  fanden.  Dem  hd. 
gaffen  reihen  sich  an  ein  nd.  gaffen  'laut  lachen',  'laut  bellen, 
kläffen',  nd.  gaff  ein  (s.  Grimm  2563),  ostfries.  ~  {=  g  abbein), 
dass.,  schwed.  dial.  gaffla  und  engl,  schott.  gaff,  dass.,  dial. 
dän.  geffle  'Possen  treiben,  tändeln,  kälbern',  aengl.  geffle  'auf- 
ziehen, verspotten'  (vgl.  oben  ags,  gabban,  aeng\.  gabbe),  'belästigen, 
herumgaukeln,  necken'  (engl.  sbst.  gaff  'Theater  niedrigsten 
Ranges',  vb.  00  'dort  auftreten'),  ags.  gaffetung  'derisio',  mdartl. 
deutsches  gaff  ein  und  gäffeln  'neugierig  gaffend  umherlaufen, 
schwatzen'  (sbst.  gafft r  'müfsiger,  neugieriger  Zuschauer',  engl.  00 
'Alter,  Alterchen,  Väterchen',2  und  'Aufseher,  Vorarbeiter'  und  'Wirt 
einer  Bettlerherberge'  (in  andrer  Auffassung),  mdartl.  deutsches  gaffel 
{gaffel-stirne)  'Mädchen,  das  neugierig  umherläuft  oder  am  Fenster 
liegt'  —  und  ablautendes  Schweiz,  giffen  'mit  offenem  Munde 
gucken,  gaffen'  (Grimm  1138,  1140  und  2564)  und  'auf  etwas 
warten'  (ebd.  1140),  wie  mhd.  giffen'-''  'gaffen,  mit  offenem  Maule 
gucken',  Schweiz,  giffeln  (ebd.  1138,  auch  gifele  'hiare',  ebd.  1546, 
3,  2564),  und  gyffen  'dehiscere'  (ebd.  1546),  gyffelen  'klaffen' 
(=  Schweiz,  gaffi)  und  'bersten'  (ebd.  2564),  nrh.  giffele  'kichern' 
(ebd.  2563)  in  Aachen,  sbst.  gfferer  'Geiferer'  (ebd.  2564.  2565) 
=  geiferer  —  und  schliefslich  mit  -u  schott.  guffa  (neben  gaff) 
und  engl  guffaiv  'laut,  roh  auflachen'  oder  'herausplatzen,  wiehern' 
(auch  sbst.  engl,  guff  'Unnsinn,  Blödsinn'  und  'Dummkopf, 
guffaw^  'schallendes  Gelächter,  Gewieher'),  ostfries.  guffeln  'an- 
haltend laut  oder  dumpf,  läppisch  lachen'  (sbst.  ge-guffel  'an- 
haltendes, lautes  Lachen'  und  guffl  'alberner,  närrischer  Mensch, 
Narr,  Tor')  und  einige  andere  Wörter,  die  ich  noch  nennen  werde. 
Das  sind  augenscheinlich  Bildungen,  die  darauf  weisen,  dafs  sie 
auf  einem  schallnachahmenden  Stamm  beruhen. 

Auch  sie  haben  im  Romanischen,  z.  B.  im  Französischen, 
Spuren  hinterlassen.  So  im  frz.  gaffer  in  der  Bedeutung 
'aufpassen'  und  in  faire  une  gaffe  'eine  Dummheit  (mal- 
adresse)  begehen',  gaffeur  'Aufseher',  aber  auch  'Tölpel', 
gaffe  US  e  'Aufseherin'    und    andererseits  'dumme    Gans',    gaffe 


j^ieifen,  haschen'),  darf  wohl  auch  anderen  synonymen  Bildungen  zugemutet 
werden,  so  dafs  die  Herleitung  des  norm,  game  'auffangen',  dasjoret  zu  an. 
gatna  'spielen'  stellt  (=  mdartl.  deutschein  qamen  'oscitare,  hiare'),  wogegen 
Meyer-Lübke  3665  Einspruch  eihebt,  auch  "begrifflich"  begründet  wäre.  Vgl. 
im    übrigen   die    schon  oben  erwähnten  zur  Wz.  *g — m  gehörigen  Bildungen. 

'  Auch  gaffe  'Ginmuschel'  {=  gin-muschel)  scheint  derselben  Herkunft. 

2  Vgl.  oben  schwed.  dän.  gubbe  'Greis'  und  bair.  gob  göble  'Kind' 
[gäben  'mit  offenem  Munde  gähnen'). 

'  Vgl.  auch  e\\g\.  j'iff  'höhnen',  giffle  'sich  unruhig  hin  und  her  be- 
wegen', jiff  'Augenblick'  u.  a. 

*  Vgl.  engl.  ^w&Ä/aw  'erschrecken,  einschüchtern'. 


156  THEODOR    BRAUNE, 

'Polizist'  und  'Dummheit',  auch  'Kabeljau'  (s.  oben 
goberge). 

Mit  den  schon  angeführten  Wörtern  wie  schott.  gu/fo,  engl. 
gtif/aw ,  ostfries.  guffcln  sind  verwandt  engl.  prov.  giiff  go/f 
'Dummkopf  und  'Unsinn,  Blödsinn',  guffer  'Dummkopf  und  'Aal- 
mutter, -quappe',  goffish  'dumm,  tölpelhaft',  schott.  gti/fie,  dass., 
isl.  gti/fa  'vapa',  norw.  gu/f  'dicke  Person'  und  bair.  go/f  'Tölpel, 
Narr,  Dummkopf,  mdartl.  göffel  (Grimm  1126),  die  beiden  letzt- 
genannten aber  nur,  wenn  diese  Bildungen  alle  zu  einer  germ. 
Wz.  *guf  gehören,  wie  es  sich  nach  unserer  Untersuchung  als 
wahrscheinlich  ergibt.  In  diesem  Falle  dürfte  nunmehr  auch  der 
Einwand  hinfällig  sein,  den  Meyer-Lübke  3907  gegen  die  von  mir 
in  der  Ztschr.  XVIII  524  gegebene  Ableitung  des  it.  goffo  'töl- 
pisch,  ungeschickt,  plump',  sbst.  'Tölpel',  frz.  g-cy/^ 'plump,  tölpel- 
haft, unförmlich',  sp.  gofo  aus  dem  Germanischen  erhoben  hat: 
"germ.  Wörter  wie  norwegisch  guff  'dicke  Person',  engl,  goff  guff 
, Dummkopf  —  klingen  an,  können  aber  schon  aus  historischen 
Gründen  nicht  die  Grundlage  der  rom.  Wörter  bilden".  Ähnlicher 
Herkunft  sind  wohl  auch  genf.  goff  et  'dick,  fett',  nprov.  gofe 
'vollgestopft',  goufa  'blähen,  bauschen',  frz.  goufer,  mlat.  goffo 
'cardo'  und  gofetus,  dass.,  prov.  gofon-s  'Türangel'. 1  Schliefs- 
lich  könnte  aus  einer  deutschen  zur  Wz.  *guf  gehörigen  Bildung 
auch  hervorgegangen  sein  das  frz.  gouffre  'Schlund,  Abgrund, 
Strudel'  und  'Verschwender'  mit  vb.  engouffrer  'in  einen  Ab- 
grund reifsen,  verschlingen',  s" engouffrer  'sich  in  einen  Abgrund 
verlieren'  (von  Gewässern),  'sich  fangen'  (vom  Winde),  'sich  ver- 
graben, zurückziehen',  die  auf  ein  sbst.  Wort  in  der  Bed.  'Mund, 
Maul,  Schlund'  (vgl.  dän.  gab  oben)  auch  der  Bed.  nach  führen. 
Im  Deutschen  findet  sich  noch  ein  sbst.  dial.  guffer  (vgl.  auch 
oben  engl,  guffer),  allerdings  jetzt  nur  in  der  Bed.  'Steinwall  eines 
Gletschers'  {guffer-linie  'Mittelraoräne  bei  Vereinigung  zweier  Eis- 
slröme  in  der  Mitte,  wo  durch  das  Abschmelzen  ein  Abgrund, 
eine  Kluft  entsteht'), 2  das  aber  früher  die  Bed.  'Abgrund,  Schlund' 
gehabt  haben  könnte. 

Möglicherweise  hat  im  Germanischen  auch  eine  Wz.  *güf  (aus 
älterem  *giiff,  s.  oben  zu  *gib)  bestanden,  so  im  mdartlichen  gauf 
'grober  Scherz'  (mit  gauf  'einer  der  sich  albern,  ausgelassen  ge- 
bärdet', auch  Eigennamen  Gauf,  gauf-kind  'histrio,  leno',  gaiifer 
'Art  Landstreicher',  auch  gaufert  'Possenreifser',  gatifler  geufler, 
gaufleute,  gaufmann  'gelasinus,  joculator),  gaufin  'Scherztreiben', 
auch  gäufai  'stehlen',  gauf  'dama  vel  damula'  ('secundum  Papiam 
est   animal    et    capra    silvestris').     Setzen    wir    für   gaufen   ein   got. 


1  Wir  sehen,  wie  so  oft  Fische  ihren  Namen  dem  weit  geöffneten  Maule 
verdanken.  Sollten  das  bologn.  gofo  und  prov.  gofi  'Gründling'  zu  germ. 
*guff  gehören'? 

*  Vgl.  die  Eiklärung  zu  gouj^re  im  D.  G:  'les  gouffres  de  la  raer  sont 
produits  par  le  mouvcment  de  deux  eu  plusieurs  courants  contraires'. 


1 


GERM.  WURZELN  G  —  B  UND  G F  IN  DEN  ROM.  SPRACHEN.       I57 

gti/an^  an,  dann  würde  sich  dazustellen  das  xi.gti/are  'verspotten', 
pistoj.  gufarsi  'sich  verkriechen',  it.  gufaggine'  Menschenscheu', 
it.  gu/o  'Ohreule'  zu  einem  dem  deutschen  ^^ö«/ entsprechenden  wie 
*gi7/a,  während  das  afrz.  guvet  (s.  oben)  zu  germ.  "^giih  gehören 
würde. 

Theodor  Braune. 


^  Vgl.  x\\A.  güf  'Geschrei',  hindelopisch-westfries.  ^ö^V//,  gesprocheu 
güfjen  'eiu  summendes  dem  Tone  hu-hu-hu  eulspiechendes  Geräusch  machen', 
bei  ten  Doornkaat-Koolmann,   s.  auch  Zeilschr.  XVIII,  525. 


Zur  Teilungsformel  im  Provenzalisclien. 

(Fortsetzung  und  Schlufs.) 

Die  Zeit  von  1300  — 1550. 

Im  Laufe  des  14.  und  15.  Jahrhunderts  ist  noch  keine  wesent- 
liche Erweiterung  des  Geltungsbereichs  der  Teilungsforrael  zu  ver- 
zeichnen:  die  fl'^- Fälle  bleiben  weiterhin  in  der  Minderheit.  Die 
partitive  Geltung  des  de  mufs  noch  in  vollem  Umfange  gewahrt 
sein,  da  es  durchweg  fehlt,  wenn  der  Qualitätscharakter  der  Sub- 
stantiva  im  Vordergrunde  steht,  und  da  es  auch  noch  in  solchen 
Fällen  vielfach  ausbleibt,  wo  nach  heutiger  Auffassung  zum  mindesten 
einer  Partition  kein  Hindernis  im  Wege  steht.  Im  vorliegenden 
Zeitabschnitt  weisen  das  Französische  und  Provenzalische  die  Formel 
in  den  gleichen  syntaktischen  Positionen  auf  (uneingeschränkte 
Objekt-  und  Subjektstellung,  beim  Abslraktum,  nach  Präpositionen 
und  bei  aiitres).  Erst  um  die  Wende  des  15.  zum  16.  Jahrhundert 
tritt  ein  bedeutsamer  Umschwung  mit  wesentlicher  Erweiterung  des 
Geltungsbereichs  stärker  in   die  Erscheinung. 

1.   Die  uneigentliche  Teilungsformel. 

Yeti  Tuelh  qu^ades  tug  cumengem  D^aquest  laurier  e  qtien  vianjcin 
(Guill.  345  f.;  vgl.  auch  Such.  Dkm.  147,  8 17  f.  E  cumergava  vio  vezen 
Del  cors  de  dien  omnipotm  und  Tert.,  nat.  i,  15  de  . .  .  hostia  cenare, 
zitiert  Thes.  ling.  lat.  V.  57,  8)  —  Et  el  portava  .ij.  bosseis  En 
que  portava  de  so  vi  (eb.  2992  f.)  —  Laus  fon  hon  pogues  venir  La 
dona  am  de  sas  donzelas  E  Iotas  las  donas  ab  elas  De  la  vila  queran 
de  pes  (eb.  854  ff.)  —  A  las  par anlas  vengron  de  totz  los  plus  savis 
homes  que  eran  (Bari.  38,  28  f.)  —  PJoh.:  fazem  portar  d'aquella 
aygua  (381,  43)  —  tota  persona  que  d^aquella  harena  portara  an  si 
(356.  27,  12  f.)  —  Sy  alcun  de  la  siaiua  rahis  portava  sohre  si 
(371,  25  f.)  —  esgardara  lo  pom  e  resep  d'aquella  sieua  bona  hodor 
(380.  59,  24  f.)  —  E  en  aquel  luoc  ha  diverssas  manieras  de  dragons, 
e  aquels  homes  .  .  .  gardan  que  aquels  de  las  Yndias  encantadrs  non 
si  pueyscatt  enblar  d' aquels  dragons.  Car  antigamens  aquels  de  las 
Yndias ,  .  .  .,  ...  tenian  d^ aquels  dragons,  e  si  d* aquels  non  an,  ... 
(351.  17,  6  ff.)  —  Vertat  es  que  de  lur  ge?is  y  moriron  (Boysset 
389,  17  f.). 

E  cossi  n  oportet  del  S.  fust  de  la  Sainhta  crotz  (Turpin  50 1,  1) 
—  Et  tremeto  y  deus  ?naestes  (Hist.  Saintel,  82;    der  Artikel  erklärt 


ZUR    TEILUNGSFOKMEL    IM    PKOVENZALISCHEN.  159 

sich  aus  dem  Zusammenhang.)  —  iroban  que  ja  ere  viencud  deus 
cahakrs  qui  guoardahen  lo  tnofiimeiit  (eb.  II,  164  =  catalan.  II,  244  f. 
enteseren  quels  caitallers  de  les  guardcS  ere7i  venguts)  —  E  lo  maligne 
esper it  pres  dels  peiors  de  se  (Bari.  44,  7)  —  Eh  pastors  dels  bestiars 
prenon  dels  petitz  dragons  (vorhin  genannt;  PJoh.  351.  17,  13  f.)  — 
Prene  adals  viores,  ä  vostre  plaser  (Eust.  1356)  wohl  präsentierend 
mit  entsprechender  Handbewegung,  vgl.  einige  Zeilen  weiter  mas 
porfaren  Pan  e  viii  per  nous  gostar,  dann  aber  1387  f.  in  dem  gleichen 
Zusammenhang  Pren-le  de  paii  e  de  fromage,  A  ton  bon  plaser. 

2.  Übergangsfälle. 

Letras   lor   va   gent  sagelar,    Que   lor    volgues   clers  enviar  Les 

pus  soficiens  de  la  terra Le  noble  bar  de  Malleo,    Fty    tost 

venir  x.  cavaliers  .  .  .,  Et  aquclh  qii  anessen  al  rcj\  Que  dels  capelas 
de  la  ley  Lor  volgues  tanlost  enviar  (Guill.  i855flf.)  —  In  der 
Kommunionszene  eb.  362  f.  E  apres  fey  appartlhar  Del  vi,  ayssi 
cum  far  se  deu  und  der  Taiafbeschrcibung  eb.  1472  ff.  Lo  laliniers, 
de  mantenent ,  Ea  /"=  cuba]  facha  toia  refrescar,  E  pueyss  fo  y  de 
Vaygua  portal,  Clara  e  fresca  e  tcmprada  wird  auf  die  Stoff- 
bezeichnungen mit  dem  bestimmten  Artikel  hingewiesen  sein,  weil 
sie  unter  den  gegebenen  Umständen  selbstverständlich  erwartet 
werden  und  insofern  etwas  Bekanntes  darstellen.  Im  Verlaufe  der 
Taufhandlung  dann  natürlich  immer  mit  Artikel:  E  vay  en  la  cuba 
pozar  De  Vaygua  (1553  f ;  ähnl.  1602)  —  E  val  Vaygua  sul  cap  verssar 
(1615)  —  Chabert  vay  pendre  demanes  De  Vaygua  {18 26  f.)  —  De  la 
civada  e  del  fe  Li  inet  daran  (Ba  Dkm.  1 18,  2of.  =  Lunel  de  Monteg 
[1326]),  vgl.  aber  auch  De  la  civada  pren  dtsse  Un  ple  boishel  (eb. 
118,  4f)  und  Mas  la  civada  le  remembre  (eb.  118,  14)  —  Prene 
de  Vor  et  de  Vargent  E  anä-vous-en  joiosoment.  Tresor ier,  vay  lour 
beylar  Quen  tresor  que  vuelhan  portar,  No}i  islar  gayre  {E,Visi.  1429  ff.): 
Der  Kaiser  hat  in  lebhafter  Rede  seine  Schätze  vor  Augen,  von 
denen  die  Gesandten  empfangen  sollen.  1438  f.  heifst  es  dann 
auch  ohne  Artikel  Bayto  d\irgent,  e  queso-te;  Ä^on  metaii  lo  teiips  en 
parlar,  weil  der  Gesandte  darauf  dringt,  das  Geld  zu  bekommen, 
damit  er  schleunigst  aufbrechen  kann,  ohne  dafs  die  Herkunft  des 
Geldes  besonders  betont  wird:  'Gib  mir  Geld,  dafs  ich  wegkomme.' 
Vgl.  noch  1443:  Voli-vous  or  ho  voli  argent:  Die  Metalle  werden 
ihrer  Qualität  nach  einander  gegenübergestellt. 

3.   Die  eigentliche  Teilungsformel. 

a)  In  der  Gestalt  de  -|-  Artikel:  Del pa  quiren  coma  romieu, 
AI  bosc  s\7i  vay,  vezen  de  tolz  (Guill.  2 290  f.)  —  E  vic  aqui  mantas 
herbitz  E  pastorals  ab  lots  dublier s;  E  Vefantet  fo  plaseniiers  E  va 
lor  del  pa  demandar.  Les  pastoreis  Itn  van  donar  E  del  vi  dels 
lors  barriletz;  E  manjec  .j.  pauc  Vefantetz,  Mas  anc  del  vi  no  poc 
iastar:  De  Vaygua  li  van  aportar  (eb.  3302(1):  während  vi  näher 
bestimmt  ist,  bleibt  es  \yt\  pa  fraglich,  ob  durch  dobliers  der  Gedanke 


l6o  HANS    NEUNKIRCHEN, 

an  das  bestimmte  Brot  der  Hirten  nahelag;  in  de  Vaygua  liegt 
wohl  die  allgemeine  Stoft'bezeichnung  vor;  doch  kann  auch  die 
lebhafte  Vorstellung  einer  nahen  Quelle  den  Artikel  bedingt  haben. 
Apparelhat  fo  de  vianjar  De  perdifz  frejas  que  p07  tavan.  De  dos  en 
dos  und'ft  manja7'an  Ab  .j.  fogasset  e  del  vi  (eb.  388  ff.)  —  et  per  so 
porta  Daniel  de  la  sendre  escomidementz  (Hist.  Sainte  I,  112  =  ^  Z>. 
portet  de  cenres  ansi  escondiida?netis  Bible  I,  IQO)  —  prenco  de  Vaygua 
et  laha-s  las  maus  (d.h.  Pilatus;  eb.  II,  136)  —  Viera  lo  Senhor,  et 
sera  lo  dat  de  Vaur  de  Arahie  (eb.  II,  20  =  catalan.  II,  181)  — per  far 
et  plantar  de  l-aitharede  a  Cachon  (Millardet  a.  a.  O.  S.  145:  XXV. 
V°,  7;  Saint-Sever  15 19).  Vgl.  dazu  die  Bemerkung  §  109,  S.  LV: 
«Article  partitif  employ6  contrairement  ä  l'usage  ordinaire  (qui 
l'ignore)»,  aber  auch  per  mole  deu  hlat  de  totes  condicions  (eb.  168,  8; 
Tartas   1505)  u.  ä. 

b)    In  der  Form  von  einfachem  de. 

Objektstellung:  Pueys  pot  trobar  el  col  de  grans  coladas, 
Pueys  en  la  fatz  de  motz  crnzels  gantadas  (BaDkm.  84,  3  f)  — 
Hiiey  parra  tot  lo  vostre  faii  Ni  qui  popet  de  bona  lail  (Guill.  877  f.) 

—  Homes  flacx  bels  e  gens  Ai  vist  e  ricx  malvatz,  E  de  paiibres 
cochatz  Larcx  e  francx  e  jojos  (BaDkm.  104,  10  ff.)  —  e  pres  de  pegola 
e  de  reyva  e  d\stopas,  e  fes  ho  tot  fondre  tot  ensemps,  e puys  ines y  ftioc 
(Bible  I,  192  =  ^/  prenco  pegunte  et  arosine,  estope  et  fondo  hac  tot 
amassa  .  .  Hist.  Sainte  I,  116)  —  troberon  d^enfans  (Bible  I,  152  = 
trobaben  masipes  que  anaben  a  Payqua  Hist.  Sainte  I,  28)  — fe-n  dar 
de  taus  biis  que  lo  .  .  .  s'en  bebe  (Hist.  Sainte  I,  68)  —  Li  an  fag  de 
grans  auniineus  (Such.  Dkm.  147,  824),  aber  eb.  143,  676  Que  li fero 
grans  aunimens  —  eis  vostres  dieus  a  gardar  et  a  7nantenir  an  ben 
agut  de  fortz  homes  e  poderos  quels  defeudon  (Bari.  49,  6  f.)  —  D'argila 
et   de   terra    ainasset   Am  fanga   trastot  e  mesclet  (BaDkm.  29g,  15  f.) 

—  Que  fay  tot  jorn  d^aifats  esquerns  (eb.  295,  27)  —  la  quäl  [serpent] 
gieta  de  grans  siblamens  de  motas  manieras  (PJoh.  348.  10,  1 1  f.)  — 
prenie  U7ia  petita  agulha  de  cordurar  e  de  fhil  (Boysset  340,  7  f )  — 
fon  granda  sason  de  vin  .  .  .,  e  tant  grattda,  qtie  los  ermases  veseroti 
de  razins  (eb.  393,160.)  —  Eust. :  E  you  li  ufrirey  (V urgent  (l öl) 

—  masque  ayam  d'argent  (985)  —  E  quant  vous  beylann  d^argent 
(1550)  —  vay-7ne  d^aygo  que/-ir  (423)  —  D\iygo  volen  (1561)  — 
Non    credo    ha7ie  tastar  de  sal  (789)  —  e  nos  7na7idä  de  gent  (1868) 

—  Segnor  efiperour,  de  gindarmes,  Chavaliers  et  pro  de  peo7iaIho 
Amenarey  eyci,  sa7is  falho  (17  10  ff.). 

Gegenbeispiele:  E  van  li  dar  aur  et  argent  (Guill.  2893)  — 
Segen  que  tayss,  hom  fey  venir  Joyas  (eb.  2432f.)  —  Bible-Hist. 
Sainte:  que  7ion  ma7tjet  ni  bec  ayga  (I,  146  =  I,  14)  —  li  do7iero7i  vin 
viesclat  a?7ibe  fei  a  beure  (II,  230  =  II,  136)  —  e  do7iero7i  li  vi7i 
aygre  a  beure  (II,  233  =  II,  144)  —  No  an  vii  (Hist.  Sainte  II,  44)  — 
meto    aygua    €7i    xin    bassii   (eb.  II,  62)  —  que  y  fezessan  ve7iir  ayga 


ZUR   TEILUNGSFORMEL    IM   PROVENZALISCHEN.  l6l 

(I,  iqq)  —  al  filh  Heu  daras  deniers  (I,  145  f.  =  1,  12)  — preneii 
pretz  (I,  149  =  1,  22)  —  e  fes  acampar  peyras  e  fusta  (I,  171  =1,  72) 

—  qne  reut  peyras  e  talhant  fusta  {I,  172)  —  e  fes  e7i  fir  pessas  (I,  158) 

—  e  vi  eil  las  c eures,  .  .  .,  pezadas  d'omes  ...  (I,  191=  Fressas  de 
homis  ...  hy  hey  ...  I,  1 14)  —  compvcron  onguent  (11,  242  =  II,  158) 

—  Uott  cromparain  paa  qiie  mynge  cquesta  gent  (Hist.  Sainte  II,  52) 

—  e  deinandet  li  novellas  de  Vost  (I,  169).  Vgl.  aucli  El  bengon  en 
ujies  cavitus  corrcdors  (H.  S.  II,  22)  —  predicahe  a  zms  companhes 
(eb.  II,  46  =  catalan.  algunes  II,  193)  —  et  den  lo  gratis  gautades 
(H.  S.  II,  1 14)  —  PJoh.:  Cor  eis  bevon  aygua  d\ina  fönt  .iiü  vegadas 
(360,  22)   —  düus  lur  trametra  fuoc  devorahle  (345,  77)  —  portan  . 

fuoc  cremant  e  lenha  sequa  (362,  7  f.)  —  e  portan  peyras  e  lenha  e  tot 
so  que  nessessajy  lur  es  (357,  30  f.)  —  dona  calor  e  freyor  atrem- 
padamcnt  (367.  46,  17)  —  En  Vintrada  d'aquells  vergiers  ha  albres 
que  portan  ensens  e  baysme  (374,  19  f.)  —  los  quals  homes  Iian  bellas 
Violhers  que  han  aytals  dens  con  cans  (344,  42  f.)  —  si  es  una  tnar 
arenoza  sens  aygua  gitant  grans  hondas  e  grans  soflamens  (352. 
20,  2  f.)  —  Jhesucrist  fa  grans  ■miracles  (365.  41,  4  f.)  —  con  volem 
saher  navas  de  totas  las  pars  del  mojit  (352.  17,  29  f.)  —  han  los 
quals  donan  grans  b.italhas  (358,  19  f.)  —  Boysset:  gitar  0  ragar 
aygua    en    Trebons  (342,  21  f.)   —  e  porlet   li   denies  e  blat  (356,  13) 

—  et  asouderon  gens  d'armas  et  albalesties  per  la  vila  gar  dar  (355,  19  f.) 

—  elegiron  enbaysados  per  anar  al  rey  de  Frans a  (354,  22)  — 
tratnes  papa  Benezeg  enbaysados  a  Roma  (370,  13  f.)  —  fes  bels 
clases    (337,  17;   371,  16)  —  doneron    gardas    a  Venfant  (377,  30f.). 

Subjektstellung  (einschliefslich  logisches  Subjekt):  E  detras 
qu'en  vengro  de  tals  Que  no  foro  soffanador  (Guill.  190  f.)  — 
Esdtvenc  si  d.  j'orn  que  lo  si  perderon  de  saumieras  de  Postal  del 
payre  de  Saul  (Bible  I,  152)  —  Los  malautes  i  fan  portar,  Vengutz 
«'/'  a  d'' encadtnaiz,  Los  quals  so  ende?)ioniatz  (Such.  Dkm.  154,  1058  fi.) 

—  Ben  es  vers  quels  vost  res  dieus  an  azorat  de  mot  savis  ho?nes,  e 
de  motz  reys  son  lauzatz  e  defttidutz  (Bari.  4g,  3  f.;  die  Annahme 
schlechter  Überlieferung  oder  einer  Mischkonstruktion  [folgendes 
Passiv  +  de!]  liegt  nahe;  mot  de  s.  h.  wäre  jedenfalls  in  dem  Texte 
eher  zu  erwarten.)  —  Ont  ac  gran  re  de  nobles  draps  Que  non  eron 
apparellhatz.  Avia  n'i  de  grox  et  de  vermelhs  E  mesclatz  tt  per  setz  vermelhs 
E  trop  gran  re  viais  d'autres  draps,  Brunetas  et  escarlatas  (BaDkm. 
293,  13  ff.).  —  PJoh.:  Los  quals  son  en  tres  manieras;  car  lo  fi'i  ha 
de  blanlz,  de  vermeyls  e  de  negres  (349.  II,  4  ff.;  346.  7,  8  f.)  —  E 
aqui  son  atrobadas  dii'crssas  peyras  preciosas,  de  grans,  de  meyanas  e 
de  menudas,  e  de  diverssas  vertutz  (363.  37,  7  ff.)  —  Premieramens 
hy  a  .an.  colompnas  de  pur  aur  e  de  grans  e  longuas,  las  quals  so7i 
en  una  planesa  de  cayre  (376,  7  ff.).  Der  von  Suchier  nicht  be- 
anstandete Satz  e  aqui  ha  de  motas  bonas  fons  he  d'erbas  he  d'albres 
de  diverssas  vertutz  an  bonas  hodors  (373.  54,  2  ff.)  wird  schwerlich 
die  ursprüngliche  Lesart  wiedergeben,'  da  der  Bedeutungsgehalt 
der  TeilungsJormel  iir  unserem  Texte  wie  in  der  ganzen  Zeit  noch 

Zeitschr.  f.  roni.  Phil.  XI, II.  ,, 


102         '  HANS    NEUNKIRCHEN, 

ZU  stark  partitiv  ist,  als  dafs  eine  derartige  Analogiekonslruktion 
möglich  erscheint.  Vgl.  auch  das  Fehlen  von  iJe  in  Fällen  wie 
una  lila,  m  que  ha  toaras  an  grans  bantias  .  .  .  (350.  14,  I  f.)  und 
en  aygua,  en  que  aya  peysses  (368.  48,  13).  E  aqtii  ha  Violas  de 
honas  fons  würde  dem  Sprachcharakter  des  PJoh.  adaequater  sein. 
Allerdings  ist  auch  die  Interpretation:  'Es  gibt  dort  sehr  gute 
Quellen  .  .  .'  nicht  ganz  ausgeschlossen,  wenn  auch  im  Hinblick 
auf  das  folgende  (Veihas  —  ^/'a/^ri?^  unwahrscheinlich.  Das  Adjektiv 
statt  des  Adverbiums  bzw.  das  Adverbium  in  adjektivischer  Form 
auf  Grund  von  Assimilation  findet  sich  auch  sonst,  vgl.  s'atrohan 
peysses  enaxins  con  palafrens  motz  hels  {357,  24  f).l  E  de  jyas  en  pas 
son  en  aquella  plajiea  de  honas  hsrbas  (379-  5g,  7  f.)  —  La  vertut  de  la 
tersa  peyra  consegrada  es  aytal^  que,  si  disohre  aquella  peyra  es  mes 
de  sanc  de  dragon,  que  d\iqttella  hyssera  iant  de  fuoc  (36g.  48,  25  ff.). 
Doch  heifst  es  schon  wieder  im  nächsten,  fast  gleichlautenden  Satze 
ohne  merkliche  Sinnuance:  E  aquel  fuoc  non  si  pot  ainossar,  entro 
que  dtsus  aquella  peyra  es  pausal  auti  a  vcgada  sanc  de  dragon  frech 
(36g.   48,  30  ff.). 

Im  PJoh.  (meist  in  den  Zusätzen  des  prov.  Bearbeiters  der 
lat.  Vorlage)  hebt  sich  noch  eine  Gruppe  gleichartiger  Fälle  ab, 
die,  ohne  eindeutige  Partitivformeln  zu  sein,  hierhin  gehören  werden. 
En  lo  qtial  desert  son  de  totas  manieras  de  serpens  e  de  bestias,  que 
sotz  lo  cel  son  (346,  87  ff.)  —  Pres  de  la  dicha  mar  .  ,  .  son  alrobaiz 
de  diverssas  manieras  de ptysses  a  forma  de  diver ssas  bestias  (353.  2 1,5  ff.) 
—  Eft  lo  quäl  fluvi  s'atroban  de  totas  manieras  e  generations  de  peyras 
precioszas  que  trobar  si  pueyscan  en  tot  lo  mont  (363.  38,  4  ff.)  — 
En  gir  d'aquestz  montz  son  de  totas  manieras  de  frucz  e  de  bonas 
herbas  aurificadas  an  diverssas  bonas  hodors  segon  la  lur  forma  e 
motz  d'autres  albres  de  gran  vertut  (363.  37,  4  ff.)  —  E  aqui  son 
de  JHOtas  bonas  condicions  de  bo7is  peysses  aptes  a  pendre  e  de  bona  sabor 
a  manyar  (364.  39,  1 1  ff.) :  'In  dieser  Wüste  gibt  es  Schlangen  und 
wilde  Tiere  jeglicher  Art  .  .  ..'  Genetisch  werden  sich  die  Fälle 
als  Kontaminationen  erklären  aus  i.  Es  gibt  alle  Arten  von 
Schlangen  (vgl.  En  lo  desert  son  motas  manieras  de  serpens  e  de 
dragons  347.  7,  23  f.  —  Eis  encaussan  totas  gener aciotis  de  bestias  e 
de  serpens,  de  las  quals  retenem  en  nostra  cort  348.  10,  16  ff.  —  en 
las  quals  son  diverssas  manieras  de  gens  e  de  bestias  e  d^ autras  causas 
nonauzidoyras  341.  i,  5f.)  und  2.  Es  gibt  Schlangen  und  Drachen 
aller  Arten  (vgl.  avia  flors  e  albres  de  diver as  m.  Bari.  46,  26  f.). 

Die  gleiche  Mischkonstruktion  findet  sich  in  der  Objektstellung: 
e  menam  an  nos,  .  .  .,  de  las  serpens  e  dels  dragons  que  han  .iiii.  caps 
e  dds  tigris  e  de  las  grans  serpens  que  son  apelladas  dedentes  e  de 
7notas  generacions  de  bestias  e  de  serpens  que  habitan  en  lo  desert  de 
Babilonia  (366.  45,  2  ff.)  —  nos  trobdn  .  .  .  tot  so  que  mestier  nos  es, 


1  Suchier  (Dkm.  S.  564)  scheint  allerdings  recht  zu  haben,  dafs  das  z 
kein  fle,\ivisclies  ist,  obgleich  wofz  sehr  oft  vor  pliiralischen  Adjektiven  steht, 
da  sonst  350.  16,  11   en  las  torres  tnoU  aiitas  e  fortz  nicht  zu  erklären  ist. 


ZUR   TEILUNGSFORMEL   IM    PROVENZALlSCHEN.  163 

SO  es  assaber  de  carn  de  ses  vermels  e  de  tres  vianieras  d'unicorns  e 
d'' autras  motas  geiieraa'ons  de  hestias  e  n'' ausseh  (366.  45,  1 1  ff.). 
Vgl.  noch  ein  ähnliches  Beispiel  Son  daiitras  maneiras  de  noms 
q  non  se  declinon  (Donatz  proensals,  ed.  Stengel,  6,42!'.:  Hs.  C), 
wo  es  sich  allerdings  um  die  wirkliche  Teilungsformel  handelt, 
aber  Las  Rasos  de  trobar  76,  27  fF.,  Hs.  B:  Saher  deues  que  las 
paraulas  feviininas  i  a  de  tres  manieras. 

Item,  fon    ufert  per    los  senhos  II  entorchas  et  d'argent.      Item, 
per  las  donas  quatre  entorchas  e  d^argent  (Boysset  337,  18  f.). 

Gegenbeispiele:  a  tin  loc  or  ha  casades  de  Philistes  (Hist.  Sainte 

I,  34)  —  en  tine  cohe  en  que  ahe  dragoos  (eb.  II,  26  —  catalan.  II,  184: 
molts  dr.)  —  lo  y  avia  femnas  que  (Bible  II,  237  =  H.  S.  II,  152) 
que  lo  sia  agut  gens  esta  much  (Bible  I,  191)  —  Et  femnes  de  nostre 
companhie  fon  ...  au  monwient  (H.  S.  II,  168  =  catalan.  II,  246: 
E  algunes  f.)  —  et  vengron  hostes  al  ric  home  (Bible  I,  1 70)  — 
Peyras  ha  per  far  hastimens  .  .  .  (Elucidari,  ZRPh.  XIII.  240,  43  f.)  — 
Car  aqui  avia  flors  e  albres  de  diver sas  jnanieras  (Bari.  46,  26  f.)  — 
PJoh.:  en  lo  quäl  s'atroban  anguillas  de  .xxx.  pes  de  lonc  (350.  15,  i  f.) 

—  En  aquel  fluvi  s'atroban  peysses  mot  dousscs  e  bons  per  manyar 
(357,  9  f.)  —  En  aquel  fluvi  son  alrobastz  peysses  axins  formalz  (357,  13  f.) 

—  s'atroban  peysses  que  (364.  39,  16)  —  E  corron  hi  grans  peyras 
grossas  e  petitas  (354.  24,  ^i)  —  E  en  aquellas  terras  habitan  homes 
salvages  (348.  10,  5  f.)  —  Boysset:  en  l'Esthan  del  Rag  ..  non  avie 
ayga  a  nengnna  pari  (330,  22  f.)  — fon  samenada  souda  en  lo  Rag  (33 1,  i) 

—  pasavan  e  paseron  caretas  per  lo  te7nps  de  vendemias  (330,  21)  — 
iomberon  peiras  an  plueia  anh  aurage  (347,  13  f.)  —  Ite7n,  morien  las 
gens  de  bosos  lo  plus,  alcuns  de  carhoncles;  e  moriroji  y  grans  gens, 
plus  enfans  e  gens  jove,  que  autras  gens  (352,  20  ff.)  —  gens  d'armas 

lur  fetiron  desus  (373,  3)  —  vengron  enhaisados  del  rey  d' Aragon 
(354,  IQI-)- 

Nach  Praepositionen  ist  die  Teilungsformel  noch  immer 
seilen.  Ittm,  faie  un  capelet  de  f los  an  de  fhd  (Boysset  340,  ll)  — 
Que  ddl  pais  partir  volio,  Anoy  d\irgent  que  el  avio  (Eust.  937  f.). 
Vgl.  dagegen  vengron  an  fahellas  e  an  lanternas  e  amb  armas  (Bible 

II,  2 1 7  =  H.  S.  II,  106)  —  E  ayssins  meteys  s'amossa  an  sanc  de 
gallinas  (PJoh.  369.  48,  35)  —  aqui  naysson  albres  an  rams  e  an 
fuelhas  e  an  frus  entro  mieg  jorn  (eb.  368.  47,  2  ff.)  —  si  la  pausan 
en  aygua  (eb.  368.  48,  1 2  f.)  und  pass.  —  loqual  es  d'aur  e  d\irgint 
an  perlas  e  peiras  (Boysset  391,  11)  — fon  gran  ayganhal  an  nebla 
(eb.  365,  12  f.)  —  Ambe  Spions  e  bastons  (Eust.  196). 

Auch  in  dieser  Periode  sind  die  Belege  für  d'autres  relativ  zahl- 
reich, und  der  Gebrauch  des  parlitiven  de  ist  in  allen  Satzstellungen 
häurio;er,  wenn  das  Substantiv  von  autres  begleitet  ist,  als  unter 
den  gleichen   Umständen  bei  fehlendem  autres. 

Porta  X  formages  et  d'antes  causes  per  refrescar  los  (Ilist. 
Sainte  I,  50  =3  Bible  I,  162    e  alcunas  autras  causas)  —  Et  tieban 


164  HANS    NEUNKIRCHEN, 

las  [ydolas]  en  ires  maneries,  so  es:  augtines  qiie  tote  la  gent  ne  adoraben; 
et  ai/tfs  que  sanahen  augunes  dolor s  ad  auguus,  .  .  .;  e  los  reys  .  .  . 
qu'en  ihien  d^autes  eti  lors  crainpas,  ab  que  s  confessahen ,  qiiant  volen 
et  contra  lors  enemicx  de  far  d'autes  causes  (Hist.  Sainte  11,  14  =r 
Bible  II,  178  e  tenian  antras  que  s-.mavan  akuns  vialantes)  —  Et  agon  i 
auoims  que  dixon  .  .  .  El  d'autes  dixon  que  .  . .  (eb.  II,  58,  ähnl.  I,  130; 
vgl.  cat.  II,  igS  E  hac  ui  algtms  qiii  .  .  .  Dixeren  los  altros)  —  (Pautre 
gent  qui  eren  aqui,  dixon  (H.  S.  II,  54  =  catalan,  II,  iq6  Dixerenli 
los  altros  qui  .  .  .)  —  Venfant  se  anahe  deportar  ah  d'autes  infautz 
(eb.  II,  36  =  catal.  II,  i8ö;  se  deportabe  ah  d'autes  eb.  II,  28  = 
catal.  II,  185)  —  Et  ha  tropas  pariiculars  proensas,  cum  es'.  Bordales, 
Berri  .  .  .  Sentonge  et  d'autras  (Elucidari,  ZRPh.  XlII.  238,  27!.)  — 
Die  Leys  d'amors  zitieren  T.  11,  148  dautres  en  veg peccar,  sagen  aber 
selbst  beispielsweise  II,  404  alqun  altre  dizo  —  Hac  n'i  d'autras 
que  fero  pariagge  (BaDkm.  60,  1)  —  E  d'autres  estrans  aunimens 
Die  quel  fazian  li  sieii  sirveii  (Such.  Dkm.  141,  58g  f.)  —  car  yeu  ay 
d^autres  a/nix  (Bari.  I7>  11)  —  et  ay  an  mi  d^autres  frayres  que 
(eb.  2T),  32)  —  et  aporta  Ven  d^autres  [temptacions]  (eb.  57,  33)  — 
D'autres  miracles  demostret  (BaDkm.  305,  ig)  —  Jhesus  am  d'autra 
companhia  S'en  vtngro  esse  ms  deportar  (eb.  287,25!.;  27  g,  27)  — 
Un  jorn  de  Fescola  partia  Afn  d'autres  effans  quel  seguian  (eb.  2gg,  7!.) 
■ —  PJoh.:  e  cargan  hen  hori/lans  .  .  .  e  camaticuris  e  d^ autras  gratis 
bestias  de  grau  forssa  (350 f.  16,  l8flf.)  —  Nos  avem  d^ autras 
firohenssas,  per  las  quals  nos  podem  annar  (353.  20,  8  f.)  —  hon 
avem  facha  gran  via  e  longua  e  ayssins  meteys  d'autres  menors  7'ias  .  .  . 
(376,  24  ff.)  —  e  davant  nos  fasern  portar  .iiii.  cros  d'aur  .  .  .  e 
d'autres  reys  e  ducx  .  .  .  e  barons  que  nos  accnpanhan  e  portan  ban- 
dieras  (36g.  4g,  3  ff.)  —  etitre  las  quals  si  ha  una  maniera  de  dragons 
an  ,vii.  caps  e  d' autras  serperis  que  .  ,  .  (347.  y,  2^1.)  —  Car  ha 
n'i  akuns  homes  que  son  atrobalz  an  bannas,  e  d'autres  an  un  huelh 
davant,  un  aiitre  [Hs.  dautres']  detras,  e  d'autres  que  an  huelhs  en 
los  muscles  e  hau  boca  al  pietz,  d'autres  que  son  semipes  (344,  igft-) 
—  D'autres  ho?nes  son  que  (344,  27  f.)  —  D'autres  n'i  ha  que  hau 
.iii.  pcS  e  d'autres  qiie  han  nom  Fenituri  ...  (344,  30  f.)  —  ... 
s'atroban  peysses  enaxins  con  palafrens  motz  bels  e  d'atdres  enaxins 
con  muls  e  d'autres  axins  coti  rossins  grosses  (357>  24  ft.)  —  En 
aquel  meteys  fluvi  son  au  t  res  peysses  formatz  axins  con  hazes  e  d'autres 
con  hjios  (357,  28  ff.)  —  E7t  aquel  meteys  fluvi  son  autres  peysses 
formas  axifis  con  cans  (357,  2)^^)  —  D'autres  peysses  son  en  lo  dich 
fluvi  mot  ben  formatz  (357,  35  f.)  —  ha  albres  pendens  ham  rams 
d'aur  e  fulhas  d'aur  e  d'autres  de  saphilis  .  .  .  (384,  64,  7  f.)  —  la 
quäl  [caverna]  es  mot  escura  e  pregonna  sens  fin  an  d' autras  diver ssas 
cavernas  (351.  17,  3  ff.,  vgl.  S.  4g)  —  Los  savis  meges  .  .  .  prenon 
d'aquella  polvera  de  las  serpens  crejuadas  an  d'autras  erbas  de  salut 
(362,  23  ff.)  —  De  que  lo  rey  fes  ostar  la  testa  ad  alcuns  e  d'autres 
fes  negar  e  pendre  (Boysset  373,  13  f.)  —  car  los  uns  vollen,  .  .  .,  e 
d'autres  mm  (eb.  337,  2g  f.)  —  e  si  tardes,  luy  e  d'autres  foran 
tomhatz  (eb.  3g3,  6  t".)  —  an  d'autres  senhos  del  Rey  Lois  (eb.  385,  21) 


ZUR    TEILUNGSFOKMEL    IM    i'KOVENZALlSCilEN.  165 

—  an  d' aulras  gens  (eb.  367,  23  f.)  —  en  Cr  au  et  en  lo  Bares  c  res 
iVautras  partidas  (388,  7)  —  am  diverses  aulres  senhors  evesques  .  .  . 
.  .  .  e  dauires  Valens  gcns  (Le  petit  Thalamus  de  Montpellier.  1840. 
461,  15  ff.:  14 15)  —  e  dauires  gens  ses  no?nbre  (eb.  342,5:  1302); 
doch  vgl.  am  aicus  auires  (355,  ii:  1358)  und  et  alctins  autres 
(362,  32:  1362)  —  ab  d-auires  vesins  e  hauiiaiiiz  .  .  .  (IMillaidet 
a.  a.  O.  S.  89,  Villeneuve  1406,  19  f.)  —  ab  d-auires  officiers  esians 
publiquementz  (eb.  51,  Roquefort  1447,  3)  —  Mdre  d' auires  uficiers 
(Eust.  2009). 

Gegenbeispiele:  E  cossi  et  inainhs  cors  de  mainhs  sainhs  e  aulras 
reliquias  colloguel  en  aur  e  en  argen  (Turpin  500,  41  f.)  —  quan  no 
avio  aulres  onguens  (eb.  509,  6)  —  on  nianiavo  alqiis  vestitz  en  habit 
de  cavalher  e  alqus  aulres  vestiiz  de  habit  de  morgue  e  aiqus  autres 
canonges  vesliiz  amb  aibas  blancas  e  autres  en  habit  de  clers  (eb.  490,  7ff-)- 
alqus  autres  hat  so  ziemlich  die  gleiche  syntaktische  Funktion  wie 
d'autres,  das  dem  Turpin  fremd  ist.  Mit  ausgesprochen  qualitativer 
Geltung:  que  eres  podossati  prener  autes  mar  Hz  (Hist.  Sainte  I,  50: 
'neue  M.')  — ■  Ju  0  dizes  de  tu  meieys,  ho  autras  fo  dysseron  de  fni? 
(Bible  II,  226)  —  atreci  s'esdevengron  autras  causas  (eb.  II,  227)  — 
ni  per  autes  causes  (Hist.  Sainte  II,  78)  —  en  frugz,  blatz,  ovelhas  et 
aulras  bestias  copioza,  en  cervis  et  au t ras  salvagginas  habundoza  (Eluc, 
ZRPh.  XIII.  237,  6if. ;  ähnl.  238,  34  f)  —  FA  so  manias  guizas  de 
cithara,  et  aicunas  so  cayradas  et  autras  de  ires  angles  (eb.  251,  1 6  f.)  — 
et  en  quascti  camp  haia  aybres  de  manias  guizas,  quals  so  poniies  .  . 
noguies  et  autres  diverses  (eb.  245,  3 1  f.)  —  E  pren  aur  et  argent  e 
peyras  preciozas  e  vestimefis  et  aulras  riquezas  (Bari.  5')33f-)  — 
Son  autres  prezicadors  mays  tu  (eb.  20,  1 2)  —  an  forquas  es  an 
rast  eis  e  anb  autres  artißssis  iftiran  eti  lo  bosc  (PJoh.  362,  14  f.). 

Auffallendervveise  bieten  die  durchgesehenen  Texte  diesmal 
keine  Beispiele  für  die  Teilungsformcl  bei  alcuns,  trotzdem  das 
Pronomen  häufig  gebraucht  wird;  vgl.  noch  vuelh  recontar  aicunas 
meravilhas  (PJoh.  357,  11  f.)  —  En  aquella  fönt  s^atroban  aicunas 
peyras  preciosas  (eb.  361.  35,  10  f).  Doch  bietet  PJoh.  einen  Beleg 
für  partitives  de  bei  adjektivischem  diverses,  in  dem  bald  die 
quantitive,  bald  die  qualitative  Komponente  vorherrschend  ist:  En 
aquel  fluvi  troban  aquellas  gens  de  diver ssas  ('verschiedenartige') 
peyras  preciozas,  ayssi  con  saphirus,  maragdes,  yaspis,  calcadoyncs, 
.  .  .  e  motas  d\iutras  peyras  precioszas  (364.  39,  7  ff.);  aber:  en  las 
quals  son  diverssas  geris  (344,  18  f)  und  per  eis  .  cantan  diversses 
caniz  de  musica  (384.  64,  17  f.).  Lokal-partitives  Beispiel:  La  taula, 
en  que  prenem  de  diverssas  viandas,  es  de  precioszes  maragdes 
(372.  51,  40  ff.). 

Das  früheste  Beispiel,  das  sich  aus  den  durchgesehenen  Texten 
für  die  Teilungsformel  beim  Praedikatsnomen  beibringen  läfst, 
ist  Eust.  106 }  Ey!  sia  certas  de  beous  giirsons.  Boysset  356,  16  f. 
e    las   pt'iras  eran  grosas  couia  I  huou  de  galina  e  de  plus  grosas  — 


l66  HANS    NEUNKIKCHEN, 

de  beim  Praedikatsadjekliv  —  wird  Anakoluth  vorliegen  bzw.  /  avia 
nach  e  ausgefallen  sein.  Im  14.  Jh.  heifst  es  im  PJob.  iiocb:  e 
son  gratis  cassayres  am  besiias  (346.   6,  6)  u.  so  pass. 

Das  r/f-Objekt  bei  den  Verben  saber,  ensenhar  u.  ä. 
niniint  auch  im  Provenz.  eine  Art  Mittelstellung  zwischen  Respektiv- 
und  Partitivobjekt  ein.  Wenn  de  wohl  seinem  Ursprünge  nach 
respektiv  ist  (vgl.  Meyer-Lübke,  Rom.  Synt.  S.  386  und  E.  Appel 
S.  57),  so  war  es  mit  der  fortschreitenden  Ausdehnung  der  Teilungs- 
formel  parfitiver  Umdeutung  fähig,  die  vor  allen  Dingen  durch 
Fälle  wie  Flaraenca  i  138  Aitan  sai  con  7'os  de  barat  ermöglicht  und 
gefördert  wurde,  in  denen  durch  ein  Menge-  bzw.  Intensitätsadverb 
der  Grad  der  Kenntnis  angegeben  wurde.  Dieses  de  konnte 
späterhin  selbst  auf  die  Ausbreitung  der  Teilungsformel  fördernd 
einwirken. 

Manche  Beispiele,  bes.  solche  mit  dem  Verb  aprendre,  lassen 
sich  auch  ohne  weiteres  den  eigentlichen  Partilivwendungen  zu- 
rechnen, z.  B.  Et  a  cap  d'una  gran  sazon  quel  li'ac  apres  d'auires 
mals  qu^ el  avia  faitz  (Troub.  24  b.  13,  3  ff.)  angesichts  der  aus  Troub. 
angeführten  Fälle  ähnlicher  Art  mit  anderen  Verben;  weniger 
sicher  Aprendon  de  Vescrima  (MW.  II,  2IQ),  das  Schultz- Gora 
(Elementarbuchs,  S.  118  und  Herrigs  Archiv  134,492)  als  Beleg 
für  das  Partitivobjekt  (mit  Artikel)  zitiert,  während  Beisp.  wie  Avia 
ires  enfanz  antre  mans,  Que'ls  enstynava  de  clerzia  (Hon.  172.  CVI,  4  f. 

—  e  totz  los  princeps  el  essenhet  de  tota  sciensa  (Turpin  516,  1 1)  — 
Si  con  sels  qne  nCensenheron  d' esirolomia  (Bari.  4,  39)  —  e  fort  mon 
maystre  que  tii ensenhet  de  letras  (eb.  32,  7)  mit  gleichzeitigem 
Akkusativobjekt  der  Person  nur  respektiv  zu  deuten  sind. 

Weitere  Fälle  verschiedener  Geltung:  Pro  sabra  d\irt  toz 
homs  qe'us  ine  soslraia  (Appel  Chrest.  94,  6)  —  Tan  sap  d^ engen h 
e  de  ganda  (BVent.  26,  15)  —  .j.  Surias  que  sabia  mot  d'oslrononiia 
e  del  cors  (e)  de  las  eshlas  (Prise  Damietle,  Prophet.,  vor  i)  —  Per 
Dien,  trop  sap  d' encantamenlz  E  d^engans  aquest  cavalliers  (Jaufre  94  a) 

—  Saps  pron  d'agur  e  pron  de  sorl  (Flamenca  1791)  —  Que  de 
letras  sabes  assas  (eb.  2308)  —  pauc  sap  de  plag  (eb.  1239)  —  e 
saup  grati  ren  de  las  autrui  cansos  (Troub.  50  b.  XXXVIII,  3  f.)  — 
e  car  el  saup  plus  d'amor  e  de  domnei,  e  de  totz  los  faitz  avinens,  e  de 
totz  los  ditz  plazens  (tb.  66  b,  4  ff.;  ähnl.  eb.  54  a.  IV,  4  f.)  —  Tant 
sabia  de  l^astrolomia  E  de  l'art  de  nigromantia  (Hon.  91.  XLIX,  13  f.) 

—  Pron  sabes  de  inalast rucs  playtz  (eb.  125,  10 1)  —  sabia  mot 
d'estrolomia  (Bari.  31,34)    —    sabia    mot   de  gienh  e  d^art  (eb.  42,3) 

—  mot  sabia  de  mala  art  (eb.  42,  i  f.).  Ohne  c/^ -Verknüpfung: 
Chdiisos  e  lais,  descortz  e  vers,  Serventts  et  auires  cantars  Sabia  plus 
que  iiuls  joglars  (Flamenca  1706  ff.).  Ohne  Mengewort:  deutlich 
respektiv  saup  d'amor  e  de  domnei,  e  tot  so  quen  era  (Troub.  63  a. 
II,  6  f.);  respektiv -partitiv  vec  vos  un  message  de  Karies,  que  sabia  de 
totz  lenguagges  (Gesta  62  7f.  =  qui  sciebat  omnes  linguas).  Ohne 
de:  saup  molt  be  letras  (Troub.  iii  a,  2f.;    ähnl.   49a.  XXX,  5;  49b. 


ZUR    TElLUNGSFüKMIsL    IM    PKOVENZALISCHEN.  167 

XXXIII,  2,  WO  man  später  den  bestimmten  Artikel  ei warten  würde). 
=  Lai  apres  tan  de  las  .vii.  arlz  (Flamenca  1623)  —  Gran  rat 
amparet  de  Vautrui  saher  (Troub.  51b,  :ii2)  —  Podon  i  mot 
apendre  de  sen  e  de  hei  dit  (Alb.  24).  Z^d-- Objekt  ohne  Menge- 
ausdruck: Apres  de  Vart  esperiial,  Laysset  estar  la  temporal  (Such. 
Dkm.  129,  137  f.)  —  Apres  a  Bolonha,  0  hon?  Aquest  rics  hom,  de 
plagesia?  (Flamenca  1224  f.).  Ohne  de:  &"  apres  letras  (Troub.  62  b. 
XI,  4  —  35  b.  XXI,  3)  —  E  quant  ill  ctnderon  que  ampares  lelras, 
el  amparet  canscs  e  vers  äf  sirventes  e  tensos  e  cchJas    (eb.  5  i  b,  g  ff.). 

4.    Die  Leys  d'amors  und  das  partitive  de. 

Die  Leys  d'amors  behandeln  und  interpretieren  das  partitive 
de  nach  Quantitätsadverbien  und  -adjektiven  im  Zusammenhang 
der  Kasuslehie  beim  Genitiv,  ohne  den  wahren  Funklionscharakter 
der  Präposition  zu  erkennen. 

T. II,  1 14  heifst  es:  „Las  habitutz  del  genitiu  singular  masculinas 
son.  del  e  de,  las  femininas  de.  e  de  la. 

E  devetz  saber  que  granre  de  locutios  son  que  han  aquesia 
habitut.  de.  que  no  son  de  genitiu  cas.  cant  al  significat.  ans  son 
de  nominatiu.  o  dautre  cas.  coma  mays  de  vertutz  son  en  la  Vcrges 
Maria,  que  en  sania  que  sia.  o  mays  ha  de  be  en  Tholosa.  quen  ciutal 
desta  terra,  et  aysso  vol  dire  que  major  he  sott  en  Tholoza  qtcen  autre 
loc  de  la  tera.  o  enayssi  granre  de  vertutz  son  en  las  herbas  quom 
no  las  sab.  granre  de  vertutz  me  son  oblidadas.  A  granre  domes  he 
auzit  dire  aytal  cauza.  et  enayssi  dels  autres  cazes.  o  enayssi  Ber- 
trans  e  dautres  motz  son  vengut  en  la  vila "' .  ^ 

Bemerkenswert  sind  die  anschliefsenden  Ausführungen,  wo 
der  Typ  scelus  hominis  (vgl.  Tobler,  Beitr.  P,  134 ff.  und  Meyer- 
Lübke,  Rom.  Synt.  §  240)  erwähnt  und  die  Präposition  de  mit  dem 
selbst  nicht  verstandenen  de  nach  Mengeausdrücken  richtig  auf  die 
gleiche  Stufe  gestellt  wird:  „o  per  esta  maniera  aquesta  hestia  dorne, 
no  sah  ques  fa.  vos  donatz  so  que  havelz.  ad  aquela  hestia  d^ome.  et 
enayssi  dels  autres  cazes  coma  on  may  gardi  aquela  hestia  dotne 
mens  lo  prezi.  et  aytals  locutios  sufertam.  quar  son  acostumadas.  e 
quar  hom  nespremish  be.  son  entendemen".    Vgl.  auch  III,  308. 

Es  ist  auffällig,  dafs  die  eigentliche  Teilungsformel  hier  nicht 
wenigstens  auch  registriert  wird,  zumal  gelegentlich  Beispiele  mit 
partitivem  de,  allerdings  aus  anderem  Anlafs,  zitiert  werden;  so 
III,  238  Sab  Dieus  si  lay  ha  de  hos  vis.  Man  kann  sagen,  dafs  die 
Redakteure  sich  ja  in  der  Hauptsache  am  hon  usage,  an  der  Sprache 
der  hos  antics  trobadors  orientierten  und  nur  in  zweiter  Linie  und 
mit  Vorsicht  das  Beispiel  der  gesprochenen  Sprache  heranzogen, 
mufs  dem  aber  entgegenhalten,  dafs  die  Trobadorpoesie,  in  welcher 
unsere   volkssprachiiche  Konstruktion    allerdings    weniger  günstigen 


'  Die  Leys  d'amors  selbst  verbinden  übrigens  autres  ziemlich  selten 
durch  de  mit  trops,  tropas  und  moutz,  moutas  :  e  iropas  dautras  (II,  176),  aber 
En  motas  aiitras  manieras  (III,  14),  de  trops  autres  (II,  160  pass.). 


l68  HANS   NEUNKIKCHEN, 

Boden  l'and  als  etwa  in  der  breiten  epischen  (Prosa-)Erzählung, 
doch  die  Teilungsformel  in  charakteristisclien  Beispielen  aufweist. 
Molinier  wird  also  einer  Auseinandersetzung  mit  der  Partitiv- 
wendung  aus  dem  Wege  gegangen  sein,  weil  er  sich  mit  der  für 
ihn  sicher  wenig  klaren  Konstruktion,  deren  Wesen  er  nicht  er- 
kannte, nicht  befreunden  konnte.  Eine  Ablehnung  kam  nicht  in 
Frage,  da  die  Trobadorsprache  ihren  Gebrauch  sanktioniert  hatte. 
Jedenfalls  dürfen  wir  aus  Moliniers  Stillschweigen  keine  Rückschlüsse 
auf  die  Verbreitung  der  Teilungsformel  in  der  Sprache  seiner  Zeit 
ziehen. 

5.   Syntax  der  Teilungsformel  um  1500. 

Die  entscheidende  Entwicklung  mufs  in  die  zweite  Hälfte  des 
15.  Jahrhunderts  gefallen  sein.  In  dieser  Hinsicht  ist  etwa  die 
Sprache  des  Eustachius-Mysteriuras  —  überhaupt  der  am  Ende 
des  15.  Jahrhunderts  im  Brianconnais  entstandenen  Mysterien, 
vgl.  E.  Appel,  S.  1 2  ff.  —  charakteristisch ,  das  von  den  durch- 
gesehenen Sprachdenkmälern  die  Teilungsformel  zuerst  allgemeiner 
und  in  bislang  noch   unberühiteu  Positionen  gebraucht  (s.  S.  165).! 

Noch  deutlicher  zeigt  das  leider  wenig  umfangreiche  Bruch- 
stück des  um  1500  anzusetzenden  Prosaromans  Tersin  (Rom. 
I,  51  ff.,  ed.  P.  Meyer)  den  neuen  Zustand:  das  partitive  de  erscheint 
sogar  bei  Substantiven  im  Vergleich  mit  coma,  wo  keine  Quan- 
titätsvorstellung im  Vordergrunde  des  Bewufstseins  steht,  und  fehlt 
durchweg  nur  da,  wo  sich  das  Ausbleiben  durch  die  besonderen 
Umstände  der  Aussage  begründen  bzw.  nach  psychologischen  Ge- 
sichtspunkten zurechtlegen  läfst. 

Objektstellung :  per  far  venir  de  gens  et  leur  donnar  secours 
(A  67,  7  =  B  Tersin  e  Thibau  .  .  .  delibcron  si  d^aver  de  gens  en 
leur  secours)  —  per  nver  de  gens  (B  67,  7:  zweimal)  —  7)iays  loii 
prince  Jaume  .  .  .   qn^avia  mandat  d'espions    (B   66,  5)   —   Carlemay7ia 


*  Dagegen  klingt  liie  Behauptung  Ronjats  (Essai  de  syntaxe  47),  dafs 
das  partitive  de  ohne  Artikel  mit  Stoft-  und  Gattungsnamen  schon  bei  Boysset 
eine  geläufige  Wendung  ist,  angesichts  des  von  uns  vollständig  angeführten 
Beispielmaterials  übertiiebcn.  Vermutlich  stand  Ronjat,  als  er  den  Satz  nieder- 
schrieb, unter  dem  Eindruck  einer  von  P.  Meyer  (Rom.  XXIT,  126)  aus  Anlafs 
der  Boysset-Hss.  gemachten  Bemerkung:  «Je  signalerai  un  emploi  de  de 
partitif  qui  est  acluellement  tout  ä  fait  habituel  en  proven^al,  mais  qui ,  ä  ma 
connaissance,  n'est  pas  usite  au  moyen  äge,  du  moins  dans  les  textes  litteraires: 
'fay,  si  podes  que  y  aia  ^^enfans',  fol.  109.  Cf.  RLR.,  2e  Serie,  XII,  115.» 
Dieses  Urteil  aus  dem  Munde  des  hervorragenden  Kenners  des  Provenzalischen 
ist  angesichts  der  tatsächlichen  Verhältnisse  etwas  befremdlich.  Übrigens  steht 
a.  a.  O.  nichts,  was  hierhin  gehört;  es  dürfte  RLR.  XXVI  =  3^  serie,  t.  12 c 
gemeint  sein,  wo  Chabaneau  in  den  Anmerkungen  zur  Vie  de  sainte  Marie 
Madeleine  S.  II5  schreibt:  «Emploi  (au  v.  602)  de  la  preposition  de ^  sans 
I'article,  dans  le  role  de  l'article  fran^ais  dit  partitif:  prenes  d'argent  e  d^aiir. 
Cet  idiotisme  est  surtout  propre  .lux  di.n'cctes  niöiidionar.x  de  la  langue  d'oc. 
Dans  celui  du  limousin,  comme  cn  fran^ais,  l'article  n'tst  exclu  que  si  un 
adjectif  preceJe  le  subst.mtif »  mit  der  Anmerkimg:  «Cette  nuanre  echappe 
facücment  aux  gens  peu  instruits  du  Midi  quam!   ils  parlcnt  fran^'ais. :■ 


ZUR    TEILUNGSFORMEL    IM    l'ROVENZALISCHEN.  169 

fa  meltre  sas  gens  en  hon  ordre,  car  el  avia  agut  de  noiivelhis  que 
Tersin  venia  embe  granda  armada  (B  64,  3) ;  aber  dounar  ajuda 
(A  63,  2)  —  Si  nos  aidres  aveji  hon  courage  a  nostre  creatour 
(A  65,  3;  ähnl.  A  67,  7:  zweimal,  B  67,  7)  —  inais  prenes  couragi 
(A  65,  3)  —  demandar  secours  (A  67,7):  alles  formelhafte  Wen- 
dungen, in  denen  auch  im  modernen  Französischen  und  Proven- 
zalischen  die  Teiluiigsformel  noch  fehlen  kann  oder  auch  ausbleiben 
mufs.  Ahnlich  auch  non  podian  aver  viluaiUe  (B  67,  7) :  gedankliche 
Einheit. 

Subjektstellung :  que  dins  Aguassin  non  y  avia  aidre  gent  qu'aquel- 
lous  (AB  66,5):  negative  Wendung,  in  welcher  der  Gedanke 
stark  auf  die  Wesenheit  gerichtet  ist  (vgl.  E,  Appel). 

Nach  Präpositionen:  al  pont  per  oni  Vaigua  de  la  fönt  venia 
a  las  Arenas  d^Arles  per  d'aqtieducs  siihtilavunt  bastiz  (A  64,  3 ;  ähnl. 
67,  6);  aber  a7nbe  Roland  et  autres  (A  64,  3):  in  dieser  Verbindung 
hat  sich  de  nie  restlos  durchgesetzt,  vgl.  noch  neufranz.  et  autres. 

Im  Vergleich  mit  coma:  et  vy  venir  lou  camp  dels  Sarrazins 
qiCen  y  avia  viais  de  trenia  millia  qu'eyssian  d'aquel  bosc  comma  de 
cans  contra  lous  paures  Chrestians  (A  65,  4)  —  Aras  es  temps  que 
fassan  comme  gens  vaillans,  et  que  sian  hardis  coma  de  lions  (A  65,  3). 
Im  ersten  Vergleich  wirkte  die  überwiegende  Qualitätsvorstellung 
{vaillans)  hemmend. 

PJoh.  hat  noch  kein  Beispiel  für  parlitives  de  im  Vergleich: 
e  .  los  endreyssan  ha  cassar  ayssins  con  autres  cans  (348.  9,  5  f.)  — 
los  quals  son  Sarrahins,  que  de  Venhorigol  en  stis  son  ayssins  con  home 
e  de  Venhorigol  en  aval  ayci  con  cavals  (348.  10,  2  ff.)  —  menan  lo 
cap  e  la  coha  .per  terra  .  .  .  axins  con  cans  (351.  17,  25  f.)  und  so 
gewöhnlich.  1     Boysset  38g,  20  s'en  torneron  coma  avols  gens  e  croias. 

Auch  die  datierten  Urkunden  und  Aufzeichnungen  aus  den 
Departements  H.-Alpes,  B.-Alpes  und  Alpes-Maritimes,  die  P.  Meyer 
in  den  Doc.  lingu.  besonders  lür  die  Zeit  von  ca.  1450  — 1550 
zusammengestellt  hat,  geben  wertvollen  Aufschlufs,  inwieweit  die 
Teilungsformel  bereits  ein  integrierender  Bestandteil  der  Sprache 
geworden  ist.  Wenn  derartige  Dokumente  (Protokolle  und  Be- 
schlüsse von  Stadt-  und  Gemeinderatssitzungen,  Polizeiverlügungen 
und  Sendschreiben  der  Räte  und  Bürgermeister,  Kassenbücher  und 
-belege  der  Schatzmeister,  Bittschriften  einzelner  Bürger  und  Tage- 
buchaufzeichnungen)   bei    der    Begrenztheit    der    Materie    und    der 


'  Aber  .luch  mit  dem  bcslimmlen  Artikel:  han  lo  ^argasson  gran 
enayssins  cott  los  auriflans  (344,  40 f.);  schließlich  auch  im  Singular  mit  dem 
unbestimmten  Artikel:  En  nostras  partidas  son  cans  salvages,  ayssins  grans 
coti  un  caval  (348.  9,  I  I.)  usw.  —  Eigentümlich  ist  eine  andeie  Verwendung 
von  de  nach  coma,  anscheinend  in  modal,  r  Fuiiküon,  die  bei  Raynouard  und 
Levy  nicht  ci wähnt  ist:  Em  fa  dire  lo  mot  coma  d'otne  vencutz  (Such. 
Dkm.  238,  757)  —  Coma  d'aqiiilh  que  qii,ro7i  aia  cayso?i  (Noble  I.c^on  351; 
so  auch  in  der  modernen  Wiedergabe  aus  Val  du  Queyras  und  Vallöe 
St. -Martin  =  'Comme  ceu.\  qüi,  niainlen.ant,  cherchent  accusation'). 


170  HANS    NEUNKIKCHKN, 

formelhaften,  knappen  Si)rache  auch  wenig  Gelegenheit  zu  syntak- 
tischer Variation  bieten  und  die  Partitivvvcndung  nur  in  bestimmten 
Wortgruppt-n  und  Zusammenhängen  aufweisen  können,  so  ist  die 
Tatsache,  dafs  die  Konstruktion  in  den  stereotypen  Kanzleistil 
gedrungen  ist,  bedeutsam  genug. 

Im  Gegensatz  zu  einer  historischen  Darstellung  der  Teilungs- 
formel im  Französischen,  das  immer  mehr  dem  Ende  des  Konsoli- 
dierungspiozesses  als  festumrissene  und  geregelte  Schriftsprache 
entgegengeht,  läuft  die  Darstellung  der  provenzalischen  Formel, 
wenn  man  von  der  künstlichen  Schriftsprache  der  Trobadors 
absieht,  auf  eine  Betrachtung  ihrer  Entwicklung  in  den  einzelnen 
Dialekten  hinaus,  welche  in  den  verschiedenen  sprachlichen  und 
literarischen  Denkmälern  ihren  schriftlichen  Niederschlag  gefunden 
haben.  Da  aber  eine  Reihe  von  Texten  eine  mehr  oder  weniger 
stilisierte  und  oft  von  der  lateinischen  Syntax  beeinflufste  Diktion 
zeigt,  dürften  sie  nicht  immer  ein  getreues  Bild  der  Teilungsformel 
liefern,  wie  sie  in  der  Volkssprache  lebte.  Soweit  die  Aufzeich- 
nungen der  Doc.  lingu.  von  weniger  gebildeten  Personen  herrühren, 
sind  sie  geeignet,  die  tatsächlichen  Verhältnisse  besser  wieder- 
zuspiegeln. 

Hautes- Alpes.  Brian 9 on  1495  (Lettre  missive):  a)  avian 
ititroduil  alcuns  dals  segnours  et  d'aulres  (427,  i);  b)  jv  avian  mamhi 
gent  que  solicitavan  .  .  .  (428,  2:  attributive  Ergänzung,  auf  die  sich 
der  Gedanke  in  erster  Linie  richten  konnte.)  —  non  chalio  far 
autras  provas  (42g,  3).  Ratne  (Livre  de  raison):  a)  1478  loar  de 
buous  (435,  22Q)  —  1477  ^^  M  que  mueryou  de  la  bestie 
(435,  228:  ^q^^!il  mourrait  de  la  bete^  =  'meme  au  cas  oü  il  y  aurait 
une  epidemie  sur  le  betail').  Guillestre  1539  (Monitoire):  a)  am 
[-be]  de  servieytos,  platz  et  aiäre  meynage  (437,  6);  b)  occultario  alcuns 
estrujiientz,  quitansos  hou  aiiltres  scriptiires  (437,  5).  Embrun  16.  Jh. 
(Lettre  missive) :  a)  en  vous  pr[e]ant  que  vous  plaso  de  me  donar 
d\irgent  del  tens  que  ay  vaca  al  clochier  ...  (448:  man  erwartete 
eher  den  bestimmten  Artikel  ohne  de).  Tallard  (Compte):  a)  1526 
per  de  clavels  per  sarar  Porta  Bello  —  per  de  latos  (472);  1527 
a  porta  d'aprunos  —  per  de  pan  e  de  vin  per  donar  a  beure  a  les 
gindarmos  —  per  de  garamp  fficelle^)  per  liar  las  informations  (473). 

Basses-Alpes.  La  Breole  1562  (Comptes  mit  vielen  fran- 
zösischen Wörtern):  a)  per  portar  d'argent  (183,46)  —  per  far 
aportar  de  vioures  (184,  52)  —  per  mandar  de  vioures  a  Seyno 
(182,  30)  —  per  de  pam  (182,  32);  b)  douas  quavallos  ung  jort  et 
demi  a  fem  et  sivado  (182,  32).  Seyne  141 1  (Co.;  «  . . .  J.  ...  n'etait 
pas  un  ecrivain  exerce»,  S.  198):  he  monjtn  de  bescuec  {20^,  ^S)\  b)  per 
pan  e  per  figas  e  per  avelanas  (200,  l)  und  so  pass.  —  .  .  .  e  diverses 
autres  (20 1,  3)  —  per  spiar  si  aquilli  .  .  avian  achanpa  jenst  (206,  49), 
1546  come particulares  de  lad.  ville  (229,  8  f.).  Digne:  a)  1425?  (Etat 
de  d6penses.  «Le  fournier  Jean  de  Roca  .  .  .  etait  visiblement  peu 
letfr^»,  S.  291):   Item,  ay  paya  de  compra  de  la  chaus  florins  set  (292), 


ZUR    TEILUNGSFORMEL   IM    l'KOVENZALISCHEN.  I  /  I 

1441  (D^liberations) :  .  .  .  qiie  lo  se  compre  de  lela  que  sera  neccs- 
saria  per  far  de  saquetz  en  que  se  vietan  las  escripturas  (260), 
1445  que  se  compre  de  fusta  per  .  .  .  (275  Anm.);  b)  1427  (Regle- 
ment sur  la  boucherie):  que  non  s'atroharia  chart  hal  niasel,  que  fos 
jort  de  7na[ujjar  chart  (248,  15),  1434  adure  et  far  adure  vm  (250; 
ähnl,  251),  1436  comprar  hlat  (negat.  Satz,  252),  1441  que  denguna 
persona    que   a  ev/atis  per  ensaihar  non  Jos  fassa  enseiihar  .  .  .   (259) 

—  quant  en  los  autres  hans  se  hanharian  homes  e  dcnnas  honestas 
(261)   —  .  .  .  et  dtversas  autras  causas  del  vionestier  {262;  ähnl,  267), 

1442  en  fazent  justicia  a  J.  cosczin,  et  autres  hons  portamejis  .  .  , 
{262),  1444  que  en  esta  vila  aga  diverses  hostals  (267)  .  .  .  «0;/  auze 
vendre  vm  (268),  1445  tota  persona  que  aya  vht  .  per  vendre  —  si 
aduzia  vin  de  fora  —  metre  vin  (26g)  u.  ä.  Beisp.,  1449  per  autras 
causas  (273),  14  50  touts  hostes  que  alber  gar  an  gens  en  lur  hostal  (278). 
Entrevaux  1570  (Co.,  «texte  assez  melang6  de  fran^ais»):  b)  per 
fayre  riostes  et  chohrions  (290,  24)  —  e7isemhle  certos  autros  pessos 
(299,  2;^\  ähnl.  300)  —  per  portar  certos  lettros  (30 1;  ähnl.  300). 
Castellane:  a)  1474  Del.  que  los  balie  d'argent  .  .  .  (305),  1548 
(Procesverbal)  l'on  va  comprar  de  hlat  a  hostalaries  {^\\)\  h)  fachent 
pain per  vendre  (311).  Forcalquier:  a)  Livre-journal  1332,  30.  4. . .. 
per  de  drap  que  a  pres  lo  prior  ^339,  173),  aber  7.  4.  tant  per  drap 
quant  .  .  .  (338,  160),  1478  (Etat  de  depenses)  querre  de  mossa 
(342),  1478  (Proces-verbal)  .  .  .  que  fassa  ho  aucisa  de  cars  bonas 
et  sufficiens,  que  710  sian  revas  ni  chastrols  7ii  aultras  cars  con- 
trarias (346),  1489  Co.  Ite77i,  compare  lo  susdich  en  de  huous,  .  .  . 
(353),  1495  (Etat  de  dep.)  anar  sercar  de  agla7i  (319)  —  per  de 
fogassas  —  per  de  fromage  (350)  —  per  de  sayn  per  honher  lo 
carre  .  .  .   (35 1),    1517/18  Co.  per  7nurar  de  frachas  del  harri  (355) 

—  aver  portal  de  lenha  et  de  gavels  (356)  —  aver  C077iprat  en  plusors 
fes  de  papier   (354)   —  per  donar  a  bture  a  de  paures passans  (355) 

—  per  de  talliers,  sive  e7ifistaviens,  que  a  fach  .  .  .  (357);  b)  1476 
(Ordonnance  de  poüce  municipale)   hont  auria  noguiers  (341),    1478 

.  (Etat  de  dep.)  tant  en  post  coma  ai  clavels  (343),  1478  (Proces-verbal) 
que  fasa  bonas  operacions  (347),  1495  e7i  especias  (349)  —  per  vin 
(350)  — portava  letros  (351).  ReiUane  1415  Co.:  d^  per  de  fusta 
que  avem  agut  ...  (366).  Manosque:  a)  1460  Co.  per  veser 
d'eguas  (3S4,  10),  aber  wohl  kein  partitives  de  in  per  veser  de  las 
eguas  de  7/ia  da77ia  (384,  10)  —  1462  Co.  ve7iguet  quere  d^argent  que 
la  vila  li  dtvia  (388),  1464  disia  que  y  fera  venir  d'aygua  dal  gros 
da  la  canba  de  ung  ho7/ie  (390),  1465  per  aver  d'egas  a  calquar  lous 
blas  (392);  b)  1397  ...  si  li  vila  fasia  7nolre  de  sos  blats  propres 
per  presentar  0  per  pagar  saudadiis,  non  s'en  page  rwa,  si  no  que  lo 
compres  0  que  l^enpru7itts  blat,  e  d'aylal  page,  et  que  tot  forestier  que 
si  (sai?)  adurran  pan  0  farina  per  V(7idre  .  .  .  (378),  1409  qui  vendra 
vin  —  qui  comprar a  vin  u.  ä.  Beisp.  (378),  14 10  que  portara  0  fara 
portar  a7i7iona  0  autres  blas  al  7/iolin  per  molre  (381),  1460  reguar- 
darlos  boscs,  si  y  avia  aglant  per  los  pors  (384),  1466  aca)7!par  caus 
e  arena  e  peyre  per  lo  nede  de  la  fönt  (394)-      Riez:    a)    1512    Del. 


172  HANS    NEUNKIKtHEN, 

(h  portar  irar^^enl  per  rcsctne  aqiiellos  ekgis  per  la  chiclma  ...  e  de 
comprar  (Valbarest(i[s]  .  .  .  ei  de  far  allras  causas  que  hir  sera  neces- 
sarias  (325),  1520  a  hailal  de  fustalha  per  adobar  lo  molin  (326); 
b)  e  si  fa  beson  de  donar  urgent  a  calque  capiiany  (324). 

Alpes- Maritimes,  (irassc:  b)  1455  (Lettre)  vos  avisam  que 
alains  Jenovexes  son  s/as  ajsi  per  comprar  grans  (495),  1495  Ma 
persona  que  agiiessa  agut  arnes  de  lad.  ciiitat  —  constitiiir  {u.  ordenar) 
novels  guages  (490),  1502  lo/a  persona  que  adurria  peysson  de  la 
inarina  (493,  2)  —  ...  que  compre  peys  (493,  3 ;  ähnl.  494,  4 ; 
494,  6)  —  non  ause  vcndre  dengun  peysson  per  Hains  (494,  5).    Vence: 

a)  1434  (Co.  «Tout  denote  chez  l'ecrivain  beaucoup  d'inexperience 
et  d'in attention»,  S.  519):  he  per  iij  hanynas  d\mona  que  haguifn 
.  .  .,  e  per  de  /alias  e  per  de  pahnola  que  haghn  dUl  (522,  20),  1533 
Co.  aneron  adurre  de  lohatons  (530,  48)  —  per  comprar  de  civada 
del  fornier  (533,  83)  —  per  anar  cercar  de  civada  per  las  gen s  d\ir- 
mas  (535,  9)  —  Item,  per  de  cart  salada,  .  .  .  Item,  per  de  saffran, 
.  .  .  Item,  ptr  ci Irans  et  sal,  .  .  .  Ite?n,  per  de  mos  tarda  (536,  11), 
1536  Co.  .  .  .  que  aduguesson  de  blad  e  de  bestiam,  sive  average 
(540,  26)  —  per  far  d^agus  per  la  grua  (541,  35)  —  ...  que  por- 
tessam  de  vieures  a  Grasso  (542,  47)  —  per  talhar  de  bastons  per  far 
de  bastons  f er  ras  (545)  —  per  de  plomp  comprat  per  los  sende gues, 
per  far  los  malhes  (538,9);  b)  1533  sonar  lo  gach  et  autras  causas 
(527,  10;  ähnl.  528,  18),  1536  per  far  farino  et pan per  lad.  monition 
■  ■  •  (543)  3)  —  P^^  ^'  requerre  que  non  aguessem  gens  d^armos  a 
Venso  (541,  37)  —  oultra  la  somma  que  hau  pagat  particulars  de 
Venso  (539,  16).  Antibes:  a)  1473  Del.  .  .  .  trohar  une  barca  e  de 
mariniers  per  anar  querre  de  grau  (503),  1 506  Co.  a  portal  de  peys 
(506,  21;  507,  22)  —  per  de  causina  que  a  comprat  .  .  .  (507,  40)  — 
per  de  taulas  de  viele,  per  doblar  los  portals  (507,  39),  1509  Co.  per 
de  peyras  de  bonbardas  (510,  20);  b)  1473  Del.  aqiuilas  personas  que 
fan  pan  a  vendre  .  .  .,  que  non  aiison  vendre  del  dich  pan  (503  ;   504)> 

1 500  (Regl.  de  police) :  que  deguna  persona  non  ause  culhir  herba 
(515,  20)  —  touta  persona  que  stacara  bestias  sauminas,  mullatinas 
ho  egtiesinas  en  canips  ha ferrayas  que y  aye figu'eras  ho  albres fruchals 
(513,  6),  1506  per  novellas  de  fustas  (507,  38)  —  i  509  .  .  .  aduysse 
novas  de  galeyas  de  ?Ji(d  (510,  18).  En  traun  es  161 1  (franz.  mit 
vielen  provenz.  Wörtern) :  bailhar  .  .  .  ung  cestier  de  öle  de  ranto  et 
semblabltynent  des  augmentz  femelz  que  se  travalharan  (567). 
Guillaumes:  a)   1561  Qo. per  nous  far  entendre  de  novdhos  (559,  36), 

157 1    (Co.,    stark    franz.):  per    de  fere   que  a  baihat  per  .  .  .  (562); 

b)  1561  per  pargemins  qua  bailat  per  ...  (556,  lo).  Puget-Th6- 
niers:  a)  1536/37  avem  vendut  del  gip  que  ero  a  Sanct  Augostin 
(572,  20)  —  avem  comprat  del  fabre  Dauverna  de  fustas  per  .  .  . 
(57'>  3)  —  avem  comprat  de  Stuepos  per  vietre  en  losd.  bastions,  .  . 
Item,  en  d'agus  a  Gl.  B.  (571,  4)  —  per  portar  de  perdisses  (571,  8) 
—  per  de  teules  (571,  1 2)  —  per  de  sniepes  et  agus  (571,  13),  154^ 
Co.  entre  far  et  aponchar  de  senep^^s  (574,  30)  —   .  .  .,  per  portar  a  la 


ZUR   TEILUNGSFORMEL   IM    PROVENZALISCHEN.  173 

gleysa,  de  fustalha  del  pont  (574,  32)  —  per  acainpar  de  taulas  que 
serreron  al  Paget  per  metre  al  pont  (57 5>  3?)  —  P^^  portar  de  saqs 
a  C.  per  adurre  lo  blat  del  paneiier  (576,  49)  —  ...  que  portessan 
de  pollalha  et  cassa  ...  (576,  55)  —  per  aponchar  de  senepes,  et  far 
de  novos  per  ...  (577,  63}  —  Itein,  de  agus  et  de  ferre  per  far  lo 
resort  .  .  .  f.  j.  g.  ij.  (576,  52;  älml.  Item,  de  cor  das  per  lo  reloge  et 
grame  que  fon  necessari  ...  577,  57)  —  per  de  l.gnavi  per  far  lo 
pont  (574,  17)  —  per  de  filh  d'aram  per  lo  reloge  {577,  56),  1551  Co. 
per  de  senepos  haylados  a  ...  (582,  5),  1552  per  portar  d'ayga 
(580,  18),  de  causina  (581,  37),  de  gip  (583,  6)  —  per  de  clavels 
per  la  porta  .  .  .  (580,  2i)  —  per  d'amarmas  (580,  31)  — per  d'agus 
(583:  12,  17,  10,  20)  —  1607  Co.  per  haver  aquanpat  de  jip  (585,8), 
pourtat  de  papiers  (585,  15)  —  faire  de  inoiito  (58g,  65)  —  per  nous 
venir  vendre  de  quanebe  per  de  quordos  (587,  40)  —  per  de  jip  pres 
aquo  dal  .  .  .  (585,  9)  —  per  de  taulos  (588,  45)  —  per  de  des- 
penso  que  li  avion  facg  .  .  .  (58g,  58),  162g  Co.  far  levar  las  com- 
pagnios  que  si  trovavon  nel  present  luech  0  aver  de  contribuentz  que 
eron  de  Giletto  (5g 2,  2);  b)  1548  avem  fach  cassar  perdisses  et  lebres 
per  viandar  .  .  .  (577,  59),  1562  (Testament)  laysa  per  pauras  fil- 
has  a  maridar  ...  (5g6),  1607  taut  per  ponchairar  que  faire  croses 
a  la  gravo  (588,  46),  162g  ambe  enfvitz  (5g3,  15).  Roquebilliere: 
a)  1548  Co.  portavo  de  lobalons  (608,  7)  —  fayre  de  entenas  (610,  30) 
—  per  de  fen  (60g,  14)  —  Item,  plus  per  de  avena  et  fen  (610,  29), 
154g  aven  pagat  a  de  pauras  figlas  de  sta  villa  que  portavon  entenas 
a  Nisa  per  quere  de  blat  de  la  cabeiisa  (610,  37),  1567  avem  des- 
pendut  em  de  fere  en  tot  lieuros  18  .  .  .  Plus  avem  despendut  en  de  carbo 
per  far  .  .  .  (613:  28,  2g),  1568  per  de  carbo  per  far  .  .  .  (614,36), 
1572  avion  de  lobatons  (Ö15,  7)  —  Plus,  lo  2;^  de  Jun,  es  vengut  de 
saudas  de  justisia  de  Turin,  quals  menavan  de  preso7ties  (614,  4)  — 
per  de  sobreeticans  de  rnohns  (615,  10);  b)  1548  per  aver  twvellas  de 
los  /eres  del  molin  (608,  2).  Nizza:  a)  i458/5g  (Lettre)  e  y  a  de 
honas  raubas  las  cals  tenon  que  son  de  Jenoeses  (62g),  1484  (Regl. 
de  la  Confr^rie  .  .  .) :  per  audir  rendre  las  rasofis  de  las  causas  que 
auran  governat  .  .  los  rigidors,  et  far  de  novels  (630,  6),  1555  haian 
da  donar  et  laissar  en  dicts  nais  d'aiga  a  suffice?ttia  per  .  .  .  (Rom. 
XXV,  79),  b)  1484  (Regl.  .  .  .):  far  dire  messas  (Rom.  XXV.  72,  11), 
1555  estendre  lins  et  canebes  (eb.  78  f.).  Der  Chronique  iii^oise  des 
Jean  Badat  (1516 — 1567;  Rom.  XXV,  33  ff.)  ist  die  Teilungsformel 
ganz  fremd:  mi  venget  a  dir  li  appareglessam  logisses  et  vitovaglos 
(57;  1524)  —  si  volia  pam  ho  vim  (58;  1524)  —  per  che  no  ti  fidar 
laisar  intrar  gent  de  guerra  (58). 

Tn  den  Satzstellungen,  für  welche  die  Doc.  lingu.  im  16.  Jahr- 
hundert ausreichendes  Material  bieten  —  bei  Stoff-  und  Gattungs- 
bezeichnungen als  Objekt  und  nach  Präpositionen  (bes. /»^r,  weniger 
ab,  en,  a)  —  fehlt  also  das  pardtive  de  fast  nur  in  formelhaften,  festen 
Ausdrücken  und  bei  vorwiegend  qualitativer  Geltung  der  Substan- 
tiva    und.  tritt    andererseits    schon    unter  Umstanden    auf,    die  den 


174  HANS    NEUNKIKCHKN, 

sprachlichen  Ausdruck  einer  Quantitätsvorstellung  nicht  besonders 
nahelegen,  so  dafs  die  Tendenz  der  Entwicklung  zu  demselben 
Ziele  weist,  welches  im  Tersin  beinahe  erreicht  ist:  partitives  de  in 
allen  Fällen  zu  setzen,  in  denen  das  Substantiv  nicht  als  blofser 
Begriffsvertreter  fungiert.  Dabei  ist  gegenüber  anderen  Texten 
(Dmlekten)  aber  das  Ausbleiben  von  de  bei  auires,  vor  allem  am 
Schlüsse  von  Aufzählungen,  bemerkenswert.  Ein  indirekter  Beweis 
für  die  weitreichende  Geltung  der  Partilivwendung  liegt  noch  in 
dem  Umstände,  dafs  sie  vielfach  gewählt  ist,  wenn  aus  der  Situation 
heraus  nach  heutiger  Auffassung  mindestens  ebensogut  der  be- 
stimmte Artikel  zur  Kennzeichnung  eines  bekannten  Nominal- 
komplexes am  Platze  gewesen  wäre. 

6.   Vergleich  zwischen  der  französischen  und  provenzalischen 
Teilungsformel  im  16.  Jahrhundert. 

(vgl.  E.  Appel   yiff.  und   91  ff) 

In  beiden  Sprachen  war  in  der  ersten  Hälfie  des  16.  Jahr- 
hunderts noch  die  Möglichkeit  vorhanden,  das  Substantiv  in  allen 
Zusammenhängen  ohne  partitives  de  zu  gebrauchen,  falls  die  quali- 
tierende  Auffassung  näherlag.  Wenn  im  Französischen  aber  erst  in 
der  zweiten  Jahrhunderthälfte  das  Bestreben  einsetzt,  in  folgenden  von 
Appel  (81  ff.)  aufgeführten  Gruppen  die  Teilungsformel  einzuführen, 
auf  die  sich  in  der  ersten  Hälfte  im  wesentlichen  das  Fehlen  be- 
schränkt, so  treten  auch  jetzt  wieder  im  Provenz.  früher  Ansätze 
für  das  Eindringen  in  einzelne  anfangs  freigebliebene  Positionen  auf. 

Vgl.  partitives  de  ad  i.  beim  prädikativ  gebrauchten 
Substantiv:  Eust.  1064,  d.  h.  spätestens  um  1500;  ad  3.  bei  /eh: 
von  der  Formel  de  tals  i  a  (s,  S.  63)  abgesehen  (die  übrigens  auch 
im  Altfranz,  häufig  ist,  s.  Meyer -Lübke,  Rom.  Synt.  388  f),  bei 
adjektivischem  tals  bzw.  ailals  Bertr.  Carbonel  de  Marcelha  = 
Ba  Dkm.  12,19,  allerdings  mit  saber  [de  partitiv-respektiv !) ;  Hist. 
Sainte  I,  68  [dar  de  taus  büs),  das  man  auch  wegen  des  lokal- 
partiliven  Charakters  als  nicht  beweiskräftig  beanstanden  könnte; 
Kindheit  Jesu  =  Ba  Dkm.  295,  27  (Hs.  1374  nach  Such.  Dkm.  481; 
sprachliche  Mischung  mit  nordfranz.  Elementen);  ad  5.  nach  der 
Präposition  par;  seltener  nach  avec:  Forcalquier  1332,  1495; 
Reillane  14 15;  Tallard  1526,  1527;  Vence  1434;  Antibes  1506, 
1509;  ad  2.  bei  dem  mit  comme  eingeleiteten  Vergleich:  Tersin 
zeigt  bereits  moderne  Verhältnisse.  Die  Hss.  stammen  nach  P.  Meyer 
(a.a.O.  52)  aus  der  Zeit  Heinrichs  IV.,  nach  1575  (eb.  55).  Wenn 
aber  schon  der  Stil,  bes.  in  Hs.  A,  auf  das  15.  Jahrhundert  weist 
(eb.  55),  gehören  die  Fälle  um  so  sicherer  einer  früheren  Zeit  als  dem 
16.  Jahrhundert  an,  da  SL4tenes  0  für  a  nach  der  Tonsilbe,  das 
sich  im  16.  Jahrhundert  immer  findet,  für  getreue  Abschrift  einer 
älteren  Vorlage  spricht. 

Dagegen  ist  das  Fehlen  der  Formel  in  den  übrigen  Gruppen 
auch    im  Provenz.    zu    beobachten:    4.   manchmal    bei  Substantiven 


ZUR   TEILUNGSFOKMEL    IM    PKOVENZALISCHEN.  175 

mit  vorgestelltem  Adjektiv  oder  folgendem  attributiven  Satz,  wenn 
das  Ziel  des  Gedankens  diese  nähere  Bestimmung  ist;  6.  bei 
den  negativen  Wendungen,  die  bt.  sonders  stark  den  Gedanken  auf 
die  Wesenheit  des  Substantivs  hinführen,  vor  allem  in  Formeln  wie: 
7ie  auire  —  que,  ni — ;//,  auch  nach  saus;  7.  in  Verbindungen  eines 
Abstraktums  als  Objekt  mit  einem  Verb  (ein  Begriff!). 

Zusammenfassend  läfst  sich  sagen,  dafs  mit  dem  Ausgang  des 
Altprovenz.  gegen  1550  die  Teilungsformel  hinsichtlich  der  Aus- 
bildung der  Funktion  und  des  Gebrauchs  das  Ende  ihrer  Ent- 
wicklung erreicht  hat  und  dafs  der  Folgezeit  nur  noch  die  Festi- 
gung und  weitere  Durchführung  der  Konstruktion  in  den  anfänglich 
(vor  allein  wegen  qualitierender  Auffassung)  unberührten  Zusammen- 
hängen zufällt.  Hierbei  ist  die  Feststellung  wichtig,  dafs  die 
provenz.  Partitivwendung  dem  Grade  der  Ausbildung  nach  zeitlich 
zum  mindesten  auf  gleicher  Stufe  mit  der  franz.  steht,  weil  da- 
mit der  weitgehende  Gebrauch,  den  südfranzösische  Dichter  mit 
Hterarisch  und  sprachlich  starker  Abhängigkeit  vom  Norden  in  der 
zweiten  Hälfte  des  16.  Jahrhunderts  und  weiterhin  von  ihr  machen, 
als  Ausflufs  der  selbständigen  Entwicklung  im  Provenz.  gekenn- 
zeichnet wird. 

7.  Verhältnis  der  artikelhaltigen  zu  den  artikelfreien  Teilungs- 
formeln.   Gründe  für  das  Fehlen  des  Artikels. 

Nach  Ausweis  der  Beispiele  hat  die  eigentliche  Teilungsformel 
mit  Artikel,  welche  im  Provenzalischen  immer  eine  schwache  Minder- 
heit bildete,  mit  dem  Abschlufs  der  alten  Periode  für  den  Kern 
des  südfranzösischen  Sprachgebiets  jegliche  Bedeutung  verloren, 
während  sie  in  der  Gestalt  von  blofsem  de  derartig  fest  fundiert 
ist,  dafs  sich  trotz  der  wachsenden  Einwirkung  des  Französischen 
auf  die  Volkssprache  des  Südens  und  vor  allem  auch  auf  die 
Sprache  der  literarisch  stark  beeinflufsten  Dialektdichter  auch  später 
nur  vereinzelte,  meist  durch  die  besondere  Art  der  Aussage  erklär- 
bare Artikel  formein  finden. 

Die  modernen  Verhältnisse  legen  die  Frage  nahe,  ob  sich 
vielleicht  an  einzelnen  Stellen  ein  Konkurrenzkampf  zwischen  beiden 
Arten  der  Partitivwendung  abgespielt  hat  bzw.  ob  eine  Lokalisierung 
des  Teilungsartikels  im  Süden  möglich  ist. 

Heutzutage  hat  das  alte  Aquitanien  (zwischen  Garonne  und 
Pyrenäen)  mit  dem  anschliefsenden  Nachbargebiete  nur  in  be- 
schränktem Umfange  die  Teilungsformel;  Auvergne,  Haut  Limousin 
und  Perigord  die  Wendung  mit  Artikel;  das  übrige  Gebiet  die  ile- 
Konstruktion  ohne  Artikel  (s.  auch  Ronjat  a.  a.  O.  47 ;  Einzelheilen 
weiter  unten).  Für  die  Randgebiete  Auvergne  und  Perigord  habe 
ich  keine  alten  Belege  zur  Hand.  Die  vereinzelten,  frühen  Bei- 
spiele Peire  d'Alvernhe,  Appel  Chrest.  80,  75  und  BBorn  8,  12 
sind  nicht  beweiskräftig;  auch  kann  man  wohl  keine  Beziehung 
zwischen    dem  Teilungsartikel    des   heutigen  Perigourdinischen  und 


176  HANS    NEUNKIKCHEN, 

dem  Gebrauche  von  des  +  Adj.  +  Subst.  bei  Montaigne  annehmen, 
der  von  sich  selbst  sagt:  «Si  n'est-ce  pas  pour  estre  fort  en- 
tendu  en  mon  Perigourdin  ;  car  je  n'en  ay  non  pkis  d'usage  que 
de  rallcmand,  et  ne  m'en  cliault  gueres»  (zitiert  von  Lanussei 
S.  1/6).  Für  das  Liraousinische  zitiert  Chabaneau  (Graramaire 
limousine  RLR.  V,  467,  Anm.  2)  Per  den  diahleys  'pour  des  diables' 
(Vie  de  Sainte  Valerie,  1641),  daneben  auch  avian  imas  autras  donhias 
(Forleaux  de  Limoges,  1489,  dans  Lim.  hist.,  pag.  486)  und  (eb. 
468,  Anra.  i)  aus  dem  Jahre  1436  am  den  pa  e  f roinage  ho  am 
deux  especis  (Liin.  hist.,  pag.  413);  G.  Ross.  ilh  demanden  de  Vaigua 
ist  natürUch  nicht  beweiskräftig. 

Die  bearnische  Hist.  Sainte  (ca.  1350),  welche  hinsichtlich  des 
Vorkommens  der  Teilungsformel  mit  der  provenz.  Parallelübersetzung 
ungefähr  auf  gleicher  Stufe  steht,  hat  bei  Stoffbezeichnungen  dreimal 
de  -\-  Artikel,  davon  je  einmal  in  Übereinstimmung  mit  der  provenz. 
bzw.  catalah.  Bearbeitung,  wo  die  provenz.  eine  Lücke  hat.  In 
einem  anderen  Falle  steht  prov.  de,  bearn.  absolutes  Substantiv.  2 
Natürlich  wäre  durch  Auffindung  der  Quelle  (etwa  frz.  oder  span.- 
catal.)  vielleicht  der  Nachweis  möglich,  dafs  die  Teilungsformel  mit 
Artikel  kein  Charakteristikum  des  Bearnischen  des  14.  Jahrhunderts 
ist  (Lespy  I,  S.  XL  VI  f.  leitet  allerdings  die  bearn.,  cat,  prov.  und 
Span.  Übersetzung  aus  gemeinsamer  lat.  Quelle  ab);  doch  steht  die 
Hist.  Sainte  mit  den  Artikelformen  im  Bearnisch-Gaskognischen 
nicht  allein:  vgl.  die  Beispiele  aus  Millardet  (S.  löo)  und  weiter 
so  qiii  bonnetnent  no  poyre  estar,  seiihs  trouvar  lo  moycn  de  haher  de 
la  lenke  per  lo  servicy  de  nostre  tinitirerie ;  qui  nos  a  feyt  Z'os  escriher 
la  prcsente,  a/fifi  que  vos  ayatz  a  vender  de  la  lenke  de  vostre  hoscq 
deu  Jaup  (Lettre  du  roi  et  de  la  reine  de  Navarre  [g.  5.  1560,  Pau] 
bei  Lespy,  Grammair e  bearn aise  121;  vgl.  noch  ebd.  122  de  nos 
fournir  de  ladite  lenke  ...)'.  allerdings  wird  hier  die  frz.  Formel 
vorliegen.  Wenn  Mistral  recht  bat,  dafs  partitives  de  in  der 
modernen  Sprache  Südwestfrankreichs  nicht  selten  ist,  3  trotzdem 
die  Karten  des  Atl.  Hngu.,  welche  Wendungen  mit  Teilungssinn 
verzeichnen,  davon  wenig  —  und  gar  nichts  für  das  Bearnische  — • 
merken  lassen,  ist  die  Tatsache  ihres  Vorkommens  in  diesen 
Gegenden  bereits  in  der  alten  Zeit  nicht  erstaunlich,  die  Form 
aber  sehr  bemerkenswert. 

Ob  jedoch  die  Partitivwcndungen  mit  de  im  Gaskognischen 
des   16.  Jahrhunderts    so    zahlreich  waren,    dafs   man  mit  Lanusse, 


*  M.  Lanusse,  De  l'influence  du  dialecte  fjascon  sur  la  langue  fran^ais'^. 
De  la  fin  du  XV«  siecle  i  la  seconde  moitie  du  XVIIe.    Grenoble  1893. 

^  In  den  übrigen  Fällen  dar  de  faits  büs  und  d''autes  kam  der  Artikel 
kaum  in  Frage.  —  Die  zweifelhafte  Stelle  II,  10  d'aur  so  es  la  sue  Nativitat ; 
et  la  polpra  so  es  la  sue  passtco  =  Bible  II,  177  d''atir,  so  es  de  la  sieua 
Nativitat;  e  la  color  de  la  polpia  significa  la  sicita  fassion  Insse  ich  beiseite. 

^  «Dans  le  haut  Languedoc,  la  Gascofjne  et  la  Guieiine  on  supprime 
souvent  [also  nicht  meist  oder  stets]  l'article  de  devant  un  substantif  in- 
diquant  une  quanlite  indelerminee :  ai  nianjat  pan ,  ai  hegut  vi,  ai  rrouDipal 
terros»   (Mistral,  Tie?or  I,  703c). 


ZUR    TEILÜNGSFORMEL    IM    PROVENZALISCHEN.  177 

dem  E.  Appel  (88)  mit  Einschränkung  beigetreten  ist,  den  Ge- 
brauch von  de  statt  de  -f-  Artikel  im  gleichzeitigen  Französischen 
als  Gaskognismen  betrachten  darf,  erscheint  mehr  als  fraglich.  Eher 
kann  man  von  der  Einführung  der  im  übrigen  Südfrz.  verbreiteten 
Konstruktion  ins  Nordfrz.  durch  die  damals  am  Hofe  einflufsreichen 
Gaskogner  sprechen,  wie  Lanusse  selbst  es  auch  bei  anderen  Er- 
scheinungen angenommen  hat.  Der  Beweis  für  seine  Behauptung 
setzt  die  Ableitung  der  bei  französisch  schreibenden  Gaskognern  wie 
Monluc  u.  a.  (geboren  oder  früh  zugewandert)  vorkommenden  de- 
Konstruktionen  aus  der  gaskognischen  Originaltradition  voraus.  Hier 
wird  aber  von  Lanusse  (371)  nur  ein  einziges,  bei  Lespy-Raymond, 
Dictionnaire  bt^arnais  unter  dem  Stichwort  pienti  gefundenes  Beisp. 
ohne  Angabe  von  Ort  und  Zeit  des  Textes  angeführt:  abe  com- 
panhoos  qui  obraben  de  pienti;  i  vgl.  aber  weiter  unten  jüngere  Bei- 
spiele. Die  weitere  Annahme  von  Lanusse,  deren  Begründung 
überhaupt  nicht  versucht  ist,  dafs  des  -f-  Adjektiv  -j-  Substantiv  bei 
Monluc,  d'Aubigne  und  bes.  Montaigne  ebenfalls  Gaskognismen 
sind  (a.  a.  O.  ^J^t^i-),  hat  E.  Appc!  (88,  Anm.  i)  mit  Recht  zurück- 
gewiesen. 

Bei  der  Betrachtung  der  Formfrage  läLst  sich  auch  im  Prov. 
der  Gedanke  Appels  heranziehen,  dafs  zur  Erklärung  der  artikel- 
haltigen  Formeln  im  Frz.  die  im  12.  Jahrhundert  häufige  Verwen- 
dung des  Artikels  in  Fällen  wie  Li  reis  Htigue  li  Forz  lor  fait 
porter  le  vin  (Karlsr.  437)  beitragen  könne  (S.  14).  ^  Da  sich  bei 
den  im  täglichen  Leben  immer  wiederkehrenden  Substantiven  wie 
eive,  pain,  vin  u.  a. ,  welche  diese  Artikelverwendung  meist  zeigen, 
auch  die  Teilungsformel  am  frühesten  und  häufigsten  findet,  „er- 
folgt also  wohl  die  Heranziehung  des  Artikels  in  diese  Gruppe  von 
Anwendungen  der  Teüungsformel  auf  Grund  dieser  besonderen 
Artikelbedeutung,  die  zwischen  der  präsentierenden  und  der  de- 
finierenden Funktion  in  der  Mitte  steht  und  von  beiden  etwas  an 
sich  hat"   (S.  16). 

Der  Artikel  dieser  besonderen  Art  scheint  nun  im  Prov.  in 
geringerem  Mafse  als  im  Altfrz.  vorzukommen,  und  dem  würde 
das  seltenere  Auftreten  der  artikelhaltigen  Teilungsfonneln  durchaus 
entsprechen.  Jedenfalls  ist  es  im  Sinne  Appels  bezeichnend,  dafs 
Alb.  (13.  Jh.)  und  Guill.  (14.  Jb.),  welche  den  Artikel  präsentierend- 
definierender  Bedeutung   von  den  berücksichtigten  Texten  häufiger 


^  Es  war  im  Text^ubammenliaug  in  Lespy,  Gramm,  bearn.  120  zu  fiudcu 
(Un  baron  beaiuais.   1498). 

-  Dagegen  .setzt  die  VeimuUmg,  dafs  „iu  der  geringeren  Schallkräftigkeit, 
die  de  im  Norden  liai",  tin  Grund  liegen  kann,  „dafs  die  Teilungsformeln  mit 
Artikel  den  fcbi;nso  möglichen  ohne  Artikel  vorgezogen  werden",  während  im 
Süden  das  vokalkräftigerc  de  „den  nötigen  Klang  hatte,  um  den  Rang  eines 
bis  zu  einem  gewissen  Grade  selbständigen  Funktionswortes  bekleiden  zu 
können"  (,S.  17),  einen  durch  nichts  begrün.lelen  Unterschied  in  der  Klangfülle 
des  de  bereits  für  die  alte  Zeit  voraus,  was  E.  Appel  auch  .'ielb  =  t  bedenklieh 
findet. 

Zeitschr   f.  rom.  Phil.  XLU.  12 


178  HANS    NEUNKIRCHEN, 

aufweisen,  als  einzige  auch  beim  allgemein  zu  verstehenden  Sub- 
stantiv in  Teilungsverhältnissen  den  Artikel  in  mehreren  Beispielen 
zeigen.  Man  darl"  vielleicht  in  dieser  Verwendung  des  Artikels 
nordfranzösische  Beeinflussung  erblicken,  die  ja  gerade  im  episch- 
didaktischen Stil  lebhafter  ist  (vgl.  die  S.  57  f.  zitierten  Beispiele). 

Auf  die  Artikelsetzung  in  der  frz.  Teilungsformel  kann  ins- 
besondere auch  der  Umstand  fördernd  eingewirkt  haben,  dafs  sehr 
häufig  im  Mittelfrz.  und  „verhällnismäfsig  selten"  auch  im  Altfrz. 
Wendungen  mit  dem  in  der  Emphase  gebrauchten  Artikel  bei 
nachgestelltem  Quantitätsnachdruck  vorhanden  sind  (Appel  48  f. ; 
umgekehrt  bei  voraufgehendem  Mengebegriff,  49  f.).  E.  Appel  hat 
allerdings  gerade  in  den  Teilungsformeln  mit  einfachem  de,  welche 
im  Mittelfrz.  neben  den  überwiegenden  Konstruktionen  mit  Artikel 
öfter  als  im  Altfrz.  auftreten,  Kontaminationen  mit  Wendungen 
erblicken  wollen,  in  denen  de  von  INIengewörtern  abhängt  (55flf.  u. 
90).  Doch  bleibt  es  beachtenswert,  dafs  im  Prov.  wieder  Alb.  und 
Guill.  auch  verschiedene  artikelhaltige  Partitivverhältnisse 
mit  Quantitätsangabe  bieten,  die  sonst  selten  genug  sind.    Vgl. 

E  si  non  0  fazia  tatit  de  Vavcr  darem  A  totz  los  seus  ministres 
pcrqiie  los  decehrem  (Alb.  4776  f.)  —  Que  pes  e  punhs  e  braces  e 
cervclas  e  ditz,  E  ieslas  e  maichclas  c  cahelhs  e  cervitz,  E  taut  dels 
autres  viemhrcs  na  el  camp  espanditz  (ab.  8927  ff. ;  P.Meyer:  'et 
autres  membres')  —  Sie  sabut  las  gentz  de  Bearn  quoant  pagan  per 
cascun  de  Vargent  per  atiar  coelhe  lo  froment  en  Bretanhe  (De- 
nombrement  des  maisons  de  la  Vic.  de  Bearn,  1385,  bei  Lespy, 
Gram,  bearn.  67;  '  qu'il  soit  su  combien  les  gens  de  B.  paient,  par 
individu,  d'argent  pour  ...');  E  cascim  an  nos  trameton  per  tralint 
un  horiphant  carguat  de  basme  he  un  hypothemes,  so  es  assaber  besiias 
d\inr  fin,  e  de  peyras  pressiossas  e  de  P ensens  aytant  con  nos  en  voleni 
(PJoh.  360.  17  ff.);  Que  dedins  e  defora  ac  aitans  dels  obriers  Que 
garniron  la  vila  .  .  .  (Alb.  6855;  vgl.  6859  E  lai'ns  en  Toloza  ac  aitans 
ca?pe7itiers)  —  E  a  «'/  tans  dels  autres  que  so  mais  dhi  tnilier  (ebd. 
5921  nach  einer  namentlichen  Aufzählung)  —  Que  veus  mort  vostre 
fraire  e  vostre  filh  na/rat,  E  tans  baros  dels  autres  que  totz  temps  er 
tlorat  (ebd.  6407  f. ;  vgl.  S.  50  Anm.) ;  Dels  escutz  e  dels  elmes  on  es  li 
ors  batutz  I  vengon  tans  ensevihle  co  si  fossan  plogutz  (ebd.  5984  f.; 
ohne  Artikel  z.  B.  6013  ff.).  Carn  de  bau  e  de  porc  fan  asatz  asesmer 
E  dels  autras  viandas  qiüel  devian  manjer  (Alb.  Ii6lf.).  —  Quar 
assatz  agron  de  Vargent  E  de  Vaur  e  dels  palafres  (Guill.  5078  f.); 
Cotinhac,  P.  Bonassa  e  dels  autres  assatz  (Alb.  4393)  —  Qu'el  a 
maus  cavalers  Catalas  amenutz,  E  tnant  Aragones  e  del[sj  autres  assatz 
(ebd.  6674  f.)  —  Lo  rey  hac  .j.  baro  mafidat  Que  tantost  montes  si 
dezes ,  E  de  Vargent  assatz  preses  (Guill.  4672  ff.).  Mot  poc  de  la 
gent  (Noble  Le^on  359,  Hss.  GD);  E  dava  li  Jiom  a  inanjar  det 
pa  e  de  Vaygua  petit,  que  ben  tnanjera  mais  la  me[y]tat  (Prise  Jerusalem, 
RLR.  XXXIII,  46.  7  f.).  Mas  cavals  e  rocis  e  muls  Arabies  El  i  a 
tant  perdut  e  de  Vautre  aver  mes  (Alb.  4967  f.;  'sans  compter  les 
autres  partes').     Auch  bei  Zahlen:  Don  r  ender  on  merces  de  las  vetz 


Zur  teilüngsformel  im  pkovenzalischEn.  17g 

plus  de  Cent  (Hon.  172.  CV,  30);  .  .  .  a  hen  XL  Dds  ans  quel  es 
vas  dieu  forfaiz  (Folquet  de  Limel,  cd.  Eichelkiaut  42,  5371'.); 
E  quant  ac  dels  ans  .xxihj.   (Guill.  20). 

Besonders  in  den  Beispielen  aus  Alb.  ist  der  Artikel  offenbar 
gesetzt,  weil  es  sich  um  Personen  und  Gegenstände  handelt  — 
meibt  nach  einer  Atttzählung  übriggebliebene  und  so  gewissermafsen 
bekannte  Restgruppen  — ,  die  dem  Sprechenden  greifbar  vor  Augen 
stehen  und  auf  die  er  deshalb  nachdrücklich  wie  auf  Bestimmtes 
hinweist. 

Sonst  scheint  der  Artikel,  dessen  Vorkommen  für  die  Gestal- 
tung der  Teilungsfonnel  ausschlaggebend  war,  noch  zu  einer  Zeit 
weniger  gebraucht  worden  zu  sein,  wo  das  partitive  de  zum  Aus- 
druck eines  unbestimmten  Quantums  oder  einer  unbestimmten 
Anzahl  eines  Stoff-  oder  Gattungsnominalkomplexes  fast  schon  aus- 
nahmslose Regel  war.  Darauf  weisen  u.  a.  zwei  Erscheinungen  hin, 
die  bereits  kurz  berührt  wurden  (Doc.  lingu.) : 

1.  Das  Fehlen  des  bestimmten  Artikels  in  solchen  Beispielen 
der  Teilüngsformel,  wo  durch  den  Zusammenhang  seine  Setzung 
zum  mindesten  nach  heutiger  Auffassung  angebracht  w-ar; 

2.  die  Anwendung  der  Teilüngsformel,  wenn  die  Situation  den 
Gebrauch  des  bestimmten  Artikels  nahelegen  konnte,  z.  B.  wenn 
Gegenstände  oder  Materialien  in  Frage  kamen,  die  zu  einer  be- 
stimmten Arbeit  erforderlich  waren  und  als  solche  deutlich  gegen- 
wärtig sein  mufsten.  Vgl.  aus  späterer  Zeit:  Dom  Guerin  S'on  oves 
d^atdre  grais,  fores  de  soiipe  on  d'oli  (RLR.  XXIII,  235 ;  'Si  vous  n'avez 
pas  d'autre  graisse,  vous  ferez  la  soupe  ä  l'huile'  in  der  Übersetzung 
des  Hrsg.s) ;  Fizes  Uaygua  jusqiCaoti  ginoiil,  la  larma  ä  la  pninela 
(RLR.  III,  247.  26);  Älistral,  Mireio  S.  20  E  voxignen-lei  durnü 
d^dli  de-z-Ai!  'Et  oignons-les  ferme  avec  l'huile  d'Aix!'  in  Mistrals 
eigener  Wiedergabe;  Es  d'estrepado  rabastouso  (346;  'C'est  un 
pi^tinement  penible'). 

Wir  können  wohl  sagen,  dafs  die  Teilüngsformel  in  der  Gestalt 
von  blofsem  de  gefestigt  war,  als  der  Prozefs  der  „Erhebung  der 
Artikelibrm  zur  Normalform  des  Nomens"  (Meyer- Lübke,  Rom. 
Synt.  183)  weitere  Kreise  zog.  Wenn  es  ebd.  220  heilst:  ,.In- 
wieweit  nun  ein  Gegenstand  als  allgemein  bekannt  gilt,  läfst  sich 
natürlich  nicht  sagen,  wiid  auch  in  verschiedenen  Zeiten  und 
an  verschiedenen  Orten  verschieden  sein",  so  ist  die  Provence 
in  dieser  Hinsicht  und  infolgedessen  in  der  Anwendung  des  be- 
stimmten Artikels  zunächst  nicht  sehr  weit  gegangen.  Die  denk- 
bare Entwicklung,  dafs  man  durch  die  Einkleidung  eines  StofT- 
namens  in  die  Form,  die  ihn  als  allgemein  bekannt  erscheinen 
läfst  (bestimmter  Artikel),  die  Idee  der  Gesamtheit  erwecken  will 
(ebd.  220),  dürfte  im  Prov.  erst  unter  dem  Druck  der  Tatsache 
kräftiger  eingesetzt  haben,  dafs  sich  die  Sprache,  um  die  Idee  der 

12* 


l8o  HANS    NEUNKIRCHEN, 

unbestimmten  Menge  eines  Nominalkoraplexes  wiederzugeben,  in 
der  partitiven  ^A'- Konstruktion  eine  von  der  absoluten  Form  des 
Noraens  differenzierte  Ausdruckstbrm  gosclmffen  hatte. 

Die  neuprovenzalische  Zeit. 

I.  Festigung  der  Teilungsformel ;  stilistische  Verwendung  ;  Ein- 
dringen in  formelhafte  Ausdrücke  (Beispiele  aus  dem  i6.  — 18.  Jh.). 
Das  partitive  de  in  Mistrals  Sprache  (Vergleich  mit  dem  Franzö- 
sischen).    De  /es ;    deque ;    dtre  d'oc  —  de  noim. 

Die  Festigung  und  Durchführung  der  Teilungsformel,  deren 
Entwicklung  nach  der  grammatischen  Seite  hin  im  wesentlichen 
mit  Beginn  der  neuen  Epoche  abgeschlossen  ist,  vollzieht  sich  der- 
gestalt, dafs  ihr  Fehlen  auch  aus  nicht  verstechnischen  und 
stilistischen  Gründen  noch  längere  Zeit  überall  möglich  bleibt  mit 
naturgemäfser  Bevorzugung  der  am  längsten  freigebiiebenen  Stel- 
lungen (qualitierende  Auffassung).  Daneben  macht  die  analogische 
Ausdehnung,  besonders  in  negativen  Sätzen,  starke  Fortschritte,  vgl. 
das  Beisp.  Gaillard  53.  7  f ,  das  im  Hinblick  auf  die  von  E.  Appel 
(92)  zitierte  Stelle  aus  Lafontaine  bemerkenswert  ist: 

Mas  de  trouba  pais  ses  de  gens  evibegiousos, 
Piileu  s'eti  trouhario  ses  bestios  vereiiousos, 

wo  die  Teilungsformel  bewufst  als  stilistisches  Mittel  zur  Erzielung 
einer  starken  Kontrastwirkung  gewählt  sein  kann ;  ferner  A  fayre 
jamai  bona  mina  A  d'aoutra  fenna  qiia  la  siouna  (Fizes,  RLR. 
III,  22g.  2  f ).  Weiter  tritt  uns  das  partitive  de  schon  bald  in 
formelhaft  erstarrten  Ausdrücken  entgegen,  die  es  noch  heute  im 
Prov.  selten  und  kaum  im  Frz.  kennen,  z.  B.  Gaillard  qtiel  H  porlo 
d'embegio  (56.13;  57.8);  ähnlich  Fizes  (a.a.O.  95.2)  Äs  dieoiis 
aoiirie  dounat  d''envia;  vgl.  aber  Gaillard  53.  12  N^  trobe  d'enemix 
qiie  li portoun  embegio  und  Mistral,  Tr6sor  I,  954  b  pourta  envejo,  desgl. 
frz.  porter  envie',  weniger  beachtenswert  Jeu  votildrio  be  per  voiis 
prene  de  mage  peno  (Gaillard  298.  20).  Im  ganzen  finden  sich  hin- 
sichtlich der  Anwendung  und  Nichtanwendung,  die  im  folgenden 
charakteristische  Beispiele  beleuchten  mögen,  lange  —  je  nach  Stil- 
und  Dichtungsart  mehr  oder  weniger  bedeutende  —  individuelle 
Unterschiede. 

Nach  dem  Stande  der  heutigen  Volkssprache  des  Südwestens 
(vgl.  unten  die  Darstellung  der  Ausdehnung  des  teilungsformelfreien 
Gebietes  nach  dem  Atl.  lingu.  oder  auch  v.  3,  5,  9  der  Wiedergabe 
der  Parabel  vom  verlorenen  Sohn  in  Luchaire,  Etudes  sur  les  idiomes 
pyreneens,  wo  de  bei  den  Gattungsbezeichnungen  porcs,  baylelz, 
soulies  durchweg  fehlt)  ist  bei  häufigem  Gebrauch  der  Teilungs- 
formel in  gaskognisch-bearnischen  Dichtungen  prov.  oder  frz.  Ein- 
flufs  anzunehmen,  da  eine  stärkere  rückläufige  Bewegung  nicht 
wahrscheinlich  ist. 


ZUR    lEILÜNGSFORMEL    IM    PROVENZALISCHEN.  l8l 

Das  wird  z.  B.  bei  dem  unter  franz.  Einwirkung  siebenden 
d'Astros,  Kaplan  bzw.  Pfarrgeistlicher  von  Saint-Clar  de  Lomagne 
(bei  Lectoure  im  heutigen  Departement  Gers),  dem  Zeitgenossen 
Goudelins,  der  Fall  sein:  tu  ni'cn  haillos  De  het  argent  ende 
las  taillos  (II,  217)  —  Hournic  iVayguo  per  lou  hatiä?  (I,  156. 
1065)  —  Coiimo  botis  n^atirets  de  cuillido  Que  selcun  qiie  seme7iarets 
(II,  2  7  1 .  1 3  f.)  —  Cantals  ä  Dt'ou  de  naoüets  cans  (I,  200.  6)  —  he 
de  millou  besouigno  (II,  160.  2)  —  La  qui  de  tu  a  ines  de  soiiing, 
La  quW  he  de  mages  serhichis,  La  quit^  retid  de  milhotis  mificis  (I,  130. 
304  ff.) ;  Aqui  se  hen  de  cei-tens  Joes  (II,  26g.  13);  dab  de  gestos  que 
soun  ...  (I,  147.  811);  n'aoüen  d\mtre  beoiiratge  Que  bin  (I,  132  f. 
374  f.)  —  d'autes  substantivisch  und  adjektivisch;  Meste,  aquo  soun 
touts  de  bourreous  (I,  282)  —  Que  soun  de  bounos  mouchardinos 
(II,  242.  2)  —  Quand  bostos  maus  sireti  de  crocs  D'act'e  lou  mcs  fin, 
ou  d^arrocs  (II,  240) ;  arrisclados  coumo  de  Dounzelos  (I.  II)  —  coumo 
d'agraulos  (I,  120.9).  Aber  Y  bouta  algol  (II,  216)  —  Que  serbire 
que  lou  Perou  Pourtes  argent,  ni  pauc,  ni  prou  (I,  1 4 1 .  6 1  g  f.) ;  Crey 
que  touts  soun  ounestos  gens  (II,  183.2);    coumo  agruos   (I,  13.136). 

Ähnlich  liegen  die  Verhältnisse  bei  d'Arquier,  gleichfalls 
Kaplan  von  Saint-Clar  (17.  Jh.),  der  seine  Sprache  toulousanisch 
nennt.  Vgl.  noch  Duportail  in  d'Astros:  Nous  acuso  d^aoue  d'aleps 
insupourtables  (II,  332.  2)  —  Que  per  he  laus  mutins  se  dan  de  trop 
grans  aires  (II,  332.  15)  —  Passan  per  d\stour dits ,  de  paurucs,  de 
rebaires  (II,  331.9);  in  Lespy,  Gramm,  bearn.:  austes  mousques  j-a 
qtii  hen  de  viajes  maus  (Fondeville  [1633  — 1705],  Egl.  ms.;  S.  232) 
—  d'autes  (ebd.  301)  —  Oun  semblo  que  lou  ten  ft'a  que  d'houros 
de  viel  .  .  .  (Jasmin  aus  Agen,  19.  Jh.;  ebd.  13),  sogar  in  fester  Ver- 
bindung Lou  hup  que  cerca  d'argoeyt  a  Vanhlyt  ('chercha  quereile'; 
Journal  d'Orthez  v.  i.  9.  1877,  ebd.  2g i).  De  fehlt  z.  B.  immer 
in  der  4.  Ekloge  von  Pey  de  Garros  (gedruckt  1567;  ed.  Rom. 
Forsch.  XXIII,  289  ft"),  auch  häufig  in  jüngeren  Dichtern  (vgl.  etwa 
Beispiele  bei  Lespy  a.  a.  O.).  ^ 

Ein  gutes  Bild  vom  Stande  der  Teilungsformel  in  der  Volks- 
sprache des  mittleren  Südens  in  der  zweiten  Hälfte  des  16.  Jh.'s 
liefert  der  Handwerker  und  Dichter  Auger  Gai  11  ard  aus  Rabastens 
(Albigeois),  der  in  seinen  provenzalischen  Gedichten  schrieb,  wie 
er  im  täglichen  Leben  sprach. 

Que  valdrio  may  que  ieu  /es  de  carrelos  (50.  5),  aber  auch 
moun  art  es  fa  carretos  (67.  20;  ähnlich  30.  lo;  170.  29).  Ni  la 
sensio  per  fa  de  rodos  coumo  ieu  (61.7)  und  Que  de  fa  rodos  .  .  . 
(121.  4).  Mas  s'ieu  abio  d'en/ans  0  filhos  de  la  Moro  (294.  13; 
ähnlich    299.  13)    und    Car    tan  tos  fennos    sou    que  /an    enfans    et 


*  Zu  einer  Detailunlersuchung  fehlten  mir  die  Texte.  —  In  der  dürftig 
ausgefallenen  Dilettantenarbeit  eines  Kaufmanns  Grateloup  aus  Dax,  Gramrnaire 
gasconne  et  fran^oi&e,  Dax  173;  (hsg,  RLR.  XXX,  5fr.,  XXXI,  I5ff.),  wird 
die  Teilungsformel  nicht  berücksichtigt,  dagegen  sind  Falle  wie  trop  de  pain 
=  trop  de  pan  aufgeführt. 


l82  HANS    NEUNKIRCUEN, 

fdhos  (294.  9).  Vcyriats  de  gens  veni  (296.  29),  aber  cuich  Lon 
veyra  veni  gens  coumo  mousquos  al  lach  (296.  26).  Per  aquo  ieu 
ey  mesos  ayci  de  bounos  causos,  amay  de  peiitos  fadesos  (15.  14!".  Prosa). 
Per  Ja  d\iutro  hesonnio  (99.  25)  —  ien  farey  de  besounio  (98,  4), 
aber  Impoiissible  es  en  el  de  ja  bouno  besounio  (102.  16).  Mas  elis 
metisses  feron  de  dibersos  obres  en  rimo  {2l(i.  2^  f.)  —  Ei  veyre  fa  de 
mal  de  may  de  milo  iorlos  (171.  4).  Encaros  qne  Von  jougues  de  tals 
tours  an  aqtiels  (14.22  t'.)  —  Car  im  II  dounario  de  talos  oucasious 
(59.  1)  —  pourla  de  lalos  pimparclos  (291.  12),  aber  mit  Adjektiv 
.  .  .  disan  talis  moxilz  autragiouses  (55.  24)  —  dire  lals  moiits  grasses 
(lOl.6);  beim  Subjekt,  auch  ohne  Adjektiv,  fehlt  de  durchweg:  el 
serio  bau  que  ia/s  goululs  ensegniguessou  Ion  lour  (14.9!".  Prosa)  — 
qtie  talis  iraydous  Que  lous  an  coumpausats  sou  de  perturhadous 
(91.  19  f.),  aber  d^abe  re  .  . .  qne  fous  pus  digne  d'estre  gardat  .  .  . 
que  de  talo  riinalho  (276.  14  ff.  Prosa).  Mas  enquaros  de  grans  reys 
et  princes  et  d' emperadous  lous  an  aguts  en  grando  hounour  (276.  2  ff. 
Prosa).  An  d'aquelos  g<ns  (257.  9)  —  an  d'aqueste  lengatge. 
(121.  6)  —  en  de  brabes  autiirs  {276,  17)  —  Ieu  mamusaho  ä  de 
grandis  seignours  (igo.  28)  —  N^s  pas  aquo  metre  foc  ä  d'' esfoupos  ? 
(203.22)  —  dehant  de  gens  houneslos  (40.  14;  ähnlich  233.4)  ""^ 
so  meist  nach  Präpositionen.  Et  (0)  d^antres  und  et  atitres  halten 
sich  die  Wage;  beim  Prädikatsnomen  überwiegen  die  ^/^-Fälle; 
im  Vergleich  mit  coumo  fehlt  die  Teilungsformel  vor  allem,  wenn 
Nachdruck  auf  einer  näheren  Bestimmung  liegt.  Sonst  fehlt  de 
noch  gern,  wenn  zwei  Objekte  mit  et  (0)  verknüpft  sind,  auch  in 
der  Prosa:  per  demanJa  d\irgen  ä  touis  lous  que  ienou  perbaletgcs 
et  ufficis  de  Sa  Magestat  (79)-  Willkürlich  mutet  uns  die  Behand- 
lung in  folgenden  Fällen  an :  En  loc  de  douna  argen  quant  lour  be 
Von  viangiabo  (170.25)  —  A  vous  qiüabets  efans  coussi  lous  cal 
nouyri  (102.  6)  —  Mas  tan  s'en  fal,  Moussur,  d'abe  aquer it  amix 
(66.  5)  —  Et  per  aquo  Ions  qu'ati  enemix  emhegiouses  ...  (61.  25),  da 
sich  unter  gleichen  Bedingungen  auch  de  findet. 

Aus  späteren  Texten  erwähne  ich  noch:  Que  to?7iboun  ä 
moulous  dins  de  taous  acidens  (Roudil  1612  — 1684  [?]  in  Montpellier; 
RLR.  I,  261)  —  dins  de  talos  alarmos  (Cabanes  14.  i)  —  dins  de 
certens  endrechs  (ebd.  XI,  14).  In  der  französierten  Sprache  Do-m 
Guerins  (f  um  1694?)  de  Nant  (Aveyron)  tritt  die  Teilungsformel 
in  endlosen  Aufzählungen  auf: 

Trouvares  de  vi,  de  pan,  de  froumalge  amay  d'iaux, 

De  touzelle,  froumeti,  de  paumoule  granade, 

D'ordy,  de  cousegal  e  de  belle  sibade ; 

De  sial  e  de  niil  e  de  force  canabou, 

D'als,  de  sebes,  de  nats,  quant  sen  dins  la  sazou 

(RLR.  VII,  89). 

Ähnlich  28  Zeilen  hindurch  ebd.  9811.  ~  RLR.  XXI,  7.6  Hs.  A 
(2.  Hälfte  17.  Jh.)  De  pau  qii apres  sa  mort  on  y  aje  dispute[s] 
ändert    Hs.   B     (zwischen     18 15 — 1825)    in    ou    l'i   ajo    de    disputos 


J 


ZQR    TEILÜNGSFOKMEL    IM    PROVENZALISCHEN,  183 

Fizes  (dichtete  167g — 17 16  in  IMontpellier) :  Fan  de  ravage  per  la 
terra  (RLR.  III,  97.  ig).  Cabanes:  maccampar  <Vhounour  (VIII,  i), 
aber  //  faire  hoiinour  (38.  2) ;  auch  noch  D'ounte  pourra  lirar  argent 
(32.  5). 

In  der  literarischen  Sprache  Mistrals  ist  die  Teilungsfürmel 
in  weitgehendstem  Mafse  durchgeführt.  Aus  dem  grofsen  Bei^piel- 
material  der  ]\Iireio  hebe  ich  noch  hervor:  Fa  de  tres  erlo  de  motin- 
tagno  (106)  —  Ell  esiremavo  la  monledo  En  de  hraieto  facho  en  sedo 
(36;  'dans  un  cale9on  de  soie')  —  D''üni  van  acampa  de  hoio, 
D'autre,  di  pin  negras  toumba  lou  ramadou  (290;  324  —  326),  aber 
auch  mit  bestimmtem  Artikel  Lis  un  cueion  touto  la  friicho,  E  d'autre 
an  que  la  raco  eissucho?  {2"] 2).  Im  Vergleich  mit  couvie  hat  Mistral 
eine  offenbare  Vorliebe  für  die  Partitivkonstruktion ;  vgl.  besonders 
Coiime  de  ciro  vendran  molo  (166),  das  er  selbst  'comme  la  cire'  über- 
setzt. 1  Auch  in  Verbindung  mit  avoir  zur  Kennzeichnung  körper- 
licher Merkmale  gebraucht  Mistral  partitives  de  gegenüber  dem  be- 
stimmten Artikel  des  Französischen  [avoir  les  yeux  bleus) :  Avie  d''iue 
hin  coume  d^agreno  (270;  ähnlich  450).  Enfioco  mi paraido  e  dono-me 
d'alenl  (4)  *donne-moi  du  souffle!'  in  beiden  Sprachen  überein- 
stimmend; aber  ebd.  418  ist  das  Prov.  wieder  fortgeschrittener 
E  per  e7ifin  que  tonn  courage  Prengue  d'ahft  'et  afin  que  ton  courage 
prenne  haieine'.  Ai  de  besonn  que  ni' acoumpagnc  (ebd.  222;  *J'ai 
besoin')  gehört  wohl  auch  hierhin.  Schliefslich  hat  de  auf  ana- 
logischem Wege  von  der  Formel  ni — ni  Besitz  ergriffen :  Ni  d'aubre, 
ni  d^umbro,  ni  d''amo\  (330;    'Ni  arbre,  ni  ombre,  ni  ame!'). 

Gewöhnlich  fehlt  bei  enger  begrifflicher  Einheit  das  de\  fan 
afre  (248)  —  fai  gaii  (260)  —  fan  pbu  (450)  —  Per  douna  voio 
ä  Vamourouso  (418;  'pour  donner  des  forces'),  vgl.  preiie  de  voio 
(Mistral,  Tresor  II,  1137  a)  und  ave  de  for^o  (ebd.  I,  1152b);  aber 
auch  sonst  noch:  fan  oumbrage  (8)  —  e  li  fetno  an  beu  ihn  (164; 
'ont  du  bon  temps',  so  auch  312  O  fio,  dis,  fio  sacra,  fai  qiCaguen 
de  beu  tan!);  aus  deutlich  stilistischen  Gründen  z.B.  442  Se  fai 
qiCun  crid,  seniend  qu'ourlado.  Auffälliger  ist  das  Ausbleiben  280 
Rapelas-vous ,  enfanf,  que  i\iura  granesoun  Per  benuran^o!  ('qu'il  y 
aura  du  grain  par  benediction!') ;  vgl.  auch  166  Mai  ' queli planto  de 
ninjeio  Pourtaran  peravajis  de  rasin  coulouvibau !  Auperavans  vosto 
fourcolo  fitara  floiir  ('des  fleurs').  414  Car  tout  ri'es  eilavau  qu\s- 
provo  e  long  travai  liegt  eine  Gesamtvorstellung  zugrunde  wie  in 
plou  sang  e  plumo,  das  Herzog  8  und  Ronjat  47  aus  Nerto  an- 
führen. 


'  Daneben  hat  er  den  bestimmten  und  unbestimmten  Artikel,  letzteren 
auch  bei  Stoff bezeichnungen  (s.  Herzog,  Mate.ialien  zu  e.  neuprovenz.  Syntax 
S.  6  und  §  27;  vgl.  auch  Mireio  450  a  d'iiie  mai  rouge  qu'un  cinobre\  442 
coume  un  veire  'comme  verre');  schliefslich  auch  absolutes  Substantiv:  blanc 
coume  neu  (s.  Ronjat  a.  a.  O.  41 :  «et  notre  langue  omet  l'article  plus  volontiers 
que  le  fran9ais,  ex.  .  .  ,»). 


184  HANS    NKÜNKIRCMEN, 

Im  ganzen  sU-hcn  demnach  Schriftfranzösisch  und  -provenzalibch 
auf  einer  Stufe,  wobei  letzteres  in  gewissen  Fällen  die  Anwendung 
von  de,  erstens  den  bestimmten  Artikel  bevorzugt.  In  den  er- 
starrten Verbindungen  von  Verb  -\-  Abstraktobjekt  (prov.  Liste 
Ronjat  §  22,,  Koschwitz,  Gramm,  bist,  de  la  langue  des  Fei.  §  29; 
frz.  Liste  z.  B.  Plattner,  Ausführl.  Gramm.  P,  §  293)  entsprechen 
auch  artikelfreien  Ausdrücken  des  Prov.  im  Frz.  solche  mit  Artikel : 
pourla  esfrai  'inspirer  la  terreur'. 

In  Zusammenhängen,  die  noch  ein  Ausbleiben  der  Teilungs- 
formel zulassen,  scheinen  neben  individuellen  Unterschieden  im 
Gebrauche  auch  solche  regionalen  Charakters  obzuwalten.  So  ist 
von  den  räumlich  nicht  weit  auseinander  liegenden  Alpentälern 
Val  du  Queyras  und  Vallee  St.-Martin  letzteres  in  der  Behandlung 
von  Ausdrücken,  die  zu  einer  Einheit  verschmolzen  sind,  wohl 
weiter  fortgeschritten,  wenn  wir  in  der  modernen  Wiedergabe  der 
Noble  Lec^on  bei  Montet  lesen:  v.  45  alt  que  710s  fan  ben  —  que 
nos  fan    inal,    Queyras  fan  ben  —  fan  mar,    St.  Martin  fan  de  ben 

—  fan  de  mal',  v.  401  Qaeyr.  E  li  fai  1  emounsirango,  Mart.  d^  ermou- 
transsa;  v.  402  Mart.  Qua  fasse  diri  d'mcsa,  Queyr.  messo  ('des 
messes').  Beim  Praedikatsnomen  herrscht  Übereinstimmung  im 
Fehlen  des  de.  —  Um  sicher  zu  gehen,  müfsten  allerdings  mehr 
Personen  befragt  werden. 

De  fes,  für  dessen  frz.  Parallelform  des  fois  (auch  ital.  de//e 
7)olte)  Schultz-Gora  (Herrigs  Archiv  134,492)  schon  eine  Belegstelle 
aus    dem    13.  Jh.  beigebracht  hat,    ist  mir  —  vielleicht  nur  zufällig 

—  erst  bei  Mistral  begegnet  (Mireio  Ai  de  fes  agu  vist  288  — 
i'a  de  fes  82  u.  ö.),  so  dafs  man  an  eine  Nachbildung  des  frz. 
Ausdrucks  denken  wird,  solange  nicht  erheblich  ältere  Stellen  nach- 
gewiesen werden.  1  In  dem  Typ  i  a  de  hätte  in  Verbindung  mit 
Fällen  wie  pro  de  ves  usw.  eine  gute  Entwicklungsmöglichkeit  ge- 
legen. De  fes  war  aber  offenbar  nie  volkstümlich:  nach  Karte  1117 
des  Atl.  lingu.  [Les  betes  crevent  qiielquefois  quand  .  .  .)  findet  es  sich 
nur  H^rault  778  {de  fes  ke  jy  p)  und  Ard^che  827;  vgl.  Alp.-Mar. 
8g8  {dekpü),  H.-Sav.  958,  Schweiz  969  {dekt}) ;  für  das  Frz.  gibt  das 
Blatt  z.  B.  Jura  22  defwf,  Vosges  76  defü;  s.  weiter  65,  75  u.  a.  Es 
ist  beachtenswert,  dafs  sich  auch  kein  *d'autres  ves  entwickelt  hat, 
während  autres  ves  als  'ehedem,  jadis'  in  der  alten  Sprache  häufig 
begegnet;  allerdings  heifst  es  Gesta  1630  car  aysso  avem  assajal 
d^ autras  veguadas  =  quia  jara  eos  temptavimus  (wohl  zeitl.  de). 

Herzogs  Erklärung  von  de-que  'was'  (Mistral,  Tresor  1,7270 
[Languedoc  und  Rhoneufer]  und  Beispiele  wie  Mireio  74  noun  saup 
per-de-que)    ist    einleuchtend:    „Man    fragte   etwa   de  qii'as  begii?    in 


*  RaynouarJ  und  Levy  haben  keine  Belege.  —  Mistral  (Tresor  I,  1124  a) 
wird  de-feSy  Je-vei  auch  gerade  aus  dem  Grenzgebiet  (Dauphin^)  angegeben  ^ 
vgl.  eb,  auch  de  belli  Jes  'maintcs  fois'  und  d''äutri  fes  '  d'autres  fois'. 


ZUR    TEILUNGSFORMEL    IM    PKOVENZALISCHEN.  185 

Erwailung  eines  folgenden  d'aigo,  de  vin.  Der  Gebrauch  hat  sich 
dann  aber  verallgemeinert"  (a.  a.  O.  g).  Verschiedene  günstige  Um- 
stände werden  zusammengewirkt  haben.  Einmal  läfst  sich  noch 
als  Entwicklungsgang  die  Reihe  ai  de  que  beure  oder  ave  de  qiie 
vic'ure  —  ave  de  que  (z.  B.  Mistral  11,  670  b  unter  que)  —  de-que  an- 
nehmen: der  Übergang  zum  Substantiv  in  der  Bedeutung  'avoir, 
bien,  aisance'  (Mistral  1,727  c)  ist  dann  ohne  weiteres  gegeben; 
vgl.  sogar  quand  n\ives  ges  de  deque  'lorsqu'on  n"a  pas  de  quoi  vivre' 
(in  Tarn  auch  pe}-que  'avoir,  fortune',  Mistral  II,  54g  a).  Dann 
konnte  deque  auch  analogisch  aus  einer  speziellen  Frage  wie  de-que 
vos?  'que  veux-tu',  wo  aus  einer  bestimmten  Menge  oder  Anzahl  von 
Gegenständen  etwas  oder  etwelche  ausgewählt  werden  sollten,  in 
eine  allgemeine  Frage  übertragen  und  im  übrigen  durch  de  anderer 
Herkunft  gestützt  w^erden :  las  rigors  de  que  usabe  usw. 

Dire  d^oc  —  dire  de  noun  (vgl.  sogar  se  de  noun  'sinon', 
Mistral  11,  416  b)  kann  nicht  mit  Herzog  ohne  weiteres  den  partitiven 
a'^-Konstiuktionen  zugezählt  werden.  Zwar  würde  die  Herausbildung 
der  Redensarten,  die  das  Prov.  mit  dem  Ital.  und  Span,  teilt,  etwa 
aus  der  Stellung  in  negierten  Sätzen,  besonders  nach  Negations- 
fürwörtern wie  in  dem  Herzog  8  aus  Roumanille  gegebenen  Bei- 
spiel Diras  pas  de  ?ioun,  durchaus  im  Zuge  der  prov.  Sprachentwick- 
lung liegen ;  doch  ist  zu  bedenken,  dafs  die  Wendungen  schon  zu 
einer  Zeit  auftreten,  wo  wir  mit  partitivem  de  der  fraglichen  Art 
kaum  rechnen  können,  wenn  auch  die  alten  Beispiele  häufig  in 
negativen  Sätzen  vorkommen :  Dir  de  non  a  te  non  pot  ges  (Such. 
Dkm.  274.  73).  Jedenfalls  würde  die  Erklärung  für  das  Spanische 
mit  seiner  geringen  Verbreitung  der  Partitivformeln  nicht  ausreichen. 
Es  dürfte  sich  eher  um  de  modal-instrumentalen  Charakters  handeln, 
das  partiliver  Umdeutung  fähig  war,  vgl.  Gesta  2513  f.  E  domentre 
que  parlavan  d'aquesias  paraulas  entre  ssi  =  Et  dum  talia  inter  se 
loquerentur. 

2.  Der  Prozentsatz  an  Teilungsformeln  mit  Artikel  ist 
verschwindend  gering.  Bemerkenswerterweise  ist  Gaillard,  der  in 
seinen  prov.  Gedichten  fast  ausnahmslos  de  angewandt  hat,  in  den 
frz.  Gedichten,  in  welchen  er  Ronsard  und  Desportes  nachgeahmt 
hat,  ziemlich  konsequent  dem  französischen,  sich  damals  zur  Regel 
herausbildenden  Brauche  gefolgt,  vor  Substantiven  de  +  Artikel,  vor 
x\djektiven  de  zu  setzen ;  in  anderen  Fällen  als  vor  Adjektiven  treten 
die  ä'^- Formen  vor  den  Artikelformen  durchaus  zurück,  i.  De -^ 
Artikel :  Bien  est  vray  qtiil  y  a  plusieurs  femmes  et  hommes  Qui 
sont  accousiumez  ä  hoire  vin  de  pommes ;  Mais  dhin  breuvage  iel  je 
n'e  fais  pas  grand  cas,  J'aimerois  cent  fois  mieux  hoire  de  Vhy poeras ; 
Puis  S07ii  accousiumez  ä  manger  de  la  broye,  Mais  faimerois  piuslost 
d'une  banne  lamproye  (281.  5  ff.)  —  Ceux  qui  me  fönt  du  bien  par 
mes  escriis  je  loue  (285.  24)  —  Veu  que  n'avoy  moyen  de  faire  des 
charettes  (6.  ig)    —    Ce  p^-:uvre  c/iat,  snfis  nuls  amis,     Qui  ne  mangeoit 


l86  HANS    NEUNKIkCHEN, 

quc  des  souris  (88.  i  f.)  —  Ni  de  planier  des  choux  (279.  8)  —  Que 
Vo)i  iie  peilt  rimer  quand  011  ti\i  poinl  la  maille,  Ni  faire  des  cnfants, 
si  on  ne  fait  ripaille  (285.  12  f.)  —  Quand  c'esl  qiüoii  Ics  adresse  ä 
des  gens  inutiles  (307.  28)  —  De  ne  les  renvoyer  pour  en  avoir  des 
autres  (308.  4)  —  Tous  les  boucs  de  la  ierre  otit  esti  des  chevreaux, 
Et  tous  les  hoeufs  aussi  ont  esti  des  taureaux  (g.  5  f.)  —  Je  vous 
av  proposez  icy  de  hons  aiitheurs,  Lesqueh,  comme  je  croy,  ne  sont  pas 
des  menteurs  (142.  I7f.)  —  II  a  tantost  trois  ans  que  favoy  de  Par- 
gent,  Non  pas  dix  nulle  escus,  je  riavais  que  cent  livres  (201,  14  f.), 
vgl.  auch  Pour  aller  imprimer  des  rivies  plus  de  vingt  (313.  li)  — 
Qui  ful  de  perte  ä  moy  des  escus  plus  de  irenie  (6.  16).  2.  de  vor 
Adjektiven:  De  plus  maigres  viendroyent  (308.  14)  —  Car  quelqu\m 
diroit  pin's  que  personnes  honnestes  Accomparer  je  veux  ä  de  mechanles 
bestes  (22.  21  f.)  —  Encor  en  mettrois  ccnt,  faits  par  de  bans  autheurs 
(72.25)  —  Tout  ccla  me  fut  dit  par  de  nobles  personnes  (283.  l). 
3.  de  in  atideren  Fällen:  J^ai  treuve,  en  lisant  d'histoires  fort  notables 
(70.  g)  —  D' autres  y  ont  esti  trompez  (87.7)  —  Desportes  et  Ro7isard 
et  d^ autres  (314.  6)  —  ...  c'est  qti'on  ni'a  defendu  De  ne  boire  de 
vin,  ni  de  manger  espisse  (238.  18  f.):  de  statt  du  kann  durch  die 
Negation  bedingt  sein.  4.  Ohne  de:  Et  puls  Von  se  marie  afin 
d'' avoir  enfans  (138.  10)  —  Craignant  rC avoir  enfans  (138.  16)  — 
ni  faire  enfants  en  autre  pari  (285.  23).  Wenn  dann  in  einem 
prov.  Gedicht  vier  Beispiele  von  de  -f-  Artikel  auf  einmal  begegnen, 
liegt  sicher  bewufste  Nachahmung  des  Französischen  vor:  Nous 
auren  de  V argen  de  bel-cop  de  persounos  (296.  16)  —  Talomen  que 
tous  dous  aguerou  dels  efans  (293.  8)  —  De  nouyri  dels  efans  que 
meus  no  foussou  pas  (2g4.  8)  —  per  lour  da  del  plaze  {2g'j.  4). 
246.  5  ff.  Per  so  qu'un  hoste  qu'es  troumpur  A  fach  crida  de  vi  tout 
pur,  E  peys  el  bailho  del  beuratge  Nou  fa  pas  el  un  grant  aulrat ge? 
mit  seiner  Kontrastwirkung  gibt  die  Erregung  des  Dichters  wieder, 
dem  der  Stoff  deutlich  gegenwärtig  ist  (<-/<?  hat  noch  lokale  Färbung: 
'von  dem  schlechten  Gesöff'). 

Etwas  anders  verfährt  Dom  Guerin  in  dem  Dialog  Lombre 
de  Monseigneur  de  Nant  avec  son  valet  Antoine,^  in  dem  der  Geist 
französisch  spricht  und  der  Diener  in  seinem  französierten  Heimat- 
dialekt redet.  In  den  Worten  Antoines  erscheint  die  Teilungs- 
formel stets  in  der  Foim  von  einfachem  de,  auch  unter  Umständen 
wie  XXIV,  183  Feu  vous  farie  tasta  de  bon  vi  de  la  Prade,  Car  al  seilte 
ti'aven  tme  grosse  boutade,  wo  eine  Bezeichnung  durch  den  Artikel 
zur  Charakterisierung  des  bekannten  Weines  nahegelegen  hätte. 
Dagegen  zeigt  die  französische  Rede  des  Geistes,  welche  bei  Sioff- 
bezeichnungen  die  Teilungsformel  ohne  Artikel  hat,  z.  B.  fe  viens 
querir  d'argent  que  j'ai  au  cabinet  (XXIII,  226),  als  unbestimmten 
Artikel  Plur.  bei  Gattungsbezeichnungen  und  Abstrakten  des:  faurois 
donne  d' argen t  pour  ?narier  des  filles  (XXIV,  1 80)   —  f'({)'  bien  voulu 


'  RLR.  XXIIT,  221  ir.;  XXIV,  167  ff.;    das  Original   i.^l  bald   nach    1658 
gedruckt. 


ZUR    TEILUNGSFORMEL    IM    l'KOVENZALISCHEN.  IÖ7 

donner  des  marqucs  de  courage  (XXIII,  226)  —  Des  miracles  si  grans 
ä  present  lüonl  pas  cours  (ebd.   234). 

Mireio  74  Beleu,  digiie  lou  fatüeraire,  Es  de  la  pbu  que  vosto 
inaire  Vous  chatpe  qu'ä  la  fueio  aves  vies  irop  de  Ihn?,  wo  eine 
komplexe  DenkvorsteUung  zugrunde  liegen  kann  (Hereinspielen  von 
kausalem  de  in  die  Partitivauffassung),  kann  mit  dem  Artikel  die 
durch  den  Nebensatz  gegebene  Besliinmtheit  des  Substantivbegriffs 
ausgedrückt,  aber  auch  die  allgemeine  Vorstellung  der  Furcht  in 
ihrer  Intensität  nachdrücklich  unterstrichen  und  so  als  gegenwärtig 
und  bekannt  vor  Augen  gerückt  sein.  Die  Stelle  zeugt  wieder 
von  der  etwas  anderen  Denkweise  der  Provenzalen  mit  der  Vor- 
liebe für  partitive  Auffassung  gegenüber  dem  Französischen,  das 
hier  kein  de  gebraucht  hätte,  vgl.  IMistrals  Übersetzung:  'Peut-etre, 
dit  le  vannier,  est-ce  la  peur  Cjue  votre  mere  ne  vous  gronde  pour 
avoir  mis  trop  de  temps  ä  la  feuille?'  Auch  das  Beispiel  Quau 
de  la  säiivl  noun  pren,  De  la  Vierge  noun  se  souven,  das  Herzog  8 
als  „nicht  ganz  klar"  aus  Roumanille  anführt,  ist  durchaus  ver- 
sländlich, wenn  wir  es  Mistral  II,  860 b  unter  dem  Stichwort  'sauvi' 
als  Sprichwort  wiederfinden  «par  allusion  a.  une  tradition  d'apres 
laquelle  la  sauge  aurait  abrite  et  cache  la  Sainte  Vierge  pendant 
la  fuite  en  Egypte»:  lokal-partitive  Wendung  mit  dem  bestimmten 
Artikel,  um  den  Stoff  als  bekannt,  der  Vorstellungsweise  des  Volkes 
vertraut  zu  charakterisieren   (s.  S.  57). 

Auf  die  Stelle  Diu  deu  bee  nous  hara  (Psalmenübers. ;  Lespy, 
Gramm,  bearn.  272)  wird  die  von  Sütterlin  aus  Anlafs  eines  ähn- 
lichen Beispiels  gemachte  Bemerkung  zutreffen:  „Auffällig  und  viel- 
leicht nicht  recht  einheimisch  ist  dou  ley  in  dem  Satze  se  koulülij 
neij  fa  dou  hey  (Die  heutige  Mundart  von  Nizza,  Rom.  Forsch. 
IX,  566),  wenn  auch  im  Bearnischen  Artikelfälle  nicht  ganz  selten  sind. 

Auch  theoretisch-grammatische  Zeugnisse  bestätigen  neben 
der  praktischen  Haltung  der  Schriftstelier,  dafs  der  Artikel  der 
provenz.  Teilungsformel  fiemd  ist,  so  das  des  Marseiller  National- 
bibliothekars Achard  im  18.  Jahrhundert:  «La  particule  de  remplace 
souvent  l'article  en  provencal;  aussi  les  Proven^aux  font-ils  beau- 
coup  de  provengalismes  en  parlant  francais,  par  l'habilude  qu'ils 
ont  de  leur  idiome.  Donnez-moi  d'eau,  de  vin,  diront-ils,  au  lieu 
de  dire  donnez-moi  de  Peau,  du  vin;  cela  vient  de  ce  que  le 
Provencjal   dit  domias-mi  d'aiguo,  de  vin,  etc.»    (RLR.  XIII,  16).' 

3.  Abgrenzung  des  «/(^-Gebiets  und  des  teilungsformel- 
freien  Gebiets  gegeneinander  und  gegen  das  Teilungsartikel- 
Gebiet  nach  ausgewählten  Karten  des  Atl.  lingu.- 


1  Synlaxe  de  l'idicme  ptoven^al,  presenlee  au  Comile  de  l'instruction 
publique,  1794,  hsg.  v.  A.  Gazier  unter  den  Lellrts  ä  Gregoire  sur  les  patois 
de  France.     RLR.  XIH,  12  ff. 

2  432:  I.  de  Veau  Hede,  2.  de  Veau  fratche ;  57  gagner  de  Vargent; 
144:  l.  cütiper  du  bois  pottr  faire  des  fagols ,  2.  scier  du  bois,  3.  bücher  du 
bois :     195  du    lait    caille ;     345  marquer   avec    de  la  craie ;     568  coudre  un 


l88  HANS    NEUNKIRCHEN, 

Das  (^lebiüt  ohne  partilivos  de  im  Südwesten  deckt  sich 
nicht  ganz  mit  dem  des  Gaskognischcn ,  dessen  Grenze  fast 
genau  die  Garonne  bildet  (vgl.  Luchaire  a.  a.  O.  194  ff.;  C.  Appel, 
Provenz.  Lautl.5f.;  bes.  Fr.Fleischer,  Studien  zur  Sprachgeographie 
der  Gaskogne,  ZRPh.  Beih.  44):  Von  dem  Winkel  an  der  Mündung 
des  Lot  in  die  Garonne  abgesehen,  greift  das  Gask.  nur  am 
oberen  Flufslauf  auf  das  rechte  Ufer  über,  um  den  westl.  Teil  des 
Dept.s  H. -Garonne  und  den  Westzipfel  von  Ar  lege  zu  umfassen. 
Einzelne  Schwankungen  nicht  eingerechnet,  wird  die  Grenze  des 
teilungsformelfreien  Gebietes  bis  Punkt  760  {bei  Toulouse)  des  Atl. 
lingu.  ebenfalls  von  der  Garonne  gebildet,  verläuft  dann  aber-  in 
südöstlicher  Richtung  und  umfafst  das  ganze  Dept.  Ariege,  die 
Südwestecke  von  Au  de  (784,  793,  weniger  773;  letzteres  vor 
allem  beim  unbestimmten  Artikel  Plur.,  z.B.  auf  Karte  Nr.  421, 
ferner  Nr.  878  [auch  Punkt  785],  Nr.  836  [auch  Punkt  776])  und 
das  Dept.  Pyr.-Or.  (catal.).  Mit  geringen  Ausnahmen  sind  also 
ganz  ohne  Teilungsformel:  die  Dept.s  B.-Pyr.,  H.-Pyr.,  Landes 
und  Gers,  Ariege  und  Pyr.-Or. 

Im  Grenzbereich  herrscht  Schwanken.  Einmal  läfst  das 
gelegentliche  Fehlen  von  de  aufserhalb  der  Grenzlinie  erkennen, 
dafs  das  r/<?- freie  Gebiet  zunächst  gröfser  war  und  langsam  ein- 
geengt wurde;  ferner  zeigt  dann  das  allmähliche  Vordringen  von 
de  und  von  de  -j-  Artikel  über  die  Grenze,  dafs  dieser  Prozefs,  wie 
es  bei  dem  steigenden  Einflufs  der  nordfranzösischen  Schriftsprache 
nicht  anders  zu  erwarten  ist,  noch  v^^eitergeht. 

Die  Teilungsformel  fehlt  aufserhalb  der  Gienzlinie  u.  a. :  in 
Aude  bei  viel  gebrauchten  Stoflbezeichnungen  (Nr.  195,  432) 
überall,  bisweilen  auch  sonst  noch  (s.  oben);  H. -Gar.  752,  763 
(Nr.  421);  Tarn  753,  764  (Nr.  990),  überall  bei  Nr.  421,  aufser 
744  {de  +  Artikel)  bei  Nr.  195,  dsgl.  aufser  753  bei  Nr.  836; 
Tarn-et-Garonne  741,750  (Nr.  195,  421,  836),  731  (Nr.  421), 
733  (Nr.  195),  741  (Nr.  878);  Lot-et-Gar.  638  (Nr.  57);  722  im 
Dept.  Lot  ist  eine  ziemhch  feste  de-ix€\&  Enklave  (z.  B.  Nr.  195, 
345,  568,  421). 

Auftreten  der  Teilungsformel  innerhalb  der  Grenzlinie  u.a.: 
I.  de:  Ariege  783  (Nr.  345,  568,  180);  H.-Gar.  760  (Nr.  57),  771 
(Nr.  990);  Gers  658,  668  (Nr.432);  Tarn-et-Gar.  659  (Nr.  57,  180); 
Lot-et-Gar.  648  (432,  345,  568);  2.  de  ■\-  Artikel:  Landes  682 
(Nr.  195,  345),  681  (Nr.  195),  672  (Nr.432),  684  (Nr.  978);  Aude 
793  (Nr.  345).  Der  Nordteil  des  Dept.s  Gironde  hat  meist  de  -f- 
Artikel  i;  bisweilen  fehlt  de  noch:  643  (rechtes  Garonneufer; 
Nr.  432,  195),  641  (Nr.  144),  650  (Nr.  57).  Bei  Abstrakten  werden 
nicht    ungern    Quantitätsadverbien    verwendet,     bts.    auch    in    der 


bouton  avec  du  fil  blanc  ;   \d>0  j'enteiuis  du  bruit;  978  U  faut  que  nous  ayons 
de  la  patience ;  990  y'az'  eu  de   la  peine  ä  le  hur  faire  comprendre ;  421   des 
pommes  dnuces  (878   .  des  mouchons;   836   .  .  .  des  me7iS07i^es). 
'   Abel   .luch  der  Süden  (bes.  653)  verhält  sich  schwankend. 


ZUR   TEILUNGSFORMEL    IM   PROVIENZaLISCHEN  189 

Gaskogne,  so  fort  und  pla  mit  und  ohne  de,  bisweilen  mit  Artikel 
beim  Substantiv  (Nr.  978,  990). 

Bemerkenswerterweise  tritt  Jitis  als  unbestimmter  Artikel 
Plur.  im  Gaskognischen  nicht  nur  bei  Doppelgegenständen  und 
Pluraliatantum  auf,  sondern  auch  in  Fällen  wie  dah  ns  helets  *avec 
des  belements'  (Piat,  Gramm,  generale  populaire  des  dialectes 
occitauiens.  RLR.  LIV,  232;  unkritische  Arbeit!).  Wie  in  manchen 
anderen  Punkten  gehen  Gaskognisch  und  Spanisch-Catalanisch  hier 
gemeinsame  Wege.  In  der  alten  Sprache  ist  uns,  tinas  in  dieser 
Funktion  häufiger  auch  nur  in  der  bearn.  Hist.  Sainte,  bei  dem 
aus  der  Provinz  Gerona  gebürtigen  Raimon  Vidal  und  im  PJoh. 
begegnet,  dessen  Sprache  vereinzelte  Spuren  der  catalan.  Mundart 
zeigt  (Such.  Dkm.  563  f.). 

Das  nordwestliche  Randgebiet  des  Südfranz.:  Perigord, 
Limousin  (vgl.  Chabaneau,  Gramm,  lim.  RLR.  V,  467  f.)  und  ein 
Teil  der  Auvergne  (vgl.  Dauzat,  Morphol.  du  patois  de  Vinzelles  96 
und  Ronjat  47,  der  eine  andere  Arbeit  Dauzats  benutzt  hat)  hat 
durchweg  den  franz.  Teilungsartikel,  so  dafs  die  Grenzlinie  für 
unsere  syntaktische  Erscheinung  gegenüber  derjenigen  für  lautliche 
Erscheinungen  in  bedeutender,  bis  zum  Lot  reichender  Einbuchtung 
vorgeschoben  ist.  Das  Frankoprovenzalische  steht  in  seinem  süd- 
lichen Teile  zumeist  auf  der  Seite  des  Provenzalischen. 

Die  Grenzlinie  folgt  der  Garonne  aufwärts  bis  zur  Einflufs- 
stelle  des  Lot,  folgt  dessen  Lauf  etwa  bis  zu  dem  Punkte,  wo  die 
Grenze  des  Dept.s  Aveyron  in  nordöstlicher  Richtung  aufsteigt,^ 
mit  der  sie  dann  ziemlich  zusammenfällt,  durchschneidet  das  D^pt. 
Cantal  in  ungefährer  Süd-Nord-Richtung  dergestalt,  dafs  die  etwas 
kleinere  Westhälfte  zum  französischen  Gebiet  gehört,  triift  auf  die 
Dordogne,  an  deren  Lauf  sie  sich  bis  zur  Quelle  hält,  um  in 
östlicher  Richtung  südlich  von  Clermont-Ferrand  den  Allier  zu 
erreichen.  Sie  folgt  dem  Flusse  bis  zur  Grenze  des  Dept.s  Puy- 
de-Dume,  mit  welcher  sie  nach  Osten  zusammengeht,  folgt  weiter 
etwa  der  Nordgrenze  der  D6pt.s  Loire  und  Rhone,  bis  sie  auf 
die  Saöne  stöfst,  und  durchquert  schliefslich  in  ungefährer  West- 
Ost-Richtung  Ain  und  H.-Savoie.  Demnach  haben  Herault, 
Gard,  Bouches-du  Rhone,  Var,  Alp. -Mar.,  B.-Alpes,  H.-Alpes, 
Drume,  Vaucluse,  Ardeche,  H. -Loire,  Lozere,  Aveyron 
in  ihrer  ganzen  Ausdehnung  die  Teilungsformel  mit  de.  Die 
übrigen  in  Frage  kommenden  Departements  zeigen  stärkere 
Schwankungen,  am  wenigsten  noch  Isere  und  Savoie,  so  dafs 
sie  eine  mehr  oder  weniger  breite  Grenzzone  bilden.  Ohne 
Berücksichtigung  des  frankoprovenz.  Bereichs  verläuft  die  Grenze, 
nach    der  Zahlenbezeichnung   des    Atl.  lingu.    (Nr.  432)    dargestellt. 


^  Doch  wird  Punkt  628  des  Atl.  lingu.  nördlich  de5  Flusses  umschlossen  ; 
de  -\-  Art.    fiadet    sich    nur    auf  Nr.  568  11.   990;    im    Pliir.    (Nr.  42  J,    878,  836 
Steht  de  (auch  l^unlcl  626J. 


igO  HANS    NEUNKIRCHEN, 

Iblgendermafsen:  Am  Zusammennufs  von  Lot  und  Garonne  an- 
gefangen, aufseihalb  647,  637,  638,  628,  720,  722,  724,  716,  727, 
718,  71g,  70g,  705,  811,  812,  80g,  806,  südl.  808  zur  Loire. 

Aufseihalb  der  Linie  haben  blofses  de  u.  a.:  Lot  712,  713 
(Nr.  ig5);  Coirrze  710  und  Cantal  708,  715  (Nr.  568);  Tiiy- 
de-Dume  804,  807   (Nr.  g78). 

Innerhalb  des  ^/^-Gebiets  erwähne  ich  an  Artikelformen: 
Tarn-ct-Gar.  750  (Nr.  432)  in  dem  spitzen  Winkel  zwischen 
Tarn  und  Garonne  (die  Artikelform  hat  auch  schon  teilungsformel- 
freie  Punkte  auf  dem  linken  Garonneufer  ergriffen,  so  auf  Nr.  144 
u.  421  Punkt  648  Lot-et-Gar.);  Cantal  71g  (Nr.  345).  Der 
Artikel  scheint  am  leichtesten  beim  Abstraktum  eingedrungen  zu 
sein,  vgl.  auf  Nr.  978  u.  a.:  Puy-de-Dume  705,  Aveyron  716, 
Lozere  822,  Dröme  836,  Ardeche  827,  Var  884,  894,  8g5, 
Alp.-Mar.  ggo;  auf  Nr.  ggo:  Puy-de-D6me  705,  Dröme  836,  844, 
Ardeche  827,  Var  884,  895,  Alp.-Mar.  990  (Aveyron  737,  748  ohne  de). 

Zusammenfassung. 

Die  eigentliche  Teilungsformel,  d.  h.  partitives  de  beim  allgemein 
zu  verstehenden  Nomen  als  AusdrucksmiLtel  für  einen  dem  Sprechen- 
den vorschwebenden  unbestimmten  Teil  oder  eine  unbestimmte 
Anzahl  von  Vertretern  des  Nominalkomplexes  (auch  als  Ersatz  für 
den  fehlenden  unbestimmten  Artikel  Plur.),  die  sich  bereits  im 
Volkslatein  in  einzelnen  Fällen  aufzeigen  läfst,  wurde  vom  Provenz. 
in  änderer  Form  —  ohne  Artikel  — ,  aber  sonst  mit  fast  gleichem 
Ergebnis  wie  im  Franz.  ausgebildet. 

Zunächst  kommt  sie  unter  günstigen  Bedingungen  bei  aus- 
gesprochenen Partitivverhälinissen  sporadisch  vor.  Um  die  Wer.de 
des  15.  zum  16.  Jahrhundert  tritt  das  Vt-rblassen  des  partitiven 
Bedeutungsgehalts  der  Präposition,  das  schon  früher  bei  d'atitres 
zu  beobachten  ist,  stärker  in  die  Erscheinung,  als  die  T.f.  mit  der 
wachsenden  Verbreitung  auch  Anwendung  findet,  wenn  eine  quan- 
titierende  Auffassung  sich  erst  sekundär  einstellt  (beim  Prädikats- 
nomen und  im  Vergleich).  Die  Ausbildung  der  Funktion  und  des 
Gebrauchs  der  Formel  hat  nach  der  grammatischen  Seite  hin  mit 
der  Mitte  des  16.  Jahrhunderts  ihr  Ende  erreicht.  Das  Bestreben, 
de  überall  zu  verwenden,  wo  das  Substantiv  i.icht  als  blofser  Be- 
griffsvertreter fungiert,  führt  in  der  Folge  zu  deutlicher  Kon- 
solidierung der  Verhältnisse.  Heute  fehlt  die  Teilungsformel,  von 
stilmäfsig,  individuell  und  lokal  bedingten  Schwankungen  abgesehen, 
meist  nur  in  —  zu  fester  Einheit  gefügten  —  Verbindungen  wie 
Verb  -\-  Substantiv,  Präposition  -f-  Subst.,  Subst.  -}-  Subst.  (Auf- 
zählungen), ferner  beim  Piädikatsnomen  und  im  Vergleich,  wenn 
der  Nachdruck  auf  der  blofsen  Qualitätsmäfsigkeit  des  Nomens  ruht. 

Das  Provenzalische  hat  im  Gange  der  Entwicklung  dem  Fran- 
zösischen gegenüber  die  Führung  und  zeichnet  sich  auch  heute 
durch    weitergellenden    Gebrauch    und    ausgeprägtere   Neigung    für 


ZUR   TEILUNGSFORMEL   IM   tROVENZALISCHENT.  k()l 

partitive  Ausdrucksweise  aus  [deque  =  was ;  de  an  Stelle  des  franzö- 
sischen Artikels  [ave  (Viue  hlu  =  avoir  les  yeux  bleiis  u.  a.]),  wie 
sie  bereits  in  früheren  Jahrhunderten  nachweisbar  ist.  Mit  dem 
Unterschiede  in  der  Anwendung  des  Artikels,  der  im  Französischen 
zur  Bezeiclinung  der  Unbegrenztheit  eines  Substantivbegrifts  immer 
mehr  an  Boden  gewonnen  hat  und  nur  noch  als  Kennzeichnungs- 
partikel des  Substantivs  (Normalform)  empfanden  wird,  steht  die 
Ausbildung  der  Form  in  engem  Zusammenhang.  Heute  erweckt 
das  provenz.  partitive  de  in  seiner  Verblafbtheit  bisweilen  geradezu 
den  Eindruck  einer  blofsen  Kennzeichnungspartikel  wie  der  be- 
stimmte Artikel  des  Französischen,  der  in  dieser  Funktion  im 
Provenzalischen  geringere  Verbreitung  gefunden  hat.  So  hat  die 
provenz.  Teilungsformel  von  vornherein  die  Gestalt  von  einfachem 
de,  ohne  dafs  zu  irgendeiner  Zeit  eine  bemerkenswerte  Tendenz 
vorhanden  ist,  den  Artikel  durchzuführen,  der  sich  nur  in  einer 
verschwindend  geringen  Anzahl  von  Partitivwendungen  findet,  am 
meisten  noch  im  Südwesten  und  im  nördlichen  Randgebiet,  das 
heute  wie  das  Französische  den  Teilungsartikel  hat.  Der  Südwesten 
geht  in  dem  seltenen  Vorkommen  der  Formel  mit  den  Sprachen 
der  iberischen  Halbinsel  zusammen. 

Hans  Neunkirchen. 


VERMISCHTES. 


I.  Zur  Wortgescliichte. 

I.    Französische  Etymologien, 
mfrz.  arlouys  , Zuhälter'. 

W.  Mulerlt  hat  Lhl.  192 1  Sp.  324  die  von  Giüllon  besorgte 
Neuausgabe  der  Villon'schen  (oder  pseudo-Villon'schen)  Jargon- 
balladen ^  ausführlich  besprochen  und  dabei  das  Wort  arlouys  , Zu- 
hälter' in  111,  27,  das  Guillon  statt  dem  ör/ö^^v/j  Vitn's  im  Faksimile 
gelesen  hatte,  erwähnt.  Er  stellt  hierzu  aus  dem  heutigen  Argot 
marloti  »souteneur'  (daneben  verallgemeinert  , malin'),  Louis  , Dirne' 
und  dtsch.  Louis  , Zuhälter'  (seit  1886):  „Die  Verführung,  an 
Zusammenhänge  zu  glauben,  ist  grofs.  Was  ist  arlouys}  Sollte 
arlouy  (so  wohl  als  sing.)  ein  argoi-V^ o\i  sein,  das  aus  reloue  („der, 
den  die  Prostituierte  ihrerseits  gemieid  hat")  genau  ebenso  umgestaltet 
ist  wie  Henelle  ^  Ar  neue,  wie  renaud  >  arnaicd  geworden  ist  oder 
wie  ein  pik.  arnacque  neben  rcndcler  steht?  .  .  .  Weniger  leicht 
begreift  sich  der  Übergang  von  -e.  >  -/  [y),  da  die  in  B  [=  Jargon- 
balladen] vorkommenden  Part.  Perf.  gaudy,  luhie  anscheinend  anders, 
als  Lehnworte  aus  lat.  gaudere,  luhere  zu  beurteilen  sind.  Falls  das 
äjrciL,  [1-  ajcas]  Xfryöfttrov  arlouys  trotz  allem  in  nfrz.  viarlou 
fortleben  sollte,  müiste  darin  eine  Kurzform  (ev.  Koseform)  vor- 
liegen, die  irgend  einer  analogischen  Beeinflussung  (vielleicht  durch 
■m'amour,  viaiou)  den  neuen  Anlaut  verdankt.  Im  pariserischen 
Louis  , Dirne'  kann  ein  dem  '■^relout'  entsprechendes  louee,  *louie 
(„die  für  Geld  zu  haben  ist")  fortleben  —  in  späterer  Zeit  natürlich 
zum  Namen  L.  umgedeutet.  Aus  einer  leicht  verständlichen  Un- 
genauigkeit  ist  schliefslich  bei  der  Übertragung  aus  dem  Pariser 
ins  Berliner  Milieu  Louis  zur  Bedeutung  ^^Zuhälfer'-'-  gekommen. 
Wenn  jemand  den  „vorbildlichen"  Pariser  mmage  eines  marlon 
und  seiner  Louis  etwa  als  yVienage  de  louis'^  zusammen fafsle,  so 
konnte  später  auf  deutschem  Boden  die  Namenvertauschung  vor 
sich  gehen  und  der  sonst  männliche  Vorname  auch  hier  dem 
männlichen  Teile  zufallen." 


*    Ich    Inn    Kollegen    Mulerlt    für    Überlassung    dieser    Veröfffntlirliung 
Dank  schuldig. 


LEO    SPITZER,    FRANZÖSISCHE    ETYMOLOGIEN.  I93 

Ich  unterschreibe  hier  nur  das  Letztbehauptete:  es  war  eine  Art 
grauimalische  Korrektur,  dafs  Louis  im  Dtsch.  dem  männlichen  Teil 
zufiel,  wobei  noch  die  Verwechslung  des  Alphonse  mit  der  Lotiis  in  Be- 
tracht kommt.  Über  die  Entstehung"  von  Louis  , Dirne'  gibt  Villatte 
Parisisinen  mit  Berufung  auf  Richepin  folgende  einleuchtende 
Erklärung:  ^  Louis  (XV):  Oest  la  nieilleure  de  taut  es  les  Louis  XV 
que  fai  (ues,  das  ist  die  beste  von  allen  Maitressen,  die  ich  gehabt 
habe  (Du  Camp,  1875);  der  Name  kommt  von  der  Sitte  mancher 
Bordellhuren,  sich  das  Haar  zu  pudern  und  Schminkpflästerchen 
aufzukleben  wie  zur  Zeit  Ludwigs  XV."  Das  Bestehen  der  Variante 
Louis  XV  macht  diese  Deutung  sicher.  Es  wäre  also  etwa  eine 
Entwicklung  anzunehmen:  *une  cocotle  Louis  XV  ^  une  Louis  XV 
>-  une  Louis.  —  Marlon  fügt  sich  sich  in  die  Serie  der  Katzen- 
namen mit  a-u  (REW  774)  und  es  ist  also  von  der  urspr,  Bdtg. 
, malin'  auszugehen,  vgl.  vialou  , Kater'  »Ehemann,  guter  Hahn* 
,widerlicher  Ki.'rl',  mitou  , Kater'  ,Wucherer'.  Sain^an  Bhft.  z.  Ztschr. 
I,  66  nimmt  auch  diese  Deutung  an.  —  arlouys  und  Louis  auf 
ein  {re)loui{e)  zurückzuführen  ist  vor  allem  deshalb  schwierig,  weil 
louer  weder  in  alter  noch  in  neuer  Zeit  bei  der  Benennung  des 
Dirnenwe^ens  eine  Rolle  zu  spielen  scheint,  aber  auch  lautlich  ist 
ein  louee  >-  *louie  sehr  bedenklich.  Für  arlouys  verweise  ich  auf 
die  bei  Raynouard  s.  v.  arlot  ,ribaud,  goujat,  gueux'  und  bei  Diez 
s.  V.  arlot to  vereinigten  prov.  arlot  {als  arlos  it  als  putaiis),  afrz. 
arlot,  akat.  arlotz,  asp.  aride,  vgl.  noch  afrz.  harlot  , Fresser',  altengl. 
harlot  , Lotterbube'.  Das  ital.  Arlotto  wird  gern  auf  einen  Priester 
des  16.  Jhs.  zurückgeführt,  aber  der  piovan  Arlotto  hat  sicher  nur 
einen  redenden  Namen.  Ich  verweise  nun  noch  auf  kat.  arlot 
,rufiän',  das  Diccionari  Aguilo  seit  dem  14.  Jh.  belegt  und  noch 
heute  in  der  Bdtg.  , Barsch'  , Knecht'  auf  Mallorca  als  allot  fort- 
lebt (vgl.  Alcover,  Bolle ti  del  Diccionari  de  la  llengua  catalana 
III  [1907],  S.  7  und  Tallgren  Ntuphil.  Mitt.  1920,  248).  Ein  arlotz 
mufs  also  dem  Villon'schen  arlouys,  zu  dem  noch  Sainean  Frage- 
zeichen machte,  zugrunde  liegen.  Nun  wäre  noch  die  Reim- 
schwierigkeit (:  gaitis)  zu  beseitigen,  wozu  ich  nicht  die  Möglichkeit 
habe.  Guins  könnte  aus  dem  früheren  Verse  in  dem  von  Mulertt 
angezogenen  Texte  verschleppt  sein.  Also  etwa  zu  ersetzen  durch 
sous^  die  Münzbezeichnung? 

volksfrz.  herniquel  ,ja  Kuchen!' 

leitet  Sainean  Le  langage  parisien  au  XLX^  siede  S.  7  7  f.  aus  hernicle 
, Entenmuschel'  ab,  das  seinerseits  aus  dem  Bretonischen  entlehnt 
sei  (er  hätte  aufser  Rolland  Faune  XII,  20  [so,  nicht  Flore\\  Thomas 
Rom.  28,  172  f.  zitieren  können).  Semantisch  läfst  sich  gewifs  nicht 
viel  einwenden,  auch  das  Fehlen  eines  Artikels  läfst  sich  durch 
ähnliche  Ausdrücke  wie  merde!  branl  (dtsch.  Ivuchen,  süddtsch. 
Sch?narrn  neben  an  Schmarrn)  stützen.  Allerdings  hat  Sainean  keine 
Verwendung  wie  *je  n'aurai  hernique  belegt.  Ich  frage  mich  aber, 
ob    wir    nicht    von    dem    Spiel    ausgehen    müssen,    das    uns    in    tVz. 

Zeitsclir.  f.  roin    Pliil.  XLH.  \\ 


1Q4  VERMISCHTES.      ZUR    WOKTGESCHICHTE. 

DIak'ktwbb.  nocli  hier  und  da  bezeugt  ist,  so  in  St.  Pol:  harnih, 
beniik  ,berni(|ue!'  neben  ju  d  harnik  ,soite  de  jeu  de  cartes  qui  se 
joue  entre  deux  personnes,  et  dans  lequel  le  perdant  est  harnike 
par  le  gagnant,  c'est-ä-dire  qua  celui-ci  a  le  droit  de  donner  avec 
le  paqnet  de  cartes,  sur  les  extremites  r6unies  des  doigts  du  perdant, 
autant  de  coups  qu'il  a  gagne  de  poiiUs  dans  la  partie  —  harnik, 
peino,  tenant  Heu  d'enjeu,  infligee  au  perdant  du  jii  (Vbartiik.  Ce 
jeu  tend  ;\  disparaitre';  bei  Jaubert  wird  nun  ferner  s.  v.  herniques 
erwähnt:  „Dans  Raymond  [Supplänetil  au  Dict.  Je  FAcad),  hcrniqne 
est  une  espece  de  jeu  de  drogue  (jeu  de  cartes)".  Dieses  Karten- 
spiel drogue  erscheint  im  Dict.  g6n.  s.  v.  drogue  als  Spezialisierung 
der  Bdtg.  ,ce  qui  est  mauvais  ä  prendre'  mit  folgender  Beschreibung; 
,morceau  de  bois  fourchu  qua  le  perdant  doit  mettre  sur  son  nez, 
dans  un  jeu  de  cartes  en  usage  chez  les  matelots,  les  soldats'. 
Wenn  wir  nun  hcrnicle  =  drogue  setzen,  wie  der  zitierte  Raymond  tut, 
so  erhalten  wir  neue  Erklärungsraöglichkeilen  von  beruick  ,Klemm- 
Peter'  (die  Sachs- Vill. 's  Übersetzung  des  Spieles  drogue,  das  Sainean 
1.  c.  S.  4  erwähnt). '  Die  Glossen  geben  uns  hie  camus  bernac,  cha- 
mum  (vel  capisirum)  harnac,  Priebsch,  Bausidne  z.  rom.  Phil.  S.  540, 
vgl.  engl,  barnacles  ,an  instrument  set  on  the  nose  of  unruly 
horses'  (neben  allerdings  später  belegtem  barnacles  , Brille').  Nun 
erklärt  sich  auch  das  hcrnicles  (Marterinstrument',  das  God.  aus 
Joinville  anführt:  die  Beschreibung  ist  mir  allerdings  nicht  ganz 
klar,  immerhin  wird  von  miteinander  verzahnten  Holzstücken  {tisons) 
gesprochen.  Mit  Recht  hat  Urtel,  Autour  du  rhuvie  S.  16  anjou. 
emhernicle,  embournicle  , verschnupft'  mit  diesen  Ausdrücken  zusammen- 
gebracht. 2 


^  Über  das  Wort  drogue  hat  Kluyver  ZfdW.  1 1,  gff.  gehandelt:  er  nimmt 
für  frz.  drogue  ein  arab.  Etymon  *dräwa  an,  das  aber  doch  phonetisch  nicht  recht 
pafst.  Aber  richtig  rekonstruiert  der  Verf.  für  frz.  drogue  als  Grundbedeutung 
,(ias  Minderweitige,  Kleine',  woraus  die  Bedeutungen  des  \>xq\.  droueve  , Besen, 
womit  man  das  Korn  reinigt',  die  des  frz.  drogue  ,ce  qui  est  mauvais  ä  prendre; 
ce  qui  est  de  mauvaise  qualitd;  vieille  ferraüle;  l'ajonc  que  produisent  les 
terres  steriles'  und  auch  unser  .morceau  de  bois  fourchu  .  .  .',  endlich  die 
Bdtg.  ,Spezerei',  weil  diese  gesiebt  wurde.  Kluyver  vergleicht  nun  frz.  droue 
und  ivraie  nur  der  Bsdeutungsentwicklung  halber.  Ich  gebe  zu  erwägen,  dafs 
nach  Thomas'  Rekonstruktion  eines  *dravoca  *drauca  für  frz.  droue  in  den 
Bedeutungen  ,brome,  fetuque,  ivraie,  bardane'  [Rom.  41,62  ff.)  wir  auch  ein 
südfrz.  *draucti  drauga  annehmen  können,  aus  dem  dann  frz.  drogue  entlt-hnt 
.sein  wird.  Wenn  diese  Vermutung  richtig  ist,  so  haben  wir  also  für  drogue 
die  Entwicklung  , Minderwertiges,  Kleines'  , Unangenehmes'  ^  ,Klemm-Peter'. 
Auch  sp.  droga  ,eine  Art  Kinderspiel  (in  Allkast.)'  wird  wohl  den  ,Klemm- 
Peter'  meinen,  die  Bdtg.  , Geschwätz,  Betrug'  pafst  zu  , Nichtigkeit'  oder 
,Gewürzkrämerei'.  Das  synonyme  bernique  könnte  man  dann  auch  aus  ,das 
Kleine',  , Minderwertige'  ^  ,K!emm-P(.ter'  eiklären,  dann  wäre  Saineans  Ab- 
leitung .Enteamuschel'  ^  .Nichtigkeit'  richtig.  Denkbar  wäre  ja  auch,  dafs 
der  Klemm-Peter  nach  den  zwei  aueinanderhaftenden,  eine  'Klemme'  bildenden 
Schalen  der  Muschel  benannt  wäre. 

'■'  Gehört  hierher  das  schles.  .5(?r«z<r^^/ .Gerstenkorn',  das  Ztschr.  d.  allif. 
dtsch.  Sprachvereins  1921,  Sp.  32  ohne  Erklärung  erwähnt  ist?  Von  der  Er- 
kältung aus?  Oder  von  bernicle  , Muschel'  wie  kärtn.  Muschel  für  eine  Ge- 
schwulst nn  Pferden  ? 


LEO    SPITZEK,    FRANZÖSISCHE    ETYMOLOGIEN,  IQS 

Für  mich  ist  also  hernicle,  bernacle  , Nasenknebel'  , Marter- 
instrument' mit  der  Bezeichnung  des  Spiels  ,Klemm-Peter'  identisch; 
hernicle  in  diesem  Sinn  ist  nur  eine  scherzhafte  Anwendung  der 
Marter,  der  im  Spiel  mit  bernique  Bestrafte  hatte  anstatt  des  er- 
liofften  Gewinns  bernique:  man  könnte  die  Bewegung,  von  der  nach 
Verrier-Onillon  bernique!  als  negative  Antwort  begleitet  wird,  allen- 
falls noch  als  Erinnerung  an  die  urspr.  Folter  erklären:  „avec 
raouvement  de  l'index  de  droite  ä  gauche  sous  le  nez."  ^  Das  in 
den  Wbb.  erwähnte  aller  au  berniquel  ,sich  ruinieren'  (Trevoux  1740) 
kann  zu  berner  oder  zu  hernicle  gehören.  2 

Wenn  ich  Gamillscheg  Zischr.  40,515  richtig  verstehe,  so  will 
er  durch  den  Verweis  (s.  v.  cravan)  bei  barnache  , Rottgans'  , Enten- 
muschel' auf  S.  13g,  wo  er  die  Abkömmlinge  eines  gall.  *htrnos 
, Sumpf  , Wasser'  bespricht,  dieses  barnache  im  Gegensatz  zu  Thomas 
Mt'l.  2,2  und  JiEW.,  1047,  die  von  bretonischen  Wörtern  ausgehen, 
auf  das  gall.  *bernos  zurückzuführen.  Die  bret,  Wörter  (breanik  etc.) 
führt  nun  Stokcs  auf  ein  barcwi-  , Stein'  zurück,  während  Henry 
Lex.  ctyvi.  sich  ziemlich  skeptisch  über  den  Ursprung  ausdrückt. 
Die  Stokes'sche  Ableitung  wäre  eine  gute  Stütze  für  Gamillschegs 
Ableitung  von  cravan  aus  kelt.  *kragu  , Stein'.  Trotzdem  halte  ich 
Gam.'s  Ableitung  für  richtig:  ich  habe  Zischr.  40,  758  das  von 
Barbier  erwähnte  berna  , Reiher'  der  Glossen  (cf.  bernard-  in  frz. 
Reihernaraen)  des  8.  Jhs.  angeführt  und  ich  füge  nun  noch  aus 
Skeats  bei  dem  Engländer  Giraldus  Cambrensis  (ca.  11 75)  belegtes 
hernaca,  Ducanges  bernacae  ,aves  aucis  palustribus  similes  ex  abiete 
in  aquas  demisso  enascentes'  bei,  das  zu  Cotgraves  bernaque  ,the 
fowl  called  a  barnacle'  (Rotlgans  , Baumgans)  pafst.  Dagegen  scheint 
mir  nicht  sicher,  dafs  mit  Gamillscheg  dtsch.  Brentgans  ein  *hran(l-ila 


*  Bearn.  bernic,  berlic  ,pointil!eiix ,  inquiet'  (Mistral),  bask.  bernika 
.exigeant'  (Azkue)  gehören  wohl  zu  ■prov.  bern/gan,  das  ein  Gefäfs  in  ver- 
schiedenen V'eiwcndungeu,  u.  a.  auch  ,Kopf'  bedeutet  (vgl.  Thomas,  Rom. 
28,  173).  —  Das  stfcirische  Pernikehpiel  (es  besteht  uach  Unger-Khull  im  Fort- 
schnellen eines  bunten  Stcinkügelchens  mit  dem  Daumen,  damit  es  ein  anderes 
treffe)  hat  hier  wohl  nichts  zu  suchen:  zu  breloqueP  Ist  es  das  Etymon  des 
schles.  Worieä  für  , Gerstenkorn'  (.kleines  Sieinchen')?  —  Centfrz.  bernique 
,  die  Frucht  der  Ulme'  (Jaubeit)  geht  wohl  von  , Brille'  aus.  —  Bourniclet 
hat  nach  v.  Wartburg,  RDR.  III,  165  nicht  nur  mit  borgne ,  sondern  auch 
mit  bernicles  .Brille'  zu  tun.  —  Die  im  Specimen  du  Glossaire  des  patois 
da  la  Suisse  Romande  1921  zitierte  Form  abernichs  ist  eine  jüngere  vom 
Dtsch.  beeinflufsle  Umformung  {aber  nix)  von  bernique. 

^  Sehr  gern  würde  man  das  im  Zentrum  (Berry)  und  in  der  Normandie 
belegte  bernicles  sowie  das  engl,  barnacles  in  der  Bdtg.  , Brille'  zu  beriete, 
br siele  =  beryllus  stellen,  besonders  wenn  man  an  das  im  Dtsch.  Wb.  er- 
wähnte dtsch.  Brille  ,ein  ledcr  mit  stacheln,  das  man  lämmern  aul  die  nase 
setzt,  die  entwöhnt  werden  sollen',  ,eiue  deichsei  zu  zwei  ochsen'  erinnert: 
aber  wenn  auch  die  Araber  schon  im  II.  Jh.  Brillen  gekannt  haben  sollen,  so 
haben  wir  doch  erst  im  14.  Jh.  mit  einer  westeuropäischen  Brillenfabrikalion 
zu  rechnen  (vgl.  die  Belege  bei  Littre  s.  v.  b^sicles,  New  Etis^l.  Dict .  s.  v. 
beryl  und  bei  Thomas,  Melanges  S.  164),  ferner  wie  erklärte  sich  die  Form 
bernicles'^  Der  Bedeutungsübergang  '  Folterwerk/eiig' ^  ,  Brille'  ist  dagegen 
aus  Scherzen,  leicht  erklärlich. 

13* 


ig6  VERMISCHTES.      ZUR    WORTGESCHICHTE. 

darstelle,  vgl.  die  noch  vorläufig  nicht  feststehende  Identifikation 
des  Tieres  im  Ne^ü  Engl.  Dicf.  s.  v.  hraiid-  (hrant-)  goose.  Die 
schw.  Form  Brandgds,  dtsch.  Bnmdgans  könnte  an  norweg.  brandet 
engl,  hrinaled  .gestreift'  denken  lasst-n.  das  Tier  heifst  ja  auch 
Ringelgans  „wegen  des  weifsen  Ringes,  der  um  ihren  schwarzen 
Hals  geht;  daher  hat  Bellon   sie  auch  nonnette  genannt"  (Nemnich). 

frz.  hlafard 

wird  seit  Diez  auf  ein  ahd.  *b/ach/aro  zurückgeführt,  wobei  die 
Lautentwicklung,  vor  allem  die  Betonungsverhältnisse  nichts  weniger 
als  klar  sind.  Das  or  blafe  et  pale  des  Jahres  1578  bei  Littr6 
Suptl.  sowie  reims.  blafe  ,blafard'  (Saubinet)  weisen  darauf  hin, 
dafs  wir  eine  gewöhnliche  Ableitung  auf  -ard  vor  uns  haben.  Die 
Bedeutungen,  die  God.  für  das  afrz.  Wort  blafart  angibt:  ,mou, 
affaibh*,  ,benin,  sans  v(^lont6,  moUement  complaisant',  ,louclie,  suspect, 
mauvais',  blafarde  ,injure',  blafarder  ,rendre  blafard,  injurier'  weisen 
auf  eine  urspr.  Bedeutung  ,krafdos',  die  sich  wohl  aus  einem  onomato- 
poetischen Stamm  ^^blaf-  gewinnen  läfst:  vgl.  das  dtsch.  verblüfft 
neben  ich  bin  baff.  Wir  können  *blaf-  als  Onomatopöie  des  Schlags 
neben  *baf-  annehmen  etwa  in  der  Bedeutung  , plumps,  plump', 
,verdutzt'  [über  letzteren  Bedeutungswandel  vgl.  Schuchardt,  Ztschr. 
42,698):  vgl.  Falk-Torp  s.  \.  forbleffe:  „das  nd.  bluffen,  bluffen 
, erschrecken,  verwirren'  ist  etymologisch  dasselbe  Wort  wie  ostfries. 
bltffen  , bellen'  (holl.  bluffen  , prahlen')  und  eine  Ablautsform  zu  nd. 
blaffen  , heftig  bellen';  zugrunde  liegt  die  Interjektion  blaf  eine 
nebenform  zu  baf.'''  Vgl.  noch  mnl.  blaffaerd  .Prahlhans',  köln. 
blaffet  ,Mund,  Maul'.  Ähnlich  {xz.  faire  />a/ , hinplumpsen',  paffe 
, Ohrfeige',  paffe  .verdutzt',  paffer  , betrunken  machen',  paf  , be- 
trunken'; baffer  .ohrfeigen',  bafouiller  , ungereimtes  Zeug  sprechen', 
/>rtyb«(?;' , verhöhnen'  {Ztschr.  \\,  168 ff.).  Ein  kat.plaf!  parallel  dtsch. 
plapf  plapp  als  Onomatopöie  des  Schiagens  habe  ich  Butlleti  de 
dial.  cat.  1920,  S.  63  belegt.  Blafe  hiefs  also  urspr.  *,  plump'  oder 
*,  verdutzt',  endlich  .kraftlos,  willenlos,  schwach',  dann  ,  bleich, 
farblos'.  1 

Nun  ist  blofs  noch  die  Einordnung  des  bei  Beiz,  Die  Mi'inz- 
bezeichnungen  in  der  altfranz.  Literatur  nicht  behandelten  bloffard 
vorzunehmen  (nach  Littre  Suppl.  abfällige  Bezeichnung  des  schlechten 
Geldes,  das  Karl  Vill.  prägen  liefs;  aber  bei  Ducange  haben  wir 
schon  im  13.  Jh.  moiieta  Blaffardorum  et  parvi  valoris  im  Gegen- 
satz  zur    nioneta  fortis):    mnl.  blaff ert    ,nummus   superficie    planus' 


^  Hierher  wohl  auch  die  entgegengesetzte  Bdlg.  .übermäfsig,  stark'  des 
ixz.  balouf  (jdViS  , plump'),  vgl.  Saindan,  Le  lang.  par.  S.  280,  der  ha.m.  baloufes 
,  Lippen  der  Dogge'  heranzieht:  also  baloiif  -\-  balevre,  vgl.  noch  pik.  ebarloufe 
, erregt',  »verdutzt',  das  zu  bars^ntf  usw.  gehört,  vgl.  Bibl.  Arch.  roin.  II/3 
S.  151;  la  satonnade  roule  ä  balouf  ,ts  wird  tüchtig  geprügelt'  zeigt  den  Über- 
gang, auch  die  Vermittlung  zu  dem  bei  Schmidliu  belegten  a  balaß ,  a  halofi 
,ä  foisou,  aboudammenl',  das  I.eip,  Provenzalisches  u.  Frankoprov.  bei  frz. 
Lexikoi^rnpheii  erwähnt. 


LEO    SPITZER,    FRANZÖSISCHE    ETYMOLOGIEN.  I97 

(Kilian),  kölii.  blaffet  , kurkölnische  Münze*  (Honig)  würde  zu  mnl. 
blaff  ,  flach'  passen  (man  könnte  frz.  la  qalette,  von  Geld  gesagt, 
vergleichen,  indem  dem  Kuchen  und  dem  Geld  die  Flachheit  ge- 
meinsam ist);  dtsch.  blaphart,  plaphart,  plappert,  pläpperling,  plapper- 
gcld  würden  wieder  auf  —  natürhch  ebenfalls  onomatopoetisches  — 
plappern  (vgl.  plapperstdn  spielen  vom  Plätschern  des  geworfenen 
Steins)  weisen,  so  dafs  die  beim  Werfen  aufklatschende  Münze  ge- 
•  meint  wäre.  Aber  alle  diese  germ.  Wörter  sind  wohl  aus  frz. 
blaffard  oder  mit.  blaffardus  entlehnt  und  diese  selbst  erklären 
sich  aus  den  oben  angeführten  Bedeutungen  ,matt',  »verdächtig', 
»schlecht'   {pr  hlafe  s.  o.). 

argotfrz.  cagibi  »Unterstand  (im  Weltkrieg)'. 

Dauzat,  Largot  de  la  giurre  S.  182  belehrt  uns,  dafs  das  Wort 
vor  dem  Ktiege  im  Schneiderargot  ,das  Wartezimmer  der  Probier- 
fräulein' bedeutete,  und  leitet  es  von  cage  ab,  ohne  sich  über  die 
Herkunft  des  -bi  auszusprechen.  Sainean,  Le  langage  parisien  au 
XIX^  steck  S.  177  bringt  das  Wort  unter  den  aus  der  Seemanns- 
sprache stammenden:  ,^chibis,  prison;  faire  chibis  s'evader  d'une 
jDrison  avec  le  concours  d'un  caraarade  ...  A  l'ecote  navale  du 
Borda,  chibis  designe  la  salle  de  police:  c'est  la  forme  abr6gee  de 
cachibis,  petils  casiers  places  sous  la  dunette  et  destines  aux  pipes 
et  au  tabac.  Dans  l'Anjou  et  ailleurs,  cagibi  (on  cabiji),  petit  retrait 
quelconqup,  bicoque;  a  Mayenne,  petit  reduit,  petite  löge,  hangar". 
Damit  ist  aber  noch  immer  nicht  die  Etymologie  gegeben:  aus 
Verrier-Onillon  verzeichne  ich  noch  die  Nebenformen  gagibit,  caba- 
getis,  aus  Dottin  kabajeti,  kajbiti,  kajubi  (offenbar  von  kajute  beeinflufst), 
ferner  in  Dol  cagibita,  cagibite,  das  von  Lecomte  =  ,cage  ä  betes' 
erklärt  wird.  Aufklärung  bringt  das  bei  Jaubert  belegte  cache-cabi 
,cache-cache,  jeu  d'enfant'  (zu  cabi  ,chevreau'),  das  auch  auf  der 
Atlaskarte  1482  neben  kaskabri,  kasmil,  kasmusk  vorkommt  (das  Tier 
wechselt  in  dem  Spiel:  Ziege,  Katze  usw.).  Kaskabi  +  kasmit 
erklärt  cagibite.  Die  mannigfachen  Umstellungen  der  Spielbe- 
zeichnungen sind  ein  Sinnbild  des  Spieles  selbst  (vgl.  calejubotir 
Ztschr.  /\2,  11).  Jetzt  wird  auch  faire  chibis  ,aus  dem  Gefängnis 
entfliehen'  (wörtl.  ,sich  decken',  das  auch  im  Dtscli.  während  des 
Weltkriegs  in  übertragener  Bdtg.  gebraucht  wurde)  semantisch  klar. 

Afzr.  Cent  double  =  centuplum? 

Zu  meiner  hier  1920  S.  224  veröff'entlichten  Widerlegung  von 
Metis'  Ansicht  [Zlschr.f.  frz.  Spr.  q\,  \\^&.),  dafs  der  afrz.  Ge- 
brauch von  unflektiertem  <^/ö«(5/^  =  , -mal '  {cent  double  ,  hundertmal ') 
nicht  auf  ein  mifsverstandenes  centuplwn  >  cent  duplum  zurückgehe, 
gesellt  sich  noch  eine  Parallele,  die  mir  Herr  Prof.  Thurneysen  zur 
Verfügung  stellt:  altirisch  diabul  , doppelt'  —  cöic  diabail  .fünffach* 
[Ztschr.f.  cell.  Phil.  11,  107).  Auf  meine  Anfinge,  ob  Beeinflussung 
durch  das  Vulgärlatein  möglich  sei,    schreibt  mir  der  verehrte  Ge- 


198  VERMISCHTES.      ZUR    WORTGliSCHICHTE. 

lehile:  „Cö/V  diahail  kommt  in  Texten  vor,  die  dem  8. —  9.  Jh.  an- 
gehören, handschriftlicli  seit  ca.  iioo  übediefert  sind.  An  latei- 
nischen Einllufs  glaube  ich  nicht,  da  die  Iren  wohl  mit  der  latei- 
nischen Kirchensprache  aber  nicht  mit  der  lateinischen  Volkssprache 
in  Berührung  kamen."  Nun  könnte  ein  romanistischer  Celtophile 
auf  den  Gedanken  kommen,  die  Bezeichnung  des  Vielfachen  durch 
das  Doppelte  sei  keltisch  (das  Rumänische  und  das  Dalmatische 
scheinen  die  Wendung  nicht  zu  besitzen),  was  ich  aber  bei  meiner 
prinzipiellen  Gegnerschaft  gegen  alle  Ilalbierhypothesen  in  der  Syntax 
(vgl.  das  über  das  reziproke  inier,  Ltbl.  19 16  Sp.  248,  über  die 
„Rahmenbildung"  beim  Personalpronomen  in  Aufsätze  S.  247  Bemerkte) 
nicht  annehmen  kann.  Ferner  belegt  mir  H.  Sperber  aus  dem  Schwe- 
dischen ein  erwähntem  steir.  dreidoppelt  entsprechendes  iredubbelt, 
ferner  viäng  diihhelt  ,vielfac]iS  mängduhhia  ganger  ,vielmals'  und 
endlich  finde  ich  in  Glotta  11,237  ^"S  Chios  ein  r^idurloQ  statt 
to'ljcXoq,  das  genau  zu  lat.  trigeininus  pafst.  Wir  haben  also  hier 
einen  der  Fälle  vor  uns,  wo  eine  weitere  Umschau  eine  im  Einzel- 
fall noch  so  bestechende  lokale  Erklärung  ausschliefst  oder  über- 
flüssig macht  (vgl.  etwa  die  Polemik  über  la  ville  de  Paris  zwischen 
Schuchardt  und  Meyer -Lübke).  Aufserdem  bedenke  man,  dafs 
Metis'  Erklärung  nur  dann  nötig  ist,  wenn  man  zwischen  »vielfach' 
und  , doppelt'  eine  Spannung  erblickt:  erwägt  man  aber,  dafs 
, doppeln'  und  , falten'  einander  sehr  nahe  stehen  (frz.  douhliire 
, eingeschlagenes  Fuiter'),  so  sieht  man  auch  keinen  sehr  grofsen 
Abstand  zwischen  , vielfaltig',  ,vielfach'  und  ,vieldoppelt'.  Vgl. 
noch  Span,  den  doblado  , hundertfach'  (Cuervo  in  den  Notas  zu  Bello 
S.  40),  das  bei  INIetis'  Annahme  eine  sekundäre  Ausdeutung  eines 
centuphun  >  *centoble  —  cent-dohle  sein   müfste. 

argotfrz.  daron  , Hausherr'. 

Bruch  schreibt  Zlschr.  38,  680:  „Frz.  daron  , Hausherr',  das 
God.  nur  einmal  belegt  (wobei  er  es,  wohl  falsch,  mit  'manoir' 
übersetzt),  für  das  dann  Littre  noch  einen  zweiten  Beleg  aus  neuerer 
Zeit  gibt  und  das  nach  dem  von  Bugge,  R.  4,  353  angeführten 
Vermerk  noch  im  Flandr.  lebt,  das  somit  auf  ein  kleines  Gebiet 
beschränkt  war  und  ist,  daron  ist  wohl  einfach  baron  -\-  dam.'"'' 
Bruchs  etymologischen  Trefferblick  schätze  ich  hoch  —  worin  ich 
ihm  aber  prinzipiell  nicht  beistimmen  kann,  das  ist  das  Mathematisch- 
Konstruktive,  das  seine  etymologischen  Aufsätze  oft  haben.  Er 
untersucht  selten  den  Stimmungsgehalt,  die  stilistische  Wertigkeit 
eines  Wortes  und  sucht  daher  oft  eine  rein  errechnete  Lösung, 
statt  sich  in  die  Gedankenverbindungen  zu  versetzen,  die  nur  aus 
ganz  bestimmten  Milieus  sich  erklären.  Bruch  sieht  mei'-t  liür 
horizontale,  nicht  die  ebenso  wichtige  vertikale  Sprachgliederung, 
nach  sozialen  Schichten  (vgl.  meine  Bemerkung  Ztschr.  42,  34). ^ 


'  Ich  benutze  die  Gelegenheit,  um  zu  Bruchs  Ault'assung  des  lum.  crunt 
(Zischr.  ^1,  6c)4)  .Stelhing    zu    nehmen:    Die  Parallele  rum.  cr?/«if  aus  cruentus 


LEO    SPITZER,    FRANZÖSISCHE    EIYMOLOülEN.  I99 

Über  argotfrz.  daron  hat  der  Argolforscher  Sainean  zweimal 
mit  feinem  Eingehen  auf  das  Mih'eu,  dem  das  Wort  entstammt, 
geschrieben:  allerdings  widersprechen  seine  beiden  Erklärungs- 
versuche sich  gegenseitig:  In  Les  sourccs  de  rargot  ancien  s.  v.  daron 
,maitre,  pere'  geht  er  von  einer  Grundbdtg.  .dickbauchig'  aus,  zu 
„anc.  fr.  et  dial.  dare  ,bedaine"'  und  zitiert  die  Angabe  Le  Roux' 
jVieülard  ruse'  und  die  d'FIautel's  (1808)  ,sobriquet  que  les  ouvriers 
donnent  ä  leurs  bourgeois'.  In  Le  langage  parisien  an  xix'  siech 
S.  504  geht  er  von  der  Grundbdtg.  , Schwätzer'  aus:  zu  raayenne. 
daronner  ,murmurer'.     Welche  Deutung  ist  die  richtige? 

Vor  allem  berichtige  ich  folgendes  bei  Bruch:  der  Autor  hat 
Littre's  Supplement  nicht  nachgeschlagen,  sonst  hätte  er  gefunden, 
dafs  das  bei  God.  (und  Littre)  zitierte  Beispiel  mit  ,manoir'  richtig 
übersetzt,  aber  doch  für  unsere  Betrachtung  auszuschalten  ist,  weil 
es  ein  tel  quel  übernommenes  arabisches  Wort  ist. 

Wie  steht  es  nun  mit  dare  , Bauch'?  Ich  finde  bei  Dumeril 
manche,  darre  ,gros  ventre;  peut-etre  aussi  gros  qu'un  derriere,  car 
on  trouve  Darr  avcc  cette  signification  en  vieux-fran(;ais',  bei 
Jonain  ein  saintong.  </flr/-f  ,  derriere'  Subst.  und  Adj.  {le  darre  d' in 
caloi).,  bei  Verrier-Onillon  ein  anjou.  darre,  derre  , derriere',  darin 
,ventre'  [Venfani  a  mal  ä  son  darin,  a.Ygothz.  par  les  dariolcs  ,par 
derriere',  Sainean,  Les  sources  usw.),  ferner  ein  altfrz.  daru  , stark'  bei 
God.,  dem  ein  prendre  le  deru,  courre  a  la  darue  bei  Verrier-Onillon 
und  Sigart  für  ,  einem  imaginären  Wundertier  bei  Nacht  nachjagen 
(auf  Veranlassung  von  Spafsmachern)'  formell  entsprechen  könnte. 
Ein  altfrz.  rt^r/z-t" , Bauch'  (das  ^/«rr  Dumeril's  ist  nicht  ernst  zu  nehmen) 
finde  ich  nicht.  Ich  nehme  an,  dafs  die  , Bauch'  und  ,podex'  be- 
deutenden Wörter  ?i\x{  derre,  darre  , hinten'  und  dies  als  Rückbildung 
auf  derrilre  oder  derrain  zurückgeht:  die  Verwechlung  des  vorderen 
und  hinteren  Körperteils  ist  wohl  kein  Hindernis:  in  einer  befreundeten 
Wiener  Familie  sprach  man  umgekehrt  zum  Kinde  von  einem  Siiz- 
haucherl.  Daru  ist  wohl  davon  abzusondern,  t  Par  les  dariolcs  ist 
wohl  scherzhaft  nach  dariole  ,eine  Art  Kuchen'  (hierzu  vgl.  Gamill- 
scheg,  Zischr.  40,  519)  umgebildet. 

Zu  dem  von  Sainean  an  zweiter  Stelle  zitierten  mayennc. 
daronner  ,murmurer'  stelle  ich  nun  anjou.  daronner,  iaronner,  dariner, 
tariner  ,lambiner,  s'attarder  en  chemin;  etre  trop  minutieux; 
musarder;  s'arreter  dans  la  rue  ä  causer'  (Verrier-Onillon).  Da 
das    fiktive  Wundertier   daru[e)    daneben    noch    farin,   couard  heifst 


—  it.  Tronto  aus  Truentiis  ist  schon  von  Ascoli  gegeben  und  von  D'Ovidio 
in  der  sechsten  seiner  in  Atti  d.  R.  Acc.  d.  Scieme  c.  Polit.  d.  Napoli  Bd.  XXX 
(1S98)  veröffentlichten  „Note  etimologiche"  widerlegt  worden.  D'Ovidio  geht 
für  den  Flufsnamen  vom  Siedelungsnamen  Casirum  Triientinum,  also  von 
einer  suffixbetonten  Form  ans. 

1  Immerhin  bemetke  ich,  dafs  Esuault  Le  Poilii  tel  qii'il  se  pai-le  S.  34  f. 
ein  affüter  le  dahu  .guetter  le  Boche  dans  la  tranch6e',  le  dahu  für  dieselbe 
My.>itifikation  wie  oben  aus  Beny  belegt,  aber  hinzulügt,  derselbe  Streich  heifse 
in  Loir.-Inf.  la  chasse  au  darain. 


200  VERMISCHTES.      ZUR    WOkTGIiSCHICHTE. 

(Verrier-Onilloii  s.  v.  bissclre),  so  nehme  ich  die  Zugehörigkeit  zur 
daronnet-'s>'\Y>\>&  an:  der  Dummkopf  und  Feigling  wird  dadurch  ver- 
spottet, dafs  das  Tier,  dem  er  auflauert,  selbst  das  , Dumme'  oder 
, Feige'  heifst.  Hierher  noch  savoy.  daro,  dardu,  dare,  daradin 
,nigaud,  insouciant'.  daran  , Vater,  Hausherr'  scheint  mir  nun 
tatsächlich  zu  dieser  Sippe  zu  gehören,  weil  daronuer  morpho- 
logisch ihm  am  nächsten  steht:  es  ist  also  die  Altersschwäche 
verspottet.  Auch  ist  es  wohl  denkbar,  dafs  man  sich  den  Haus- 
herrn, den  bourgeois,  weniger  dafs  man  sich  den  Vater  dickbauchig 
denkt.  Das  Godefroy'sche  d^Jru  kann  ich  mir  allerdings  nicht 
anders  erklären  als  durch  , tölpelhaft,  grob'  ,dick'  (wie  Faulpelze 
gern  sind):  Regarde:  est-ce  bien  fort  ftrii?  JSJe  say  vilain,  iant  soit 
daru,  Qui  neu  ftist  rompt.  ^ 

Was  ist  nun  daronner'i  Bruch  Zischr.  38,  678  beweist  die 
germ.  Herkunft  des  rom.  darnos  , verwirrt'  (REW  2478)  durch  die 
Existenz  des  fläm.  verdären  , erschrecken',  urspr.  ,sich  verbergen' 
(Falk-Torp,  bedagerig).  Ich  habe  meinerseits  zu  dieser  Sippe  ital. 
indarno,  altfrz.  en  dar{t)  »umsonst'  gefügt  und  wegen  des  l-  von 
prov.  iarnegas  ,Würger'  (wie  ich  nachträglich  sehe,  ebenso  wie  vor 
mir  P.  Barbier  fils  RLR  1907  S.  543  f.)  gleichfalls  germanische  Her- 
kunft angenommen  {Arch.  192 1,  135):  dtsch.  Tarn[kappe'^  etc.  (zu 
exdarnatus  der  Reichenauer  Glossen  vgl.  noch  altfrz.  esdarnie  ,exces' 
Cod.,  ferner  wall.  da(u)rmse,  tornise  ,qui  a  la  tete  entreprise  par  Ic 
vin*  Grandgagnage).  Nun  fügen  sich  die  daronner,  dariner,  taro7incr, 
tariner  bestens  zu  dem  fläm.  Wort.  Daru  hätte  sich  nach  vialotru, 
fichu,  fouhi  etc.  gerichtet. 

Ob  lüttich.  darc  ,fourrer,  introduire'  (/  dar  se  min  to  koste  ,il 
fourre    ses    mains    partout'    [Forir]),    fläm.    (il    ne    sait   plus)    u    dar 

[1  Diese  Zeilea  waren  schon  geschrieben ,  als  ich  Einblick  in  deu  inter- 
essanten Artikel  von  Horning,  Rom.  1920,  S.  377  über  Jaru  nehmen  konnte, 
durch  den  meine  Übe-setzung  bekräftigt  wird:  Hoiuing  sagt  ,gros  beta,  lour- 
daud'.  Auf  Formen  wie  südfrz.  danitas  gestützt,  nimmt  Horning  -it-  im 
Etymon  an.  Vielleicht  wirkten  aber  die  Partizipia  wie  conclute  etc.  ein 
(Meyer-Lübke,  Hist.  Gramtn.  d.frt.  Spr.  I,  259),  da  la  deriie  doch  zweifellos 
wieder  -t-  zeigt.  Die  Form  darou  geht  sicher  auf  das  konkurrierende  garou 
zurück.  Horning  gibt  noch  die  Ausdehnung  des  Wortes  daru,  besonders  in 
lothringischen  Mundarten,  genauer  an.  Ich  füge  noch  st.  pol.  dalu  ,niais, 
nigaud'  an,  das  wohl  nicht  zu  dal  , verrat'  gehören  wird,  ferner  vielleicht 
zenlrfrz.  dälu  ,ongIee,  engourdissement  douloureux  au  bout  des  doigls  cause 
par  le  froid.  Ce  mot,  pendant  l'hiver,  sert  d'epouvantail  pour  les  enfants: 
Voilä  le  dalu  qui  vient;  prends  garde  au  ddlul'  (ähnlich  oui,  le  Dalut  ,ja 
Kuchen!'  in  Anjou  als  versteinerte  Redensart).  Über  die  Etymologie  spricht 
sich  Horning  nicht  aus,  v.  Wartburg  nimmt  in  der  Einleitung  seines  FEW 
S.  V  ein   offenbar  hier  heranzuziehendes  *dalütus  ,dumm'  an.] 

2  Ich  sehe  den  formellen  Grund  nicht  ein,  warum  nach  ÜEW  S^Sj  frz. 
ternir,  lerne  nicht  von  ahd.  tarnt  ,vei hüllt'  kommen  sollten  (vgl.  oben  es- 
darnit).  [Das  exdarnatus  stellt  j^tzt  auch  Kluge  Ztschr.  41,  681  zu  fläm. 
verdären.  —  Ich  bemerlte  hier,  dafs  Kluge's  Deutung  von  gar ^^on  (ebda.  S.  684) 
=  w(a)racio  .landesflüchtiger  Recke'  mich  solange  nicht  überzeugt,  als  der 
verehrte  Meister  nicht  die  abweichende  Entwicklung  von  ^arance  =  wratj'a 
(w-Anlaut  im  Norden)  berücksichtigt.  Als  urspr.  Bdig.  nimmt  auch  Pauli  Enfant^ 
gargon,  fille  S.  146  wie  Kluge  , Diener'  an.] 


LEO    SPIlZüR,    KKANZÖSISCHE    ETYMOLOGIEN.  201 

,ou  donncr  de  la  tele')  aucli  hierher  gehört  als  ,sich  verbergen' 
(vgl.  allerdings  ital.  non  sa  dove  dar  della  lesla)  oder  zu  frz.  dare 
dare  , husch  husch'  und  wohin  dieses  zu  stellen  ist  (Onomatopoie?), 
kann  ich  nicht  sagen. 

Es  fragt  sich  noch,  was  das  darement  ,declaration  de  guerre' 
in  einer  flandrischen  Urkunde  bei  God.  ist:  Avant  les  darevient, 
guerre  et  co?iunotion  qii'ils  oiii  este  a  7iotre  dit  pays  de  Flandre,  eine 
Stelle,  die  syntaktisch  keineswegs  in  Ordnung  ist  Zu  guerre  et 
commotion  würde  ein  Vesdarement,  also  , Schrecken',  gut  passen. 

Sollte  das  fläm.  Wort  -däreti,  wie  Franck  s.  v.  bedaren  annimmt, 
mit  das-  , zaudern'  (dasig  in  dtsch.  Mundarten , nonchalant,  verträumt') 
zusammenhängen,  so  könnten  wir  zu  frz.  *darer  das  aus  germ.  das- 
entlehnte  altfrz.  und  wall,  daser  (Archiv  136,  15)  als  Parallele  an- 
führen. Es  fragt  sich  allerdings,  ob  das  germ.  dar-  nicht  mit  der 
, stammeln'  bedeutenden  Sippe  tartar-  urverwandt  ist. 

fr.  gamin  ,(Maurer)lehrling',  ,Bursch'. 

Ich  habe  Lhl.  192 1  Sp.  24  ausgesprochen,  dafs  die  alte  Ableitung 
dieses  Wortes,  von  dtsch.  geviein,  die  Pauli  Enfan!,  garfon,  fille 
S.  368  zuletzt  wiederholt  hat,  unmöglich  ist.  Nun  hat  Sainean  den 
richtigen  Weg  beschritten  [Le  langage  parisien  au  XIX^  siecle  S.  59 f.), 
indem  er  angesichts  Belegen  wie  hardi  et  chipeur  co?nme  mi  gamin 
de  Paris  (Balzac  1856)  an  berry.  gcmer  ,  chiper,  d^rob^r'  (//  a  gamc 
des  fruits  dans  mon  jardin)  anknüpft  und  frz.  polisson  vergleicht. 
Hier  erwähne  ich  nur  noch  die  genaue  Parallele  norm,  herpin  ,Dieb' 
zu  harpcr  ,  erhaschen',  rapiti  ,der  etwas  zu  erhaschen  sucht',  , Maler- 
lehrling' bei  Gamillscheg  Beitr.  z.  rofn.  Wortbi/du  gslehre  S.  50,  viel- 
leicht auch  sp.  rapaz  , Bursche'  (vgl.  Verf.  Lexikalisches  aus  d.  Kat. 
s.  V.),  wenn  es  wie  wien.  Raubersbua,  Rauber  zu  erklären  ist.  Ferner, 
da  Sainean  sich  über  das  Etymon  von  berry.  gamer  ,  stehlen,  stibitzen' 
nicht  ausspricht,  verweise  ich  auf  meinen  Artikel  über  kat.  gam, 
gamar  in  Lexikalisches  aus  d.  Kat.  s.  S.  787:  prov.  (w)  gama  heifst 
,(se)  moisir,  (se)  courrir,  (se)  gäter',  ^ho  il  a  gafni  des  frtiits  =  il  a 
gäti  des  fruits ,  vielleicht  urspr.  eine  euphemistische  Wendung  wie 
polir  , stehlen*.  In  letzter  Linie  liegt  der  Wortsippe,  wie  ich  a.  a.  O. 
nachwies,  germ.  ivamb  , Kropf*  zugrunde.  Es  ist  kein  Zufall,  dafs 
gerade  in  Berry  von  Pauli  ein  gamachon  ,petit  gamin'  belegt  wird, 
das  direkt  von  gamer  abgeleitet  sein  kann. 

frz.  goujal,   gouge. 

AI.  Sperbers  Ableitung  Bhft.  27  der  Ztschr.,  145  fr.  dieser  Worte 
von  gobius  .Gründling'  wird  vom  REW  mit  Fragezeichen  wieder- 
gegeben. 1     Pauli,  En/ant,  garcon,  fille  S.  340  fi-   verhält  sich  leise  zu- 

'  Unter  den  Parallelen  AI.  Sperbers  für  Fischuamen  >  .Kind,  Knabe' 
ist  jetzt  aigrefin  nach  Sainean,  /.  c.  S.  1 1  (der  an  agriffin  zu  agriffer  »prendre 
avec  les  griffes'  anknüpft)  zu  streichen. 


20J  VERMISCHTES.       /UK    WURTGESCHICHTE. 

stimiucncl  („si  la  Ihcoric  de  M"*"  Sperber  est  ( xacte  .  .  .•').  Ich  weise 
nun  darauf  hin,  i.  dafs  A.  Sperber  gezeigt  hat,  dafs  die  Bedeutung 
, Knabe,  junger  Wann'  im  Südwesten  Frankreielis  besonders  zuhause 
it>t,  2.  dafs  sie  das  goitjue  in  Qiie  ccsie  garce  ne  poiivoii  avoir  tm  chanrre 
cstanl  ainsi  grasse,  poUh'e  tt  goujue  bei  dem  aus  dem  Dep.  Mayenne 
stammenden  Parc  nicht  hat  deuten  können.  Füge  ich  nun  hinzu, 
dafs  gougcr  nach  Sachs -Vill.  in  Poitou  , Gänse  stopfen'  heifst  (,gorger 
d'ahments'  nacli  Sainean  Le  langage  parisien  an  XI X^  siede  S.  i6) 
und  im  Volksfrz.  des  17.  Jhs.  auch  ,plaisatiter*  bedeutet  (Sainean 
a.  a.  O.,  der  goiiailler  ,se  raoquer  grossierement'  zu  gouer  ,gaver, 
gorger'  vergleicht),  so  ist  das  goiiju  Pare's  sofort  klar:  es  bedeutet 
.vollgestopft,  dick'  (mit  -ti  wie  joufßii  etc.)  und  das  pafst  zu  nieder- 
main.  gouge  .grosse  fille'  (Dottin),  anjou.  goujat  ,goinfre,  glouton, 
gourmand'.  Daher  kann  der  pejorative  Sinn  stammen,  der  goujat 
und  gonge  im  allgemeinen  eigen  ist:  die  Bedeutung  ,homme  grossier, 
vilain'  ist  ja  schon  seit  dem  14.  Jh.,  alio  ebenso  früh  belegt  wie 
aprov.  gojat  ,jeune  homme'.  Auch  von  goiijer  ,plaisanter'  (vgl.  süd- 
frz.  goujoiina  ,goujonner  .  .  .  vexer,  taquiner')  kann  man  zu  goujat 
, grober  Kerl'  kommen.  AI.  Sperber  hat  ja  schon  mit  Recht  betont, 
dafs  die  alte  Überlieferung  des  Wortes  uns  nicht  bekannt  ist.  Es 
darf  daher  nicht  daran  Anstofs  genommen  werden,  dafs  wir  ein 
Wort  des  17.  Jhs.  zur  Erklärung  eines  solchen  des  14.  verwendeten 
—  ähnlich  mufsten  wir  ja  auch  bei  gamin  handeln.  Gouger  , stopfen' 
gehört  wohl  auch  zu  veraltetem  anjou.  o^ö?<^^//^  ,  poche  de  vetement', 
das  nichts  mit  bougette  zutun  haben  wird,  und  zu  frz.  gouger  ,mit 
dem  Hohlmeifsel  (gouge)  arbeiten,  aushöhlen,  vertiefen',  (en)goujure 
, Einschnitt,  Kerb',  goujon  , Pflock,  Zapfen' =  lt.  ^?/(^/(?  (iJi^jr  3906). 
Schweizfrz.  godji  ,  aufquellen,  einwässern  (in  der  Böttcherei)'  (Bridel, 
Wissler)  verhält  sich  zu  godji  , schmollen'  (Bridel)  wie  goiijer 
, stopfen'  zu  ,verspotten'  (oder  vgl.  frz.  boudcr,  das  Littre  mit  dem 
Schwellen  der  Lippen  richtig  erklärt,  während  Dict.  gen.  unbekannte 
Herkunft  angibt).  Zum  Übergang  ,gefräfsig'  >  , Knabe'  vgl.  Pauli 
S.  227  ft".  1  Lothr.  gojene  ,se  dit  d'un  sac  empli  ä  moitie  et 
que  l'on  acheve  de  remplir  apres  l'avoir  lie  par  le  milieu'  (Adam) 
stellt  wohl  ein  goujonner  dar.  Hierher  vv'ohl  auch  reims.  goyes  ,päte 
an  longs  morceaux  servant  ä  engraisser  les  dindons'  ,linge  mal- 
propre et  de  nulle  valeur'  (Saubinet),  vgl.  die  goye,  goyard-^^^n.- 
formen  von  goujat  und  altwestfranz.  goie  ,  Hohlmeifsel',  Von 
, stopfen'  aus  erklärt  sich  Yonne.  goujat  , Mörtel'  (Chambure)  oder 
von  goujat  , Maurergehilfe'  (z.  B.  grand'combe  gujar  , goujat,  qui 
porte  le  ciment')  aus,  von  diesem  wieder  die  Bedeutung  , Pfuscher, 


1  Da  mon  gueux  in  I'^ranUreich  gelegenilich  die  Ansprache  eines  Kindes 
ist  und  anderseits  gueux  , Bettler'  m\\.  gosier,  gueuse  ,Hals'  im  13.  Jh.  zu- 
sammenhängt (Sainesn,  L'argot  ancien  S.  371;  vgl.  \o\\i.K.  gose  ,gaver',  Bloch, 
und  in  der  pikardischen  Hugenottenkolonie  Friedrichsdorf  gase  , naschen',  gö 
, Nascher',  wozu  Marmier  wohl  mit  Unrecht  bemerkt:  „Diese  Bedeutung  hat 
sich  erst  in  F.[riedrichsdorf]  entwickelt"),  so  könnte  auch  dies  als  Beispiel 
für  ,Fre£ser' >•, Bettler '];>, Kind'  dienen. 


LEO    SPITZER,    FRANZÖSISCHE    ETYMOLOGIEN.  203 

Stümper'.  Hierher  nuch  Grand'cumbe.  giiji  , unter  der  Asclie  glimmen 
(vom  Feuer)',  vgl.  blonay.  godzi  (^oVbMxz. goger)  ,mettre  les  cliataignes, 
les  cereales  ou  les  plantes  texliles  en  tas  pour  häter  leur  matura- 
tion  .  .  .  Couver,  en  parlant  de  maladies*  (Oudin).  Schon  Gerig, 
Die  Terminologie  der  Hanf-  und  Flachskultur  S.  32  schreibt  anläfs- 
lich  schweizfrz.  godzi  ,Hanf  rösten':  „Das  Verb  ist  in  anderen  be- 
deutungen  in  der  Westschweiz  häufig.  Die  verbreitetste  bedeutung 
ist:  faire  gonfler  dans  l'eau  un  vase  de  bois,  combuger,  tremper, 
imbiber,  laisser  tren-per  du  linge  (F.  Bridtl),  feiner  pourrir,  etre 
pris  d'une  maladie  qui  germe  (incubation),  nicht  im  freien  liegen 
bleiben,  vom  heu  gesagt.  Favre,  Poilou  se  gouger  =^^&  remplir 
l'estomac  d'aliments  de  factm  a  se  donner  une  indigestion.  gqdzo, 
godzu  (VVaadt,  Freiburg)  dementsprechend:  i.  das,  was  man  der 
feuchtigkeit  aussetzt,  z.  b.  häufen  irgendeiner  materie,  die  man  zum 
faulen  hinlegt,  i  2.  etwas  aufgeschwelltes,  dickes,  die  .  .  .  hanfhaufen, 
ein  sehr  dickes  weib  (Oranges,  Waadt),  inkubation  usw.,  endlicli 
feuchter  ort,  wiese,  sumpf."  Die  urspr.  Bedeutung  der  Sippe  ist 
,etwas  Aufgeschwelltes',  , Dickes',  wie  gesagt,  von  , Pflock,  Zapfen' 
aus  ohne  weiteres  verständlich. 


frz.   Gros  -Jean. 

Zu  La  Fontaines  Versen  {Fahles  VII  10)  Quelque  accident  fail-il 
que  je  renlre  en  moi-mane,  [e  suis  gros  Jean  tomme  devant  bemerkt 
die  Ausgabe  der  Grands  ecrivains  [Oeuvres  II  S.  154):  „C'est  ä-dire 
un  horame  du  village  ou  d'humble  condition.  Gros-Jean  et  Grand 
TibaiiU  sont  deux  noms  de  paysans,  dans  une  chanson  que  cite 
Rabelais  (Prologue  du  quart  livre  .  .  .).  Le  vers  est  devenu  proverbe 
(si  le  proverbe  n'avait  dejä  cours)  et  semble  faire  allusion  au  heros 
de  quelque  histoire  populaire,  a  quelque  aventurier  retombe  a  rien 
apres  de  courtes  et  fantastiques  grandeurs."  Ich  frage  mich  nun, 
ob  nicht  Anspielung  auf  das  Spiel  vorliegt,  das  Vermesse  für  die 
Wallonie  also  beschreibt:  „Gros-Jean  poursuit  d'abord  tout  seul 
ses  adversaires  ä  clochepied,  toutefois,  apres  leur  avoir  demande 
la  permission  de  sorlir.  Chaque  prisonnier  qu'il  fait  augmente  sa 
famille;  la  poursuite  collective  quentrtprend  Gros-Jean  avec  sa  femme 
et  ses  enfans  a  Heu  en  faisant  la  chaine  par  les  mains  reunies. 
Les  adversaires  cherchent  ä  briser  celte  chaine  ä  coups  de  poing; 
c'est  aussi  ä  coup  de  poing  qu  on  reconduit  ä  son  poste  la  famille 
Gros-Jean  debandee.  ,  Gros-Jean  peut-il  sortir  tout  seul  ou  avec 
sa  femme,  ou  avec  ses  enfants?  " —  Sorte,  gueux!  est-il  repondu.'  .... 
Dans  le  Cambresis  ce  jeu  est  connu  sous  le  titre  de  Jirome.'''  Man 
sieht,  Gros-Jean  sammelt  zuerst  eine  zahlreiche  Familie  um  sich, 
von  der  er  dann  getrennt  wird,  so  dafs  er  Gros  -Jean  comme  devant 
bleibt. 


'  Vgl.  das  erwähnte  \t\mi.  goyes  ,unn.ine  Wäsche' 


204  VERMISCH lES.       ZUR    WOKTGESCHICHTE. 

pik.   trz.-conte  \yon.  p/a//iiis(s)e  , Ohrteige'. 

P.  Marchot  hat  uns  J^om.  192 1,  S.  237  ff.  über  die  Verbreitung 
dieses  Wortes  reichlich  belehrt.  Nur  in  der  Etymologie  kann  ich 
ihm  nicht  beistimmen:  er  führt  es  auf  ein  pabnizare  ,dare  alapas* 
der  mittelalterlichen  (gelehrten)  Kleriker  zurück.  Man  versteht  aber 
dann  nicht  die  Entwicklung  des  Suffixes  -izare,  das  in  haptiser  etc. 
geblieben  ist:  die  Bemerkung  „une  menue  d^formation  (d'?'  en  //), 
comme  il  arrive  le  plus  souvent  dans  les  cas  de  ce  genre"  verhüllt 
die  Schwierigkeit,  wir  müfsten  eine  hypothetische  Zwischenform 
*platneser  >  plamuser  annehmen,  ferner  wie  erklärte  sich  das  stimm- 
lose s  {plamusse)  und  wieso  hat  sich/Zawr/jfj)«?  so  weit  \on  pa/ma  — 
paumer  paumoyer  etc.  entfernt? 

Für  mich  besteht  kein  Zweifel,  dafs  plamusse  , Ohrfeige'  mit 
dem  von  INIarchot  aus  ahd.  plalamos  mhd.  blaievnws  ,lagana' 
(=  Platte  -\-  Mus)  erklärten  frz.-comte'schen  Homonym  plamusse 
, Sorte  de  crepe'  identisch  ist:  Schläge  werden  gern  durch  Gebäck- 
bezeichnungen ausgedrückt:  Sainean  Ztschr.  30,  308  sagt:  „L'asso- 
ciation  des  idees:  manger-battre  ou  pätisserie-coup  est  assez  familiere: 
cf.  pop.  häfre,  repas  copieux  et  gifle  (argot  heignet  coup),  Mayen. 
tortignole  (torquignole) ,  chiquenaude,  propr.  petite  tourte  .  .  .;  fr. 
casse-museau  (XV  "^  s.)  et  talemouse  (XIV  "^  s.)  signifient  ä  la  fois 
gäteau  et  soufflet'.  Er  will  dann  auch  chiquenaude  zu  chiquer  be- 
ziehen, worin  wir  nicht  ohne  weiteres  einwilligen  werden.  Auch 
cassemuseau  ist  v^ohl  eher  abzusondern  (wohl  , hartes  Gebäck'  einer- 
seits, , schwerer  Schlag'  anderseits).  In  dem  „Index  des  idees" 
seines  neueren  Buches  „Le  langage  parisien  au  XIX "^  siecle"  (1920) 
zitiert  dann  Sainean  s.  v.  coups  noch  beigiie,  dat  iole,  tarte.  1  Vgl.  noch 
d?^^  Disch.  Wb.  s.v,  Schmarre.  Die  Ideenverbindung  , manger — battre* 
ist  also  durchaus  nicht  blofs  „balkanisch",  wie  Baist  Ztschr.  }^2^,  Ö5 
behauptete:  ich  erinnere  nur  an  Viüon  l^cst.'V.tto  que  me  feist 
maschier  cts  groselles,  von  P.  Champion  Fr.  Villon  I.  120  als  ,rece- 
voir  des  coups'  übersetzt  und  aus  dem  Brauch,  mit  branches  de 
groseliers  zu  schlagen,  erklärt,  ferner  Tist.  740  mtngier  d^  an- 
goisse  jnainte  poire  (Wortspiel  wie  dtsch.  Grausbirne)  und  das 
parallele  frz.  boire  , hinnehmen,  ertragen  müssen'  (z.  B.  la  volie  du 
canon),  das  Schullz-Gora  GRM.  4,  22J  i.  belegt.  Wenn  man  noch 
beachtet,  dafs  die  ,crepe'  ein  flacher  Kuchen  ist,  so  kann  man 
in  dem  ,large  soufl'let'  eine  Anspielung  auf  den  Schlag  mit  der 
ganzen  flachen  Hand  sehen.  Es  ist  aber  überhaupt  methodisch  die 
Forderung  aufzustellen,  dafs  zwei  Homonyme,  deren  Bedeutungen 
auf   den  ersten  Blick  auseinanderklaffen,    nicht  ohne  weiteres  von- 


'  S.  327  wird  plamu^e  , Ohrfeige'  als  Archaismus  [plameuse  bei  Rabelais) 
besprochen,  aber  wie  es  scheint,  aus  plat-miiseati  (,qui  apiatit  le  iTiUseau') 
erklärt.  Ich  vermute,  dafs  plamtif  im  Argot  Ersatz  von  7niise  (museau)  durch 
mufle  ist.  Clajnecer,  clamser  ,steiben'  i.-,t  wohl  unser  plamusser  mit  Einflufs 
von  dem  ähnlich  entwickelten  ciaquer  'sterben'. 


LEO    SPITZER,    FRANZÖSISCHE    ETYMOLOGIEN.  205 

einandergerissen  werden,  sondern  erst  bewiesen  wird,  dafs  sie  tat- 
sächlich semantisch  unvereinbar  sind,  bevor  man  zu  einer  anderen 
Erklärung  greift  (vgl.  oben  Z/j^,^;-.  42,  5  ff.). 

Das  deutsche  Mus  liegt  in  argot.  moiiise  vor  (Esnault,  Le  Poilu 
tel  qiiil  se  parle),  aus  allerer  Zeit  vielleicht  in  afrz.  rnusgoe  iREW. 
s.v.  müsgauda)   vor.  1 

afrz.  purer  , Gemüse  passieren',  frz.  pnrt'e  ,Brei*, 
pur  711  ,  Jauche*. 

In  REW  6857  s.  V.  pürare  , reinigen'  schreibt  Meyer -Lübke: 
„Die  zweite  Bedeutung  von  frz.  purer  [.passieren'  neben  , reinigen'] 
ist  nicht  recht  verständlich,  auch  nicht,  wenn  man  PURARE  .eitern' 
zugrunde  legt,  was  allerdings  für  purin  , Jauche'  passen  würde;  afrz. 
pevree  , Pfeffersauce'  [das  Rom.  Q,  337  erwogen  wird]  liegt  von  puree 
jBrei'  zu  weit  ab."  Ich  schliefse  mich  der  letzteren  Bemerkung 
eher  an  als  der  ersteren :  von  , reinigen'  zu  , passieren'  ist  doch 
nicht  weit,  vgl.  REW  685g  s.  v.  purgare  , reinigen':  kat.  porgador, 
arag.  porgadora,  span.  porgadera  ,Sieb'.  Wir  haben  schon  afrz. 
purer  ,degoutter',  das  in  norm,  lothr.  etc.  Mundarten  als  ,egoutter, 
couier'  lebt.  Dafs  im  Altfrz.  „weniger" /»z^rar^  von  pus  , Eiter' vor- 
liegt, zeigt  west.  dtburer  ,egoutter,  vider'  (Thoraas,  Rofu.  ig  16 — 8, 
33g ff.),  das  selbst  einen  Ausweg  aus  der  detresse  semantique  bot, 
astur,  deburar  ,sacar  por  el  agujero  de  una  vasija  el  liquido  con- 
tenido  en  ella',  dihura  ,leche  que  se  saca  de  la  botia  o  puchero, 
o  del  odre  en  que  se  ha  mazado  la  manteca,  una  vez  formada 
esta'  (Menendez  Pidal  Rev.  d.  fil.  esp.  1920  S.  62).  Letzteres  ist  nun 
die  Bedeutung  von  beauce.  puriau  ,lait  ecreme',  das  mit  mons. 
puriau  ,eau  de  fumier'  zusammenstimmt.  Von  ,egoutter*  (God.)  zu 
,egout'  ist  wieder  nicht  weit:  purin  , Jauche'.  Das  purer  auf  der 
Karte  pleurer  ist  unser  Wort,  das  in  der  Form  pjörer  etwa  mit 
pleurer  zusammentraf  (daher  nun  auch  bei  Verrier-Onillon  pur  hie 
statt  pleuresie,  in  dem  pleurer  gefühlt  wurde).  Man  kann  eine  teil- 
weise Konvergenz  und  auch  wieder  gegenseitige  Abstofsung  zwischen 
den  pus  , Eiter'-  und  den  /«/-z^j-- Ableitungen  annehmen  —  Eiter 
tropft  ja  ab  wie  Gesiebtes  — ,  die  es  bewirkt  hat,  dafs  *purare 
»eitern'  durch  suppurer  (13.  Jh.  soupurer),  *purare  , sieben'  durch 
passer  verdrängt  wurde  und  von  diesen  Synonymen-  und  Homo- 
nymenkämpfen nur  die  von  der  einheitlichen  */«rör.?  -  Masse  ab- 
gesplitterten Bildungen  wie  puree,  purin  übriggeblieben  sind. 


'  Zu  der  schönen  Erklärung  Marchots  von  afrz.  boulenge  .Mehlheutel' 
(ebda.  S.  211  fl.)  aus  *[biirete]  boulange  zu  germ.  *uolla  .feinstes  Mehl'  möchte 
ich  noch  anmerken,  das  ich  dieselbe  Etymologie  in  Lexikographisches  aus  dem 
Katalan.  (1921)  gleichzeitig  S.  62  gegeben  und  ein  paralleles  mallorkasches 
holenga  derselben  Bdtg.  wie  das  afrz.  Wort  angeführt  habe. 

'■^  Hierzu  vgl.  noch  salam.  ^//rrtr  'prensar,  exprimir,  apnrar'  (f.amano). 


206  VERMISCHTES      ZUR   WOKTGESCHICHTE. 

Zu  frz.  shnillajit  .lebhaft,  unruhig'. 

Jeanroys  und  meinet  Deutung  des  nfrz.  semillanl  hat  REW  780Q 
s.  V.  * seminicula  in  gleicher  Weise  verworfen.  Zur  ersteren  bemerkt 
Meyer-Lübke :  „(Afrz.  semille  ,Same',  , Geschlecht',  7nale  semille  .Be- 
trüger', semilleus  .schlau',  , verschlagen',  , geschwätzig',  semillier  ,auf 
Listen  sinnen',  nfrz.  semiÜani  [1.  s,'miJlanf\  .lebhaft',  , unruhig';  afrz. 
semillier  ,ira  Samen  herumwühlen',  ,sich  hin-  und  herbewegen'  R. 
XXXII,  300  legt  eine  lat.  nicht  unbedenkliche  Form  zugrunde  und 
ist  begrifflich  schwierig.)"  Jeanroy  hatte  geschrieben :  „quiconque  a 
jamais  plong^  la  main  dans  un  sac  de  menue  graine  bien  seche,  de 
millet  par  exemple,  ou  meme  de  ble  .....  quiconque  a  transvas6 
de  pareilles  graines  d'un  r^cipient  dans  un  autre  est  tont  dispose 
a  admettre  qu'un  verbe  tire  de  *sc?ninicula  ait  pu  designer  le  mouve- 
ment  vif.  presse,  d'un  objet  qui  fuit  entre  les  doigts  et  etincelle 
en  fuyant."  Ich  bin  heute  von  Jeanroys  Deutung  überzeugt  und 
kann  auf  einen  Vergleich  hinweisen,  den  ein  von  der  Anschauung 
ausgehender  Mann  wie  Rabelais  gebraucht:  in  den  Kapiteln  über 
die  „Anatomie"  des  Quarcsmeprenant  (IV  31)  werden  unter  ver- 
schiedenen Beschreibungen  seiner  „Mentalität"  wie  La  memoire  avoii 
comme  une  e schar pe,  le  sens  commiin  comme  un  bourdoti,  rimaginalion 
comme  un  quarillonneinent  de  cloches,  les  pensees  comme  un  vol  d^estour- 
neaux,  la  conscience  comme  un  denigement  de  hironneaux  auch  zitiert : 
Les  dcliberations  comme  une  pochce  d'orgues.  Dies  kommentiert  Dr. 
Albarel  in  Rev.  d.  eiudes  rahel.  4,  50:  „Quarcsmeprenant  etait  un 
indecis.  cela  decoulait  de  ses  pensees,  qui  ne  se  presentaient  jamais 
avec  clarte  ä  son  esprit.  II  deliberait  continuelleraent,  sans  savoir 
oü  se  fixer,  tantot  penchant  ä  gauche,  tantöt  ä,  droite.  Ses  d61ibera- 
tions  etaient  comme  un  sac  d'orge  dont  les  grains  changent  de 
place  au  moindre  mouvement."  Es  konnte  der  Bewegliche  einer- 
seits als  schlau  und  verschlagen  (cf.  lat.  versatilis)  anderseits  als  un- 
entschlossen (Quarcsmeprenant  bei  Rabelais)  dargestellt  werden.  Ist 
damit  das  begriffliche  Bedenken  beschwichtigt,  so  bleibt  noch  das 
formelle :  da  würde  ich  denn  kein  *se7ninicula  konstruieren,  sondern 
einfach  eine  -///^r-Ableitung  von  semer,  vgl.  grappiller  und  /refiller 
(im  ersten  Beleg  für  semillanf,  den  Dict.  gen.  anführt,  erscheint  es 
mit  fretillant  verbunden).  Wenn  Meyer-Lübke  Ztschr.  28,  260  gegen 
Jeanroy's  Etymologie  einwendet  „Weshalb  aber  /.?*",  so  erklärt  sich 
dies  aus  dem  so  häufigen  Schwanken  von  e  und  e  in  der  Vorton- 
silbe (von  den  bei  Herzog,  Tlistor.  Sprachlehre  des  Neufrz.  S.  180 
angeführten  Fällen  vgl.  etwa  gtinir,  premier  neben  premier,  ferner 
peiilhr,  pefer  neben  peter  etc.).  Andalns.  jina  ninjer  semhra  ,eine 
reizvolle  Frau'  (z.  B.  Demofilo  bei  Rodriguez  Marin,  Catitos pop.  esp. 


•  Für  simil/a  würde  von  Ernault  MSL.  ri,  ITI  erwähntes  vannes.  semeilh 
.revenant'  (vgl.  lat.  simulacrum  .Schatten')  simill  .grimace',  ,renn6de  de  bonne 
femme'  (also  homöopathisches  Mittel)  sprechen,  das  zu  afrz.  semiUeiia  .be- 
trügerisch' pafst. 


LEO  SPITZER,    DAS  GERUNDIUM  ALS  IMPERATIV  IM  SPAGNIOL.       207 

V  227)  ist  wohl  etwas  anders  zu  erklären:  „sin  semilla  no  hay 
frutos  ni  nuevas  flores"   erklärt  mit  Recht  Demofilo. 

lüttich.  sindrlse 

belegt  Haust  Rom.  21,  573  in  der  Wendung  sindreses  del  ?fnver/  ,les 
angoisses  de  la  conscience'  und  identifiziert  es  mit  altfrz.  synderese 
,reproche  que  nous  adresse  nolre  conscience' =  griech.  öwt^Jq/joi^ 
, Bewachung,  Beobachtung'.  Es  sei  mir  gestattet,  darauf  hinzu- 
weisen, dafs  auch  an  einem  anderen  Punkte  der  Romania,  in 
Katalonien,  das  gelehrte  Wort  volkstümlich  geworden  ist:  M.  de 
Montoliu  hat  B utile ti  de  dialedologia  cat.  1915  S.  62  kat.  dhia  , Manie, 
fixe  Idee'  aus  ideia  -}-  J^«^/m  , Verstand'  (=  käst,  sindiresis  ,direccion, 
capacidad  natural  para  juzgar  rectamente')  erklärt.  Vielleicht  ist 
aber  ideia  überhaupt  unbeteiligt.  In  Müteil.  d.  Seminars  Hamburg 
19 18  S.  29  habe  ich  mall,  ender ia  belegt.  Da  auf  Mallorka  Reste 
des  i/>jf- Artikels  vorhanden  sind  (j'),  so  ist  offenbar  '*sender-  als 
s^  ender-  gefafst  worden.  Die  Umbildung  zum  Feminin  war  da- 
durch ermöglicht,  dafs  '  ia  auf  Mallorka  zu  -/  wird.  Das  afrz.  und 
das  kat.  Wort  erhellen  einander  gegenseitig:  der  Beleg  bei  God. 
et  que  ledit  Chevalier  eust  qiielque  scrupule  oii  sinderese  au  cueur 
gestattet    schon    sehr    gut    die    Deutung    ,fixe   Idee',    die    , Skrupel' 

nahesteht.  ^    ^ 

L.  Spitzer. 

2.    Das  Gerundium  als  Imperativ  im  Spaniolischen. 

Die  P>klärung,  die  Subak,  Judenspanisches  aus  Sahnikki  S.  16 
für  judsp.  diziendo  statt  decid  (Imp.  2.  pl.)  gibt  und  von  W.  Simon, 
Ztschr.  40,  680  wiederholt  wird,  erscheint  mir  keineswegs  richtig: 
ein  decidlo  >  altsp.  decildo  >■  mit  nochmaliger  Anhängung  des  -lo\ 
decildolo  >  nun  Dissimilation  decindolo  (das  durch  kampidan.//;/^/o/a 
aus  pilula  gestützt  wird,  vgl.  eher  das  g'aX.  pe(njla  ,bollo  de  manteca', 
das  ich  Bibl.  arch.  rom.  n/2  S.  166  bespreche),  diese  Reihe  enthält 
eine  Reihe  von  Zwischenfällen,  die  blofs  supponiert  sind.  Simon  geht 
von  Verben  mit  'l(d)-,  -ll-  im  Stamm  aus:  mehladlo  >  meldaldo  > 
meldando.  Aber  in  beiden  Fällen  ist  doch  auffallend,  dafs  ein  mel- 
dando  nicht  ,  leset  es',  sondern  ,  leset'  bedeutet:  warum  sollte 
gerade  das  neutrale  oder  maskuline  lo  spurlos  im  Verb  und  gerade 
nur  in  der  2.  Pluralis  aufgegangen  sein?  Simon  meint,  den  ihm 
von  Wagner  im  Spanischen  belegten  imperativen  Gebrauch  des 
Gerundiums  {sp.  andando  ,auf,  gehen  wir!')  deshalb  abtrennen  zu 
müssen,  weil  dieses  im  Span,  für  alle  Personen  und  alle  Numeri 
gebraucht  werde  (übrigens  wohl  nur  i.Plur.,  2.  Sing,  und  2.  Plur.), 
während  nur  die  2.  Plur.  Imp.  im  Judsp.  durch  das  Gerundium  ver- 
drängt ist.  Aber  meine  Gegenfrage,  warum  denn  gerade  in  der 
2.  Plur.  die  Inkorporation  des  lo  in  den  Imperativ  vor  sich  gegangen 
sein  soll,  schwächt  seinen  Standpunkt.  Wir  bemerken  zwar  nach 
Wagner,  /udspan.  v.  Konstant.  Sp.  128  ein  gewisses  Schwanken  beim 


2o8  VERMISCHTES.      ZUK    WOKTGESCHICHTE. 

Gebrauch  des  -Id-  aus  -dl-  (z.  B.  -ad  ■\- lo  >  -aldo  etc.)  im  Judsp., 
wenn    konüd  -j-  lo-vos  >  *komeldovos  zu  komeboidos,    ein  ^ßö'  -f"  ''^  "f"  ^^ 

>  *daldele  zu  daleiJe,   ein  emprezentad  -f-  ?«<?  +  ^i^  ^  *e7nprezeniadIome 

>  ^ernprezentaldoine  zu  emprezentameido  umgestellt  wird,  aber  überall 
ist  das  /^,  /ö  syntaktisch  berechtigt  (auch  in  Formen  wie  daleide 
Ijuestro  bagaze  a  un  Jramal  ,gebt  euer  Gepäck  einem  Lastträger' 
sind  lo  und  le  affektisch-proleptisch  wahrhaft  „pro  nominibus",  vor 
die  erst  später  genannten  genaueren  Substantiva  gesetzt,  vgl. 
Wagner  Sp.  130).  Und  gerade  die  Form  daleide  zeigt  nicht  eine 
Dissimilation  zu  *dalende.  Ich  habe  nun  in  meinen  Aufsätzen  zur 
romati.  Syntax  u.  Stilistik  S.  226  Anm.  über  diesen  gerundialen 
Imperativ  kurz  gehandelt  (vgl.  schon  Cuervo,  Dicc.  s.  v.  andar  i  d  ein 
Beispiel).  Ich  gebe  noch  ein  paar  Beispiele,  die  mir  seither  unter- 
gekommen sind:  Pereda,  Peüas  arriba  S.  64:  ^Con  qtte  andando? 
[gehen  wir  also  {\  Dtgo,  si  te  parece  ;  Benavente,  Modas :  Antes  de 
que  tisted  llcgiie,  tendrd  [la  marquesa]  el  %)estldo  en  casa  —  Cor- 
rlendo,  el  vestido  de  la  seilora  ma7-qiiesa  .  .  .  ('schnell  die  Toilette 
der  Frau  Marquise ! ').  Ein  andalusisches  Sprichwort  (zitiert  bei 
Rodriguez  INIarm,  Cantos  pop.  esp.  IV,  122)  sagt:  El  casamicnto  y  el 
caldo  pelando  („esto  es:  quemando,  enseguida").  Besses  belegt  in 
seinem  Dicclonario  de  argol  espanol  s.  v.  chatiar  ,  saber ' :  chanando 
al  chtva  ,  \  cuidado  con  ese ! '  Ein  ptg.  maica  ßando  /  hat  ganz 
ähnlichen  Sinn,  von  Moreira,  Estudos  da  llngua  port.  I  170,  II  11 
übersetzt  ,näo  se  fiem  muito  nisso ',  ,va  sempre  tendo  cautela', 
(also  auch  für  Imp.  Sing. !).  Die  Erklärung  des  Brauches  geht  wohl 
auf  verschiedene  Ursachen  zurück :  das  letzte  Beispiel  erklärte  ich 
a.a.O.  als  „akzidentiellen"  Befehl:  ,  immer  vorsichtig!  [sc.  könnt 
ihr  mit  ihm  verkehren] ',  ,  ihr  könnt  tun  was  ihr  wollt,  wenn  ihr 
nur  vorsichtig  bleibt ',  ähnlich  chanando  al  chiva.  Das  andal.  Sprich- 
wort heifst  wieder:  »Hochzeit  und  Wärme  —  im  Augenblick  (so- 
lang man  rupft)',  hier  drückt  das  Gerundium  die  Zeitdauer  aus. 
Bei  corriendo  el  vestido  ist  ein  , bringt'  zu  ergänzen,  ein  ähnlicher 
Imperativ  wohl  auch  bei  andando.  YXxi  vamos  aviando  'hurtig  fort' 
bringt  Tollhausen  s.  v.  aviar,  Lenz,  La  oraciön  y  sus  partes  S.  393 
einen  Beispielsatz  wie  vaya  a  decirselo,  corriendo.  Ähnlich  Benavente, 
AI  natural,  acto  I:  voy,  voy  corriendo,  Coloraa,  Juan  Miseria  S.  72, 
vaya  V.  corriendo,  corj-iendo,  122  \entra,  aitra  corriendol  Alarcon, 
El  somhrero  de  tres  picos,  S.  166  voy  volando,  171  vamos  andando. 
In  allen  diesen  Fällen  ist  das  Verb  in  der  Gerundialform  zu  einem 
.schnell'  geworden  (das  scheint  auch  Cuervo  in  den  Notas  zu 
Bello  S.  750  zu  meinen),  das  nun  auch  als  Imperativ  (wie  dtsch. 
schnelll)  gebraucht  werden  kann:  so  erklären  sich  auch  die  Diminutiv- 
formen, die  Lenz  belegt:  corriendin,  andandin,  corriendito,  die  sich 
mit  ahorita,  arribota  etc.  (vgl.  Verf.  RFE.  192 1,  58  ff.)  vergleichen 
(hieher  auch  nordbrasil.  estd  dormindinho  in  familiärer  Rede,  Joäo 
Ribeiro,  A  lingua  nacional  [192 1]  S.  V  Nachtrag). ^ 

'   Das    nadando    für    nada    des  mexik.-sp.   Rotwelsch  läfst  sich  vielleicht 
hier   anknüpfen,    als  Gegensatzbildung    zu  einem  a^idaiido  aus  nada  deformiert 


LEO  SPITZER,    DAS  GERUNDIUM  ALS  IMPERATIV  IM  SPAGNIOL.       209 

Unklar  ist  die  Entstehung  von  andanda  (z.  B.  landanda  con  la 
salve!)  in  Maragateria  [BoL  d.  l.  r.  acad.  esp.  191 5,  S.  630):  ist  Dop- 
pelung von  interjektionellem  /  atida !  (vgl.  Cuervo  g  a)  oder  eine 
Art  Movierung  des  Gerundiums  anzunehmen  (vgl.  ä  sahiendis)  oder 
Umbildung  nach  den  Imperativischen  Wörtern  auf  -a  wie  vaya, 
toma,  daca,  aupa} 

Nun  bliebe  noch  übrig,  dem  Einwand  zu  begegnen,  warum 
denn  gerade  für  die  2.  Plur.  das  imperativische  Gerundium  eintrat. 
Aber  man  nimmt  ja  auch  keinen  Anstofs  daran,  dafs  der  Befehls- 
infinitiv des  Altromanischen  (z.  B.  ait.  non  teuere  etc.)  nur  in  der 
negierten  2.  Sing,  eingetreten  ist,  nicht  etwa  in  der  2.  Plur.  Vor 
allem  kommt  dies  \a>idando\,  \corriendo\  auch  in  Ansprache  an 
einen  Singular  vor:  vgl.  ptg.  ?iunca  fiando  und  Gascon,  Cue7itos 
baturros  3,  197:  Piies  mira;  andando,  ä  echar  im  bocau  ,geh  schnell 
und  ifs!'  Ferner  sehen  wir  auch  in  unseren  sp.  Beispielen  meist 
eine  Ansprache  an  eine  Mehrheit  (mindestens  eine  Zweiheit:  das 
andando  schliefst  Redner  und  Angeredeten  zu  einer  Einheit  zu- 
sammen: plural  inclusivus).  Dafs  die  2.  sg.  imp.  im  Spaniolischen 
unberührt  blieb,  mag  auch  an  dem  Kommandocharakter  des  j an- 
dando!  liegen,  das  an  eine  Mehrheit  gerichtet  ist:  der  Sprecher 
konnte  bald  mitverstanden,  bald  ausgeschlossen  sein:  das  '^vamos 
andando  konnte  gerade  durch  die  Verkürzung  zu  andando  auf  die 
2.  Plur.  bezogen  werden,  i  behielt  aber  die  pluralische  Idee  bei. 

Das  Gerundium  hat  überhaupt  eine  expansive  Tendenz  in  den 
roman.  Sprachen:  so  wird  in  Pitre's  Archivio  19,  308  zu  dem 
sardischen  Vierzeiler 

Sole  e  fruinde  II   sole  e  piove 

Ricus  pedinde  II  riceo  chiede  l'elcmosin 

Pruinde  e  sole  Piove  e  c'6  il  sole 

Trigu  a  muntone  Grano  a  mucchio 

bemerkt:  „Per  l'interpretazione  ricordiamo  l'uso  frequentissimo  del 
gerundio  nel  dialetto  sardo  in  proposizioni  che  negli  altri  dialetti 
italiani  hanno  un  tempo  di  modo  finito.  P.  es.  Ite  (sese)  fachende? 
Leghende.    Che  fai?  Leggo."    Von  solchen  Dialogen  könnten  wir  allen- 


{Lbl.  1921  Sp.  402);  man  beachte  das  von  Krüger  RFE.  1921  S.  312  erwähnte 
aslur.  andando  mit  der  Übersetzung  'mucho  que  si';  vgl.  noch  Joao  Ribtiro, 
O  Folk-Lore  (191 9)  S.  268:  „Ao  empregar  a  palavra  nada,  ouvir-se  ha  como 
resposta;  «quem  hem  nada  näo  se  afoga»."  —  YLs.\..  andandis  .Benelimeu' 
schliefst  sich  wohl  an  das  -andus  -^«</z/.f-Suffi.x  an,  das  ich  Bibliot.  Arch.  rom. 
II,  2  S.  115  behandelt  habe  und  demnächst  in  dieser  Ztschr.  zur  Widerlegung 
von  Pieris  Arlilvel  Ztschr.  27,  459  ff.  nochmals  behandeln  werde. 

'  Vgl.  hierzu  Aufsätze  z.  rom.  Syntax  u.  Stilistik  S.  162  ff.  (frz.  allons 
statt  allez).  Das  ngr.  ^t-Tf  (von  jue  =  äyoj/xev  gebildet  für  die  2.  Plur.,  da 
fit  2.  Sing,  geworden  war  wie  etwa  venons  statt  viens  im  Lothr. ,  vgl.  Bloch 
Les  parlers  des  Vosges  märidionales  S.  203)  läfst  sich  auch  anreihen  und  mit 
diesem  wieder  bis  zu  gewissen  Grade  das  österreichische  ^f//?'6' 7« ,  geltsja 
Plural  zu  gelt  ja  , nicht  wahr'  (zum  Konjunktiv  gelt  ,cs  gelte')  vergleichen 
(Schiepek,   Syntax  der  Egerländtr  Mundart  S.  II 5). 


Zcitschr.  f.  rom.  Phil.  XLII. 


14 


2IO  VERMISCHTES.      ZUR    WORTGESCHICHTE. 

falls  auch  fürs  Span,  ausgehen:  ^Que  estamos  haciendof  —  Andando, 
daraus  j andando !  ,auf,  marsch!*  Die  Konstruktion  mit  estar  schwebt 
ja  auch  offeiibar  vor  in  folgenden  umgangssprachh'ciien  Gerundien, 
die  finiten  Verben  gleichkommen:  Benavente,  AI  naiural  acto  I: 
I\!arquesa:  ^Y  su  iiermatio  de  usfedl  l^  su  sohi'inUa'i  —  Ülalla: 
Tan  hiienos.  Gandndose  la  vida,  como  yo  di'go.  —  Marquesa:  Usted 
siempre  ?nejorando,  en  todo,  su  finca,  und  noch  selbständiger:  Bena- 
vente, Rosas  de  otofto  acto  II :  [ein  Brief  wird  gebracht]  De  Pepe  .  . 
No  nccesito  herla.  Excusändose  de  venir,  lo  que  yo  sabia,  lo  qtie 
yo  esperaba,  womit  wir  bei  einer  Form  für  die  sich  in  der  Gegen- 
wart entwickelnde  Handlung  angelangt  sind  wie  engl.  I  a?n  singing, 
rheinländ.  ich  bin  am  denken,  ich  bin  Thee  am  kochen  usw.  Neuer- 
dings erwähnt  auch  Schuchardt  Abh.  d. preufs.  Akad.  d.  Wiss.  IQ22 
phil.-hist.  Kl.  No.  i  S.  36  eine  basldsche  Gerundialform  auf  -ki, 
die  in  der  Rolle  eines  Verbum  finitum  gebraucht  wird.  Lenz 
berichtet  [Neuere  Sprachen  8,  468),  das  Gerundium  sei  im  chilenischen 
Spanisch  eine  der  wichtigsten  Formen,  durch  deren  Gebrauch  die 
lästigen  Konjugationsendungen  gespart  werden,  womit  das  Ge- 
rundium auf  eine  Stufe  mit  Passepartontformen  wie  Infinitiv  und 
Imperativ  rückt.  Auch  das  frz.  donnant  donnant  ,wenn  du  gibst, 
gebe  ich*  kann  man  allenfalls  hier  anführen,  z.B.  Bourget,  Un 
hotnme  d' affaires  68 :  Continuons  ä  viettre  les  choses  au  vrai  point. 
D 0  7171  an t  donnant,  mais  faisons  bien  sentir  que,  dans  le  7narche, 
dest  710US  qtii  apporto7is  le  gros  paquet,  also  ,  Dienst  gegen  Gegen- 
dienst' (besonders  das  zweite  don7ia7it,  das  die  Apodosis  zu  dem 
kondizionalen  ersten  bildet),  aber  es  wird  sich  wohl  dieser  Gebrauch 
als  Hauptsatz  losgelöst  haben  aus  Fällen  wie  dem  bei  Tobler 
V.B.  IP,  163  zitierten:  Do7i7ia7it  don7ia7it,  je  t''echa7ige  une  de  tnes 
fe7)Wies  conire  dix  tonnelets  de  7)iadere,  wo  das  Gerundium  das  Verbum 
des  Hauptsatzes   modifiziert:    , indem   ich    dir    gegen    einen  Dienst 

einen  Gegendienst  leiste  *.i  ^    „ 

L.  Spitzer. 

3.   Lateinisch  tit  'wie'  im  heutigen  Kalabrien. 

'Was  die  Vergleichspartikeln  betrifft',  schreibt  Meyer-Lübke 
Rom.  Gram.  UI,  §  277,  'so  ist  tit  spurlos  verschwunden'.  In  der  Tat 
ist  diese  Partikel,  deren  geringer  Wortumfang  ihr  von  vornherein 
eine  geringere  Lebenskraft  mit  auf  den  Weg  gab,  der  römischen 
Volkssprache  wohl  schon  früh  verloren  gegangen.  Dafs  der  Unter- 
gang des  Wortes  nun  aber  doch  nicht  so  restlos  und  spurlos  von 
statten  gegangen  ist,  wie  man  bisher  wohl  anzunehmen  pflegte, 
zeigt  uns  sein  sporadisches  Vorkommen  in  den  heutigen  Mundarten 
Innerkalabriens.  2 


^  [Ich  freue  mich  der  Übereiustimmung  meines  dieser  Zeitschrift  im  Januar 
1921  eingereichten  Artikels  mit  den  Bemerkungen  'K.xxig^rs  RFE  l(j2\ ,  197 
und  312,  der  an  die  obenerwähnte  Stelle  meiner  Aufsätze  anknüpft.] 

*  Auch  im  Venezianischen  [läe)  scheint  es  noch  zu  leben,  vgl.  Leo  Spitzer, 
Aufsätze  z  ruman.  Syntax,  S.  136,  Anm. 


G.  ROHLFS,    APÜL.  KU,    KALABR.  MU    U.    VERLUST    D.    INFIN.       2  I  I 

Schon  V.  Dorsa  hatte  in  'La  tradizione  greco-latina  nei  dialetti 
della  Calabria  Citeriore'  (Cosenza,  1876)  ein  kalabresisches  ////mit  der 
Bedeutung  'in  quanto'  (S.  52)  registriert,  ohne  freilich  nähere  Angaben 
zu  machen.  Dorsas  spärliche  Notiz  scheint  darum  auch  keine  Be- 
achtung gefunden  zu  haben.  In  der  Tat  aber  lebt  dieses  uti  im 
Sinne  von  come  (als  Vergleichspartikel)  noch  heute  in  den  Dörfern 
um  Cosenza,  wird  aber  kaum  mehr  von  der  jüngeren  Generation 
gebraucht.  Etwas  häufiger  und  lebenskräftiger  ist  das  Wörtchen 
in  den  Bergdörfern  zwischen  Chiaravalle  und  Serra  S.  Bruno  (Prov. 
Catanzaro).  So  hörte  ich  es  im  September  192 1  in  Simbario 
mehrmals  von  einem  und  demselben  Landarbeiter,  unter  anderem 
auch  in  folgender  Frage:  Viditi  sin  lignu  7nu  lu  fazzu  utu  pizzüai 
0  utu  vastum?  'Wollt  Ihr,  dafs  ich  dieses  Holz  wie  einen  Spitz- 
pfahl oder  wie  einen  einfachen  Stock  zuschneide?' 

Dafs  in  diesen  bis  vor  kurzem  fast  völlig  von  jedem  Verkehr 
abgeschlossenen  Gebieten  Innerkalabriens,  die  so  manches  andere, 
sonst  nirgends  mehr  feststellbares  lateinisches  Gut  bewahrt  haben,i 
die  lateinische  Partikel  sich  erhalten  hat,  darf  wohl  keinem  Zweifel 
unterliegen.  Natürlich  aber  ist  kalabr.  «//,  uiu  nicht  direkt  einem 
schon  lateinischen  tili  an  die  Seite  zu  stellen,  sondern  stellt  ut  in 
süditalienischer  Lautung  dar.  ^ 

Gerhard  Rohlfs. 


4.   Apul.  ktif  kalabr.  nm  und  der  Verlust  des  Infinitivs 
in  Unteritalien.  3 

Es  ist  bekannt,  dafs  auf  gewissen  Gebieten  des  südlichen  Italien 
der  Infinitiv  durchaus  unpopulär  und  fast  ebenso  ungebräuchlich  ist 
wie  in  den  Balkansprachen.  Dort  wie  hier  wird  er  zumeist  durch 
persönliche  Konstruktionen  ersetzt.  Und  zwar  geschieht  die  Unter- 
ordnung in  Apulien  mit  ku,  in  Kalabrien  mit  mu,  zwei  Konjunktionen, 
deren  Deutung  bisher  nicht  recht  hat  gelingen  wollen. 

Im  einzelnen  treten  die  persönlichen  Konstruktionen  in  folgenden 
Fällen  auf: 


1  Ich  gedenke  hierauf  demnächst  an  anderer  Stelle  zurückzukommen. 

*  Der  Süditaliener,  der  wie  der  Sarde  im  Auslaut  keine  Kousonanten  in 
pausa  zu  sprechen  vermag,  hängt  diesen  den  ihnen  vorausgehenden  Vokal  als 
leichten  'Nachschligelaut'  an,  eine  Erscheinung,  die  man  iu  süditaiienischen 
Schulen  so  oii  auch  beim  Lesen  lateinischer  Texte  beobachtet:  atuas^,  cernes«, 
venili,  deoio,  hortus'^. 

ä  Abkürzungen:  M.  Mandalari,  Altri  canti  dal  pop.  reggino  (ACR), 
Archivio  per  lo  studio  delle  Irad.  popol.  (ATP),  D.  Lopez,  Canii  baresi  (CB), 
Casetti  e  Imbriani,  Cynti  pop.  meridionali  (CM),  M.  Mandalari,  Canti 
del  pop.  reggino  (CR),  M.  Mandalari,  Canti  della  Plana  di  Calabria  (PC), 
F.  d'Amelio,  Puesci  a  lingua  leccese  (PL),  G.  Pitre,  Fiabe  e  racconti  del 
pop.  sie.  (P),  L.  Gallucci,  Raccolta  di  poesie  calabre  (RPC),  V.  Franco, 
Rose  e  spiae,  vcrsi  calabri  (RS),  G.  de  Nava,  Passu  cantandu,  nnovi  versi 
in  vernacolo  calabro  reggino  (VR),  eigene  Aufnahmen  (+). 

14* 


2  I  2  VERMISCHTES.       ZUK    WORTGESCHICHTE. 

I.    für   den   Objektsinfinitiv 
a)  nach  Ausdrücken  der  Wjllensäufserung 
niu 

vorria  mn  sacciu  'ich  möchte  wissen'  (PC.  26),  vorria  mi  sacclu 
si  SSI  po'  passari  (CR.  35),  ieii  nd'  fidi  iwgghiu  .  .  .  mu  viju  a  fufti 
diii  'will  sehen'  (ib.  55),  vi  pregu  avanli  a  \ldiu  mu  mi  dapriti  'ich 
bitte  mir  zu  öffnen'  (ib.  66),  ca  domaiii  vogju  mu  Pammazzu  'ich 
will  es  schlachten'  (ATP.  X,  121),  voliti  mu  vindi  iti  0  m'astonati? 
(PC.  15),  volendu  mu  ti  lassu,  mV  aiu  tot  tu  (ib.  17),  volia  mu  potta 
'wollte  tragen'  (RS.  50). 

hl 
7nme  nde  vogliu  cu  hacu  a  Culimito  'ich  will  gehen'  (CM.  2 ig), 
nu  mbogghiu  cu  bisciu  nk  cu  sentu  tanta  rruina  'ich  will  weder  hören 
noch  sehen'  (PL.  18),  voiju  cu  te  digu  (Aradeo,  Papanti),  vulia  cu 
sacciu  (ib.),  volia  cu  essu  'ich  möchte  sein'  (ib.),  Udia  cu  inme  Ulamentu 
(CM.  265),  ve  preu,  pensieri  mmei,  cu  nu  pensati  (ib.  273),  \iUa  cu 
bessu  aceddhu  quantu  bolu  'ich  möchte  ein  Vöglein  sein,  um  zu 
fliegen'  (ib.  126). 

b)  nach  'können',  müssen' 
mu 
non  pozzu  mu  ti  viju  e  mu  ii  sentu  'ich  kann  dich  nicht  sehen 
und  hören'  (CR.  61),  sulu  la  morli  poti  mi  jidi  sparti  'kann  mich 
trennen'  (ACR.  15),  omu  tioti  nc  i  chi  ppoti  mi  s'ambizza  'der  es 
lernen  könnte'  (CR.  32),  7ion  pozzu  fari  no  mu  ti  riguardu  'facere 
non  possum,  quin  te  intuear'  (ib.  127),  tid''  annu  mu  passanu  'sti 
''iorna  ainari  'müssen  vorübergehen'  (ib.  17),  ha  mu  veni  (RS.  36), 
aju  mu  dassu  'ich  mufs  lassen'  (ib.  28),  ha  mu  pigghia  (ib.  20), 
lu  figghiu  </'  u  rri  eppa  u  parta  'der  Königssohn  mufste  verreisen' 
(Stilo  t),  aviti  u  mi  haciti  n'  abiteddu  russu  'ihr  raufst  mir  ein  rotes 
Kleid  machen'   (Satriano  f),  ca  ai  mu  jetti  a  riti  (Simbario  f). 

ku 

iocca  cu  sentu  'ich  mufs  hören'  (PL.  15),  cojnu  lu  pozzu  fare 
cu  nu  Vamu  (CM.  302),  besogna  cu  vie  Heu  Vobbregozione  (PL.  14) 

c)    nach  Ausdrücken  des  Anfangens  und  Beginnens 

7nu 

si  priparavanu    mi  fucilanu    a   so  frati   'schickten    sich  an  zu 

erschiefsen'  (ATP.  ig.  367),  capitau  mu  va  'n pelkgrinaggiu  (CR.  287), 

si  mintia  mu  skrive  'fing  an  zu  schreiben'  (Tiriolo  f),  j  oprikau  mu 

kgange  (Sersale  f),  ncignäu  u  ciancia  'er  fing  an  zu  weinen'  (Satriano  f). 

ku 
skappau    ku   bafa  ku  pija    'machte    sich    auf   zu    gehen    um  zu 
nehmen'  (Galatina  f),    ccinninzau  cu  ..   vvendaca  (Brindisi,    Papanti), 
ncignaraggiu  cu  stau  'ich  werde  anfangen  zu  stehen'  (PL.  15). 


G.  ROHLFS,    APÜL.  KU,    KALABK.  Mü    U.    VERLUST   D.    INFIN.       21 3 

d)    nach  'sich  entschliefsen ',  'befehlen',  'sehen' 

mu 

nci  vinni  nfesta  ini  vai  nC  arricnrri  ndi  lu  Rre  'es  kam  ihr  in 
den  Kopf  zu  gehen,  um  Zuflucht  zu  nehmen'  (Palmi,  Papanti), 
pensau  mu  vai  e  mu  ricurri  (Paracorio,  ib.),  si  risorviu  mu  va  mu 
si  lagna  (Cortale,  ib.),  stabiliu  .  .  .  u  nci  taccia  tanta  miseria  a  cchillu 
Rre  (CR.  292),  non  vi  vitti  a  lu  campu  viu  meliti,  e  mancu  granu  a 
Varia  mu  pijati  'ich  sah  euch  nicht  ernten  noch  Korn  auf  der 
Tenne  fassen'  (ib.  99),  ci  a  ditiu  '«  ci  vianna  a  grdsta  'er  befahl 
ihr,  ihm  den  Blumentopf  zu  schicken'  (Cotrone  f). 

ku 
pinzau  cu  ba  ricrama  (Arnesano,  Papanti),  incaricava  ccu  vvendeca 
(Brindisi,  ib.),  li  vinne  a  mente  cu  bascia  e  cu  se  scelta  (Muro  Leccese, 
ib.),  pinzoie  cu  sst  ni  vei  'dachte  zu  gehen'  (Tarent,  ib.). 

e)  nach  'lassen',  'veranlassen',  'machen' 
mu 
ti  pregu  dassa  viu  dormu  'lafs  mich  schlafen'  (CR.  73),  dassa 
mu  ti  lu  dicu  (ib.  112),  //  a  fattu  mu  chiangi  (Tixioloj),  facifela  mi 
godi  (VR.  41),  nci  fici  pi/innu  lu  paganu  a  lacrimi  di  sangu  (Tropea, 
Papanti),  //  fazzu  'u  ti  ndi  vai  prima  'i  mia  a  cchi  /'  atrti  mundu 
(ATP.  X,  121),  mi  fai  mu  moru  'mi  fai  morire'   (Simbario  f). 

ku 
fane  ...  cu  spruscianu  le  rime  (PL.  4),  lassau  lu  Paraisu  cu  ni 
sarva    de  peccatu    'liefs    retten'    (ib.  63),     mni  ha    reduttu  cu  pigghiu 
V  uegghiu  santu  (CM.  161). 

f)    abhängig  von  Substantiven 
mu 
annu  raggiufii,    mu  ti  chiamanu  ciucciu    'sie  haben  Recht,  dich 
einen  Esel  zu  nennen'   (ATP.  X,  121),  perdiu  ogni  speranza  m'  otteni 
(Bovalino,    Papanti),     vue   sapiti  a    magaria    mu   diventati  liuni   'ihr 
kennt  die  Kunst,  ein  Löwe  zu  werden'  (Satriano  f). 

ku 
aggiu  fare  ^nu  votu  alla  Nunziata,  cu  vadu  scausu  sinu  alla 
Turchia  'ein  Gelübde  zu  gehen'  (CM.  166),  non  avia  kuradgu  ku  lu 
dika  (Galatina  f),  ^ose  cu  aggia  armenu  lu  piacere  cu  Jazza  'wollte 
das  Vergnügen  haben  zu  tun'  (Galalone,  Papanti),  aggiu  ür mezza 
cu  mantegnu  (CM.  321). 

g)    abhängig  von  Adjektiven 
mu 

ca  mu  moru  pe  ttia  cuntentu  sunu  'ich  bin  zufrieden,  für  dich 
zu  sterben'  (CR.  88),  ieu  su  conttntu  mu  dijunu  '«  annu  (ib.  103), 
si  tanlu  bonu  m'a  supporti  (ib.  289),  iju  hu  buonu  u  hazzu  u  diventati 
vui  u  patruiii  'io  ero   rapace  di  farvi  divenire  padrone*  (Satriano  f). 


2  1 4  VKKMISCHTKb.       ZUR    WOKTUKSCHICHTE. 

ku 
Belege  fehlen. 

h)  nach  Präpositionen 
mu 
Vajna  Pamanti  saiza  mi  ti  vidi  'ohne  dich  zu  sehen'  (PC.  lo), 
nn  iira  siila  senza  mti  ti  viu  (ib.  i6),  de  perle  viu  fa  castigare 
li  scuntri  'anstatt  zu  bestrafen'  (Cortale,  P.),  /'  icu  prima  mu 
schiatti  a  lu  bartini  (CR.  68),  iion  mi  fidava  stari  ^nquartu  d^  ura 
senza  mu  fazzu  na  nova  paccia  (ib.  177)>  ^  pirchi  mi  avi  carchi  sfogu 
de  cunsiilazioni  'um  zu  haben'  (Reggio,  Papanti),  vimii  pe  mmi'^  vi 
fazzu  rriverenza  (ATP.  i,  510),  pe  nwiu  portanii  a  ttia,  nci  vozzi 
aiiitu  (P.  C.  41) 

ku 

senza  cu  faci  moi  nu  ntoppaculu  (PL.  10),  senza  cu  minti  (ib.  13), 
nnanti  cu  hieni  'bevor  du  kommst'  (ib.  16),  senza  cu  pozza  avire 
(INIuro,  Leccese,  Papanti). 

IL  für  den  Subjektsinfinitiv. 
mu 
chissu  era  lu  stessu  ca  mu  pista  V  acqua  ''nta  lu  mortaru  'das 
gleiche  als  Wasser  im  Mörser  stampfen'  (Cortale,  Papanti),  a  tia 
mu  dassu  e  a'  ti  antra  mu  pigghiu:  quäle  core  tiratinu  lu  faria 
(CM.  236),  hasta  mi  mi  dassi  a  mmia  curcari  (CR.  249),  ma  mu  lu 
per  du  vivu,  oh  chi  tormenti  (CR.  90),  megghiu  iii'  era  di  morti  la 
sintenza,  ca  mu  sugmi  di  tia  in  luntananza  '  als  fern  von  dir  zu  sein ' 
(ib.  130),     peccatti  fu  Wandissimu  mu  vai  ppt  mai  tornari   (CM.  195) 

ku 
cu  lassu  tie  e  '11  autra  amante  pigliu,  quäle  core  de  cane  lu  facia? 
(CM.  237),     ma  nu  hasta  cu  le  lieggi  'es  genügt  nicht  sie  zu  lesen' 
(PL.  3),  beddu  era  cu  bidi  de  re?iipettii  do  serseti  7ine7nici  (ib.  9),  cu  te 
stai  senza  maritu  era  propriu  nu  peccatu  (ib.  28). 

in.    für   den   finalen   Infinitiv  (meist  nach  den  Verben 

der  Bewegung)  2 

mu 

vaiu    mi    'mbrazzu    a    ttia    'ich    gehe,    um    dich    zu    umarmen' 

(CR.  236),    jru  m'  mangianu  ndi  'na  faverna   (ACR.  19),     vegmi  mu 

/'  icu    r  urtima   canzuni   (CR.  68),     vinni  mu   ti  lu  ^ntossicu  'ssu  cori 


'  Die  Verbindung  mit  pe  {<Cp^r)  ist  so  häufig,  dafs  sie  sekundär  auch 
dort  erscheint,  wo  ein  finaler  Gedanke  gar  nicht  vorliegt:  non  vi  vitti  a  la 
crescia  pe*  mu  jiti  'ich  sah  euch  nicht  in  die  Kirchs  gehen'  (CR.  99). 

*  [Korrekturnote.]  Auch  für  den  dnbitativen  Infinitiv,  vgl.  non  sapianu 
chi  mmu  nci  panni  'sie  wufsten  nicht,  was  sie  machen  sollten',  Folklore 
Calabr.  1921,  3,  S.  30;  nun  avia  chimmu  mangia  'sie  hatte  nichts  zu  essen' 
(Sinopoli  t). 


G.  KOHHFS,    APUL.  KU,    KALABR.  MU    U.    VKKLUST    D.    INFIN.       215 

(ib.  6g),  si  non  vent  la  zzUa  'w  vi  vidi  (PC.  16),  idda  hi  sappi  e  vinni 
mu  mi  vidi  (CR.  6g),  quandii  'tichicmi  e  scindi  mi  in  vidi  (PC.  29), 
jiu  mu  visita  (Bovalino,  Papanti),  noti  vegnu  mi  cercu  (Palmi,  ib.),  si 
nrü  e  gjufo  mu  trova  (Sersale  f),  a  mandaiu  mu  kgama  (ib.),  lu  patri 
cht  jiu  fora  7nu  procura  (RS.  4),  jia  mu  si  kurka  'ging  schlafen' 
(Tiriolo  f),  vurria  siri  acedditzzu  di  la  mgghia  mi  viju  lu  me  beni 
undi  travagghia  'ich  möcht'  ein  Vöglein  sein  um  zu  sehen'  (CR.  16), 
«0«  eppi  mhasciaturi  mi  ii  viandu  (ib.  21),  e  jutu  '«  nni  chjica  'sie 
ging  um  es  zu  biegen'   (Cotrone  f). 

ku 
egnu  cu  cercu  (PL.  12),  ae  cu  scappa  (ib.  21),  fi  fori  ttrra  ku 
fatiu  'ging  aufser  Landes  um  zu  arbeiten'  (Galatina  f),  trasiu  ku 
kata  'trat  ein  um  zu  kaufen'  (ib.),  su  fiäi  ku  mandgaim  (ib.),  jianu 
ku  ruhanu  'gingen  um  zu  rauben'  (ib.),  giravanu  ku  Irovauu  (ib.), 
vose  ku  parta  ku  fatika  'wollte  sich  aufmachen  um  zu  arbeiten' 
(ib.),  gvardau  ku  hifa  'blickte,  um  zu  sehen'  (ib.),  nu  vegjiu  cu  te 
dimannu  (Rluro  Leccese,  Papanti),  710  vegno  cu  ii  cerche  vinnelte 
(Tarent,  ib.),  ''ene  cu  te  \ua  'er  kommt  dich  zu  küssen'  (CM.  37), 
^scii  cu  nde  'rroccu  V  autre  chiante  ^ecine  (ib.),  diciajiu  cu  la  fazzami 
\npaurare  'sagten  um  sie  einzuschüchtern'  (Copertino,  P),  cu  se 
cunsola  .  .  .  se  mise  (Maglic,  ib.). 

Beobachtet  man  nun  den  Vervvendungsbereich  dieser  beiden 
Konjunktionen  weiter,  so  findet  man,  dafs  sie  nicht  nur  an  Stelle 
eines  zu  erwartenden  Infinitivs  erscheinen,  sondern  auch  in  Fällen 
auftreten,  die  mit  dem  Infinitiv  nichts  zu  tun  haben.  Die  Ver- 
wendung ist  eine  cäufserst  vielseitige.  So  treten  die  beiden  Partikeln 
noch  unter  folgenden  Bedingungen  auf: 

L    als   Einleitung   des   finalen   Adverbialsatzes. 

mu 
affaccia  a  'ssa  ßnestra  mu  ti  dicu  'tritt  an  das  Fenster,  damit 
ich  dir  sage'  (CR.  lOi),  e  mo'  vinni  ppe  figghiufa  cu  mia  7nu  si  ndi 
veni  'jetzt  kam  ich  wegen  deines  Sohnes,  damit  er  mit  mir  kommt' 
(CM.  195),  ca  vm  s"  astuta  e  puocu  na  nivera  'damit  das  Feuer  er- 
löscht, genügt  nii:ht  eine  Schneegrube'  (ib.  241),  vidi  710  7Hriii  ti 
ceca  la  foriuna  'sieh'  zu,  dafs  dich  nicht  das  (jlück  verblendet' 
(CR.  244),  si  holi  mu  jamu  'wenn  er  will,  dafs  wir  gehen'  (Folklore 
Calabr.  192 1,  3.  S.  24. 

ku 
jeu  te  sta  sptttu  a  tie  cu  mme  cttma7idi  'damit  du  mir  befiehlst' 
(CM.  264),  '««  piattu  (/'  oru  cu  77iangiamu  '7isiemi  (ib.  173),  disse  ku 
pija  'sie  sagte,  er  solle  nehmen'  (Galatina  f),  cu  se  passa  lu  dolore 
pinzau  cu  ni  ndi  fazza  'damit  der  Schmerz  vorüberginge,  gedachte 
sie  zu  tun'  (Arnesano,  Papanti),  din7ii .  .  .  cu  se  trattegna  'sage  ihm, 
er  solle  warten'  (PL.  5). 


2l6  VERMISCHTES.      ZUR    WOKiUliSCHICHTE. 

II.    als   Einleitung   eines   Folgesatzes. 

n{  arriddticisti  a  tfanlu  vii  nesciu  pacciu  e  mi  moru  pe  ttia  'du 
brachtest  mich  soweit,  dafs  ich  verrückt  geworden  bin  und  mich 
für  dich  verzehre'  (PC.  5),  ieu  chi  fi  fici  mu  mi  dici  malt?  'was  tat 
ich  dir,  dafs  du  mich  schmähst?'  (CR.  in),  vidi  no  mvii  ti  ceca  la 
fortuna  mi  pigghi  ii  airu  amanii  e  a  mmia  mi  dassi  'sieh'  zu,  dafs 
dich  nicht  das  Glück  verblendet,  so  dafs  du  einen  anderen  Ge- 
liebten nimmst  und  mich  verläfst'  (ib.  244),  lu  fazzu  no  mu  ava 
hisogmi  di  middii  'ich  mache  ihn  so  reich,  dafs  er  niemanden  nötig 
hat'  (Simbario  f). 

ku 
comu  lu  pozzu  fare  cu  nu  /'  amu'i^  was  kann  ich  tun,  dafs  ich 
sie  nicht  liebe?'  (CM.  302) 

III.    zur   Bezeichnung  eines  Optativen,  imperativen, 
adhortativen   oder  konzessiven   Gedankens. 

mu 
Napuli,  mu  ti  viu  arzu  di  focu  'Neapel,  ich  möchte  dich  vom 
Feuer  verbrannt  sehen'  (PC.  25),  ora  mi  f  amo  cchiu,  Ddiu  mi  mi 
scanza  'damit  ich  dich  mehr  liebe,  möge  Gott  mich  entfernen' 
(CR.  50),  ?ia  figghia  ^ mperatura  pozza  faril  Mu  la  battizza  chiddu 
Re  d'Arduri,  La  Regina  mu  faci  la  cummari  'möge  sie  eine  Kaiser- 
tochter gebären,  möge  sie  taufen  .  .  .  und  möge  die  Königin  Ge- 
vatterin stehen'  (ib.  58),  quand^  e  a  lu  mari,  Ddiu  p^  mu  Valuta 
'möge  Gott  ihm  helfen'  (ib.  119),  lu  fuocu  tnu  arde  e  lu  vientu  mu 
mina  'das  Feuer  möge  brennen  und  der  Wind  möge  wehen' 
(CM.  238),  cu  voll  vidiri  lu  suli  e  la  liina,  mi  veni  nta  sta  rruga 
chi  li  trova  'wer  sehen  will,  der  komme  in  die  Strafse  .  .  .'  (CR.  206), 
Ra  Maisfä,  chi  iri  arrisurviti?  Ci  dissi:  Mi  veni  ccd  to  figghiu;  mi 
parra  cu  mia  'dein  Sohn  soll  hierher  kommen,  er  soll  mit  mir 
sprechen '  (P.  II,  2 1 3),  nee  passu  e  spassu  di  'ssa  Wuga  e  strata,  no 
^mu  ti  cridi  ca  passu  pe'  ttia  'glaube  nicht,  dafs  ich  deinetwegen 
vorbeikomme'  (CR.  85),  domani  no'  mu  trovi  atra  jornata  'suche  kein 
anderes  Tagewerk'  (ib.  93),  du  restu  mu  nci  mandamu  a  dire 
'übrigens  wollen  wir  ihm  sagen  lassen'  (Folklore  Calabr.  192  [,3, 
S.  24),  va  e  lu  Signuri  mu  /'  accumpagna  (ib.  28),  quandti  lu  viju,  lu 
vogghiu  basciari,  puru  vü  e  figghia  di  lu  Mperaturi  'selbst  wenn  es 
eine  Kaisertochter  ist'  (CR.  243). 

ku 
'tia  sula  fiata  cu  ie  pozzu  'assare  e  poi  cu  moru  ''nnanzi  a  tie 
presente  'könnt'  ich  dich  nur  einmal  küssen,  und  dann  möcht'  ich 
vor  deinen  Augen  sterben'  (CM.  176),  cu  mi  mpera  pe  sempre  'mag 
er  dort  immer  herrschen'  (PL.  13),  Ohi?net  cu  ami  e  cu  nu'  biessi 
amatu  fenca  alla  terra  nde  respira  focu  'möchtest  du  lieben  und 
nicht  geliebt  werden  .  .  .!'  (CM.  298). 


G.  ROHLFS,    APUL.  KU,    KALABR.  MU    U.    VERLUST    D.    INFIN.       2l7 

IV.  an  Stelle  eines  Relativsatzes 
mu 
fion  eri  dojina  mu  cumbeni  a  m7?üa  'du  warst  kein  Mädchen, 
das  zu  mir  pafste'  (CR.  85),  nci  voli  'ngaitu  cu  H  pili  <f'  orti,  na 
slracozza  mu  faci  lu  voli:,  lu  pulici  mu  sarta  cetifu  migghia  'es  er- 
fordert eine  Katze  mit  Goldhaaren,  eine  Schildkröte,  welche  fliegt, 
einen  Floh,  der  hundert  Meilen  springt'  (CR.  105),  non  si  omu  mu 
cavipi  mugghieri  'bist  kein  Mann,  der  eine  Frau  unterhalten  könnte' 
(ib.  112),  nci  vonnu  setli  cosi,  mu  si  pigghia  '  es  erfordert  sieben 
Dinge,  die  man  mitnimmt'  (ib.  105),  nd'  ave  miegghiu  di  Ha,  mi 
vannu  appriessu  'es  gibt  eine  bessere  als  du,  der  man  nachgehen 
könnte'  (CM.  230),  troviti  na  figghjola  mi  f  ajuta  (PC.  9),  viancu  si 
la  natura  s'  assuiigghia  po  fari  «'  atitra  bedra  mi  /'  aguagghia  'eine 
andere  Schöne,  die  dir  gleichkäme'  (ATP.  23,  465). 

ku 
quista  e  la  megliii  cosa  cu  te  ''mpara  'das  ist  das  Beste,  das  du 
lernen  kannst'  (CM.  280) 

V.    an   Stelle   eines   konjunktiven   Subjektssatzes 

mu 
e'  mmegghiu    7)ii  ti   chiamanu    li  Santi   'das  Beste  war 's,    wenn 
dich    die    Heiligen    riefen'    (PC.  8),     i  rnmegghiu    lu   Signuri  mi   ti 
chiama  'das  Beste  war's,  wenn  dich  der  Herr  zu  sich  riefe'  (ib.  9). 

ku 
Belege  fehlen. 

Die  mehrfach  versuchten  Deutungen  der  beiden  Partikeln 
haben  bisher  noch  zu  keinen  allseitig  befriedigenden  Ergebnissen 
geführt.  Während  Meyer-Lübke  ursprünglich  im  Grundrifs  I.  551 
für  das  kalabr.  mu  lat.  modo  vorgeschlagen  hatte,  eine  Ansicht,  die 
hernach  auch  von  Jeanjaquet  (Recherches  sur  l'origire  de  la 
conjonction  ,que',  1894,  S.  28)  vertreten  wurde, i  kam  er  später 
hauptsächlich  aus  dt-m  Grunde,  weil  modo  in  den  7;«^- Gegenden 
als  mo  jjetzt'  erscheine,  von  dieser  Erklärung  ab,  um  zweifelnd 
eine  Verbindung  mit  (co)mo  (■<iquomodo)  in  Erwägung  zu  ziehen, 
das  hier  wie  anderwärts  finale  Geltung  angenommen  hätte  (Rom. 
Gram.  III.  §  569).^  Noch  unklarer  blieb  apulisch  cu.  Zwar  hatte 
es  Meyer-Lübke  (Rom.  Gram.  III.  §  563)  mit  Berufung  auf  ein  in 
süditalienischen  Urkunden  des  lO.  Jahrh.  begegnendes  ko  als  Spiel- 
forra  des  gemeinromanischen  que  (che,  ca)  zu  deuten  versucht,  worin 
ihm  auch  von  Subak  (ZRPh.  22.  556)  beigepflichtet  wurde,  aber 
das  heutige  apulische  cti  liegt  doch  —  nicht   nur  geographisch  — 


*  Neuerdings  wurJe  dieselba  Ansicht  auch  wieder  von  Sorrento,  'Lat. 
modo  nel  diaietto  siciliano'  (Madrid  1912)  geäufsert,  eine  Arbeit,  die  mir  leider 
nicht  zugänglich  geworden  ist,  vgl.  Neuph.  Milt.   17  (1915),  S.  ICÜ   Anm. 

*  So  auch  Schneegans,  Rom.  Jahresbericht  V.^,  153. 


J  l  ö  VERMISCHTES.      ZUR    WORIGESCHICHTE. 

weit  ab  von  dem  co  der  kapuanischen  Urkunde  von  960,  handelt 
es  sich  hier  doch  lediglich  um  die  Einleitung  eines  Objektsaussage- 
satzes {sao  ko  kelle  ierre  .  .  .  le  possette  .  .  .  Monaci,  Crest.  S.  2  u.  3) 
mit  dem  Tempus,  das  die  jeweilige  Aktionsart  erfordert,  während 
cu  im  Modernapulischen  einmal  ausschliefslich  in  Vertretung  eines 
Infinitiv-  oder  Konjunktivsatzes,  andererseits  nur  in  Verbindung  mit 
einem  Präsens  auftritt. 

Werfen  wir  einen  Blick  auf  die  genaue  geographische  Aus- 
breitung unser  Erscheinung,  so  ergibt  sich,  dafs  cu  ausschliefslich 
auf  die  südlichste  der  drei  apulischen  Provinzen,  die  sogenannte 
Terra  d'  Otranto,  beschränkt  ist,  und  zwar  herrscht  es  hier,  wenn 
man  von  den  griechischen  Kolonien  absieht,  über  das  ganze  Gebiet 
vom  Capo  di  Lcuca  im  Süden  bis  zur  Appischen  Strafse  (Tarent — 
Brindisi),  die  es  nach  Norden  nur  unwesentlich  (in  der  Gegend 
von  Ceglie)  überschreitet.  A/u  dagegen  ist  bodenständig  nicht  nur 
im  ganzen  südlichen  Kalabrien  vom  Stretto  bis  zur  Linie  Nicastro — 
Sersale — Cotrone  sondern  auch  im  äufsersten  Norclostzipfel  Siziliens 
(Messina,  Milazzo,  Novara  Sicula).  Was  die  einzelnen  Formen  be- 
trifft, so  bietet  uns  das  Südapulische  ledigUch  die  Gemeinform  cu. 
Dagegen  zeigen  die  kalabresischen  Idiome  verschiedene  mundart- 
liche Spielarten :  mu,  tm,  ma,  u,  i.  Die  erste  Form  ist  am  weitesten 
verbreitet.  Sie  erscheint  nördlich  der  ungefähren  Linie  Palmi — 
Gerace,  mi  herrscht  in  Kalabrien  südHch  dieser  Linie  und  in  Nord- 
ostsizilien, ma  eignet  ausschliefslich  der  Stadt  Catanzaro,  11  und  i 
sind  Satzkurzformen,  die  innerhalb  der  Gebiete  von  mu  bezw.  mi 
auftreten.  Der  eigentliche  kalabresische  Urtypus  scheint  mu  zu 
sein,  während  mi  und  ma  offenbar  sekundäre  Angleichung  an  chi 
und  ca  zeigen. 

Bisher  war  man  der  Ansicht,  dafs  die  beiden  Partikeln  aus- 
schliefslich in  Vertretung  einer  zu  erwartenden  Infinitivkonstruktion 
fungierten. 1  Das  ist  nach  unseren  obigen  Feststellungen  nicht  ganz 
richtig.  Vielmehr  finden  sie  in  weitgehendem  Mafse  auch  Ver- 
wendung zur  Umschreibung  eines  Konjunktivs,  und  zwar  vertreten 
sie  diesen  Modus  nicht  nur  im  abhängigen  Final-,  Konzessiv-  und 
Folgesatz,  sondern  auch  im  Relativsatz  und  im  Subjektssatz,  ferner 
im  optativischen  und  adhortativen  Hauptsatz.  Da  aber  schwer  ein- 
zusehen ist,  wie  eine  Konjunktion  mit  einer  bestimmten  Tragkraft 
zu  einer  so  mannigfaltigen  Verwendung  gelangt  sein  sollte,  darf 
man  wohl  vermuten,  dafs  deren  ursprüngliche  Bedeutung  eine  sehr 
allgemeine  gewesen  sein  mufs.  Da  ist  es  nun  interessant  zu  beob- 
achten, dafs  die  Konjunktionen  oft  gar  kein  unbedingt  erforder- 
liches Ingrediens  unserer  persönlichen  Konstruktionen  zu  bilden 
scheinen.  Man  findet  nämlich  auf  den  hier  in  Frage  kommenden 
Gebieten  in  Fällen,  wo  ein  untergeordneter  Gedanke  zu  erwarten 
wäre,  eine  ausgesprochene  Vorliebe  für  unmittelbare  para- 
taktische Anreihung: 


1  So  noch  Mtyer-Lübke,  Rom,  Gram.  III.  §  569  und  574. 


G.  ROHLFS,    APUL.  KU,    KALABR.  MU    U.    VERLUST    D.    INFIN.       2  I  y 

vogghni  tu  rni  fal  lu  me'  cmnandu  ,ich  will,  dafs  du  mir  tust', 
PC.  24;  gnurante  fusti  e  lassa  tte  lu  dicu  ,lass',  dafs  ich  es 
dir  sage'  CM.  50,  coviu  lu  pozzu  fare  mme  nde  scordu  ,was 
kann  ich  tun,  dafs  ich  es  vergesse'  ib.  13g;  ca  sta  spetta  nni 
dai  lu  henvenuto  ,er  wartet,  dafs  du  ihn  willkommen  heifst' 
ib.  291;  Apollu  .  .  .  fane  te  saghin  a  ncueddu  ,mach',  dafs  ich 
dir  auf  die  Schultern  steige'  PL.  50. 

Häufiger  noch  tritt  diese  Art  der  parataktischen  Verbindung 
für  eine  Infinitivkonstruktion  ein,  besonders  gern  nach  den  Verben 
der  Bewegung  und  der  VVillensäufserung : 

\ilia  ie  pozzu  ?ia  fiata  ^assare  ,ich  möchte  dich  einmal  küssen 
können'  CM.  139;  alP  acqua  frisca  'nu  hole  te  manda  ,will  sie 
dich  nicht  schicken'  ib.  179;  beddha  ^ste  do  parole  ^oggJiM  te 
mandu  ,will  ich  dir  schicken'  ib.  20g;  nu  fiwu  de  marangiu 
'ulia  ii  dunu  ,wollte  ich  dir  geben'  ib.  320;  jeu  nu  hoghin  dicu 
nienti  ,ich  will  nichts  sagen'  PL.  36;  ogliu  mpartc  ,ich  will 
lernen'  (Muro  Leccese,  Papanti);  ^egnu  te  preu  ,ich  komme 
um  dich  zu  bitten'  (Lecce,  ib.);  cercai  na  picea  </'  acqua  bete 
,ich  suchte  ein  wenig  Wasser,  um  zu  trinken'  CM.  316, 
penzau  armenu  se  pigghia  ,sie  dachte  wenigstens  zu  nehmen' 
(Lecce,  Papanti);  ragione  hae  inammata  tte  vanta  .deine  Mutter 
hat  Recht,  dich  zu  rühmen'  PL.  25,  senza  mal  bascia  ,ohne 
je  zu  gehen'  ib.  32;  facia  chiangi,  facia  ridi  ,er  liefs  dich 
weinen,  er  liefs  dich  lachen'  ib.  43;  nu  commene  stai  de  fora 
,du  darfst  nicht  draufsen  bleiben'  ib.  60;  e  vaju  viru  si  c'  e 
genii  assai  ,ich  gehe  um  zu  sehen'  ATP.  23.451;  siu  chiamäu 
,sie  ging  um  zu  rufen'  Gaiatina  f;  u  vaju  cuörbicu  int^'' .  u 
cattioju  ,ich  gehe,  um  ihn  im  Schweinestall  zu  begraben'  Cleto, 
Kalabr.  f ;  vaju  truovu  a  suorema  ,ich  gehe,  um  meine  Schwester 
zu  suchen'  ib.;  iddi  vetianu  piglianu  a  ru  figliu  ,sie  kommen, 
um  den  Sohn  zu  nehmen'  ib.;  jamu  f'uvamu  i  piccirilli  ,wir 
gehen,  um  die  Kinder  zu  suchen'  Pedace,  Kalabr.  f.i 

Den  eigentlichen  Herd  dieser  unvermittelten  parataktischen 
Verbindungen  bildet  heute  die  Terra  d'  Otranto  und  der  Bezirk 
von  Cosenza,  doch  scheint  es,  als  ob  auf  dem  letztgenannten  Ge- 
biete diese  Art  der  Anreihung  heute  nur  noch  nach  den  Verben 
der  Bewegung  statthaft  ist.  Dafür  beobachtet  man  nun  auf  an- 
deren   Gebieten    eine    Tendenz,    die    Anreihung    der    persönlichen 


1  Nach  va  und  sta  ist  die  parataktische  Anreihung  in  Apulien  so  häutig, 
dafs  die  beiden  genannten  Veibal formen  schliefslich  hier  als  stereotype  Ein- 
leitung jedes  Verburus  dienen  können :  la  mamma  soa  sta  chian^e  tantu 
CM.  159,  ^ta  spetta  il).  291,  lu  ba  troa  'sie  geht  um  ihn  zu  suchen'  Lecce, 
Papanti,  me  sta  pare  PL.  16,  sta  tenia  lu  culu  piertu  PI.  24,  ita  dormu  'ich 
schlafe'  CM.  152,  sta  tniaa  'ich  fand'  ib.  179,  ieu  sta  ö/'sciu  'ich  s'-he' 
PL.  40,  pe  tte  sta  scindenjt  tutte  ste  cose  ib.  57,  sta  chiangia  'er  beklagte' 
ib.  61,  middi  pensieri  .  .  .  me  sta  benenn  'tausend  Gedanken  kommen  mir' 
ib.  65,  mme  ba'  'ppendu  'ich  hänge  mich  auf  CM.  II9,  lubbcü pigliu  ib.  153. 


2  20  VERMISCHTES.       ZUR    WORTGESCHICHTE. 

Ausdrucksweisen  mit  Hilfe  von  Kopulativpartikeln  vorzunehmen, 
wobei  sowohl  e^  wie  ac  in  Frage  kommen,  dieses  in  Sizilien  und 
Nordapulisn  (Bari,  Brindisi),  jenes  in  Kalabrien;! 

et:  vaju  e  truovu  la  vecchia  zia  Driana  RPC  46,  jamiilu  e  cacciamii 
ib.  122,  cell  cht  me  vaju  e  spassu  a  chühi  mtinnu?  ib.  130, 
vamme  e  mustra  li  cugliuni  ib.  54,  vegnu  e  lu  dicu  PC.  31, 
siäta  a  la  td  finestra  vegnu  e  staj'u  CR.  7g. 

ac:  eu  ti  vegnu  a  spremu  comu  na  petra  P.  IL  225,  si  nni  va  a 
piglia  li  dinari  ib.  97,  pirchi  ti  veni  a  curchi  ib.  102,  alV  urtimu 
poi  la  vannu  a  irovanu  ^nta  lu  jardinu  morta  ib.  140,  e  iddi  la 
vannu  a  ^?nmazzanu  tra  lu  voscu  ib.  186,  lu  va  a  guardau  di 
ddä  supra  ib.  IV.  167,  idda  si  iju  a  curcau  'ella  andava  a 
coricarsi'  ib.  204,  //  /'  haju  scrittu  e  ti  lu  tornu  a  scrivu 
Martoglio,  Centona  183,  vogghiu  propa  a  sacciu  com^  eti  (Brindisi, 
Papanti),  pinsau  di  beut  cii  vvascia  a  rricorra  a  llu  Rrei  (ib.), 
mmb  la  Paddrie  me  st'  a  'spetle  CB.  104,  ca  fasce  crete  ca 
st'  a  parle  Di  ib.  65. 

Zieht  man  nun  aus  diesen  verschiedenen  Ausdrucksweisen  die 
Summe,  so  zeigt  sich,  dafs  im  südlichsten  Unteritalien  für  den  Er- 
satz der  unpopulären  Infinitivkonstruktionen  ('vengo  a  cercare', 
'voglio  dire')  hauptsächlich  fünf  Strukturen  in  Frage  kommen: 

1.  vegnu  cercu,  vogghiu  dicu  [Terra  d'  Otranto,   Cosenza], 
IL  vegnu  e  cercu,  vogghiu  e  dicu  [Kalabrien], 

III.  vegnu  a  cercu,  vogghiu  a  dicu  [Sizilien,  Nordapulien], 

IV.  veg7iu  cu  cercu,  vogghiu  cu  dicu  [Terra  d'  Otranto], 

V.  vegnu  mu  cercu,  vogghiu  mu  dicu  [Südkalabrien,  Nordostsizilien]. 

Aus  dieser  Übersicht  ergibt  sich  nun  aber,  dafs  bei  dem  Ersatz 
des  unvolkstümlichen  Modus  die  einzelnen  Regionalidiome  zwar 
verschieden  zu  Werke  gehen,  dafs  aber  für  den  Ersatz,  wie  uns 
Typ  I.,  IL  und  IIL,  die  allein  etymologisch  klar  sind,  deutlich 
lehren,  nicht  zur  Unterordnung  sondern  zur  parataktischen  An- 
reihung gegriffen  wird.  Das  dürfte  wohl  den  Schlufs  zulassen,  dafs 
auch  die  Partikeln  von  Typ  III.  und  IV.  ursprünglich  einmal  reine 
kopulative  Geltung  2  gehabt  haben.  Dann  aber  kann  für  die  beiden 
Konjunktionen,  da  ra.  E.  ku  und  mu  schlechterdings  nicht  vonein- 
ander   getrennt    werden    können,    nur    eccununodo"^  'jetzt'    in  Frage 


^  Verknüpfung  mit  et  begegnet  auch  im  umbrischen  Rieti  bolo  c  facci 
esto  'ich  will  und  du  sollst  das  tun'  s.  Meyer-Lübke,  Rom.  Gram.  III.  §  546. 

2  Vgl.  auch  neugriech.  xal,  das  die  gleiche  Entwicklung  zeigt:  Jjxui.ie 
xal  tbv  ^OßQCÜo  xal  nloxBxpe  'sie  veranlafste  auch  den  Juden  zu  glauben', 
axovv  novXiu  xal  xiXaöoüv  'sie  hören  Vögel  singen',  agyiot  xal  xa  6ir]y7]9-rjxe 
eva  f:i'u  'er  fing  an,  alles  zu  erzählen',  vgl.  Sand  fe  1  d -Jensen,  ZRPh.  28, 
S.   II  ff. 

^  Dafs  in  Unlerilalien  neben  dem  überall  alteingesessenen  mo  (<^  ?nodo) 
'jetzt'  auch  einmal  eccummodo  bestanden  haben  raufs,  wird  nicht  nur  durch 
dessen  Fortbestand  in  Sardinien  [cömo]  und  Rumaiücn  (acüm,  atnü,  acü)  wahr- 


G.  ROHLFS,    APUL.  KU,    KALABR.  MU    U.    VERLUST    D.    INFIN.       22  1 

kommen,  also  ein  ursprünglich  temporales  Adverbium,  das  sich  in 
tonschwacher  Stellung  zur  Konjunktion  abgeschwächt  hätte.  Die 
verschiedene  Entwicklung  wäre  durch  Akzentwechsel  [eccibiwiodo  i 
'^  ctc,  ecawnnödo'^ 'P' mii]  zu  erklären,  wobei  es  interessant  ist  zu 
beobachten,  dafs  die  gleiche  verschiedenartige  Behandlungsweise 
des  lateinischen  Wortes  auch  im  Rumänischen  [eccummmödo  >>  rum. 
(fam.)  aiiui,  eccümmodo  >  mold.  acti,  vgl.  Tiktin,  Rum.  Wörterb.  s.  v. 
acihn  und  Puscariu,  Etym.  Wb.  d.  rum.  Spr.  Nr.  i8]  wiederkehrt. 
Die  Bedenken  Meyer-Lü'okes  (s.  o.),  dafs  die  Herleitung  des  kalabr. 
mu  aus  modo  daran  scheitern  müsse,  dafs  7nodo  auf  dem  nämlichen 
Gebiet  als  vio  'jetzt'  erscheine,  sind  aus  dem  Grunde  wenig  stich- 
haltig, als  es  sich  bei  der  Konjunktion  ja  um  eine  Entwicklung 
in  ganz  anderer  Satzstellung  handelt.  Während  das  Adverbium 
unter  einem  starken  Satzton  steht  \Quando  vmis  ?  —  Modo  venio !], 
ist  die  Konjunktion  modo  doch  dem  Salzganzen  proklitisch  an- 
gelehnt \yölo  {eccu?n)modojVLiiio'\,  also  doch  wohl  auch  einer  ganz 
anderen  phonetischen  Entwicklung  unterworfen. 

Ist  diese  Erklärung  richtig,  dann  wird  es  auch  niemanden  mehr 
wundern, 3  warum  nach  mu  und  cu  ausschliefslich  der  Indikativ* 
steht.  Es  waren  eben  ursprünglich  nur  beiordnende  Konjunktionen, 
in  denen  sich  in  keiner  Weise  der  Gedanke  eines  Willens  aus- 
drückte. Wahrscheinlich  ist  sogar,  dafs,  worauf  besonders  die 
heutigen  Zustände  in  der  Terra  d'Ortranto  (vgl.  Typ  I.)  zu  weisen 
scheinen,  cu  und  ?nu  urspiünglich  nur  in  gewissen  Fällen  den  bei- 
geordneten Gedanken  einleiteten  und  erst,  als  sich  ihre  wahre 
Bedeutung  verblafst  hatte,  zu  stereotypen  Verbindungspartikeln 
herabsanken.  Charakteristisch  für  alle  diese  Ausdrucksweisen  ist 
der  Gebrauch  des  Präsens  in  dem  beigeordneten  Satze,  das  mit 
einer  offenbaren  Gesetzmäfsigkeit  ^  auch  in  dem  Falle  auftritt,  wo 
das  Verbum  des  ursprünglichen  Hauptsatzes  in  einer  präteritalen 
Zeitstufe  steht:  uHa  pozzu,  arcai  heu,  volia  mu  porta,  trasiu  cu  cata 
(vgl.  die  oben  angeführten  Beispiele).  Man  wird  wohl  kaum  fehl 
gehen,  wenn  man  den  Grund  für  diese  allen  Regeln  der  Zeiten- 
folge  widersprechende  Erscheinung   in    der   'plastischen  Phantasie' 


scheinlich  gemacht,  sondern  ergibt  sich  auch  aus  Catania  /'  accombra,  per 
camora,  combra  'per  ora',  'ora'  [belegt  u.  a.  bei  Martoglio,  Centona,  1918, 
S.  64,  70,  73,  352],  das  auf  Verschmelzung  von  eccümmodo  und  ora  weist. 

'  Erhalten  auch  in  sard.  cömo  (vgl.  M.  L.  Wagner,  Archiv  134.  318), 
Arcevia  cömmo,  cömo  'non  appena'  (Crocioni,  S.  47). 

*  Erhalten   auch  in  friul.  kiimo,  comask.  amö. 

'  Vgl.  Schneegans,  Roman.  Jahresbericht  V. '  S.  153. 

*  Nur  im  Süden  von  Lecce  begegnet  heute  gelegentlich  der  Konjunktiv 
scappaii  eil  bascni  'sie  machte  sich  auf  um  zu  gehen'  [Galatina f],  uole  cu 
stescia  'er  will  bleiben'  [ib.],  worin  man  aber  wohl  jüngeren  Einflufs  der 
Schriftsprache  sehen  darf.. 

^  Fälle  mit  folgendem  Präteritum  begegnen  zwar,  sind  aber  so  selten, 
dafs  mnn  sie  wohl  als  Einwirkung  der  Schriftsprache  erklären  wird,  vgl.  ulia 
cu  bhichia  de  ruina  'er  wollte  erfüllen'  PL.  3,  penzau  de  jire  dnve  lu  Re,  fnu 
lli  nde  dava  citntu  illu  'damit  er  ihr  Kechenschaft  gab'  (S.  Pietro  Aj)ostolo, 
Papanti). 


222  VERMISCHTES.       ZUR    WORTGESCHICHTE. 

des  Süditalieners  ^  sehen  möchte;  trasiu  cu  f^Va  (Galatina)  'sie  trat 
ein  und  ( —  schon  ist  sie  im  Laden  und  — )  jetzt  kauft  sie' ;  lu 
diaulu  ulia  ie  ingorcia  'der  Teufel  wollte  (dich  blenden)  —  aber 
schon  ist  er  bei  der  Tat!  —  er  blendet  dich'  PL.  43;  u  Rre  vozzi 
mu  ''nclnana  supra  'der  König  wollte  —  schon  führt  er  es  auch 
aus  —  jetzt  steigt  er  hinauf  Folklore  Calabr.  VII.  (1921),  3.  S.  27; 
perisdu  7nu  vai  e  mu  iicurri  'sie  dachte  —  dachte  aber  gar  nicht 
zu  Ende,  denn  —  schon  geht  sie  und  nimmt  Zuflucht'  (Paracorio, 
Papanti).  Man  sieht  also,  wie  kräftig  der  Einflufs  des  ursprünglich 
präsentischen  Zeitadverbiums  noch  immer  in  der  Zeitstufe  des  bei- 
geordneten Verbuins  zur  Nachwirkung  gelangt. 

Die  hier  besprochenen  persönlichen  Ausdrucksweisen  Unter- 
italiens können  nun  infolge  der  wichtigen  chronologischen  Indizien, 
die  sie  uns  gewähren ,  insofern  von  aufserordentlicher  Bedeutung 
für  die  Geschichte  des  Griechentums  in  UnteritaÜen  werden,  als 
sich  aus  ihnen  interessante  Rückschlüsse  auf  die  einzelnen  Stadien 
des  hartnäckigen  Sprachkampfes  erzielen  lassen,  der  im  frühen 
Mittelalter  in  Unteritalien  zwischen  der  hier  ansässigen  griechischen 
Bevölkerung  und  dem  von  Norden  andringenden  Romanentum 
ausgefochten  wurde.  Dafs  nämlich  in  dem  Ersatz  des  Infinitivs 
durch  persönliche  Konstruktionen  in  Unteritalien  nicht  etwa  eine 
rein  romanische  Entwicklung  sondern  nur  der  Nachhall  ursprüng- 
lich griechischer  Denkweise  zu  sehen  ist,  darf  wohl  nach  dem,  was 
uns  die  vortrefflichen  Untersuchungen  Sandfeld-Jensens^  für 
das  Rumänische  (rum.  de)  und  die  übrigen  Balkansprachen  (bul- 
garisch ta,  serbisch  ie,  alban.  eöe")  gelehrt  haben,  niemandem  mehr 
zweifelhaft  sein.  3  Wir  wissen  aus  den  südital.  Lokalchroniken, 
dafs  sowohl  in  Kalabrien  wie  in  Apulien  noch  im  14.  Jahrhundert 
grofse  zusammenhängende  Gebiete  eine  griechisch  sprechende  Be- 
völkerung aufwiesen.  Seit  dieser  Zeit  ist  dieses  griechische  Sprach- 
territorium immer  mehr  dem  anstürmenden  Romanentum  zum  Opfer 
gefallen  und  heute  auf  die  spärlichen  Trümmer  bei  Reggio  (Bova, 
Roccaforte,  Condofuri,  Roghudi)  und  Lecce  (Martano,  Coregliano, 
Calimera,  Soleto  usw.)  zusammengeschrumpft.  Dafs  aber  einst  die 
griechische  Mark  in  Unleritalien  viel  umfangreicher  war,  als  uns 
die    wenigen    Chroniken    und    Urkunden    ahnen   lassen,    zeigt   uns 


'  Vgl.  K.  Vossler,  Positivismus  S.  21. 

^  Vgl.  ZRPh.  28.  S.  II  ff.  und  Jahresbericht  des  Instituts  für  rumänische 
Sprache  IX,  S.  75  iT.,  besonders  S.  Iisff. 

^  Es  mag  auf  den  ersten  Bück  befremdend  erscheinen,  dafs  diese  doch 
durchaus  giiechischen  Konstruktionen  dennoch  von  romanischen  Partikeln  ein- 
geleitet werden.  D.?s  erklärt  sich  aber  daraus,  dafs  bei  der  Verschiebung  von 
Sprachgrenzen  die  in  der  Inferiorität  befindliche  Sprache  zunächst  das  eigent- 
liche Wortmateriul  der  expansionskräftigeren  Sprache  zu  entlehnen  beginnt, 
vorab  die  Allerweltswörtchen  wie  Adverbien  und  Präpositionen  (vgl.  ca,  7na, 
st,  mal,  §-iä,  dopu,  dunca  bei  den  Bovagriechen),  dafs  aber  bei  dem  sprach- 
lichen Ausdruck  d^^s  Gedankens  in  der  Verwendung  dieses  fremden  Materials 
doch  noch  lange  Z?it  hindurch  die  ursprüngliche  Denkweise  zum  Niederschlag 
gelangt. 


JOSEF    BRUCH,    DIE    SIPPE    DES    FRZ.  BAUDRIER.  223 

der  sprachliche  Charakter  der  heutigen  kalabresischen  und  apu- 
Hschen  Mundarten.  Bis  zu  der  Linie  Nicastro-Cotrone  ist  in 
Kalabrien,  bis  zur  Strafse  Tarent-Brindisi  in  der  Terra  d'  Otranto 
der  Infinitiv  untergegangen,  bis  zu  denselben  Linien  erweisen  sich 
die  heutigen  Mundarten  in  ihrem  Wortschatz  —  soweit  primitive 
Gegenstände  (Hausgerät,  Tiere,  Pflanzen,  Viehzucht  und  Ackerbau) 
in  Frage  kommen  —  zu  50  o/^  mit  griechischem  Sprachgut  durch- 
setzt: So  weit  nach  Norden  müfste  also  wenigstens  um  die  Wende 
des  1 1.  Jahrhunderts  (107  i  Ende  der  Byzaiitinerherrschaft  in  Unter- 
italien)    noch     griechisches    Sprachgebiet     in    Unteritalien     gereicht 

Gerhard  Rohlfs. 


5.  Die  Sippe  des  frz.  baudrier. 

Diez,  518  leitete  afrz.  baudre,  nfrz.  baudrier,  aprov.  baudrat 
„Degengehenk"  von  ahd.,  richtiger  mhd.  balderich,  ae.,  richtiger  me. 
baudric  her.  Schon  Goldschmidt,  Beiträge  zur  rom.  und  engl. 
Philol.,  53  bezweifelte  es,  dafs  die  germ.  Wörter  echt  gerra.  seien, 
und  vermutete  in  ihnen  Umgestaltungen  eines  aus  lat.  balteus  ent- 
lehnten, in  ae.  beli,  ahd.  balz  erhaltenen  Wortes  nach  dem  in  ae. 
bealdor  „Fürst"  erhaltenen  germ.  Stamme.  Bei  dem  Mangel  eines 
begrifflichen  Zusammenhangs  ist  diese  Annahme  von  vornherein 
sehr  unwahrscheinlich.  Meyer-Lübke,  REW.  goi  hat  die  Herleitung 
von  Diez  überhaupt  mit  der  Begründung  abgelehnt,  dafs  das 
deutsche  Wort  erst  aus  dem  Afrz.  entlehnt  sei.  Da  das  afrz.  und 
das  mhd.  Wort  ungefähr  zu  der  gleichen  Zeit  auftreten  und  balderich 
ebenso  deutsches  wie  baudrier  frz.  Gepräge  trägt,  so  kann  man 
von  vornherein  ebenso  gut  die  Entlehnung  des  afrz.  Wortes  aus 
dem  Spätahd.  wie  die  umgekehrte  annehmen  und  die  Behauptung 
Meyer-Lübkes  steht  einfach  gegen  die  von  Diez.  Man  wird  jedoch 
sofort  Meyer-Lübke  Recht  geben,  wenn  mit  baudrier  verwandte 
Wörter  in  rom.  Sprachen  auftreten,  die  vom  Mhd.  und  Me.  geo- 
graphisch entfernt  sind,  wie  in  denen  der  Pyrenäenhalbinsel.  Schon 
Baist,  RF.  4,  385  hat  mit  baudrier  sp.  baldes,  baldrcs,  port.  baldreu 
„Handschuhleder"  verbunden,  denen  kat.  baldrell,  baldric  „Wehr- 
gehenk"  hinzuzufügen  ist.  Die  Herleitung  des  sp.  baldh  aus  arab. 
bagddz,  bagdez  „Bagdad"  durch  Egiiilaz  y  Yanguas,  336  unter  der 
Annahme,  dafs  baldes  ein  aus  Bagdad  importiertes  Leder  bezeichnet 
habe,  wird  von  Baist  deshalb  abgelehnt,  weil  nach  baldreu  sp.  haldris 
die  ältere  Form  sei  und  weil  *baldezi  zu  erwarten  wäre  mit  dem  -i, 
mit  dem  das  Arab.  von  Subst.  Adj.  der  Beziehung,  der  Herkunft 
ableitete.  Nun  mufs  die  Form  mit  r  deswegen,  weil  sie  weit  ver- 
breiteter ist,  noch  nicht  älter  sein  und  der  Ortsname  selbst  konnte 
ebenso  wie  in  calicud,  cachemira,  auf  die  Eguilaz  hinweist,    die    aus 

1  Der  Kampf  zwischen  Hellenismus  und  Romanentum  in  Untcritalien 
soll  (lemniichsl  an  anderer  Stelle  ausführlicher  dargestellt  werden. 


2  24  VERMISCHTES.       ZUR    WORTGESCHICHTE. 

dem  betreffenden  Orte  stammende  Ware  direkt  bezeichnen.  Trotz- 
dem ist  die  Herleitung  von  Eguilaz  abzulehnen  und  zwar  wegen 
der  port.  Form  baldreu,  deren  ungewöhnhcher  Ausgang  mit  erklärt 
werden  mufs,  wenn  die  Erklärung  vollständig  sein  soll,  und  wegen 
des  Mangels  der  sachlichen  Begründung.  Wenn  die  Araber  wirklich 
Handschuhleder  von  Bagdad  bis  nach  Spanien  importiert  hätten, 
so  müfste  in  der  arab.  Literatur,  die  soviel  von  den  Dingen  der 
materiellen  Kultur  spricht,  irgendeine  Bemerkung  oder  Andeutung 
stehen.  Über  den  Ursprung  des  sp.  baldes,  baldres,  port.  baldreu, 
frz.  baudn'er  äufsert  sich  Baist  nicht. 

Die  bekannte  Herkunft  des  frz.  cordouan,  sp.  cordoban  von 
Cordoba  hat  mich  auf  die  Erklärung  des  sp.  baldes,  baldres  geführt. 
Strabon  ed.  Meineke  3,  4,  12  sagt  BaQÖV7JTaiQ  ovg  ol  vvv 
BaQÖovXox'g  xccIovölv  und  erwähnt  3,  3,  7  die  BaQdvrirac,  allein. 
Die  hier  als  Volksstamm  der  iber.  Halbinsel  bezeugten  BaQÖvfjreg 
sind  offenbar  mit  den  Barduli  identisch,  die  Plin.  4,  118  als  zu 
den  Turdiili  gehörig  erwähnt;  Turdidi  qui  Barduli  sagt  er.  Die 
Form  BnQÖovloi  bei  Strabon  macht  die  Barduli  bei  Plin.  wahr- 
scheinlicher als  die  von  Hübner,  Monumenta  linguae  ibericae,  225 
angeführte  Form  Bardili,  die  übrigens  nur  in  einer  Handschrift 
steht,  während  eine  barduhi,  eine  parduli,  alle  übrigen  barduli  haben. 
Wegen  der  Formen  Strabons  ist  auch  eine  Änderung  von  Barduli 
in  Bastuli,  wie  auch  ein  Volksstamm  der  Hispania  Baetica  hiefs,  zu 
unterlassen.  Nun  waren  die  Turduli  ösiLche  Nachbarn  der  Turdetani, 
die  in  der  Gegend  des  heutigen  Sevilla  lebten.  Darnach  hausten 
die  Turduli  und  mit  ihnen  die  Barduli  östlich  von  Sevilla  oder 
südlich  von  Cordoba.  Hübner  a.  a.  O.,  XLVI  hat  darauf  hingewiesen, 
dafs  das  /  iber.  Namen,  die  in  der  nationalen  Schrift  überliefert 
sind,  von  den  Römern  zuweilen  durch  d  wiedergegeben  werde,  und 
5  Fälle  angeführt,  davon  2  im  Auslaut  und,  was  wichtig  ist,  3  im 
Anlaut.  Darnach  darf  man  annehmen,  dafs  BaQÖvfjT?]Q  nach  der 
frühe  erfolgten  Romanisierung  der  Baetica  ins  Vit.  als  *Barduedes 
übernommen  wurde.  Diese  wohnten  südlich  von  Cordoba.  Die 
in  Cordoba  verarbeiteten  Felle  wurden  aus  der  Umgebung  der 
Stadt  in  diese  geliefert.  Von  den  *Barduedes  stammende  Felle 
nannte  man  coria  *Barduedum,  später  mit  Weglassung  von  coria 
*Barduedum.  Das  ti  vor  betontem  Vokal  schwand  später  wie  in 
sp.  enero,  port.  Janeiro,  YzX.  janer,  die  ein  sicherer  Fall  sind,  während 
cardelis  (sp.  cardelina)  statt  carduelis  von  cardus  statt  Carduus  aus- 
geht und  sp.  barretia,  kat.  barrina,  it.  verrina  aus  veruifia  auf  ein 
nach  ferrum  umgestaltetes  ^verrina  zurückgehen.  Die  Länge  des  e 
in  *barduediim  wird  durch  die  Schreibung  ij  in  der  Grundform 
BaQÖv/jreg  gesichert.  Durch  Wiederliolung  des  r  wie  in  frz.  perdrix 
wurde  *bardedu?}i  zu  *bai-dredum  und  dieses  durch  Diss.  zu  *baldredu7ii. 
Y o-a*baldredum,  das  weiter  verbreitet  ist,  wurde  (5ö/-  ^n(*bardedu7n  über- 
tragen und  dieses  durch  *baldedum  ersetzt.  *Ba!dcdii7n  ergab  sp.  baldes, 
*baldredum  baldres,  port.  baldreu,  kat.  baldrell.  Im  Port,  blieb  -1?«  aus 
-edum  erhalten.    Im  Sp.  wurde  der  ungewöhnliche  Ausgang,  als  man 


JOSEF    BRUCH,    DIE    SIPPE    DES    FKZ.  BAUDRIER.  225 

die  eigentliche  Bedeutung  des  Wortes  noch  kannte,  durch  -es  ersetzt; 
vgl.  mlat.  cordovesus  „Korduanleder"  zur  Zeit  Ludwigs  des  Frommen 
und  Karls  des  Kahlen,  auf  das  Diez,  io8  hinwies.    Im  Kat.  wurde 
-eu  durch    das  Suffix  -eil  ersetzt.     Hier   wird  ja   /   so    gesprochen, 
dafs  es  bisweilen  schwer  zu  entscheiden  ist,  ob  man  /  oder  u  ver- 
nimmt, und  oft  werden  beide  Laute  miteinander  vertauscht  (Saroi- 
handy,   GGr.  I2  862).     Das    Diminutivsuffix    -eil    wurde    durch    ein 
anderes    Diminutivsuffix    ersetzt    und    baldric    trat    neben    baldrell. 
Während    das    sp.   und    das   port.  Wort    nur    eine   Art   Leder    be- 
zeichnen,   benennt    das    kat.  einen    aus    Leder    verfertigten  Gegen- 
stand, den  Riemen,    an  dem  das  Schwert  hängt.    Wie  kat.  cordovä 
wanderte  auch  altkat.  *baldreu  mit  der  Sache   in  den  Norden  und 
wurde  zu  aprov.  baldrei,   weil  dem  kat,  deu   „zehn"   aprov.  dial.  dei 
(neben  delz)    entsprach    und    überhaupt    vielen    kat.  ?/- Diphthongen 
prov.  /-Diphthonge  gegenüberstanden.     Das  von  Raynouard  2,  200  b 
aus  dem  prov.  Fierabras,   also  aus  der  prov.  Bearbeitung  eines  frz. 
Gedichtes  belegte  baudrat  ging    aus   afrz.  baudre  durch  Umsetzung 
ins    Prov.   hervor.     Der   Ersatz    des   ungewöhnlichen    Ausgangs    -ei 
durch  das  so  gewöhnliche  Suffix  -ier  ergab  das  von  Levy  im  Petit  dict. 
verzeichnete  baldrter,  baudrter.    Neben  baldrei,  baldrier,  batidrier  dürfte 
das    Aprov.  eine    dem    kat.  baldric    entsprechende    Form    besessen 
haben;    denn  mhd.  balderich,   me.  baudric  stammen  doch  wohl  aus 
einer   solchen.     Auch    eine    dem    kat.  baldrell  entsprechende  Form 
dürfte  im  Aprov.  bestanden  haben;   denn  afrz.  baldrei  „Wehrgehenk" 
im  Renaut  de  Montauban,  bauderel,  das  God.  aus  Dijon  vom  Jahre 
1444  belegt  und  sehr  ungenau  mit  „piece  de  cuir"  übersetzt,   das 
aber  nach   dem  Zusammenhange  {u7ig  chappel  de  faidtre,   ung  lindet, 
ung  bauderel)    einen  Gurt    bezeichnet    haben   wird,    stammen    doch 
eher    aus    einer    aprov.  Form    als    direkt    aus    kat.  baldrell.     Aprov. 
baldrei  drang  m  den  Norden  und  ergab  afrz.  baldrei  in  den  Büchern 
der  Könige,  187.     Ebenso  ergab  aprov.  batidrier  frz.  baudrier,   das 
ja  jetzt  noch  üblich  ist  und  das  God.  in  der  Stelle  cordes  pour  les 
cloches,    tresses ,    baudriers  et  aiiires  choses  necessaires  pour  la  sonner ie 
belegt,  das  darnach  die  neben  den  Stricken  zum  Ziehen  der  Glocken 
verwendeten  Riemen  bezeichnete.     Wichtig  ist  die  Form  baldred  in 
den  Büchern   der  Könige,  6g,    baldrc  bei  Beneeit,    Ducs  de  Norm. 
II  37430    und    sonst.     Der  ungewöhnliche  Ausgang  -ei  wurde,    da 
das  lautlich   am  nächsten  stehende  Suffix  -ei(t)  aus  -liurn  begriftlich 
gar    nicht    pafste,    durch    das    Suffix   -et,  -c    aus    -äius    ersetzt;    vgl. 
etwa    batide    „in    Streifenfoim".     Die    afrz.   Wörter     und     das    nfrz. 
batidrier  bezeichnen  den  Degenriemen,  den  Riemen,  mit  dem  man 
die  Glocke  zog,  durch  Übertragung  vom  Degenriemen  auch  einen 
am  Kleide  angebrachten  ledernen  Streifen  —  mit  „lisiere  de  cuir" 
übersetzt  God.  das  von  ihm  aus  dem  Jahre  1443  belegte  baudretire — , 
nirgends  das  Leder   als  Stoff.     Das  abgeleitete  Verb  batulroir,    von 
dem  wieder  das  Subst.  baudroier   „Riemer"   hergenommen    ist,   be- 
deutete somit  nicht  „das  Leder  biearbeiten"   schlechtweg   oder    gar 
„gerben",  sondern  „Riemen  herstellen",  und  der  baudroier  war  ein 

Zeitschr,  f.  rom    Pliil.  XLII  I  : 


2  26  VERMISCHTES.       ZUR    WORTGESCHICHTE. 

Riemer.  Da  auch  die  aprov.  Wörter  nur  den  Degenriemen,  nicht 
das  Leder  als  Stoff  bezeichnen,  so  ist  Entlehnung  aus  dem  Kat., 
nicht  aus  dem  Sp.  anzunehmen.  Von  bawlroier  „Riemen  schneiden" 
leitete  man  baudnuhe  für  das  Goldschlägerliäutchen  her,  das  ja  ein 
aus  dem  präparierten  Häutchen  des  Blinddarms  des  Ochsijn  ge- 
schnittenes Blatt  ist. 

Frz.  CO  ff  in. 

Nfrz.  coffin  „Wetzsteinbüchse  der  Mäher"  wird  gewöhnlich  als 
direkter  Fortsetzer  des  afrz.  coffin  „Körbchen"  angesehen.  Nun 
heifst  die  Wetzsteinbüchse  im  Nprov.  coudil  (im  Languedoc),  coudieu, 
coiidu,  cojiie,  couvie.  Dies  sind  deutlich  Ableitungen  von  edlem  mit 
-//,  -ier.  Darnach  wird  man,  um  der  ganz  speziellen  Bed.  des 
nfrz.  coffin  gerecht  zu  werden,  dies  eher  für  eine  Umgestaltung 
eines  "'com  nach  coffin  „Körbchen"   halten. 

Frz.  fard. 

Frz.  fard  „Schminke"  stammt  aus  dem  während  der  Kreuz- 
züge entlehnten  arab.  hard  „Färben  mit  roter  Farbe",  dem  Inf. 
von  harada  Freytag  4,  384  a.  Arab.  h  ergab  frz. /"  sowie  frk.  in 
freux,  frhnas,  free,  froneer  und  wie  mlat.  eh  von  paroehia  Du  C.  6, 
178  aprov.  /  in  parofia  lieferte.  Bei  dieser  Gelegenheit  sei  die 
merkwürdige  Form  a7niraiie,  RolanJslied  850,  894,  126g  besprochen. 
Afrz.  aniirail  (auch  schon  Rolandslied  2615,  2767),  aprov.  amiralh, 
it.  ammtraglio,  kat.  almirall,  sp.  ahmraje,  port.  almiralh  lassen  sich 
alle  auf  ein  *amirdlie  zurückführen,  das  aus  arab.  amir  ci  all  „höherer 
Führer"  entstand;  s.  d all  „höher"  Freytag  3,  217a.  Mlat.  a7niragius 
aus  Reggio  in  der  Emilia,  almiragins  bei  Francesco  Carpesano  aus 
Parma  (Du  C.  l,  225  c)  bieten  geschriebenes  -aghis  für  gesprochenes 
-ajo  aus  -aglio,  dessen  /'  in  der  Emilia  zu  j  wurde.  Nun  wird  das 
arab.  Am  von  Wahrmund,  Praktisches  Handbuch  der  neuarab. 
Sprache  i,  als  das  „tönende  A"  definiert  und  konnte  daher  wie 
anderes  h  durch  f  wiedergegeben  werden.  So  konnte  a7nlr  d  la 
a?!urafle  ergeben;  s.  d la  „höher,  erhabener",  eine  Nebenform  von 
däll  bei  Wahrmund,  Handwörterbuch  der  neuarab.  und  deutschen 
Sprache  I  i,  94  b.  Dafs  die  Franzosen  im  Mittelalter  h  sprachen, 
darf  man  nicht  gegen  die  Möglichkeit  einer  Vertretung  des  arab. 
h  durch  f  geltend  machen.  In  der  Zeit,  in  der  die  Galloromanen 
von  den  Franken  deren  h  lernten,  übernahmen  sie  auch  *hlao, 
*hrwi,  *hr6k,  *hrokk,  *hrunkja  und  ersetzten  trotzdem  deren  h 
durch  f.  Offenbar  war  frk.  h  vor  /,  r  und  arab.  h  von  frk.  h  vor 
Vokal  verschieden.  Der  Zeit,  in  der  im  Ahd.  und  im  späteren 
As.  h  vor  /,  r  schwand,  vor  Vokal  blieb,  ging  doch  eine  Zeit 
vorher,  in  der  h  vor  /,  r  wie  vor  Vokal  noch  vorhanden,  aber  ver- 
schieden war.  Dafs  aber  die  arab.  /;- Laute  vom  afrz.  h  in  hdir 
verschieden  waren,  kann  ohne  weiters  angenommen  werden.  So 
pafst  arab.  hard  lautlich  und  begrifflich  als  Grundwort  des  frz.  fard. 
Die  Herleitung  aus  einem  konstruierten  germ.  Worte  (Meyer-Lübkc, 


J.  BRUCH,    DIE    ENTWICKLUNG    VON    GR    IM    SPAN.    UND    PORT.       227 

REW.  3207,  Verfasser,  ZrP.  36,  684)  kommt  nach  der  Auffindung 
des  arab.  Grundwortes  nicht  mehr  in  Betracht.  Kulturhistorisch  ist 
die  Entlehnung  eines  Wortes  für  das  Schminken  von  den  Arabern, 
deren  Frauen  sich  schminkten,  begreiflich. 

Josef  Bruch. 


6.    Die  Entwicklung  von  gr  im  Spanischen  und 
Portugiesischen. 

Über    die  Entwicklung    von   gr   im    Sp.  und    Port,   hat    zuletzt 
Meyer-Lübke,  ZrP.  3g,  265   gehandelt,  sp.  negro,  entero,  asp.  entrego, 
port.  negro,    inieiro,    aport.  entregue,    agaliz.  agro,    npoit.  cheirar    als 
die  in  Betracht  kommenden  Wörter  verwendet  und  die   Frage,    ob 
die  mit  gr  oder  die  mit  {i)r  die  bodenständige  Entwicklung  bieten, 
zugunsten    derer    mit   gr  entschieden.     Er    sagt   wörtlich:    Das   Sp. 
bewahrt  zwischensilbiges  g'.regar,  legar,  also  auch  «^^rö.     Die  Kraft 
dieser  Folgerung  wird    durch    das  Tosk.  zerstört,    das   strega,    lega 
„er  bindet",   darnach  legare,  in  alter  Zeit  auch  Hgare,  dann  rigare, 
darnach  riga,  jetzt  irrigare,  iiriga,  endlich  piaga  und  daneben,  was 
Meyer-Lübke  a.  a.  O.,  258  selbst  betont,  nero,  peritarsi,  intiero  sagt. 
Die  Entwicklung  von  gr  mufs    also  durchaus  nicht   immer  mit  der 
des  interv.  g  vor  dunklem  Vokal  übereinstimmen.     Da   sich    somit 
die  Frage  nach    der  Entwicklung    des   gr  im   Sp.  nicht    durch    all- 
gemeine Erwägungen  lösen  läfst,  so  bleibt  nur  die  Betrachtung  der 
wenigen  Wörter,    die  gr  bieten,    übrig  und  es  fragt  sich,    ob  Ent- 
lehnung oder  Bodenständigkeit  von   sp.  negro  wahrscheinlicher  sei. 
Da  hätte  sich  nun  Meyer-Lübke  unbedingt  mit    der  von    ihm  gar 
nicht    erwähnten    Ansicht    auseinandersetzen    sollen,    die    Baist    in 
seinem    gedankenschweren  Aufsatz    im  Grundrifsl2,  904    vorträgt. 
Er  sagt  dort  wörtlich:    Lilautend  wird  gr  zu  yr'.pereza  für  "^peireza 
pigritiam ,    entero    für   *enteiro    integrum ,    altsp.  ero    agrum :    vor   Er- 
weichung   der  Tenuis    in  magro  usw.  und    der  Aufnahme  des  sehr 
alten  negro,    wofür  einheimisch    die  dunklen  prieto,    hito.     Nun    be- 
weisen   die    von    Baist    für    ir    aus   gr    geltend    gemachten   Wörter 
allerdings    nichts;    denn  pereza    kann    aus    aprov.  pereza    stammen, 
entero    aus    frz.  entier,    was    Meyer-Lübke    annimmt,    und    asp.  ero 
„Dreschtenne   auf   dem   Felde"   ist    nach    seiner    Bed.    eher    durch 
Wechsel    des  Ausgangs   aus   era   „Tenne"   aus   area  entstanden    als 
aus  agrum.     Aber  wichtig    ist    die  Beobachtung,    dafs  neben  negro 
die  bodenständigen  Wörter  prieto,  hito  stehen.    Wenn  man  hito,  das 
speziell    von    Pferden    gebraucht    wird,    somit    eine    eingeschränkte 
Verwendung  in  bestimmten  Berufskreisen  gehabt  haben  kann,  auch 
im  Port,  keine  Entsprechung  hat,  beiseite  läfjt,  so  bleiben  sp.  prieto, 
port.  preto  „schwarz",  die  übrigens  nicht  etyni.  dunkel  sind,  sondern 
im  REW.  540  erklärt  werden.     Die  Übereinstimmung  der  Bed.  im 
Sp.  und  Port,  macht  deren  Entwicklung  im  Iberorom.  wahrscheinlich. 
Darunter  verstehe    ich    das   auf  der  Pyrenäenhalbinsel  gesprochene 

'5* 


22Ö  VERMISCHTES.       ZUR    WORTGESCHICHTE. 

Idiom,  das  nach  der  Auflösung  des  weströmischen  Reiches  und 
der  dadurch  ermöglichten  Differenzierung  des  italischen,  gallischen 
und  des  hispanischen  Volkslateins  aus  dem  letzteren  hervorgegangen 
war  und  sich  noch  nicht  ins  Sp.  und  Port,  gespalten  hatte.  Eine 
solche  gemeinsame  Grundlage  ist  für  das  Sp.  und  das  Port,  wegen 
der  zahlreichen  Übereinstimmungen  im  Lautwandel,  Formenbau  an- 
zunehmen. Diese  iberorom.  Periode  dauerte  von  der  Auflösung 
des  weströmischen  Reiches  bis  zur  Zeit,  da  sich  Portugal  unter 
dem  Grafen  Heinrich  unabhängig  von  Kastilien  machte  und  seine 
eigene  Geschichte  begann,  also  etwa  von  500  bis  1 100.  Das 
Iberorom.  besafs  somit  in  *pretu,  der  Vorstufe  des  sp.  prieio,  port. 
preto,  ein  Wort  für  „schwarz"  und  dies  spricht  gegen  die  Boden- 
ständigkeit von  negro.  Ähnlich  hat  Meyer -Lübke  selbst,  zuletzt  in 
der  Einf.  3  46,  die  Entlehnung  des  sp.  briino  aus  einer  anderen 
rom.  Sprache,  dem  Frz.  oder  Prov.  durch  die  Tatsache  wahrscheinlich 
gemacht,  dafs  „der  eigentlich  sp.  Ausdruck  für  braun  pardo  oder 
viorado  ist".  Jedenfalls  besteht  die  Möglichkeit,  dafs  sp.,  port.  negro 
aus  aprov.  negre  entlehnt  sei.  Diese  Entlehnung  wird  dadurch 
wahrscheinlich,  dafs  auch  andere  sp.,  port.  Farbennamen  aus  Frank- 
reich stammen,  so  sp.  blanco,  port.  branco,  sp.  blondo,  sp.,  port.  brutto, 
gris,  jalde. 

Die  Entwicklung  des  gr  zu  ir  im  Port,  und  damit  indirekt  im 
Sp.  wird  durch  port.  cheirar  „duften"  erwiesen,  das  mit  aprov. 
flairar,  kat.  flayrar,  frz.  flairer  aus  vlt.  ^flagräre  stammt,  das  durch 
Diss.  aus  lat.  fragräre  „duften"  hervorgegangen  war.  Die  Ver- 
mutung Meyer-Lübkes  REW.  3476  und  ZrP.  a.  a.  O.,  dafs  cheirar 
aus  frz.  flairer  oder  aprov.  flairar  entlehnt  sei,  ist  unhaltbar,  weil 
frz.  oder  aprov.  fl  nicht  mehr  zu  ch  werden  konnte.  Meyer-Lübke 
sagt,  es  sei  sicher,  dafs  der  Wandel  von  fl  zu  ch  nach  der  Trennung 
von  Spanien  und  Portugal  falle.  Da  sie  um  iioo  erfolgte,  so  wäre 
eine  Teilnahme  eines  etwa  im  11.  Jahrh.  entlehnten  frz.  oder  prov. 
Wortes  an  diesem  Wandel  möglich,  wenn  Meyer-Lübkes  Behaup- 
tung zuträfe.  Allein  das  gerade  Gegenteil  ist  wahrscheinlich,  ich 
sage  nicht,  sicher,  weil  etwas,  das  nicht  dokumentarisch  bezeugt 
ist,  nicht  sicher  ist.     A'^  '.übke  erwähnt   bei  dieser  Gelegenheit 

das  für  das  8.  Jahrh.  durch  Beleg  gesicherte  /  aus  anlautendem  gl 
und  fragt  dann,  „wann  der  Übergang  von  l  zw  ly  und  die  da- 
durch bedingte  Palatalisierung  der  Fortes  eingetreten  ist".  Da  das 
aus  anlautendem  gl  entstandene  /  weder  im  Port,  noch  im  Sp. 
aufser  im  Astur,  und  dem  Teil  des  Aragon.,  wo  jedes  anlautende 
/  zu  7/  wurde,  palatalisiert  wurde,  anlautendes  cl,  fl  aber  sowohl  im 
Port,  wie  im  Sp.,  so  ist  die  Palatalisierung  der  anlautenden  cl,  fl 
von  dem  Wandel  des  anlautenden  gl  zu  /  völlig  zu  trennen.  Das 
gleiche  Ergebnis  von  fl  nach  Kons,  in  sp.  hinchar,  port.  inchar  wie 
auch  von  cl,  pl  [sacho,  ancho)  macht  es  schon  höchst  unwahrschein- 
lich, dafs  anlautendes  fl  wie  cl,  pl  erst  nach  der  Trennung  Spaniens 
und  Portugals,  also  selbständig  in  jeder  Sprache  seine  Entwicklung 
zu  //,  bez.  ch  begonnen  habe.     Cl,  pl^  fl  wurden  im  An-  und  In- 


J.  BRUCH,    DIE    ENTWICKLUNG    VON    GR    IM    SPAN.    UND    PORT.       229 

laut  wohl  schon  im  Vit.  Hispaniens  und  Italiens  aufser  dessen  Süd- 
osten zu  dy,  ply,  fly,  diese  im  Iberorom.  zu  ly  (Meyer-Lübke,  Gramm, 
der  rom.  Spr.  2,  345).  Im  Anlaut  blieb  ly  im  Sp.  [llave,  llaga,  llamd) 
und  verlor  /  im  Port.,  worauf  y  durch  Verstärkung  des  Reibungs- 
geräusches und  Stimmloswerdung  zu  c,  s  wurde  sowie  stimmhaftes 
J  zu  dz,  z.  Im  Inlaut  nach  Kons,  verlor  ly  auch  im  Sp.  das  /  und 
y  entwickelte  sich  im  Sp.  und  Port,  wie  anlautendes  im  Port. 
Interv.  ly  blieb  im  Port.,  Leones.-Astur.,  Aragonischen,  während  im 
Kastil.  das  Reibungsgeräusch  verstärkt,  z  entwickelt  wurde  und  / 
davor  schwand.  Es  gibt  nur  Beispiele  für  ly  aus  cl,  da  manojo, 
port.  molho  wegen  der  anderen  rom.  Formen  auf  bezeugtes  manuciilus, 
nicht  auf  *manupulus,  piiehlo  wegen  des  port.  povo,  alten  povoo  auf 
das  durch  amtliche  Formeln  gehaltene  dreisilbige  populus,  nicht  auf 
*poplus  zurückgeht.  Das  in  afflare,  sufflare,  su/ßamj/iare  vorliegende 
fß  ergab  nicht  kastil.  j,  port.  Ih  wie  interv.  cl  und  wahrscheinlich 
interv.  fl,  verlor  aber  auch  /  nicht  wie  7ily  aus  nfl  in  tnßare,  weil 
nach  Zusammenziehung  der  zwei  /  in  eines  dem  ly  kein  Kons,  wie 
in  ^inlydr  voranging,  /  somit  nicht  mittlerer  von  drei  Konss.  war; 
vielmehr  entwickelte  sich  inlautendes  fß  wie  anlautendes  fi.  Sp. 
hallar,  resollar,  sollamar  zeigen  //  wie  llama  und  port.  achar  ch  wie 
cha?}i7na.  Aus  dieser  Darlegung  ergibt  sich,  dafs  Hamma  im  Ibero- 
rom. aller  Wahrscheinlichkeit  nach  ^lja?na  mit  ziemlich  starkem 
Reibungsgeräusch  des  j  in  Lusitanien  gesprochen  wurde.  Dieser 
Laut  schritt  in  Lusitanien  rasch  zur  Affrikata  weiter.  Wäre  damals 
aprov.  flairar  oder  afrz.  ßairier  aufgenommen  worden,  so  wäre  es 
aller  Wahrscheinlichkeit  nach  nicht  mehr  zu  *ljeirar,  cheirar  ge- 
worden. Aufser  dem  anlautenden  Kons,  widerspricht  auch  der 
betonte  Vokal  von  cheirar  der  Herkunft  aus  dem  Frz.  oder  Prov. 
Für  älteres  ai  erscheint  ei  schon  im  Jahre  907  in  ameneiro,  freiseno, 
die  Cornu,  GGr.  I  2,  925  belegt  hat,  und  ai  von  Hairier  wäre  ge- 
blieben oder  mit  Verlust  des  zweiten  Elementes  durch  a  wieder- 
gegeben worden  wie  in  faixa,  caxa.  Ja,  das  ai  wäre  nicht  nur, 
sondern  es  ist  durch  port.  a  wiedergegeben  worden  in  faro  „feiner 
Geruch".  Meyer-Lübke  hat  im  REW.  3476  gerade  wegen  der,  wie 
er  sagt,  doppelten  Behandlung  des  gr  in  port.  faro  und  cheiro 
cheirar  vermutungsweise  als  prov.  Lehnwort  angesehen,  faro  aber 
für  ein  verschiedenes,  nicht  lat.  Wort,  dabei  die  bisherigen  Ver- 
suche der  Erklärung  dieses  yvzrö,  die  phantastisch  sind,  mit  Recht 
abgelehnt.  Dieses  faro  erklärt  sich  auf  ziemlich  einfache  Weise. 
Es  entstand  durch  Diss.  aus  *fraro  und  dieses  aus  afrz.  flair.  Frz., 
prov.  fl  wie  überhaupt  fremdes  fl  wurde  durch  port.  fr  wieder- 
gegeben, so  in  fraco,frasco,frauta,froco,frota^  froxo  u.  a.  Während 
somit  die  Vertretung  des  frz.  fl  durch  port.  fr  in  *fraro,  faro  zahl- 
reiche Parallelen  hat,  besitzt  die  für  cheirar  vermutete  Wiedergabe 
des  frz.  oder  prov.  ß  durch  port.  ch  keine  einzige.  Kurz,  cheirar, 
cheiro  ist  Erbwort,  faro  frz.  Lehnwort,  nicht  umgekehrt.  Damit  ist 
der  Wandel  des  gr  zu  ir  für  das  Port,  gesichert.  Da  nun  das  Sp. 
und    das  Port,  bei   gl,  cl  und    anderen  Gruppen   übereinstimmend 


230        VERMISCHTES.      ZUR    WOKiGESClllCUTK.       J.  HRÜCH    ETC. 

die  Palalalisieiung  zeigen,  wenn  auch  das  Schlufsergebnis  der  Ent- 
wicklung der  palatalisierten  Konss.  zuweilen   verschieden  ist,    so  ist 
es    höchst  unwahrscheinlich,    dafs    das  Port,  gr  zu  palatalen  r  ge- 
wandelt,   das  Sp.  dagegen  bewahrt  habe.     Damit  ist  auch  für  das 
Sp.  der  Wandel  des  gr  zu  ir  wahrscheinlich  gemacht.    Dann  mufs 
sp.,  port.  negro  aus  aprov.  negre  entlehnt  sein.    Agaliz.  agfo  „Acker" 
stammt    aus    dem    Urkundenlatein.     Sp.  pereza    könnte    aus   aprov. 
pereza  entlehnt  sein ;   doch   liegt  ein  lautlicher  Grund  zu  dieser  An- 
nahme nicht  vor.     So  bleiben  noch  sp.  entere,  port,  inteiro  einerseits, 
asp.  tntrego,  aport.  entregue  „ohne  Abzug"  andererseits  zu  besprechen. 
Enirego  hat  mit  der  Frage,  ob  gr  sp.  gr  oder  ir  ergab,  gar  nichts 
zu  tun.     Denn  es    ist  nicht  erst    im  Sp.  aus  *entergo,  *entegro  ent- 
standen, geht  vielmehr  nach  piem.  antreg,  gen.  intregu,  mail.  intreg, 
venez.  intriego,    parm.  intreg,    kors.  inirevu,    log.  intreu,    vegl.  intric, 
rum.  intreg  auf  ein  schon  vlt.  *intregu  zurück,    da  voneinander  un- 
abhängige   Umstellungen    mit    zufällig    gleichem    Ergebnis    an    ver- 
schiedenen Orten  nicht  glaublich  sind.     Galiz.  entergo  entstand  aus 
*entrego  -\-  inteiro  individuell.     Vit.  *intregu  hatte  kein  gr  mehr  und 
kommt  daher  für  die  Frage,  wie  sich  gr  entwickelt  habe,   nicht  in 
Betracht.     Es  entstand  auf  einem  Streifen,  der  die  iber.  Halbinsel, 
Sardinien  und  J<.orsika ,  Norditalien  und  den  Balkan  umfafste,    aus 
integrum   durch    die  Einwirkung  eines  anderen   Wortes,    das  wegen 
der  Verbreitung  über    den  Balkan    kein  kelt.   und    kein  germ.  war, 
sondern    wahrscheinlich    griechisches    drQf/.riQ    „genau,    bestimmt", 
dessen  geschlossenes  e  auch    das  geschlossene  e  von  "^intregu  (vgl. 
asp.  entrego)  erklärt.     Dafs   g  von    entrego    den   Wandel  von    gr  zu 
ir  nicht  ausschliefst,    zeigt   piem.  antreg   neben   neir,    wozu  Meyer- 
Lübke,  ZrP.  39,  258  Sehr  richtig  bemerkt,  dies  lehre  nur,   dafs  der 
Übergang  von    negrii    zu    neir  jünger    sei    als    die  Umstellung   von 
ititregu  zu  intreg.     Eine  andere  Frage  ist  es,  ob  es  wahrscheinlich 
sei,    dafs    das  Vit.  Hi&paniens   nebeneinander  *i7itregu    und    integru 
besessen  habe.     Es  ist  in  der  Tat  unwahrscheinlich,    dafs  sich  bei 
einem  Worte  der  Umgangssprache  zwei  Formen  durch  Jahrhunderte 
nebeneinander    erhalten    hätten.     Deshalb    ist    auch    mir    Herkunft 
von  entero,  inteiro  aus  Frankreich  wahrscheinlich.     Da  ^intregu   nur 
im  Asp.,  Aport.  erhalten    ist,    so  hatte   es  schon  im  Mittelalter  auf 
der   iber.  Halbinstl  geringe  Lebenskraft.     Das    eigentlich  volkstüm- 
liche Wort  für   „ganz"   war  dort  eben  totus,    das   ja    auf  der    iber. 
Halbinsel  mehr  als  anderswo  die  lat.  Bed.  „ganz"  bewahrte. 

Josef  Bruch. 


VERMISCHTES.     ZUR    LIlEKATURGESCHlCHi  E.     F.  GENNRICH    ETC.        23 1 

II.  Zur  Literaturgeschichte. 

Zu  den  Liedern  des  Conon  de  Bethune. 

Dem  Beispiel  Bedier's,  seine  DoktorLhese  eimem  weiteren  Kreis 
von  Lesern  in  einer  billigen,  aber  nichtsdestoweniger  zuverlässigen 
Ausgabe  —  den  Classiques  fran^ais  du  Moyen-äge  —  zugänglich 
zu  machen,  ist  nun  auch  Waliensköld  gefolgt.  ^  Wer  kennt  nicht 
die  als  Musterausgabe  eines  altfranzösischen  Trouvere  oft  zitierte 
Ausgabe  des  Conon  de  Bethune,  in  der  sich  Textkritik,  Hand- 
schriftenkunde  und  Sprachforschung  ebenbürtig  die  Hand  reichen? 
Deshalb  fragt  man  sich,  ob  es  möglich  war,  auf  dem  Raum  von 
nur  XXIII  -f-  39  kleinen  Seiten  eine  der  ersten  gleichwertige  aber 
reduzierte  Ausgabe  zu  bieten,  eine  Ausgabe,  die  auch  den  Bedürf- 
nissen der  Fachgenossen  gerecht  werden  würde.  Erfreut  wird  man 
feststellen,  dafs  es  dem  Verfasser  gelungen  ist,  mit  erstaunlichem 
Geschick  nicht  nur  alles  Wesentliche  der  ersten  Ausgabe  auf  dem 
knappen  Raum  übersichtlich  darzubieten,  sondern  dafs  er  auch 
unter  Berücksichtigung  neuerer  Forschungsergebnisse  eine  gewisse 
Erweiterung  damit  verbunden  hat. 

Der  erste  Teil  der  Einleitung  bringt  über  das  Leben  des 
Conon  nichts  wesentlich  Neues.  Ein  gröfserer  zweiter  Abschnitt 
handelt  zunächst  von  den  Conon  zugeschriebenen  Liedern.  Nach 
Raynaud's  Bibliographie  sind  14  Lieder  dem  Conon  zugeschrieben, 
von  denen  W.  mit  Recht  R.  2000  von  vornherein,  R  15,  185g  und 
i960  als  fraglich  ausschaltet;  es  bleiben  also  10  Lieder  übrig,  die 
sich  auf  nicht  weniger  als  17  Handschriften  verteilen.  Damit  sind 
aber  die  dem  Conon  zugeschriebenen  Lieder  nicht  erschöpft.  W. 
setzt  sich  in  seiner  ersten  Ausgabe  noch  mit  dem  in  dem  Index 
der  Hs.  M  (Pb  3)  Conon  zugeschriebenen  Liedern  auseinander  und 
übersieht  hierbei,  dafs  aufser  R.  1125  noch  R.  511  Amours  m'est 
el  euer  entree  von  dem  Index  der  Hs.  a  (R')  dem  Mesire  Quenes 
de  Bietune  zugeschrieben  wird,  ein  Lied,  dafs  in  der  Hs.  selbst 
anonym  überliefert  ist.  Bisher  ist  dieses  alte  Inhaltsverzeichnis 
unberücksichtigt  geblieben,  wohl,  weil  die  meisten  Forscher  —  wie 
es  scheint  auch  W.  in  seiner  neuen  Ausgabe;  er  teilt  wenigstens 
nicht  mit,  dafs  die  Hs.  a  (Ri)  auch  die  Notation  von  R.  1125  über- 
liefert (vgl.  S.  25,  Zeile  2  von  unten)  —  die  vatikanische  Hs.  gar 
nicht  kennen,  sondern  nur  deren  recht  schlechte  und  fehlerhafte 
Abschrift  2  der  Pariser  Arsenalbibliothek.  [Hier  sei  noch  erwähnt, 
dafs  bei  R.  1125  Vers  11  die  Hs.  a  wie  die  Hss.  M.  T.  ki  li  nicht 
ki  la  überliefert,  vgl.  S.  22,  Zeile  9  von  oben.]. 

Wem  ist  nun  dieses  Lied  zuzuteilen?  Die  Hs.  M  (Pb3)  schreibt 
es  dem  Duc  de  Brabant  zu.     Die  Hs.  F  (Lb)  überliefert  es  anonym. 

'  Waliensköld,  Axel,  Les  Chansons  de  Conon  de  Bethune,  als  No.  24 
der  „Classiques  fran9ais  du  Moyen-äge",  Paris  (1921)  bei  Honor^  Champion, 
XXIII  -1-  399  .SS.     Preis  3  Frcs. 

"^  Vgl.  meine  Besprechung  in  Zs.  rom.  Phil.  41   (1921)  S.  306  f. 


2T,2  VERMISCHUES.      ZUR   LlTKKAi  URGESCHICHTE. 

Nach  den  handschriftlichen  Überlieferungen  ist  also  keine  sichere 
Entschc'idung  zu  treffen,  da  eins  gegen  eins  steht  und  dazu  in 
derselben  Handscliriftengruppe.  Textkritisch  ist  das  Geleit  des 
Liedes  auch  nicht  viel  aufschlufsreicher,  es  lautet : 

Quens  jolis 
de  Flandres,  amis 
qui  j'ai  chier 
nie  sari^s  vous  conseillier 
de  li 
cm  j'^atm  si, 
si  que  j'en  ai  et  euer  et  cors  joli. 

Der  Dichter  wendet  sich  hier  an  den  Grafen  von.  Flandern,  den 
er  einen  „lieben  Freund"  nennt.  Da  nur  ein  Ebenbürtiger  den 
Grafen  von  Flandern  so  genannt  haben  kann,  so  kommen  als  Sprecher 
entweder  Conon,  der  zu  dem  Grafen  von  Flandern  neben  verwandt- 
schaftlichen auch  noch  freundschaftliche  Beziehungen  hatte  und  auf 
ihn  vielleicht  auch  in  seinem  Kreuzzugslied  R.  13 14  anspielt,!  in 
Betracht  —  oder  aber  der  Herzog  Heinrich  III.  von  Brabant.  Wenn 
wir  nun  trotz  der  nahen  Beziehungen  Conons  zu  dem  Grafen  von 
Flandern  in  dem  Herzog  von  Brabant  den  Dichter  vermuten,  so  stützt 
sich  diese  Vermutung  darauf,  dafs  die  Hs.  M  {Pb3)  das  Lied  als  das 
erste  unter  den  beiden  Liedern  des  Herzogs  überliefert  und  es  in 
Hs.  a  (Ri)  den  dort  genannten  Liedern  des  Herzogs  unmittelbar 
vorangeht.  Eine  Verwechslung  im  Index  der  Hs.  a  (Ri)  könnte 
also  wohl  möglich  gewesen  sein,  besonders,  da  in  der  Hs.  selbst  das 
Lied  anonym  überliefert  ist.  Andererseits  scheint  die  gekünstelte 
Strophenform  a,  ^  by  a^  ^  by  C3  C5  dg  d^  6-2  E3  E9,  die  ihresgleichen 
unter  den  authentischen  Liedern  des  Conon  de  Bethune  nicht  hat, 
gegen  eine  Zuweisung  an  Conon  zu  sprechen,  wie  derartige 
Strophenformen  auch  musikalisch  in  eine  spätere  Periode  verweisen. 
Volle  Gewifsheit  ist  aber  damit  immer  noch  nicht  gegeben. 

Ebensowenig  läfst  sich  ein  sicherer  Nachweis  bei  R.  303  er- 
bringen. Hs.  C  (B2)  schreibt  das  Lied  wohl  Conon  zu,  doch  ist 
Hs.  C  (B2)  für  die  Zuweisung  der  Lieder  bekanntlich  so  unzuverlässig, 
dafs  das  Argument  W.'s,  dafs  „die  handschriftliche  Überlieferung 
nicht  dagegen  spricht",  nicht  ausreichend  sein  kann.  Damit  würde 
man  sonst  zugeben,  dafs  alle  Lieder,  die  in  Hs.  C  (B2)  mit  Dichter- 
namen versehen  und  in  den  anderen  Hss.  anonym  überliefert  sind, 
sowie  alle  Unica  in  Hs.  C  (B2)  mit  den  richtigen  Dichternamen 
überliefert  wären,  was  auf  Grund  der  kontrollierbaren  anderen 
Fälle  prozentual  nicht  zutrifft.  Anders  liegen  die  Verhältnisse  bei 
R.  1837,  II 28  und  1325,  die  auch  nur  in  den  nahe  verwandten 
Hss.  M   (Pb-)    und    T  (PbH)    stehen.     Gegen    die    Angaben    dieser 


1  Vgl.  B^dier,  Chansons  de  Croisades,  S.  43  und  dazu  Wallensköld  S.  25 
Anm.  I. 


F.  GENNKICH,   ZU    DEN    LIEUERN    DES    CONON    DE   BETHUNE.       2^;^ 

Hss.    ist   zumal    die    Lieder   im    Zusammenhang    mit    den    übrigen 
Liedern  Conons  sich  finden,  nichts  ins  Feld  zu  führen. 

Eine  Tabelle  der  Zuweisungen  der  einzelnen  Lieder  von  den 
einzelnen  Hss.,  in  der  man  auch  die  Eintragung  der  Foliozahlen 
gern  gesehen  hätte,  trägt  viel  zur  Erleichterung  der  endgültigen 
Zuweisung  bei.  Bemerkenswert  sind  auch  die  textlichen  Beziehungen 
zwischen  R.  1125   und   1314  einerseits  und  R.  1030  andererseits. 

An  interessante  Bemerkungen  über  den  Inhalt  und  den  Stil 
der  Lieder  schliefst  W.  zusammenfassende  Betrachtungen  metrischer 
Art  über  die  Anzahl  der  Strophen,  die  Beziehungen  derselben 
untereinander,  den  Strophenbau,  die  Zäsur  und  den  Reim.  An 
diesen  Ausführungen  ist  an  und  für  sich  nichts  auszusetzen.  Man 
könnte  sie  treffend  als  Anatomie  der  Lieder  bezeichnen.  Aber 
ebensowenig  wie  uns  die  Anatomie  etwas  über  die  Seele  des 
Menschen  offenbart,  ebensowenig  vermögen  uns  auch  noch  so 
genaue  metrische  Untersuchungen  die  Seele  des  Liedes  zu  er- 
schliefsen.  Sie  geben  uns  einzig  und  allein  einen  Mafsstab  für  die 
formale  Fertigkeit  eines  Dichters,  aber  sie  lassen  die  vom  Dichter 
beabsichtigte  Wirkung  des  Liedes  auf  das  Gefühl  des  Zuhörers 
nicht  erkennen. 

Diesen  Umstand  näher  zu  erhellen,  sei  mir  hier  ein  kleiner 
Exkurs  gestattet.  Vor  kurzem  kamen  mir  wieder  folgende  Vers- 
zeilen zu  Gesicht : 

Autretois  un  roi  de  Thule 

Qui  jusqu'au  tombeau  fut  fidele, 

Re9ut,  ä  la  mort  de  sa  belle, 

Une  coupe  d'or  cisele. 

Comnie  eile  ue  le  quittait  gueie, 
Dans  les  festins  les  plus  joyeux, 
Toiijours  une  lärme  legere 
A  sa  vue  humectait  ses  yeux. ' 

Ich  verfahre  nun  nach  der  in  den  Classiques  fran(;ais  du 
Moyen-äge  eingeschlagenen,  auch  sonst  zumeist  angewandten 
Methode : 

Inhalt  und  Stil:  Eine  Übertragung  des  Goethischen  „König 
in  Thule",  die  formal  bei  weitem  das  Original  nicht  erreicht. 

Beziehungen  der  Strophen:  a  coblars  Singulars.  Die 
Stellung  des  Reimes  in  den  Strophen  wechselt;  in  der 
I.  Strophe  ag  bg^bj,^a§,  alle  anderen  Strophen  Cgv_.dg  Cj,^d^. 

Strophenbau:  Die  Strophen  haben  achtsilbige,  abwechselnd 
weibliche  und  männliche  Verse.  Strophe  i  macht  eine 
Ausnahme,  da  dort  die  männlichen  Verse  die  weiblichen 
umschliefsen. 


*  Ich  begnüge  mich  mit  den  eisten  beiden  Strophen  des  sechsstrophigen 
Liedes. 


234 


VERMISCHTES,       ZUK    LlTiiRATUKGESCHICHTE. 


Keim:  ungenaue  Reime  Iklele  :  belle  [in  den  übrigen  Strophen 
royale  :  salee,  paris  :  mers,  apres  :  dcsormais]. 

mithin    sind    es    mittelmäfsige  französische  Verse,    die  das  Ori<,Mnal 
bei  weitem  nicht  erreichen. 

Trotzdem  ist  das  Lied  ein  Meisterstück  französischer  Kunst 
geworden,  ein  Text,  von  dem  man  auch  nicht  einen  Buchstaben 
missen  wollte.     Man  urteile  selbst : 


i 


i?=t-=^==^ 


--8- 


V=^=P= 


Au  -  tre  -  fois 


^^m^^ 


de     Thu     -    le     Qui     jus    -    qu'au 


^E^ 


t- 


-itz 


tom-beau     fut 


g 


5^^^ 


de    -    le,    Re    -    ^ut, 


•P=: 


Ja    movt  de     sa 


:t: 


:'=^^ 


t^- 


_^» 


^=t=^= 


bei    -    le,      U    -    ne        cou  -  pe      d'or      ci    -    se    -    le.         Comme 


h=^-^-  h: 


=1^: 


'-^^ 


^3=^ 


-# — « — a- 


^^ 


:f=p: 


ipzd 


el  -  le      ue      le    quil-tait    gue  -  re,  Dans  ks    fes  •  tius  les  plus  joy- 


^l&^L^JÖ^&^^EtegE^ 


:^i 


Tou  -  jours    u     -    ue       lar 

lhll===--l=l^ .  ± 


ge    -    re 


±1 


i 


^-- 


^' 2^^ 


IJ 


A         sa        vue 


hu 


mec  -  tait  ses 


yeux. 


Der  grofse  Beifall,  den  diese  „Chanson  gothique",  wie  sie 
H,  Berhoz  nennt,  bei  jeder  Aufführung  der  „Damnation  de  Faust" 
findet,  beweist  schlagend^  dafs  auch  ein  philologisch  als  mittelmäfsig 
zu  bewertender  Text  seine  Wirkung  auf  den  Zuhörer  nicht  verfehlt, 
wenn  ihm  die  Musik  Eingang  zum  Herzen  desselben  verschaflft. 
Worin  besteht  nun  dies  Zaubermittel,  das  der  blofsen  Deklamation 
verschlossen  ist?  Es  ist  ganz  einfach  das  Zusammenwirken  von 
Takt  und  Rhythmus,  von  Tonhöhe  und  gegenseitigen  Tonabständen, 
von  Klangfarbe  der  vortragenden  Stimme  und  der  der  Begleitung, 
sowie  deren  Konsonanz  und  Dissonanz,  und  einer  Reihe  von 
anderen  Faktoren,    die  man  zusammen  eben  als  Musik  bezeichnet. 


F,  GENNRICH,    ZU    DKN    LIEDERN    DES    CONON    DE    BETHUNE.       235 

Diese  Faktoren  sind  es,  die  dem  Lied  die  Seele  einhauchen,  die 
den  Schlüssel  zu  dem  Herzen  des  Zuhörers  bilden. 

Man  lasse  nun  andererseits  die  Textworte  fort  und  summe 
beispielsweise  nur  die  Melodie,  so  wird  man  bald  inne  werden, 
dafs  die  Melodie  uns  allein  auch  bedeutend  weniger  sagt  als  im 
Zusammenwirken  mit  dem  Text.  Text  und  Melodie  sind  im  Lied 
eben  von  einander  abhängig,  nur  im  Zusammenspitrl  vermögen  sie 
Versland  und  Gefühl  zu  befriedigen. 

Liegen  die  Verhältnisse  bei  den  miltelalterlichen  Trouvere- 
Liedern  etwa  anders?  Wohl  kaum,  denn  wenn  z.  B.  R.  2107  in 
nicht  weniger  als  bisher  fünf  verschiedenen,  R.  12  16  in  vier,  R.  1 135 
in  drei,  R.  igg,  221,  711,  936  und  2054  in  je  zwei  Contrafaktai 
nachgewiesen  sind,  so  ist  das  ein  sicheres  Zeichen  für  die  Beliebt- 
heit jener  Melodien.  Wenn  auch  die  Trouveres  keine  Berlioz 
waren,  so  bilden  sie  in  ihrer  Art  doch  unbestritten  bedeutsame 
Faktoren  des  mittelalterhchen  Musiklebens.  Die  Notationen  .sind 
zum  grofsen  Teil  erhalten,  eine  einwandfreie  Übertragung  in 
moderne  Notation  ist  uns  auch  möglich,  deshalb  bleibt  es  un- 
verständlich, warum  die  Trouvere- Lieder  immer  noch  so  unvoll- 
ständig —  denn  zu  einem  Lied  gehört  auch  dessen  Melodie  — 
herausgegeben  werden.  Die  Ausgaben  machen  deshalb  mehr  oder 
Weniger  den  Eindruck  der  guten  Herausgabe  des  Textbuches  einer 
Oper,  deren  Musik  man  nicht  erfährt.  Um  so  erstaunlicher  aber 
ist  es,  dafs  von  französischer  Seile  so  gut  wie  gar  nichts  auf  diesem 
Gebiet  geleistet  wird,  obwohl  in  dieser  Epoche  die  französische  Musik 
zweifellos  eine  führende  Stellung  in  der  Musikentwicklung  einnimmt. 

Nach  einigen  Betrachtungen  über  die  Sprache  des  Diclitcrs 
wendet  sich  W.  der  chronologischen  Einordnung  der  Lieder  zu. 
Zu  datieren  sind  R.  1837  etwa  gegen  1180  und  R.  1125  und  13 14 
etwa  1188,  kurze  Zeit  vor  dem  diitten  Kreuzzug  (ii8g — 1193)- 
Für  die  anderen  Lieder  bleibt  die  Einordnung  hypothetisch.  W. 
gruppiert  diese  Lieder  geschickt  um  die  oben  erwähnten  herum, 
indem  er  als  Wegweiser  das  fingierte  Liebesleben  Conons  verwendet. 
Es  wäre  auch  eine  andere  Ordnung  denkbar,  nämlich  die  der  Hs. 
T  (Pbii)  selbst,  allerdings  ohne  dafs  man  in  dieser  Reihenfolge 
irgend  ein  Prinzip  der  Einordnung  erkennen  könnte. 

Zur  Handschriftengruppierung  verbessert  W.  Schwan's  Gruppie- 
rung MTe:R2  +  a  in  MTe  +  R2:aund  CIU  +  H:KNOPVX 
in  CIU  +  KNOPVX  :  H.  Die  Hss.  x,  d.  h.  das  Stuttgarter 
Fragment  2  und  y,  d.  h.  die  prov.  Hs.  Rom.  Vat.  3208,  die  ge- 
wöhnlich mit  O  bezeichnet  wird, 2  weiden  eingereiht  und  zwar  zu 
O  einerseits  und  H  andererseits. 

W.  stellt  dann  das  Filiationsverhältnis  der  Hss.  fest  und  er- 
örtert den  Wert  der  Hss.  für   die  Rekonstruktion  des  Urtextes.     Er 

'  Vgl.  meine  Ergänzungen  zu  Raynaud's  Liedeiliste  in  Z«.  rom.  Phil.  41 
(1921),  S.  330  ff. 

^  Über  die  Hss.-Sigel  siehe  meine  Ausführungen  in  Zs.  rom.  Phil.  41  (1921), 
S.  294  ff.  und  den  Anhang  S.  339  ff. 


236  VERMISCH! ES.      /UK    LITERATÜKGESCHICHTE. 

spricht  von  sog.  „rass.  contarain^s",  ein  Ausdruck,  der,  wenn  man 
die  erste  Ausgabe  nicht  kennt,  nicht  recht  verständlich  wird.  Als 
Grundlage  des  Textes  dient  —  im  Gegensatz  zur  ersten  Ausgabe  — 
die  Hs.  T  (Pb")  mit  Ausnahme  von  R.  303,  dem  Hs.  U  (Pbi2)  zu- 
grunde liegt.  Eine  umfangreiche  Bibliographie,  zu  der  noch  zu 
bemerken  ist,  dafs  die  phototypische  Ausgabe  der  Arsenalhand- 
schrift 5198  von  Aubry  leider  nur  bis  Seite  384  geht  und  R.  1314 
—  entgegen  der  Angabe  von  W.  Seite  26  —  da  auf  Seite  398 
stehend,  also  noch  nicht  erschienen  ist,  beschliefst  die  recht  inter- 
essante Einleitung. 

Zu  den  Liedertexten,  den  Varianten  und  Anmerkungen  ist  an 
Wesentlichem  so  gut  wie  nichts  zu  erwähnen.  Nur  von  neben- 
sächlicher aber  nichtsdestoweniger  prinzipieller  Bedeutung  ist  die 
Folioangabe  der  Lieder  in  den  einzelnen  Hss.  Bei  R.  303  gibt 
W.  in  Hs.  U  (Pbi2)  fol.  28  an.  Wir  finden,  dafs  man  eigentlich 
die  alte  Folierung,  wenn  eine  solche  in  einer  Hs.  vorhanden  ist, 
jeder  modernen  vorziehen  sollte.  Bekanntlich  nimmt  die  moderne 
Foliierung  auf  etwa  herausgerissene  oder  fehlende  Blätter  keinerlei 
Rücksicht.  Wie  ist  nun  ein  Lied,  das  z.  B.  einem  alten  Index 
zufolge  nachweislich  auf  einem  solchen  Blatt  gestanden  hat, 
einzuordnen?  Für  Raynaud,  der  sich  bedauerlicherweise  nicht 
um  die  herausgerissenen  Blätter  kümmerte,  existieren  die  auf 
diesen  Blättern  vorhandenen  Lieder  einfach  nicht.  Natürlich  ist 
das  nicht  der  rechte  Standpunkt,  denn  zur  Beurteilung  einer  Hs. 
gehört  die  Berücksichtigung  aller  Teile  derselben,  auch  der  zumeist 
um  der  Miniaturen  willen  herausgerissenen  Blätter,  (die  sich  vielleicht 
doch  noch  einmal  in  einer  Miniaturensammlung  wiederfinden  könnten). 
Bei  der  Hs.  U  (Pb^''^)  z.  B.  macht  die  Angabe  der  alten  Foliierung 
gar  keine  Schwierigkeiten,  jeder  kann  in  der  phototypischen  Aus- 
gabe das  Lied  R.  303  leicht  auf  fol.  25 r°  finden. 

Bei  R.  II 25  weicht  W.  wohl  mit  Recht  in  der  Reihenfolge 
der  Strophen  und  der  Fortlassung  des  Geleites  von  seiner  ersten 
Ausgabe  und  auch  von  der  B^dier's  ab.  Das  Lied  hat  bekanntlich 
als  Vorbild  für  R.  1022  —  das  besser  infolge  des  Reimes  oiseuse 
als  Rayn.  1020  a  zu  führen  wäre  —  gedient.  Es  ist  interessant  zu 
verfolgen,  wie  die  Melodie  des  Contrafaktums  mit  der  des  Vor- 
bildes übereinstimmt. 


II. 


A    -  hi!       A  -  mour.s,  com  du  -  re     de  -  par  -  ti 
qui     on  -  ques      fust       a  -  me  -  e      ne     ser  -   vi 


^^E^^^^^^m^^ 


O    -    ies,       sei  -  gneur,  pe  -  re  -  ceus  par  oi  -  seu     -     se, 
sou    -   vie   -   gne     vous     de     la    morl  an-goi-seu     -     se. 


F.  GENNRICH,    ZU    DEN    LIEDERN    DES    CONON    DE   BETHÜNE.       237 


^^^^^^m 


^ 


me  cou  -  ven      -      dra     fai  -  re        de      la  meil 

Dex  me     ra     -     maint     a     li        par      sa  dou 


lour 
90ur 


E3E 


qui    de 
qua     li 


niou  -  res,     sou-frai  -  teus 
fiex     Dieu     sou  -  fri 


de 


tous         biens 


^^J3Eg9^^[^i 


pre 


i^^j 


S^^^fe^^^g^EEEElE^ 


~si~. 


-s^ 


si     voi    -   re  -  ment      qua  m'en  part    a  do    -    lour 

se       li       cors     vait        ser  -  vir     nos  -  tre        Sei    •    gnour 


3^ 


:^: 


-sJ-f-<g 


:d=:1: 


il       fu      li  -  es 
el      an     la    crois 


en     l'es-tache  au    li 
fu      mis,  ce     sa  -  vons 


T==^ 


4=^ 


-^-+- 


'^^■ 


*-* 


m^ 


'^^^^m. 


Las!  qu'ai  je      dit?    Ja     ne         m'en  part  je 
li      cuers  re  -  maint  du    tout         en      sa    bail 


mi 
li 


^ 


-!S>~ 


tr-^Tt:^ 


^3=£§^=i:^i^j 


et     fu      ba  -  tus     d'es  -  cor  -  gi    -  es    neu 
pour  nous    ge  -  ter     des       pai   -  nes     do  -  le 


eu 
reu 


ses, 
ses. 


Die  Melodie  des  Contrafaktums  II.  folgt  derjenigen  der  Hs.  M 
(Pb3)  I.  und  beweist,  dafs  im  Gegensatz  zu  den  erhaltenen  Melodien 
von    R.   1125,    diese    die    volkstümlichste    und    beliebteste    gewesen 


2:58 


VERMISCHTES        ZUR    LlTli KATURGESCHICHTE. 


sein  dürfte.^  Zu  gleicher  Zeit  zeigt  das  Beispiel,  dafs  die  Melodie 
der  Contrafakta  nicht  etwa  Sache  des  jeweiligen  Schreibers  der 
Hs.  war,  sondern  dafs  sie  von  dem  Dichter  des  Contrafaktums 
ausgewählt  wurde.  Die  Melodie  zu  R.  11 25  lautet  in  Hs.  a  (Ri), 
der  einzigen  Hs.,  die  das  geistliche  Contrafaktum  überliefert,  nämlich 
vollkommen  abweichend : 


b^^^^^E^^ 


A  -  hi!     A-mours,  con  du  -    re       de  -  par 


n- 


#=»-Hg » &i 


'm] 


moi     con  -  veu  -  dra     fai    -    re 
«2 


de  la     meil   -    lour 


=^: 


-.f^ 


-^-- 


::zti: 


■s>-  ^M^— 


:p; 


t: 


y^ÜE^^^^ 


ki      on-ques  fust    a  -  m^-    e      ne     ser  -  vi 


Dieus  me     ra- 


-f^^*^- 


39^^ 


t:=zp: 


^^- 


l=-4S^ 


p—G 


par  sa      dou  -  90ur. 


£#F^ 


nient    qua    m'en    part        a  do         lour 


m 


-ö*— 


:t 


t: 


-&^—^ 


dit?      Ja  ne     m'en     part     je         mi    -     e 


se         li     cors 


fe=f=il^ 


^—0 , 


-p  0 — *- 


:h=f:: 


va    ser  -  vir      nos    -   tre      Sei  -  gnour 


fe^"£^ 


P^^=^ 


EZEE^^ä: 


=^E^p 


:z=|z=n: 


& — •— ^-■ 


maint       del         tout  en 


bail     -      li 


^  Hierzu  vergleiche  man  die  zutreffenden  Bemerkungen,  die  Gerold  über 
die  musikalische  Überlieferung  der  Melodie  von  R.  1125  in  den  verschiedenen 
Hss.    und    deren  Bewertung    macht,    Romania  46    (1920)  109  — 113;    man    ver- 


F.  GENNRICH,    ZU    DEN    LIEDEKN    DILS    CONON    DE    BETHUNE.       239 

Auch  aus  dieser  Fassung  geht  hervor,  dafs  der  Melodie  ein 
Bau  a  ß  a  fj  y  d  y  Ö  zugrunde  liegt,  wenn  dtrsclbe  auch  durch  ver- 
derbte Überlieferung  stark  verwischt  wurde. 

Sonst  ist  über  die  beiden  Krtuzzugslieder  schon  so  viel  ge- 
schrieben worden,  dafs  sich  wohl  kaum  etwas  Neues  darüber  vor- 
bringen liefse.  Anders  verhält  es  sich  mit  R.  1325,  das  derartige 
Gegensätze  in  den  beiden  Strophen  enthält,  dafs  wohl  kaum  an- 
zunehmen ist,  dafs  diese  Strophen  einem  Lied  entstammen  könnten. 
Es  ist  m.  E.  eine  andere  Lösung  zu  suchen. 

Schon  Jeahroy  1  hat  auf  den  Zusammenhang  von  R.  1131, 
1137  und  1325  hingewiesen  und  auch  angedeutet,  dafs  R.  1325 
möglicherweise  aus  Stücken  verschiedener  Lieder  besteht,  dafs 
R.  1137  als  Contrafaktum  von  1325  angesehen  werden  kann,  in 
das  die  erste  Strophe  von  1325  als  dritte  Strophe  versehentlich 
aufgenommen  worden  wäre. 

Ich  möchte  eine  andere  Lösung  der  Frage  vorschlagen.  R.  1 137 
trägt  zunächst  nicht  den  Charakter  eines  Contrafaktums.  Gegen 
die  Reihenfolge  der  Strophen  ist  nichts  einzuwenden:  Talent  ai 
que  je  vos  die  ist  keine  unbekannte  Liedeinleitung  (man  vgl.  dazu 
R.  II 29  En  talent  ai  que  je  die,  oder  ähnlich  R.  792  Talent  m'a 
pris  de  chanter,  oder  R.  793  Talent  me  rest  pris  de  chanter,  oder 
R.  1845  Talens  m'est  pris  orendroit,  oder  R.  142  bis*  Talens  me 
vient).  Es  ist  deshalb  nicht  nötig,  eine  andere  Strophe,  z.  B.  die 
3.  Belle  douce  dame  chiere  etc.  als  erste  Strophe  des  Liedes  zu 
bezeichnen.  Diese  Strophe  steht  an  dritter  Stelle,  ohne  den  Sinn 
oder  den  Zusammenhang  des  Liedes  zu  stören;  im  Gegenteil, 
Strophe  I  würde  sich  nicht  so  gut  an  Str.  3  anschliefsen,  von  der 
Strophenverkeftung   durch  den  Reim  ganz  abgesehen. 

Im  Gegensatz  zu  R.  11 37  trägt  1131  untrüglich  den  Stempel 
der  Nachahmung.  Der  Anfang  von  1131  hat  nicht  nur  grofse 
Ähnlichkeit  mit  dem  von  1137,  sondern  stimmt  auch  wirklich  mit 
ihm  überein : 

Talant  ai  que  je  vous  die  Ne  lairai  que  je  ne  die 

de  mes  maus  une  partie  de  mes  maus  une  partie 

Ferner  sind  Ausdrücke  aus  R.  1137  in  den  Paralversen  ins  Gegenteil 
verdreht,  was  nicht  auf  reiner  Zufälligkeit  beruhen  kann: 

mais  ma  chiere  dolce  amie  fausse,  plus  vaire  que  pie 

por  cui  mes  cuers  s'umelie  qui  m'envoia  en  Surie 

oder 

de  sa  dolce  compaignie  faus  est  qui  eu  vous  sc  fie 


gleiche  auch  die  eigentümlichen  Bemerkungen   iilier  diese  Melodie  von  K.  von 
Ettmayer    in    der  Zeitschrift    für    franz.   Sprache  u.   Litt.  42   (1914)  23 — 24    und 
meine  Besprechung,  ebenda  Bd.  46  (1921)  S.  219. 
1  Romania  XXI  (1891),  p.  418 — 424. 


240  VERMISCHTES.       ZUR    LITERATURGESCHICHTE. 

oder 

n'istrai  de  sa  seignourie  si  ne  vous  amerai  mie 

oder 

que  nus  hom  qui  soit  en  vie  s'aime  mieuz,  que  que  nus  die 

n'aime  tant  oisel  rosti 

por  ce  nes  convist  hom  mie.  que  la  vostre  compaignie. 

Leider  sind  von  R.  1131  nur  zwei  Strophen  überliefert,  aber 
auch  diese  beiden  Strophen  schHefsen  sich  dem  Sinn  nach  wohl 
aneinander  an. 

Was  ist  nun  von  R.  1325  zu  halten?  W.  hält  Schelers  Er- 
klärung, dafs  die  beiden  Strophen  zwei  verschiedenen  Freundinnen 
gewidmet  wären,  nicht  für  wahrscheinlich,  ohne  aber  weitere 
Stellung  zu  der  Frage  zu  nehmen.  Ich  möchte  in  R.  1325  eine 
verderbte  Überlieferung  erkennen,  die  eine  Strophe  aus  R.  1137 
und  eine  aus  R.  11 3 1   überliefert. 

Schon  die  Überlieferung  von  nur  zwei  Strophen  in  Hs.  M  (Pb^) 
und  T  (Pbii)  ist  auffälUg,  denn  die  Lieder  in  diesen  Hss.  pflegen 
mehr  als  zwei  Strophen  zu  haben.  Wenn  Hs.  O  (Pb^)  oft  nur  eine 
oder  wenige  Strophen  von  Liedern  überliefert,  so  weifs  jeder,  dafs 
dies  eine  Erscheinung  ist,  die  den  Tatsachen  nicht  entspricht,  die 
aber  ihre  Erklärung  darin  findet,  dafs  die  Hs.  das  musikalische 
Interesse  in  den  Vordergrund  stellt.  Bei  den  Hss.  M  (Pb^)  und  T 
(Pbi')  ist  das  nicht  der  Fall;  R.  1325  mufs  also  zum  Mindesten 
als  unvollständig  bezeichnet  werden. 

Es  bleibt  aber  zu  erklären,  wie  es  möglich  ist,  dafs  R.  1325 
Strophen  von  R.  1137  und  1131  überliefert.  Zwar  sind  R.  1137 
wie  R.  1 1 3 1  anonym  überliefert,  infolge  ihres  Vorkommens  in  Hss., 
die  Verfassernamen  ursprünglich  nicht  kennen.  Die  handschriftliche 
Überlieferung  spricht  also  nicht  gegen  die  Annahme,  dafs  beide 
Lieder  von  Conon  stammen  können.  Man  könnte  allenfalls  ein- 
wenden, dafs  es  doch  seltsam  ist,  dafs  ein  und  derselbe  Dichter 
ein  Contrafaktum  zu  einem  seiner  eigenen  Lieder  verfafst.  So 
seltsam  ist  das  aber  gar  nicht,  man  erinnere  sich  nur  an  R.  527 
als  Contrafaktum  von  R.  538,  beide  von  Richard  de  Semilli,  oder 
R.  12  als  Contrafaktum  von  R.  83,  beide  von  Gautier  de  Coinci; 
ähnlich  dürften  auch  die  Verhältnisse  bei  den  noch  nicht  voll- 
kommen aufgeklärten  R.  1497  und  1495,  beide  von  Blondel  de 
Nesles,  liegen.  Diese  Möglichkeit  kann  auch  für  die  in  Frage 
kommenden  Lieder  Conons  vorhanden  sein,  jedenfalls  aber  beweisen 
die  oben  angeführten  Fälle,  dafs  seine  Autorschaft  für  beide  Lieder 
nicht  ausgeschlossen  ist. 

Eine  gröfsere  Wahrscheinlichkeit  erhält  diese  Vermutung  noch 
dadurch,  dafs  R.  1325  als  von  Conon  herstammend  bezeichnet 
wird.  Die  Untermengung  von  Strophen  bei  der  Überlieferung 
verschiedener  Lieder  ist  aber  bei  Liedern  gleicher  Dichter  viel 
leichter  als  bei  Stücken  verschiedener  Autoren,    und  noch  leichter, 


F.  GENNKICH,    ZV    DEN    LIEDERN    DES    CONON    DE    BETHUNE.        24  t 

wenn  gar  der  Strophenbau  dieser  Lieder  gleich  war.  Wenn  man 
nun  erfährt,  dafs  die  Hss.  M  (Pb3)  und  T  (Pbii)  [auch  e,  das  aber 
hier  nicht  von  Belang  ist]  die  dritte  Strophe  von  R.  1837  als  vierte 
Strophe  von  R.  1623  überliefert,  dafs  diese  im  Strophenbau  nicht 
identischen,  sondern  nur  ähnlichen  Lieder  von  eben  diesem  Conon 
sind,  und  dafs  Hs.  C  (B^)  das  Lied  R.  1623  richtig  überliefert, 
dann  mufs  man  unbedingt  zu  der  Überzeugung  kommen,  dafs  auch 
R.  1137  in  Hs.  C  (B2)  richtig  überliefert  ist,  und  dafs,  infolge  von 
Verwechslungen  unter  den  Liedern  des  Conon  de  Bethune  schon 
in  der  Vorlage  der  Hss.  M  (Pb^)  und  T  (Pb'i),  R.  1325  in  diesen 
Hss.  eine  verderbte  Überlieferung  darstellt,  eine  Überlieferung,  die 
in  der  von  diesen  Hss.  dargebotenen  Form  nie  existiert  hat. 

In  der  Ausgabe  ist  also  R.  1325  zu  streichen  und  durch 
R.  1137  und  R.  1131   zu  ersetzen. 

Zur  Chronologie  der  Lieder  R.  1137  und  R.  1131  ist  zu  be- 
merken, dafs  R.  1137  Glicht  das  erste  Lied  des  Dichters  war  (sonst 
würde  er  nicht  in  dem  Lied  von  einem  „autre  chant"  sprechen), 
dafs  R.  1131  als  Contrafaktum  nach  R.  1137  gedichtet  wurde  und 
dafs  dieses,  aus  der  Anspielung : 

Fausse,  plus  vaire  que  pie, 
ki  m'envoia  en  Surie 

zu  schliefsen,  nach  der  Teilnahme  an  einem  Kreuzzug  entstanden 
ist,  wahrscheinlich  in  beabsichtigter  Anlehnung  an  R.  1137,  das  an 
dieselbe,  nun  untreu  gewordene  Geliebte  gerichtet  wird. 

So  läfst  sich  R.  1137  vortrefflich  unter  die  Lieder  R.  62g, 
303,  1837  einordnen,  während  R.  1131  gut  zu  R.  1128,  sowie  den 
übrigen  Liedern  Conons  pafst. 

In  Bezug  auf  die  Binnenreimelision  in  R.  1137  ^^^  ^'  ^^3^ 
ist  noch  nachzutragen,  dafs  bei 

dem  textlichen  Bau  :aab    b    aab    b    aab    a 

und  dem  melodischen  Bau:      «      A      «      /?2      7       ^ 

nur  innerhalb  der  Melodieabschnitte  a  und  y  eine  Binnenreimelision 
eintreten  konnte,  nicht  zwischen  a  und  ß  oder  y  und  ö. 

Ein  Eigennamenverzeichnis  und  ein  Glossar  schliefsen  das 
gediegene  Werkchen  ab,  dem  noch  eine  Reihe  weiterer  Auflagen 
beschieden  sein  möge. 

F.  Gennrich. 


/eitsclir.  f.  rom,  Pliil.   XLH.  JU 


BESPRECHUNGEN. 


Dr.  Carlo    Battisti,    Zur    Sulzberger   Mundart.      Ein    Reisebericht.     S.-A. 

aus    d.  Anzeiger    der   phil.-hist.    Klasse    der   Kais.  Ak.  d.  Wiss.    in  Wien, 

XVI,   1911,  54  S. 

Nach  der  sprachlichen  Erforschung  des  Nonsberges  hat  sich  nun  B.  zum 
angrenzenden  Sulzberg  gewandt.  Mit  dem  hier  angezeigten  Aufsatz  will  er 
vorläufig  „in  den  Hauptzügen  die  sulzberger  Mundart  charakterisieren  und  die 
wichtigsten  Materialien  zur  Lösung  des  sulzb.  Sprachproblems  liefern". 

Nach  einer  Beschreibung  des  Tals  ^S.  4  —  6)  werden  zuerst  die  ver- 
schiedenen historischen  Faktoren  untersucht,  die  in  der  sonst  aus  ethnischen 
Voraussetzungen  mit  der  des  Nonsberges  gleichartig  sein  sollenden  Mundart, 
vielfache  Störungen  und  Abänderungen  hervorgerufen  haben  (S.  6 — 16).  Darauf 
folgt  die  Aufzählung  und  Abschätzung  der  spärlichen  und  durchwegs  jungen 
{XIX.  Jahrh.)  sulzb.  Spiachquellen  und  der  die  sulzb.  Mundart  betreffenden 
Literatur  (S.  16 — 24  und  auch  S.  37  f.)  und  dann,  gleichsam  als  Anhang  zu 
dem  Abschnitt,  die  mit  Varianten  aus  verschiedenen  Dorfdialekten  versehene 
Mitteilung  von  400  unter  den  charakteristischesten  Wörtern  in  der  Mundart 
von  Mezzana  aus  der  reichhaltigen  Wörtersammlung  von  Dr.  Salvadori,  die  nun 
B.s  Eigentum  ist.  Der  übrige  Raum  (S.  38 — 54)  enthält  die  übersichtliche 
Untersuchung  über  die  sulzb. -Laute  und  zum  Schlufs  einige  Paradigmata  der 
Verbalflexion. 

Die  Hauptergebnisse  der  Arbeit  sind  etwa  folgende:  Die  älteste  sulzb. 
Mundart  zeigte  hochnonsb.  Charakter;  die  heutige  aber  fufst  auf  mittelnonsb. 
Grundlage  und  zwar  so,  dafs  sich  im  unteren  Tal  (östlich  von  Dimaro)  fast 
alle  mittelnonsb.  Merkmale  wiederfinden  (Niedersulzbergisch),  im  oberen  aber 
in  direktem  Verhältnis  zur  Entfernung  vom  Nonsberg  die  nonsb.  Züge  seltener 
werden,  um  fremden  Elementen  Platz  zu  machen  (Hochsnlzbergisch). 

Diese  fremden  Elemente  der  Sprache  des  oberen  Tals  finden  dann  ihre 
Erklärung  in  der  durch  den  Handel  und  die  Einwanderung  besonders  in  den 
letzteren  Jahrhunderten  bestimmten  Einwirkung  der  benachbarten  Mundarten 
und  zwar  des  Camunischen  über  den  Toualepafs;  des  Rendenesischen  über  den 
Campigliopals  und  des  Trientischen  über  Nonsberg.  Diese  Einwiikung  war 
aber  so  tiefgreifend  und  so  zahlreich  in  die  stattgefundenen  Kreuzungen  von 
sprachlichen  Wellen,  dafs  der  bodenständige  Sprachbestand  darunter  kaum  mehr 
als  in  den  allgemeinen  Umrissen  zu  erkennen  ist. 

Mit  vorliegender  Arbeit  sind  wir  auf  diese  Weise  dem  sulzb.  Sprach- 
problem  sehr   nahe   getreten.     Denn  hier  haben  wir  zuerst  alle  Hauptfäden  in 


DR.    CARLO    BATTISTI,    ZUR    SULZBERGER   MUNDART.  243 

der  Hand,  die  zur  Bildung  des  sulzb.  SprachstofTes  beigetragen  haben.  Ent- 
weder läfst  sich  die  sulzb.  Frage  durch  diese  Hilfsmittel  beantworten  oder  ist 
sie  überhaupt  unlösbar.  Es  handelt  sich  nunmehr  hauptsächlich  darum,  das 
Mafs  des  Anteils  der  einzelnen  Faktoren  zur  Umgestaltung  der  bodenständigen 
sulzb,  Sprache  festzustellen. 

Bei  seinen  freilich  aligemeinen  Bemerkungen  über  diese  Frage  hat  B. 
vielleicht  nicht  immer  das  Richtige  getroffen.  Mir  scheint  z.  B. ,  er  habe  den 
Einflufs  der  Mundart  von  Rendena  auf  das  Sulzb.  überschätzt.  Dafs  zwischen 
den  beiden  Tälern  schon  in  den  letzten  Jahrh.  des  Mittelalters  eine  Handels- 
beziehung bestanden,  ist  historisch  erwiesen;  diese  mufs  aber  eine  sehr  geringe 
gewesen  sein,  denn  sehr  schwierig  und  lang  war  der  Saumweg,  der  die  beiden 
Täler  miteinander  verband,  und  gering  waren  die  damaligen  Bedürfnisse  einer 
Alpenbevölkerung,  die  noch  vor  einem  Jahrhundert  fast  ganz  mit  den  eigenen 
Erdprodukten  auskam.  Von  einer  Einwanderung  von  Bewohnern  der  Rendena 
in  den  Sulzberg  wird  nirgends  berichtet,  die  sulzb.  Auswanderer  aber  hielten 
äch  sicher  nicht  in  jenem  armen  Tale  auf.  JedentV.lls  braucht  es  etwas  mehr 
ils  ein  loses  Verkehrsverhältnis  zur  Beeinflussung  einer  Sprache  durch  eine 
jndere.  Ein  solches,  wenn  nicht  gröfseres,  Verhältnis  hat  z.B.  sicher  auch 
zwischen  dem  Hoch-  und  dem  Mittelnonsberg,  bzw.  dem  Etschtal  bestanden, 
und  doch  hat  sich  die  hochnonsb.  Mundart  bis  zu  unseren  Tagen  fast  ganz 
rein  von  fremden  Elementen  eihalten.  In  der  Tat  findet  man  im  Sulzbergischen 
und  selbst  in  der  Mundart  von  Dimaro  an  der  Mündung  der  Campigliostrafse 
kein  sicheres  Zeichen  von  einer  rendenesischen  Einwirkung.  Alle  die  von  B. 
für  Dimaro  (S,  13)  angeführten  Erscheinungen  sind  nicht  speziell  rendenesisch, 
sondern  ebensogut  entweder  hochsulzb.-camuuisch  oder  nonsb.-trentinisch.  Was 
das  auffallende  Unterstützungs-?^  nach  Konsonantengruppen  anbelangt,  so  ist 
zu  bemerken,  dafs  es  auch  für  die  lombardische  Rendena  ein  befremdendes 
Merkmal  ist  und  dafs  es,  wenn  es  vom  Trent. -Venetischen  kommt,  in  die  zwei 
Täler  einzeln  eingetreten  sein  kann.  Das  mufs  ja  sicher  bei  einem  anderen 
venet.  -u  [o),  ich  meine  dem  der  i.  Pers.  Präs.  Ind. ,  der  Fall  sein,  das  in 
Rendena  allgemein  ist,  auf  dem  Sulzberg  aber  nur  im  westlichsten  Winkel, 
Vermiglio,  und  zwar  neben  dem  sonst  üblichen  -t  auftritt,  eine  Erscheinung, 
die  sich  gerade  vor  unseren  Augen  abzuspielen  scheint.^  Gegen  den  Ursprung 
des  Unterstützungs-w  aus  Rendena  scheint  mir  übrigens  der  Umstand  zu  sprechen, 
dafs  dieses  -u  in  Dimaro,  dem  ersten  sulzb.  Dorf  von  Rendena  her,  weniger 
üblich  ist  als  in  weiter  gelegenen  Ortschaften  (Dimaro  kennt  ja  blofs  -uru  <^ 
•br-,  -pr-\  anstatt  der  Formen  cendru,  t^ndru,  ^^mpru  usw.  hat  es  cender, 
tgnder,  ^^mpre  wie  im  Niedersulzb.  und  Nonsb.)  und  dafs,  neben  dem  -uru, 
gerade  die  Form  -klu  am  weitesten  verbreitet  ist,  welche  im  modernen 
Rendenesischen  überhaupt  nicht  vorkommt,  während  die  übrigen  «on«^/^. Falle 
fast  nur  auf  das  nächste  Gebiet  um  Ossana  beschränkt  sind.  Wie  wäre  es 
endlich  zu  erklären,  dafs  der  renden.  Einflufs  auf  Sulzberg  von  Dimaro  aus 
sich  nur  talaufwärts  erstreckte,  so  dafs  die  doch  näher  liegenden  östlicheren 
Dörfer  ganz  unberührt  geblieben  sind.'' 


*  Ettmayer  (s.  Lomb.-lad.  Paradigma  55,  84,  130)  weifs  davon  noch  niciits, 
während  es  nun   von  B.  belegt  wird  (s.   S.  49). 

16* 


244  BESPRECHUNGEN.       ENRICO    QUARESIMO. 

Dagegen  finde  irh  das  Gewicht,  dafs  der  Verf.  auf  die  Rolle  des 
Camunischen  in  der  Umbildung  der  sulzb.  Mundart  legt,  durchaus  nicht  über- 
trieben. Wahrscheinlich  aber  ist  der  Grund  dieses  umwälzenden  Eintlusses 
nicht,  oder  nicht  hauptsächlich,  in  der  Berührung  der  beiden  angrenzenden 
Dialektgebiete  zu  sehen,  wie  es  B.  meint,  sondern  vielmehr  in  der  direkten 
Verpflanzung  eines  ostlombard.  Dialektes  mitten  in  den  Sulzberg,  bewirkt  durch 
die  im  Laufe  des  XIV. — XVI.  Jahrb.  stattgefundene  massenhafte  Einwanderung 
von  Bewohnern  der  Valcamonica  nnd  Vaheilina  zu  den  blühenden  Eisenwerken 
von  Comasine.  B. ,  dem  die  Tatsache  dieser  Einwanderung  bekannt  war,  hat 
sie,  so  viel  ich  sehe,  nicht  gebührend  vei wendet.  Gegen  einen  Einflufs  des 
Camunischen  über  den  Tonale  herüber  gilt  vor  allem  eines:  Die  Mundart  von 
Vermiglio,  dem  Greazdorf  gegen  Valcamonica  zu,  weist  in  mancher  Beziehung 
ursprünglichere  Zustände  auf  als  die  weiter  unten  gelegenen  Ortschaften,  wie 
Ossana  und  Fucine.  So  kennt  Verm.  z.  B.  noch  das  vokalisierte  /  von  Kons. 
(Kaot-Ossana  kalt);  die  ungelösten  Gruppen  pe ^  be  und  vielfach  auch  kl,  gl, 
die  -/-Endung  bei  der  II.  Pers.  Plur.  entsprechend  dem  nonsb.  -u  <^  vos 
[portdf  Oss. parte);  die  Endung  -j  in  der  II.  Pers.  Sing,  [pqrtes,  vas  \yadis'] 
—  Osi.pgrtet,  vft)-^  eie  Konditionalformen  -fi,  es/i,  -öf  (mittelnonsb.  -öi,  östi 
[-m],  -öu;  Oss.  dagegen  -es,  -e^ti,  -es  und  -la,  -esti,  -ia  in  lombard.  und 
trentin.  Weise);  Endungen  wie  -dntjp  und  -dgjef  für  die  I.  und  II.  Pers.  Plur. 
des  Konjunktivs  Präs.  (nonsb.  -antj?(n),  -dgjeu)  gegenüber  Oss.  -entig9  (entj'pj, 
-ige  und  dgl.  Wenn  ich  mich  nicht  täusche,  ersieht  man  daraus,  dafs  hier 
von  keiner  wellenweise  fortschreitenden  Lombardisierung  des  Sulzbergs  von 
Valcamonica  herüber  die  Rede  sein  kann.  Wenn  man  aber  dann  in  der  heutigen 
Mundart  von  Vermiglio  einzelnen  ausgesprochen  camunischen  Erscheinungen 
begegnet,  die  sonst  weiter  drinnen  im  Sulzberg  nicht  vorkommen,  so  wird  das 
wohl  entweder  von  einem,  bei  den  erleichteiten  Verkehrsbeziehungen  ermög- 
lichten, modernen  Einflufs  des  Camunischen  über  den  Tonale  kommen,  oder 
aber  es  liegt  auch  hier  wieder  eine  junge  Einwanderung  von  camunischen 
Hirten  und  Bauern  zugrunde. 

Das  Zentrum  der  lombard.  Einwanderung  in  Sulzberg  war  zunächst  das 
Gebiet  an  dem  Zusammenflufs  des  Peio-  mit  dem  Vermigüotals;  dort  in  der 
Nähe  lagen  die  Eisenwerke,  dort  wurde  das  gewonnene  Metall  verarbeitet. 
Das  Dorf  Fucine,  „Villa  nova  fucinarum",  rührt  eben  von  dieser  Industrie 
her  (XV.  Jahrb.).  Die  Bergarbeiter  und  Eisenschmiede  waren  jahrhundertelang 
durchaus  von  aufsenher,  aus  dem  Comaskischen,  der  Valtellina  und  der 
Valcamonica,  bezogen.  Die  Sulzberger  scheinen  die  grobe  Arbeit  überhaupt 
verschmäht  zu  haben,  oder  sie  waren  dazu  nicht  geeignet  und  zogen  lieber  in 
die  Fremde,  um  sich  ein  billigeres  und  vielleicht  auch  reichlicheres  Brot  zu 
verdienen.  1  Die  lombard.  Einwanderung  war  aber  besonders  im  14.  und 
15.  Jahrh.  so  stark,  dafs  die  Bevölkerungsdichte,  die  im  13.  Jahrh.  kaum 
einem  Drittel    der   gegenwärtigen  entsprach,   rasch  und  bedeutend  nachwuchs'^ 


»  s,  Bottea,  Storia  d.  Val  di  Sole,  IIa  ediz,,  S.  14. 

^  ebda,  S.  12,  Ja  nach  einer  Berechnung  Prof.  Cicolinis  auf  Grund  der 
„foci"  (gegeben  bei  B. ,  S.  9,  Anm.)  würde  die  Bevölkerung  Hochsulzbergs  im 
Jahre  1350  blofs  ein  Sechstel  der  heutigen  betragen  haben.  Doch  ist  die  Zjhl 
der  „foci"  keine  sichere  Basis  zur  Schätzung  der  Bevölkennigsdichte. 


DK.    CARLO    BATTISTJ,    ZUK    SULZßüRGER    MUNDART  245 

und  z.  B. ,  wie  B.  selbst  berichtet  (S.  8),  Mezzana,  das  durch  die  Pest  gegen 
Ende  des  XIV.  Jahrh.  fast  zwei  Drittel  seiner  Bevölkerung  verloren  hatte,  in 
wenigen  Jahrzehnten  auf  die  normale  Einwohnerzahl  gebracht  wurde.* 

Auf  diese  Weise  trat  im  Mittelpunkt  Hochsulzbergs  eine  lombard. 
Sprachinsel  auf,  die  zunächst  im  Kampfe  mit  dem  einheimischen  Dialekt 
freilich  einige  Konzessionen  zu  Gunsten  desselben  machen  mufste,  dann  aber, 
unterstützt  einerseits  durch  die  eigene  Lage  im  Herzen  des  Landes,  anderer- 
seits durch  die  in  anderen  Ortschaften  sefshaft  gewordenen  lombard.  Einwanderer, 
andererseits  auch  wieder  durch  die  der  lombard.  Mundart  kundigen  aus  den 
lombard.  Tälern  zurückgewanderten  einheimischen  Bewohner,  weiter  und  weiter 
um  sich  griff,  bis  das  ganze  hochsulzb.  Gebiet  erobert  wurde. 

Ich  habe  die  sulzb.  Rückwanderer  erwähnt.  An  diesen  ist  ein  weiterer 
Anteil  an  der  Entwicklung  der  sulzb.  Mundart  zuzuerkennen.  Die  periodische 
Auswanderung  der  männlichen  Bevölkerung  Sulzbergs  ist  uralt;  während  der 
toten  Jahreszeit  zogen  die  Sulzberger  in  das  Poland  hinaus  (Brescia,  Como, 
Bergamo,  Emilia,  Piemont),  um  als  Kesselflicker  und  -schmiede,  als  Breit- 
schneider und  Waldarbeiter  tätig  zu  sein.  Dort  eigneten  sie  sich  notwendiger- 
weise die  fremde  Mundart  an,  und  wenn  sie  dann  nach  einigen  Monaten  in 
die  Heimat  zurückkehrten,  waren  sie  zunächst  versucht,  die  als  feiner  geltenden 
ital.  Dialektformen  weiter  zu  gebrauchen,  Wds  sie  um  so  leichter  getan  haben 
mochten,  als  sie  sich  vor  dem  Spott  der  Landsleute  sicher  wufsten,  da  ja  alle 
oder  fast  alle  schon  in  Italien  gewesen  und  des  lombard.  Idioms  kundig  waren. 
Ist  im  Sulzberg  solch  eine  Einbürgerung  fremder  Sprechweise  nicht  auch  im 
Tarön  schon  geschehen? 

Wenn  man  nun  dem  früher  erwähnten  und  diesem  weiteren  Lombardi- 
sierungsfaktor  noch  den  seit  Jahrhunderten  immerfort  wirkenden  Einflufs  der 
tiientischen  Mundart  als  der  Sprache  der  Gebildeten  und  den,  meistens  ganz 
neuen,  der  Schriftsprache,  die  durch  Schule  und  Kirche  bekannt  wird,  hinzu- 
fügt (B.  hat  auf  beides  hingewiesen),  so  wird  man  die  Eigentümlichkeit  eines 
ausgesprochen  ital.  Dialektfleckchens  in  einem  sonst  halbladinischeu  Tal 
erklärlich  finden. 

Ob  sich  dann  auch  die  einzelnen  Spuren  der  verschiedenen  Faktoren  noch 
unterscheiden  lassen?  Man  bedenke,  dafs  einerseits  bei  den  beiden  ersteren 
(Ein-  und  Rückwanderung)  sich  die  Sprachquellen  fast  ganz  decken,  anderer- 
seits der  Einflufs  des  Trientischen  und  der  der  Schriftsprache  meistens  zusammen- 
laufen. Doch  dürfte  man  bei  einer  genauen  Untersuchung  der  einzelnen  sulzb. 
Dorfmundarten  zur  auffallenden  Entdeckung  gelangen,  dafs  sie  nicht  blofs 
etwa  aus  camunischen  und  trentinischen  Elementen  besteht,  sondern  noch 
allerlei  Merkmafe  in  sich  schliefst,  die  uns  an  die  alten  Einwanderer  aus 
Valtellina  und  an  die  ital.  Aunfenthaltsorte  der  sulzb.  Zeitauswanderer,  wie 
Brescia,  Como,  Bergamo,  die  Emilia  und  Piemont  erinnern.  Und  vielleicht 
würde  man  dann  auch  sehen,  ob  der  Einflufs  der  Winterauswanderung  sich 
immer,  wie  B.  meint,  blofs  im  Wortschatz  abgespiegelt  hat,  oder  aber  ob  er 
sich  auch  wohl  auf  das  organische  Gefüge  der  Sprachen  erstreckte. 


1  Hier    wann    ts    freilich    nicht    mehr    Btrgarbuter,    sondern    wohl  Erd- 
arbeiter und  Bauein,  die  einwanderten. 


246  BESl'RECHUJNÜKN.       K.  KIliüLER. 

Der  speziell  sprachliche  Teil  der  Arbeit  Battistis  ist  als  „Skizze"  sehr 
reichhaltig  wnä  belehrend:  auf  einem  so  beschränkten  Raum  (4  Seiten)  könnte 
man  schwerlich  mehr  liefern.  Es  ist  durch  die  Beibehaltung  der  Einteilung 
und  Paragraphierung  der  „Nonsberger  Mundart"  viel  Platz  gewonnen  worden 
und  damit  erhält  auch  das  Gegebene  gleichsam  den  Charakter  einer  Ergänzung 
zur  nonsb.  Lautlehre.  Es  kommt  hier  noch  eine  Übersicht  über  die  Verbal- 
flexion hinzu,  was  die  kleine  Abhandlung  umso  interessanter  macht.  Ebenso 
ist  die  Mitteilung  der  4C0  Wörter  aus  Mezzana  ein  nicht  unwichtiger  Beitrag 
zur  Kenntnis  des  sulzb.  Wortschatzes. 

Aus  den  Ausführungen  B.s  bekommt  man  den  definitiven  Eindruck,  dafs 
die  niedersulzb.  Mundart  von  der  mittelnonsb.  ganz  unwesentlich  differiert, 
die  hochsulzb.  dagegen  fast  keinen  nonsb.  Zug  mehr  besitzt.  Zwei  interessante 
Abweichungen  des  Niedersulzb.  vom  Nonsb,  sind  Auslaut  -_/ <C  •'^-  usw.  an 
Stelle  von  nonsb.  -u  (0)  und  die  Erhaltung  des  velaren  Elements  bei  qua-, 
^ua-f  von  denen  die  erste  wohl,  obschon  ihr  Vorhandensein  im  nonsb.  Bresimo 
etwas  zu  bedenken  gibt,  von  aufsen  her  —  ich  meine  aus  den  lombard.  Tälern 
im  Westen  —  stammen  wird,  die  zweite  aber  ganz  gut  bodenständig  sein 
dürfte,  denn  auch  im  Nonsb.  ist  sie  belegt  und  zwar  in  Ortschaften,  die  sonst 
ursprüngliche  Zustände  am  besten  bewahrt  haben,  wie  Tres,  Vernö,  Priö,  um 
nur  von  diesen  zu  sprechen  und  andere  wie  Louer,  Spor,  Fai,  Cauedago  bei- 
seite zu  lassen,  weil  hier  jemand  einen  judikarischen  Einflufs  annehmen  könnte. 

Im  hochsulzb.  Sprachgebiet  steht  Prio  einzig  da,  das  eine  bei  der  jungen 
Generation  allerdings  fast  ganz  veraltete  Mundart  besitzt,  die  in  mehrfacher 
Beziehung  mit  dem  Niedersulzb.  bzw.  Mittelnonsb.,  ja  zum  Teil  sogar  mit  dem 
Hochnonsb.  in  Zusammenhang  steht.  Mit  Rücksicht  darauf,  finde  ich  es 
unbegründet,  wenn  B.  auf  S.  47  der  alten  Mundart  von  Peio  die  ladin. 
Palatalisierung  des  k,  g  vor  a  abstreitet.  Man  darf  sich  hier  nicht  von  der 
heutigen  Grenze  irreführen  lassen.  Ebenso  besagen  in  diesem  Falle  auch  die 
alten  Schriftstücke  nichts,  denn  auch  die  nonsb.  Papiere  haben  durchwegs 
ca-,  ga-,  obwohl  im  Nonsberg  doch  bestimmt  die  Palatalisierung  schon  früh- 
zeitig vorhanden  war. 

Enrico  Quaresima. 


Leo  Spitzer,  Über  einige  Wörter  der  Liebessprache.  (Onomasiologische 
Bemerkungen  zu  den  romanischen  Ausdrücken  für  „lieben".  —  Französisch 
cocotte.  —  Deutsch  Elefatit  —  , Vertrauter  zweier  Liebenden',  französich 
chajidelier  id.  —  Altfranzösisch  coup^  neufranzösisch  cocu  „Hahnrei".} 
Leipzig,  O.  R.  Reisland,   1918.     74  S. 

Diese  vier  Abhandlungen  stehen  im  Zeichen  Schuchardts,  was  der 
kongeniale  Autor  übrigens  selbst  im  Vorwort  durch  ein  Zitat  aus  den  „Liebes- 
metaphern" andeutet. 

In  seiner  ersten  Studie,  den  „Onomasiologischen  Bemerkungen  zu  den 
romanischen  Ausdrücken  für  „lieben"  befragt  Verf.  die  verschiedenartigsten 
Autoritäten  über  den  Begriff  der  Liebe.  Er  zitiert  nacheinander  MüUer- 
Lyer,  R.Wagner,  Nyrop,  Voltaire,  Schuchardt,  Vofsler.  Nachdem  er 
die  Vieldeutigkeit  des  Wortes  „Liebe"  dargetan ,  zeigt  er  uns  den  Kampf, 
den    amare    auf   dtm  Gebiete    der  Romania  gegen  neu  aufkommende  Nuance- 


LEO    SPITZKK,    ÜBEk    EINIGE    WÖRTER    DER    LIEBESSPKACHE.       247 

Wörter  zu  bestehen  hat  (catal.  estimar,  voler,  prov.  taten,  sard.  und  südital. 
stimare).  In  fast  alltn  Sprachen  stellen  sich  für  den  Liebesbegriff  abgeschwächte 
Ausdrücke  ein,  so  ital.  voler  bene,  franz.  aimer  bie?i,  rum.  vuliri  Mtiiri  (nnit 
merkwürdiger  Augkichung  des  Adverbs  an  das  Verb),  engl,  to  like,  deutsch 
gern  haben.  Amare  ist  im  Romanischen  durchaus  unvolkstümlich.  —  Unter 
den  Liebeswörtern  durfte  der  Kufs  nicht  fehlen.  Von  den  drei  lat.  Bezeichnungen 
des  Kusses,  basium,  osculum,  suavium,  hat  sich  nur  das  erste  im  Romanischen 
erhalten.  Ähnlich  wie  bei  „lieben"  wird  auch  das  lat.  Erbwort  für  „küssen"  in 
Teilen  der  Romania  durch  Nuancewörter  verdrängt.  (So  in  Spanien  —  altspan. 
saludar  — ,  Frankreich,  Rumänien.)  Auch  im  Deutschfn  mufs  das  unvolks- 
tümliche „Kufs"  zahlreichen  Dialektwörtern  weichen  (z.  B.  österr.  Busserl). 

Nach  dieser  Abschweifung  auf  das  Gebiet  der  praktisch  angewandten 
Liebe  vergleicht  Verf.  das  Schicksal  von  lat.  amare  mit  dem  von  deutsch 
lieben  nfld  stellt  fest,  dafs  beide  blofse  Literaturwörter  seien.  Hierauf  unter- 
sucht er  die  romanischen  Spröfslinge  von  lat.  affectus,  affectio,  Caritas,  dilectio 
(dili^ere),  venus,  zieht  zum  Vergleiche  die  Ausdrücke  für  „lieben"  in  den 
übrigen  indogermanischen  Sprachen  heran  und  zeigt,  wie  in  all  diesen  Wörtern 
„sich    die    sinnlich -unsinnliche  Doppelnatur  der  menschlichen  Liebe  spiegelt." 

Sehr  lehrreich  ist  der  folgende  Abschnitt  über  das  Hin-  und  Herwandern 
gewisser  Liebeswörter  aus  der  einen  Sprache  in  die  andere.  So  stammen  franz. 
galanter ie,  füugue,  caresse,  s''amoiirccher  aus  dem  Ital.,  span.  cari?lo  aus  dem 
Portug. ,  rum.  a  iubi  aus  dem  Slavischen,  {x am. flirter  aus  dem  Engl.  Sein 
feines  linguistisches  Einfühlungsvermögen  bekundet  Verf.  bei  der  Besprechung 
von  xViVa.dor,  \ta.\. vago,  port.  saudade,  amores,  franz. cherir,  deren  verschiedenen 
Gelühlswert  er  eingehend  darlegt,  woraus  sich  die  Unübersetzbarkeit  der  meisten 
Liebeswörter  ergibt.  Zum  Schlufs  bespricht  er  die  Abel'sche  Abhandlung 
über  den  „BegriiT  der  Liebe  in  einigen  alten  und  neuen  Sprachen".  Er 
polemisiert  gegen  Abels  deskriptiv-synonymische  Methode  und  zeigt  an  dieser 
Untersuchung  recht  deutlich,  dafs  die  Wertung  von  Völkertemperamenten  auf 
Grund  der  in  ihren  Sprachen  gebräuchlichen  Wörter  mifslich  ist.  Schwer 
hatte  es  Verf.  in  seiner  Kainrolle  allerdings  nicht,  denn  dieser  Abel  schrieb 
im  Jahre  1872,  also  lang  vor  Paul  und  Gabelentz! 

Der  Autor  hat  sein  Thema  nicht  erschöpft,  was  nach  dem  Titel  zu  urteilen 
auch  nicht  seine  Absicht  war.  Doch  wäre  ein  näheres  Eingehen  auf  volks- 
tümliche Anschauungs-  und  Ausdrucksweise  zu  wünschen.  So  vermisse  ich 
z.  B.  Vulgärfranz,  gober  (gobage)  „verschlingen",  das  ich  1896  im  quartier  latin 
hörte  und  das  sich  bis  heute  gehalten  hat,  denn  ich  finde  es  sogar  im  Schulwb. 
von  Pfohl,  wo  es  mit  „gern  haben"  übersetzt  wird.  Es  liegt  in  der  Linie 
von  querer-voler  oder  bildet  vielmehr  den  Endpunkt  dieser  Entwicklung  (vgl. 
eile  est  jolie  ä  croquer).  Besonders  fiel  mir  bei  den  abgeschwächten  Ausdrücken 
für  „Liebe"  das  Fehlen  von  ital.  simpatia  auf,  das,  obwohl  Fremdwort,  ganz 
und  gar  volkstümlich  geworden  ist  und  das  man  tagtäglich  zu  hören  bekommt, 
u.  zw.  namentlich  in  der  Übertragung  auf  die  Person,  wobei  das  Geschlecht 
gleichgiltig  ist:  Ho  visto  la  mia  simpatia.  ich  habe  meinen  Liebsten  (meine 
Liebste)  gesehen,  nur  im  platonischen  Sinn  gebraucht.' 


*  Auffallend  ist,  dafs  amore  personifiziert  nur  in  der  Anrede  gebraucht 
wird  {Amor  mio!).  —  Ein  Analogon  zu  simpatia  liegt  vor  in  altital.  mama 
„Geliebte"   von  lat.  supp.  amantia  ^  amor  (vgl.  REW  No.  399). 


2^8  BESPRECHUNGEN.       R.  KlJiGLEK, 

In  vülkskundlichcs  Gebiet  hätte  gefühlt  die  Erklärung  folgender  vulgär- 
franz.  Ausdrücke  für  das  Verliebtsein:  etre  toque,  (avoir  une  toquadej,  etre 
encogueluchonn^ f  etre  coiffS  de  qn.,  avoir  un  bSgutn  pour  qn,,  die  sämtlich 
von  Kopfbedeckungen  hergenommen  sind  {toque  =  Barrett,  coiffe,  coqueluche, 
beguin  =  Haube '). 

Zieht  man  sich  die  Liebe  wie  eine  Haube  über  den  Kopf,  so  kann  man 
sie  auch  nach  Art  von  Handschuhen  über  die  Hand  streifen,  daher  s'enganter 
=  sich  verlieben,  das  ich  allerdings  einem  Wb.^  entnehme,  während  mir  die 
meisten  der  obigen  Ausdrücke  geläufig  sind.  —  Derb,  aber  treffend  ist  die  vom 
oft  gesehenen  Strafsenbild  des  geüen  Hundes  hergenommene  vulgärfranz. 
Redensart  avoir  un  chien^  pour  qn.,  womit  eine  plötzliche  Liebeslaune  be- 
zeichnet wird. 

Folkloristisch  interessant  sind  auch  die  Ausdrücke  für  „sich  verlieben", 
die  auf  eine  mehr  oder  minder  gewaltsame  Einwirkung  von  aufsen  hinweisen 
wie  vulgärfranz,  yWVi/,  entiche,  recevoir  un  coup  de  soleil,  le  coup  de  foudre* 
Man  vergleiche  ferner  vulgärspan.  awar/^/aJö  „verliebt"  [martelo  „Verliebtheit") 
mit  vulgärfranz.  coup  de  tnarteau  „Verrücktheit".  Im  Deutschen  entsprechen 
diesen  Ausdrücken  die  Partizipien  vernarrt,^  verschossen,  verrannt.  Hierher 
gehört  auch  vulgärspan,  chißado,  das  „närrisch"  und  „verliebt"  bedeutet.  In 
diese  Linie  möchte  ich  noch  vulgärspan.  amelonado  stellen  von  melön,  also 
wörtlich  „zur  Melone  geworden".  Ich  vermute,  dafs  wie  im  Franz,  auch  im 
Span,  die  Melone  Symbol  der  Dummheit  ist® 

Bei  port,  meiguice  von  meigo  (lat,  magicus,  REW  No,  5226)  wäre  an 
die  Bedeutungsverwandtschaft  mit  affectus  zu  erinnern:  Liebe  hervorgerufen 
durch  Zaubermittel  (vgl.  deutsch:  Sie  hat''s  ihm  angetan,  was  wörtlich  zu 
afficere  stimmt,  sowie  die  Bedeutungsentwicklung  von  lat.  cartninare,  incantare 
in  den  roman.  Sprachen  und  von  bezaubern  im  Deutschen). 

Das  vom  Verfasser  als  ausgestorben  bezeichnete  enamourer  findet  sich 
oft  bei  Theuriet  und  wohl  auch  sonst  noch.  Gewöhnlich  wird  es  allerdings 
ersetzt  durch  das  vom  Verf.  nicht  erwähnte  s^ eprendre.  Zu  prov.  dezamar 
finden  sich  immerhin  Entsprechungen  im  Ital.  [disamare)  und  Span,  {desamar), 
wenigstens  verzeichnet  sie  das  Wörterbuch. 

Bei  der  Besprechung  der  Wörter  für  „Kufs"  wären  anzuführen  bise,  biser 
[bijer),  die  man  Kindern  gegenüber  anwendet,  wohl  mit  bewufster  Entstellung 


1  Vgl.  vulgärspan. /a/ia^zwa!  „Ohrenmütze"  für  „Rausch"  sowie  die  vulgär- 
franz. Redensarten  avoir  son  casque  (Helm),  etre  casquette,  avoir  son  plumet, 
son  panache  (Helmbusch)  für  „betrunken  sein"  (vulgärdeutsch  aufheben).  Es 
liegt  in  der  Natur  der  Sache,  dafs  für  „Rausch"  und  „Liebe"  (vgl.  Liebes- 
rausch) dieselben  Metaphern  verwendet  werden. 

2  Delesalle,  Dict.  argot-fran^ais  et  fran9ais-argot. 
'  Vgl.  chienne  „Prostituierte", 

*  Auf  dem  Bild  des  Pfeiles  beruhen  das  im  Pariser  Verbrecherargot 
gebräuchliche  dard  und  vulgärspan.  flechar  =  inspirar  amor. 

^  Es  ist  begreiflich,  dafs  Ausdrücke  für  „verliebt"  und  „närrisch"  oft 
identisch  sind.  Wie  sagt  doch  der  Dichter.''  „Liebeswahnsinn,  Pleonasmus! 
Liebe  ist  ja  schon  ein  Wahnsinn!" 

®  Ein  solches  ist  sicher  der  nahverwandte  Kürbis  (calabaza).  Calabacino 
erklärt  das  Wb.  der  Akademie  als  persona  inepta  y  muy  ignorante.  Wie 
amelonado  gebildet  ist  acaramelado  von  caramelo  „Gerstenzucker",  semasiologisch 
ohne  weiteres  verständlich  (vgl.  vulgärdeutsch  Süfsholz  raspeln  für  Hofmachen). 
Möglicherweise  hat  auch  bei  amelonado  der  Begriff  des  Süfsen  mitgewirkt. 


LEO    SPITZER,    ÜBER    EINIGE    WÖKTEK    L>KK    LIEBESSPKACHE.       249 

des  durch  seine  obszöne  Nebenbedeutung  moralisch  nicht  einwandfreien  baiscr, 
falls  man  nicht  vorzieht,  diese  Neubildungen  durch  Schallnachahmung  zu  er- 
klären und  zu  deutsch  Bufs  [Busserl)  zu  stellen.  Über  souris  =  Kufs  aufs 
Auge  vgl.  mein  Buch,  Das  Tier  im  Spiegel  der  Sprache,  S.  63.  Auch  die 
drastischen  Argotredensarten  sucer  la  pomme ,  se  lecher  le  groin  hätten 
Erwähnung  verdient. 

Zu  belhcs  =  benulus ,  span.  Jowz'/ö  =  hübsch  sei  erinnert  an  span.  öz^^wa 
moza  „hübsches  Mädchen"  und  an  norddeutsch  die  Suppe  schmeckt  schön.  Es 
liegt  hier  eine  volkstümliche  Verwechslung  moralischer  und  ästhetischer  Begritie 
vor  (vgl.  auch  Spitzer,  Aufsätze  zur  rom.  Syntax  u.  Stilistik,  S.  252,  Anm.  i). 

Im  zweiten  Artikel  „franz.  cocotte'-'-  bemüht  sich  der  Verf.  mit  grofsem 
Aufwand  von  Scharfsinn  und  Gelehrsamkeit  die  Herkunft  dieses  Wortes  von  coq 
zu  beweisen,  die  wohl  den  meisten  Romanisten  als  Selbstverständlichkeit  er- 
scheinen mag.  Wenn  ein  hervorragender  Gelehrter  in  der  Deutung  dieses  Wortes 
irregehen  konnte,  so  beruht  dies  auf  mangelnder  „Sach"kenntnis,  die  in  diesem 
Falle  wohl  begreiflich  ist,  da  sie  dem  Ethos  seiner  Lebensführung  gut- 
geschrieben werden  mufs.  Übrigens  hat  Spitzer  trotz  der  vielen  Argumente, 
besonders  schlagende  Parallelen  übersehen.  In  erster  Linie  hätte  er  poupoule 
anführen  müssen,  das  sich  zu  poule  genau  so  verhält  wie  cocotte  zu  coq  und 
das  sehr  verbreitet  ist.  Ich  erinnere  mich  eines  Liedes  mit  dem  Refrain  vtens, 
poupoule!  das  ich  seinerzeit  in  Frankreich  alltäglich  zu  hören  bekam.  Als 
Analoga  führe  ich  von  kindlichen  Schmeichelwörtern*,  die  der  Tierwelt  entlehnt 
sind,  chienchien  und  louloti  an  (dies  sehr  häufig!).  Zur  Gleichung /0M/>0M/e  = 
cocotte  wären  noch  zu  stellen  poulailler  =  maison  publique  {Raoul  de  la 
Grasserie^  EtuJe  sur  l'Argot,  S.81)  und  volaille  als  Bezeichnung  einer  diebischen 
Prostituierten  mit  wortspielerischer  Anlehnung  an  voler  „stehlen",  wozu  in  der 
engl.  Gaunersprache  hen  für  „Weib"  zu  vergleichen  ist.  Hierher  gehören 
auch  aus  dem  Vulgärspan,  paloma  „Taube"  =  cocotte  sowie  pollo  „junger 
Mann",  polla  „junges  Mädchen".  Letzteres  bedeutet  bezeichnender  Weise  auch 
raembrum  virile.  Ich  erinnere  mich,  dafs  ich  in  Spanien  eine  Anekdote  zu 
hören  bekam,  die  auf  dem  obszönen  Doppelsinn  von  polla  beruhte.  Es  mufs 
übrigens  hervorgehoben  werden,  dafs  in  cocotte,  obwohl  der  Kindersprache 
entlehnt,  nachträglich  eine  obszöne  Bedeutung  hineingelegt  wurde,  ein  deutlicher 
Beweis,  dafs  die  Herkunft  von  coq  noch  gefühlt  wird.  In  Baumann's 
„Londinismen"  heifst  es  bei  cock^  in  der  Bedeutung  „Männchen,  Kerl",  dafs 
in  der  feinen  Welt  dieses  Wort  jezt  verpönt  ist  (vgl.  auch  im  Slang  cock-and- 
hen  club  als  Bezeichnung  eines  Klubs  für  Personen  beiderlei  Geschlechts). 
Als  männliches  Seitenstück  zu  cocotte  findet  man  cawar^  (Del  es  alle  ,  a.a.O.). 
Bei  venez.  cocolar"^  vermisse  ich  das  ungemein  häufige  cocolo  „herzig".  Ein 
portug.  Gegenstück  zur  Anwendung  von  cocotte  auf  männliche  Wesen  finde 
ich  in  einer  Stelle  bei  Diniz,  As  pupilas  do  Snr.  reitor,  S.  84  (Leipzig, 
Brockhaus)  wo  gallo  einem  Mädchen  gegenüber,  allerdings  in  tadelndem 
Sinn  gebraucht  wird:  Entäo  onde  diabo  tinhas  tuo  juizo,  gallo  doudo}  — 
Zum  Schlüsse    möchte    ich   meine    semasiologische  Bewertung   von  cocotte  kurz 


1  Auch  als  Zeitwort  erscheint  cock\   she  cocked  her  eye  at  him,   sie  sah 
ihn  verliebt  an  (Baumann,  a,  a.  O.). 

*  Vgl.  vulgärspan.  hacer  cocos  „liebkosen". 


250  HESPKKCllUNGKN.       K.    KIEGLKR. 

dahin  zusummcnfassen,  dafs  darin  zum  Uiilcrschiede  von  der  verblofsten  Metapher 
coguet  eine  noch  frische  Metapher  von  coq  zu  erblicken  ist.  Ein  Verdienst 
von  Spitzers  cocotte-Ax\.i\<.t\  ist  die  semasiologische  Eiörterimg  fast  aller  franz, 
Meretrix-Synonyma,  deren  Nuancierung  oft  Schwierigkeiten  macht,  die  jedoch 
der  Verf.  infolge  seiner  ausgebreiteten  Kenntnis  der  franz.  erotischen  Literatur 
glücklich  überwindet. 

Im  dritten  Aufsatz  „Deutsch  Elefant,  Vertrauter  zweier  Liebenden,  franz. 
chandelier,  dass."  gibt  Verf.  zunächst  die  Geschichte  des  deutschen  Wortes 
mit  zahlreichen  Belegen,  dann  versucht  er  eine  Erklärung  dieser  Metapher, 
wobei  er  gegen  meine  Auffassung  (Das  Tier  im  Spiegel  der  Sprache,  S.  90) 
polemisiert  und  hervorhebt,  dafs  der  Vergleich  mit  dem  Elefanten  lediglich 
auf  der  körperlichen  Schwerfälligkeit  dieses  Tieres  beruht.  Er  supponiert 
Entlehnung  aus  dem  Franz.  und  man  wird  ihm  beistimmen  müssen,  obwohl 
die  neue  Bedeutung  im  Deutschen  früher  belegt  ist  als  im  Französischen.  Es 
bleibt  nichts  anderes  übrig  als  anzunehmen,  das  Wort  sei  im  Argot  längst 
gebräuchlich  gewesen,  bevor  es  eine  hterarische  Fixierung  gefunden  hat.  Vom 
Elefanten  kommt  Veif.  auf  verwandte  Metaphern  aus  der  Tierwelt  wie  chamemi, 
ttgre,  zebre,  deren  Bedeutung  und  Gefühlswert  er  untersucht. 

Bei  chameau  „Dirne"  sei  darauf  aufmerksam  gemacht,  dafs  sich  daneben 
dromadaire  findet  (vgl.  deutsch  Trampeltier,  Trampel  für  ein  plumpes,  un- 
geschicktes Weib,  was  die  Heileitung  von  cha^neau  =  scamnum  „zur  Unter- 
suchung der  Konlrolldirnen  dienender  Stuhl"  traglich  erscheinen  läfst,  falls  man 
nicht  drofnadaire  als  eine  spätere  scherzhafte  Übertrumpfung  des  chameau  auffafst 
(das  Dromedar  ist  mit  seinen  zwei  Höckern  gewissermafsen  ein  Überkamel). 
Übrigens  scheint  mir  chameau  zunächst  nicht  geradezu  „Prostituierte"  zu  be- 
deuten, sondern  nur  ein  schlampiges,  in  der  Toilette  vernachlässigtes  Weib. 
(Übertragung  von  der  körperlichen  Häfslichkeit  auf  den  Schönheitsmangel  in 
der  Kleidung).  Delesalle,  a.  a.  O.  führt  bei  chameau  das  Wortspiel  an:  La 
vie  est  un  desert,  et  la  femme  est  un  chameau  qui  sert  ä  le  traverser. 

Bei  elephant  ist  zu  beachten,  dafs  es  männlich  und  weiblich  gebraucht 
wird.  Während  es  z.  B.  Delesalle  a.  a.  O.  mit  „entremetteur"  erklärt,  über- 
setzt es  de  !a  Grasserie  a.  a.  O.  S.  54  mit  „entremetteuse".  Auch  im 
Deutschen  ist  das  Wort  utriusque  generis;  hierzulande  jedoch  (in  Kärnten) 
gebraucht  man  es  in  dem  bewufsten  Sinn  nur  als  Femininum.  Es  ist  dies 
gewifs  auffallend,  wenn  man  bedenkt,  dafs  die  geläufigen  Tiernamen  männlichen 
Geschlechts  wie  Hund,  Esel,  Ochs,  Fuchs  u.  a.  m.  nur  auf  männliche  Wesen 
angewendet  werden.  Die  Neubildung  franz.  chamell^  für  chameau  zeigt  uns 
deutlich,  dafs  das  Sprachgefühl  diese  Nichtbeachtung  des  Geschlechtes  als 
eine  Ungehörigkeit  empfindet  (vgl.  jedoch  weiter  oben  das  Beispiel  mit 
porlug.  gallo). 

Was  wienerisch  Mandrill  „Tramway  mit  blauem  Lichte"  betiifit,  so  ist 
in  dieser  offenbar  zuerst  in  Studenteukreisen  aufgekommenen  Metapher  eine 
scherzhaft  übertreibende  Anspielung  auf  die  bläuliche  Färbung  des  Hinterteils 
dieses  Affen  zu  sehen.  Ich  erinnere  mich,  dafs  in  einem  Seebade  ein  Badegast 
infolge  der  auffallenden  Färbung  seiner  Schwimmhose  deu  Spitznamen 
„Mandrill"  erhielt. 

Im  Anschlufs  an  ,iliphant''  behandelt  Verf.  das  Synonym  chandelier, 
über  de-sca  Entstehungsweise  und  Bedeutung  Musset's  gleichnamiges  Lustspiel 


LEO    SPITZER,    ÜBER    EINIGE    WÖRIKR    UEK    LIEBESSFRACHE.       2j  l 

Auskunft  gibt.  Nachdem  Verf.  die  Bedeutungsgienzen  zwischen  elephant  und 
chandelier  gezogen  —  elephant  ist  der  von  anderen  vorgeschobene  Strohmann, 
chandelier  bequemt  sich  unaufgefordert  zu  dieser  Rolle  —  bespricht  er  ver- 
schiedene Synonyma  wie  franz.  paravent,  chaperon,  ital.  donna  di  schcrmo, 
schyffed.yörkläde  (wörtlich:  Schürze),  weist  im  älteren  Deutsch  Parallelen  dazu 
nach  und  kommt  auf  Grund  dieser  zum  Schlüsse,  dafs  das  Bild  vom  Leuchter 
schon  lange  im  Volksmund  üblich  gewesen  sein  muls,  bevor  es  in  der  Literatur- 
sprache Aunfnahme  fand.  Mit  besonderer  Ausführlichkeit  behandelt  Verf. 
ital.  cicz'sbeo,  dessen  Etymon  er  in  venez.  cicz  „Geschnatter"  vermutet  mit  An- 
gleichung  des  Suffixes  an  Namen  wie  Matteo,  Taddeo.  Die  Bedeutung  wäre 
demnach  „Plauderer,  (verliebter)  Flüsterer".  Als  Synonym  von  cicisbeo  führt 
Verf.  zuletzt  das  allerdings  weniger  gebräuchliche  cavalier  servente  an,  dessen 
Heimat  er  in  Portugal  nachweist. 

In  seinem  vierten  und  letzten  Aufsatz,  der  bereits  in  der  Ztschr.  f.  franz. 
Sprache  u.  Lit.  43,1,  S.  272ff.  erschienen  war,  beschäftigt  sich  Spitzer  mit 
■ä\iUa.nz.  coup,  neufranz.  cocu  „Hahnrei".  Mit  Meyer-Lübke  trennt  er  die 
beiden  "Wörter  und  gibt  für  cotip  drei  Deutungsmöglichkeiten ,  von  denen  mir 
die  Brinkmann'sche  Herleitung  coiip  aus  coupaud  von  couper  „kappen"  am 
glaubwürdigsten  scheint. 

Was  cocii  betrifft,  so  hat  sich  Verf.  das  Hauplargument  für  die  Identität 
von  cocu  mit  coucou  entgehen  lassen.  Es  findet  sich  nämlich  cocu  für  „Kuckuck" 
nicht  blofs  im  Altfranz.,  sondern  ist  auch  in  verschiedenen  neufianz.  Mundarten 
belegt  (vgl.  Rolland,^  Faune  pop.  de  la  France  II,  S.  82  u.  IX,  S.  T25,  137). 
Obendrein  wird  noch  im  Vulgärfranz,  coucou  für  „Hahnrei"  gebraucht.  Der 
Hinweis  auf  die  Jenkins'sche  Etymologie  cocu  vou  cuculus  (Modern  Pbilology 
'913)  S.  3  ff.)  erscheint  daher  als  überflüssig.  Auch  die  vom  Dict.  gen.  ver- 
suchte 1- rklärung  des  0  in  cocu  durch  Beeinflussung  von  Wörtern  wie  coquart, 
coquin  wird  dadurch  hinfällig.  Cocic"^  ist  also  nichts  anderes  als  eine  Neben- 
form vou  coucou  und  ebenso  schallnachahmend  wie  dieses.  Dafs  übrigens  die 
alte  Brinkmann'sche  Etymologie  (Metaphern,  S.  522 f.):  cocu  von  coq  „Hahn", 
zu  der  die  Analogie  von  deutsch  „Hahnrei"  verführte  und  die  auch  ich  seinerzeit 
billigte,  semasiologisch  durchaus  glaubhaft  ist,  beweist  der  offenbar  auf  volksetymo- 
logischer Deutung  beruhende  im  Dep.  der  Nievre  verbreitete  Volksglaube,  dafs, 
wenn  ein  Hahn  dem  Kuckuck  antwortet,  dies  entweder  den  ehelichen  Treubruch 
der  Gattin  oder  die  Schwangerschaft  der  Tochter  bedeute  (Sebillot,  Folklore 
de  France  III,  S.  197).  Die  zwei  folgenden  Fälle  von  Aberglauben  beweisen 
lediglich  die  Identität  von  coucou  und  cocu.  Ruft  man  dem  Kuckuck  coucou 
zu,  so  antwortet  er  mit  cocu  und  umgekehrt  (D6p.  de  la  Lozere.  Sebillot, 
a.  a.  O.).  Träumt  der  Ehemann  vom  Kuckuck,  so  betrügt  ihn  seine  Frau 
(Döp.  de  la  Ni^vre.     Sebillot,  a.  a.  O,  III,  S.  202). 

Interessant  ist  in  Spitzers  Untersuchung  die  Anführung  einer  Stelle  aus 
Boucompagno  (13,  Jahrb.),  in  der  neben  dem  Kuckuck  der  Kürbis  {cucutia 
und  Cucurbita)  als  Symbol  des  weiblichen  Ehebruchs  erscheint.    Boncompagno 


^  Mir  ist  es  allerdings  nicht  möglich,  diese  Angaben  RoUands  nach- 
zuprüfen. 

^  Die  Annahme,  dafs  man  den  coucou  gewissermafsen  nachträglich  zum 
Ehebrecher  ==  cocu  umgetauft  habe,  erscheint  zu  kompliziert. 


252  BESPKECHÜNGEN.      WOLl-GANG    WUKZBACH, 

erklärt  die  Bedeutung  citculus  =  betrogener  Ehemann  durdi  den  Anklang  an 
obige  Wörter,  was  Verf.  nicht  ohne  weiteres  zurückweist.  Wahrscheinlicher 
scheint  mir  der  umgekehrte  Vorgang.  Bezüglich  des  Bedeutungswandels  Ehe- 
brecher— betrogener  Ehemann  schliefst  sich  Spitzer  der  Grimm-Rolland'schen 
Deutung  an,  auf  die  auch  ich  seinerzeit  hinwies  (Das  Tier  im  Spiegel  der  Sprache, 
S.  127,  Anm.). 

Zur  Charakteristik  des  Doppelcharakters  des  Kuckucks  als  törichten  und 
betörenden  Vogels  möchte  ich  noch  vahd. gouchen  anführen,  das  die  Bedeutungen 
„närrisch  werden"  und  „narren"  in  sich  vereint.  Zu  ilal.  vecchio  cucco  „dummer 
alter  Mann"  läfst  sich  als  Analogie  aus  dem  Rumänischen  anführen  cap  de  cuc 
„Schwachkopf".  Schliefslich  hätte  der  allgemein  erotische  Charakter  des 
Kuckucks  hervorgehoben  werden  sollen,  der  z.  B.  hervorgeht  aus  der  venez. 
Redensart  a7idar  a  cuc.^  Cibele,  Zoologia  popolare  veneta,  S.  57  erklärt: 
Si  dice  d'un  giovanc  che  va  in  casa  della  sposa  a  far  da  marito.  Wenn  man 
mir  einwenden  kann,  dafs  es  in  diesem  Falle  auch  einen  Betrogenen  gibt  u.  zw. 
den  Vater  des  Mädchens,  so  gehören  bestimmt  hierher  Wörter  wie  Gauch, 
Gaiichbart  für  die  ersten  Schamhaare,  ferner  mhd,^^McÄ/i?  =  penis  und  ^öWfÄ^/ 
=  Vulva  (Höfler,  Krankheitsnamenbuch). 

Zusammenfassend  möge  zum  Schlufs  von  diesen  vier  Untersuchungen 
gesagt  werden,  dafs  sie  weit  über  den  Rahmen  eines  nur  romanistischen 
Interesses  hinausgehen,  da  namentlich  die  erste  Studie  kulturhistorische 
Perspektiven  eröffnet.  Sehr  zu  statten  kommt  dem  Verf.  seine  erstaunliche 
Belesenheit,  die  übrigens  schon  aus  seineu  stilistischen  Untersuchungen  bekannt 
ist.  Im  Interesse  einer  weiteren  Verbreitung  seines  Buches  wäre  nur  zu 
wünschen,  dafs  Zitaten  aus  weniger  bekannten  roman.  Sprachen  wie  dem 
Rumänischen,   Katalanischen,    Portugiesischen  Übersetzungen  beigefügt  wären. 

R.  Riegler. 


Dr.  Rudolf  Grofsmann,  Spanien  und  das  elisabethaniiche  Drama.  Hamburg, 
L.  P\iederichsen  &  Co.,  ig20.  I38  S.  4°.  (Hamburgische  Universität,  Ab- 
handlungen aus  dem  Gebiete  der  Auslandskunde  Bd.  4  —  Reihe  B.  Völker- 
kunde, Kulturgeschichte  und  Sprachen,  Bd.  3.) 

Underhill  hat  in  seinem  Buche  (1899)  zuerst  gezeigt,  welche  Verbreitung 
und  welchen  Einflufs  die  spanische  Literatur  in  England  unter  der  Regierung 
der  Tudors  hatte.  Der  Verfasser  der  vorliegenden  Arbeit  knüpft  an  diese 
Untersuchung  an,  grenzt  aber  sein  Gebiet  stofflich  und  zeitlich  enger  ab,  indem 
er  feststellen  will,  welche  Rolle  dem  spanischen  Element,  „spanischem  Leben, 
Handel  und  Wandel,  Fühlen  und  Denken"  speziell  im  elisabethanischen  Drama 
zufällt.  Er  hat  zu  diesem  Zweck  die  gesamte  englische  Dramenliteratur  der 
Epoche,  „soweit  nicht  etwa  Handlung  und  Schauplatz  von  vornherein  jede 
Beziehung  ausschlössen",  einer  Durchsicht  unterzogen  und  dabei  den  Begriff 
„elisabethanisch"  möglichst  weit  gefafst.     Er  ist  in  einem  Falle  bis  zum  Jahre 


'  Hingegen  ist  triest.  far  el  cuco  =  far  l'Indiano  =  sich  taub  stellen. 
Zu  span.  hacer  el  cuco  vgl.  Trueba  im  Glosario  zu  seinen  Cuentos  de  color 
de  rosa,  S.  541  :  Hacer  el  cuco  en  las  Encartaciones  es  lo  mismo  que  en 
Caslilla  hacer  novillos  y  en  otras  partes  hacer  rabona  (Schule  schwänzen). 


DR.  RUDOLF  GROSSMANN,  SPANIEN  UND  DAS  ELISABETH.  DRAMA.       253 

1530  zurückgegangen,  anderseits  wurden  Zeugnis^^e  bis  1642  herangezogen,  „so 
dafs  der  behandelte  Zeitraum  sich  über  ein  reichliches  Jahrhundert  erstreckt". 
Im  ganzen  sind  285,  also  ca.  28°/o  der  aus  diesem  Zeitraum  überlieferten 
Dramen  für  die  Sammlung  des  Materials  in  B-tracht  gekommen.  Der  Verf. 
hat  dasselbe  in  aufserordentlich  gründlicher  und  sorgfältiger  Weise  verarbeitet 
und  seine  Schrift  wird  Anglisten  und  Romanisten  gleich  willkommen  sein;  sie 
ist  ein  wertvoller  Beitrag  zur  Charakteristik  des  englischen  Dramas  im  Zeitalter 
Shakespeares  und  zugleich  eine  vortreffliche  Studie  über  den  Einflufs  spanischen 
Wesens  und  spanischer  Literatur. 

G.  teilt  seinen  Gegenstand  in  vier  Kapitel,  in  welchen  er  gesondert  die 
politischen,  literarischen,  kulturellen  und  sprachlichen  Reflexe  betrachtet.  Im 
I.  Kapitel  wird  dargelegt,  wie  sich  die  politischen  Beziehungen  der  beiden 
Länder  im  elisabethanischen  Drama  wiederspiegeln.  Auf  diesem  Gebiet  kommt 
die  gröfste  und  nachhaltigste  Bedeutung  der  Expedition  der  Armada  (1588) 
zu.  Dieser  Angriff  von  selten  Spaniens  war  bestimmend  für  die  Meinung, 
welche  man  fortan  in  England  von  dem  Volke  Philipps  II.  hatte.  Die  übel- 
wollende, oft  gehässige  Beurteilung  der  spanischen  Nation,  welche  aus  so  vielen 
der  angeführten  Stellen  spricht,  erklärt  sich  hauptsächlich  aus  dem  nie  ganz 
erloschenen  Zorn  der  Engländer  über  diese  Unternehmung.  Ungeachtet  der 
politischen  Spannung  fanden  die  verschiedenen  Zweige  des  spanischen  Schrift- 
tums im  Inselreiche  Eingang  und  Verbreitung  (Kap.  II).  Die  moralisch- 
pädagogischen Traktate  des  Guevara,  die  Kulturromane  im  Stile  des  A?nadts 
und  Palmerin,  die  spanische  Novellistik  (besonders  die  Novelas  exemplares 
des  Cervantes),  der  Schäfer-  und  der  Schelmenroman  (Montemayors  Diana, 
der  Lazarillo  de  Tormes  und  ihr  Gefolge)  und  das  Buchdrama  Celestina  haben 
zahlreiche  Spuren  im  elisabethanischen  Drama  zurückgelassen.  Der  Verf.  unter- 
sucht jede  einzelne  dieser  Reminiszenzen  und  kommt  bisweilen  zu  neuen  und 
Interessanten  Ergebnissen.  Er  zeigt,  wie  Shakespeare  seinen  Don  Adriane  de 
Armado  den  „Stelzenstil"  Guevaras  kopieren  läfst  und  weist  ziemlich  über- 
zeugend nach,  dafs  ihm  in  den  ,, Beiden  Edlen  von  Verona"  eine  Version  der 
Diana  und  nicht  eine  ähnliche  Erzählung  eines  anderen  Novellisten  vorlag. 
Sieben  Seiten  werden  verwendet  um  darzutun,  dafs  das  anonyme  Celestina- 
Interlude  von  1530  direkt  auf  das  Original  und  nicht  auf  eine  französische 
oder  italienische  Zwischenversion  zurückgeht.  Der  eigentliche  Einflufs  der 
spanischen  Novellistik  und  Dramatik  fällt  allerdings  erst  in  die  zweite  Hälfte 
des  17.  Jahrhunderts  und  damit  aufserhalb  des  Rahmens  der  Untersuchung. 
(Bezüglich  der  Novellen  des  Cervantes  wäre  zuletzt  auf  unsere  Abhandlungen 
in  der  ,,Einlührung  in  die  romanischen  Klassiker",  Strafsburg  1913,  Bd.  3 — 4 
zu  verweisen.  Das  Erscheinen  der  Komödien  Lopes  erstreckte  sich  weit  über 
die  Jahre  1604  — 19;  die  Bände  der  Calderonschen  Comedias  wurden  1636, 
1637,  1664  und  1677  gedruckt.)  Dagegen  haben  die  Ritter-  und  Schelmen- 
romane der  Spanier  schon  damals  sehr  wesentlich  zu  der  Auffassung  der  Eng- 
länder vom  spanischen  Nationalcharakter  beigetragen. 

Noch  reichhaltiger  als  die  beiden  ersten  Kapitel  sind  die  beiden  letzten, 
welche  sich  mit  dem  „kulturellen  und  sozialen  Spanien"  und  der  „spanischen 
Sprache  im  elisabethanischen  Drama"  beschäftigen.  Hier  erfahren  wir,  wie 
weit  die  Kenntnisse  der  Engläuder  bezüglich  des  Landes  Spanien  reichten, 
was    sie    von    seinen  geographischen  Eigentümlichkeiten  wufsten,    welche  Vor- 


2  54       BESPRECHUNGEN.       A.  WIHLFAHRT,    DANTE,    GÖTTL.  KOMÖDIE. 

Stellungen  sie  von  den  einzelnen  spanischen  Städten  hatten,  wie  sie  über  das 
Kriegswesen  und  die  Waffen,  über  die  Seefahrten  und  Entdeckungen,  Industrie 
und  Handel,  Speisen  und  Getränke,  Moden  und  Zeremoniell,  Spiele  und  Tänze 
der  Spanier  dachten.  Im  ganzen  und  grofsen  sahen  die  Engländer  in  ihnen 
ein  kriegerisch  tüchtiges  und  gewerblich  betriebsames  Volk,  sie  anerkannten 
auch  die  Autorität  der  Spanier  in  Ehrenangelegenheiten,  liefsen  aber  selten 
eine  Gelegenheit  vorübergehen  ohne  ihre  Einbildung  und  Händelsucht  zu  ver- 
spotten und  ihre  zügellose  Lebensführung  zu  tadeln.  Von  der  eigentlichen 
geistigen  Entwicklung  der  spanischen  Nation,  von  der  Bedeutung  spanischer 
Literatur,  Kunst  und  Kultur  hatten  sie  keine  Vorstellung.  Die  spanischen 
Worte,  welche  in  den  elisabethanischen  Dramen  begegnen,  sind  den  ver- 
schiedensten Begriffssphären  entnommen.  Es  sind  Titulaturen  (,,Z'o«"  in  bis- 
weilen ganz  imspanischer  Verwendung),  Amts-  und  Handelsbezeichnungen, 
Ausdrücke  der  Fechtkunst,  Stoff-,  Münz-,  Wein-,  Drogennamen  u.  a.  m.  Eine 
Anzahl  spanischer  Wörter  wurden  auch  ,,als  Notbehelf  für  fehlende  oder  als 
vornehmere,  veredelnde  oder  bemäntelnde  Nuance  für  synonym  erscheinende 
englische  Bezeichnungen  verwendet,  etwa  den  Funktionen  unserer  heutigen 
Fremdwörter  entsprechend"  (z.  B.  pecadülo,  renegado,  basta,  Diablo).  Unter 
den  spanischen  Personennamen  hat  Diego  eine  verächtliche  Bedeutung  erhalten, 
seit  ein  Mann  dieses  Namens  die  St.  Pauls -Kathedrale  besudelte.  Bei  der 
Prinzessin  ,,  Aurelia  Clara  Pecunia"  {Staple  \,(>)  dachte  Ben  Jonson  unseres 
Erachtens  an  die  damals  noch  lebende  Infantin  Isabella  Clara  Eugenia,  die 
Tochter  Philipps  II.  (f  1633).  Endlich  bespricht  der  Verf.  die  verschiedenen 
Wortspiele,  Zweideutigkeiten  und  Parodien,  zu  Welchen  das  Spanische  heran- 
gezogen wurde,  sowie  acht  längere  und  kürzere  Stellen  in  spanischer  Sprache, 
die  sich  in  elisabethanischen  Dramen  eingestreut  finden.  Eine  durch  den  Druck 
besonders  entstellte  (im  Enterlude  of  welth  and  helth,  1557)  wird  neu  gedeutet. 
Das  Endergebnis  seiner  Forschungen  fafst  G.  in  die  Worte  zusammen : 
„Was  Spanien  an  Spunn  in  unseren  Stücken  hinterlassen  hat,  verdankt  es 
dem  Umstand,  dafs  es  damals  zu  den  Führervölkern  der  Erde  gehörte  .  .  . 
Englands  Geisteskultur  irgendwie  in  ihren  Grundfesten  zu  erschüttern,  seiner 
Dramatik  eine  ganz  bestimmte  Wendung  zu  geben  und  deren  Entwicklung  für 
Jahrzehnte  festzulegen,  hat  Spanien  nicht  vermocht." 

Wolfgang  Wurzbach. 


Dante,  Göttliche  Komödie.  III.  Teil  —  Das  Paradies  —  übersetzt  von  Alfred 
Bassermann.  München  1921.  8".  pp.  474.  R.  Oldenbourg.  M.  55,  geb. 
M.  60. 

Nach  mehr  als  ßojährigem  geistigen  Erfassen  und  Durchdringen 
Dante'scher  Gedankengänge  und  Welten  bietet  uns  Verfasser  nach  seiner  1892 
erschienenen  „Hölle"  und  dem  1909  gegebenen  „Fegeberg"  als  III.  Band  der 
Divina  Commedia  das  „Paradies". 

Rechtzeitig  noch  zur  600.  Gedächtnisfeier  des  Todestages  Dantes  ver- 
mochte so  Bassermann  einen  über  die  zu  vielen  Gelegenheitsschriften  weit 
hinausragenden  Beitrag  zu  liefern  zur  Verherrlichung  fremder  Geistesgröfse. 

Wie  bei  Hölle  und  Fegeberg  hat  B.  auch  im  Paradies  die  angesichts 
der   besonderen   Natur   unserer   Sprache    vielleicht    wenig    erwärmemle  Terzine 


BESPRECH.      EVA  SEIFERT,    ERICH  AUERBACH,    ZUR  TECHNIK    ETC.       235 

gebraucht,  immer  aber  tief  eindringend  in  den  Sinn  der  fremden  Sprache,  und 
bestrebt,  bei  der  Wiedergabe  alles  da  Vorhandene  zu  erschöpfen.  —  Nicht 
mit  Unrecht  tröstet  sich  B.  mit  dem  Gedanken ,  dafs  auch  Dantes  Dichtung 
ein  titanisches  Ringen  mit  dem  widerstrebenden  Stoff  der  Sprache  und  dem 
widerstrebenden  Inhalt  sei,  den  sie  ausdrücken  soll.  —  Die  Sprache  Basser- 
manns ist  zweifellos  harmonisch  und  überreich  an  bestgewählten  und  neu- 
geschaffenen Redeforrnen.  Seine  am  Fufse  jeder  Seite  gegebenen  zahlreichen 
Anmerkungen  spiegeln  die  Anschauungen  aller  bedeutenden  Kommentatoren 
Dantes  wider  bis  Ricci,  Scartazzini,  Passerini,  Parodi  etc. 

Besonders  wertvoll  ist  der  auch  dem  „Paradies"  beigegebene  Anhang, 
deshalb,  weil  der  Übersetzer  da  besser  als  anderswo  die  seit  Jahrzehnten  und 
Jahrhunderten  ihrer  endgültigen  Lösung  harrende  Dante-Problematik  zu  erörtern 
vermag,  dabei  auf  Grund  selbständiger  Studien  erworbene  Urteilsgabe  beweist 
und  so  manches  dicht  umschleierte  Problem  in  neuem,  ansprechendem  Lichte 
erscheinen  läfst. 

Wie  das  Dante'sche  Monumentalwerk  den  Entwicklungsgang  eines  ganzen 
Lebens  darstellt,  so  auch  die  ein  Menschenalter  umspannende  und  tief  in  die 
Jahrhunderte  eingreifende  Arbeit  des  Übersetzers.  Beide  sahen  auf  der  ab- 
steigenden Kurve  ihres  Erdenwandeins  den  Traum  ihrer  Jugend,  den  Stolz 
ihrer  Maunesjahre  in  Trümmer  gehen,  beide  aber  trotz  alledem  voller  Zu- 
versicht auch  den  Retter  und  Wiederhersteller,  der  —  so  schUefst  Bassermann  — 
so  sicher  kommen  muls,  wie  der  Sonnenheld  in  jedem  Frühling  seinen  leuch- 
tenden Schild  am  Wellbaum  als  Sieger  aufhängt. 

A.  WiHLFAHRT, 


Erich  Auerbach,  Zur  Technik  der  Frührenaissdncenovelle  in  Italien  und 
Frankreich.  Dissertation  Greifswald,  Heidelberg,  Winter  192 1.  VII,  66  S. 
In  drei  Kapiteln:  Rahmen,  Träger,  Komposition  veranschaulicht  der  recht 
belesene  Verf.  die  Entwicklung  und  Verschiedenheit  der  ital.  und  Iranz.  Novellen- 
technik in  der  Übergangszeit  vom  Mittelalter  zur  Neuzeit.  Er  zeigt,  von 
Boccaccio  ausgehend,  wie  der  vom  Dichter  geistvoll  mit  den  Novellen  ver- 
wobene  Rahmen,  der  die  Gesellschaft  des  Trecento  schildert  und  ihre  Sitte 
zum  Mafsstab  macht,  bald  veräufserlicht,  an  Geschlossenheit  verliert  und 
schliefslich  fällt  (Kap.  I).  Er  entwickelt,  wie  gegenüber  den  aller  Wirklichkeit 
entkleideten  Exempla,  gegenüber  der  Kompositionslosigkeit  der  fabliaux 
Boccaccio  die  Novelle  in  die  Aufsenwelt,  in  die  Landschaft  hineinstellt,  seine 
Weltanschauung  ihr  aufprägt;  dafs  aber  bald  seine  ausglichene  behaglich  breite 
Erzählungsweise  verlassen  wird  und  andere,  Sacchetti,  Poggio,  hastig  auf  die 
Pointe  zueilen,  um  ihretwillen  schreiben  (anekdotische  Novelle;  Kap.  III). 
Und  wie  in  Frankreich  die  Entwicklung  weniger  plötzlich,  der  Rahmen,  der 
die  Familie  und  ihre  Bande  (nicht  die  Gesellschaft)  zum  Gegen'itand  hat, 
intimer  ist  {Menagier  de  Paris),  aber  auch  hier  fällt  {Quinze  joyes  du  mariage), 
so  ist  der  franz.  Novelle  die  malende  Technik  geblieben,  zur  Zustandsschilderung 
geworden;  Schärfe  und  Pointe  fihlen  ihr;  das  Tempo  ist  langsamer,  schleichend, 
die  Komposition  schlaff. 

In  Frankreich   war  immer  der  Mann  Träger  der  Novelle;    die  Charakte- 
risierung   der    Frau    dem    mittelalterlichen  Volksschwank    entnommen:    gemein, 


256      W.  MEYER-LÜBKE,    ZU   ZTSCHR.  4I,  694    UND    42,   IO3    ETC. 

dumm,  unterdrückt;  sie  wird  nun  zur  Peinigerin  des  Mannes  [Quinze  j'oyes), 
des  rechtschaffenen,  den  sie  zu  Tode  quält.  Die  strengere  moralische  Auf- 
fassung, die  hausbackene  bürgerliche  Ethik  zeichnete  dies  gehässige  Bild  auf 
dem  Hintergrunde  enger  Häuslichkeit  (Kap.  II).  Erst  gegen  Ende  des  14.  Jh., 
nach  Boccaccios  Zeit,  der  namentlich  Frauen  zu  Trägern  macht,  ihnen  Gleich- 
berechtigung gewährt,  der  die  natürliche  Liebesmoral  zum  allgemeinen  Recht 
erhebt,  macht  sich  in  Italien  ein  Umschwung  geltend.  Man  kehrt  sich  gering- 
schätzig, skeptisch  von  der  Frau  ab;  sie  wird  zur  Folie. 

Es  fehlt  der  Arbeit  nicht  an  lehrreichen  Gegenüberstellungen  und  Ver- 
gleichen. Auch  die  vermittelnde  Stellung  der  Cent  nouvelles  nouvelles  ist 
hinreichend  charakterisiert.  —  Der  Druck  ist  sorgfältig;  doch  würde  die  Lektüre 
erleichtert,  wenn  Zitate  und  Namen  durch  andern  Druck  hervorgehoben  wären. 

Eva  Seifert. 


Zu  Zs.  41,  694  lind  42, 103. 
Hätte  Bruch  den  an  der  von  ihm  herangezogenen  Stelle  der 'Einführung' 
zitierten  Artikel  Ascolis  gelesen,  so  hätte  er  Tronto  :  Truentus  gefunden  und 
dann  aus  dem  Vergleich  mit  meiner  Äufserung  gesehen ,  warum  die  Wörter 
nicht  zu  vergleichen  sind,  und  hätte  Segl  sich  die  Mühe  genommen,  aus  meinem 
REW.  nicht  nur  Zitate  abzuschreiben,  sondern  sie  auch  zu  lesen,  so  hätte  er 
die  Belege  für  ijada  und  ejade  und  eine  Erklärung  der  Bedeutung  gefunden, 
die  nicht  einfach  konstruiert,  sondern  durch  die  medizinische  Auffassung  der 
Zeit  gestützt  ist.  W.  Meyer-Lübke. 

Erklärting. 

Leo  Spitzer  hat  S.  5  ff.  dieses  Jahrgangs  Bemerkungen  zu  meinen  Fran- 
zösischen Etymologien  veröffentlicht,  die  sich  unter  anderem  auch  auf  meinen 
im  6.  Heft  des  letz  en  Jahrganges  erschienenen  Aufsatz  beziehen.  Da  dieses 
Heft  erst  am  l.  März  dieses  Jahres  ausgegeben  wurde,  Spitzers  Aufsatz  aber 
bereits  am  16.  Dezember  des  vergangenen  Jahres  bei  dem  Herausgeber  dieser 
Zeitschrift  eingelangt  war,  lege  ich  Gewicht  darauf  festzustellen,  dafs  ich  Spitzer 
weder  mein  Manuskript  noch  irgendwelche  Korrekturen  meines  Aufsatzes  zur 
Verfügung  gestellt  habe,  noch  davon  Kenntnis  erhielt,  dafs  dieses  von  dritter 
Seite  geschehen  ist.  E.  Gamillscheg. 

Notiz. 

Nachdem  Herr  Professor  Dr.  Karl  Vollmöller  sich  aus  Gesundheitsrück- 
sichten genötigt  sieht,  die  Redaktion  der  von  ihm  begründeten  „Romanischen 
Forschungen"  (Verlag  Junge  &  Sohn,  Erlangen)  niederzulegen,  geht  diese 
mit  dem  39.  Bande  an  Professor  Dr.  Rudolf  Zenker  in  Rostock,  Hermann- 
strafse  7,  über.  Die  Verlagsbuchhandlung  hofft,  dafs  es  ihr  trotz  der  gegen- 
wärtig bestehenden  erheblichen  Schwierigkeiten  möglich  sein  wird,  die  Zeit- 
schrift in  der  gleichen  Weise,  wie  bisher,  weiterzuführen. 

Die  beiden  anderen  Unternehmungen  des  Gelehrten  („Romanischer 
Jahresbericht"  und  „Gesellschaft  für  romanische  Literatur") 
gehen  in  den  Verlag  Max  Niemeyer,  Halle  über.  Die  Redaktion  bzw.  den 
Vorsitz  hat  Prof.  Dr.  Alfons  Hilka,  Göttingen,  übernommen. 


J«V 


Dell'  azione  metafonetica,  palatilizzante,  delle  vocali  latine 

-ü  e  ü.^ 

Nel  saggio  sui  continuatori  di  ille,  stampato  nel  vol.  XXX 
di  questa  Rivista  (v.  a  p.  1 1  sgg.),  e  propriamente  nella  prima  parte 
ch'  e  una  breve  storia  delle  vicende  della  consonante  L  nella  regione 
che,  a  un  dipresso,  va  da  Aquila  a  Cerreto  Sannita  in  provincia 
di  Benevento,  credevo  di  aver  provato  ad  evidenza  che  il  l'ß)  del- 
r  articolo  /'«,  /'?  (tu,  i^),  proprio  di  molti  dialetti  romaneschi  e 
abruzzesi,  non  e  dal  plurale,  come  scrisse  il  Meyer-Lübke  in 
'//t?/.  Gr.'  §  83,  in  'J^om.  Gr.'  II,  §  103  e  altrove,  nia  ha  ragione 
puramente  fonetica:  in  quella  zona  il  -LL-  intervocalico ,  talora 
anche  il  L-iniziale,  piü  di  rado  il  -L-  intervocalico,  si  palatalizzarono 
davanti  ad  i,  ad  ü  e  all'  -ü  del  sostantivo.  E  pero  non  e  stata 
per  me  piccola  sorpresa  la  recensione  pubblicata  x\ü\iO  Jahresbericht 
del  Volmöller,  vol.  X,  pp.  iz^jnb,  dal  nuovo  critico  per  la  regione 
italiana  meridionale,  il  D''^  Giulio  Subak.  Egli  nega  la  palatiliz- 
zazione  del  L  (ll)  per  parte  dell' -ü  e  delF  ü;  e  legge  nelle  forme 
di  sostantivo  maschile  singolare  con  l  palatilizzato  (non  escluse 
quelle  che  potremmo  chiamare  dei  singularia  tantum:  ceiu 
CAt-LU  e  sim.)  una  estensione  analogica  dei  rispettivi  plurali,  in 
quelle  del  tipo  iuna  lüna,  mma  lümen  e  sim.,  per  dirla  con  le 
sue  parole,  „blofs  die  Folgen  der  im  Abruzzesischen  verbreiteten 
Diphthongierung  von  ü  ><  zu". 


■Cominciamo  dalT  -ü.  Si  noti  per  prima  cosa  lo  stento  di 
quel  ceiu  rifatto  su  paht  palu,  il  quäle,  a  sua  volta,  dovrebbe  lo  i 
al  plurale  pati  pali.  Si  noti  ancora  che,  se  non  mancano  esempi 
di  singolari  rifatti  analogicamente  sul  plurale,  sempre  si  tratta  di 
casi  sporadici,  per  lo  piü  di  voci  che  nel  discorso  ricorrono  pre- 
valentemente  al  plurale,  di  cui  la  pluralitä,  se  m'  e  permesso  di  dir 
cosi,  e  vera  e  propria  caratteristica ;  qui  abbiamo  invece  serie  per- 


'  [La  presente  nota,  ogfgetto  di  una  comunicazione  nell'  adunanza  della 
Sorieti  filolofjica  romana  dell' aprile  191 1,  doveva  vedere  la  luce  nel  fasc. 
di  settembre  del  '14  di  questa  Rivista;  ma,  scoppiata  la  guerra,  essendone  statu 
limandata  la  stampa  si'ne  die,  V  autore  otteneva  dall'  egregio  studioso  che  alloia 
ne  aveva  la  Direzione,  il  collega  Hoepffner,  il  permesso  di  pubblicarla  altvove. 
E  difatti  fu  puljblicata  nel  vol.  XIII  degli  Sludi  Romanzi.  II  nuovo  Dirtttoie, 
il  prof.  HiLKA,  rimasto  fnio  all'  ultimo  allo  scuro  di  tutto,  avendo  Irc.vato 
neir  ufiicio  di  Redazionc-  il  nianoscritto,  cred6  dover  suo ,  e  fu  atto  di  grande 
corlesia  vcrso  un  colh  ga  stranieio,  di  mandarlo  senza  indugio  alla  lipcgiafia; 
avvenuta  la  composizione,  per  risparrniare  alla  l<.ivista  uu  danno  non  lieve, 
egli  doy<-,  e  In  necessitä  dolorosa,  deciderne  b  stampa.  Del  duplicito,  neu'  oia 
triste  che  volge,  nessuno  certo  iu  Italia  vorri  fargli  una  colpa.] 
Zeitachr.  ).  röm.  Phil.  KLII.  17 


258  CLEMENTE    MERLO, 

fette,  che  non  soffiono  una  sola  eccezione.  Ma  v'  e  di  piü.  11 
critico,  poco  esperto,  incauto,  fors'  anche  poco  sereno,  non  si  avvede 
di  un  fatto  semplicissimo :  che  il  fenomeno  da  me  illustiato  e  stret- 
tamente  connesso  con  quello  dell'  intacco  della  vocale  tonica  per 
parte  dell'-ü;  che,  negando  la  palatilizzazione  del  l  (ll)  per  parte 
deir -Ü,  viene  a  negare  il  fenomeno  che  sogliamo  dire  metafonesi 
ed  e  ammesso  concordemente  da  tutti.  Crecle  il  Subak  che  anche 
i  singolari  metafonetici  del  tipo  napol.  apierta  ap^-RTU  (femm.  aperiq), 
jiigr^  mCRV  {lemm.  7tegra) ,  tjpssp  ossv  [pl  ncuir.  ossg),  r////.' rüptu 
(femm.  roU^)  siano  estensioni  analogiche  dei  rispettivi  pluraü?  Con- 
cediamoglielo.  Ma,  e  la  terza  persona  plurale  del  verbo  con  vocale 
tonica  metafonizzata,  tipo  roman.  jnehj  metu[n(t)],  dimi  bibu[n(t)], 
kol'u  kpiu  cölli(g)ü[n(t)],  michmi  mungü[n(t)]?  Anch'  essa  ana- 
logica?  sulla  2^  singolare?  Padronissimo  il  Subak  di  pensarlo  e 
raagari  di  scriverlo.  Ma  io  non  so  se  altri  fra  i  romanisti  vorrä 
seguirlo  per  questa  via. 

Nella  miscellanea  '^Da  Dante  al  LeopanW  Hoepli  1904,  a  p.  35, 
trattando  dell'  ital.  violUca,  scrivevo :  "  A  Palena,  a  Sora,  e  anche  ad 
Arpino,  ad  Alatri  e  per  largo  tratto  della  campagna  romana,  il  -ll-, 
cosi  di  sillaba  tonica  come  di  atona,  e  rimasto  intatto  o  si  e  pala- 
tilizzato  in  l,  i,  secondo  che  gli  seguiva  immediamente  un  a,  e,  0 
od  un  i,  u.  La  legge,  che  non  e  stata  per  anco  avvertita,  dichiara 
Ig  strano  articolo  maschile  l'u,  hi  che,  secondo  il  Meyer- Lübke 
(v.  *//.  Gr.\  §  383),  sarebbe  dal  plurale.  Ma  di  cio  altrove;  e  torno 
a  mo/Iica."  Basto  questo  accenno  perche  il  Meyer -Lübke,  nella 
2^  edizione  del  Grnndrifs  del  Gröber,  sostituisse  alla  prima  di- 
chiarazione  quest'altra:  "-LU,  -Li  wird  palatalisiert:  calabr.  1  mii 
raelo,  Flur,  mela,  anel'i  (anello),  l'uns  (luna),  canistr.  kavaw,  paio,  mpo 
(lupo),  kalina  (gallina),  mol'ikio  UMBiLicas,^  ecc."  Anche  per  questo, 
e  soprattulto  per  questo,  per  1'  ammirazione  che  ho  sempre  avuta 
per  r  illustre  romanologo  dell'  ateneo  viennese,  non  mi  sarei  curato 
aftatto  della  critica  del  Subak,  se  non  mi  premesse  di  richiamare 
r  attenzione  dei  colleghi  romanisti  su  altri  segni  manifesti  del- 
r  azione  metafonetica,  palatilizzante,  dell'  -ij. 

In  parte  della  Ladinia,  della  zona  lombardo- alpina,  del 
territorio  franco -provenzale,  tra  le  vocali  che  intaccarono,  pala- 
tilizzarono,  la  velare  preromanza,  troviamo  anche  1' -ü : 

SOPRASELVA  (AscoH  in  'AGlIt.*  I,  pp.  75/76):  sech  (=  se") 
siCCU,  rieh  'ricco',  arch  artg  ecc.  arcu,  pierch  piertg  PÖRCU, 
paschg  PASc(u)u,  freschg  FRiscu,  iudestg,  Frances/g,  ecc,  suilg  SÜLCU, 
t'cc.  SOTTOSELVA  (Ascoli  ibid.,  p.  144):  pastg,  fr  est g,  freischg,  ecc. 
ALTA  ENGADINA    (Ascoli  ibid.,  p.  2o6)  3 :   frminck,    baunck,  paerck, 


1  Da  emendare,  verisimilmente,  in  alatr. 

2  Leggi  UMBILICULUS. 

^  „Ma  il  c  riuscito  finale  pel  dileguo  dell'  u  [o),  se  e  preceduto  da  con- 
sonanlL',  o  da  AU,  si  fa  <r"  ...  „Riesce  affatto  certo  e  manifesto  che  lo  -ck 
delle  anticlie  sciitture  eugadine  abhia  il  valore  di  c."  Ascoli  1.  c.  n.  2. 


DELL    AZION'K    METAFONETICA    DEF.LE    VOCALI  LAUNE    -U  E   U.       259 

pasch  (cioh  pasc),  huaistg  *vesc(uv),  e  cosijraisc,  ttidaisc  ;  seck  üiccxj, 
saick  SACCU ;  poick  paucu,  roch  (=  rol)  raucu,  ^  etc.  bassa  enga- 
DiNA  (Ascoli  ibid.,  p.  239):  baunck,  arck,  \_pauck'\,  ecc. - 

MADESIMO  ■'  (raccolte  personali):  poc  paucu;'*  sec  saccu,  sec 
Siccu,  bec  'becco',  etc.;  porc  PüRCU  (plur.  pars),  bienc  'bianco', 
fienc  'fianco',  ecc.  \jntrec  <  lomb.  intrek,  föc  FÖcu,  züc  jöcu  (v. 
•2«^/,  mi  zügi),  lec  ' lago ',  ecc. ;  btadac,  perzac,  tosac,  stgmac,  ecc. ; 
bare  "porcile"  <C  com.,  ecc.  bark  REW.  Q58,  larc  <  lomb.  lark, 
lonc  <C  lomb.  Joiik,  ecc.];  come  in  cilo  "lä";  cä  cüLU,  cüna  cüna, 
ecc,  scür,  sähna,  ecc,  cühe'  cognatu  (plur.  cilhe'),  äihepa  -ata 
(plur.  cühadm),  cüge  cucchiaio,  cünö  CUNEOLU,  scüdela,  ecc. ;  cor  CüRK, 
cos  CüCERE,  cöc, -a  CÖCTU, -A,  scöla,  incö'  <C  lomb.  i'nkö',  ecc;  e  in 
ce  <;  lomb.  ka,  cm  cane,  cesa  'caccia',  cemp  campu,  cevra,  cur 
CARRU,  canuf,  casa,  ecc,  sceh  <C  lomb.  ska/i,  sceiis  <C  lomb.  scaiii, 
scala,  scarz,  -a  scarsu,  -a,  ecc,  pesce  piscare,  ecc,  viarce  äier- 
CATU,  ecc,  mosca,  bienca  'bianca',  kgnca  concha,  ecc.  \_pagüra, 
negün  <C  lomb.  or.  m'gü,  ecc.  "nessuno",  sügü  <<  lomb.  segt'i,  ecc, 
güz,  güga  <C  lomb.  güga,  ecc,  Sgüri  <C  lomb.  zgüri,  ecc,  lilmega, 
piega,  kadrega,  spiga,  urtiga,  ecc,  lügänega,  vienega  <C  lomb.  jnanega, 
pertega,  ecc;  page,  sege',  inestege,  rasege',  ecc;  ^'a/ GALLU,  geinba, 
ecc,  larga,  longa ^  spönga  <C  \omb.  sppn^a,  ecc;  karge,  ecc];  di 
contro  a  körn  cörnu,  hol  cöllu,  kgtica,  kpnsa,  ecc;  kolt,  kolJa 
CAl(i)du,  -a,  kolza  'calza'  (pl.  al  kolz),  kuldera,  cidsina  calcIna,  ecc;^ 
karties  catenaccio,  kasteha,  käse'  <C  lomb.  kasa',  käse',  karge,  ecc, 
kalken,  ecc;  peskadg',  ecc.  [godl  godo,  varggt,  ecc;  galina,  ecc, 
resegadüs,  ecc].  valle  maggia  (Saivioni  in  'AGllt.'  IX,  §§  78/82): 
sdc,  stra[,  bislac,  sec  SiCCU ;  pörc ;  tudesl,  bgsc ;  bianc,  fienc,  ecc. 
[yj  *fii  FICU,  intrei ,  lai  LACU,  l'ö'i  LÖCU,  ecc. ,  fidi  <  lomb.  fideg, 
inpni  'monico',  ecc;  larg,  lüieng,  löng\',  come  in  'cilo',  scivi',  patre; 
st'ena,  scerpa;  cü,  scür,  incüzna,  ecc,  cöl,  flöla,  iruöi,  ecc;  e  in 
ca,  car,  camp,  ecc,  scala,  pdceu,  mar c au,  strunce ,  incari,  ecc.  \_fur- 
miia,  kadrehi,  lümaia',  viajiia,  per  Ha,  ecc;  güz,  zgürä,  ecc;  gat, 
gaviba,  ecc] ;  di  contro  a  kaval,  kampana,  kadreia,  ecc.  ecc.  OK- 
sernone  (Saivioni  ibid.):  fiasc,  sec,  biinc,  ecc.  \_fig,  pamg,  spag, 
lag,  portig,  piersig,  stgviig,  ecc];  come  in:  vcica,  incarig,  krüsca, 
ecc.  [spiga,  diga  -<  dicam,  -s,  ä'maga;  mdniga,  pertiga,  ecc];  di 
contro    a    her   CÖRE,     kern    cornu,     kec    cöCTU,    ecc.  6      verzasca 


1  V.  la  n.  3  di  p.  258  e  qua  sotto  la  n.  5. 

2  Di  tscheark  'cerco'  e  dych  „dico",  v.  a.  p.  265. 

'  Frazione  di  Isolato,  sopra  Chiavenna,  verso  lo  Splusja.  Rendo 
roll  c  [g)  uno  special  suono  palatale  che,  a  parer  mio,  frammezza  tra  c  (g)  e 
il  c  (g)  lomb.   di  cama  [ganda). 

*  V.   la  n.  3  di  p.  258  e  la  u.  2  di  p.  260. 

^  A  diflcrenza  dei  dialetti  franco-pr o vcnzali  e  francesi,  nel  nostio 
il  K  della  formola  K  -|-  A  +  L  +  cons.  si  sottrac  .all'  intacco.  La  ragioiie  ^ 
da  vedeie  in  uiia  pronunzia  velare  originaria  dell'  A  in  qutsta  formola,  pro- 
nunzia  viva  pur  sempre  in  gian  parte  del  liiganese,  mcnd  r  isi  o  t  to,  ecc. 
(kalf,  fcäc,  ecc,  di  contro  a  sah,  pißt,  piTizn,  käz,  ecc;  näs,  ka,  ecc). 

"  Di  dig  „dico",  v.  a.  p.  265. 

,7» 


260  CLEMENTE    MKRLO, 

(Salvioni    ibid.):    \_/ög,  log,  Sog;    ?nom'g'\;    come    in    [rt'ga,  ?m'ga; 
üga ;  sfanga,  ecc.]. 

VALTOURNANCHE  (raccolte  personali)  ^ :  pu-h  paucu  ;'2  poca  < 
^\em.  pich,  ecc.  "piccone",  seh  siccu,  becp  beccu  REW.  1013,  roh 
<C  piem.  roch,  ecc.  "rupe,  roccia",  dzoh  <  ^\em.  gioch  "pollaio, 
legno  ecc",  sal»  SACCU,  pah  'pacco';  freh  'fresco',  bu-'h  'bosco';ä 
come  nei  relativi  plurali  {pöh,  seh,  sah,  ecc),  in  eh  ecc(h)I(c)  ^ 
e  in  cü  Cülu,  cüo  cüRO,  fcü  scütu;  cöä  curare,  eco?)ia  <<  fr. 
kume,  ecönid  <C  fv.  ecumer,  ecövd  "  sentire  ribrezzo,  schifo  (parlando 
di  persona  sudicia  o  deforme,  di  cibo  che  induca  nausea) "  col 
deverb.  ecüva  s.  f.  "ribrezzo,  schifo",  kiuo  'qualcuno',  tra^o  <  fr. 
chaam;  hi  cöllu,  colpu,  cwia  COSTA,  co'r,  corta  CÜRTU,  -a  ; 
\cös'öä\  cociNA,  \cös()e'\  '-iere',  SJ:'öse  cugino],  cose  <C  a.  h:  coissiri, 
cöve  <!  nap.  cupielh,  ecc.  "  mastello  per  il  bucato"-'',  cöverta  'coperta', 
c'ömöa  s.  f.  <:^  fr.  coinnmnc,  rff^r.f.i?' RECÜRTIARe;  e  in  ff  quid,  6  fV?, 
^leia  QUETU,  -a,  «V  *-tT/  'querir',  ^cese  {dzö  me  ce'so;  ce-hts  hkkaf 
"taci  un  momento!")  <  a.  fr.  coisier,  v\d.osX.  qtieije,  svlv.  kest,  ecc. 
"tacere",  censea  'quinzaine',  c^ntal;  Pü'ce  s.  pl.  Pasqua  {REW.b2b/\), 
ktfce  'qualche',  iza'^ce  «<  fr.  chdque  (e  tzece  in  tz.pec.^  "ogni  istante"), 
senh"^  cinque;^  =  di  contro  a  Iwva'^^  cöda,  kopa  cürPA,  koT  cöRTE, 


1  Quuuto  al  vulore  dei  segni,  v.  la  mia  uota  ^Da  un  sag^io  fonetico- 
morfülogico  sul  dialetto  franco-provenzale  di  Valtournanche'  (in  *■  Rendiconti 
Ist.  Lomi:  XLIV,  814.). 

-  Com'  e  noto,  la  formola  AU  +  cons.  equivale  alla  doppia  tra  romanzi. 
enyötzs  RAUCU  dovrä  lo  tz  o  al  femminile,  come  propone  il  Ä'Jey er-Lübke 
in  ^  REW.'  7093  per  le  forme  frib.,  ecc,  o,  come  sembra  acceuuare  1'^«,  a 
un  *enrötze,  -i  'inrocare'  (v.  1'  a.  fr.  enrouer),  'inrochire'. 

'  Due  Serie  vengouo  a  mancare,  quelle  di  cons.  nas.  +K  e  di  R  +  K: 
bä  BANCU,  frä  FRANCU,  w;a/|  -iNKU,  tro,  ecc;  puer  PÖRCU,  ecc.  Ma  non 
erreremo  radducendo  e  le  une  e  le  altre  forme  ad  anter.  Mc,  .  .  .  puerc .  Sta 
a  se  kränh  „malato"  <;^  ted.  krank,  voce  penetrata  in  etä  relativamenle  rccenie, 
come  prova  anche  il  femminile  [kränka,  scambio  di  kräntzi). 

*  Di  conlio  ad  ek^o  'ecco'  (v.  sotto);  come  nell'  Italia  ccntro-meridionale, 
p.  CS.  a  Sora,  abbiamo  ekkj  di  contro  ad  ekka  (v.  i  miei  Continuatori  di  ille', 
a  p- 445  sgg.}.  Della  schiettezza  delle  forme  di  Valtournanche  non  dubiterei; 
e  perö  la  coincidenza  mi  pare  abbia  non  poca  importanza.  [AI  Meyer-Lübke 
(v.  REW.  2'&^\)  osservo,  anzitutto ,  che  ha  fatto  male  a  trascurare  gli  ekkz, 
esst  di  Rocca  Cauterauo,  Subiaco,  Rocca  di  Mezzo,  da  me  aggiunti 
a  p.  163  del  vol.  XXXI  di  questa  Rivista  e  da  me  detti  a  ragione  „una  bella, 
insperata  confcrma";  secondariamente,  che  gli  e'cce  HoC,  E  CCE  hTC,  ecc,  da 
me  postulati ,  sarebbero  naturalmente  di  molto  anteriori  alla  palatilizzazione 
preromanza  della  anlica  velare  seguita  da  vocale  palatale,  avrebbero  1'  eti  degli 
eccuni  *ecce  hum,  eccam  *ecce  kam  che  ricorrouo  nei  comici  e  che  non 
abbiamo  upssun  dritlo  di  rilenere  arcaismi,  di  negar  come  tali  all'  etä  basso- 
latina.]. 

^  V.  REW.  2402  e  agg. :  vell.  kupiello  „arnia",  castelmad.  copeju  „ape" 
(v.   Zeitschr.für  rom.  Phil.  XXXIII,  p.  88). 

•^  Ma  kuö  QUi;  e  pare  che  se  ne  possa  dedurre  che  il  dileguo  dello  71 
in  ^e  QUID  e  sim.  avveune  quando  1'  i  (=  1),  avviato  alla  velarizzazioue,  aveva 
omai  perduta  la  tinla  palatale  originaria. 

'  Ma  senkätita  'cinquanta'. 

*  Sun  tiilti  esempi  di  ke  secondario  da  anter.  K  -}-  w  +  E.  Sta  lor  di 
contro    la    scrie  fiitze,  partzi,    ecc    che   si  ricorda  piu  sotto;    come  alla  serie 


DELL'  AZIONE  xMElAFONETlCA,    DELLE    VOC\hl    LATINE   -Ü   EU.       201 

kob/a  copula;  kohi,  Xv'r  corpus,  eko'r  ■i.wi.  "scorza",  korda,  korna 
s.  f.  (plur. -t),  rrko-r  *rechüRdu  "fieno  di  secondo  taglio",  rekolta 
{rek)  "mietitura";  könblo,-a  <  ix.  cornble,  könhla'&A.  "valanga",  1 
könta  s.  f.  •'racoonto";  -kohld  copulare  "accoppiare",  kodöa  <i 
vldost.  codöra,  a.  prov.  cosdura,  ecc.  co(n)sutüRA,  koe  -ectu  (partic. 
di  cüRRERe),  koläa  s.  f.  "  collare  imbottito  de'  muli,  ecc",  se  kolattd 
-ATTARE  (da  colare)  "  sdrucciolare"  ^  (col  devcrb.  kolata  s.  f.  "  tratto 
di  terreno  ghiacciato  o  di  pietra  liscia  su  cui  i  ragazzi  si  divertono 
a  sdrucciolare"  e  il  der.  ko/acö  "piccola  slitta"),  kolötie  -"elijj  "  co- 
lonnato  del  letto",  kolen?  *konel'j  "pennecchio"  [portakol.  "rocca"), 
hold  COLÜMBU  "palombo",  kolutro  colostru,  kolu  'colato'  (del 
burro,  ecc),  koniae  'comare',  koiiiense' ,  konetre,  kopösö  s.  m.  (da  CÜppa) 
"nuca",  kopd  CÜppare  "tagliare"  (col  deverb.  kopa  sA.  "taglio  del 
bosco"  e  i  comp,  kopafe  "arnese  per  tagliare  il  fieno",  kopapä 
"tagliere  pel  pane",  ecc),  korläta  "falce  per  potare"  {cfr.  fr.  courbet 
"grande  serpe  ä  couper  les  branches"),  col  dimin.  korbö^cö'  s.  m. 
''coltello  da  tasca  ricurvo",  kor  de  h  'cordelle'  "fili  che  fa  il  cacio 
nella  minestra",  kor^zo  s.  m.  "pezzetto  di  corda"  donde  kordzod 
"legare  con  corda,  ecc",  koreia  corrigia  "cintura  di  cuoio  assai 
larga ;  la  fascia  di  cuoio  che  reggeil  campano",  koreiö  s.m.  "cigna 
di  cuoio",  kor'iula  convolvulus  arvensis,  kornä  {dzd  kortio,  ecc.) 
"suonarc  il  corno",  körne  s.  m.  "corno  di  ferro  per  fare  le  salcicce" 
(cfr.  fr.  cornet  "petit  corne,  trompe  rustique"),  se  kornöie  "prendersi 
a  cornate  (degli  animali)",  kornü  s.  f.  'cornata',  kon'mä  s.  f.  COR- 
NüTA  "'la  capra  con  le  corna",  kor  sc  9  s.  f.  "nodo  scorsoio",  körvd 
<C  vldost.  corvas,  pm.  crovass,  valses.  crovacc,  cruacc,  ecc.  -aceu 
"Corvo",  kose  s.  m.  JREW.  2283,  kotöl'd  s.  m.  (da  'cotta';  REW. 
4747)  "la  veste  femminile",  ecc;  kdnpae,  dekonlrd  "levare  a  una 
bestia,  dopo  il  parto,  tutto  il  latte;  mungerla  bene"  (cfr.  fr.  di- 
conbrer  RE  W.  20"]  ^),  /^ow/a  " '  contare ' ;  raccontare",  kdnvii  {dzi  via) 
"  accompagnare  per  un  tratto  le  bestie  perche  non  si  sperdano, 
non  si  sbandino"  (cfr.  conviare  REW.  2199);  kome  "come";  — 
kä-re  CÜRRERE,  kür  CÖRE ;  küs9  s.  f.  [cu]cutia,  kudre  s.  pl.  RE W. 
2271,2  "plante  di  nocciuolo'',  ^«^r^  "cucire";  kudzi  [s.  \Atti  Accad. 
Sc.  Torino\  XLII,  306),  kulü  *kule(d)iir  "arnese  per  colare",  kurti 
'cortile'  orto,  kute'  cültellu  col  der.  hitelu  -ata,  kiiiöa  cultüRA 
(in  h'se  — ,  parlando  di  terreno  che  si  lascia  riposare),  se  kuize 
colcare,  kutze   "occidente",  ecc;  >^z^c'^ 'qualche',  ^/-^^'^ 'qualcuno'; 


kä  QUANDO,  ka-r  QUARTU,  katro,  ecc,  kare'9  quadraria,  kartäa,  kartet,  ecc. 
sta  di  contro  la  tzet  CATTU,  tzä  CAMPU.  —  Le  voci  sirka  [^\.  su-ce)  <^  aost. 
socca  „zoccolo"  (col  deriv.  soce  „zoccolaio")  e  ku'ka  (pl.  kii  ce)  <^  aost.  docca 
„unghione  delle  vacche''  (dimin.  koc^)  accennano  a  una  base  con  -kkiia.  Quanto 
a  su'ka,  V.  quel  che  ne  scrive  il  Meyer-Liibke  in  REtW.  8052;  il  -cque 
del  ix.  socque  (161 1   Colgr.)  non  sarä  etimologico.'' 

8  Formola  K  +  o,  5  e  ü  che  non  sia  di  sillaba  finale. 

'  Un  bei  traslalo. 

*  Cfr.  il  fr.  couler  di  se  laisser  —  en  bas  d''iin  arbre  e  sim.,  il  sav.  se  cotd 
„glisser"  (col  deverb.  cola  s.  f.  „glissoire"). 


202  CI.KxMENTE    MERL.O, 

A'//(f  CÜNKU,    kuc  r  CORIV,    /< ueSP  COXA,    kuf^  COCEKK,    ku fJ,  -eis  COCTXJ, 

-A,  ktjerho,  -a  curvo,  -a,  ecc.  ecc. ;  —  ekko  ecc(h)o(c)  ;  [sskd,  -öfidä] 
SECÜNDU,  -A,  bo kö  Bvccö'i^E  6  bokou  -ONATA  "boccata",  ecc;  ehiva 
scörA,  f/^öz/ß  SCOPARE,  ekutä  <<  h.  k outer ^  ecc;  f-^wr/ö  scutella, 
inkoa^   "ancora",  ecc. 

Alla  volare  della  formola  K  +  a',  a  originaria,  e  in  pochi 
altri  casi  dove  il  fiancese  ha  od  avrebbe  la  sibilante  palatale 
s,  il  dialetto  di  Valtournanche  risponde  con  Iz.  Da  tz  si  pote 
venire  a  ^c,  c  in  seguito  a  una  nuova  palatalizzazione :  ize  s.  m. 
CAPSU  "compartimento,  porzione  di  uno  stesso  fienile  (ra'ka'r)", 
tze  <<  l'r.  cht'Z  {Ize  l'ö,  ecc),  tze'r,  izfa  (e  tzes)  caro,  -a,  Ize'r  carne 
(col.  deriv.  tzernü,  -rmjä  carnütu,  -a),  izriio  s.  m.  *cassanu  REW. 
1740  "quercia"  (coi  deriv.  izejiei  -etu  "tralto  di  terreno  piantato 
a  castagui"),2  izene'  (dz9  tze'tio)  "ricercare  le  castagne  dopo  la 
raccolta,  o  prima  quelle  che  cadono  da  se",  izfi/e  *cadre  cadere, 
tze(t),  fze't?  -BCTU,  -A  "caduto,  -a",  izet  cattu  (col  dim.  tzeti), 
tzevra  capra  (e  tzevrd  -etu  <  a.  fr.  chevroi  "capretto",  tzevre  -akiu 
'capraio',  tzevretta  'capretta'  "bimba  irrequieta;  una  faseolacea"), 
ize-a  *ca(d)e(n)a  (col  dim.  tzeeita  -itta),  izeevo  *cdnevo  "canapa" 
(col  deriv.  tzeevu  -ALE  "canapaio"),  tzeötu  CARITate  ^ N.  fon.\ 
p.  815,  tzesü  CASALE  'N.fon.\  p.  818,  tzevro  <  fr.  chevron  "trave 
ecc",  tzeü  CANALK  "grondaia",  izi-,  tzömih  'camicia'  (col  deriv. 
tzimisasa  s.  f.  -acka  "camiciolto  di  rozza  tela  che  vestono  in  mon- 
lagna  mentre  attendono  alle  bestie ",  tzöme  cammInu,  tzöinöu  *CAMI- 
NALE  '■N.  fon.\  p.  818,  izövöl'y  "chiodo  di  legno"  <<  fr.  cheville 
(col  der.  tz'övöl'e  "unirc  con  izövöl'e''''),  tzövü  (voce  antiq.)  caballu, 
ä  izöv'öso  ^-usö  'a  cavalcioni'  "uno  sulF  altro,  alla  rinfusa",  ecc; 
iza-s3  'caccia';  —  tzä  campu,  cantu,  tzänha  camba  (col  deriv.  /25m- 
betta  "sgambetto"),  tzänhra  Camera;  Izäntä  cantare,  tzäntoü  s.  f. 
<^  a.  prov.  canlonada  "angolo  di  una  casa",  tzändze  cambiark, 
tzändc'la  CANDELA,  ecc. ;  —  tzalinde  'calende'  Natale,  tzamosa  "ca- 
moscio",  tzapfla  <C  fr-  chapelle,  izaplä  <  a.  fr,  chapler  "tagliuzzare" 
(coi  deriv.  tzapli  s.  pl.  "ritagli,  minuzzoli",  tzaples  -aria  "ciocco  su 
cui  si  spacca  la  legna"  e  il  deverb.  tzaplo  s.  m.  "ammasso  di  roba 
tagliuzzata"),  tzapoe-a  <C\ovab.  capouera,  qcc.  "stia",  fe^/»/./ 'cappello', 
tzarhö  carbone  (coi  deriv.  izarhod  "lar  carbone  [detto  di  legna]", 
tzarhoe  carbonariu,  Izarboe's  s.  f.  "la  buca  dove  si  fa  il  carbone"), 
tzardö  <C  fr.  chardoi  "cardo",  tzardie  <<  fr.  charger  (col  deverb. 
tzardz9  s.  f.  "quintale;  quanto  puo  portare  un  mulo"),  tzares  car- 
raria  "uno  de'  tanti  piccoli  sentieri  che  attraversano  la  montagna 
in  ogni  senso",  tzaret  'carretto'  (e  tzaretta  'carretta',  tzaretö  s.  m. 
"carrettino;  letto  ad  armadio",  tzaretu  ,  carrettata',  tzaretd  -are), 
/zö-r/iVa  '  calpestare ',   tzase   {dza  tza'sd)  'cacciare'   "inseguire;  mandar 


'  Da  *KNK-,  col  feltr.,  bellun.  ^«ro,  iiiul.  t';;c,  ence  (Ascoli  in  ' AGlIt.' 
I,  413,  488),  ecc. 

'^  In  origine,  verisimilmeiite ,  „()uercel(i",  piü  taiiH  „zona  a  bo^^co",  da 
ultimo  „castagneto". 


DELL'  AZIOiNIL    MF.TAFONETICA,    DELT.E    VOCALI    LATINE    -ü   EU.       263 

via  [le  vivlze,  ccc.)"  (col  der.  /2c?j-^/rt '-ottare'  "porre  in  fuga,  ecc.)", 
tzasii  (e  tcasü,  v.  sotto)  */zaseür  'cacciatore',  tzaia'h»  castanea  (e 
tzatahe  <<  fr.  chätaignier),  tza'te  castellu,  tza'lrd  castrare,  tzavä 
{dz3  iza-vo)  CAVARK  "fare  una  buca"  (col  deverb.  tza've  s.  f.  pl. 
"fondamenta  d'  una  casa"),  izave  "cesto"  (coi  dimin.  izavönö' ,  -önoci), 
izavd'  REW.  1668,    p.  130    "capo    del    filo",    ecc;    =    iztl,    tzü'da 

CALDU,  -A,  1    /S/^/(?  CALDU  TtilMPUS   "cstate",    /2??  CALCE,    iZÜS^  ' N./oH.' , 

p.  819,  (k-izii,  -11-S3  DiscALCEU,  -a;  tzuik\'  caldaria,  tzuse  cal- 
ceake,  izuso  'calzoni'  "calze"  (col  deriv.  izusoä  "fare  le  calze"), 
Izusole'  ''calze  senza  piede",  tzusöe  'calcinaio'  "luogo  dove  fanno 
il  fior  di  calce",  ecc;  —  /zz^' caule  o  -u  "cavolo",  izu'sa  ca.v?>a, 
tzjfnid  (?  tztivie  3^  sng.,  ?  izu'mö  3^  plur.)  "il  riposare  che  fanno 
gli  animali  neue  ore  piü  calde"  (col  deverb.  izu-via  s.  f.  "azione 
del  riposare":  so  in  iz.);-  —  aljerazione  secondaria  in  cd  *-en 
*-on  *Uo  cane;  —  assimil azione  regressiva  in  car<^gä  *-e(d)a 
*-id  CARRICATA  e  in  ^casü  (all.  a  izam)  "cacciatore"  (v.  qua  sopra) 
[k-];  =  sdzs  SICCA,  va-^zp  YACCA,  bofz?  bijcca,  klützs  *ciXiCCA,  ecc; 
petze  PECCATU,  setze  sTccare,  letze  Meccare'  (col  deriv.  letzo  s.  m. 
"quel  che  si  da  a  leccare  alle  bestie"),  derolze  'diroccare'  "cadere, 
precipitar  dalla  montagna,  dall'  alto",  toize  'toccare',  se  motze  <C 
frz.  moucher,  ecc.  "sofffarsi  il  naso",  3  ecc;  —  eize'la  scala  (coi 
deriv.  etzale  <C  fr.  tchalier,  etzalö  "piuolo  della  scala  a  mano"), 
etza-l'j  'scaglia'  "scheggia  di  legno",  ftzä  scamnu,  etzarpero  *scdl- 
pcro  SCALPRU  "scalpello"  (cfr.  a.  fr.  eschalpre,  a.  prov.  escalpre,  ecc), 
elzarped  'scarpinare'  "cardare  con  le  mani  il  Jino,  la  canapa";  letze-» 
s.  f.  -ARIA  (da  lisca  "carice,  giunco"^)  «fieno  d' acquitrino,  di 
padule",  5  petze  piscare,  refrelze  'rifrescare'  "rinfrescare;  tener 
fresco;  rinnovare",  maize'  <  fr.  mdcher,  kt-atze'  <  ix.  er  acher  (coi 
deverb.  kratz»  s.  f.  "fondigliolo  secco  (del  vino  o  d'  altro)  che 
rimane  solidamente  attaccato  ai  recipienti",  kratze'  "leggiero  strato 
di  neve");  etz»  *esca',  Iftz»  s.  f.  lisca  "lista,  fetta  di  prato"  (col 
dimin.  letzetta),  fre'tz»  'fresca',  ynutz»  'mosca'  (col  dim.  mtUzylo' 
„moscerino"),  bütz»  *B-nsCA  "festuca",  ^'r«72^ 'crusca',  etc.;  tzcrtze' 
<  fr.  eher  eher  (a.  fr.  cerchier),.  martze  mercatu,  s  ekortze  <  fr. 
ecorcher  "scorticarsi,  sbucciarsi  (le  mani,  ecc)",  artz»  arca  "cassone 
quadrato,  alto  un  metro  e  piü,  in  cui  si  ripone  il  grano,  la  segale, 
Gcc",  fortz3  FÜRCA,  periz9  <  fr.  per  che  pertica,  ecc;  se  kuize 
*C0LCARE  "coricarsi"  (col  deverb.  kiitz»  s.  f  "giaciglio,  letto"),  kulze 
Occidente,  ecc. ;  pläntze  <C  fr.  plaricher,  ecc  "suolo  di  legno  della 
stalla",     aröntze    'arroncare'    "svellere,    strappare",     entzalfr'^  "non 

1  Se  ne  deduce  che  qui  (come  nel  francese  propriameiite  detto)  1'  intacco 
h  anteriore  al  velarizzarsi  dell' a'  (a)  della  formola  A  -}-  L  +  cons. 

2  Che  1' intacco  sia  anteriore  al  monottongarsi  di  AU,  giä  notö  il  Mey  er- 
Lübke  in  'i?.  Gr.'  I,  409. 

*  mqt.z3-te!  soffiali  il  naso! 

*  V.  crem,  lesca  CVPERUS,  lescheta  carkx,  monf.  lesca  jUNCüS,  berg.  lesca 
„paglia  da  impagliar  sedie",  ecc.  e  REW.  5082. 

^  Son  luttc  piai\te  eiliacee  dti   gencii  JUNCUS,    CAREX,  CVPKRUS  e  siraili. 
"  K    p'issibilc    che    V  €,1    non    bia    altio    che    INDE,    passato  .il  veibo   dalla 
formola  piü  usata :  7n-en-tzifpv,  <C  a.  pr,  m-en-cal  (v.  sotto). 


264  CLEMEiNTK    MLKLO, 

avere  voglia"  (cfr.  prov.  caUr,  Ir.  chaloir,  ccc);  häntzs  'banca'  panca 
(coi  ditiiin.  bätäzö',  -oe  -onIttu  "panchetto",  bi-äniz3  bkanca  "ramo" 
(ool  deriv.  hräntzü  -UTU  "ramoso"),  fräntzs  'franca',  paläntzs  <  fr. 
paUmche,  ecc. ;  f/sw(/rt 'scaldare;',  artziV  {\n  ft  d — ;  '  N. /on.\  p.  818, 
n.  6),  fläze  falcark  "porre  il  raanico  alla  falce"  {/tilza  lä  fu! 
'N.foiu,  p.  819,  n.  7),  flitze  falcariu  "manico  della  falce",  na- 
m-entzü'pü  <C  a.  prov.  no  m-en-cai  '  N.  fon.,  p.  8 1 9,  ecc. ;  —  hösa'tze 
s.  pl.  Bis-SACC-i  "sorta  di  tela  a  doppio  sacco  che  si  matte  sul 
dorso  del  mulo",  brü.tzc  s.  pl.  'brocche'  "i  chiodi  delle  scarpe  presi 
tutti  insieme",  ecc.  ecc.  ;2  —  hroizetta  s,  f.  (da  'brocca')  "spina 
della  botte"  (cfr.  lomb.  brochela  "chiodino"),  futze  "falcetto  per 
potare,  tagliar  legna,  ecc."  -<  fr.  fauchet^  partze  "ciascuna  delle 
parti  in  cui  e  divisa  1'  artza'"  <C  a.  fr.  parchet  " compartimento ' ,  ■' 
trabötze  "laccio"  <  ir.  irebuchel,  Motze  <C  Micke/,  ecc;  etzö'a*SKl'SA 
<C  fr.  c'chine,  ecc.  (7?£'W.  7994),  [e/trötz/'\  <  fr.  enrichir;'^  —  alte- 
razione  secundaria  in  setcd'^-e(d)a*-iä  siccata,  4^fß  part.  femm. 
'leccata',  satcä  <  fr.  sachee  "quanta  roba  entra  in  un  sacco", 
dergtcä  'diroccata'  "caduta  dall'  alto,  precipitata",  totcä  'toccata', 
vwtcä  -ATA  part.  femra.  (v.,  qua  sopra,  motze'),  muUü  '^-e(d)iir  <C. 
fr.  niouchoir;  refretcä  'rifrescata',  via'tcä  <<  ix.mächee,  petcü  *-e(d)tir 
PISCATORE,  ecc;  tzet-tcd  (e  cercd)  <C  ir.  cherchle,  ekortcd  <  ix.korchee, 
ecc;  kuf cd  CO'LC ATA,  ecc;  arö/i^cd -ata  "strappata,  svelta"  (v.,  qua 
sopra,  arötitze'),  ^  ecc.  ecc. 

L'  As  coli,  registrati  i  soprasilv.  sech,  rieh,  s'  affretta  a  dichia- 
rare  non  doversi  "ripetere  la  palatina  dalla  figura  di  femminile" 
(I.e.,  a  p.  75).  E  lo  stesso  fa  il  Meyer-Lübke  in  'It.  Gr.'  §278, 
quanto  alle  forme  lombardo-alpine.  „Man  könnte  annehmen,  dafs 
im  Femininum  der  Adjektiva,  also  z.  B.  in  seca,  wo  das  c  berechtigt 
ist,  eine  Übertragung  auf  das  Maskulinum  stattgefunden  habe  und 
dafs  dann  infolge  lautUcher  Analogie  auch  diejenigen  -k,  -g  gefolgt 
wären,  denen  von  Haus  aus  kein  c,  g  zur  Seite  stand.  Doch  scheint 
mir  diese  Auffassung  mit  Rücksicht  auf  die  §  240  (1.  204)  genannten 
Formen  nicht  wahrscheinlich."  Le  forme  valdostane  (valtourn. 
seh  siccu  /  setzs  sicca  ,  aost.  seqtie  Siccu  /  setze  sicca  ,  ecc.)  mi  pare 
non  lascino  dubbio  circa  alla  indipendenza  delle  due  serie,  la 
maschile  e  la  femminile.  Ma  seguitiamo  il  discorso.  Secondo 
r  Ascoli  e  il  Meyer-Lübke  la  palatalizzazione  sarebbe  avvenuta 
nell'  uscita  romanza  ch'  e  quanto  dire  in  etä  posteriore  alla  caduta 

*  Da  BiSACC-  [REW.  1121)  si  sarebbe  avuto  bPs-;  cfr.  il  ^'x^m.  bersacca 
e  1'  alternare  romanzo  di  biss-  con  bers-, 

^  Qua  i  plurali  delle  voci  femm.  ricordate  piü  sopra. 

3  Notevole  il  vlAost.  portset  PORK-iTTU  „porco"  (Cerl.).  Souo  voci  pene- 
trate  posteriormente  alla  palatalizzazione  preromanza  di  K  +  E,  i  o  sottrattevisi 
per  analogia. 

*  rötzo  'ricco'  e  ferse  un  imprestito  francese*,  vorremmo  röcp  (v.  qua 
sopra).  Altri  potrebbe  preferire  un'  estensione  analogica  della  forma  di 
femminile  (rötzp). 

^  Dell'  importante  fenomeno  dirö  a  lungo  nella  seconda  parte  delle  ^  Note 
fonetiche''  sopraricordate, 


DELL'  AZIONE    iMI',TAFwNEriCA,    DELI  E   VOCAI.I   LATINE   -U  E  U.       265 

della  vocal  fiuak;.  Ecco  le  parole  dell'  illustre  alemanno :  „Vor 
allen  palatalen  Vokalen,  zu  denen  in  dieser  Gegend  auch  betontes 
ci  gehört,  wird  k  zu  k,  vor  allen  velaren,  denen  sich  tonloses  a 
hinzugesellt,  bleibt  k.  Wird  k  weder  durch  einen  hellen  noch  durch 
einen  dunkeln  Vokal  bestimmt,  steht  es  also  vor  r  oder  im  Auslaut, 
so  kann  es  entweder  bei  k  bleiben,  oder  zu  M  vorrücken.  Da  nun 
aber  M  bei  weitem  überwiegt,  so  tritt  die  letztere  Form  ein."  E 
dichiarazione,  sia  detta  con  tutto  il  rispetto,  che  ha  dell'  espediente; 
e  non  ispiega  le  forme  valdostane.  Come  risulta  dallo  spoglio 
ripertato  qua  sopra,  le  sole  voci  che  escano  in  -h  nel  dialetto  di 
Valtournanche,  sono  quelle  in  questione  (form,  -ccü  e  cons.  +  '^^)- 
11  nucleo  attrattivo  qui  manca  interamente.  Non  solo,  ma  al  c  tien 
dietro  un  suono  vocalico,  sia  pure  ridotto  alla  piü  semplice  es- 
pressione,  un  -9;  e  il  leggervi,  scambio  dell'  antica  finale,  una 
novella  epitesi,  non  richiesta  da  difficoltä  di  pronuncia,  contraria 
all'  indole  di  quei  parlari,  dovrebbe  parere  un  assurdo.  E  strano 
che  r  Ascoli  e  il  Meyer-Lübke  non  accennino  menomaraente 
a  quella  che  e,  secondo  me,  la  sola,  la  vera  ragione,  1'  azione  diretta 
deir  -ü;  e  dire  che  altra  spia,  altro  indizio  non  manca  nello  stesso 
territorio  ladino !  1 

Forme  analogiche  troveremo  nella  flessione  verbale.  Nel 
dialetto  di  Valtournanche,  p.  es.,  lo  tz,  dall'  infinito  e  dalle 
altre  forme  dov'  era  normale,  passö  alla  1^  persona  del  presente: 
dz9  leizo  'lecco'  (su  letze  -are,  -atis,  letze  -emus,  ecc),  e  cosi 
totzoy  1119  motzo,  ma'tzo,  tzertzo,  ecc.  —  Altra  cosa  e  1'  onsern.  dig 
"dico"  (Salvioni  1.  c).  Da  dico  ci  aspetteremmo  dig.  Nella  valle 
Maggia,  come  in  tant'  altri  dialetti  lombardo-alpini  e  lombardi, 
non  escluso  il  milanese,  la  i^  persona  del  presente  indicativo 
esce  in  -i  ch'  e  un  -io  enclitico  (vedine  Salvioni  1.  c,  a  p.  228, 
n.  2).  Davanti  a  cotesto  -/,  scambio  della  velare,  riappare  la 
palatina  vista  di  sopra:  valmagg.  vai  *vago  "vo",  fai  "fo",  pidi 
plTco,  caii  CACO,  cargi  carico,  ecc;  Madesimo  mi pesci  pesco,  vii 
fregi,  piegi,  rasegi  sego,  pegi  pago,  zügi,  kergi  carico,  ecc.  (all.  a 
vii  fec  cos,  vec  a  scöld).  2  Le  fasi  anteriori  saranno  State  *-io,  *-n(o). 
L'  onsern.  dig  presuppone,  a  mio  vedere,  un  *d{gi;  e  argomenla 
che  la  1*  persona  del  presente  che  oggi  ne  e  priva,  un  tempo 
usciva  in  -i  in  quei  parlari  come  nei  finitimi  di  valle  Maggia.  — 
L'  Ascoli  in  "■  AGlIt.'  I,  a  p.  23g,  registra  le  forme  engadinesi 
tschearck  io  cerco,  dych  Dico.  La  prima  potrebbe  andare  col  val- 
tourn.  tsertzo  notato  teste ;  ma  non  e  improbabile  vadano  entrambe 
col  dig  deir  Onsernone.  E  noto  che  1'  -/  delle  1^  persona  del 
verbo  e  anche  di  parte  della  Ladinia,  del  territorio  compreso  tra 
val  di  Sole  e  il  Comelico  (v.  Meyer-Lübke  in  'Rom.  Gr.'  II, 
§  133)- 


1  V.  piü  avanti. 

^  Cosi  ne'  miei  appunti. 


206  CLKMENTE    MERLO, 

In  parte  della  Ladinia  1'  -ü  palaliliz-zo  il  doppio  L  intervocalico 
\<vr  r  appunlo  come  nella  rcgione  italiana  ccntro-raeri  dionale 
da  me  illustrata: 

sorPKASELVA  (Ascüli  in  'Ag/.  //.'  1,  pp.  i8,  2^,  56/57):  -/  -ellu 
<  vaschi  VASCELLUM,  vadi  vitjiLLUS,  am  anü-LLUS,  manit  man- 
TELLUM,  ecc;  ilg  iLLu;  cavelg  capillus;  cavailg  caballus;  magiwlg 
'midollo';  come  in  galgina  gallIna,  e  forse  in  huglir  bollire;  di 
contro  a  ella,  quella;  sadnlai  'satollati',  anialleg  'intelletto',  ecc,  al 
neutrale  vaschella  vasCella  e  agii  Accusativi  plurali  in -os :  vascheh^ 
vadels   bllos,    cavels   capillos,    cavals   caballos,    ecc;     eis  illos. 

SOTTOSELVA  {Ascoli    ).  C,    pp.  \2~J ,    1 30,    CCc)  :    -/-ELLU  <   Olli,    ailli, 

Ischiervi  'cervello',  iici  'uccello',  ^cc;  di  contro  a  -h  -ellos  <^ 
iilshals,  chiaveh.,  ecc.  engadina  (Ascoli  I.e.,  p.  I73sgg.):  -ilgy  -igt 
-ELLU  <^  anilg,  asnigl ' zsinQ\\o\  chiasttlg,  uidilg,  ecc;  ch.iauilg\  chiaualg', 
mi(^uoigl\  come  in  giaglina,  e  forse  buglir',  di  contro  a  ^//ö,  aquella, 
asadii/os,  ecc.  e  ai  plur.  uaschels,  ue-,  iiidels,  chiauels,  chiauals,  ecc. 

L' Ascoli  muove  ancor  qui  dall' uscita  romanza,  ritiene  1' intacco 
posteriore  alla  caduta  della  vocal  finale.  Da  -ellü  si  sarebbe  venuti 
ad  -eil  e  quindi  ad  -elj,  -eilj,  -ilj,  -Ij,  -I  (v.  1.  c,  a  p.  1 8) ;  io  non  esito 
di  sostituire  alla  ascoliana  la  serie  -ellü  <  -elT(o),  -el'(l'),  -ei,  -ü,  -f. 


Ed  eccomi  all'  -ü.  „Fälle  wie  iuna  luna,  iuma  lumen  (oder 
/-  statt  ?-)*'  scrive  il  Subak  „zeigen  blofs  die  Folgen  der  im 
Abruzzesischen  verbreiteten  Diphthongierung  von  ,v<liz^."  Vera- 
niente,  il  Finamore  ('Föc  43')  da  u  per  Lanciano,  Gesso- 
palena,  Ari,  Atessa,  Paglieta,  Ortona,  Palena;  lu  per 
il  solo  Vasto.  E  anche  il  Rolin  uel  suo  povero  'Bericht  über 
die  Resultate  seiner  mit  Unterstützung  der  Gesellschaft  behufs  Dialekt- 
forschungen unternommenen  Reisen  in  die  Äbruzzen\  a  p.  31,  da  la 
tabella  seguente: 

Unbeeinflufstes  u: 
a)   Frei: 

üü :    Collepietro,  Navelli  (?),  Salle,  Sulmona. 
911'.    Bussi,  Casalincontrada. 

u  (mehr  oder  weniger  geschlossen):  Lanciano,  Atessa, 
Ari,  Gessopalena,  Palena,  Paglieta,  Ortona,  ßugnara, 
Navelli  (?),  Roccacaramanico,  Sant' Eufemia  a  Maiella, 
Musellaro,  Chieti,  auch   Agnone  (facultativ). 

Teramo  (sie!). 


'^u\. 
öi' 


üü:    V^asto. 

tu:    Popoli,  Caramanico. 

iu-iu3-iu3-iv9:  Tocco  a  Casauria  {pavivsrs:  paura). 

hl :    Torre  dei  Passeri,  Borrello,  Agnone  (facult.).  * 


'  Tl(?)  che  segiip  al  nome  Navolli,  h  mio;    il  (sie!)  che  segue  a  Teramo, 
h  del  Rolin. 


k 


DELL'  AZIONE    METAFÜNETICA,    DELLE    VOCALI    LATINF.   -U  E   f.       26'/ 

La  regola  g  V  u;  gli  altri  esiti  sono  ruanifcstazioni  sporadiche, 
isülate.  Non  e  pertanto  il  caso  di  parlare  di  una  „im  Abruzzesischen 
verbreitete  Diphtongierung  von  z^  < /«".  Ma  sorvoliamo  su 
queste  miserie. 

Anche  la  connessione  tra  il  dittongo  abruzzese  (vastese)  i 
e  la  palatale  romanesca  (sorana,  arpinate,  alatrina,  cervarola, 
vellctrana,  ecc.)  a  me  pare  inverosimilissima.  Anzitutto,  il  vocalismo 
romanesco  e  profondamente  diverso  dall'  abruzzese  e  una 
delle  sue  caratteristiche  e  proprio  la  repugnanza  al  dittongo,  la 
saldezza  della  tonica,  specialmente  dell'  a',  dell'  i'  e  dell'  ü'.  In 
secondo  luogo,  mentro  i  dittonghi  abruzzesi,  per  giudizio  Con- 
corde, sono  relativamente  recenti,  la  palatilizzazione  del  L  fu 
certo  antica.  Dobbiamo  al  IMagnanelli  (v.  'Sludi  RoinanzP  V, 
pp.  321/322)  la  preziosa  notizia  che  sui  primi  de!  1300  quei  di 
V  i  t  e  r  b  o  giä  dicevano  juna  (=  riind)  e  moijio  per  luna  e  violino. 
Lo  i  non  sarä  nato  proprio  in  quegli  anni ;  e  alla  fase  con  i  do- 
vette  precederne  necessariamente  una  con  /'.  Ma  concediamo  per 
un  momento  all'  illustre  critico  che  gli  odierni  Unna,  iuna  presup- 
pongano  dei  '^liima  con  iu  da  ü'.  Nel  vastese,  allato  a  Ihiny^ 
llupa  e  sim.,  stanno  _/«/w5  '  furao ',  iniiir 9  ^  vc\\ixo\  -}urP  ' -uva.',  mlub 
'  mulo ',  p9rtius3  <^  abr.  parttis?,  ecc.  ecc. ;  sta,  in  una  parola,  tutta 
intera  la  serie  dell'  ü'.  A  S  o  r  a  invece  avremmo ,  con  tu  da  ü', 
le  voci  iuma,  iwia,  tucp,  iuc^ra,  histr^,  iupa  (anter.  L-)  e  di  contro, 
con  u  da  ü',  tutte  le  altre :  und,  pupa,  spuvia,  buä,  fuma,  /un9,  fus<i 
p)iut3,  alTsttutd,  -atura,  lailuka,  kurs  cülu,  skur^,  nutP,  7n37iüidr9  riinü- 
TüLU  "  ovo  di  pidocchio ",  miird,  kruis,  pruna,  sjiki,  sum?,  pezzul», 
p,fzziiku3,  ecc.  ecc.  Lo  stesso  ad  Arpino,  Alatri,  Cervara, 
Velletri,  ecc.  Che  ne  dice  il  Subak?  La  duplicitä  dell' esito 
sarebbe  mai  originaria?  in  altre  parole,  nei  dialetti  romaneschi 
da  lat.  ü'  si  sarebbe  avuto  iu  dietro  L,  w  in  ogni  altro  caso?  o 
r  u  di  tm? ,  pupa  e  sim.  risale  anch'  esso  ad  iu  e  1'  /  venne  poi 
assorbito?  La  veritä  e  che,  prima  di  affidare  ad  una  persona  il 
delicato  e  non  facile  incarico  di  censore  dell'  opera  altrui,  bi- 
sognerebbe  procedere  con  maggiore  cautela  e  discernimento. 

lo  noto  che  anche  fuori  del  territorio  dell'  ü  1'  ü  si  schiera 
con  l'i  di  contro  all' ü  e  alle  altre  vocali.  Nella  campagna 
roraana  il  l  si  palatilizzo  davanti  all'  ü,  come  davanti  all'  i.  Nel 
dialetto  di  Sassalbo  (Lunigiana)  il  -l-  si  palatilizzo  dopo  ü'  come 
dopo  i'  (v.  kul'o  CÜLU,  viul'o,  rnul'a,  pul'a  'pula',  come  fil'o  FiLU, 
porcil'o  'porcile',  avril'o  'aprile',  pil'a  pIla,  ecc,  di  contro  a  spgia, 
skgla,  parglo  '  paiuolo  ' ;  ala,  pala,  sala,  kvalo  '  quäle ' ;  tela,  melo,  pelo, 
ecc).  2    Nei  dialetti  diBitonto,  Bari,  ecc.  il -l- volse  in  «,  dopo 


1  Sulla  lontana  sponda  dell'  Adriatico. 

^  V.  D.  Gianii  arelli,  '  SinJt  sui  dial.  liinigiajiesi  compresi  tra  la 
Magra  e  V  Appennino  reggnuio'  in  R.  de  Dial.  Rom.  V,  a  p.  298.  —  Anche 
il  l  dei  sassalb.  ^rz/o ,  kvel'o  'quello',  belo ,  kampzeto,  karatel'o,  ecc,  galo, 
kaval'o,  ecc.  (ibid.,  p.  302),  si  dovr;\  all'  -V.  La  voce  fnil'o  mille  non  vi  si 
oppone,    1'^    hinigiaiiose    per    -F.    dandosi   a    vcdeic    anche    allrimciui   per   ben 


2  08  CLEMENfE   MEKLO,    DELL' AZIOrJE    MEIAFONETICA   ETC. 

o,  ü,  si  manlcnne  dopo  ü  cuuie  dopo  i  (v.  bitonl.  -u?  -ülu,  -a)  : 
cord.,  cütinz.,  ecc. ;  /er.,  etc. ;  cu'etie  cölake,  viieiic  volare,  ecc. ;  di 
contro  a  miileciidda  (da  mülu),  n^idazzeue  (da  cülü),  ecc;  feleuU, 
f^latlidd.^,  feleirs  (da  FiLu),  varelhchi^  (da  barrIlr).  '  Questo  io 
noto ;  e  mi  par  naturale  di  trarne  la  conseguenza  che  1'  ü  latino 
aveva  tinla  p  a  1  a  t  a  1  e. 

E  perche  non  doveva  essere  un  u  palatale?  Non  risale 
tia  l'altro  a  un  *oi  di  proto-indoeuropeo?2  E  non  ha  a  lato  un  l 
nei  riflessi  della  formola  u  -f-  oP. 


antico.  Se  l'avv.  ello  del  nostro  mezzogiorno  nun  mancasse  alla  Luui^'iaua, 
c'  h.  da  scominetlere  che  suonerebbe  elo  con  /  intatto.  I  phir.  sassalbesi  grü, 
kvfl,  bei,  gdl,  ecc.  possono  valere  come  liprova  della  naturale  iiidipendenza 
delle  due  serie,  (]uella  di  singolare  e  quella  di  plurale. 

*  V.  la  mia  recente  nola  in  Atti  Acc.  Scicnze  di  Torino,  vol.  IL,  p.  883/903. 

'  V.  ünus  *oinos,  mTinus  (moi-),  cüra,  cüro  (pr.  ital.  *kot's-),  ecc. 

^  V.  la  Serie  vicus  *iioikos,  vlnum  *ijomom,  vidi  *uoidai,  ecc. 

Clemente  Mü.RLO. 


Zwei  Probleme  aus  dem  Q-ebiete  der  Proparoxytona. 

I.    Zur   Palatalisierung  der  Proparoxytona  •    im  Gallo- 
rotnanischen. 

Bei  der  Entwicklung  der  Proparoxytona  (==  Ppx.)  interessiert 
hauptsächlich  das  Schicksal  der  Laute,  die  dem  Tonvokal  folgen. 
So  hatte  der  Konsonant  vor  der  Ultima  in  seiner  Entwicklung 
einen  gewissen  Spielraum  so  lange  bis  die  Synkope  eintrat  und 
ihn  an  den  oder  die  Konsonanten,  die  dem  Tonvokal  folgten, 
kettete.  Bei  diesem  Vorgang  wurde  der  Konsonant,  der  einst  vor 
der  Ultima  stand,  in  der  Gestalt  festgehalten,  die  er  gerade  an- 
genommen hatte  und  so  eine  Entwicklung  fixiert  für  die  Folgezeit. 
War  der  Konsonant  vor  der  Ultima  einst  ein  stimmloser  Explosiv- 
laut p,  t  oder  k,  so  gestattet  die  heutige  Endform,  soweit  nicht  in 
bestimmten  Mundarten  sekundär  Entsonorisierung  eingetreten  ist, 
einen    Rückschlufs     auf    das    Verhältnis     von     Synkope     und 


*  Die  hier  zum  Abdruck  gelangenden  Zeilen  sind  einer  gröfseren  Arbeit 
über  die  Entwicklung  der  Proparoxytona  im  Galloromanischen  entnommen. 
Es  ist  mir  zur  Zeit  unmöglich  gewesen  für  sie  eintn  Verleger  zu  finden. 

Auf  den  Palatisierungsprozefs  in  Breite  einzugehen  ist  hier  nicht  möglich. 
Morf,  Zur  sprachlichen  Gliederung  Frankreichs,  Abhandlimgen  der  Akademie 
der  Wissenschaften,  Berlin  1911  (=  Spracht.  Glied.)  S.  14  ff.  weicht  insofern 
von  Meyev-Lübke,  Grammatik  der  roman.  Sprachen  I.  Leipzig  1890  (=  Rom. 
Gramm.)  S.  318  §  403,  S.  327  §  406,  S.  332 ff.  §  409f.  ab,  als  er  von  der  ty- 
Stufe  aus  eine  \Veiierentwicklung  über  tj"^  ts  "^  s  usw.  ansetzt,  während 
Meyer-Lübke  da  eine  Parallelentwicklung  t^'^  tf  und  ty  >  ts  annehmen  will. 
Schuchardt,  Liter aturbtatt  für  germ.  und  roman.  Philologie  14  (1893)  S.  360 
teilt  Morfs  Ansicht;  weitere  Literatur  bei  Guarnerio,  L' intacco  latino  della 
gutturale  di  ce  ci ,  Archivio  glottologico  italiano  Supplemento  4  (1897)  ^-  2i  ff- 
und  Meyer-Lübke,  Eiiiführung  in  das  Studium  der  roman.  Sprache?!,  Heidel- 
berg 1909  (=  Ein/.)  S.  139  f.  §  125.  Einige  gebrauchte  Abkürzungen  seien 
hier  vorausgeschickt:  Arch.  =  Archiv  für  das  Studium  der  neueren  Sprache?i, 
Vouga  =  P.  Vouga,  Essai  sur  Porigine  des  hahitants  du  Val-de  Travers, 
Recueil  de  travaux  publies  par  la  faculte  des  lettres,  Neuchätel  19071  Mist. 
=  F.Mistral,  Lou  Tresor  dou  F£librige ,  Aix -en -Provence  o.  D.,  Thomas, 
Ess.  =  Essais  de  philologie  fran^aise,  Paris  1897,  I^EW  =  Meyer-Lübke, 
Roman,  etymolog.  Wörterbuch,  Heidelberg  191 1  ff.,  Rotn.  Forsch.  =  Roma- 
nische F'orschungen,  Hist.  Gramm.  =  Meyer-Lübke,  Historische  Grammatik 
der  franz.  Sprache,  Heidelberg  1913,  Arch.glott.it.  =  Archivio  glottologico 
italia>io,  Rev.  CUdat  =:=  Reime  de  philologie  fran^aise  et  proven^ale ,  Zs.  = 
Zeitschrift  für  romanische  Philologie,  Rev.  lang.  rom.  =  Revue  des  langues 
romanes. 


270  EVA    SlilFERT, 

Sonorisierung.  Einfach  gestaltet  es  sich  bei />-  und /-Silben,  >  bei 
/•Silben  jedoch  ist  noch  die  heutige  Artikulationsstflle  des  einstigen 
Exi:)losivlautes  zu   beachten. 

Nicht  häufig  ist  k  als  Explosivlaut  im  Galloromanischen  ge- 
blieben, auf  weiten  Gebieten  wird  es  vielinelir  durch  Atfrikaten 
oder  Reibelaute  vertreten.  Daher  ist  bei  /t-Silben  neben  Synkope 
und  Sonorisierung  als  ein  dritter  Faktor  die  Palatalisierung  zu 
bedenken.  Ihr  Verhältnis  zur  Sonorisierung  wird  zunächst 
Gegenstand  der  Überlegung  sein  müssen,  d.  h.  die  Frage,  ob 
Sonorisierung  vor  der  Palatalisierung  oder  auf  irgendeiner  Stufe 
des  Palatalisiernngsprozesses  stattfand.  Kur  soviel  läfst  sich  darüber 
aussagen,  dafs  Synkope  nach  der  Sonorisierung  eintrat,  nicht  aber 
das  andere,  ob  die  erste  sonorisierte  Form  z.  B.  von  ß/i'ce  etwa 
*ßhgf,  ^filid^e,  *filidze  usw.  hiefs,  oder  ob  elwa  erst  *filit/e,  *filifse 
sonorisiert  worden  sind.  Das  Verhältnis  von  Sonorisierung 
und  Palatalisierung  entzieht  sich  der  Beurteilung. 

Aber  ein  anderes  ist  noch  von  Interesse:  das  Verhältnis 
von  Synkope  und  Palatalisierung:  Auf  welcher  Stufe  des 
Palatalisiernngsprozesses  trat  Synkope  ein  ?  Da  jedoch  der  Palatali- 
sierungsprozefs  auch  nach  der  Synkope  ungehindert  fortgehen 
konnte,  ist  heute  nur  noch  das  Endergebnis  der  Formen  fest- 
zustellen und  Erwägungen  über  diese  Fragen  können  nicht  dazu 
beitragen  Licht  zu  schaffen  in  Fällen,  wo  in  Ppx.  eine  Sonder- 
entwicklung vorliegt. 

k  vor  e(i). 

Bekanntlich  ist  im  Galloromanischen  k  vor  e(7)  überall  pala- 
talisiert  worden. 

Schwierigkeit  bereiten  vor  allem  die  Verhältnisse  im  Frkprov., 
das  überreich  ist  an  mannigfachen  Formen  und  .sich  jeder  Nor- 
mierung zu  entziehen  scheint,  hier  wo  vor  dem  ungeübten  Auge 
scheinbar  Zufall  und  Willkür  ihr  Spiel  treiben.  Was  immerhin 
charakteristisch  für  die  einzelne  Gegend  ist,  soll  zusammengestellt 
werden. 

Ganz  besonders  ist  der  Frage  Beachtung  geschenkt  worden, 
ob  Palatale  in  anderer  Stellung,  in  Paroxytonis,  eine  andere  Ent- 
wicklung erfahren  haben.  Da  Ppx.  vorwiegend  stimmhaft  ^  im 
Frkprov.  entwickelt  sind,  soll  die  Entwicklung  von  g  im  Anlaut, 
ferner  von  j  in  Hiatstellung  wie  z.  B.  in  auveu  rabia  usw.  zum 
Vergleich  dienen.  Dies  geschieht  nicht  unter  der  Annahme,  die 
Laute  k  in  Ppx.,  g  und  Hiat-/  müfsten  sich  gleich  entwickeln; 
dazu  berechtigt  weder  die  verschiedene  Herkunft  derselben,  weder 
ihre  verschiedene  Stellung  im  Wortkörper  noch  überhaupt  die  Er- 
fahrung   von    Vorgängen    im    Sprachleben.      Doch    zeigt    sich    tat- 


'  /-Silben  umfassen  die  Ppx.,  die/  als  letzten  Konsonanten  des  Wortes 
haben  wie  sinape  episcopu,  ^-Silben  sind  ciibitu ,  debita  usw.,  /■- Silben  saline 
mamca  persicu  usw. 

-  Stimmlos  sind  *herpice  un<l  forßce,    nbgesehen  von  frz.  Entlehnungen, 


ZWEI    PROBLEME    AUS    DEM    GEHIKTE    DER    PkOPAROXYTONA.       271 

sächlich  auf  weitem  Gebiete  grofse  Übereinstimmung  der  Ent- 
wicklung gerade  für  diese  Laute,  1  und  das  gibt  diesem  Vergleichs- 
versuch die  innere  Berechtigung. 

Es  soll  zunächst  ein  Bild  der  allgemeinen  Entwicklung  der 
Palatalen  —  so  möge  die  Entwicklung  von  g  im  Anlaut  und 
Hiat-y  hier  kurz  geheifsen  werden  —  gegeben  werden. 2  Ort  973 
(Savoyen)  stellt  mit  v  die  am  weitesten  fortgeschrittene  Stufe  des 
Palatalisierungsprozesses  dar;  durch  ö  ist  der  Palatal  vertreten 
in  Bugey,  Bresse,  nördl.  Dauphine,  Savoyen  und  Ort  918  der  Frei- 
grafschaft; die  Affrikata  dö  iindet  sich  in  der  Waadt  Ort  939,  959. 
An  dies  beschriebene  grofse  und  bis  auf  Südsavoyen  überall  ge- 
schloüsene  Gebiet,  das  gewissermafsen  ein  Kerngebiet  darstellt,  fügt 
sich  östlich,  nördlich,  westlich  und  südlich  ein  beinahe  ununter- 
brochener Ring  mit  der  Affrikata  dz,  3  die  sich  im  frkprov.  Gebiet 
Italiens,  in  Waliis,  Waadt,  Freiburg,  südl.  Freigrafschaft,  im  Lyonnais, 
Ort  964  (Savoyen)  und  östl.  Dauphine  findet.  Verhältnismäfsig 
selten  ist  der  zugehörige  Reibelaut  2:  östl.  Wallis,  südl.  Savoyen. 
^  ist  im  Dauphine,  Lyonnais,  in  der  angrenzenden  südl.  Bourgogne, 
d$  in  Neuenburg  und  Ort  987   (ital.)  vertreten. 

Es  kommen  also  folgende  Stufen  des  Palatalisierungsprozesses  vor: 

dg     dz     dö 
g      z       Ö       V. 

Ihre  geographische  Verteilung  ist  so,  dafs  sich  um  einen  Kern  der 
(?^-Formen  ringförmig  f/z-Formen  anschliefsen,  an  diese  wiederum 
die  alveolaren  Laute  dg  und  g,  deren  Kreis  Lücken  aufweist.  Die 
Entwicklung  hat  also  eine  zentripetale  Tendenz,  insofern  als  ein 
Kerngebiet  [ö)  am  weitesten  fortgeschritten  ist. 

Dazu  seien  die  Formen  der  Ppx.  gestellt.  Da  findet  sich 
grofse  Übereinstimmung  ^  in  der  Entwicklung,  und  zwar